Verraten
Thriller
Goldmann (Publisher)
Published on 15. November 2010
Book
Paperback/Softback
400 pages
978-3-442-47162-1 (ISBN)
Description
Ein Rächer aus Passion - professionell, schnell, unbeirrbar
Angehörige einer international operierenden kriminellen Organisation werden mehrmals von einem Unbekannten überfallen. Fieberhaft setzt die Vereinigung alles daran, den Mann auszuschalten. Die Fotografin Susan Staal hingegen kämpft mit einem Problem privater Natur. Seit zwei Jahren lebt sie nur noch von einer E-Mail Sil Maiers zur nächsten. Sie hat sich in den charimatischen Sil verliebt, und dieser teilt ihre Gefühle auch, will seine Frau Alice jedoch nicht verlassen. Alice ihrerseits hat das Ziel, Fernsehmoderatorin zu werden. Dafür ist sie bereit, alles zu tun. Doch dann ereignet sich ein tragischer Unfall, und die Ereignisse spitzen sich zu.
Angehörige einer international operierenden kriminellen Organisation werden mehrmals von einem Unbekannten überfallen. Fieberhaft setzt die Vereinigung alles daran, den Mann auszuschalten. Die Fotografin Susan Staal hingegen kämpft mit einem Problem privater Natur. Seit zwei Jahren lebt sie nur noch von einer E-Mail Sil Maiers zur nächsten. Sie hat sich in den charimatischen Sil verliebt, und dieser teilt ihre Gefühle auch, will seine Frau Alice jedoch nicht verlassen. Alice ihrerseits hat das Ziel, Fernsehmoderatorin zu werden. Dafür ist sie bereit, alles zu tun. Doch dann ereignet sich ein tragischer Unfall, und die Ereignisse spitzen sich zu.
More details
Language
German
Dimensions
Height: 18.7 cm
Width: 11.8 cm
ISBN-13
978-3-442-47162-1 (9783442471621)
Schweitzer Classification
Other editions
Additional editions

Persons
Esther Verhoef, 1968 im niederländischen 's-Hertogenbosch geboren, ist eine der erfolgreichsten Autorinnen der Niederlande. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Niederländischen Thrillerpreis (den sie als erste Holländerin nach Autoren wie Nicci French, Dan Brown und Henning Mankell gewann) sowie dem Niederländischen Krimipreis.
Content
Drei Jahre zuvor
Er hatte beim Schießtraining schon mal besser abgeschnitten, aber dennoch war Harry an jenem Abend recht zufrieden mit sich. Er winkte den Leuten an der Bar zu, die er als seine Freunde ansah, und trat hinaus in die Dunkelheit. Die Straße war verlassen. Er zog die Waffe aus dem Schulterholster. Eine Heckler & Koch Mark 23 SOCOM. Die Pistole glänzte matt im Licht der Straßenlaternen. Sie war voll geladen. Zwölf blanke.45 ACP Patronen warteten ordentlich in einer Reihe darauf, dass er den Abzug betätigte.
Aber er durfte nicht.
Nur wenn er und seine Freunde noch ein Weilchen allein zurückblieben, nachdem die Sportschützen bereits nach Hause gegangen waren, wurden die lästigen Regeln über Bord geworfen, und es ging so richtig zur Sache.
Vor einem Monat hatte er seine neue Waffe zum ersten Mal herumgezeigt. Die Erinnerung daran brachte ihn zum Lächeln.
Sie hatten sich um ihn geschart. Sich im Stillen gefragt, ob er wirklich der war, der er vorgab zu sein. Hatten ihn plötzlich mit anderen Augen gesehen. Kein Wunder, denn es war äußerst schwierig, an ein solch edles Stück wie diese HK heranzukommen.
Die Mark 23 war in den i990er-Jahren für die Spezialeinheit des amerikanischen Militärs entwickelt worden, das United States Special Operations Command, kurz SOCOM.
Produziert wurde sie in Deutschland, im Auftrag des Pentagons. Inzwischen war die Waffe schon seit geraumer Zeit bei den Navy Seals und den Rangers in Gebrauch - den richtig harten Jungs.
Und jetzt besaß auch Harry eine.
Er drehte die Waffe in der Hand hin und her, fuhr mit dem Daumen über die eingravierten Buchstaben und Ziffern auf dem Lauf. Er hätte sie im Schlaf aufsagen können. Er betrachtete das Gewinde an dem verlängerten Lauf, befühlte die Vertiefungen im Gehäuse. Man konnte alles Mögliche an der Pistole anbringen, Schalldämpfer, Taschenlampe, Infrarotlaser. Einen Schalldämpfer hatte er bereits aufgetrieben. Ein schweres Ding, siebenhundert Gramm, mit einer ziemlich unpraktischen Länge von vierundzwanzig Zentimetern. Mit Schalldämpfer besaß die Waffe eine Gesamtlänge von fast fünfzig Zentimetern und wog mit vollem Magazin über zwei Kilo. Da hatte man wenigstens etwas in der Hand. Kein Vergleich zu der Glock 17, für die er einen offiziellen Waffenschein besaß und die zu Hause in seinem Tresor verstaubte. Damit lief doch jeder Bauerntrampel herum.
Er steckte die HK zurück in sein Schulterholster und begann zu pfeifen. Obwohl es kalt war, ging er langsam. Heimlich hoffte er, dass ihn jemand belästigen würde. Dass einer von diesen Junkies versuchen würde, ihn auszurauben. Dann würde er in einer einzigen fließenden Bewegung seine HK ziehen - und dann würde er mal gerne das Gesicht des Typen sehen, der meinte, er könne ihm etwas anhaben! Tja, der hätte ihn wohl ganz schön unterschätzt. Wie ihn so viele unterschätzten. Zu Hause und bei der Arbeit.
Dass er nicht gerade markig aussah, wusste er selbst. Mit gut hundert Kilo bei knapp einem Meter siebzig und einer beginnenden Glatze liefen einem weder die Frauen in Scharen hinterher noch wichen andere Männer respektvoll vor einem zurück. Konnte man aber im rechten Moment eine Waffe ziehen, sah die Sache schon anders aus. Dann war man wer, dann wurde man respektiert. Allein die Vorstellung war erhebend. Er blickte sich um, doch weit und breit war kein Angreifer in Sicht. Schade.
Er suchte in seiner Jackentasche nach einem Marsriegel, den er auf dem Hinweg in einer Imbissbude gekauft hatte. Er zögerte einen Moment. Seine Frau meinte, er solle Diät halten. Das hatte er sich auch fest vorgenommen. Aber damit konnte er ein andermal anfangen. Er riss die Verpackung auf, warf das Papier achtlos auf die Straße und schob sich fast den ganzen Riegel auf einmal in den Mund. So schmeckten sie ihm am besten.
Er hatte seinen Verfolger nicht kommen hören und so dauerte es einen Moment, bis er begriff, dass der plötzliche Druck auf seiner Kehle von einem Arm verursacht wurde. Der Arm gehörte zu einem Körper, der größer war als seiner. Und muskulöser. Der Druck war so stark, dass er schwarze Flecken sah. Er bekam kaum noch Luft. Bei dem Versuch, Atem zu schöpfen, fiel ihm der Schokoriegel aus dem Mund und hinterließ eine braune, glitschige Spur auf seiner hellblauen Jacke, bis er über die dickste Stelle seines Bauches hinwegrutschte und mit einem leisen Plumps vor ihm auf dem Bürgersteig landete.
Er spürte den Lauf einer Pistole am Hinterkopf. Der Druck auf seiner Kehle ließ nach. Dankbar sogen sich seine Lungen voll mit frischem Sauerstoff.
'Deine Waffe, wo hast du sie?', fragte eine Männerstimme hinter ihm.
'In _ in meinem Schulterholster.'
'Schalldämpfer?'
'Jackentasche. In meiner Jackentasche.'
'Munition?'
'Auch.'
Der Angreifer griff in Harrys Jackentasche und zog den Schalldämpfer heraus. Eine Sekunde später hatten zwei Schachteln Munition (ACPs) den Besitzer gewechselt. Dann sagte der Mann: 'Zieh die Jacke aus. Nicht umdrehen! Eine falsche Bewegung und ich knalle dich ab!'
