Buch der Väter
Roman
Miklós Vámos(Author)
btb (Publisher)
Published on 3. July 2006
Book
Paperback/Softback
512 pages
978-3-442-73490-0 (ISBN)
Description
Eine monumentale Familiensaga, die faszinierende Geschichte einer Dynastie und eines Landes.
Sie sind gesegnet mit der Gabe, in die Zukunft schauen zu können. Oder ist es vielmehr ein Fluch? Denn obwohl diese Gabe über 300 Jahre an den jeweils erstgeborenen Sohn der Csillags weitergegeben wird, können sie doch ihr Schicksal nicht lindern oder gar selbst bestimmen. Sie sind Sklaven ihrer Leidenschaften und Spielball kriegerischer Auseinandersetzung. Die hoch spannende und berührende Geschichte einer Familiendynastie vor dem Panorama der ungarischen Geschichte.
Sie sind gesegnet mit der Gabe, in die Zukunft schauen zu können. Oder ist es vielmehr ein Fluch? Denn obwohl diese Gabe über 300 Jahre an den jeweils erstgeborenen Sohn der Csillags weitergegeben wird, können sie doch ihr Schicksal nicht lindern oder gar selbst bestimmen. Sie sind Sklaven ihrer Leidenschaften und Spielball kriegerischer Auseinandersetzung. Die hoch spannende und berührende Geschichte einer Familiendynastie vor dem Panorama der ungarischen Geschichte.
More details
Series
73490
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 18.7 cm
Width: 11.8 cm
ISBN-13
978-3-442-73490-0 (9783442734900)
Schweitzer Classification
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Persons
Miklós Vámos, geboren 1950 in Budapest, ist gelernter Jurist. Er war Dramaturg und Verlagsleiter, hat Theaterstücke und Drehbücher verfasst, seine Romane und Erzählungen sind vielfach preisgekrönt und in mehrere Sprachen übersetzt. Vámos lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen in Budapest. In Ungarn ist Vámos ein Star, nicht zuletzt durch seine Fernsehserie Lehetetlen (Unmöglich), die in Ungarn zu den beliebtesten TV-Ereignissen zählt.
Content
Die Welt erwacht. Grüne Düfte huschen übers Land und bringen Frühlingshoffnung mit sich. Vorwitzige Halme sprießen in den Furchen. An den Spitzen der Zweige brechen die frischen Knospen auf. Eine Parade zarter Gräser überzieht Wiesen und Tal. Golden lehnen die Forsythiensträucher an den Hängen des Hügellands. Die Astgabeln der Nussbäume, die den Winter überlebten, sind noch kahl; sehnsuchtsvoll rühren die neues Blattwerk entfaltenden Triebe in himmlischen Wässern.
[Die Gemeinde Kos im Ungarland ward, bald nachdem wir daselbst anno domini 1705 im Mond des Heiligen Georg eingetroffen, wie auch anno 1706 erbärmlich verheeret, fünfmal, dreimal durch Kurutzen, zweimal durch Labanczen. Von den 74 Gehöften ward wohl der dritte Teil gebrandschatzet oder verwüstet und ist zusammengefallen, ein ander Drittel verwaiset, da die Inwohner Haus und Hof zurückgelassen, um sich in friedvollere Gefilde zu flüchten. Auf diese Weis sind Lebensfreud und munteres Treiben in der Ortschaft gänzlich getilget. Brach liegen großenteils Äcker und Feld, das Vieh um Haus und Hof hat an Zahl stark abgenommen. Als wir für die erste Nachtruh auf dem Gut Quartier genommen, frug mich Cornelius, mein Enkel, noch dazu auf Deutsch, ob wir nicht tunlichst wieder heimkehren solln. Was wir selbst uns hinfüro öfter gefraget.]
So stand es am Anfang der Aufzeichnungen in Großvater Czuczors leinengebundenem Tagebuch, einem Geschenk seiner Tochter Zsuzsanna. Deutsch, Slowakisch und Ungarisch waren ihm gleichermaßen geläufig, geschrieben aber hatte er bislang nur in Deutsch. Ins Heimatland zurückgekehrt, beschloss er, die Aufzeichnungen fortan in seiner Muttersprache zu machen. Sicherlich hatte er den Wunsch, dass sein Enkel Cornelius sie einmal lesen könnte, wenn er erst herangewachsen war. Mit einer Planwagen-Karawane kamen die drei aus Bayern, wohin sich Großvater Czuczor und sein Bruder nach dem aufsehenerregenden Wesselényi-Komplott, wie man es nach dem Hauptverschwörer nannte, geflüchtet und wo sie sich niedergelassen hatten. Die Brüder Czuczor waren immer dabei geblieben, dass sie keinerlei Verbindung zu den Geheimbündlern gehabt; doch vergeblich, gefälschte Briefe hatten sie belastet, und so wurden sie gerichtlich belangt, ihr Vermögen ward alsbald konfisziert, vielleicht hätte es sie auch den Kopf gekostet, wären sie nicht augenblicklich außer Landes geflohen. In der Fremde fand sich Gelegenheit, das Drucker- und Buchbinderhandwerk zu erlernen und eine Offizin zu gründen. Späterhin betätigten sie sich auch als Akzidenzsetzer. In der damaligen Handwerksrolle von Thüningen wurden sie als die Gebrüder Czuczor geführt.
Großvater Czuczor konnte sich mit dem windigen und gewitterreichen Landstrich nie recht anfreunden, auch nicht mit dem bierdurstigen Volk der Bayern; argwöhnisch suchte er für die häufigen Todesfälle in der Familie die Schuld bei ihnen. So war es kein Wunder, dass er, als ihn die Kunde vom Patent des Regierenden Fürsten erreichte, in die Offizin stürzte, wo der Bruder gerade beim Reparieren der Linien war. 'Wir können unseren Vagabundenranzen schnüren!', schrie er ihm schon von der Treppe zu. Zeigte ihm die Zeilen im verknitterten Exemplar des lateinisch geschriebenen Mercurius Hungaricus. 'Wir können wieder zurückgehen und uns in einem der entvölkerten ungarischen Dörfer niederlassen.'
