
Der Kick
Ein Lehrstück über Gewalt
Andres Veiel(Author)
DVA (Publisher)
2nd Edition
Published on 16. February 2007
Book
Paperback/Softback
288 pages
978-3-421-04213-2 (ISBN)
Description
Das Opfer. Die Täter. Das Dorf. Unser Land.
Marinus Schöberl war 16 Jahre alt, als er von drei Kumpels gefoltert und durch einen 'Bordsteinkick' zu Tode getreten wurde. Nachbarn hatten die Misshandlungen mit angesehen und über Monate geschwiegen. Dieser grausame Mord und seine furchtbaren Begleiterscheinungen rückten das uckermärkische Dorf Potzlow in die Schlagzeilen der internationalen Presse. In den Medien stand er sinnbildlich für rechtsradikale Gewalt und eine verrohte Gesellschaft in den fünf neuen Bundesländern.
Der Regisseur und Psychologe Andres Veiel wollte sich mit einfachen, raschen Antworten nicht begnügen. Viele Monate hat er in Potzlow und Umgebung recherchiert, hat Interviews mit den Tätern geführt, mit ihren Angehörigen und Bekannten gesprochen. Er zeichnet ein komplexes Bild von weit zurückreichenden Traumata und Gewalt, die bis heute unter einer dünnen Schicht von Bürgerlichkeit und Zivilisation in unserem Land virulent sind.
'Mein Bruder fing dann an zu schreien: - Scheiße, wir haben einen umgebracht. - Er sprach auch davon, dass wir ihn verbuddeln müssen. Am Ausgang in Richtung Jauchegrube rechts stand ein Schaufelblatt ohne Stiel.'
MARCEL SCHÖNFELD, WEGEN MORDES VERURTEILT
'Bedrückt war er, aber wir wussten nicht, woran das liegt. Wir sind zur Schule hin, haben gesagt, hier stimmt irgendwas nicht, und die haben immer gesagt, es ist alles in Ordnung. Wir haben ihn gefragt, was ist denn los? Er hat sich nicht geäußert, nie. Das war wie 'ne Wand.'
JUTTA SCHÖNFELD, MUTTER DES TÄTERS
'Einmal Mörder, immer Mörder. Ich habe Hass, Wut und Verachtung für diese Bestien. Die verdienen kein anderes Wort. Die haben genau gewusst, was sie taten in ihrer Kaltblütigkeit.'
BIRGIT SCHÖBERL, MUTTER DES OPFERS
Eine beklemmende Fallstudie über eine entwurzelte Jugend, Rechtsradikalismus, deutsche Traumata und Gewalttraditionen
Das Buch geht in seiner Recherche und Analyse weit hinaus über das erfolgreiche Theaterstück und den von der Presse gefeierten Film
Inszenierungen an Theatern u.a. in Berlin, Bochum, Dresden, Hamburg, Köln, Leipzig, Moers, München und Oberhausen
Marinus Schöberl war 16 Jahre alt, als er von drei Kumpels gefoltert und durch einen 'Bordsteinkick' zu Tode getreten wurde. Nachbarn hatten die Misshandlungen mit angesehen und über Monate geschwiegen. Dieser grausame Mord und seine furchtbaren Begleiterscheinungen rückten das uckermärkische Dorf Potzlow in die Schlagzeilen der internationalen Presse. In den Medien stand er sinnbildlich für rechtsradikale Gewalt und eine verrohte Gesellschaft in den fünf neuen Bundesländern.
Der Regisseur und Psychologe Andres Veiel wollte sich mit einfachen, raschen Antworten nicht begnügen. Viele Monate hat er in Potzlow und Umgebung recherchiert, hat Interviews mit den Tätern geführt, mit ihren Angehörigen und Bekannten gesprochen. Er zeichnet ein komplexes Bild von weit zurückreichenden Traumata und Gewalt, die bis heute unter einer dünnen Schicht von Bürgerlichkeit und Zivilisation in unserem Land virulent sind.
'Mein Bruder fing dann an zu schreien: - Scheiße, wir haben einen umgebracht. - Er sprach auch davon, dass wir ihn verbuddeln müssen. Am Ausgang in Richtung Jauchegrube rechts stand ein Schaufelblatt ohne Stiel.'
MARCEL SCHÖNFELD, WEGEN MORDES VERURTEILT
'Bedrückt war er, aber wir wussten nicht, woran das liegt. Wir sind zur Schule hin, haben gesagt, hier stimmt irgendwas nicht, und die haben immer gesagt, es ist alles in Ordnung. Wir haben ihn gefragt, was ist denn los? Er hat sich nicht geäußert, nie. Das war wie 'ne Wand.'
JUTTA SCHÖNFELD, MUTTER DES TÄTERS
'Einmal Mörder, immer Mörder. Ich habe Hass, Wut und Verachtung für diese Bestien. Die verdienen kein anderes Wort. Die haben genau gewusst, was sie taten in ihrer Kaltblütigkeit.'
BIRGIT SCHÖBERL, MUTTER DES OPFERS
Eine beklemmende Fallstudie über eine entwurzelte Jugend, Rechtsradikalismus, deutsche Traumata und Gewalttraditionen
Das Buch geht in seiner Recherche und Analyse weit hinaus über das erfolgreiche Theaterstück und den von der Presse gefeierten Film
Inszenierungen an Theatern u.a. in Berlin, Bochum, Dresden, Hamburg, Köln, Leipzig, Moers, München und Oberhausen
More details
Language
German
Place of publication
München
Germany
Product notice
With flaps
Dimensions
Height: 20 cm
Width: 12.5 cm
Thickness: 15 mm
Weight
372 gr
ISBN-13
978-3-421-04213-2 (9783421042132)
Schweitzer Classification
Person
Andres Veiel, geboren 1959, Psychologiestudium und Regieausbildung u.a. bei Kryzsztof Kieslowski, ist Filmregisseur und Drehbuchautor. Seine Filme wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Für den Dokumentarfilm "Black Box BRD" erhielt Veiel den Europ
Content
In der Nacht zum 13. Juli 2002 wurde der sechzehnjährige Marinus Schöberl von dem Brüderpaar Marco (dreiundzwanzig) und Marcel Schönfeld (siebzehn) sowie ihrem Kumpel Sebastian Fink (siebzehn) grausam misshandelt und schließlich von Marcel Schönfeld nach dem Vorbild des Bordsteinkicks aus dem Film 'American History X' umgebracht. Obwohl es Zeugen und Mitwisser gab, blieb die Tat monatelang unentdeckt.
