Victorine
Roman
Catherine Texier(Author)
btb (Publisher)
Published on 2. January 2007
Book
Paperback/Softback
432 pages
978-3-442-73570-9 (ISBN)
Description
Ein historischer Roman und eine bittersüße Liebesgeschichte.
Was sie getan hatte, darüber sprach man nicht. Catherine Texiers Urgroßmutter lebte in einem kleinen Dorf in der Vendée, war verheiratet und hatte drei Kinder. Kurz vor Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts verschwand sie für eineinhalb Jahre. Was ist in dieser Zeit geschehen? Ist sie wirklich mit ihrer Jugendliebe durchgebrannt und nach Saigon gefahren? Inspiriert von dem gut gehüteten Familiengeheimnis, hat Catherine Texier einen hinreißenden Roman über eine selbstbewusste, unberechenbare Frau geschrieben.
Was sie getan hatte, darüber sprach man nicht. Catherine Texiers Urgroßmutter lebte in einem kleinen Dorf in der Vendée, war verheiratet und hatte drei Kinder. Kurz vor Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts verschwand sie für eineinhalb Jahre. Was ist in dieser Zeit geschehen? Ist sie wirklich mit ihrer Jugendliebe durchgebrannt und nach Saigon gefahren? Inspiriert von dem gut gehüteten Familiengeheimnis, hat Catherine Texier einen hinreißenden Roman über eine selbstbewusste, unberechenbare Frau geschrieben.
More details
Series
73570
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 18.7 cm
Width: 11.8 cm
ISBN-13
978-3-442-73570-9 (9783442735709)
Schweitzer Classification
Persons
Catherine Texier ist in Frankreich geboren und aufgewachsen und lebt in New York. Bisher hat sie vier Romane veröffentlicht ("Chloé l'Atlantique", "Love Me Tender", "Panic Blood", "Victorine") sowie ein Buch über das Ende ihrer Ehe ("Breakup"). Sie war Mi
Content
Es gibt Familien von Spielern, Familien von Linken, Familien von Frauenhelden. In meiner Familie gibt es ein gerüttelt Maß an unberechenbaren Frauen. Frauen mit einer wilden, rebellischen Ader, die sich gegen das Joch eines Daseins als Ehefrau sträuben. Mag sein, daß eine Art rezessives Gen dafür verantwortlich ist, so wie für blaue Augen, oder daß es sich um ein besonderes Charaktermerkmal handelt. Hin und wieder überspringt dieser Zug eine Generation. Meine Großmutter hatte ihn nicht, meine Mutter schon. Und auch meine Urgroßmutter, Victorine.
In der großen, weißen Villa am Stadtrand von Paris, wo ich bei meinen Großeltern und meiner Mutter aufwuchs, in der Villa mit der Trauerweide und der Blauzeder und der Schaukel, die an den Zweigen einer Kastanie hing, schwebte der geheimnisvolle Schatten von Victorine über uns. Sie starb vor meiner Geburt, und ihr Name wurde selten erwähnt, und wenn, dann mit verächtlichem Achselzucken oder Schnauben. Was sie getan hatte, darüber sprach man nicht.
Zusammenreimen konnte ich mir nur so viel: Victorine hatte ihren Mann und ihre Kinder - eines davon war mein Großvater - Ende der neunziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts in dem kleinen Dorf in der Vendée zurückgelassen, wo die Familie lebte. Gerüchten zufolge war sie mit einem Zollbeamten nach Indochina durchgebrannt. Spätestens im Jahr 1900 kehrte sie zurück zu ihrem Mann, da sie am 30. Mai 1901 ihren jüngsten Sohn, Maurice, zur Welt brachte. Über die Zeit dazwischen war nichts bekannt. Es ist, als wäre sie in ein Loch gefallen und diese Jahre wären ausradiert worden.
8. September 1940 11:15 Uhr
Die Zeit reicht kaum mehr, um an den Strand zu gehen, bevor Maurice sie zum Lunch abholt, aber sie möchte es nicht versäumen, ein letztes Mal den Ozean zu sehen. Der Regen, der drei Tage lang in Strömen gefallen ist, hat endlich aufgehört und den Himmel tiefblau und makellos rein gewaschen. Sie eilt durch das ebenerdige Haus, das jetzt, nachdem fast alle Möbel weggebracht worden sind, unpersönlich wirkt, schiebt eine zusammengelegte Decke in ihre handgewebte Tasche und zieht Gummigaloschen über ihre weichen wollenen Hausschuhe; der Sand könnte noch feucht sein.
Der alte Überseekoffer steht mitten im leeren Salon, wo die Packer ihn abgestellt haben, nachdem sie ihn tags zuvor aus dem Keller heraufgeholt hatten. Der Koffer ist kleiner, als sie ihn in Erinnerung hat, das Leder abgewetzt und zerkratzt vom jahrelangen Gebrauch. Sie fährt mit einem Finger durch die Staubschicht. Vierzig Jahre ist es her.