[Nichts konnte den Bruder bewegen, mit uns heimwärts zu ziehen, selbiger wollte lieber bleiben im eingewöhnten Thüningen, um die Offizin weiterzuführen. Kunde haben wir seit dazumal von ihm nicht mehr gehabt. Voll Sorge ist Zsuzsanna um Klein-Cornelius, dem Buben mangelt es in diesen Nothzeiten - er ist noch keine fünf - an hinreichend Essen, an Eiern und Fleisch.]
Auf verschlungenen Wegen heimgekehrt, richteten sie sich in dem ihnen zugewiesenen Gehöft am unteren Ende von Kos recht und schlecht ein. Großvater Czuczor hat sogleich hinter den Rosenstöcken am Ende des Gartens sein mitgebrachtes Geld vergraben und das Versteck weder dem Enkelsohn noch seiner Tochter verraten. Nur Wilhelm, der aus Thüningen mitgekommene Knecht, er musste beim Vergraben Hand anlegen, hat darüber Bescheid gewusst.
'Wilhelm, nie und keiner Seele darf Er je etwas davon sagen! Hat Er mich verstanden?'
Großvater Czuczor drohte ihm mit eindeutiger Handbewegung: den Hals werde er ihm umdrehen, sollte er es jemals irgendwem verraten.
'Ja, Herr!', entgegnete das Bürschchen, wie es jede Aufforderung mit diesem an Hundeblaffen erinnernden Laut quittierte. Sein Ungarisch reichte nur zum gestotterten 'Janapott!'.
Cornelius wurde von den anderen Buben wegen seiner dünnen strohblonden Haare und der Segelohren gehänselt, gelegentlich auch wegen der deutschen Brocken, die er in sein Ungarisch mischte. Dabei hatte der Enkel sich schnell mit der Sprache der Einheimischen angefreundet, auch wenn die unruhigen Zeiten gewiss nicht zum Lernen angetan waren. Unheilkündende Nachrichten drangen von überall her.
Das schmächtige Bübchen litt ständig Hunger, schloss sich aber doch nicht den lärmenden Dorfrangen an, die trotz elterlicher Drohungen in den Feldern und im Wald herumstromerten und immer wieder etwas aufstöberten, was sie für essbar hielten. Cornelius suchte die Gesellschaft des Großvaters, hing stundenlang im Vorderhaus herum, wo der alte Czuczor die mitgebrachten Buchdruckerwerkzeuge untergebracht hatte. Der Kleine gab sich Mühe, nützlich zu sein, doch meist ging etwas schief, es fehlte ihm jetzt wie auch in späterer Zeit an der nötigen Handfertigkeit. Ein Blinder weist dem Lahmen den Weg, dachte Großvater Czuczor, seine Finger wurden immer steifer, und sie zitterten auch schon allzu sehr. Den Nagel des rechten Daumens schnitt er nicht mehr, machte ihn zu einem langen spitzen Werkzeug, mit dem er die Lettern schneller aus den Fächern des Setzkastens fischen konnte. Doch in letzter Zeit hat sich der Nagel oft der Länge nach gespalten, war bestenfalls noch zum Kopfkratzen gut.
'Geh zu deinen Kameraden, spielen!'
Der Bub folgte nicht: 'Erzähl mir was!'
Großvater Czuczor seufzte tief und begann: 'Meinem seligen Vater, Szaniszló Czuczor von Felsofenyves, wurde - du weißt das vielleicht gar nicht - von György I. Rákóczi für seinen tollkühnen Einsatz beim Feldzug gegen Wien das Adelsprädikat verliehen.'
'Das weiß ich schon lange. Erzähl mir lieber von Mama, von damals, als sie klein war! Und von ihrer Mama!'
Großvater Czuczor schüttelte den Kopf. Es schmerzte ihn immer noch. In Thüningen hatte er sich eine rechtschaffene Frau zum Eheweib genommen. Die stille, fleißige Gisela brachte ihm sechs Kinder zur Welt, die - bis auf Zsuzsanna, das jüngste - schon kurz nach der Geburt ihre armen Seelen in die Hand des Schöpfers zurückgaben. Die sechs Geburten haben Gisela gänzlich aufgezehrt, und so ist ihr Lebensfaden bald gerissen. Großvater Czuczor war aus Gram früh ergraut. Den schmächtigen Körper der damals dreijährigen Zsuzsanna hat er allmorgendlich verzweifelt an sich gedrückt: 'Wenigstens du sollst mir bleiben, mein Kleines!'
Das Mädchen blinzelte dann erschrocken: 'Was sagst du, Vater?' Ungarisch verstand sie noch nicht.
'Ach, du musst mir bleiben, mein Kind! Ich hab doch nur dich!'
Zsuzsanna war in den allzu schnell verflogenen fünfzehn Jahren zu einer schmucken, schlanken Jungfer herangewachsen und wurde dann, wie dies zu geschehen pflegt, die Ehefrau des Péter Csillag, Spross einer ebenfalls aus Ungarn ausgezogenen Familie. Doch der arme Péter konnte die Freuden des Ehestands gerade sechs Monate genießen, er stürzte bei der Jagd vom Pferd und schlug mit dem Kopf auf einen Baumstumpf auf, verlor das Bewusstsein und erlangte es nicht mehr wieder, bis er als lebendiger Toter nach zwei Wochen seine Seele aushauchte.
'Warum erzählt Ihr nicht endlich, Großvater?'