Personen in der Reihenfolge ihres Auftretens
JUTTA SCHÖNFELD, Mutter von Marco und Marcel
BIRGIT SCHÖBERL, Mutter von Marinus
VERHÖRENDER
MARCEL SCHÖNFELD, jüngerer Bruder von Marco, einer der Täter
ACHIM FIEBRANZ, Dorfbewohner
STAATSANWALT
MATTHIAS MUCHOW, Freund von Marinus Schöberl
TORSTEN MUCHOW, Vater von Matthias
JÜRGEN SCHÖNFELD, Vater von Marco und Marcel
BÜRGERMEISTER von Potzlow
BÜRGERMEISTER der Gemeinde Oberuckersee
FRAU aus dem Dorf
PFARRER von Potzlow
GUTACHTER (psychiatrischer Sachverständiger)
ERZIEHERIN in der Bildungseinrichtung
AUSBILDER in der Bildungseinrichtung
HEIKO GÄBLER, Lehrling, Freund von Sebastian Fink
MARCO SCHÖNFELD, Bruder von Marcel Schönfeld, einer der Täter
Angela Becker (Name geändert), Freundin von Marco
JUTTA SCHÖNFELD:
Am Dienstag, da ging es los. Man kennt ja das mit der Zeitung und Fernsehen und plötzlich is man das selbst. RBB, Stern TV, RTL, alle wollten was erfahren, und der Polizist hat gesagt, alles abblocken. Die Nachbarschaft, wenn du raus kommst, denn wird grad noch so gegrüßt, und dann gehen sie wieder los.
Und abends sitzen wir dann hier, kriegen Anrufe, Mörder, Mörder. Denn hört man bloß ein Stöhnen im Hintergrund. Wir hatten so ne Angst gehabt, wir haben Bekannte angerufen, können wir bei Euch unterkommen? Die dann, wir rufen zurück, und dann haben sie zurückgerufen. - Ja, tut uns leid, musst uns verstehen, das geht nich, geh in ein Hotel. - Ich sage: - Aber ein Hotel kost ja aber auch Geld. - Ich hab denn gesagt, man kann nich wegrennen, wir haben nischt gemacht, wir sind keine Mörder. -
Ich wusste, dass was passieren wird. Marco hat mich angerufen und gesagt, dass sie jetzt losziehen, Marcel und er, mit dem Sebastian. Am 12. Juli, in der Nacht. Ich war im Krankenhaus, da war Vollmond. Mir haben se ja Rückenmarkwasser gezogen, und da hab ich gedacht, ich muss nach Hause. Diese Unruhe, war so warm gewesen.
BIRGIT SCHÖBERL:
Am 12. Juli ist Marinus mal wieder nach Potzlow gefahren. Er hatte vorher noch Video geguckt, so ein Trickfilmvideo. Und dann kam er mit seinem Rucksack, was er immer so drin hat, Badehose, Handtuch, Wechselwäsche, und dann hat er gesagt: Mutti, ich fahr nach Potzlow, ich schlaf da und komm Sonntag wieder. Tschüss, mach's gut. Das war's, was er zu mir gesagt hat. Hat er mir noch ne Kusshand zugeworfen, wie er es immer so machte.
Hat immer zu mir gesagt, wo er hingeht, weil er wusste, ich wollte es wissen. Ich komme um die und die Zeit, oder ich schlafe im Bauwagen. Im Sommer ist das ein kleines Abenteuer.
Er wurde verhätschelt. Er wurde ja von seinen Schwestern geliebt. Er war eben das Küken. Marinus war nicht geplant, gefreut haben wir uns alle. Süßes Baby. Die Mädchen haben ihn manchmal ins Bett mitgenommen. Er durfte jede Nacht bei ner anderen schlafen. Man konnte ihm nicht böse sein, wenn er einen mit seinen dunklen Augen angeguckt hat.
Er hatte wohl Schulschwierigkeiten damals schon, aber, er hat sich Mühe gegeben, was er konnte eben. Ich hab ihn dann runter genommen von der normalen Schule, nach der ersten Klasse. Ich hab ihn nicht ausgeschimpft. Ich hab's versucht mit Reden, Marinus, du möchtest später mal die Fahrerlaubnis machen, da musst du lesen und schreiben können.
Und als er Sonntag nicht kam, da habe ich Montag angerufen. Vielleicht hat er sein Handy nicht geladen, oder er hat es ausgestellt. Oder er hat wieder mal die PIN vergessen. Wenn er kein Geld drauf hatte, dann hat er es mir eigentlich immer gesagt, hat ein fremdes Handy genommen. Na ja, es sind Ferien, wer weiß, wo der ist. Da habe ich mir auch direkt keine Sorgen so gemacht. In Potzlow ist er aufgehoben, da kann ihm nichts passieren.
Als er am Wochenende immer noch nicht da war, da war es mir mulmig. Und da bin ich Montag früh nach Templin gefahren, um ihn als vermisst zu melden. Und dann passierte gar nichts.
(Alle Zitate von Birgit Schöberl stammen aus Interviews, die Gabi Probst vom Fernsehsender RBB 2003 mit ihr führte und die sie uns freundlicherweise zur Verfügung stellte.)
VERHÖRENDER: Verhör Marcel Schönfeld.
MARCEL SCHÖNFELD: Ich wurde an dieser Stelle belehrt, dass ich gegen meinen Bruder Marco das Recht der Aussageverweigerung habe. Davon mache ich keinen Gebrauch. Ich will die volle Wahrheit sagen.
VERHÖRENDER: Familienname.
MARCEL SCHÖNFELD: Schönfeld.
VERHÖRENDER: Vorname.
MARCEL SCHÖNFELD: Marcel.
VERHÖRENDER: Geburtsort.
MARCEL SCHÖNFELD: Prenzlau/Uckermark.
VERHÖRENDER: Beruf.