Sie hat Mühe, die Schnappschlösser aufzudrücken. Ein schwerer Geruch hängt in den alten Kleidern: Sandelholz. Ihre Hände tasten an einer Innenseite des Koffers entlang, dann an der anderen. Sie weiß noch, daß sie das Tagebuch nachträglich in aller Eile hineingesteckt hat. Sie zieht ein Exemplar von Madame Chrysanthème heraus, einem Roman von Pierre Loti, dann einen Katalog von der Weltausstellung 1900. Auch den muß sie später in den Koffer gesteckt haben. Ob sie das Tagebuch doch anderswo verstaut hat? Sie entdeckt noch ein paar Bücher, ein Fotoalbum mit rotem Kunstledereinband, ein in blaues marokkanisches Leder gebundenes Geschäftsbuch, in dem verschiedene Artikel aufgelistet sind: weiße Taschentücher, Kopfkissenbezüge, Tischdecken mit Plattstickerei und Valenciennesspitze, jeweils mit Preisangaben in Piastern. Schließlich ertastet ihre Hand einen rechteckigen Gegenstand am Boden des Koffers. Sie zieht ihn heraus. Ja, es ist das braune Schulheft. Es riecht feucht und nach Rauch. Ohne es aufzuschlagen, schiebt sie es in ihre Tasche und geht rasch aus dem Haus. Wie Girlanden schmücken Wassertropfen das Gitter, das sich unter dem Dach des eingeschossigen Hauses entlangzieht. Sie bemerkt, daß die Stockrosen im Garten, die im Lauf des Sommers hoch und wild gewachsen sind, zu hellem Lavendel und wäßrigem Rosa verblassen, als hätte der spätsommerliche Regen ihre Farbe ausgewaschen.
Ihre Gelenke sind von Arthritis geschwollen, die Finger an den Knöcheln leicht verbogen. Sie trägt ihre große, handgewebte Tasche am Handgriff. Über das Kleid hat sie sich eine Schürze gebunden, als wollte sie in den Garten hinter dem Haus gehen, um fürs Abendessen einen Kopf Salat oder einen Strunk Mangold zu pflücken, und darüber trägt sie eine Strickjacke; am Meer ist es kühl. Das Kleid ist marineblau und mit winzig kleinen Vögeln oder Windmühlen bedruckt. Die Wolljacke ist selbstgestrickt, braunrot oder violett oder schlicht grau. Ihre Beine stecken in dicken, weißen Baumwollstrümpfen. An den Füßen trägt sie Hausschuhe mit weichen Sohlen und grauen Quasten und Überschuhe aus Gummi.
Die Boote liegen schief wie beschwipst, pastellfarbene Kleckse in der Morgensonne, ihre Masten wippen schräg über dem nassen Sand. Genauso wie an jenem Tag, als er in seinem weiten, schwarzen Überzieher auf sie zugekommen war, den Hut vor der Brust, und sich verbeugte. Als junge Ehefrau, noch vor Daniels Geburt, war sie mit Armand nach Paris gefahren, und sie hatten eine Gemäldeausstellung besucht, über die alle Welt sprach. Die Leinwände waren mit winzigen Farbklecksen bedeckt, die verschwammen, wenn man näher hinging. Trat man jedoch einen Schritt zurück, erwachte die Szene vibrierend zum Leben. Die Leute sagten, die Bilder seien hingeschludert, keine richtige Kunst, sie seien beeinflußt von den neumodischen Daguerreotypien, und doch erinnert sie der Strand an diesem Spätvormittag, getüpfelt mit den Rümpfen der Boote, gesprenkelt mit den huschenden Schatten hoher, windgetriebener Wolken, an diese Gemälde.
Sie breitet die Decke am Fuß der Dünen aus, setzt sich hin, zieht ihre Überschuhe aus und holt das Schulheft aus der Tasche. Vierzig Jahre, denkt sie wieder. Vierzig Jahre lang hat sie es nicht gesehen, ja nicht einmal den Koffer aufgemacht. Er war bei all ihren Umzügen verschlossen geblieben, von Velluire nach Maillezais, von Maillezais nach Le Gué de Velluire, von Le Gué de Velluire in die Villa Saint-Claude, hier in La Faute.
Sie erinnert sich, daß der braune Pappeinband ursprünglich mit geprägten Arabesken im maurischen Stil verziert war, wohl damit er so aussah wie marokkanisches Leder. Sie schlägt das Schulheft auf. Ein paar Briefe und vergilbte Zeitungsausschnitte rutschen heraus und fallen in ihren Schoß. Einige Seiten kleben zusammen. Sorgfältig, um sie nicht zu zerreißen, löst sie sie voneinander. Die hellblauen Linien sind kaum mehr zu erkennen, und die ursprünglich violette oder blaue Tinte ist zu hellem Umbra verblaßt.
Mehrere Seiten sind mit fremdsprachigen, akzentübersäten Wörtern bedeckt.
Langsam liest sie die Wörter, eins nach dem anderen. Die meisten sagen ihr nichts mehr.