Der Alte begann mit einer Geschichte, die man ihm selbst als Kind erzählt hatte: Cornelius' Ururgroßvater, Boldizsár Czuczor, der teufelsflinke Kunstmaler, tat sich vor allem in der Porträtmalerei hervor. Sein Gedächtnis soll so geschärft und einzigartig gewesen sein, dass es ihm genügte, jemandem einmal zu begegnen, um sich die Physiognomie derart einzuprägen, dass er, ohne ihn wiederzusehen, sein Kopfbild malen konnte. Seine Ehefrau, die wegen ihrer natürlichen Anmut über die Grenzen hinaus bekannte Katharina, kam mit ihrem liebreizenden Köpfchen häufig auf die Leinwand des Boldizsár Czuczor. Nur ein Abbild der ehelichen Treue ließ sich von ihr nicht formen. Boldizsár hat sie einmal mit einem Offizier, der vorübergehend in der Garnison der Stadt stationiert war, überrascht. Als er die eindeutige Situation erfasste, schloss er artig die Tür zur Schlafkammer, indem er den Aufgeschreckten zurief: 'Nur zu, vergnügt euch recht schön!' Die Überraschten beratschlagten kurz, und sobald der Schrecken gewichen war, folgten sie dem Rat. Am nächsten Morgen ließ ihnen Boldizsár Czuczor ein üppiges Frühstück auftragen und bat den Herrn Offizier ins Badhaus. Hier übergoss er dessen nackten Corpus von oben bis unten mit grüner Farbe. Der Fall soll an die Öffentlichkeit gedrungen sein, weil der bekleckste Rittmeister sich das Grün mit keinerlei Mittel von der Haut abwaschen konnte. So gut es ging, verkroch er sich in seiner Unterkunft. Demütig schickte er schließlich nach dem gehörnten Ehemann und flehte inständig, jener möge ihm das Geheimnis dieser Farbe mitteilen, denn so besudelt könne er sich nirgends mehr sehen lassen und wäre das Gespött der Welt. Czuczors Antwort: 'Herr Offizier, Ihr habt Schande über mich gebracht, die sich mit keinerlei Mittel von mir abwaschen lässt. So ist es nur gerecht, dass Ihr mein Schicksal teilet!'
'Aber Großvater, beim letzten Mal hat er auch die Frau grün angemalt!'
'Wie?'
'Ihr habt es anders erzählt, Großvater. und der Herr Boldizsár hat auch nicht gesagt: Vergnügt euch recht schön!'
'Was sonst?'
Mit tiefer, krächzender Stimme den Großvater nachahmend: 'Habt Euren Spaß mitsamm!'
Großvater Czuczor kratzte sich am Kopf: 'Mag schon sein.' Der Enkel hat ihn nicht zum ersten Mal mit seinem scharfen Gedächtnis in Staunen versetzt. Kürzlich erst wollte er die Zahlen wissen und kann jetzt nur nach dem Hörensagen schon bis hundert zählen, hat die Ziffern sogar ins festgewordene Wachs auf dem Boden des Schaffs geritzt. 'Mir scheint, du gerätst deinem Ururgroßvater Boldizsár nach.'
'Ja, weil auch ich mir ganz genau merken kann, was ich sehe.'
'Kannst du das?', Großvater Czuczor hielt ihm die linke Hand vor die Augen. 'Dann sag schnell, was du alles auf dem Regal gesehen hast.'
Cornelius rief sich das Bild des Arbeitstischs - den Großvater Regal nannte - ins Gedächtnis und sah ihn genau vor sich.
Er hakte nur ab, während er mit heller Stimme aufzählte: '2 Winkel, 4 Knäuel Bindfaden, 1 Handpresse, 1 Schneidemaschine, 1 Papierzwinge, 2 Grabstichel, 30 Linien nach Maß, 2 Dutzend Stege, 3 Kästen mit Schublädchen, darin die Lettern und Spatien, 7 Bücher, ein paar hundert bedruckte Blätter, 1 Okular und 2 Vergrößerungsgläser, 2 runde Döschen mit Euren Pillen, die Ihr heute noch nicht eingenommen habt, dann das Tagebuch, daneben Tintenfass und 4 Federkiele. und eine Fliege' - er hielt inne.
'Woher kennst du Winkel, Linien und Handpresse?'
'Hab ich gehört, und Ihr habt es ja auch ins Buch geschrieben!'
Es dauerte eine Weile, bis Großvater Czuczor sich entsinnen konnte, dass er seine Gerätschaften tatsächlich aufgelistet hatte, bevor er sie damals in die Kiste packte. 'Heißt das, du kannst lesen?'
'Kann ich, ja!', Cornelius zog eines der bedruckten Blätter zu sich heran und begann den Text langsam, aber bestimmt und dazu getreulich zu lesen. Großvater Czuczor klemmte sein Okular auf die Nase und verfolgte mit seinen Augen die so wertvollen Zeilen.
[DURCH UNSERN ALLERGNÄDIGSTEN HERRN,
DEN HOCHWOHLGEBORENEN FÜRSTEN FRANZ RAKOCZI DE FELSÖ VADASZ:
Von den schweren Leiden unseres Volkes und unserer lieben Heimat unter der grausamen Herrschaft der deutschen Nation sowie den ungerechten Leiden seiner erlauchten Person:
Der gesamten christlichen Welt UNTERBREITET MANIFEST von der Unschuld der ungarischen Waffen, ergriffen für die Befreiung vom Joch des Hauses Austria, das zuerst auf Lateinisch und nun in ungarischer Sprache neu herausgegeben ward.]
An das zerknüllte Exemplar dieses Manifestes vom Regierenden Fürsten war Großvater Czuczor in einer Schenke in Thüningen gelangt. Reisende aus der Heimat hatten es ihm überlassen. Er hegte den Plan, den Text ebenfalls abzudrucken.
Plötzlich riss er sich von der Vergangenheit wieder los. Großer Gott, dachte er, das Bübchen zählt gerade vier Jahre und weiß ohne Stocken zu lesen!
'Hat einer von deinen Kameraden dir das beigebracht?'
'Nein.'
'Wer sonst?'
'Niemand. ganz von selbst hab ich's gelernt.'
'Stimmt das wirklich?'
'Stimmt bestimmt., hab mir immer die Blätter mit den Buchstaben angeguckt, und auf einmal konnte ich sehen, dass die Lettern nicht gleich sind. Warum, Großvater, steht da manchmal ein f, wo doch ein s sein sollt'?'
'Nur wo ein Doppelbuchstabe, also ein ungarisches sz steht.'
'Ja, aber bei Auftria?'