MARCEL SCHÖNFELD: ohne, Azubi.
VERHÖRENDER: Geburtsdatum.
MARCEL SCHÖNFELD: 30. 3. 1985.
VERHÖRENDER: Ehrenämter.
MARCEL SCHÖNFELD: Was?
VERHÖRENDER: Schule.
MARCEL SCHÖNFELD: Abschluss der 8. Klasse der Gesamtschule in Gramzow.
VERHÖRENDER: Beschuldigtenvernehmung, 18. 11.02, 2.45 Uhr.
MARCEL SCHÖNFELD: Mit dem Gegenstand meiner heutigen Beschuldigtenvernehmung wurde ich vertraut gemacht. Über meine Rechte als Beschuldigter wurde ich belehrt.
Mir wurde zu Beginn meiner Vernehmung mitgeteilt, dass ich im dringenden Verdacht stehe, an der Tötung eines Menschen beteiligt gewesen zu sein. Dazu kann ich folgende Aussage machen: Es ist richtig, dass ich dabei war, als eine Person zu Tode kam.
VERHÖRENDER: Um wen handelt es sich dabei?
MARCEL SCHÖNFELD: Es handelt sich hierbei um Marinus Schöberl aus Gerswalde.
VERHÖRENDER: Waren Sie an dieser Handlung allein beteiligt?
MARCEL SCHÖNFELD: Außer mir waren noch mein Bruder Marco Schönfeld und Sebastian Fink beteiligt.
VERHÖRENDER: Schildern Sie bitte, was passiert ist.
MARCEL SCHÖNFELD: Es war der 12. Juli 2002. Nachmittags kam mein Kumpel Sebastian mit dem Zug nach Seehausen. Mein Papa und ich haben ihn abgeholt.
Dann kam mein Bruder Marco auf die Idee, nach Strehlow zu fahren, um dort Achim [Fiebranz] zu besuchen. Mein Bruder war erst neun Tage vorher aus der Haft entlassen worden. Die beiden kannten sich noch aus früheren Zeiten. Wir holten einen Kasten Bier 'Sternburger'. Der wurde dann durch die anwesenden Personen geleert. Nach ca. einer Stunde war der Kasten leer, und wir holten einen zweiten. Kurz zuvor kam Marinus Schöberl mit einem Fahrrad auf den Hof von Achim gefahren.
ACHIM FIEBRANZ: Geb ich ehrlich zu, ich hab die dritte Klasse drei Mal nachgemacht. Ich bin nach acht Jahren hier aus der Schule entlassen worden. Die anderen, die schlauer waren wie ich, die sind dann nach Warnitz gegangen. Und als Abschiedsgeschenk hab ich von einer ganz lieben Lehrerin, meiner Geschichtslehrerin, nen Buch gekriegt von damals, aus der Steinzeit, Bogen bauen, Fallen stellen, Vogelfallen stellen, und wat die damals alles gemacht haben und aus Binsen: Boote bauen, immer Binse an Binse. Und dat wollt ich allen beibringen, sind wir zur Muschelstelle gefahren. Weißte, wer am schlausten gewesen ist, am schnellsten kapiert hat? Det war Marinus, und Nancy hat gleich abgekiekt. Na und dann die anderen hinterher. Dann von unten wieder zusammen getüdelt, und dann wurde det richtig so 'n Indianerkahn. Mann, ich hab fast zwanzig Dinger mit de Kinder gebaut in der Woche. Au, die paddeln, die Dinger gehen nich unter und die haben sich gefreut, die Kinder haben sich gefreut, det war ne richtige Kanu-Flotte gewesen bei uns da unten!
Nancy und Marinus, die haben allet zusammen gemacht. Und dann sind sie bei mir öfters gewesen. Da warn se schon so fünfzehn, sechzehn. Wenn ich wusste, die kommen, hab ich mein Ehebett bloß an die Wand geschoben, Decke rüber geschmissen und dann konnten se da drinne machen, was se wollten und ich hab mit Sieglinde meine Wohnstube gehabt, konnt ich Fernseh kieken und was willste denn machen als Arbeitsloser?
Den Marinus hat die Nancy noch nicht überlebt, die waren fast sechs Jahre zusammen als Freunde und dann waren se fast en Jahr verlobt. Und dann auf einmal det. Da möchte ich mal sehen, det steckt kener weg. Sie hat zwar en Freund von Berlin jetze, aber die hört sich jeden Abend die Gespräche an, wat se aufm Handy gekriegt hat von Marinus, hat sie alles gespeichert. Ihr Bruder, der Patrick, hat oft genug gesagt - der hat det Zimmer neben ihr -, Papa, ich halt det nich aus, darf ich bei Oliver im Zimmer schlafen, Nancy heult schon wieder wie ne Sau, sind ja bloß so ne dünnen Wände.
Ich könnt, wenn die Brüder mir jetzt in die Pfoten lofen würden, ich könnt mit nem Kopp den Balken einreißen, um die zu erwischen, wenn sie da vorne stehen würden jetzt, kannste glauben.
An dem Abend, als die den Marinus da tot gemacht ham, da haben wir unten gesessen, in der alten Brennerei, haben gequatscht unter dem Schleppdach da. Det waren Nachbarn, waren bei mir gewesen, haben wir enen gezwitschert. Da kamen dann Marco, Marcel und Sebastian an. Den kannte ich nicht. Und später dann der Marinus. An dem Abend, wir haben Karten gespielt, und mit einem Mal fing Marco an zu stänkern. Bei mir in der Wohnung wird Karten gespielt, 'Mensch ärgere dich nicht' gespielt, und mein Hund bellt da draußen auch, ist ja mein Baby, und gestänkert und geschlagen wird bei mir nicht. Na ja, ich hab auch schon leicht einen weg gehabt. Hab ich gesagt, ich will noch en bisschen Fernseh kieken, ich sag, nu is Ritze! Wir haben noch das Bier ausgesoffen. Marinus, er hat zu mir gesagt, Achim, hast du eine Zigarette für mich. Und da habe ich zu Marinus gesagt, du, das ist meine letzte. Da habe ich gesagt, ich stecke sie mir an, tun wir uns beide teilen. Und dann bin ich mit ihm auf die Treppe gegangen. Haben wir uns die Kippe geteilt, ein paar Züge. Det war denn so seine Henkerszigarette, kann man sagen.