Auf einem losen Blatt aus dickem Papier, das viermal gefaltet ist, kommen mehrere Reihen chinesischer Schriftzeichen zum Vorschein. Eine davon erkennt sie wieder; sie steht für ihren Namen.
Die anderen kann sie nicht mehr entziffern.
Sie blättert zurück zum Anfang des Tagebuchs und liest den ersten Eintrag.
4 avril 1898
Habe A. gestern am Strand gesehen. Angeblich geschieht
nie etwas ohne Grund. Ob das stimmt?
April 1898 - da war sie noch keine zweiunddreißig.
La Faute
3. April 1898. Sie lag auf dem Bauch, das Kinn auf die verschränkten Hände gestützt, die bestrumpften Zehen in den Sand gebohrt, und beobachtete ihren Sohn Daniel, einen kräftigen Jungen, der gerade dreizehn geworden war.
Es war in La Tranche. Palmsonntag. Nach dem Mittagessen bei Tante Emilienne. Daniel hatte seine Palmzweige zum Strand mitgenommen, um festzustellen, ob sie von dem Schilfgras geschnitten worden waren, das in den Dünen wuchs. So war es. Er schwenkte sie triumphierend, um ihr zu zeigen, daß er recht hatte, ließ sie in den Sand fallen und lief zum Wasser.
Vor ihr lag aufgeschlagen ein Exemplar von Balzacs Eugénie Grandet voller Eselsohren, aber sie las nicht. Die Seiten waren mit Sand bedeckt, die Körner hatten sich im Falz des Buches gesammelt. Und da auf einmal trat er zwischen sie und die Sonne und hockte sich neben sie. Den Hut hatte er in den Händen, zwischen den Knien, sein Gesicht lag tief im Schatten.
Es war derselbe Strand. Nur ein paar Kilometer weiter die Küste hinauf. Mit demselben weithin offenen Horizont, einem Horizont wie am Ende der Welt. Und das einzige Geräusch, das Kreischen der Möwen, zerriß den flaumigweichen morgendlichen Frieden, damals wie heute.
Er hatte sich zur Seite gedreht, so daß plötzlich die Sonne in seine blauen Augen schoß.
Erinnern Sie sich nicht an mich? hatte er gefragt. Und sie hatte nein gesagt, ohne ihn anzusehen.
Es kam zu unerwartet, ein Gespenst aus einem anderen Leben. Dieser Mann in dem weiten, schwarzen Überzieher, dem schwarzen Filzhut und den blankpolierten, schwarzen Schuhen, was hatte er gemein mit dem schlanken, blonden Jungen, der barfuß im Sand gelaufen war und Kisten voller Muscheln geschleppt hatte? Er beugte sich vor, schaute ihr in die Augen und lächelte. Sie sah die winzige abgestoßene Stelle an seinem Schneidezahn. Er sah sie so vertraulich an, daß sie, obwohl sie zwei Kinder und einen Mann hatte, errötete wie ein junges Mädchen.
Nein, beharrte sie störrisch, sie erinnere sich nicht an ihn. Sie verbannte jeden Ausdruck aus ihrem Blick, setzte sich auf und schlug die Beine unter. Wenn sie die Vergangenheit leugnete, wäre es, als hätte sie nie existiert.
Ich verstehe nicht. Ich erinnere mich nicht.
Sie senkte den Blick auf ihr Buch und klappte es zu.
Er las den auf dem Kopf stehenden Titel.
Eugénie Grandet, sagte er.
Ja. Haben Sie es mal gelesen?
Ja.
Es war peinlich. Geradezu lächerlich. Sie waren allein. Sie sah Daniel an der Mole, seine winzige Silhouette, die sich vorbeugte oder in die Hocke ging, genau konnte sie es nicht sagen.
Dein Sohn, sagte er.
Woher wollen Sie das wissen?
Er zuckte die Achseln. Nicht schwer zu erraten. Wann hast du geheiratet?
Monsieur.
Er nickte. Dann schrieb er mit dem Finger eine Acht in den Sand.
Was ist mit dir geschehen? fragte er.
Aber Daniel kam bereits angelaufen; seine Hosenbeine waren über den mageren Waden aufgekrempelt, die Schuhe trug er mit beiden Händen vor sich her wie ein Geschenk. Während er sich neben ihnen auf die Knie fallen ließ, drehte er einen Schuh um. Kleine, weiß-rosa Muscheln fielen heraus.
Daraufhin war er aufgestanden. Wischte sich den Sand vom Überzieher, von den Händen, setzte seinen Filzhut wieder auf. Er wirkte groß, größer, als sie ihn in Erinnerung hatte, und breiter in den Schultern. Er war ein Mann geworden.
Jetzt, wo er den Hut aufhatte, konnte sie seine Augen nicht mehr sehen. Er stand mit dem Rücken zur Sonne und zögerte einen Moment. Daniel blickte von dem Haufen Muscheln auf, die er gesammelt hatte, und beobachtete ihn schweigend, ohne etwas zu sagen.
Er tippte sich an den Hut und verbeugte sich.
Au revoir, madame.