'Nun ja. auch da sollte das sz stehen, das z hat man vergessen.' Großvater Czuczor kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, er selbst hat seine Augen unzählige Male auf das Deklarationspapier gerichtet und diesen Lapsus nicht bemerkt. Aus dem Buben könnte ein erstklassiger Corrector werden, dachte er. Rief seine Tochter herbei: 'Schau Zsuzsanna, was der kleine Lausbub schon alles versteht!'
Cornelius setzte noch einmal an:
'DURCH UNSERN ALLERGNÄDIGSTEN HERRN, DEN HOCHWOHLGEBORENEN FÜRSTEN FRANZ RAKOCZI DE FELSÖ VADASZ. Großvater, warum ist auf dem A und dem O kein Strich?'
'Was für ein Strich?', Zsuzsanna schob ihren Kopf näher an das Blatt.
'Auf Kapitalbuchstaben tun die Striche nicht not, allenfalls auf Ä oder Ö.'
'Was sind denn Kapitalbuchstaben?', fragte Zsuzsanna.
'Titelbuchstaben', sagte Großvater Czuczor, nicht ohne tadelnden Unterton. So viel hätt' sie in all den Jahren doch lernen können. Zsuzsanna war trotz mehrerer Versuche ihres Vaters des Schreibens unkundig geblieben. Der kleine Cornelius hatte, Gott sei's gedankt, zum Glück nicht den Kopf seiner Mutter geerbt.
[Mein Enkelsohn Cornelius hat entziffert, was ich aufnotieret, ihn darob zu tadeln, unterließ ich tunlichst, war doch meine Verwunderung allzu groß, dass er selbst das Buchstabiren einstudieret. Und mit dem Worte weiß er umzugehen. Ob er nicht dereinst ein Prediger oder Professor könnte sein? Wären die Zeiten nicht wie sie sind, so wollt ich mit ihm nach Enyed oder Nagyszombat gehen, dass Leute von Profession sich seiner annähmen. Doch das Reisen birgt vielerlei Gefahr, jeder Schritt aus dem Dorf bedroht unser Leben. Sie sagen, kaum einen Tagesmarsch von hier soll das Heer der Kurutzen mit dem der Labanczen zusammentreffen. Welcher von denen dann in die Flucht geschlagen, der könnte plündernd und brandschatzend unsern Weg hier kreuzen, und ein geschlagen rennendes Kriegervolk kennt keine Gnade.]
Zu nachtschlafender Zeit ward es taghell. Großvater Czuczor sprang auf, lief in den Garten, um nachzusehen, ob auch die Nachbarschaft schon auf den Beinen sei; aus dem Schlaf gerissen, hatte er vergessen, dass die angrenzenden Gehöfte schon seit längerem unbewohnt waren. Unten im Tal loderten Brände, im rötlichen Lichte zeichnete sich die Linie des Horizontes fast bis Varasd ab.
Auch Zsuzsanna stürzte herbei, den weinenden Knaben auf der Schulter, das seit Tagen gerichtete Bündel mit dem wenigen, was sie zu beißen hatten, etwas Wäsche zum Wechseln, Kerzen und ein paar anderen zum Leben notwendigen Dingen am Arm. 'Kommt schon!', schrie sie dem Vater zu. Großvater Czuczor rannte ins Haus zurück, zog hastig die Stiefel an, warf sich den Überrock um und nahm den Hut, er griff sich sein Bündel und das Tagebuch, im Wegrennen wagte er noch einen letzten Blick auf das Haus, dort musste er seine liebsten Utensilien zurücklassen. Ob ich sie unbeschadet wiedersehe? Er eilte hinaus auf die Straße, die links zum Kahlen Berg hinauf abbog.
Alle Dorfbewohner rannten in diese Richtung; bei Gefahr hat die Alte Höhle immer Schutz geboten. Durch einen Spalt ging es in den Fels hinein. Der Einstieg ließ sich mit einer dreieckigen Felsplatte so verrammeln, dass niemand, der hier fremd war, ahnen konnte, was sich dahinter verbarg. Die tief in den Berg führende, wie eine Birne geformte Höhle soll schon seit Urzeiten eine menschliche Wohnstatt gewesen sein. Den Kindern von Kos hat man immer mit dieser finsteren Grotte Angst gemacht. 'Wer nicht folgen mag, wird in die Alte Höhle gesperrt!'
Bis Großvater Czuczor samt Tochter und Enkel hier eintraf, hatten sich die anderen bereits eingerichtet, wollten nicht gern für die Neuankömmlinge zusammenrücken. Der Argwohn gegenüber Fremden, also auch gegen die Czuczors, hat sich im Dorf noch nicht gelegt. Über Zsuzsanna - wie auch über andere Witfrauen - war anzüglicher Klatsch im Umlauf, vom Alten munkelte man, dass er mit dem Teufel im Bunde sei; sein ungestalter Daumennagel galt als Beweis dafür. In der Höhle drinnen flackerten ein halbes Dutzend Kerzen und zwei Ölfunzeln, über ihnen, unter dem rostroten Höhlengewölbe, wirbelten Rußwölkchen. Zwei junge Knechte wuchteten den dreieckigen Felsblock an seinen Platz; das Kampfgeräusch draußen ebbte ab.
'Wo ist Wilhelm?', fragte Cornelius.
'Ist er nicht da? Ständig strolcht er irgendwo herum. dann muss er halt sehen, wo er bleibt', murmelte Zsuzsanna.
Cornelius überkam bald der Schlaf. Er trat in blendendes Licht, sah einen steinalten Mann, an allen zehn Fingern hatte er Krallen wie Messerklingen. Aus Holzstücken kehlte er Tierfiguren heraus, die lebendig wurden und an der Waldlichtung spielten. Der Liebegott-Onkel!, dachte er.
Großvater Czuczor redete mit Gáspár Dobruk, dem Hufschmied, der stark hinkte und so für jegliche militärische Verwendung als untauglich galt. Der wusste, dass weder die Kurutzen noch die Labanczen in Varasd wüteten, sondern die Freischärler von Farkas Balassi, und die kennen nicht Gott noch Mitmensch, ihnen geht es nur ums Plündern und Brandschatzen.