Der Mann nahm den Arm weg, und Harry musste husten. Anschließend zog er ganz langsam seine Jacke aus und ließ sie zu Boden fallen.
'Hände hinter den Kopf! Und immer schön langsam.'
Harry nickte zum Zeichen, dass er verstanden hatte und keine Dummheiten machen würde. Er faltete die Hände hinter dem Kopf. Prompt drückte der Angreifer ihm die Pistole in das weiche Rückenfett. Harry fühlte, wie sein Schulterholster abgeschnallt wurde, wagte aber nicht zu protestieren.
Der Pistolenlauf wurde zurückgezogen. Gleich darauf hörte Harry Schritte, die sich in schnellem Tempo entfernten.
Dennoch behielt er vorerst die Hände hinter dem Kopf. Seine Augen waren weit aufgerissen. Erst viele endlose Minuten später wagte er es, sich umzublicken.
Er war allein.
Er hob seine Jacke auf und sah, wie etwas herunterfiel. Es war ein etwa zwanzig Zentimeter langes Stück Metallrohr.
'Scheiße!', rief er.
Aber niemand hörte ihn.
Susan betrat mit einer großen Tasse frisch aufgebrühtem Kaffee ihr Arbeitszimmer und setzte sich an den PC. Sie war froh, dass der Jetlag allmählich nachließ. Die bohrenden Kopfschmerzen von gestern waren einem leichten Schwindelgefühl gewichen. Sie konnte sich einfach nicht daran gewöhnen, dutzende Zeitzonen in knapp vierundzwanzig Stunden zu überwinden. In dieser Hinsicht war ein Flug von Australien nach Europa so ziemlich das Übelste, was einem passieren konnte.
Gespannt klickte sie das Explorer-Icon an und loggte sich bei Hotmail ein. Musste gleich darauf ihre Enttäuschung hinunterschlucken. Ihre Mailbox war leer. Aber sie wollte die Hoffnung nicht aufgeben. Vielleicht kam ja heute Abend noch eine E-Mail.
Ihr Blick wanderte über die Ordner auf dem Regalbrett über dem PC und blieb schließlich an der dritten Mappe von links hängen. Auf dem Rücken stand mit dicken Filzstiftbuchstaben Sagittarius, der Name von Sils Firma, der auch den ersten Teil seiner E-Mail-Adresse bildete. Die Mappe enthielt über hundert E-Mails, manche nur eine halbe DIN-A4-Seite lang, andere achtmal länger. Sie hatte sie ausgedruckt und sorgfältig geordnet. Speziell zu diesem Zweck den Ordner angelegt. Zugleich war sie sich bewusst gewesen, dass ihr Verhalten etwas Zwanghaftes hatte. Doch sie konnte sich einfach nicht dagegen wehren. In den vergangenen zwei Jahren hatte sie von einer Nachricht Sils zur anderen gelebt.
Zwei Jahre, in denen sie an fast nichts anderes hatte denken können.
Sie schaute hinaus. Kaum eine Wolke am Himmel; die Sonne tauchte die Stadt in ein gelblich orangefarbenes Licht. Mildes Herbstwetter in 's-Hertogenbosch. Sie ging ins Wohnzimmer und öffnete die Glasschiebetür, stellte zwei Klappstühle auf und setzte sich hin, den Kaffeebecher in den Händen.
Hier auf der Rückseite des jahrhundertealten Häuserblocks schien die Zeit stillzustehen. Zu dieser Stunde hörte man nur Vogelgezwitscher und dann und wann das gedämpfte Knattern eines Mopeds. Sobald sie jedoch die Tür im Hauseingang hinter sich zuzog, war diese stille Welt plötzlich weit entfernt und eine pulsierende Hektik empfing sie, wie sie so alten Stadtteilen wohl eigen war.
Die Türklingel schreckte sie aus ihren Gedanken auf. Ein durchdringendes Summen. Sie hatte sich schon so oft vorgenommen, die Klingel auszutauschen, doch durch die vielen Reisen war sie nie dazu gekommen. Sie stand auf und öffnete die Tür. Renos dunkelblondes Haar hing ihm strähnig um das Gesicht. Er war klapperdürr und trug viel zu weite Kleidung, darunter gebrauchte Teile aus Armeebeständen, die aussahen, als seien sie zehn Jahre lang von einem schlampigen Anstreicher getragen worden. Sein kantiges Gesicht wurde von einer Narbe verunstaltet, die sich quer über den Wangenknochen zog. Sie stammte von einem Fall durch eine Glasscheibe. In dem halben Jahr, das sie in Australien verbracht hatte, hatte er sich kein bisschen verändert.
'Yo, San', sagte er.
'Yo.'
'Ich wollte mich nur nochmal bei dir bedanken', sagte er und überreichte ihr einen Strauß Astern, den er angesichts des
hastig darumgewickelten Zeitungspapiers entweder gerade auf dem Markt gekauft oder irgendwo geklaut haben musste.
'Du brauchst dich nicht zu bedanken, ich war doch froh, dass jemand auf meine Wohnung aufgepasst hat. War noch irgendetwas?'
'Nein, nichts Wichtiges', antwortete er. 'Ich bin auch nicht sehr oft hier gewesen. Aber es war ganz angenehm, hin und wieder in einem sauberen Bett zu schlafen.'
Sie ging in die Küche, um die Astern kürzer zu schneiden und in eine Vase zu stellen. Reno inspizierte den Kühlschrank und nahm sich ein kaltes Dosenbier heraus, mit dem er sich auf die kleine Dachterrasse verzog.
'Wo wohnst du denn zurzeit?', rief sie von der Küche aus.
'Bei Alex.'
Sie holte eine Dose Tonicwater aus dem Kühlschrank und setzte sich neben ihn.
'Alex?'
Sie hatte Alex nie gemocht. Warum, konnte sie nicht sagen.
'Alex ist schon in Ordnung', sagte er. 'Wie war's denn so in Down Under?'
'Normal. Das Übliche. Arbeitsam.' Sie hatte keine Lust, über Australien zu reden. 'Und wie klappt es mit Stonehenge?'
Er zuckte mit den Schultern und sagte: 'Nächsten Monat spielen wir im 013. Wir wissen nur noch nicht genau, welche Stücke', fügte er mit einem zynischen Unterton hinzu und trank einen Schluck von seinem Bier.
'Was soll das denn heißen?'
Er betrachtete nachdenklich die alte, efeubewachsene Stadtmauer, die die Sonnenstrahlen bis in die frühen Abendstunden von der Dachterrasse fernhielt.
'Alex will aus Stonehenge so was Ähnliches wie Rammstein machen.'
Sie runzelte die Stirn. Reno als Abklatsch des publikumsnahen, charismatischen Till Lindemann? Zwar besaß Reno eine starke Ausstrahlung, eine sehr starke sogar, aber keineswegs dieses Übermenschliche, fast Teuflische des RammsteinSängers. Das konnte man eher von Alex behaupten. Außerdem machte Reno eine andere Art von Musik.
Das alles passte nicht zusammen.
'Und was willst du?'
Er schüttelte den Kopf. 'Ich weiß nicht, wie das noch weitergehen soll', sagte er. 'Mir ist das alles viel zu durchgeplant. Alex meint, wir müssten unsere Songs stärker straffen. Sie sind ihm zu ausufernd.'
'Wenn er unbedingt eine andere Richtung einschlagen will, dann lass ihn doch seine eigene Band gründen.'
Wieder zuckte Reno mit den Schultern. 'Vielleicht tut er das sogar.'
'Und was sagen Jos und Maikel dazu?'
'Die richten sich ganz nach Alex. Du weißt doch, wie er sein kann.'
Sie nickte. Versuchte, dem Gespräch eine positive Wendung zu verleihen. 'Aber das ist doch ein sehr wichtiger Schritt für euch, im 013 aufzutreten, oder? Ist schließlich ein ziemlich großer Laden.'
'Aber ich weiß nicht, ob ich das wirklich will', erwiderte er leise. 'Nach meinem Gefühl ist da einfach zu viel Publikum. Aber Alex war nicht zu bremsen, du kennst ihn ja. Na ja, wir werden sehen.'
Mit unglücklicher Miene trank er noch einen Schluck von seinem Bier.