STAATSANWALT: Wenn man sich anhört, was die Jugendlichen da für ein Umfeld haben. Die sitzen mit diesen alkoholkranken Menschen unter dem sogenannten Schleppdach und saufen. Was die da reden, weiß ich nicht. Es wird darum gestritten, wer von welchem Schnaps was abgebissen hat, und wer wie viel abgekriegt hat. Also, da wird einem ganz anders. Da kann man natürlich fragen, wo waren die Eltern, warum lassen die ihre Kinder da sitzen?
Und wenn man dann diese traurigen Gestalten da gesehen hat vor Gericht. Ein Zeuge nach dem anderen, frühere Rinder- oder Schweinezüchter und dann arbeitslos, alle dem Alkohol verfallen. Die dann da sitzen, allen Ernstes erklären, sie können sich nicht erinnern, weil sie so alkoholgeschädigt sind. Dann irgendwas erzählen, noch lügen oder mauern: Haste nix gesehen, musste auch nix sagen - obwohl manche bei den Quälereien von Marinus dabei waren. Und nichts unternommen haben. Die haben nicht sagen können, wir haben ein schlechtes Gewissen, oder es tut uns leid. Da kam nichts.
Dem Dorf fehlt der zivilisatorische Standard. Man kümmert sich nicht umeinander. Es hat keinen belastet, den Rucksack, das Handy und das Fahrrad von Marinus zu finden. Keiner hat etwas getan.
MATTHIAS MUCHOW: Ich frag mich immer noch: Warum is Marinus nicht abgehauen?
Ich denk mal, den haben se wirklich so lange abgefüllt, bis sie den schleifen mussten. Denn ansonsten, ich weiß es nicht.
Ich hab den Marinus und die Schönfeldbrüder mit dem Sebastian kurz vorher getroffen. Bevor sie zu dem Fiebranz da hingegangen sind. Zwei Minuten vorher, da wo der Club is, da is ne Kastanie. Da sind die uns gerade entgegengekommen. Na ja, da denkt man sich nichts bei.
Nachdem der Marinus weg war, da wurde sein Rucksack und sein Ladegerät vom Handy gefunden. Ich hab die Hoffnung nie aufgegeben. Ich hab immer gedacht, ich seh den wieder, weil - ich hab den gern gehabt, den Bengel. Der war zwar auf die eine Art und Weise mal 'n Arschloch, genauso wie ich, ich bin auch mal 'n Arschloch, aber man kommt immer wieder zu sich, und ich hätt auch zu Marinus wieder gefunden.
Marinus is genauso wie ich. Also der is genauso wie ich, echt, das nimmt sich nicht viel. Der hat genauso viel gekifft wie ich. Der hat gern mal einen getrunken wie ich. Der hat gerne mal Scheiße gebaut wie ich. Der is so'n Jugendlicher wie ich. Der ging zur Schule wie ich. Also war das genauso einer wie ich, sag ich jetzt.
Ich hab auch Träume gehabt, so. Marinus kommt an mein Fenster, ich geh ran, hey Junge, komm rein, geh mal erst mal duschen, Du stinkst, ess mal, ess mal, ess mal, werd mal groß und stark wieder, dann fahrn wir dich übermorgen, wann du willst, wieder nach Hause.
Im November war dann eben das Fest im Club, und da hat Marcel gesagt, ich weiß, wo Marinus ist. Und das war wohl der Suff. Dann hab ich das gepeilt.
Nächsten Tag drauf dann, hab ich gesagt, Du, Andy, weißte was, ich glaub Marinus war wirklich nicht weg gewesen. - Wie jetze hier? - Na ja, der war immer bei uns, der war immer in Potzlow. - Na wo? - Na beim Schweinestall. - Na wo denn da? - Na der war da bei der Jauchegrube. Kommste mit hoch kucken, ob das stimmt? - Denn sind wir hochgegangen, zu dritt, dann hab' ich angefangen zu buddeln. - Marinus hatte immer ne ähnliche Hose gehabt, wie ich jetzt anhab, nur in grün. Ja und die hat der auch noch angehabt, da. im Grab, in der Grube. Und dann beim T-Shirt hab ich - weil, der Kopf war als erstes frei schon - ich hab die Arme rausgebuddelt, Brustkorb dann, da hab ich das irgendwie mit der Schippe gemerkt, da is was sehr elastisch, kann keine Haut sein, gekiekt, das is 'n Shirt, und Knochen. Haste nicht gesehen. Und dann dacht ich mir: Das kann er sein.
TORSTEN MUCHOW: Wenn Matthias eine Leiche findet, die recht übel zugerichtet wurde, gibt es einen Schock. Dann hat er da ein Problem. Die Lehrer haben es nicht verstanden. Und dann brauchen wir einen sachlichen Bericht von einem Therapeuten. Hab ich in Berlin anfertigen lassen. Wie es dem Jungen ergeht, und was er in sich hineinfrisst. Und das haben wir der Schule übergeben, womit die dann endlich mal gesehen haben, dass er erstmal wieder zu sich finden muss. Als Vater kann ich sagen: Er will weiterkommen, er will nicht auf der Strecke, auf der Straße bleiben.
Erstmal war ja ein Haufen Leute hier, Presse und so weiter. Die wollten alle was von ihm. Und das ist ja auch ne Sache, wo man sagen muss, halt stopp, lasst mal den Jungen in Ruhe. Immer wieder neu aufreufeln, das gibt immer wieder neue Rückfälle. Und dann haben wir darüber nicht mehr gesprochen. Wir sind in die Pilze, Baden gefahren. Haben Volleyball gespielt und so getan, als wenn das erstmal abgehakt ist, fertig, halt vergessen die Sache.
Wenn man ein Problem hat, versuch es zu lösen, der nächste Tag ist wieder ein Tag. Es gibt so viele Probleme, man kann den Marinus nicht wieder lebendig machen. Man hat noch genug andere Probleme, mit die man auch fertig werden muss.
