Das keltische Amulett
Historischer Roman
Jules Watson(Author)
Blanvalet (Publisher)
Published on 12. September 2005
Book
Other book format
768 pages
978-3-442-36130-4 (ISBN)
Description
Rhiann und Eremon - erst einte sie nur ihr Freiheitskampf gegen die Römer, doch längst haben die keltische Prinzessin und der irische Krieger ihre tiefe Liebe zueinander entdeckt. Doch mit der schottischen Unabhängigkeit steht es nicht zum Besten, der römische Oberbefehlshaber Agricola greift immer härter durch. Während Eremon unermüdlich versucht, neue Allianzen zwischen den keltischen Stämmen zu schmieden, hofft Rhiann auf Unterstützung für ihr Land durch die druidischen Priesterinnen. Nur um immer wieder an Verrat, Intrigen und Habgier zu scheitern. Doch es gibt auch Hoffnung: Rhiann ist schwanger - und eine Prophezeiung besagt, dass dereinst aus ihrem Geschlecht jener Herrscher stammen wird, der Schottland in die Freiheit führt .
Ein opulenter historischer Roman voller Mythen und Legenden!
Ein opulenter historischer Roman voller Mythen und Legenden!
More details
Series
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 20.6 cm
Width: 13.5 cm
ISBN-13
978-3-442-36130-4 (9783442361304)
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Jules Watson
Das keltische Amulett
Historischer Roman | Die große Schottland-Saga: Die Dalriada-Trilogie 2
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06/2022
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Persons
Die junge Engländerin Jules Watson wuchs in Australien auf. Seit ihrer Heirat mit einem Schotten arbeitet sie als freischaffende Journalistin und PR-Managerin in England. Doch ihre große Leidenschaft gilt der Archäologie, der wenig dokumentierten Geschich
Content
Prolog
LINNET ERZÄHLT:
So ausgeprägt meine Sehergabe in meiner Jugend auch gewesen sein mochte, nie hätte ich die Wendungen vorhersehen können, die Rhianns Lebensweg in den Jahren nehmen würde, während derer Alba unter römischer Besatzung stand.
Die Göttin, unsere Große Mutter, ist eine begnadete Weberin, und wo wir Geschöpfe der diesseitigen Welt nur ein ungeordnetes Gewirr von Fäden und Farben erkennen können, bietet sich Ihren Augen bereits das endgültige Muster auf dem Webstuhl dar. Heute fühle ich wie Sie, denn obwohl ich eine alte Frau mit trüben Augen und knorrigen Händen bin, sitze ich hier, und Rhianns Leben läuft vor meinem geistigen Auge ab.
Ich sehe alles genau vor mir, denn ich habe meine Erinnerungen.
Und diese Erinnerungen sind hell und düster - wie die Farben im Tuch des Lebens. So starb meine Schwester bei Rhianns Geburt - ein dunkler Tag für mich. Aber ich hatte kurz zuvor meine eigene Tochter verloren, und Rhiann nahm ihren Platz ein - ein außergewöhnliches Kind mit einem unbeugsamen Willen, das strahlende Licht meines Herzens. Ich sah sie vom Kleinkind zum jungen Mädchen heranwachsen, dann verließ sie mich und ging auf die Heilige Insel, um dort ihre Priesterinnenausbildung zu beginnen.
Und dann, als sie achtzehn Jahre alt war und gerade die Weihen erhalten hatte, geschah das Unfassbare. Die Heilige Insel wurde überfallen und Rhianns Ziehfamilie, die sie wie Blutsverwandte geliebt hatte, vor ihren Augen auf grausame Weise ermordet. Schließlich fiel Rhiann selbst den Räubern in die Hände, sie taten ihr Gewalt an und ließen sie dann zum Sterben zurück.
Doch Rhianns Körper überlebte das furchtbare Geschehen. Es war ihre Seele, die getötet wurde.
Sie schleuderte den Schwestern, die sie über alles liebte, aus Schmerz und Scham geborene Worte des Zorns und des Hasses entgegen und schleppte sich nach Dunadd zurück, der Festung ihres Stammes, denn sie fühlte sich von der Göttin im Stich gelassen und gab sich die Schuld am Tod ihrer Familie. Aber die Große Mutter ließ nicht zu, dass sie für den Rest ihres Lebens in dumpfer Benommenheit versank, jenem letzten Zufluchtsort derer, die mehr erlitten haben, als sie ertragen können. Rhiann hatte eine Bestimmung zu erfüllen.
Ein Jahr später, als ihre Wunden gerade zu heilen begonnen hatten, starb ihr Onkel, der König, und nun war sie die Letzte ihres Stammes, die das königliche Blut ihrer Mutter - König Bruders Schwester - weitergeben konnte. Und just am Tag seiner Bestattung landete ein aus seiner Heimat verbannter Prinz von der Insel Erin an unserer Küste: Eremon, der Sohn des Ferdiad.
Nachdem er von seiner eigenen Familie verraten worden war, wollte dieser Prinz zu Macht und Einfluss gelangen, um den Thron seines Vaters zurückzuerobern - und unser Stamm benötigte dringend einen Mann aus königlichem Geblüt als Gemahl für unsere Prinzessin. So bot unser oberster Druide Gelert Eremon Rhianns Hand an. Doch obgleich der alte Priester beim Arrangieren dieser Verbindung Böses im Schilde führte und nur danach trachtete, Rhiann noch mehr Leid zuzufügen und zugleich seine eigene Machtposition weiter auszubauen, kamen seine dunklen Beweggründe den Zielen der Großen Mutter entgegen, wie sich zeigen sollte.
Anfangs hasste Rhiann Eremon, weil die Stammesältesten sie zur Heirat mit ihm gezwungen hatten. Aber der Hass wandelte sich allmählich in zögerlichen Respekt, dann in Freundschaft und schließlich in zaghafte Zuneigung. Und während dieser ganzen Zeit nahmen die Ereignisse in der äußeren wie in der inneren Welt unaufhaltsam ihren Lauf.