'Dann sollten wir ihnen wohl aushändigen, was sie verlangen!', sagte Großvater Czuczor.
Gáspár Dobruk riss die Augen auf: 'Seid Ihr von Sinnen, freiwillig das hingeben, wofür wir all die Jahre gerackert haben?'
'So werden sie sich's nehmen.'
Ein Schuss, ziemlich nah. Zsuzsanna begann zu schluchzen.
'Pst!', zischte Großvater Czuczor.
Da kauerten sie, die letzten Einwohner von Kos, den Atem anhaltend, betend, aneinandergedrängt, in der Alten Höhle. Dass Gott uns Barmherzigkeit erweisen möge, betete Großvater Czuczor. Indessen zog die Vorhut der Freischar des Farkas Balassi, von Hundegekläff verfolgt, die Hauptstraße des Dorfes entlang, von Garten zu Garten. Die Rösser führten sie an den Zügeln und durchstöberten mit gezogenen Säbeln die Gehöfte, wollten ihren Augen nicht trauen, dass keine Menschenseele zurückgeblieben war. Schlösser und Riegel schlugen sie mit ihren Äxten herunter. Balassi hatte ihnen das Dorf zum Plündern freigegeben.
[Die Gemeinde Kos im Ungarland ward, bald nachdem wir daselbst anno domini 1705 im Mond des Heiligen Georg eingetroffen, wie auch anno 1706 erbärmlich verheeret, fünfmal, dreimal durch Kurutzen, zweimal durch Labanczen. Von den 74 Gehöften ward wohl der dritte Teil gebrandschatzet oder verwüstet und ist zusammengefallen, ein ander Drittel verwaiset, da die Inwohner Haus und Hof zurückgelassen, um sich in friedvollere Gefilde zu flüchten. Auf diese Weis sind Lebensfreud und munteres Treiben in der Ortschaft gänzlich getilget. Brach liegen großenteils Äcker und Feld, das Vieh um Haus und Hof hat an Zahl stark abgenommen. Als wir für die erste Nachtruh auf dem Gut Quartier genommen, frug mich Cornelius, mein Enkel, noch dazu auf Deutsch, ob wir nicht tunlichst wieder heimkehren solln. Was wir selbst uns hinfüro öfter gefraget.]
So stand es am Anfang der Aufzeichnungen in Großvater Czuczors leinengebundenem Tagebuch, einem Geschenk seiner Tochter Zsuzsanna. Deutsch, Slowakisch und Ungarisch waren ihm gleichermaßen geläufig, geschrieben aber hatte er bislang nur in Deutsch. Ins Heimatland zurückgekehrt, beschloss er, die Aufzeichnungen fortan in seiner Muttersprache zu machen. Sicherlich hatte er den Wunsch, dass sein Enkel Cornelius sie einmal lesen könnte, wenn er erst herangewachsen war. Mit einer Planwagen-Karawane kamen die drei aus Bayern, wohin sich Großvater Czuczor und sein Bruder nach dem aufsehenerregenden Wesselényi-Komplott, wie man es nach dem Hauptverschwörer nannte, geflüchtet und wo sie sich niedergelassen hatten. Die Brüder Czuczor waren immer dabei geblieben, dass sie keinerlei Verbindung zu den Geheimbündlern gehabt; doch vergeblich, gefälschte Briefe hatten sie belastet, und so wurden sie gerichtlich belangt, ihr Vermögen ward alsbald konfisziert, vielleicht hätte es sie auch den Kopf gekostet, wären sie nicht augenblicklich außer Landes geflohen. In der Fremde fand sich Gelegenheit, das Drucker- und Buchbinderhandwerk zu erlernen und eine Offizin zu gründen. Späterhin betätigten sie sich auch als Akzidenzsetzer. In der damaligen Handwerksrolle von Thüningen wurden sie als die Gebrüder Czuczor geführt.
Großvater Czuczor konnte sich mit dem windigen und gewitterreichen Landstrich nie recht anfreunden, auch nicht mit dem bierdurstigen Volk der Bayern; argwöhnisch suchte er für die häufigen Todesfälle in der Familie die Schuld bei ihnen. So war es kein Wunder, dass er, als ihn die Kunde vom Patent des Regierenden Fürsten erreichte, in die Offizin stürzte, wo der Bruder gerade beim Reparieren der Linien war. 'Wir können unseren Vagabundenranzen schnüren!', schrie er ihm schon von der Treppe zu. Zeigte ihm die Zeilen im verknitterten Exemplar des lateinisch geschriebenen Mercurius Hungaricus. 'Wir können wieder zurückgehen und uns in einem der entvölkerten ungarischen Dörfer niederlassen.'
[Nichts konnte den Bruder bewegen, mit uns heimwärts zu ziehen, selbiger wollte lieber bleiben im eingewöhnten Thüningen, um die Offizin weiterzuführen. Kunde haben wir seit dazumal von ihm nicht mehr gehabt. Voll Sorge ist Zsuzsanna um Klein-Cornelius, dem Buben mangelt es in diesen Nothzeiten - er ist noch keine fünf - an hinreichend Essen, an Eiern und Fleisch.]
Auf verschlungenen Wegen heimgekehrt, richteten sie sich in dem ihnen zugewiesenen Gehöft am unteren Ende von Kos recht und schlecht ein. Großvater Czuczor hat sogleich hinter den Rosenstöcken am Ende des Gartens sein mitgebrachtes Geld vergraben und das Versteck weder dem Enkelsohn noch seiner Tochter verraten. Nur Wilhelm, der aus Thüningen mitgekommene Knecht, er musste beim Vergraben Hand anlegen, hat darüber Bescheid gewusst.
'Wilhelm, nie und keiner Seele darf Er je etwas davon sagen! Hat Er mich verstanden?'
Großvater Czuczor drohte ihm mit eindeutiger Handbewegung: den Hals werde er ihm umdrehen, sollte er es jemals irgendwem verraten.