Sie wusste, was ihm solche Sorgen bereitete. Reno legte Wert darauf, dass seine Musik schwer verständlich war, er betrachtete sie als eine Art nonkonformistischer Kunst. Sobald zu viele Leute seine Musik zu verstehen glaubten, wurde sie von der Kunst zum Massenprodukt. Dann mussten Termine eingehalten werden, tauchte ein Manager auf, und ehe man sich versah, war Stonehenge eine Art Fabrik, und Reno wäre gezwungen, sein Produkt termingerecht zu liefern. Dann würde er parfümierte Briefe von vierzehnjährigen Mädchen erhalten - und hätte seinen Status als unverstandener Künstler verloren. Doch im Grunde, so glaubte Susan, hatte er Angst vor Veränderungen. Er lebte von einem Tag zum anderen. Wobei es in seinem Fall auch nicht ratsam war, allzu weit vorauszudenken.
'Ich würde es trotzdem machen, Reno. Egal, mit welchen Stücken. Die meisten Musiker würden sich um eine solche Chance reißen.'
Er verzog mürrisch das Gesicht und entgegnete: 'Ich bin nicht wie die meisten Musiker.'
'Das weiß ich. Und das schätze ich auch an dir. Aber trotzdem. Ich finde die Idee gar nicht so schlecht.'
Er sagte nichts.
Eine Weile lang saßen sie beide in Gedanken versunken da. Das Jaulen eines Mopedmotors hallte von der hohen Stadtmauer wider und erstarb nach und nach.
Er war ihr zu still. Sie schaute ihn von der Seite an. Sah den glasigen Blick in seinen Augen. Solche Momente der Abwesenheit, der Apathie fast kamen bei ihm öfter vor. Sie schrieb sie den Drogen zu, seiner Genialität, die von Zeit zu Zeit ganz plötzlich einen Kurzschluss verursachte, oder vielleicht auch einer Kombination von beidem. Sie stand auf, um die leeren Dosen wegzuwerfen, und wandte sich in der Tür noch einmal zu ihm um. Es war nicht schwer, das Kind in ihm zu erkennen, das er einmal gewesen war. Der zehnjährige Junge, der seine Eltern durch einen schrecklichen Autounfall verloren hatte und von einem Tag auf den anderen auf sich selbst gestellt war, inmitten einer feindlichen Umgebung, die ihm eigentlich Sicherheit und Verständnis hätte bieten sollen. Er war mit der Alltagsrealität nicht fertig geworden, die sicherlich härter gewesen war als die härtesten Musikstücke, die sein Geist hervorbrachte. Dass Susan mit vierzehn ihre Mutter verloren hatte, schuf ein Band zwischen ihnen.
In einer plötzlichen Anwandlung ging sie zu ihm hin und schlang die Arme um seinen mageren Körper. Sie legte das Kinn auf seinen Kopf, wiegte seinen Oberkörper langsam hin und her.
'Komm schon, Reno. Wach auf.'
Allmählich kam er wieder zu sich. Er legte seine knochigen Hände auf ihre und drückte sie sanft. Es steckte keine Erotik in der Bewegung oder der Berührung. Es war nur ein Moment der Verbundenheit. Zwei Menschen, die einander etwas bedeuteten.
'Eines Tages schreibe ich ein Stück über dich', sagte er heiser. 'Eine Ballade.'
Sie drückte seine Schulter und ging in die Küche. Summte vor sich hin. Sie empfand Renos Gesellschaft als inspirierend. Er scherte sich nicht um Äußerlichkeiten, Status oder Geld. Und niemand konnte Something in the way von Nirvana so gut interpretieren wie er, verhalten, mit geschlossenen Augen, eins mit seiner Gitarre. In diesen verträumten Momenten schien es, als sei Kurt Cobain selbst aus dem Jenseits zurückgekehrt, um eine letzte Zugabe zu spielen. Susan kriegte jedes Mal eine Gänsehaut. Sie war froh, dass sie Reno damals kennen gelernt hatte und dass sie sich, wenn auch unregelmäßig, bis heute trafen.
'Übrigens hast du einen neuen Nachbarn', verkündete er, als sie zurückkehrte.
'Ach ja?'
'Ja, er hat sich bei mir vorgestellt. Ich habe ihm gesagt, dass ich nicht der Richtige sei und er sich an dich wenden müsste. Netter Kerl. Wirst ihn schon noch kennen lernen.'
Später am Abend lud sie ihn in ein kleines Restaurant in ihrer Straße ein und stopfte ihn mit Steak und Paprika voll. Anschließend schaute er bei ihr noch ein bisschen fern und vernichtete dabei die restlichen Dosen Bavaria-Bier aus ihrem Kühlschrank. Gegen elf ging er, eine Wolke von Marihuanaqualm hinterlassend, der ihre Sinne unangenehm reizte, bis sie sich um zwölf Uhr wieder an den PC setzte.
Keine Nachricht von Sil.
Ihre Hände blieben wie eingefroren über der Tastatur hängen. Dann schüttelte sie den Kopf und fuhr den Computer herunter. Morgen vielleicht.
In der dunklen Stille ihres Schlafzimmers rang sie vergeblich darum, ihre Gedanken abzuschalten. In den letzten zwei Jahren hatte sie sich an diesen Zustand gewöhnt. An das weinerliche Selbstmitleid, das unweigerlich nachts angeschlichen kam. Wenn sie keine Ablenkung hatte. Der Schmerz, den sie so gut kannte und den ihr Körper begrüßte wie einen alten, vertrauten Freund.
Um vier Uhr lag sie immer noch hellwach im Bett.
'Das ist doch Wahnsinn', sagte sie laut.
Sie setzte sich auf und stieg aus dem Bett. Schaltete das Licht im Wohnzimmer ein und dimmte es bis auf eine erträgliche Helligkeit. Ging in die Küche und setzte Teewasser auf. Während der Wasserkocher summte, schaltete sie im Arbeitszimmer den Computer ein. Sie kehrte in die Küche zurück und bereitete sich eine Tasse Tee zu. Zwei Stückchen Zucker und ein tüchtiger Schuss Milch. Sie setzte sich aufs Sofa und dachte an ihre erste Begegnung mit Sil vor zwei Jahren zurück. Eine Begegnung, die ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt und ihr eine krankhafte Beziehung zu ihrem PC eingetragen hatte.
Ein Reisemagazin hatte sie beauftragt, eine Fotoreportage über den Tourismus im ägyptischen Badeort Hurghada durchzuführen. Sie hatte eine einwöchige Standard-Pauschalreise gebucht, aber ziemlich bald festgestellt, dass drei Tage Aufenthalt mehr als genug gewesen wären. Was den Urlaubern als historisches Ziel angepriesen wurde, erwies sich als kilometerlange Kette hastig hochgezogener Hotelkomplexe und Ressorts entlang einer zweispurigen Asphaltstraße, eingebettet zwischen der endlosen Wüste und dem Roten Meer. Den zehntausenden deutschen, russischen und niederländischen Feriengästen, die nicht zum Tauchen oder Schnorcheln hierher gereist waren, blieb nichts anderes übrig, als sich mit der Situation abzufinden. Und abfinden bedeutete an der ägyptischen Küste zum Beispiel, an zahmen Exkursionen zu den Beduinen teilzunehmen, zu versuchen, tagsüber nicht von der Sonne gegrillt zu werden, und sich abends mit dem guten lokalen Stella-Bier volllaufen zu lassen, während man das Animationsprogramm verfolgte, das verdächtig nach einem bunten Abend für das Hotelpersonal aussah.
Was es wahrscheinlich auch war.
Susan hatte die mit Maschinengewehren bewaffneten Wachen auf den Mauern rund um den immensen Fünf-SterneKomplex patrouillieren sehen und die Botschaft begriffen. Sie tat, wozu sie gekommen war, und verbrachte die restliche Zeit lesend an dem fast ausgestorbenen Hotelstrand - die meisten Hotelgäste hielten sich lieber an einem der Pools auf. Die lagen ungefähr fünfhundert Meter näher an den Hotelgebäuden, was bei der sengenden Hitze und Temperaturen von um die vierzig Grad einen großen Unterschied ausmachte. Da ihrer Erfahrung nach die Männer in dieser Gegend bislang nur unzureichend an Frauen gewöhnt waren, die im Bikini oder oben ohne über ihre Strände ausschwärmten, trug sie einen lächerlich keuschen, dunkelblauen Badeanzug.