Au revoir, monsieur, antwortete sie.
Später, nachdem er fort war und sie beide zur Straße zurückgingen, fragte Daniel mit beleidigter Miene: Wer war der Mann? Und: Kennt Vater ihn? Und sie sagte zu ihrem Sohn, vielleicht etwas zu unwirsch: Mêle-toi de ce que te regarde. Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten.
Sie zählte die Jahre an den Fingern ab. Sie war einunddreißig. Zum erstenmal begegnet waren sie sich sechzehn Jahre zuvor, als sie fünfzehn war. Im Sommer 1882. Oder war es 1881 gewesen? Eines jedoch wußte sie genau: Sie hatte ihr brevet noch nicht gemacht.
Es war Ebbe, dieselbe goldene Spätnachmittagsstimmung wie jetzt. Es war schon etwas kühl. Der Strand war mit den konischen Schatten der kleinen Gipfel und Täler aus feinem Sand gesprenkelt, der sich erstreckte, so weit das Auge reichte. An diesem Teil der Atlantikküste zieht sich der Ozean zuweilen gut einen Kilometer weit zurück und rollt dann wieder herein, 'schnell wie ein galoppierendes Pferd', wie man so sagt.
Sie steuert auf den kleinen Pulk Jungen zu, auf das offene Meer, und ihre langen Zöpfe hüpfen auf dem Rücken. Damals wuchs noch Schilfrohr auf den Dünen, aber es gab kein Casino, keine hölzernen Umkleidekabinen und gewiß niemanden, der badete. Sie läuft durch den feuchten Sand, springt über die Seewasserpfützen, hebt dabei ihren langen, weißen Musselinrock mit beiden Händen hoch. Ihre feinen Lederstiefel sind naß, aber das kümmert sie nicht.
Die Jungen kommen gerade von den Miesmuschelbänken zurück, hieven Kisten voller Muscheln aus einem Boot, stapeln sie aufeinander. Lauter sonnengebräunte Beine und muskulöse Arme und ein Anflug von Bart auf den Oberlippen. Ihr Cousin Jules, unter dem langärmligen Hemd noch bleich wie eine weiße Rübe, ist auch dabei, hilft den Sommer über mit. Sie ist mit ihren Schwestern, Bertha und Angelina, gekommen, um Jules zu sagen, daß die Kutsche wartet, um sie zum Abendessen zurück auf den Hof zu bringen. Aber eigentlich will sie Antoine sehen.
Er ist der Größte. Der Blonde mit den blauen Augen. Er hat die Hosenbeine bis über die Waden aufgekrempelt. Seine Schultern sind breit und tief gebräunt. Der feine Flaum auf seinen Armen ist fast weiß von der Sonne. Er beobachtet sie, als sie auf das Grüppchen zuläuft. Als wüßte er etwas von ihr, was sie selbst nicht weiß. Sie spricht nicht mit ihm, nur mit Jules. Sieht ihn nicht einmal an. Aber er weiß Bescheid, das spürt sie.
Er vertritt ihr den Weg, und um ein Haar stolpert sie und fällt in seine Arme. Sie spielt die Empörte, kichert aber. Er zieht an einem ihrer Zöpfe.
Ich möchte dir etwas zeigen, sagt er, aber erst mußt du die Schuhe ausziehen.
Sie zögert, bückt sich dann, um die winzigen Knöpfe aufzumachen.
Ihre Füße stehen jetzt nackt im warmen Sand, ihre winzigen hellrosa Zehen sehen aus wie bleiche Würmer. Verlegen gräbt sie sie tief ein. Der Sand bedeckt ihre Knöchel. Ihre Strümpfe und die aufgeknöpften Stiefel liegen achtlos weggeworfen auf der Seite.
Komm schon! Beeil dich!
Er läuft voraus. Sie schürzt den Rock bis zu den Knien. Knöchel und Beine sind unbedeckt, ihre Knie stoßen aneinander. Die nackte, von allem befreite Haut zu spüren ist aufregend. Stolpernd und strauchelnd im Sand, der mal trocken und körnig ist, mal naß und festgepreßt, dann wieder überspült, so daß er sie einsaugt, geht es weit hinaus in Richtung offenes Meer.
Warte! Wart auf mich!
Aber er ist schon bei den Muschelpfählen, die der anrollenden Flut trotzen.
Sieh dir das an, sagt er.
Die Unmengen Muscheln, die sich an die Holzpfähle klammern, sind dunkelviolett, beinahe schwarz. Die dicken Büschel, in der untergehenden Sonne schwarz glänzend wie Diamanten, eine unbewegliche Masse, aus der Meerwasser tropft, sehen auf stumme, eigensinnige Weise lebendig aus.
Faß sie an.
Sie zögert. Ihre Hand bleibt in der Luft hängen.
Mach schon, faß sie an! Sie werden dich schon nicht beißen.
Er nimmt ihre Hand und führt ihre Finger, bis sie die dunklen Schalen berühren.