Und es ist ja nicht so, dass wir die Schuldigen sind, sondern die Schuldigen sind ja bestraft worden: Marco und Marcel Schönfeld und der Kumpel da von die.
JÜRGEN SCHÖNFELD: Als wir das gehört haben, was die gemacht haben, oben im Stall da.
Die waren abends um elfe hier, haben geklingelt. Ich zur Türe hin, da standen mehrere Polizisten vor der Tür. - Wo ist Marcel, haben se gefragt, - Der is nich da, sag ich. - Den hab ich nach Buckow ins Internat gefahren. Wat wollen se denn? - Det können wa Ihnen nich sagen. - Puff, weg und los.
JUTTA SCHÖNFELD: Marcel wusste, dass se ihn abholen. Marcel hat da in Buckow sein Bett noch nich bezogen gehabt, nichts. Er hat auf seinem Bett gesessen und gewartet.
JÜRGEN SCHÖNFELD: Als wir abends losgefahren warn von Potzlow, Marcel und ich, sind wa am Stall vorbei. Is die normale Route nach Buckow. Die Polizei war da, Scheinwerfer, war alles beleuchtet. Hab mich schon gewundert, was da oben los ist. Marcel saß neben mir, ham wa Musik gehört. War ganz ruhig. Schon am Nachmittag war der ganz anders. Hab ich gefragt, Marcel, wollen wir los nach Buckow? Wann wollen wir los? - Is egal Papa, wir können jetzt losfahren, wir können auch später losfahren. Marcel war richtig so, wie er früher war. Ganz entspannt war er. Wir konnten uns det erst gar nich erklären.
JUTTA SCHÖNFELD: Der Druck war raus. Der Druck war weg, diesen Druck, den er in sich hatte.
JÜRGEN SCHÖNFELD: Als wir in Buckow ankamen, hab ich gesagt, bis Freitag, hab ich mich verabschiedet. Er wusste det. Die Jugendlichen, mit denen er da gebuddelt hat nach der Leiche, er wusste, die sind nach die Polizei gegangen.
JUTTA SCHÖNFELD: Marcel hat gesagt, er wollte uns damit nich belasten. Damit hätte ich sowieso nicht leben können, und anzeigen hätte ich ihn auch nicht können.
Bis zum heutigen Tag, ich kann das nich glauben, das sag ich Ihnen ganz ehrlich, ich wollt das nich glauben. Ich weiß überhaupt nich, was ich noch glauben soll. Erst hab ich immer gedacht, dass ich so was dem Marco. Aber Marco hat von Anfang an gesagt, ich hab damit nischt zu tun, ich hab nischt gemacht.
Ich hab mir gedacht, dass ich verrückt werd. Als der Marcel plötzlich weg war. Wenn ich allein war im Haus, hab ich Stimmen gehört. Von meinem Vater, der lange tot ist, von Marcel. Ich kämpfe, ich will, dass sie beide nach Hause kommen können, irgendwann. Marco und Marcel. An Marcel klammer ich mich. Das ist jetzt, wie wenn man einem nach der Entbindung das Kind wegnimmt. Den Marco hab ich ja schon vorher verloren. Der hat sich seine eigene Welt gebaut, die gibt's nich. Das fing mit 13 an.
JÜRGEN SCHÖNFELD: Wir haben alles getan, was man tun kann. Wir haben unsere Kinder gut erzogen.
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Personen in der Reihenfolge ihres Auftretens
JUTTA SCHÖNFELD, Mutter von Marco und Marcel
BIRGIT SCHÖBERL, Mutter von Marinus
VERHÖRENDER
MARCEL SCHÖNFELD, jüngerer Bruder von Marco, einer der Täter
ACHIM FIEBRANZ, Dorfbewohner
STAATSANWALT
MATTHIAS MUCHOW, Freund von Marinus Schöberl
TORSTEN MUCHOW, Vater von Matthias
JÜRGEN SCHÖNFELD, Vater von Marco und Marcel
BÜRGERMEISTER von Potzlow
BÜRGERMEISTER der Gemeinde Oberuckersee
FRAU aus dem Dorf
PFARRER von Potzlow
GUTACHTER (psychiatrischer Sachverständiger)
ERZIEHERIN in der Bildungseinrichtung
AUSBILDER in der Bildungseinrichtung
HEIKO GÄBLER, Lehrling, Freund von Sebastian Fink
MARCO SCHÖNFELD, Bruder von Marcel Schönfeld, einer der Täter
Angela Becker (Name geändert), Freundin von Marco
JUTTA SCHÖNFELD:
Am Dienstag, da ging es los. Man kennt ja das mit der Zeitung und Fernsehen und plötzlich is man das selbst. RBB, Stern TV, RTL, alle wollten was erfahren, und der Polizist hat gesagt, alles abblocken. Die Nachbarschaft, wenn du raus kommst, denn wird grad noch so gegrüßt, und dann gehen sie wieder los.
Und abends sitzen wir dann hier, kriegen Anrufe, Mörder, Mörder. Denn hört man bloß ein Stöhnen im Hintergrund. Wir hatten so ne Angst gehabt, wir haben Bekannte angerufen, können wir bei Euch unterkommen? Die dann, wir rufen zurück, und dann haben sie zurückgerufen. - Ja, tut uns leid, musst uns verstehen, das geht nich, geh in ein Hotel. - Ich sage: - Aber ein Hotel kost ja aber auch Geld. - Ich hab denn gesagt, man kann nich wegrennen, wir haben nischt gemacht, wir sind keine Mörder. -
Ich wusste, dass was passieren wird. Marco hat mich angerufen und gesagt, dass sie jetzt losziehen, Marcel und er, mit dem Sebastian. Am 12. Juli, in der Nacht. Ich war im Krankenhaus, da war Vollmond. Mir haben se ja Rückenmarkwasser gezogen, und da hab ich gedacht, ich muss nach Hause. Diese Unruhe, war so warm gewesen.
BIRGIT SCHÖBERL:
Am 12. Juli ist Marinus mal wieder nach Potzlow gefahren. Er hatte vorher noch Video geguckt, so ein Trickfilmvideo. Und dann kam er mit seinem Rucksack, was er immer so drin hat, Badehose, Handtuch, Wechselwäsche, und dann hat er gesagt: Mutti, ich fahr nach Potzlow, ich schlaf da und komm Sonntag wieder. Tschüss, mach's gut. Das war's, was er zu mir gesagt hat. Hat er mir noch ne Kusshand zugeworfen, wie er es immer so machte.