Zur Sicherheit. Um niemanden zu provozieren.
Aber das reichte offenbar nicht.
Drei Tage vor ihrer Abreise, gegen sechs Uhr abends, tauchte plötzlich wie aus dem Nichts ein Ägypter neben ihrer Strandliege auf. Er war jung, um die fünfundzwanzig, etwa einen Meter fünfundsiebzig groß und muskulös. Er hatte ein schmales Gesicht und ein vorzeitig ruiniertes Gebiss. Tief liegende, fast schwarze Augen, die sie auf eine Weise ansahen, wie sie es sich in den Niederlanden niemals hätte gefallen lassen. Aber sie war nicht in den Niederlanden. Sie blickte sich Hilfe suchend um, nach irgendjemandem, egal, wem, sah aber nichts als die leise plätschernden Meereswellen und hunderte, in schnurgeraden Reihen aufgestellte Liegestühle mit zugeklappten Sonnenschirmen daneben. Einige Holzstrandhütten mit Schilfdach machten einen ebenso verlassenen Eindruck.
Keine Hilfe weit und breit.
Und keine Zeugen.
Der Ägypter war ihrem Blick gefolgt und grinste, dass sie seine braun marmorierten Zähne sah.
Sie überlegte blitzschnell. Sie war eine Frau. Er war ein Mann. Mehr Muskelmasse. Jung, stark. Er brauchte nur einmal richtig zuzulangen, und es wäre um sie geschehen. Also musste sie zu faulen Tricks greifen. Sie versuchte sich vorzustellen, wie sie ihm beide Daumen tief in die Augenhöhlen bohrte, bevor er sich verteidigen konnte. Wusste, dass sie dann auf jeden Fall weitermachen müsste, was immer auch danach geschah. So aggressiv wie möglich, sich bis zum Äußersten verteidigen wie eine in die Enge getriebene Katze. Ihn treffen, wo sie nur konnte. Beißen, schubsen, treten. Und dabei schreien wie eine Wahnsinnige.
Doch eine ängstliche Stimme in ihrem Inneren flüsterte ihr zu, dass ein aggressiver Angriff ihre Niederlage nur hinauszögern würde. Dass sie den ungleichen Kampf verlieren und die Aggression sich gegen sie richten würde. Lieber flüchten vielleicht? Nein, der Mann stand zu nahe bei ihr.
Zu nahe?
Vielleicht könnte sie sich ducken und sich von der Liege hinunterrollen lassen. Und dann die Beine in die Hand nehmen. Sie war gut in Form. Und sie würde um ihr Leben rennen, wodurch sie vielleicht schneller war als er. Fünfhundert Meter, weiter war es nicht bis zu der schützenden Meute am Schwimmbecken. Sie musste sich entscheiden.
Ihr Gedankengang nahm vielleicht drei Sekunden in Anspruch. Gerade als sie aufspringen wollte, sah sie, wie der Mann den Blick auf einen Punkt hinter ihr richtete. Sich daraufhin
umdrehte und davonging. Nach ein paar Metern wütend über die Schulter zurückblickte. Weiterlief. Die Gefahr war gebannt, genauso schnell und unerwartet, wie sie heraufgezogen war. Ihr Körper befand sich noch im Alarmzustand. Ihr Herz hämmerte gegen die Rippen, und ihr Atem ging schnell.
Das Ganze hatte höchstens ein paar Minuten gedauert. Mindestens genauso lange brauchte sie, um zu begreifen, dass da jemand hinter ihr war. Sie drehte sich um.
Ein Mann stand da. Ein Europäer. Kurze, dunkle Haare. Von der Tauchermaske und dem Schnorchel in seiner Hand tropfte das Meerwasser. Seine Schwimmflossen lagen hinter ihm im Sand. Er stand sehr aufrecht. Die Schultern gestrafft. Wie eine römische Statue. Er starrte dem Nordafrikaner in einer Weise hinterher, von der ihr angst und bange wurde. Anschließend blickte er sie an. Sein Ausdruck wurde weicher.
'Du solltest dich lieber nicht allein hier aufhalten', sagte er mit einem kurzen Nicken in die Richtung, wo der Ägypter nur noch als Punkt in der Ferne erkennbar war. 'Manche von denen können einfach nicht damit umgehen.'
Sie nickte nur.
Er hatte schöne Augen. Wie wandelbar sie waren, hatte sie eben gerade beobachtet. Blitzschnell hatte sein Gesichtsausdruck gewechselt, von eiskalt zu aufrichtig besorgt.
Faszinierend.
'Bist du allein unterwegs?', fragte er.
Sie nickte.
'Vielleicht solltest du beim nächsten Mal lieber nach Teneriffa oder Benidorm fliegen.'
'Ich bin beruflich hier.'
'Arbeitest du bei der Tauchschule?'
'Nein, ich bin freie Fotografin.'
'Bist du dann nicht fünfhundert Kilometer zu weit südöstlich?'
'Nein, ich bin mit einer Dokumentation über den Tourismus hier an der Küste beauftragt.'
Er verzog zynisch das Gesicht. 'Sehr aufregend.'
Sie blickte über seine Schulter hinweg den langen Strand entlang. 'Wie man sieht.'
Der Mann war verschwunden, als sei er niemals da gewesen.
'Bleib in Zukunft um diese Zeit lieber in der Nähe des Hotels', riet er ihr sanft. 'Hier ist es zu einsam. Und das wissen diese Typen auch.'
Sie nickte und zog die Knie an. Schlang die Arme darum und rechnete irgendwie damit, dass er weggehen würde. Doch er setzte sich ans Fußende ihrer Liege, in den Schatten des Sonnenschirms, und blickte sie schweigend an. Es war still, bis auf das Rauschen der Wellen. Von ferne, aus der Richtung des
Swimming-Pools, trug der Wind hin und wieder Musik herüber. I miss you like the deserts miss the rain. Everything But The Girl spielten die hier mindestens zehnmal am Tag. Genau wie die verstaubten Nummern von Tom Jones und, großer Gott, sogar Boney M.
Kinderstimmen, Kreischen, Spaß. Weit weg.
Eine andere Welt.
'Wie heißt du?', fragte sie, um das Schweigen zu brechen. 'Sil.'
'Ich heiße Susan.'
Sie wagte es nicht, die Hand auszustrecken. Sie befürchtete einen Kurzschluss, wenn sie ihn berührte.
'Wie lange bleibst du noch?', fragte er.
'In vier Tagen kann ich endlich nach Hause', sagte sie. 'Und du?'
'Ich muss es noch anderthalb Wochen aushalten.'
'Was machst du denn hier?'
Sein Blick wanderte zum Meer. 'Das frage ich mich auch manchmal.'
Die Art und Weise seiner Antwort ließ ihr keinen Spielraum für weitere Fragen. Also schwieg sie und betrachtete ihn verstohlen.
Gerade Nase. Ansprechende, mandelförmige Augen mit langen, schwarzen Wimpern. Blau. Oder grün. Grau? Gerade, rechteckige Kinnpartie. Scharf gezeichnete, dunkle Augenbrauen. Sie konnte nichts an ihm entdecken, das ihr nicht gefiel. Er strahlte eine große Kraft aus. Energie. Sie spürte einen unwiderstehlichen Drang in sich aufkommen, ihn zu fotografieren. In Schwarz-Weiß. Genau so, wie er jetzt hier saß.
Aber sie sprach ihren Wunsch nicht aus.
Abrupt wandte er ihr sein Gesicht zu. Schien geradewegs in sie hineinzuschauen.
Sie fühlte sich ertappt.
'Hast du Angst gehabt?'
Sie dachte nach.
Angst?
'Ja', antwortete sie schließlich. 'Aber hauptsächlich war ich wütend, glaube ich. Es macht mich rasend, dass sich so ein Schwachkopf nur aufgrund seiner körperlichen Überlegenheit etwas nehmen könnte, was mir gehört. Und sich dann Jahre später noch daran erinnern würde, wie er mir mitgespielt hat. Und damit bei seinen gehirnamputierten Freunden angäbe, die genauso ein tristes, armseliges Leben führen wie er. Das gönne ich einem solchen Idioten einfach nicht.'