Denn die Göttin hatte Rhiann und Eremon aus einem ganz bestimmten Grund zusammengeführt - um die zerstrittenen Stämme Albas zu einem Volk zu vereinen und so das Land vor den von Süden her immer näher rückenden Römern zu schützen. Der römische Feldherr Agricola hatte von seinem Kaiser Befehl erhalten, ganz Alba zu erobern und die wilden Stämme des Nordens zu unterwerfen.
Zwei Jahre lang reisten Rhiann und Eremon gemeinsam durch das Land; ein Paar auf geistiger, wenn auch nicht auf körperlicher Ebene, und Eremon erwies sich als der fähige Kriegsherr, den sein Stamm so dringend brauchte. Und obwohl die anderen Könige und Häuptlinge sich heftig gegen ein Bündnis aller Albanen sträubten, gelang es Eremon und Rhiann durch Hartnäckigkeit und Willensstärke, die in allen Bewohnern Albas schlummernde Freiheitsliebe zu wecken und endlich den mächtigen König der Kaledonier, Calgacus das Schwert, auf ihre Seite zu ziehen. Der Anfang war gemacht.
Und dann . wechselten die Fäden auf dem Webstuhl der Göttin wieder von Hell zu Dunkel.
Als Folge eines heimtückischen Komplotts sank Rhianns und Eremons Boot, mit dem sie Calgacus' Wellenfestung verließen, in einem Sturm. Alles deutete darauf hin, dass Maelchon, der König der weit oben im Norden gelegenen Orkney-Inseln, dabei seine Hand im Spiel gehabt hatte, denn Rhiann hatte sich vor langer Zeit unwissentlich seine unversöhnliche Feindschaft zugezogen. Ihre Zieheltern hatten sich rundheraus geweigert, sie ihm zur Frau zu geben, daher hasste Maelchon sie und auch Eremon, der besaß, was ihm verwehrt worden war, aus tiefster Seele.
Doch inmitten all dieser unheilvollen Ereignisse erstrahlte erneut das Licht der Großen Mutter. Sie geleitete das sinkende Boot sicher ans Ufer. Dort stießen Rhiann und Eremon auf Angehörige des Volkes der Caerenier, die sich gerade zum Aufbruch zu einem Ort rüsteten, den Rhiann gut kannte, dessen Boden sie jedoch nie wieder betreten wollte - die Heilige Insel.
So schloss sich der Kreis
Die Mutter allen Seins stellte Rhiann vor die schwerste Prüfung ihres Lebens: dorthin zurückzugehen, wo sie das größte Glück und dann die größte Pein erfahren hatte; wo sie zu sich selbst gefunden und sich wieder verloren hatte. Der Gedanke, jenen gegenüberzutreten, von denen sie meinte, sie im Stich gelassen zu haben, war ihr nahezu unerträglich, doch die Schwestern hatten in ihrer Weisheit geduldig gewartet, bis sie aus freien Stücken zu einer Rückkehr bereit war, und ihr ihre Arme und Herzen geöffnet.
Also begleiteten Rhiann und Eremon die Caerenier auf ihrer Pilgerfahrt, und diese Entscheidung führte dazu, dass Rhiann auch in anderer Hinsicht ihren Frieden wiederfand. Denn das Beltanefest stand bevor, und die Priesterinnen wählten Eremon zum Hirschkönig, zum Gehörnten Gott, und Rhiann zur Jungfräulichen Jägerin. Am Abend der Beltaneriten sollten sie im Kreis der heiligen Steine die Große Ehe mit dem Land schließen, und obwohl Rhiann dem Ritual voller Furcht entgegensah, vereinigte sie sich in jener Nacht nicht nur körperlich, sondern auch im Geiste mit ihrem Mann.
Bangen Herzens waren sie gekommen, und von Glück und Hoffnung erfüllt verließen Rhiann, Eremon und ihre Gefährten die Heilige Insel wieder. Rhiann und Eremon hatten endlich zueinander gefunden, Rhiann ihren Zwist mit den Schwestern beigelegt, und Eremon hatte die Caerenier und Carnonacaer als Verbündete gewonnen. Sie hatten ihn als ihren Hirschkönig und ihren Kriegsherrn anerkannt, was die heiligen Tätowierungen bewiesen, die jetzt seine Brust und seinen Bauch zierten.
Aber dennoch .
Rhianns Schicksal hatte sich noch nicht erfüllt, die Bedrohung durch die Römer war noch nicht abgewendet. Es galt, sich weiteren großen Gefahren zu stellen, weiteres Unheil zu verhüten. Ich wünschte, ich hätte damals schon gewusst, was ich heute weiß, aber wir gewöhnlichen Sterblichen können nur zusehen, wie sich das Weberschiffchen der Großen Mutter dreht . und darauf warten, dass das Muster Ihrer Fäden Gestalt annimmt.
Aber die Zusammenhänge erschließen sich den Menschen immer erst am Ende, was ich, törichte alte Frau, die ich bin, erst zu spät begriff.
Doch jetzt liegt Ihr Weg klar vor mir, und in all den Jahren, die ich nun schon in der diesseitigen Welt weile, habe ich noch nie ein so kunstvolles Muster ineinander verwobener und verschlungener Fäden gesehen. Vielleicht wird das auch nie wieder der Fall sein, denn es wird nicht mehr lange dauern, bis die Göttin mich zu sich ruft .
ZEIT DER BLATTKNOSPE, ANNO DOMINI 81
1
Diese Tage auf See waren seit vielen Jahren für sie die erste Zeit vollkommenen Friedens. Zu dieser Erkenntnis gelangte Rhiann, während sie im Bug kauerte und die Wange gegen die hölzerne Bootswand drückte. Ihr war, als schwebe das kleine Boot zwischen dem schimmernden Wasser und dem fahlen Himmel. Das weiße Segel glich einer ausgebreiteten Schwinge, die durch die blaue Unendlichkeit glitt.