Sie sind hart und scharf wie Messer, zugleich aber dicht behaart, ein Gewirr kleiner Bärte. Schnell zieht sie die Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt. Er lacht. Er legt seine beiden Hände, weit ausgebreitet, auf die Muscheln, fährt ihre scharfen Kanten mit den Daumen nach, um ihr zu zeigen, daß er keine Angst hat.
Ich bringe euch welche zum Abendessen. Eine ganze Kiste.
Sie schaut auf ihre Füße, die tiefer im nassen Sand versinken.
Wir fahren heim, sagt sie. Wir verlassen La Tranche.
Wann?
Übermorgen.
Deine Schwestern auch?
Ja, wir alle. Die Rückfahrt nach Cholet dauert einen ganzen Tag. Wir sind jetzt einen Monat hier. Sie dreht sich abrupt um. Wir sollten lieber gehen. Die Flut kommt.
Warte. Geh noch nicht. Siehst du die Insel da drüben?
Sie legt eine Hand über die Augen. In der Sonne, die am Horizont zu aprikosenfarbenen Schlieren zerfließt, kann man die Insel kaum erkennen.
Ja.
Weißt du, wie sie heißt?
Ile de Ré.
Und weiter?
Was meinst du damit? Weiter gibt es nichts.
Was ist hinter dem Horizont, ganz weit da drüben?
Amerika?
Er nickt anerkennend.
In der großen, weißen Villa am Stadtrand von Paris, wo ich bei meinen Großeltern und meiner Mutter aufwuchs, in der Villa mit der Trauerweide und der Blauzeder und der Schaukel, die an den Zweigen einer Kastanie hing, schwebte der geheimnisvolle Schatten von Victorine über uns. Sie starb vor meiner Geburt, und ihr Name wurde selten erwähnt, und wenn, dann mit verächtlichem Achselzucken oder Schnauben. Was sie getan hatte, darüber sprach man nicht.
Zusammenreimen konnte ich mir nur so viel: Victorine hatte ihren Mann und ihre Kinder - eines davon war mein Großvater - Ende der neunziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts in dem kleinen Dorf in der Vendée zurückgelassen, wo die Familie lebte. Gerüchten zufolge war sie mit einem Zollbeamten nach Indochina durchgebrannt. Spätestens im Jahr 1900 kehrte sie zurück zu ihrem Mann, da sie am 30. Mai 1901 ihren jüngsten Sohn, Maurice, zur Welt brachte. Über die Zeit dazwischen war nichts bekannt. Es ist, als wäre sie in ein Loch gefallen und diese Jahre wären ausradiert worden.
8. September 1940 11:15 Uhr
Die Zeit reicht kaum mehr, um an den Strand zu gehen, bevor Maurice sie zum Lunch abholt, aber sie möchte es nicht versäumen, ein letztes Mal den Ozean zu sehen. Der Regen, der drei Tage lang in Strömen gefallen ist, hat endlich aufgehört und den Himmel tiefblau und makellos rein gewaschen. Sie eilt durch das ebenerdige Haus, das jetzt, nachdem fast alle Möbel weggebracht worden sind, unpersönlich wirkt, schiebt eine zusammengelegte Decke in ihre handgewebte Tasche und zieht Gummigaloschen über ihre weichen wollenen Hausschuhe; der Sand könnte noch feucht sein.
Der alte Überseekoffer steht mitten im leeren Salon, wo die Packer ihn abgestellt haben, nachdem sie ihn tags zuvor aus dem Keller heraufgeholt hatten. Der Koffer ist kleiner, als sie ihn in Erinnerung hat, das Leder abgewetzt und zerkratzt vom jahrelangen Gebrauch. Sie fährt mit einem Finger durch die Staubschicht. Vierzig Jahre ist es her.
Sie hat Mühe, die Schnappschlösser aufzudrücken. Ein schwerer Geruch hängt in den alten Kleidern: Sandelholz. Ihre Hände tasten an einer Innenseite des Koffers entlang, dann an der anderen. Sie weiß noch, daß sie das Tagebuch nachträglich in aller Eile hineingesteckt hat. Sie zieht ein Exemplar von Madame Chrysanthème heraus, einem Roman von Pierre Loti, dann einen Katalog von der Weltausstellung 1900. Auch den muß sie später in den Koffer gesteckt haben. Ob sie das Tagebuch doch anderswo verstaut hat? Sie entdeckt noch ein paar Bücher, ein Fotoalbum mit rotem Kunstledereinband, ein in blaues marokkanisches Leder gebundenes Geschäftsbuch, in dem verschiedene Artikel aufgelistet sind: weiße Taschentücher, Kopfkissenbezüge, Tischdecken mit Plattstickerei und Valenciennesspitze, jeweils mit Preisangaben in Piastern. Schließlich ertastet ihre Hand einen rechteckigen Gegenstand am Boden des Koffers. Sie zieht ihn heraus. Ja, es ist das braune Schulheft. Es riecht feucht und nach Rauch. Ohne es aufzuschlagen, schiebt sie es in ihre Tasche und geht rasch aus dem Haus. Wie Girlanden schmücken Wassertropfen das Gitter, das sich unter dem Dach des eingeschossigen Hauses entlangzieht. Sie bemerkt, daß die Stockrosen im Garten, die im Lauf des Sommers hoch und wild gewachsen sind, zu hellem Lavendel und wäßrigem Rosa verblassen, als hätte der spätsommerliche Regen ihre Farbe ausgewaschen.