Sie geriet wieder in Rage.
Unbewegt schaute er sie an.
'Jedenfalls war ich eher wütend als ängstlich', fügte sie hinzu.
'Verletzlichkeit', sagte er. 'Verletzlichkeit macht dich wütend.'
Er wandte den Blick wieder dem Meer zu. Blieb ruhig sitzen und unternahm nicht den geringsten Versuch, das Gespräch in Gang zu halten. Susan schaute ebenfalls über das Wasser und spürte, wie sie allmählich ruhiger wurde.
Das Schweigen zwischen ihnen fühlte sich nicht unangenehm an. Vielleicht weil sie den Eindruck hatte, dass es nicht zwischen ihnen hing, sondern sie umgab wie eine Glasglocke. Am liebsten wäre sie für den Rest ihres Aufenthalts hier sitzen geblieben. Schweigend, am Strand. Das fühlte sich gut an. Mehr als gut.
'Merkwürdig, was?', sagte er plötzlich und schaute ihr direkt in die Augen.
Sie nickte kaum merklich. Es war wirklich sehr merkwürdig.
Er hatte beim Schießtraining schon mal besser abgeschnitten, aber dennoch war Harry an jenem Abend recht zufrieden mit sich. Er winkte den Leuten an der Bar zu, die er als seine Freunde ansah, und trat hinaus in die Dunkelheit. Die Straße war verlassen. Er zog die Waffe aus dem Schulterholster. Eine Heckler & Koch Mark 23 SOCOM. Die Pistole glänzte matt im Licht der Straßenlaternen. Sie war voll geladen. Zwölf blanke.45 ACP Patronen warteten ordentlich in einer Reihe darauf, dass er den Abzug betätigte.
Aber er durfte nicht.
Nur wenn er und seine Freunde noch ein Weilchen allein zurückblieben, nachdem die Sportschützen bereits nach Hause gegangen waren, wurden die lästigen Regeln über Bord geworfen, und es ging so richtig zur Sache.
Vor einem Monat hatte er seine neue Waffe zum ersten Mal herumgezeigt. Die Erinnerung daran brachte ihn zum Lächeln.
Sie hatten sich um ihn geschart. Sich im Stillen gefragt, ob er wirklich der war, der er vorgab zu sein. Hatten ihn plötzlich mit anderen Augen gesehen. Kein Wunder, denn es war äußerst schwierig, an ein solch edles Stück wie diese HK heranzukommen.
Die Mark 23 war in den i990er-Jahren für die Spezialeinheit des amerikanischen Militärs entwickelt worden, das United States Special Operations Command, kurz SOCOM.
Produziert wurde sie in Deutschland, im Auftrag des Pentagons. Inzwischen war die Waffe schon seit geraumer Zeit bei den Navy Seals und den Rangers in Gebrauch - den richtig harten Jungs.
Und jetzt besaß auch Harry eine.
Er drehte die Waffe in der Hand hin und her, fuhr mit dem Daumen über die eingravierten Buchstaben und Ziffern auf dem Lauf. Er hätte sie im Schlaf aufsagen können. Er betrachtete das Gewinde an dem verlängerten Lauf, befühlte die Vertiefungen im Gehäuse. Man konnte alles Mögliche an der Pistole anbringen, Schalldämpfer, Taschenlampe, Infrarotlaser. Einen Schalldämpfer hatte er bereits aufgetrieben. Ein schweres Ding, siebenhundert Gramm, mit einer ziemlich unpraktischen Länge von vierundzwanzig Zentimetern. Mit Schalldämpfer besaß die Waffe eine Gesamtlänge von fast fünfzig Zentimetern und wog mit vollem Magazin über zwei Kilo. Da hatte man wenigstens etwas in der Hand. Kein Vergleich zu der Glock 17, für die er einen offiziellen Waffenschein besaß und die zu Hause in seinem Tresor verstaubte. Damit lief doch jeder Bauerntrampel herum.
Er steckte die HK zurück in sein Schulterholster und begann zu pfeifen. Obwohl es kalt war, ging er langsam. Heimlich hoffte er, dass ihn jemand belästigen würde. Dass einer von diesen Junkies versuchen würde, ihn auszurauben. Dann würde er in einer einzigen fließenden Bewegung seine HK ziehen - und dann würde er mal gerne das Gesicht des Typen sehen, der meinte, er könne ihm etwas anhaben! Tja, der hätte ihn wohl ganz schön unterschätzt. Wie ihn so viele unterschätzten. Zu Hause und bei der Arbeit.
Dass er nicht gerade markig aussah, wusste er selbst. Mit gut hundert Kilo bei knapp einem Meter siebzig und einer beginnenden Glatze liefen einem weder die Frauen in Scharen hinterher noch wichen andere Männer respektvoll vor einem zurück. Konnte man aber im rechten Moment eine Waffe ziehen, sah die Sache schon anders aus. Dann war man wer, dann wurde man respektiert. Allein die Vorstellung war erhebend. Er blickte sich um, doch weit und breit war kein Angreifer in Sicht. Schade.
Er suchte in seiner Jackentasche nach einem Marsriegel, den er auf dem Hinweg in einer Imbissbude gekauft hatte. Er zögerte einen Moment. Seine Frau meinte, er solle Diät halten. Das hatte er sich auch fest vorgenommen. Aber damit konnte er ein andermal anfangen. Er riss die Verpackung auf, warf das Papier achtlos auf die Straße und schob sich fast den ganzen Riegel auf einmal in den Mund. So schmeckten sie ihm am besten.
Er hatte seinen Verfolger nicht kommen hören und so dauerte es einen Moment, bis er begriff, dass der plötzliche Druck auf seiner Kehle von einem Arm verursacht wurde. Der Arm gehörte zu einem Körper, der größer war als seiner. Und muskulöser. Der Druck war so stark, dass er schwarze Flecken sah. Er bekam kaum noch Luft. Bei dem Versuch, Atem zu schöpfen, fiel ihm der Schokoriegel aus dem Mund und hinterließ eine braune, glitschige Spur auf seiner hellblauen Jacke, bis er über die dickste Stelle seines Bauches hinwegrutschte und mit einem leisen Plumps vor ihm auf dem Bürgersteig landete.
Er spürte den Lauf einer Pistole am Hinterkopf. Der Druck auf seiner Kehle ließ nach. Dankbar sogen sich seine Lungen voll mit frischem Sauerstoff.
'Deine Waffe, wo hast du sie?', fragte eine Männerstimme hinter ihm.
'In _ in meinem Schulterholster.'
'Schalldämpfer?'
'Jackentasche. In meiner Jackentasche.'
'Munition?'
'Auch.'
Der Angreifer griff in Harrys Jackentasche und zog den Schalldämpfer heraus. Eine Sekunde später hatten zwei Schachteln Munition (ACPs) den Besitzer gewechselt. Dann sagte der Mann: 'Zieh die Jacke aus. Nicht umdrehen! Eine falsche Bewegung und ich knalle dich ab!'
Der Mann nahm den Arm weg, und Harry musste husten. Anschließend zog er ganz langsam seine Jacke aus und ließ sie zu Boden fallen.
'Hände hinter den Kopf! Und immer schön langsam.'
Harry nickte zum Zeichen, dass er verstanden hatte und keine Dummheiten machen würde. Er faltete die Hände hinter dem Kopf. Prompt drückte der Angreifer ihm die Pistole in das weiche Rückenfett. Harry fühlte, wie sein Schulterholster abgeschnallt wurde, wagte aber nicht zu protestieren.
Der Pistolenlauf wurde zurückgezogen. Gleich darauf hörte Harry Schritte, die sich in schnellem Tempo entfernten.
Dennoch behielt er vorerst die Hände hinter dem Kopf. Seine Augen waren weit aufgerissen. Erst viele endlose Minuten später wagte er es, sich umzublicken.
Er war allein.
Er hob seine Jacke auf und sah, wie etwas herunterfiel. Es war ein etwa zwanzig Zentimeter langes Stück Metallrohr.
'Scheiße!', rief er.
Aber niemand hörte ihn.