'Ja, Herr!', entgegnete das Bürschchen, wie es jede Aufforderung mit diesem an Hundeblaffen erinnernden Laut quittierte. Sein Ungarisch reichte nur zum gestotterten 'Janapott!'.
Cornelius wurde von den anderen Buben wegen seiner dünnen strohblonden Haare und der Segelohren gehänselt, gelegentlich auch wegen der deutschen Brocken, die er in sein Ungarisch mischte. Dabei hatte der Enkel sich schnell mit der Sprache der Einheimischen angefreundet, auch wenn die unruhigen Zeiten gewiss nicht zum Lernen angetan waren. Unheilkündende Nachrichten drangen von überall her.
Das schmächtige Bübchen litt ständig Hunger, schloss sich aber doch nicht den lärmenden Dorfrangen an, die trotz elterlicher Drohungen in den Feldern und im Wald herumstromerten und immer wieder etwas aufstöberten, was sie für essbar hielten. Cornelius suchte die Gesellschaft des Großvaters, hing stundenlang im Vorderhaus herum, wo der alte Czuczor die mitgebrachten Buchdruckerwerkzeuge untergebracht hatte. Der Kleine gab sich Mühe, nützlich zu sein, doch meist ging etwas schief, es fehlte ihm jetzt wie auch in späterer Zeit an der nötigen Handfertigkeit. Ein Blinder weist dem Lahmen den Weg, dachte Großvater Czuczor, seine Finger wurden immer steifer, und sie zitterten auch schon allzu sehr. Den Nagel des rechten Daumens schnitt er nicht mehr, machte ihn zu einem langen spitzen Werkzeug, mit dem er die Lettern schneller aus den Fächern des Setzkastens fischen konnte. Doch in letzter Zeit hat sich der Nagel oft der Länge nach gespalten, war bestenfalls noch zum Kopfkratzen gut.
'Geh zu deinen Kameraden, spielen!'
Der Bub folgte nicht: 'Erzähl mir was!'
Großvater Czuczor seufzte tief und begann: 'Meinem seligen Vater, Szaniszló Czuczor von Felsofenyves, wurde - du weißt das vielleicht gar nicht - von György I. Rákóczi für seinen tollkühnen Einsatz beim Feldzug gegen Wien das Adelsprädikat verliehen.'
'Das weiß ich schon lange. Erzähl mir lieber von Mama, von damals, als sie klein war! Und von ihrer Mama!'
Großvater Czuczor schüttelte den Kopf. Es schmerzte ihn immer noch. In Thüningen hatte er sich eine rechtschaffene Frau zum Eheweib genommen. Die stille, fleißige Gisela brachte ihm sechs Kinder zur Welt, die - bis auf Zsuzsanna, das jüngste - schon kurz nach der Geburt ihre armen Seelen in die Hand des Schöpfers zurückgaben. Die sechs Geburten haben Gisela gänzlich aufgezehrt, und so ist ihr Lebensfaden bald gerissen. Großvater Czuczor war aus Gram früh ergraut. Den schmächtigen Körper der damals dreijährigen Zsuzsanna hat er allmorgendlich verzweifelt an sich gedrückt: 'Wenigstens du sollst mir bleiben, mein Kleines!'
Das Mädchen blinzelte dann erschrocken: 'Was sagst du, Vater?' Ungarisch verstand sie noch nicht.
'Ach, du musst mir bleiben, mein Kind! Ich hab doch nur dich!'
Zsuzsanna war in den allzu schnell verflogenen fünfzehn Jahren zu einer schmucken, schlanken Jungfer herangewachsen und wurde dann, wie dies zu geschehen pflegt, die Ehefrau des Péter Csillag, Spross einer ebenfalls aus Ungarn ausgezogenen Familie. Doch der arme Péter konnte die Freuden des Ehestands gerade sechs Monate genießen, er stürzte bei der Jagd vom Pferd und schlug mit dem Kopf auf einen Baumstumpf auf, verlor das Bewusstsein und erlangte es nicht mehr wieder, bis er als lebendiger Toter nach zwei Wochen seine Seele aushauchte.
'Warum erzählt Ihr nicht endlich, Großvater?'
Der Alte begann mit einer Geschichte, die man ihm selbst als Kind erzählt hatte: Cornelius' Ururgroßvater, Boldizsár Czuczor, der teufelsflinke Kunstmaler, tat sich vor allem in der Porträtmalerei hervor. Sein Gedächtnis soll so geschärft und einzigartig gewesen sein, dass es ihm genügte, jemandem einmal zu begegnen, um sich die Physiognomie derart einzuprägen, dass er, ohne ihn wiederzusehen, sein Kopfbild malen konnte. Seine Ehefrau, die wegen ihrer natürlichen Anmut über die Grenzen hinaus bekannte Katharina, kam mit ihrem liebreizenden Köpfchen häufig auf die Leinwand des Boldizsár Czuczor. Nur ein Abbild der ehelichen Treue ließ sich von ihr nicht formen. Boldizsár hat sie einmal mit einem Offizier, der vorübergehend in der Garnison der Stadt stationiert war, überrascht. Als er die eindeutige Situation erfasste, schloss er artig die Tür zur Schlafkammer, indem er den Aufgeschreckten zurief: 'Nur zu, vergnügt euch recht schön!' Die Überraschten beratschlagten kurz, und sobald der Schrecken gewichen war, folgten sie dem Rat. Am nächsten Morgen ließ ihnen Boldizsár Czuczor ein üppiges Frühstück auftragen und bat den Herrn Offizier ins Badhaus. Hier übergoss er dessen nackten Corpus von oben bis unten mit grüner Farbe. Der Fall soll an die Öffentlichkeit gedrungen sein, weil der bekleckste Rittmeister sich das Grün mit keinerlei Mittel von der Haut abwaschen konnte. So gut es ging, verkroch er sich in seiner Unterkunft. Demütig schickte er schließlich nach dem gehörnten Ehemann und flehte inständig, jener möge ihm das Geheimnis dieser Farbe mitteilen, denn so besudelt könne er sich nirgends mehr sehen lassen und wäre das Gespött der Welt. Czuczors Antwort: 'Herr Offizier, Ihr habt Schande über mich gebracht, die sich mit keinerlei Mittel von mir abwaschen lässt. So ist es nur gerecht, dass Ihr mein Schicksal teilet!'