Ihre Gelenke sind von Arthritis geschwollen, die Finger an den Knöcheln leicht verbogen. Sie trägt ihre große, handgewebte Tasche am Handgriff. Über das Kleid hat sie sich eine Schürze gebunden, als wollte sie in den Garten hinter dem Haus gehen, um fürs Abendessen einen Kopf Salat oder einen Strunk Mangold zu pflücken, und darüber trägt sie eine Strickjacke; am Meer ist es kühl. Das Kleid ist marineblau und mit winzig kleinen Vögeln oder Windmühlen bedruckt. Die Wolljacke ist selbstgestrickt, braunrot oder violett oder schlicht grau. Ihre Beine stecken in dicken, weißen Baumwollstrümpfen. An den Füßen trägt sie Hausschuhe mit weichen Sohlen und grauen Quasten und Überschuhe aus Gummi.
Die Boote liegen schief wie beschwipst, pastellfarbene Kleckse in der Morgensonne, ihre Masten wippen schräg über dem nassen Sand. Genauso wie an jenem Tag, als er in seinem weiten, schwarzen Überzieher auf sie zugekommen war, den Hut vor der Brust, und sich verbeugte. Als junge Ehefrau, noch vor Daniels Geburt, war sie mit Armand nach Paris gefahren, und sie hatten eine Gemäldeausstellung besucht, über die alle Welt sprach. Die Leinwände waren mit winzigen Farbklecksen bedeckt, die verschwammen, wenn man näher hinging. Trat man jedoch einen Schritt zurück, erwachte die Szene vibrierend zum Leben. Die Leute sagten, die Bilder seien hingeschludert, keine richtige Kunst, sie seien beeinflußt von den neumodischen Daguerreotypien, und doch erinnert sie der Strand an diesem Spätvormittag, getüpfelt mit den Rümpfen der Boote, gesprenkelt mit den huschenden Schatten hoher, windgetriebener Wolken, an diese Gemälde.
Sie breitet die Decke am Fuß der Dünen aus, setzt sich hin, zieht ihre Überschuhe aus und holt das Schulheft aus der Tasche. Vierzig Jahre, denkt sie wieder. Vierzig Jahre lang hat sie es nicht gesehen, ja nicht einmal den Koffer aufgemacht. Er war bei all ihren Umzügen verschlossen geblieben, von Velluire nach Maillezais, von Maillezais nach Le Gué de Velluire, von Le Gué de Velluire in die Villa Saint-Claude, hier in La Faute.
Sie erinnert sich, daß der braune Pappeinband ursprünglich mit geprägten Arabesken im maurischen Stil verziert war, wohl damit er so aussah wie marokkanisches Leder. Sie schlägt das Schulheft auf. Ein paar Briefe und vergilbte Zeitungsausschnitte rutschen heraus und fallen in ihren Schoß. Einige Seiten kleben zusammen. Sorgfältig, um sie nicht zu zerreißen, löst sie sie voneinander. Die hellblauen Linien sind kaum mehr zu erkennen, und die ursprünglich violette oder blaue Tinte ist zu hellem Umbra verblaßt.
Mehrere Seiten sind mit fremdsprachigen, akzentübersäten Wörtern bedeckt.
Langsam liest sie die Wörter, eins nach dem anderen. Die meisten sagen ihr nichts mehr.
Auf einem losen Blatt aus dickem Papier, das viermal gefaltet ist, kommen mehrere Reihen chinesischer Schriftzeichen zum Vorschein. Eine davon erkennt sie wieder; sie steht für ihren Namen.
Die anderen kann sie nicht mehr entziffern.
Sie blättert zurück zum Anfang des Tagebuchs und liest den ersten Eintrag.
4 avril 1898
Habe A. gestern am Strand gesehen. Angeblich geschieht
nie etwas ohne Grund. Ob das stimmt?
April 1898 - da war sie noch keine zweiunddreißig.
La Faute
3. April 1898. Sie lag auf dem Bauch, das Kinn auf die verschränkten Hände gestützt, die bestrumpften Zehen in den Sand gebohrt, und beobachtete ihren Sohn Daniel, einen kräftigen Jungen, der gerade dreizehn geworden war.
Es war in La Tranche. Palmsonntag. Nach dem Mittagessen bei Tante Emilienne. Daniel hatte seine Palmzweige zum Strand mitgenommen, um festzustellen, ob sie von dem Schilfgras geschnitten worden waren, das in den Dünen wuchs. So war es. Er schwenkte sie triumphierend, um ihr zu zeigen, daß er recht hatte, ließ sie in den Sand fallen und lief zum Wasser.