Das sachte Schwanken des Bootes hatte sie in eine Art Trancezustand versetzt. Kleine Wellen plätscherten gegen den Rumpf und lullten sie mit ihrer rhythmischen Musik ein, dazwischen verwandelte sich die Wasseroberfläche immer wieder in einen dunklen, von dahintreibendem Tang durchsetzten, glatten Spiegel. Der Wind wehte von Westen, vom Meer her, die günstigste Richtung, um sie so schnell wie möglich nach Hause zu bringen, doch die Brise war zu schwach, sodass sie kaum das Segel in der Mitte des aus Tierhäuten gefertigten curraghs blähte.
Rhiann liebte diese curraghs. Sie lagen flach auf dem Wasser und schossen mit der Schnelligkeit einer Möwe über die Wellen, und wenn sie eine Hand in das kalte Meer eintauchte, konnte sie den Sog an ihren Fingern spüren. Doch meistens saß sie nur still da und nahm wenig mehr wahr als den Geruch nach Salz und Teer, das Knarren der Ruder und die Sonne auf ihren Augenlidern.
Und so kam es, dass sich Rhiann erst nach den drei sonnigen Tagen, die seit ihrem Aufbruch von der Heiligen Insel verstrichen waren, allmählich des leisen, nagenden Unbehagens bewusst wurde, das irgendwo in ihrem Unterbewusstsein gelauert hatte und nun an die Oberfläche drängte.
'Schuft! Das wirst du mir büßen . hah! Schön kalt, nicht wahr?'
Auf Caitlins empörte Worte folgte ein lautes Aufkreischen, und Rhiann brauchte sich nicht erst umzudrehen, um zu wissen, was passiert sein musste. Conaire, dessen Hände sehr viel größer waren als Caitlins, hatte seiner Frau eine weitere eisige Meerwasserdusche verpasst. Entweder hatte Rhianns Gänsefingerkrauttrank Caitlins Seekrankheit gelindert, oder Caitlin bot ihren bekanntermaßen eisernen Willen auf, um sich ihr Unwohlsein nicht anmerken zu lassen. Von den anderen Ruderbänken erscholl lautes Gelächter: Dort saßen Eremons Gefährten, die ihn zur Heiligen Insel begleitet hatten, und ein paar Inselbewohner, die das Boot bemannten.
Rhianns Knie waren taub geworden, sie verlagerte ihr Gewicht auf den Planken aus Weidenholz und massierte ihre Beine, um die Blutzirkulation anzuregen. Dann stützte sie das Kinn auf eine Hand und blinzelte in den goldenen Schein, den das Sonnenlicht auf das Wasser warf. Eine Insel glitt an ihr vorbei: schwarze, mit Strandnelken übersäte Klippen, grüne Hügel, auf denen gelber Ginster wuchs, weiße Gischt auf hellem Sand. Ein Seehund, der sich auf einem Felsbrocken sonnte, musterte sie mit hoch erhobenem Kopf neugierig. Seine dunklen, feuchten Augen schimmerten so unergründlich wie das Meer selbst.
'Hallo, mein pelziger Freund.' Rhiann winkte ihm mit einem Finger zu.
Unter dem Ruheplatz des Seehunds brandete das Wasser zwischen den Felsen hindurch und warf weiße Gischtschwaden auf. Und während Rhiann auf die tosende Brandung starrte, erkannte sie plötzlich, was sie schon eine ganze Zeit lang am Rande ihres Bewusstseins gespürt und gehört hatte - ein tiefes, gespenstisches Dröhnen, das die Luft erzittern ließ und ihr durch Mark und Bein ging. Der Strudel, dachte sie, sich erschrocken aufrichtend.
Der Sog des Strudels peitschte die schmale Meerenge zwischen den Dunadd vorgelagerten Inseln auf; er bildete eine Grenze zwischen der diesseitigen Welt und dem Schattenreich. Und Rhiann begriff mit dem geschärften Sinn einer Priesterin, dass sie ihn nur aus so großer Entfernung hatte hören können, weil sein Ruf ein Zeichen für sie war. Also tat sie, was jeder vernünftige Mensch an ihrer Stelle getan hätte: Sie biss sich auf die Lippe, schloss die Augen und bemühte sich, an etwas anderes zu denken.
Sie hatte die Ärmel ihres Wollkleides hochgekrempelt, und die Sonne brannte auf ihre bloßen Unterarme, doch innerlich war Rhiann zu Eis erstarrt. Denn der Strudel mahnte sie, aus den Träumen zu erwachen, in denen sie seit ihrer Abreise geschwelgt hatte. Bald galt es, zu ihrem gewohnten Tagewerk überzugehen; sie waren fast daheim, und sie musste sich all dem stellen, was sie dort erwartete. Und bei der Göttin, davor graute es ihr!
Nein, lieber wollte sie sich das beseligende Glücksgefühl bewahren, das sie erfüllte, seit sie in den Schoß der Schwesternschaft zurückgekehrt war. Seit das Licht der Göttin sie von neuem erfüllt hatte, dort im Kreis der heiligen Steine. Seit .
'Meine kleine Meerjungfrau.' Die Planken knarrten leise, dann strich eine Hand sacht über Rhianns Wange. 'Weilst du endlich wieder unter uns Sterblichen?'
Seit Eremon wirklich der Ihre war, spann Rhiann den Gedanken zu Ende, dann lächelte sie. Alle anderen hatten instinktiv gespürt, dass sie allein sein wollte, und sie während der Reise in Ruhe gelassen, nur Eremon hielt sich nicht an diese stumme Übereinkunft, und darüber freute sie sich. 'Was bleibt mir anderes übrig?', erwiderte sie, konnte aber ein Seufzen nicht unterdrücken, als sie sich räkelte und die Augen wieder aufschlug.
'Soll dieser Seufzer bedeuten, dass du Sehnsucht nach mir hattest?' Der Stapel von Lederbündeln und in Tücher gewickelten Waffen neben ihr erzitterte, als sich Eremon darauf niederließ. 'Hast du dich gar in den Tiefen deines nassen Reiches nach mir verzehrt?'