'Aber Großvater, beim letzten Mal hat er auch die Frau grün angemalt!'
'Wie?'
'Ihr habt es anders erzählt, Großvater. und der Herr Boldizsár hat auch nicht gesagt: Vergnügt euch recht schön!'
'Was sonst?'
Mit tiefer, krächzender Stimme den Großvater nachahmend: 'Habt Euren Spaß mitsamm!'
Großvater Czuczor kratzte sich am Kopf: 'Mag schon sein.' Der Enkel hat ihn nicht zum ersten Mal mit seinem scharfen Gedächtnis in Staunen versetzt. Kürzlich erst wollte er die Zahlen wissen und kann jetzt nur nach dem Hörensagen schon bis hundert zählen, hat die Ziffern sogar ins festgewordene Wachs auf dem Boden des Schaffs geritzt. 'Mir scheint, du gerätst deinem Ururgroßvater Boldizsár nach.'
'Ja, weil auch ich mir ganz genau merken kann, was ich sehe.'
'Kannst du das?', Großvater Czuczor hielt ihm die linke Hand vor die Augen. 'Dann sag schnell, was du alles auf dem Regal gesehen hast.'
Cornelius rief sich das Bild des Arbeitstischs - den Großvater Regal nannte - ins Gedächtnis und sah ihn genau vor sich.
Er hakte nur ab, während er mit heller Stimme aufzählte: '2 Winkel, 4 Knäuel Bindfaden, 1 Handpresse, 1 Schneidemaschine, 1 Papierzwinge, 2 Grabstichel, 30 Linien nach Maß, 2 Dutzend Stege, 3 Kästen mit Schublädchen, darin die Lettern und Spatien, 7 Bücher, ein paar hundert bedruckte Blätter, 1 Okular und 2 Vergrößerungsgläser, 2 runde Döschen mit Euren Pillen, die Ihr heute noch nicht eingenommen habt, dann das Tagebuch, daneben Tintenfass und 4 Federkiele. und eine Fliege' - er hielt inne.
'Woher kennst du Winkel, Linien und Handpresse?'
'Hab ich gehört, und Ihr habt es ja auch ins Buch geschrieben!'
Es dauerte eine Weile, bis Großvater Czuczor sich entsinnen konnte, dass er seine Gerätschaften tatsächlich aufgelistet hatte, bevor er sie damals in die Kiste packte. 'Heißt das, du kannst lesen?'
'Kann ich, ja!', Cornelius zog eines der bedruckten Blätter zu sich heran und begann den Text langsam, aber bestimmt und dazu getreulich zu lesen. Großvater Czuczor klemmte sein Okular auf die Nase und verfolgte mit seinen Augen die so wertvollen Zeilen.
[DURCH UNSERN ALLERGNÄDIGSTEN HERRN,
DEN HOCHWOHLGEBORENEN FÜRSTEN FRANZ RAKOCZI DE FELSÖ VADASZ:
Von den schweren Leiden unseres Volkes und unserer lieben Heimat unter der grausamen Herrschaft der deutschen Nation sowie den ungerechten Leiden seiner erlauchten Person:
Der gesamten christlichen Welt UNTERBREITET MANIFEST von der Unschuld der ungarischen Waffen, ergriffen für die Befreiung vom Joch des Hauses Austria, das zuerst auf Lateinisch und nun in ungarischer Sprache neu herausgegeben ward.]
An das zerknüllte Exemplar dieses Manifestes vom Regierenden Fürsten war Großvater Czuczor in einer Schenke in Thüningen gelangt. Reisende aus der Heimat hatten es ihm überlassen. Er hegte den Plan, den Text ebenfalls abzudrucken.
Plötzlich riss er sich von der Vergangenheit wieder los. Großer Gott, dachte er, das Bübchen zählt gerade vier Jahre und weiß ohne Stocken zu lesen!
'Hat einer von deinen Kameraden dir das beigebracht?'
'Nein.'
'Wer sonst?'
'Niemand. ganz von selbst hab ich's gelernt.'
'Stimmt das wirklich?'
'Stimmt bestimmt., hab mir immer die Blätter mit den Buchstaben angeguckt, und auf einmal konnte ich sehen, dass die Lettern nicht gleich sind. Warum, Großvater, steht da manchmal ein f, wo doch ein s sein sollt'?'
'Nur wo ein Doppelbuchstabe, also ein ungarisches sz steht.'
'Ja, aber bei Auftria?'
'Nun ja. auch da sollte das sz stehen, das z hat man vergessen.' Großvater Czuczor kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, er selbst hat seine Augen unzählige Male auf das Deklarationspapier gerichtet und diesen Lapsus nicht bemerkt. Aus dem Buben könnte ein erstklassiger Corrector werden, dachte er. Rief seine Tochter herbei: 'Schau Zsuzsanna, was der kleine Lausbub schon alles versteht!'
Cornelius setzte noch einmal an:
'DURCH UNSERN ALLERGNÄDIGSTEN HERRN, DEN HOCHWOHLGEBORENEN FÜRSTEN FRANZ RAKOCZI DE FELSÖ VADASZ. Großvater, warum ist auf dem A und dem O kein Strich?'
'Was für ein Strich?', Zsuzsanna schob ihren Kopf näher an das Blatt.
'Auf Kapitalbuchstaben tun die Striche nicht not, allenfalls auf Ä oder Ö.'
'Was sind denn Kapitalbuchstaben?', fragte Zsuzsanna.
'Titelbuchstaben', sagte Großvater Czuczor, nicht ohne tadelnden Unterton. So viel hätt' sie in all den Jahren doch lernen können. Zsuzsanna war trotz mehrerer Versuche ihres Vaters des Schreibens unkundig geblieben. Der kleine Cornelius hatte, Gott sei's gedankt, zum Glück nicht den Kopf seiner Mutter geerbt.