Hat immer zu mir gesagt, wo er hingeht, weil er wusste, ich wollte es wissen. Ich komme um die und die Zeit, oder ich schlafe im Bauwagen. Im Sommer ist das ein kleines Abenteuer.
Er wurde verhätschelt. Er wurde ja von seinen Schwestern geliebt. Er war eben das Küken. Marinus war nicht geplant, gefreut haben wir uns alle. Süßes Baby. Die Mädchen haben ihn manchmal ins Bett mitgenommen. Er durfte jede Nacht bei ner anderen schlafen. Man konnte ihm nicht böse sein, wenn er einen mit seinen dunklen Augen angeguckt hat.
Er hatte wohl Schulschwierigkeiten damals schon, aber, er hat sich Mühe gegeben, was er konnte eben. Ich hab ihn dann runter genommen von der normalen Schule, nach der ersten Klasse. Ich hab ihn nicht ausgeschimpft. Ich hab's versucht mit Reden, Marinus, du möchtest später mal die Fahrerlaubnis machen, da musst du lesen und schreiben können.
Und als er Sonntag nicht kam, da habe ich Montag angerufen. Vielleicht hat er sein Handy nicht geladen, oder er hat es ausgestellt. Oder er hat wieder mal die PIN vergessen. Wenn er kein Geld drauf hatte, dann hat er es mir eigentlich immer gesagt, hat ein fremdes Handy genommen. Na ja, es sind Ferien, wer weiß, wo der ist. Da habe ich mir auch direkt keine Sorgen so gemacht. In Potzlow ist er aufgehoben, da kann ihm nichts passieren.
Als er am Wochenende immer noch nicht da war, da war es mir mulmig. Und da bin ich Montag früh nach Templin gefahren, um ihn als vermisst zu melden. Und dann passierte gar nichts.
(Alle Zitate von Birgit Schöberl stammen aus Interviews, die Gabi Probst vom Fernsehsender RBB 2003 mit ihr führte und die sie uns freundlicherweise zur Verfügung stellte.)
VERHÖRENDER: Verhör Marcel Schönfeld.
MARCEL SCHÖNFELD: Ich wurde an dieser Stelle belehrt, dass ich gegen meinen Bruder Marco das Recht der Aussageverweigerung habe. Davon mache ich keinen Gebrauch. Ich will die volle Wahrheit sagen.
VERHÖRENDER: Familienname.
MARCEL SCHÖNFELD: Schönfeld.
VERHÖRENDER: Vorname.
MARCEL SCHÖNFELD: Marcel.
VERHÖRENDER: Geburtsort.
MARCEL SCHÖNFELD: Prenzlau/Uckermark.
VERHÖRENDER: Beruf.
MARCEL SCHÖNFELD: ohne, Azubi.
VERHÖRENDER: Geburtsdatum.
MARCEL SCHÖNFELD: 30. 3. 1985.
VERHÖRENDER: Ehrenämter.
MARCEL SCHÖNFELD: Was?
VERHÖRENDER: Schule.
MARCEL SCHÖNFELD: Abschluss der 8. Klasse der Gesamtschule in Gramzow.
VERHÖRENDER: Beschuldigtenvernehmung, 18. 11.02, 2.45 Uhr.
MARCEL SCHÖNFELD: Mit dem Gegenstand meiner heutigen Beschuldigtenvernehmung wurde ich vertraut gemacht. Über meine Rechte als Beschuldigter wurde ich belehrt.
Mir wurde zu Beginn meiner Vernehmung mitgeteilt, dass ich im dringenden Verdacht stehe, an der Tötung eines Menschen beteiligt gewesen zu sein. Dazu kann ich folgende Aussage machen: Es ist richtig, dass ich dabei war, als eine Person zu Tode kam.
VERHÖRENDER: Um wen handelt es sich dabei?
MARCEL SCHÖNFELD: Es handelt sich hierbei um Marinus Schöberl aus Gerswalde.
VERHÖRENDER: Waren Sie an dieser Handlung allein beteiligt?
MARCEL SCHÖNFELD: Außer mir waren noch mein Bruder Marco Schönfeld und Sebastian Fink beteiligt.
VERHÖRENDER: Schildern Sie bitte, was passiert ist.
MARCEL SCHÖNFELD: Es war der 12. Juli 2002. Nachmittags kam mein Kumpel Sebastian mit dem Zug nach Seehausen. Mein Papa und ich haben ihn abgeholt.
Dann kam mein Bruder Marco auf die Idee, nach Strehlow zu fahren, um dort Achim [Fiebranz] zu besuchen. Mein Bruder war erst neun Tage vorher aus der Haft entlassen worden. Die beiden kannten sich noch aus früheren Zeiten. Wir holten einen Kasten Bier 'Sternburger'. Der wurde dann durch die anwesenden Personen geleert. Nach ca. einer Stunde war der Kasten leer, und wir holten einen zweiten. Kurz zuvor kam Marinus Schöberl mit einem Fahrrad auf den Hof von Achim gefahren.
ACHIM FIEBRANZ: Geb ich ehrlich zu, ich hab die dritte Klasse drei Mal nachgemacht. Ich bin nach acht Jahren hier aus der Schule entlassen worden. Die anderen, die schlauer waren wie ich, die sind dann nach Warnitz gegangen. Und als Abschiedsgeschenk hab ich von einer ganz lieben Lehrerin, meiner Geschichtslehrerin, nen Buch gekriegt von damals, aus der Steinzeit, Bogen bauen, Fallen stellen, Vogelfallen stellen, und wat die damals alles gemacht haben und aus Binsen: Boote bauen, immer Binse an Binse. Und dat wollt ich allen beibringen, sind wir zur Muschelstelle gefahren. Weißte, wer am schlausten gewesen ist, am schnellsten kapiert hat? Det war Marinus, und Nancy hat gleich abgekiekt. Na und dann die anderen hinterher. Dann von unten wieder zusammen getüdelt, und dann wurde det richtig so 'n Indianerkahn. Mann, ich hab fast zwanzig Dinger mit de Kinder gebaut in der Woche. Au, die paddeln, die Dinger gehen nich unter und die haben sich gefreut, die Kinder haben sich gefreut, det war ne richtige Kanu-Flotte gewesen bei uns da unten!