Rhiann blinzelte mit zusammengekniffenen Augen zu ihm empor, konnte aber in dem gleißenden Licht nur ein breites Grinsen in einem sonnengebräunten Gesicht erkennen. 'Verspotte mich nur weiter, mein geliebter Gemahl, dann wirst du dich schneller in meinem nassen Reich wiederfinden, als du glaubst, das verspreche ich dir.' Doch dabei kroch ihre Hand vor und schloss sich um seinen warmen Knöchel, als wolle sie sich vergewissern, dass er wirklich lachend und lebendig neben ihr saß.
'Schon gut, schon gut.' Eremon grinste und schlang die Arme um die Knie. Das Sonnenlicht fing sich in seinen grünen Augen, sein gebräuntes, kantiges Gesicht wurde von dunklen Zöpfen umrahmt. Er hatte seine Hosenbeine hochgerollt und die Ärmel seiner leinenen Tunika abgeschnitten, und schon nach wenigen Tagen in der Sonne glänzte seine Haut so dunkel wie geöltes Eichenholz. 'Außerdem verursachen mir so poetische Worte Kopfschmerzen, und ich habe mich gerade erst von all den Festen auf der Heiligen Insel erholt.'
Rhiann stützte das Kinn auf Eremons Knie und spielte mit einem seiner wie Otterfell schimmernden Zöpfe. 'Ich muss mich über die Häuptlinge der Inseln doch sehr wundern .' Sie zog spöttisch eine Augenbraue hoch. 'Erst nehmen sie so viele Mühen auf sich, um dich zu ihrem Kriegsherrn zu ernennen, und dann versuchen sie, dich mit Ale zu vergiften.'
'Als Hirschkönig muss ich mich allen Aufgaben gewachsen zeigen, die man mir auferlegt . auch dem Leeren der Alehumpen, wie es aussieht.'
'Dein Training mit Conaire dürfte dir da sehr zugute kommen.'
Ein lauter Schrei ließ sie herumfahren. Im Heck des Bootes waren ihre Gefährten in ein von wilden Gesten begleitetes Gespräch verstrickt. Der hitzköpfige Fergus erdreistete sich, den ihn um Haupteslänge überragenden Conaire zu provozieren, indem er das Ende von dessen Ruderstange packte und herumdrehte, sodass sich ein salziger Regen über sie alle ergoss. Mit einem schrillen Schrei sprang Caitlin auf, um ihrerseits Fergus mit Wasser zu bespritzen. Conaire verschränkte seine muskulösen, von der Sonne verbrannten Arme vor der Brust und prustete vor Lachen, Colum strich mit gottergebener Miene sein feuchtes graues Haar aus der Stirn, aber dabei spielten Lachfältchen um seine Augen.
Nachdem sich Eremon davon überzeugt hatte, dass seine Freunde anderweitig beschäftigt waren, ließ er sich an dem Stapel von Lederbündeln heruntergleiten, bis er Rhiann gegenüber im Bug saß und seine breiten Schultern den anderen den Blick auf sie beide versperrten.
Eremons klare Züge wirkten immer noch so hart wie damals vor zwei Jahren, als Rhiann ihm zum ersten Mal begegnet war. Die leicht schräg gestellten Augen blickten so scharf und wachsam wie eh und je, aber die Anspannung, unter der er früher ständig gestanden hatte, war aus seinem Gesicht verschwunden. Er schenkte seiner Frau ein Lächeln; jenes strahlende, von Herzen kommende Lächeln, das Rhiann bislang so selten an ihm gesehen hatte, denn vor den Tagen auf der Heiligen Insel war es stets mit Bitterkeit vermischt gewesen.
Mit der vollen Kraft dieses Lächelns bedacht zu werden war immer noch eine neue Erfahrung für Rhiann, und sie registrierte verwirrt, dass sich ihr Pulsschlag beschleunigte.
'Rhiann.' Eremon legte einen Arm um sie und spielte mit einer Locke, die in ihrem Nacken tanzte, dann beschrieb er mit dem Daumen kleine Kreise auf ihrer Haut.
Ein wenig zaghaft erwiderte Rhiann sein Lächeln. Jedes Mal, wenn in der letzten Zeit jener Ausdruck ungläubiger Verwunderung auf Eremons Gesicht trat - ein Ausdruck, der besagte, dass es ihm immer noch wie ein Wunder erschien, sie tatsächlich berühren zu dürfen -, setzte ein merkwürdiges Ziehen in ihrer Magengrube ein. Nein . etwas tiefer. Dann war ihr, als schöbe sich eine warme Hand zwischen ihre Schenkel. Und natürlich wurde dieses wohlige Gefühl sofort von eisiger Furcht abgelöst.
Seit dem Überfall war jeder Anflug von Verlangen, den sie verspürte, mit Furcht durchsetzt. Jedes Mal, wenn eine Männerhand über ihre Haut strich, durchlebte sie noch einmal jenen Moment, wo die grobschlächtigen Räuber, an deren Händen noch das Blut ihrer Familie klebte, sie zu Boden gestoßen und sie mit Gewalt genommen hatten.
Sie hatte die Vergewaltigung überlebt, aber danach hatte sich eine tiefe Dunkelheit über ihre Seele gelegt.
Im Steinkreis auf der Heiligen Insel, wo sie und Eremon das erste Mal beieinander gelegen hatten, hatte sie vor dem Ritual saor, den heiligen Kräutertrank, getrunken, der ihre Sinne benebelt hatte. Dann war die Macht der Göttin über sie gekommen, und so hatte sie sich Eremon freudig und aus freien Stücken hingeben können. Aber was würde geschehen, wenn sie beide allein in ihrem Ehebett lagen? Was, wenn die alten Erinnerungen sie erneut heimsuchten? Was, wenn sie unwillkürlich vor ihm zurückschrak, obwohl sie ihn liebte . und er sich dann von ihr abwandte?
Nein. Rhiann zwang sich, ihre sich überschlagenden Gedanken zu zügeln. Von nun an würde alles anders sein. Die Göttin hatte ihr vergeben. Im Steinkreis hatte sich Rhianns Geist mit der Großen Mutter vereinigt, und das Gefäß ihres Körpers war mit Licht gefüllt worden. Und nun war sie eins mit Eremon.