[Mein Enkelsohn Cornelius hat entziffert, was ich aufnotieret, ihn darob zu tadeln, unterließ ich tunlichst, war doch meine Verwunderung allzu groß, dass er selbst das Buchstabiren einstudieret. Und mit dem Worte weiß er umzugehen. Ob er nicht dereinst ein Prediger oder Professor könnte sein? Wären die Zeiten nicht wie sie sind, so wollt ich mit ihm nach Enyed oder Nagyszombat gehen, dass Leute von Profession sich seiner annähmen. Doch das Reisen birgt vielerlei Gefahr, jeder Schritt aus dem Dorf bedroht unser Leben. Sie sagen, kaum einen Tagesmarsch von hier soll das Heer der Kurutzen mit dem der Labanczen zusammentreffen. Welcher von denen dann in die Flucht geschlagen, der könnte plündernd und brandschatzend unsern Weg hier kreuzen, und ein geschlagen rennendes Kriegervolk kennt keine Gnade.]
Zu nachtschlafender Zeit ward es taghell. Großvater Czuczor sprang auf, lief in den Garten, um nachzusehen, ob auch die Nachbarschaft schon auf den Beinen sei; aus dem Schlaf gerissen, hatte er vergessen, dass die angrenzenden Gehöfte schon seit längerem unbewohnt waren. Unten im Tal loderten Brände, im rötlichen Lichte zeichnete sich die Linie des Horizontes fast bis Varasd ab.
Auch Zsuzsanna stürzte herbei, den weinenden Knaben auf der Schulter, das seit Tagen gerichtete Bündel mit dem wenigen, was sie zu beißen hatten, etwas Wäsche zum Wechseln, Kerzen und ein paar anderen zum Leben notwendigen Dingen am Arm. 'Kommt schon!', schrie sie dem Vater zu. Großvater Czuczor rannte ins Haus zurück, zog hastig die Stiefel an, warf sich den Überrock um und nahm den Hut, er griff sich sein Bündel und das Tagebuch, im Wegrennen wagte er noch einen letzten Blick auf das Haus, dort musste er seine liebsten Utensilien zurücklassen. Ob ich sie unbeschadet wiedersehe? Er eilte hinaus auf die Straße, die links zum Kahlen Berg hinauf abbog.
Alle Dorfbewohner rannten in diese Richtung; bei Gefahr hat die Alte Höhle immer Schutz geboten. Durch einen Spalt ging es in den Fels hinein. Der Einstieg ließ sich mit einer dreieckigen Felsplatte so verrammeln, dass niemand, der hier fremd war, ahnen konnte, was sich dahinter verbarg. Die tief in den Berg führende, wie eine Birne geformte Höhle soll schon seit Urzeiten eine menschliche Wohnstatt gewesen sein. Den Kindern von Kos hat man immer mit dieser finsteren Grotte Angst gemacht. 'Wer nicht folgen mag, wird in die Alte Höhle gesperrt!'
Bis Großvater Czuczor samt Tochter und Enkel hier eintraf, hatten sich die anderen bereits eingerichtet, wollten nicht gern für die Neuankömmlinge zusammenrücken. Der Argwohn gegenüber Fremden, also auch gegen die Czuczors, hat sich im Dorf noch nicht gelegt. Über Zsuzsanna - wie auch über andere Witfrauen - war anzüglicher Klatsch im Umlauf, vom Alten munkelte man, dass er mit dem Teufel im Bunde sei; sein ungestalter Daumennagel galt als Beweis dafür. In der Höhle drinnen flackerten ein halbes Dutzend Kerzen und zwei Ölfunzeln, über ihnen, unter dem rostroten Höhlengewölbe, wirbelten Rußwölkchen. Zwei junge Knechte wuchteten den dreieckigen Felsblock an seinen Platz; das Kampfgeräusch draußen ebbte ab.
'Wo ist Wilhelm?', fragte Cornelius.
'Ist er nicht da? Ständig strolcht er irgendwo herum. dann muss er halt sehen, wo er bleibt', murmelte Zsuzsanna.
Cornelius überkam bald der Schlaf. Er trat in blendendes Licht, sah einen steinalten Mann, an allen zehn Fingern hatte er Krallen wie Messerklingen. Aus Holzstücken kehlte er Tierfiguren heraus, die lebendig wurden und an der Waldlichtung spielten. Der Liebegott-Onkel!, dachte er.
Großvater Czuczor redete mit Gáspár Dobruk, dem Hufschmied, der stark hinkte und so für jegliche militärische Verwendung als untauglich galt. Der wusste, dass weder die Kurutzen noch die Labanczen in Varasd wüteten, sondern die Freischärler von Farkas Balassi, und die kennen nicht Gott noch Mitmensch, ihnen geht es nur ums Plündern und Brandschatzen.
'Dann sollten wir ihnen wohl aushändigen, was sie verlangen!', sagte Großvater Czuczor.
Gáspár Dobruk riss die Augen auf: 'Seid Ihr von Sinnen, freiwillig das hingeben, wofür wir all die Jahre gerackert haben?'
'So werden sie sich's nehmen.'
Ein Schuss, ziemlich nah. Zsuzsanna begann zu schluchzen.
'Pst!', zischte Großvater Czuczor.
Da kauerten sie, die letzten Einwohner von Kos, den Atem anhaltend, betend, aneinandergedrängt, in der Alten Höhle. Dass Gott uns Barmherzigkeit erweisen möge, betete Großvater Czuczor. Indessen zog die Vorhut der Freischar des Farkas Balassi, von Hundegekläff verfolgt, die Hauptstraße des Dorfes entlang, von Garten zu Garten. Die Rösser führten sie an den Zügeln und durchstöberten mit gezogenen Säbeln die Gehöfte, wollten ihren Augen nicht trauen, dass keine Menschenseele zurückgeblieben war. Schlösser und Riegel schlugen sie mit ihren Äxten herunter. Balassi hatte ihnen das Dorf zum Plündern freigegeben.