Nancy und Marinus, die haben allet zusammen gemacht. Und dann sind sie bei mir öfters gewesen. Da warn se schon so fünfzehn, sechzehn. Wenn ich wusste, die kommen, hab ich mein Ehebett bloß an die Wand geschoben, Decke rüber geschmissen und dann konnten se da drinne machen, was se wollten und ich hab mit Sieglinde meine Wohnstube gehabt, konnt ich Fernseh kieken und was willste denn machen als Arbeitsloser?
Den Marinus hat die Nancy noch nicht überlebt, die waren fast sechs Jahre zusammen als Freunde und dann waren se fast en Jahr verlobt. Und dann auf einmal det. Da möchte ich mal sehen, det steckt kener weg. Sie hat zwar en Freund von Berlin jetze, aber die hört sich jeden Abend die Gespräche an, wat se aufm Handy gekriegt hat von Marinus, hat sie alles gespeichert. Ihr Bruder, der Patrick, hat oft genug gesagt - der hat det Zimmer neben ihr -, Papa, ich halt det nich aus, darf ich bei Oliver im Zimmer schlafen, Nancy heult schon wieder wie ne Sau, sind ja bloß so ne dünnen Wände.
Ich könnt, wenn die Brüder mir jetzt in die Pfoten lofen würden, ich könnt mit nem Kopp den Balken einreißen, um die zu erwischen, wenn sie da vorne stehen würden jetzt, kannste glauben.
An dem Abend, als die den Marinus da tot gemacht ham, da haben wir unten gesessen, in der alten Brennerei, haben gequatscht unter dem Schleppdach da. Det waren Nachbarn, waren bei mir gewesen, haben wir enen gezwitschert. Da kamen dann Marco, Marcel und Sebastian an. Den kannte ich nicht. Und später dann der Marinus. An dem Abend, wir haben Karten gespielt, und mit einem Mal fing Marco an zu stänkern. Bei mir in der Wohnung wird Karten gespielt, 'Mensch ärgere dich nicht' gespielt, und mein Hund bellt da draußen auch, ist ja mein Baby, und gestänkert und geschlagen wird bei mir nicht. Na ja, ich hab auch schon leicht einen weg gehabt. Hab ich gesagt, ich will noch en bisschen Fernseh kieken, ich sag, nu is Ritze! Wir haben noch das Bier ausgesoffen. Marinus, er hat zu mir gesagt, Achim, hast du eine Zigarette für mich. Und da habe ich zu Marinus gesagt, du, das ist meine letzte. Da habe ich gesagt, ich stecke sie mir an, tun wir uns beide teilen. Und dann bin ich mit ihm auf die Treppe gegangen. Haben wir uns die Kippe geteilt, ein paar Züge. Det war denn so seine Henkerszigarette, kann man sagen.
STAATSANWALT: Wenn man sich anhört, was die Jugendlichen da für ein Umfeld haben. Die sitzen mit diesen alkoholkranken Menschen unter dem sogenannten Schleppdach und saufen. Was die da reden, weiß ich nicht. Es wird darum gestritten, wer von welchem Schnaps was abgebissen hat, und wer wie viel abgekriegt hat. Also, da wird einem ganz anders. Da kann man natürlich fragen, wo waren die Eltern, warum lassen die ihre Kinder da sitzen?
Und wenn man dann diese traurigen Gestalten da gesehen hat vor Gericht. Ein Zeuge nach dem anderen, frühere Rinder- oder Schweinezüchter und dann arbeitslos, alle dem Alkohol verfallen. Die dann da sitzen, allen Ernstes erklären, sie können sich nicht erinnern, weil sie so alkoholgeschädigt sind. Dann irgendwas erzählen, noch lügen oder mauern: Haste nix gesehen, musste auch nix sagen - obwohl manche bei den Quälereien von Marinus dabei waren. Und nichts unternommen haben. Die haben nicht sagen können, wir haben ein schlechtes Gewissen, oder es tut uns leid. Da kam nichts.
Dem Dorf fehlt der zivilisatorische Standard. Man kümmert sich nicht umeinander. Es hat keinen belastet, den Rucksack, das Handy und das Fahrrad von Marinus zu finden. Keiner hat etwas getan.
MATTHIAS MUCHOW: Ich frag mich immer noch: Warum is Marinus nicht abgehauen?
Ich denk mal, den haben se wirklich so lange abgefüllt, bis sie den schleifen mussten. Denn ansonsten, ich weiß es nicht.
Ich hab den Marinus und die Schönfeldbrüder mit dem Sebastian kurz vorher getroffen. Bevor sie zu dem Fiebranz da hingegangen sind. Zwei Minuten vorher, da wo der Club is, da is ne Kastanie. Da sind die uns gerade entgegengekommen. Na ja, da denkt man sich nichts bei.
Nachdem der Marinus weg war, da wurde sein Rucksack und sein Ladegerät vom Handy gefunden. Ich hab die Hoffnung nie aufgegeben. Ich hab immer gedacht, ich seh den wieder, weil - ich hab den gern gehabt, den Bengel. Der war zwar auf die eine Art und Weise mal 'n Arschloch, genauso wie ich, ich bin auch mal 'n Arschloch, aber man kommt immer wieder zu sich, und ich hätt auch zu Marinus wieder gefunden.
Marinus is genauso wie ich. Also der is genauso wie ich, echt, das nimmt sich nicht viel. Der hat genauso viel gekifft wie ich. Der hat gern mal einen getrunken wie ich. Der hat gerne mal Scheiße gebaut wie ich. Der is so'n Jugendlicher wie ich. Der ging zur Schule wie ich. Also war das genauso einer wie ich, sag ich jetzt.
Ich hab auch Träume gehabt, so. Marinus kommt an mein Fenster, ich geh ran, hey Junge, komm rein, geh mal erst mal duschen, Du stinkst, ess mal, ess mal, ess mal, werd mal groß und stark wieder, dann fahrn wir dich übermorgen, wann du willst, wieder nach Hause.