Eins. Um all ihre Bedenken und Ängste endgültig zu zerstreuen, streckte Rhiann eine Hand aus, um seine warme Haut zu berühren; zog mit dem Finger die ausgeprägte Linie eines Wangenknochens nach und fuhr dann sacht über seine Lippen. Sie waren voller als die der anderen Männer aus Erin, weil in Eremons Adern auch britisches Blut floss. Seine dunkle Haut, die schlanke, muskulöse Gestalt und die seegrünen Augen waren gleichfalls ein Erbteil seiner walisischen Mutter.
Eremon wandte den Kopf, um ihre Handfläche zu küssen, dann hielt er ein Ende ihres Zopfes in die Höhe, sodass er im Sonnenlicht wie flüssiges Feuer schimmerte. Ein schelmisches Grinsen spielte um seine Mundwinkel. 'Weißt du, dass dein Haar die Farbe von dunklem Bernstein hat, Rhiann? Einen so ungewöhnlichen Farbton habe ich noch nie gesehen.'
LINNET ERZÄHLT:
So ausgeprägt meine Sehergabe in meiner Jugend auch gewesen sein mochte, nie hätte ich die Wendungen vorhersehen können, die Rhianns Lebensweg in den Jahren nehmen würde, während derer Alba unter römischer Besatzung stand.
Die Göttin, unsere Große Mutter, ist eine begnadete Weberin, und wo wir Geschöpfe der diesseitigen Welt nur ein ungeordnetes Gewirr von Fäden und Farben erkennen können, bietet sich Ihren Augen bereits das endgültige Muster auf dem Webstuhl dar. Heute fühle ich wie Sie, denn obwohl ich eine alte Frau mit trüben Augen und knorrigen Händen bin, sitze ich hier, und Rhianns Leben läuft vor meinem geistigen Auge ab.
Ich sehe alles genau vor mir, denn ich habe meine Erinnerungen.
Und diese Erinnerungen sind hell und düster - wie die Farben im Tuch des Lebens. So starb meine Schwester bei Rhianns Geburt - ein dunkler Tag für mich. Aber ich hatte kurz zuvor meine eigene Tochter verloren, und Rhiann nahm ihren Platz ein - ein außergewöhnliches Kind mit einem unbeugsamen Willen, das strahlende Licht meines Herzens. Ich sah sie vom Kleinkind zum jungen Mädchen heranwachsen, dann verließ sie mich und ging auf die Heilige Insel, um dort ihre Priesterinnenausbildung zu beginnen.
Und dann, als sie achtzehn Jahre alt war und gerade die Weihen erhalten hatte, geschah das Unfassbare. Die Heilige Insel wurde überfallen und Rhianns Ziehfamilie, die sie wie Blutsverwandte geliebt hatte, vor ihren Augen auf grausame Weise ermordet. Schließlich fiel Rhiann selbst den Räubern in die Hände, sie taten ihr Gewalt an und ließen sie dann zum Sterben zurück.
Doch Rhianns Körper überlebte das furchtbare Geschehen. Es war ihre Seele, die getötet wurde.
Sie schleuderte den Schwestern, die sie über alles liebte, aus Schmerz und Scham geborene Worte des Zorns und des Hasses entgegen und schleppte sich nach Dunadd zurück, der Festung ihres Stammes, denn sie fühlte sich von der Göttin im Stich gelassen und gab sich die Schuld am Tod ihrer Familie. Aber die Große Mutter ließ nicht zu, dass sie für den Rest ihres Lebens in dumpfer Benommenheit versank, jenem letzten Zufluchtsort derer, die mehr erlitten haben, als sie ertragen können. Rhiann hatte eine Bestimmung zu erfüllen.
Ein Jahr später, als ihre Wunden gerade zu heilen begonnen hatten, starb ihr Onkel, der König, und nun war sie die Letzte ihres Stammes, die das königliche Blut ihrer Mutter - König Bruders Schwester - weitergeben konnte. Und just am Tag seiner Bestattung landete ein aus seiner Heimat verbannter Prinz von der Insel Erin an unserer Küste: Eremon, der Sohn des Ferdiad.
Nachdem er von seiner eigenen Familie verraten worden war, wollte dieser Prinz zu Macht und Einfluss gelangen, um den Thron seines Vaters zurückzuerobern - und unser Stamm benötigte dringend einen Mann aus königlichem Geblüt als Gemahl für unsere Prinzessin. So bot unser oberster Druide Gelert Eremon Rhianns Hand an. Doch obgleich der alte Priester beim Arrangieren dieser Verbindung Böses im Schilde führte und nur danach trachtete, Rhiann noch mehr Leid zuzufügen und zugleich seine eigene Machtposition weiter auszubauen, kamen seine dunklen Beweggründe den Zielen der Großen Mutter entgegen, wie sich zeigen sollte.
Anfangs hasste Rhiann Eremon, weil die Stammesältesten sie zur Heirat mit ihm gezwungen hatten. Aber der Hass wandelte sich allmählich in zögerlichen Respekt, dann in Freundschaft und schließlich in zaghafte Zuneigung. Und während dieser ganzen Zeit nahmen die Ereignisse in der äußeren wie in der inneren Welt unaufhaltsam ihren Lauf.
Denn die Göttin hatte Rhiann und Eremon aus einem ganz bestimmten Grund zusammengeführt - um die zerstrittenen Stämme Albas zu einem Volk zu vereinen und so das Land vor den von Süden her immer näher rückenden Römern zu schützen. Der römische Feldherr Agricola hatte von seinem Kaiser Befehl erhalten, ganz Alba zu erobern und die wilden Stämme des Nordens zu unterwerfen.
Zwei Jahre lang reisten Rhiann und Eremon gemeinsam durch das Land; ein Paar auf geistiger, wenn auch nicht auf körperlicher Ebene, und Eremon erwies sich als der fähige Kriegsherr, den sein Stamm so dringend brauchte. Und obwohl die anderen Könige und Häuptlinge sich heftig gegen ein Bündnis aller Albanen sträubten, gelang es Eremon und Rhiann durch Hartnäckigkeit und Willensstärke, die in allen Bewohnern Albas schlummernde Freiheitsliebe zu wecken und endlich den mächtigen König der Kaledonier, Calgacus das Schwert, auf ihre Seite zu ziehen. Der Anfang war gemacht.