Susan betrat mit einer großen Tasse frisch aufgebrühtem Kaffee ihr Arbeitszimmer und setzte sich an den PC. Sie war froh, dass der Jetlag allmählich nachließ. Die bohrenden Kopfschmerzen von gestern waren einem leichten Schwindelgefühl gewichen. Sie konnte sich einfach nicht daran gewöhnen, dutzende Zeitzonen in knapp vierundzwanzig Stunden zu überwinden. In dieser Hinsicht war ein Flug von Australien nach Europa so ziemlich das Übelste, was einem passieren konnte.
Gespannt klickte sie das Explorer-Icon an und loggte sich bei Hotmail ein. Musste gleich darauf ihre Enttäuschung hinunterschlucken. Ihre Mailbox war leer. Aber sie wollte die Hoffnung nicht aufgeben. Vielleicht kam ja heute Abend noch eine E-Mail.
Ihr Blick wanderte über die Ordner auf dem Regalbrett über dem PC und blieb schließlich an der dritten Mappe von links hängen. Auf dem Rücken stand mit dicken Filzstiftbuchstaben Sagittarius, der Name von Sils Firma, der auch den ersten Teil seiner E-Mail-Adresse bildete. Die Mappe enthielt über hundert E-Mails, manche nur eine halbe DIN-A4-Seite lang, andere achtmal länger. Sie hatte sie ausgedruckt und sorgfältig geordnet. Speziell zu diesem Zweck den Ordner angelegt. Zugleich war sie sich bewusst gewesen, dass ihr Verhalten etwas Zwanghaftes hatte. Doch sie konnte sich einfach nicht dagegen wehren. In den vergangenen zwei Jahren hatte sie von einer Nachricht Sils zur anderen gelebt.
Zwei Jahre, in denen sie an fast nichts anderes hatte denken können.
Sie schaute hinaus. Kaum eine Wolke am Himmel; die Sonne tauchte die Stadt in ein gelblich orangefarbenes Licht. Mildes Herbstwetter in 's-Hertogenbosch. Sie ging ins Wohnzimmer und öffnete die Glasschiebetür, stellte zwei Klappstühle auf und setzte sich hin, den Kaffeebecher in den Händen.
Hier auf der Rückseite des jahrhundertealten Häuserblocks schien die Zeit stillzustehen. Zu dieser Stunde hörte man nur Vogelgezwitscher und dann und wann das gedämpfte Knattern eines Mopeds. Sobald sie jedoch die Tür im Hauseingang hinter sich zuzog, war diese stille Welt plötzlich weit entfernt und eine pulsierende Hektik empfing sie, wie sie so alten Stadtteilen wohl eigen war.
Die Türklingel schreckte sie aus ihren Gedanken auf. Ein durchdringendes Summen. Sie hatte sich schon so oft vorgenommen, die Klingel auszutauschen, doch durch die vielen Reisen war sie nie dazu gekommen. Sie stand auf und öffnete die Tür. Renos dunkelblondes Haar hing ihm strähnig um das Gesicht. Er war klapperdürr und trug viel zu weite Kleidung, darunter gebrauchte Teile aus Armeebeständen, die aussahen, als seien sie zehn Jahre lang von einem schlampigen Anstreicher getragen worden. Sein kantiges Gesicht wurde von einer Narbe verunstaltet, die sich quer über den Wangenknochen zog. Sie stammte von einem Fall durch eine Glasscheibe. In dem halben Jahr, das sie in Australien verbracht hatte, hatte er sich kein bisschen verändert.
'Yo, San', sagte er.
'Yo.'
'Ich wollte mich nur nochmal bei dir bedanken', sagte er und überreichte ihr einen Strauß Astern, den er angesichts des
hastig darumgewickelten Zeitungspapiers entweder gerade auf dem Markt gekauft oder irgendwo geklaut haben musste.
'Du brauchst dich nicht zu bedanken, ich war doch froh, dass jemand auf meine Wohnung aufgepasst hat. War noch irgendetwas?'
'Nein, nichts Wichtiges', antwortete er. 'Ich bin auch nicht sehr oft hier gewesen. Aber es war ganz angenehm, hin und wieder in einem sauberen Bett zu schlafen.'
Sie ging in die Küche, um die Astern kürzer zu schneiden und in eine Vase zu stellen. Reno inspizierte den Kühlschrank und nahm sich ein kaltes Dosenbier heraus, mit dem er sich auf die kleine Dachterrasse verzog.
'Wo wohnst du denn zurzeit?', rief sie von der Küche aus.
'Bei Alex.'
Sie holte eine Dose Tonicwater aus dem Kühlschrank und setzte sich neben ihn.
'Alex?'
Sie hatte Alex nie gemocht. Warum, konnte sie nicht sagen.
'Alex ist schon in Ordnung', sagte er. 'Wie war's denn so in Down Under?'
'Normal. Das Übliche. Arbeitsam.' Sie hatte keine Lust, über Australien zu reden. 'Und wie klappt es mit Stonehenge?'
Er zuckte mit den Schultern und sagte: 'Nächsten Monat spielen wir im 013. Wir wissen nur noch nicht genau, welche Stücke', fügte er mit einem zynischen Unterton hinzu und trank einen Schluck von seinem Bier.
'Was soll das denn heißen?'
Er betrachtete nachdenklich die alte, efeubewachsene Stadtmauer, die die Sonnenstrahlen bis in die frühen Abendstunden von der Dachterrasse fernhielt.
'Alex will aus Stonehenge so was Ähnliches wie Rammstein machen.'
Sie runzelte die Stirn. Reno als Abklatsch des publikumsnahen, charismatischen Till Lindemann? Zwar besaß Reno eine starke Ausstrahlung, eine sehr starke sogar, aber keineswegs dieses Übermenschliche, fast Teuflische des RammsteinSängers. Das konnte man eher von Alex behaupten. Außerdem machte Reno eine andere Art von Musik.
Das alles passte nicht zusammen.
'Und was willst du?'
Er schüttelte den Kopf. 'Ich weiß nicht, wie das noch weitergehen soll', sagte er. 'Mir ist das alles viel zu durchgeplant. Alex meint, wir müssten unsere Songs stärker straffen. Sie sind ihm zu ausufernd.'
'Wenn er unbedingt eine andere Richtung einschlagen will, dann lass ihn doch seine eigene Band gründen.'
Wieder zuckte Reno mit den Schultern. 'Vielleicht tut er das sogar.'
'Und was sagen Jos und Maikel dazu?'
'Die richten sich ganz nach Alex. Du weißt doch, wie er sein kann.'
Sie nickte. Versuchte, dem Gespräch eine positive Wendung zu verleihen. 'Aber das ist doch ein sehr wichtiger Schritt für euch, im 013 aufzutreten, oder? Ist schließlich ein ziemlich großer Laden.'
'Aber ich weiß nicht, ob ich das wirklich will', erwiderte er leise. 'Nach meinem Gefühl ist da einfach zu viel Publikum. Aber Alex war nicht zu bremsen, du kennst ihn ja. Na ja, wir werden sehen.'
Mit unglücklicher Miene trank er noch einen Schluck von seinem Bier.
Sie wusste, was ihm solche Sorgen bereitete. Reno legte Wert darauf, dass seine Musik schwer verständlich war, er betrachtete sie als eine Art nonkonformistischer Kunst. Sobald zu viele Leute seine Musik zu verstehen glaubten, wurde sie von der Kunst zum Massenprodukt. Dann mussten Termine eingehalten werden, tauchte ein Manager auf, und ehe man sich versah, war Stonehenge eine Art Fabrik, und Reno wäre gezwungen, sein Produkt termingerecht zu liefern. Dann würde er parfümierte Briefe von vierzehnjährigen Mädchen erhalten - und hätte seinen Status als unverstandener Künstler verloren. Doch im Grunde, so glaubte Susan, hatte er Angst vor Veränderungen. Er lebte von einem Tag zum anderen. Wobei es in seinem Fall auch nicht ratsam war, allzu weit vorauszudenken.
'Ich würde es trotzdem machen, Reno. Egal, mit welchen Stücken. Die meisten Musiker würden sich um eine solche Chance reißen.'
Er verzog mürrisch das Gesicht und entgegnete: 'Ich bin nicht wie die meisten Musiker.'