Im November war dann eben das Fest im Club, und da hat Marcel gesagt, ich weiß, wo Marinus ist. Und das war wohl der Suff. Dann hab ich das gepeilt.
Nächsten Tag drauf dann, hab ich gesagt, Du, Andy, weißte was, ich glaub Marinus war wirklich nicht weg gewesen. - Wie jetze hier? - Na ja, der war immer bei uns, der war immer in Potzlow. - Na wo? - Na beim Schweinestall. - Na wo denn da? - Na der war da bei der Jauchegrube. Kommste mit hoch kucken, ob das stimmt? - Denn sind wir hochgegangen, zu dritt, dann hab' ich angefangen zu buddeln. - Marinus hatte immer ne ähnliche Hose gehabt, wie ich jetzt anhab, nur in grün. Ja und die hat der auch noch angehabt, da. im Grab, in der Grube. Und dann beim T-Shirt hab ich - weil, der Kopf war als erstes frei schon - ich hab die Arme rausgebuddelt, Brustkorb dann, da hab ich das irgendwie mit der Schippe gemerkt, da is was sehr elastisch, kann keine Haut sein, gekiekt, das is 'n Shirt, und Knochen. Haste nicht gesehen. Und dann dacht ich mir: Das kann er sein.
TORSTEN MUCHOW: Wenn Matthias eine Leiche findet, die recht übel zugerichtet wurde, gibt es einen Schock. Dann hat er da ein Problem. Die Lehrer haben es nicht verstanden. Und dann brauchen wir einen sachlichen Bericht von einem Therapeuten. Hab ich in Berlin anfertigen lassen. Wie es dem Jungen ergeht, und was er in sich hineinfrisst. Und das haben wir der Schule übergeben, womit die dann endlich mal gesehen haben, dass er erstmal wieder zu sich finden muss. Als Vater kann ich sagen: Er will weiterkommen, er will nicht auf der Strecke, auf der Straße bleiben.
Erstmal war ja ein Haufen Leute hier, Presse und so weiter. Die wollten alle was von ihm. Und das ist ja auch ne Sache, wo man sagen muss, halt stopp, lasst mal den Jungen in Ruhe. Immer wieder neu aufreufeln, das gibt immer wieder neue Rückfälle. Und dann haben wir darüber nicht mehr gesprochen. Wir sind in die Pilze, Baden gefahren. Haben Volleyball gespielt und so getan, als wenn das erstmal abgehakt ist, fertig, halt vergessen die Sache.
Wenn man ein Problem hat, versuch es zu lösen, der nächste Tag ist wieder ein Tag. Es gibt so viele Probleme, man kann den Marinus nicht wieder lebendig machen. Man hat noch genug andere Probleme, mit die man auch fertig werden muss.
Und es ist ja nicht so, dass wir die Schuldigen sind, sondern die Schuldigen sind ja bestraft worden: Marco und Marcel Schönfeld und der Kumpel da von die.
JÜRGEN SCHÖNFELD: Als wir das gehört haben, was die gemacht haben, oben im Stall da.
Die waren abends um elfe hier, haben geklingelt. Ich zur Türe hin, da standen mehrere Polizisten vor der Tür. - Wo ist Marcel, haben se gefragt, - Der is nich da, sag ich. - Den hab ich nach Buckow ins Internat gefahren. Wat wollen se denn? - Det können wa Ihnen nich sagen. - Puff, weg und los.
JUTTA SCHÖNFELD: Marcel wusste, dass se ihn abholen. Marcel hat da in Buckow sein Bett noch nich bezogen gehabt, nichts. Er hat auf seinem Bett gesessen und gewartet.
JÜRGEN SCHÖNFELD: Als wir abends losgefahren warn von Potzlow, Marcel und ich, sind wa am Stall vorbei. Is die normale Route nach Buckow. Die Polizei war da, Scheinwerfer, war alles beleuchtet. Hab mich schon gewundert, was da oben los ist. Marcel saß neben mir, ham wa Musik gehört. War ganz ruhig. Schon am Nachmittag war der ganz anders. Hab ich gefragt, Marcel, wollen wir los nach Buckow? Wann wollen wir los? - Is egal Papa, wir können jetzt losfahren, wir können auch später losfahren. Marcel war richtig so, wie er früher war. Ganz entspannt war er. Wir konnten uns det erst gar nich erklären.
JUTTA SCHÖNFELD: Der Druck war raus. Der Druck war weg, diesen Druck, den er in sich hatte.
JÜRGEN SCHÖNFELD: Als wir in Buckow ankamen, hab ich gesagt, bis Freitag, hab ich mich verabschiedet. Er wusste det. Die Jugendlichen, mit denen er da gebuddelt hat nach der Leiche, er wusste, die sind nach die Polizei gegangen.
JUTTA SCHÖNFELD: Marcel hat gesagt, er wollte uns damit nich belasten. Damit hätte ich sowieso nicht leben können, und anzeigen hätte ich ihn auch nicht können.
Bis zum heutigen Tag, ich kann das nich glauben, das sag ich Ihnen ganz ehrlich, ich wollt das nich glauben. Ich weiß überhaupt nich, was ich noch glauben soll. Erst hab ich immer gedacht, dass ich so was dem Marco. Aber Marco hat von Anfang an gesagt, ich hab damit nischt zu tun, ich hab nischt gemacht.
Ich hab mir gedacht, dass ich verrückt werd. Als der Marcel plötzlich weg war. Wenn ich allein war im Haus, hab ich Stimmen gehört. Von meinem Vater, der lange tot ist, von Marcel. Ich kämpfe, ich will, dass sie beide nach Hause kommen können, irgendwann. Marco und Marcel. An Marcel klammer ich mich. Das ist jetzt, wie wenn man einem nach der Entbindung das Kind wegnimmt. Den Marco hab ich ja schon vorher verloren. Der hat sich seine eigene Welt gebaut, die gibt's nich. Das fing mit 13 an.
JÜRGEN SCHÖNFELD: Wir haben alles getan, was man tun kann. Wir haben unsere Kinder gut erzogen.
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