Vor ihr lag aufgeschlagen ein Exemplar von Balzacs Eugénie Grandet voller Eselsohren, aber sie las nicht. Die Seiten waren mit Sand bedeckt, die Körner hatten sich im Falz des Buches gesammelt. Und da auf einmal trat er zwischen sie und die Sonne und hockte sich neben sie. Den Hut hatte er in den Händen, zwischen den Knien, sein Gesicht lag tief im Schatten.
Es war derselbe Strand. Nur ein paar Kilometer weiter die Küste hinauf. Mit demselben weithin offenen Horizont, einem Horizont wie am Ende der Welt. Und das einzige Geräusch, das Kreischen der Möwen, zerriß den flaumigweichen morgendlichen Frieden, damals wie heute.
Er hatte sich zur Seite gedreht, so daß plötzlich die Sonne in seine blauen Augen schoß.
Erinnern Sie sich nicht an mich? hatte er gefragt. Und sie hatte nein gesagt, ohne ihn anzusehen.
Es kam zu unerwartet, ein Gespenst aus einem anderen Leben. Dieser Mann in dem weiten, schwarzen Überzieher, dem schwarzen Filzhut und den blankpolierten, schwarzen Schuhen, was hatte er gemein mit dem schlanken, blonden Jungen, der barfuß im Sand gelaufen war und Kisten voller Muscheln geschleppt hatte? Er beugte sich vor, schaute ihr in die Augen und lächelte. Sie sah die winzige abgestoßene Stelle an seinem Schneidezahn. Er sah sie so vertraulich an, daß sie, obwohl sie zwei Kinder und einen Mann hatte, errötete wie ein junges Mädchen.
Nein, beharrte sie störrisch, sie erinnere sich nicht an ihn. Sie verbannte jeden Ausdruck aus ihrem Blick, setzte sich auf und schlug die Beine unter. Wenn sie die Vergangenheit leugnete, wäre es, als hätte sie nie existiert.
Ich verstehe nicht. Ich erinnere mich nicht.
Sie senkte den Blick auf ihr Buch und klappte es zu.
Er las den auf dem Kopf stehenden Titel.
Eugénie Grandet, sagte er.
Ja. Haben Sie es mal gelesen?
Ja.
Es war peinlich. Geradezu lächerlich. Sie waren allein. Sie sah Daniel an der Mole, seine winzige Silhouette, die sich vorbeugte oder in die Hocke ging, genau konnte sie es nicht sagen.
Dein Sohn, sagte er.
Woher wollen Sie das wissen?
Er zuckte die Achseln. Nicht schwer zu erraten. Wann hast du geheiratet?
Monsieur.
Er nickte. Dann schrieb er mit dem Finger eine Acht in den Sand.
Was ist mit dir geschehen? fragte er.
Aber Daniel kam bereits angelaufen; seine Hosenbeine waren über den mageren Waden aufgekrempelt, die Schuhe trug er mit beiden Händen vor sich her wie ein Geschenk. Während er sich neben ihnen auf die Knie fallen ließ, drehte er einen Schuh um. Kleine, weiß-rosa Muscheln fielen heraus.
Daraufhin war er aufgestanden. Wischte sich den Sand vom Überzieher, von den Händen, setzte seinen Filzhut wieder auf. Er wirkte groß, größer, als sie ihn in Erinnerung hatte, und breiter in den Schultern. Er war ein Mann geworden.
Jetzt, wo er den Hut aufhatte, konnte sie seine Augen nicht mehr sehen. Er stand mit dem Rücken zur Sonne und zögerte einen Moment. Daniel blickte von dem Haufen Muscheln auf, die er gesammelt hatte, und beobachtete ihn schweigend, ohne etwas zu sagen.
Er tippte sich an den Hut und verbeugte sich.
Au revoir, madame.
Au revoir, monsieur, antwortete sie.
Später, nachdem er fort war und sie beide zur Straße zurückgingen, fragte Daniel mit beleidigter Miene: Wer war der Mann? Und: Kennt Vater ihn? Und sie sagte zu ihrem Sohn, vielleicht etwas zu unwirsch: Mêle-toi de ce que te regarde. Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten.
Sie zählte die Jahre an den Fingern ab. Sie war einunddreißig. Zum erstenmal begegnet waren sie sich sechzehn Jahre zuvor, als sie fünfzehn war. Im Sommer 1882. Oder war es 1881 gewesen? Eines jedoch wußte sie genau: Sie hatte ihr brevet noch nicht gemacht.
Es war Ebbe, dieselbe goldene Spätnachmittagsstimmung wie jetzt. Es war schon etwas kühl. Der Strand war mit den konischen Schatten der kleinen Gipfel und Täler aus feinem Sand gesprenkelt, der sich erstreckte, so weit das Auge reichte. An diesem Teil der Atlantikküste zieht sich der Ozean zuweilen gut einen Kilometer weit zurück und rollt dann wieder herein, 'schnell wie ein galoppierendes Pferd', wie man so sagt.