Und dann . wechselten die Fäden auf dem Webstuhl der Göttin wieder von Hell zu Dunkel.
Als Folge eines heimtückischen Komplotts sank Rhianns und Eremons Boot, mit dem sie Calgacus' Wellenfestung verließen, in einem Sturm. Alles deutete darauf hin, dass Maelchon, der König der weit oben im Norden gelegenen Orkney-Inseln, dabei seine Hand im Spiel gehabt hatte, denn Rhiann hatte sich vor langer Zeit unwissentlich seine unversöhnliche Feindschaft zugezogen. Ihre Zieheltern hatten sich rundheraus geweigert, sie ihm zur Frau zu geben, daher hasste Maelchon sie und auch Eremon, der besaß, was ihm verwehrt worden war, aus tiefster Seele.
Doch inmitten all dieser unheilvollen Ereignisse erstrahlte erneut das Licht der Großen Mutter. Sie geleitete das sinkende Boot sicher ans Ufer. Dort stießen Rhiann und Eremon auf Angehörige des Volkes der Caerenier, die sich gerade zum Aufbruch zu einem Ort rüsteten, den Rhiann gut kannte, dessen Boden sie jedoch nie wieder betreten wollte - die Heilige Insel.
So schloss sich der Kreis
Die Mutter allen Seins stellte Rhiann vor die schwerste Prüfung ihres Lebens: dorthin zurückzugehen, wo sie das größte Glück und dann die größte Pein erfahren hatte; wo sie zu sich selbst gefunden und sich wieder verloren hatte. Der Gedanke, jenen gegenüberzutreten, von denen sie meinte, sie im Stich gelassen zu haben, war ihr nahezu unerträglich, doch die Schwestern hatten in ihrer Weisheit geduldig gewartet, bis sie aus freien Stücken zu einer Rückkehr bereit war, und ihr ihre Arme und Herzen geöffnet.
Also begleiteten Rhiann und Eremon die Caerenier auf ihrer Pilgerfahrt, und diese Entscheidung führte dazu, dass Rhiann auch in anderer Hinsicht ihren Frieden wiederfand. Denn das Beltanefest stand bevor, und die Priesterinnen wählten Eremon zum Hirschkönig, zum Gehörnten Gott, und Rhiann zur Jungfräulichen Jägerin. Am Abend der Beltaneriten sollten sie im Kreis der heiligen Steine die Große Ehe mit dem Land schließen, und obwohl Rhiann dem Ritual voller Furcht entgegensah, vereinigte sie sich in jener Nacht nicht nur körperlich, sondern auch im Geiste mit ihrem Mann.
Bangen Herzens waren sie gekommen, und von Glück und Hoffnung erfüllt verließen Rhiann, Eremon und ihre Gefährten die Heilige Insel wieder. Rhiann und Eremon hatten endlich zueinander gefunden, Rhiann ihren Zwist mit den Schwestern beigelegt, und Eremon hatte die Caerenier und Carnonacaer als Verbündete gewonnen. Sie hatten ihn als ihren Hirschkönig und ihren Kriegsherrn anerkannt, was die heiligen Tätowierungen bewiesen, die jetzt seine Brust und seinen Bauch zierten.
Aber dennoch .
Rhianns Schicksal hatte sich noch nicht erfüllt, die Bedrohung durch die Römer war noch nicht abgewendet. Es galt, sich weiteren großen Gefahren zu stellen, weiteres Unheil zu verhüten. Ich wünschte, ich hätte damals schon gewusst, was ich heute weiß, aber wir gewöhnlichen Sterblichen können nur zusehen, wie sich das Weberschiffchen der Großen Mutter dreht . und darauf warten, dass das Muster Ihrer Fäden Gestalt annimmt.
Aber die Zusammenhänge erschließen sich den Menschen immer erst am Ende, was ich, törichte alte Frau, die ich bin, erst zu spät begriff.
Doch jetzt liegt Ihr Weg klar vor mir, und in all den Jahren, die ich nun schon in der diesseitigen Welt weile, habe ich noch nie ein so kunstvolles Muster ineinander verwobener und verschlungener Fäden gesehen. Vielleicht wird das auch nie wieder der Fall sein, denn es wird nicht mehr lange dauern, bis die Göttin mich zu sich ruft .
ZEIT DER BLATTKNOSPE, ANNO DOMINI 81
1
Diese Tage auf See waren seit vielen Jahren für sie die erste Zeit vollkommenen Friedens. Zu dieser Erkenntnis gelangte Rhiann, während sie im Bug kauerte und die Wange gegen die hölzerne Bootswand drückte. Ihr war, als schwebe das kleine Boot zwischen dem schimmernden Wasser und dem fahlen Himmel. Das weiße Segel glich einer ausgebreiteten Schwinge, die durch die blaue Unendlichkeit glitt.
Das sachte Schwanken des Bootes hatte sie in eine Art Trancezustand versetzt. Kleine Wellen plätscherten gegen den Rumpf und lullten sie mit ihrer rhythmischen Musik ein, dazwischen verwandelte sich die Wasseroberfläche immer wieder in einen dunklen, von dahintreibendem Tang durchsetzten, glatten Spiegel. Der Wind wehte von Westen, vom Meer her, die günstigste Richtung, um sie so schnell wie möglich nach Hause zu bringen, doch die Brise war zu schwach, sodass sie kaum das Segel in der Mitte des aus Tierhäuten gefertigten curraghs blähte.
Rhiann liebte diese curraghs. Sie lagen flach auf dem Wasser und schossen mit der Schnelligkeit einer Möwe über die Wellen, und wenn sie eine Hand in das kalte Meer eintauchte, konnte sie den Sog an ihren Fingern spüren. Doch meistens saß sie nur still da und nahm wenig mehr wahr als den Geruch nach Salz und Teer, das Knarren der Ruder und die Sonne auf ihren Augenlidern.