'Das weiß ich. Und das schätze ich auch an dir. Aber trotzdem. Ich finde die Idee gar nicht so schlecht.'
Er sagte nichts.
Eine Weile lang saßen sie beide in Gedanken versunken da. Das Jaulen eines Mopedmotors hallte von der hohen Stadtmauer wider und erstarb nach und nach.
Er war ihr zu still. Sie schaute ihn von der Seite an. Sah den glasigen Blick in seinen Augen. Solche Momente der Abwesenheit, der Apathie fast kamen bei ihm öfter vor. Sie schrieb sie den Drogen zu, seiner Genialität, die von Zeit zu Zeit ganz plötzlich einen Kurzschluss verursachte, oder vielleicht auch einer Kombination von beidem. Sie stand auf, um die leeren Dosen wegzuwerfen, und wandte sich in der Tür noch einmal zu ihm um. Es war nicht schwer, das Kind in ihm zu erkennen, das er einmal gewesen war. Der zehnjährige Junge, der seine Eltern durch einen schrecklichen Autounfall verloren hatte und von einem Tag auf den anderen auf sich selbst gestellt war, inmitten einer feindlichen Umgebung, die ihm eigentlich Sicherheit und Verständnis hätte bieten sollen. Er war mit der Alltagsrealität nicht fertig geworden, die sicherlich härter gewesen war als die härtesten Musikstücke, die sein Geist hervorbrachte. Dass Susan mit vierzehn ihre Mutter verloren hatte, schuf ein Band zwischen ihnen.
In einer plötzlichen Anwandlung ging sie zu ihm hin und schlang die Arme um seinen mageren Körper. Sie legte das Kinn auf seinen Kopf, wiegte seinen Oberkörper langsam hin und her.
'Komm schon, Reno. Wach auf.'
Allmählich kam er wieder zu sich. Er legte seine knochigen Hände auf ihre und drückte sie sanft. Es steckte keine Erotik in der Bewegung oder der Berührung. Es war nur ein Moment der Verbundenheit. Zwei Menschen, die einander etwas bedeuteten.
'Eines Tages schreibe ich ein Stück über dich', sagte er heiser. 'Eine Ballade.'
Sie drückte seine Schulter und ging in die Küche. Summte vor sich hin. Sie empfand Renos Gesellschaft als inspirierend. Er scherte sich nicht um Äußerlichkeiten, Status oder Geld. Und niemand konnte Something in the way von Nirvana so gut interpretieren wie er, verhalten, mit geschlossenen Augen, eins mit seiner Gitarre. In diesen verträumten Momenten schien es, als sei Kurt Cobain selbst aus dem Jenseits zurückgekehrt, um eine letzte Zugabe zu spielen. Susan kriegte jedes Mal eine Gänsehaut. Sie war froh, dass sie Reno damals kennen gelernt hatte und dass sie sich, wenn auch unregelmäßig, bis heute trafen.
'Übrigens hast du einen neuen Nachbarn', verkündete er, als sie zurückkehrte.
'Ach ja?'
'Ja, er hat sich bei mir vorgestellt. Ich habe ihm gesagt, dass ich nicht der Richtige sei und er sich an dich wenden müsste. Netter Kerl. Wirst ihn schon noch kennen lernen.'
Später am Abend lud sie ihn in ein kleines Restaurant in ihrer Straße ein und stopfte ihn mit Steak und Paprika voll. Anschließend schaute er bei ihr noch ein bisschen fern und vernichtete dabei die restlichen Dosen Bavaria-Bier aus ihrem Kühlschrank. Gegen elf ging er, eine Wolke von Marihuanaqualm hinterlassend, der ihre Sinne unangenehm reizte, bis sie sich um zwölf Uhr wieder an den PC setzte.
Keine Nachricht von Sil.
Ihre Hände blieben wie eingefroren über der Tastatur hängen. Dann schüttelte sie den Kopf und fuhr den Computer herunter. Morgen vielleicht.
In der dunklen Stille ihres Schlafzimmers rang sie vergeblich darum, ihre Gedanken abzuschalten. In den letzten zwei Jahren hatte sie sich an diesen Zustand gewöhnt. An das weinerliche Selbstmitleid, das unweigerlich nachts angeschlichen kam. Wenn sie keine Ablenkung hatte. Der Schmerz, den sie so gut kannte und den ihr Körper begrüßte wie einen alten, vertrauten Freund.
Um vier Uhr lag sie immer noch hellwach im Bett.
'Das ist doch Wahnsinn', sagte sie laut.
Sie setzte sich auf und stieg aus dem Bett. Schaltete das Licht im Wohnzimmer ein und dimmte es bis auf eine erträgliche Helligkeit. Ging in die Küche und setzte Teewasser auf. Während der Wasserkocher summte, schaltete sie im Arbeitszimmer den Computer ein. Sie kehrte in die Küche zurück und bereitete sich eine Tasse Tee zu. Zwei Stückchen Zucker und ein tüchtiger Schuss Milch. Sie setzte sich aufs Sofa und dachte an ihre erste Begegnung mit Sil vor zwei Jahren zurück. Eine Begegnung, die ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt und ihr eine krankhafte Beziehung zu ihrem PC eingetragen hatte.
Ein Reisemagazin hatte sie beauftragt, eine Fotoreportage über den Tourismus im ägyptischen Badeort Hurghada durchzuführen. Sie hatte eine einwöchige Standard-Pauschalreise gebucht, aber ziemlich bald festgestellt, dass drei Tage Aufenthalt mehr als genug gewesen wären. Was den Urlaubern als historisches Ziel angepriesen wurde, erwies sich als kilometerlange Kette hastig hochgezogener Hotelkomplexe und Ressorts entlang einer zweispurigen Asphaltstraße, eingebettet zwischen der endlosen Wüste und dem Roten Meer. Den zehntausenden deutschen, russischen und niederländischen Feriengästen, die nicht zum Tauchen oder Schnorcheln hierher gereist waren, blieb nichts anderes übrig, als sich mit der Situation abzufinden. Und abfinden bedeutete an der ägyptischen Küste zum Beispiel, an zahmen Exkursionen zu den Beduinen teilzunehmen, zu versuchen, tagsüber nicht von der Sonne gegrillt zu werden, und sich abends mit dem guten lokalen Stella-Bier volllaufen zu lassen, während man das Animationsprogramm verfolgte, das verdächtig nach einem bunten Abend für das Hotelpersonal aussah.
Was es wahrscheinlich auch war.
Susan hatte die mit Maschinengewehren bewaffneten Wachen auf den Mauern rund um den immensen Fünf-SterneKomplex patrouillieren sehen und die Botschaft begriffen. Sie tat, wozu sie gekommen war, und verbrachte die restliche Zeit lesend an dem fast ausgestorbenen Hotelstrand - die meisten Hotelgäste hielten sich lieber an einem der Pools auf. Die lagen ungefähr fünfhundert Meter näher an den Hotelgebäuden, was bei der sengenden Hitze und Temperaturen von um die vierzig Grad einen großen Unterschied ausmachte. Da ihrer Erfahrung nach die Männer in dieser Gegend bislang nur unzureichend an Frauen gewöhnt waren, die im Bikini oder oben ohne über ihre Strände ausschwärmten, trug sie einen lächerlich keuschen, dunkelblauen Badeanzug.
Zur Sicherheit. Um niemanden zu provozieren.
Aber das reichte offenbar nicht.
Drei Tage vor ihrer Abreise, gegen sechs Uhr abends, tauchte plötzlich wie aus dem Nichts ein Ägypter neben ihrer Strandliege auf. Er war jung, um die fünfundzwanzig, etwa einen Meter fünfundsiebzig groß und muskulös. Er hatte ein schmales Gesicht und ein vorzeitig ruiniertes Gebiss. Tief liegende, fast schwarze Augen, die sie auf eine Weise ansahen, wie sie es sich in den Niederlanden niemals hätte gefallen lassen. Aber sie war nicht in den Niederlanden. Sie blickte sich Hilfe suchend um, nach irgendjemandem, egal, wem, sah aber nichts als die leise plätschernden Meereswellen und hunderte, in schnurgeraden Reihen aufgestellte Liegestühle mit zugeklappten Sonnenschirmen daneben. Einige Holzstrandhütten mit Schilfdach machten einen ebenso verlassenen Eindruck.