Sie steuert auf den kleinen Pulk Jungen zu, auf das offene Meer, und ihre langen Zöpfe hüpfen auf dem Rücken. Damals wuchs noch Schilfrohr auf den Dünen, aber es gab kein Casino, keine hölzernen Umkleidekabinen und gewiß niemanden, der badete. Sie läuft durch den feuchten Sand, springt über die Seewasserpfützen, hebt dabei ihren langen, weißen Musselinrock mit beiden Händen hoch. Ihre feinen Lederstiefel sind naß, aber das kümmert sie nicht.
Die Jungen kommen gerade von den Miesmuschelbänken zurück, hieven Kisten voller Muscheln aus einem Boot, stapeln sie aufeinander. Lauter sonnengebräunte Beine und muskulöse Arme und ein Anflug von Bart auf den Oberlippen. Ihr Cousin Jules, unter dem langärmligen Hemd noch bleich wie eine weiße Rübe, ist auch dabei, hilft den Sommer über mit. Sie ist mit ihren Schwestern, Bertha und Angelina, gekommen, um Jules zu sagen, daß die Kutsche wartet, um sie zum Abendessen zurück auf den Hof zu bringen. Aber eigentlich will sie Antoine sehen.
Er ist der Größte. Der Blonde mit den blauen Augen. Er hat die Hosenbeine bis über die Waden aufgekrempelt. Seine Schultern sind breit und tief gebräunt. Der feine Flaum auf seinen Armen ist fast weiß von der Sonne. Er beobachtet sie, als sie auf das Grüppchen zuläuft. Als wüßte er etwas von ihr, was sie selbst nicht weiß. Sie spricht nicht mit ihm, nur mit Jules. Sieht ihn nicht einmal an. Aber er weiß Bescheid, das spürt sie.
Er vertritt ihr den Weg, und um ein Haar stolpert sie und fällt in seine Arme. Sie spielt die Empörte, kichert aber. Er zieht an einem ihrer Zöpfe.
Ich möchte dir etwas zeigen, sagt er, aber erst mußt du die Schuhe ausziehen.
Sie zögert, bückt sich dann, um die winzigen Knöpfe aufzumachen.
Ihre Füße stehen jetzt nackt im warmen Sand, ihre winzigen hellrosa Zehen sehen aus wie bleiche Würmer. Verlegen gräbt sie sie tief ein. Der Sand bedeckt ihre Knöchel. Ihre Strümpfe und die aufgeknöpften Stiefel liegen achtlos weggeworfen auf der Seite.
Komm schon! Beeil dich!
Er läuft voraus. Sie schürzt den Rock bis zu den Knien. Knöchel und Beine sind unbedeckt, ihre Knie stoßen aneinander. Die nackte, von allem befreite Haut zu spüren ist aufregend. Stolpernd und strauchelnd im Sand, der mal trocken und körnig ist, mal naß und festgepreßt, dann wieder überspült, so daß er sie einsaugt, geht es weit hinaus in Richtung offenes Meer.
Warte! Wart auf mich!
Aber er ist schon bei den Muschelpfählen, die der anrollenden Flut trotzen.
Sieh dir das an, sagt er.
Die Unmengen Muscheln, die sich an die Holzpfähle klammern, sind dunkelviolett, beinahe schwarz. Die dicken Büschel, in der untergehenden Sonne schwarz glänzend wie Diamanten, eine unbewegliche Masse, aus der Meerwasser tropft, sehen auf stumme, eigensinnige Weise lebendig aus.
Faß sie an.
Sie zögert. Ihre Hand bleibt in der Luft hängen.
Mach schon, faß sie an! Sie werden dich schon nicht beißen.
Er nimmt ihre Hand und führt ihre Finger, bis sie die dunklen Schalen berühren.
Sie sind hart und scharf wie Messer, zugleich aber dicht behaart, ein Gewirr kleiner Bärte. Schnell zieht sie die Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt. Er lacht. Er legt seine beiden Hände, weit ausgebreitet, auf die Muscheln, fährt ihre scharfen Kanten mit den Daumen nach, um ihr zu zeigen, daß er keine Angst hat.
Ich bringe euch welche zum Abendessen. Eine ganze Kiste.
Sie schaut auf ihre Füße, die tiefer im nassen Sand versinken.
Wir fahren heim, sagt sie. Wir verlassen La Tranche.
Wann?
Übermorgen.
Deine Schwestern auch?
Ja, wir alle. Die Rückfahrt nach Cholet dauert einen ganzen Tag. Wir sind jetzt einen Monat hier. Sie dreht sich abrupt um. Wir sollten lieber gehen. Die Flut kommt.
Warte. Geh noch nicht. Siehst du die Insel da drüben?
Sie legt eine Hand über die Augen. In der Sonne, die am Horizont zu aprikosenfarbenen Schlieren zerfließt, kann man die Insel kaum erkennen.
Ja.
Weißt du, wie sie heißt?
Ile de Ré.
Und weiter?
Was meinst du damit? Weiter gibt es nichts.
Was ist hinter dem Horizont, ganz weit da drüben?
Amerika?
Er nickt anerkennend.