Und so kam es, dass sich Rhiann erst nach den drei sonnigen Tagen, die seit ihrem Aufbruch von der Heiligen Insel verstrichen waren, allmählich des leisen, nagenden Unbehagens bewusst wurde, das irgendwo in ihrem Unterbewusstsein gelauert hatte und nun an die Oberfläche drängte.
'Schuft! Das wirst du mir büßen . hah! Schön kalt, nicht wahr?'
Auf Caitlins empörte Worte folgte ein lautes Aufkreischen, und Rhiann brauchte sich nicht erst umzudrehen, um zu wissen, was passiert sein musste. Conaire, dessen Hände sehr viel größer waren als Caitlins, hatte seiner Frau eine weitere eisige Meerwasserdusche verpasst. Entweder hatte Rhianns Gänsefingerkrauttrank Caitlins Seekrankheit gelindert, oder Caitlin bot ihren bekanntermaßen eisernen Willen auf, um sich ihr Unwohlsein nicht anmerken zu lassen. Von den anderen Ruderbänken erscholl lautes Gelächter: Dort saßen Eremons Gefährten, die ihn zur Heiligen Insel begleitet hatten, und ein paar Inselbewohner, die das Boot bemannten.
Rhianns Knie waren taub geworden, sie verlagerte ihr Gewicht auf den Planken aus Weidenholz und massierte ihre Beine, um die Blutzirkulation anzuregen. Dann stützte sie das Kinn auf eine Hand und blinzelte in den goldenen Schein, den das Sonnenlicht auf das Wasser warf. Eine Insel glitt an ihr vorbei: schwarze, mit Strandnelken übersäte Klippen, grüne Hügel, auf denen gelber Ginster wuchs, weiße Gischt auf hellem Sand. Ein Seehund, der sich auf einem Felsbrocken sonnte, musterte sie mit hoch erhobenem Kopf neugierig. Seine dunklen, feuchten Augen schimmerten so unergründlich wie das Meer selbst.
'Hallo, mein pelziger Freund.' Rhiann winkte ihm mit einem Finger zu.
Unter dem Ruheplatz des Seehunds brandete das Wasser zwischen den Felsen hindurch und warf weiße Gischtschwaden auf. Und während Rhiann auf die tosende Brandung starrte, erkannte sie plötzlich, was sie schon eine ganze Zeit lang am Rande ihres Bewusstseins gespürt und gehört hatte - ein tiefes, gespenstisches Dröhnen, das die Luft erzittern ließ und ihr durch Mark und Bein ging. Der Strudel, dachte sie, sich erschrocken aufrichtend.
Der Sog des Strudels peitschte die schmale Meerenge zwischen den Dunadd vorgelagerten Inseln auf; er bildete eine Grenze zwischen der diesseitigen Welt und dem Schattenreich. Und Rhiann begriff mit dem geschärften Sinn einer Priesterin, dass sie ihn nur aus so großer Entfernung hatte hören können, weil sein Ruf ein Zeichen für sie war. Also tat sie, was jeder vernünftige Mensch an ihrer Stelle getan hätte: Sie biss sich auf die Lippe, schloss die Augen und bemühte sich, an etwas anderes zu denken.
Sie hatte die Ärmel ihres Wollkleides hochgekrempelt, und die Sonne brannte auf ihre bloßen Unterarme, doch innerlich war Rhiann zu Eis erstarrt. Denn der Strudel mahnte sie, aus den Träumen zu erwachen, in denen sie seit ihrer Abreise geschwelgt hatte. Bald galt es, zu ihrem gewohnten Tagewerk überzugehen; sie waren fast daheim, und sie musste sich all dem stellen, was sie dort erwartete. Und bei der Göttin, davor graute es ihr!
Nein, lieber wollte sie sich das beseligende Glücksgefühl bewahren, das sie erfüllte, seit sie in den Schoß der Schwesternschaft zurückgekehrt war. Seit das Licht der Göttin sie von neuem erfüllt hatte, dort im Kreis der heiligen Steine. Seit .
'Meine kleine Meerjungfrau.' Die Planken knarrten leise, dann strich eine Hand sacht über Rhianns Wange. 'Weilst du endlich wieder unter uns Sterblichen?'
Seit Eremon wirklich der Ihre war, spann Rhiann den Gedanken zu Ende, dann lächelte sie. Alle anderen hatten instinktiv gespürt, dass sie allein sein wollte, und sie während der Reise in Ruhe gelassen, nur Eremon hielt sich nicht an diese stumme Übereinkunft, und darüber freute sie sich. 'Was bleibt mir anderes übrig?', erwiderte sie, konnte aber ein Seufzen nicht unterdrücken, als sie sich räkelte und die Augen wieder aufschlug.
'Soll dieser Seufzer bedeuten, dass du Sehnsucht nach mir hattest?' Der Stapel von Lederbündeln und in Tücher gewickelten Waffen neben ihr erzitterte, als sich Eremon darauf niederließ. 'Hast du dich gar in den Tiefen deines nassen Reiches nach mir verzehrt?'
Rhiann blinzelte mit zusammengekniffenen Augen zu ihm empor, konnte aber in dem gleißenden Licht nur ein breites Grinsen in einem sonnengebräunten Gesicht erkennen. 'Verspotte mich nur weiter, mein geliebter Gemahl, dann wirst du dich schneller in meinem nassen Reich wiederfinden, als du glaubst, das verspreche ich dir.' Doch dabei kroch ihre Hand vor und schloss sich um seinen warmen Knöchel, als wolle sie sich vergewissern, dass er wirklich lachend und lebendig neben ihr saß.
'Schon gut, schon gut.' Eremon grinste und schlang die Arme um die Knie. Das Sonnenlicht fing sich in seinen grünen Augen, sein gebräuntes, kantiges Gesicht wurde von dunklen Zöpfen umrahmt. Er hatte seine Hosenbeine hochgerollt und die Ärmel seiner leinenen Tunika abgeschnitten, und schon nach wenigen Tagen in der Sonne glänzte seine Haut so dunkel wie geöltes Eichenholz. 'Außerdem verursachen mir so poetische Worte Kopfschmerzen, und ich habe mich gerade erst von all den Festen auf der Heiligen Insel erholt.'