Keine Hilfe weit und breit.
Und keine Zeugen.
Der Ägypter war ihrem Blick gefolgt und grinste, dass sie seine braun marmorierten Zähne sah.
Sie überlegte blitzschnell. Sie war eine Frau. Er war ein Mann. Mehr Muskelmasse. Jung, stark. Er brauchte nur einmal richtig zuzulangen, und es wäre um sie geschehen. Also musste sie zu faulen Tricks greifen. Sie versuchte sich vorzustellen, wie sie ihm beide Daumen tief in die Augenhöhlen bohrte, bevor er sich verteidigen konnte. Wusste, dass sie dann auf jeden Fall weitermachen müsste, was immer auch danach geschah. So aggressiv wie möglich, sich bis zum Äußersten verteidigen wie eine in die Enge getriebene Katze. Ihn treffen, wo sie nur konnte. Beißen, schubsen, treten. Und dabei schreien wie eine Wahnsinnige.
Doch eine ängstliche Stimme in ihrem Inneren flüsterte ihr zu, dass ein aggressiver Angriff ihre Niederlage nur hinauszögern würde. Dass sie den ungleichen Kampf verlieren und die Aggression sich gegen sie richten würde. Lieber flüchten vielleicht? Nein, der Mann stand zu nahe bei ihr.
Zu nahe?
Vielleicht könnte sie sich ducken und sich von der Liege hinunterrollen lassen. Und dann die Beine in die Hand nehmen. Sie war gut in Form. Und sie würde um ihr Leben rennen, wodurch sie vielleicht schneller war als er. Fünfhundert Meter, weiter war es nicht bis zu der schützenden Meute am Schwimmbecken. Sie musste sich entscheiden.
Ihr Gedankengang nahm vielleicht drei Sekunden in Anspruch. Gerade als sie aufspringen wollte, sah sie, wie der Mann den Blick auf einen Punkt hinter ihr richtete. Sich daraufhin
umdrehte und davonging. Nach ein paar Metern wütend über die Schulter zurückblickte. Weiterlief. Die Gefahr war gebannt, genauso schnell und unerwartet, wie sie heraufgezogen war. Ihr Körper befand sich noch im Alarmzustand. Ihr Herz hämmerte gegen die Rippen, und ihr Atem ging schnell.
Das Ganze hatte höchstens ein paar Minuten gedauert. Mindestens genauso lange brauchte sie, um zu begreifen, dass da jemand hinter ihr war. Sie drehte sich um.
Ein Mann stand da. Ein Europäer. Kurze, dunkle Haare. Von der Tauchermaske und dem Schnorchel in seiner Hand tropfte das Meerwasser. Seine Schwimmflossen lagen hinter ihm im Sand. Er stand sehr aufrecht. Die Schultern gestrafft. Wie eine römische Statue. Er starrte dem Nordafrikaner in einer Weise hinterher, von der ihr angst und bange wurde. Anschließend blickte er sie an. Sein Ausdruck wurde weicher.
'Du solltest dich lieber nicht allein hier aufhalten', sagte er mit einem kurzen Nicken in die Richtung, wo der Ägypter nur noch als Punkt in der Ferne erkennbar war. 'Manche von denen können einfach nicht damit umgehen.'
Sie nickte nur.
Er hatte schöne Augen. Wie wandelbar sie waren, hatte sie eben gerade beobachtet. Blitzschnell hatte sein Gesichtsausdruck gewechselt, von eiskalt zu aufrichtig besorgt.
Faszinierend.
'Bist du allein unterwegs?', fragte er.
Sie nickte.
'Vielleicht solltest du beim nächsten Mal lieber nach Teneriffa oder Benidorm fliegen.'
'Ich bin beruflich hier.'
'Arbeitest du bei der Tauchschule?'
'Nein, ich bin freie Fotografin.'
'Bist du dann nicht fünfhundert Kilometer zu weit südöstlich?'
'Nein, ich bin mit einer Dokumentation über den Tourismus hier an der Küste beauftragt.'
Er verzog zynisch das Gesicht. 'Sehr aufregend.'
Sie blickte über seine Schulter hinweg den langen Strand entlang. 'Wie man sieht.'
Der Mann war verschwunden, als sei er niemals da gewesen.
'Bleib in Zukunft um diese Zeit lieber in der Nähe des Hotels', riet er ihr sanft. 'Hier ist es zu einsam. Und das wissen diese Typen auch.'
Sie nickte und zog die Knie an. Schlang die Arme darum und rechnete irgendwie damit, dass er weggehen würde. Doch er setzte sich ans Fußende ihrer Liege, in den Schatten des Sonnenschirms, und blickte sie schweigend an. Es war still, bis auf das Rauschen der Wellen. Von ferne, aus der Richtung des
Swimming-Pools, trug der Wind hin und wieder Musik herüber. I miss you like the deserts miss the rain. Everything But The Girl spielten die hier mindestens zehnmal am Tag. Genau wie die verstaubten Nummern von Tom Jones und, großer Gott, sogar Boney M.
Kinderstimmen, Kreischen, Spaß. Weit weg.
Eine andere Welt.
'Wie heißt du?', fragte sie, um das Schweigen zu brechen. 'Sil.'
'Ich heiße Susan.'
Sie wagte es nicht, die Hand auszustrecken. Sie befürchtete einen Kurzschluss, wenn sie ihn berührte.
'Wie lange bleibst du noch?', fragte er.
'In vier Tagen kann ich endlich nach Hause', sagte sie. 'Und du?'
'Ich muss es noch anderthalb Wochen aushalten.'
'Was machst du denn hier?'
Sein Blick wanderte zum Meer. 'Das frage ich mich auch manchmal.'
Die Art und Weise seiner Antwort ließ ihr keinen Spielraum für weitere Fragen. Also schwieg sie und betrachtete ihn verstohlen.
Gerade Nase. Ansprechende, mandelförmige Augen mit langen, schwarzen Wimpern. Blau. Oder grün. Grau? Gerade, rechteckige Kinnpartie. Scharf gezeichnete, dunkle Augenbrauen. Sie konnte nichts an ihm entdecken, das ihr nicht gefiel. Er strahlte eine große Kraft aus. Energie. Sie spürte einen unwiderstehlichen Drang in sich aufkommen, ihn zu fotografieren. In Schwarz-Weiß. Genau so, wie er jetzt hier saß.
Aber sie sprach ihren Wunsch nicht aus.
Abrupt wandte er ihr sein Gesicht zu. Schien geradewegs in sie hineinzuschauen.
Sie fühlte sich ertappt.
'Hast du Angst gehabt?'
Sie dachte nach.
Angst?
'Ja', antwortete sie schließlich. 'Aber hauptsächlich war ich wütend, glaube ich. Es macht mich rasend, dass sich so ein Schwachkopf nur aufgrund seiner körperlichen Überlegenheit etwas nehmen könnte, was mir gehört. Und sich dann Jahre später noch daran erinnern würde, wie er mir mitgespielt hat. Und damit bei seinen gehirnamputierten Freunden angäbe, die genauso ein tristes, armseliges Leben führen wie er. Das gönne ich einem solchen Idioten einfach nicht.'
Sie geriet wieder in Rage.
Unbewegt schaute er sie an.
'Jedenfalls war ich eher wütend als ängstlich', fügte sie hinzu.
'Verletzlichkeit', sagte er. 'Verletzlichkeit macht dich wütend.'
Er wandte den Blick wieder dem Meer zu. Blieb ruhig sitzen und unternahm nicht den geringsten Versuch, das Gespräch in Gang zu halten. Susan schaute ebenfalls über das Wasser und spürte, wie sie allmählich ruhiger wurde.
Das Schweigen zwischen ihnen fühlte sich nicht unangenehm an. Vielleicht weil sie den Eindruck hatte, dass es nicht zwischen ihnen hing, sondern sie umgab wie eine Glasglocke. Am liebsten wäre sie für den Rest ihres Aufenthalts hier sitzen geblieben. Schweigend, am Strand. Das fühlte sich gut an. Mehr als gut.
'Merkwürdig, was?', sagte er plötzlich und schaute ihr direkt in die Augen.
Sie nickte kaum merklich. Es war wirklich sehr merkwürdig.