Rhiann stützte das Kinn auf Eremons Knie und spielte mit einem seiner wie Otterfell schimmernden Zöpfe. 'Ich muss mich über die Häuptlinge der Inseln doch sehr wundern .' Sie zog spöttisch eine Augenbraue hoch. 'Erst nehmen sie so viele Mühen auf sich, um dich zu ihrem Kriegsherrn zu ernennen, und dann versuchen sie, dich mit Ale zu vergiften.'
'Als Hirschkönig muss ich mich allen Aufgaben gewachsen zeigen, die man mir auferlegt . auch dem Leeren der Alehumpen, wie es aussieht.'
'Dein Training mit Conaire dürfte dir da sehr zugute kommen.'
Ein lauter Schrei ließ sie herumfahren. Im Heck des Bootes waren ihre Gefährten in ein von wilden Gesten begleitetes Gespräch verstrickt. Der hitzköpfige Fergus erdreistete sich, den ihn um Haupteslänge überragenden Conaire zu provozieren, indem er das Ende von dessen Ruderstange packte und herumdrehte, sodass sich ein salziger Regen über sie alle ergoss. Mit einem schrillen Schrei sprang Caitlin auf, um ihrerseits Fergus mit Wasser zu bespritzen. Conaire verschränkte seine muskulösen, von der Sonne verbrannten Arme vor der Brust und prustete vor Lachen, Colum strich mit gottergebener Miene sein feuchtes graues Haar aus der Stirn, aber dabei spielten Lachfältchen um seine Augen.
Nachdem sich Eremon davon überzeugt hatte, dass seine Freunde anderweitig beschäftigt waren, ließ er sich an dem Stapel von Lederbündeln heruntergleiten, bis er Rhiann gegenüber im Bug saß und seine breiten Schultern den anderen den Blick auf sie beide versperrten.
Eremons klare Züge wirkten immer noch so hart wie damals vor zwei Jahren, als Rhiann ihm zum ersten Mal begegnet war. Die leicht schräg gestellten Augen blickten so scharf und wachsam wie eh und je, aber die Anspannung, unter der er früher ständig gestanden hatte, war aus seinem Gesicht verschwunden. Er schenkte seiner Frau ein Lächeln; jenes strahlende, von Herzen kommende Lächeln, das Rhiann bislang so selten an ihm gesehen hatte, denn vor den Tagen auf der Heiligen Insel war es stets mit Bitterkeit vermischt gewesen.
Mit der vollen Kraft dieses Lächelns bedacht zu werden war immer noch eine neue Erfahrung für Rhiann, und sie registrierte verwirrt, dass sich ihr Pulsschlag beschleunigte.
'Rhiann.' Eremon legte einen Arm um sie und spielte mit einer Locke, die in ihrem Nacken tanzte, dann beschrieb er mit dem Daumen kleine Kreise auf ihrer Haut.
Ein wenig zaghaft erwiderte Rhiann sein Lächeln. Jedes Mal, wenn in der letzten Zeit jener Ausdruck ungläubiger Verwunderung auf Eremons Gesicht trat - ein Ausdruck, der besagte, dass es ihm immer noch wie ein Wunder erschien, sie tatsächlich berühren zu dürfen -, setzte ein merkwürdiges Ziehen in ihrer Magengrube ein. Nein . etwas tiefer. Dann war ihr, als schöbe sich eine warme Hand zwischen ihre Schenkel. Und natürlich wurde dieses wohlige Gefühl sofort von eisiger Furcht abgelöst.
Seit dem Überfall war jeder Anflug von Verlangen, den sie verspürte, mit Furcht durchsetzt. Jedes Mal, wenn eine Männerhand über ihre Haut strich, durchlebte sie noch einmal jenen Moment, wo die grobschlächtigen Räuber, an deren Händen noch das Blut ihrer Familie klebte, sie zu Boden gestoßen und sie mit Gewalt genommen hatten.
Sie hatte die Vergewaltigung überlebt, aber danach hatte sich eine tiefe Dunkelheit über ihre Seele gelegt.
Im Steinkreis auf der Heiligen Insel, wo sie und Eremon das erste Mal beieinander gelegen hatten, hatte sie vor dem Ritual saor, den heiligen Kräutertrank, getrunken, der ihre Sinne benebelt hatte. Dann war die Macht der Göttin über sie gekommen, und so hatte sie sich Eremon freudig und aus freien Stücken hingeben können. Aber was würde geschehen, wenn sie beide allein in ihrem Ehebett lagen? Was, wenn die alten Erinnerungen sie erneut heimsuchten? Was, wenn sie unwillkürlich vor ihm zurückschrak, obwohl sie ihn liebte . und er sich dann von ihr abwandte?
Nein. Rhiann zwang sich, ihre sich überschlagenden Gedanken zu zügeln. Von nun an würde alles anders sein. Die Göttin hatte ihr vergeben. Im Steinkreis hatte sich Rhianns Geist mit der Großen Mutter vereinigt, und das Gefäß ihres Körpers war mit Licht gefüllt worden. Und nun war sie eins mit Eremon.
Eins. Um all ihre Bedenken und Ängste endgültig zu zerstreuen, streckte Rhiann eine Hand aus, um seine warme Haut zu berühren; zog mit dem Finger die ausgeprägte Linie eines Wangenknochens nach und fuhr dann sacht über seine Lippen. Sie waren voller als die der anderen Männer aus Erin, weil in Eremons Adern auch britisches Blut floss. Seine dunkle Haut, die schlanke, muskulöse Gestalt und die seegrünen Augen waren gleichfalls ein Erbteil seiner walisischen Mutter.
Eremon wandte den Kopf, um ihre Handfläche zu küssen, dann hielt er ein Ende ihres Zopfes in die Höhe, sodass er im Sonnenlicht wie flüssiges Feuer schimmerte. Ein schelmisches Grinsen spielte um seine Mundwinkel. 'Weißt du, dass dein Haar die Farbe von dunklem Bernstein hat, Rhiann? Einen so ungewöhnlichen Farbton habe ich noch nie gesehen.'