
Kuhdoo
Roman
Sobo Swobodnik(Author)
Heyne (Publisher)
Published on 6. April 2010
Book
Paperback/Softback
416 pages
978-3-453-40711-4 (ISBN)
Description
Da fliegt die Kuh
Nach Jahrzehnten kehrt Paul Plotek zurück in seine alte Heimat auf die Schwäbische Alb - sein Vater ist gestorben. Man fand ihn tot im Häcksler. Plotek verspricht sich eine fette Erbschaft, aber stattdessen gibt es erst mal allerhand Tote. Zerstückelte Leichen im Dorfteich, eine vermisste Magd und Plotek mittendrin im Schlamassel. Die so harmlos scheinende provinzielle Idylle wird durcheinandergewirbelt, nicht zuletzt, weil Plotek zusammen mit seinem beinamputierten Kumpel Vinzi auf eigene Faust ermittelt.
Nach Jahrzehnten kehrt Paul Plotek zurück in seine alte Heimat auf die Schwäbische Alb - sein Vater ist gestorben. Man fand ihn tot im Häcksler. Plotek verspricht sich eine fette Erbschaft, aber stattdessen gibt es erst mal allerhand Tote. Zerstückelte Leichen im Dorfteich, eine vermisste Magd und Plotek mittendrin im Schlamassel. Die so harmlos scheinende provinzielle Idylle wird durcheinandergewirbelt, nicht zuletzt, weil Plotek zusammen mit seinem beinamputierten Kumpel Vinzi auf eigene Faust ermittelt.
More details
Series
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 18.7 cm
Width: 11.8 cm
ISBN-13
978-3-453-40711-4 (9783453407114)
Schweitzer Classification
Content
Jetzt saß Plotek wieder mal im Froh und Munter und wartete. Wie so oft. Wie immer. Er saß in letzter Zeit immer öfter und immer früher in seiner Lieblingsgaststätte, in München, im Stadtteil Neuhausen, am Tresen vor einem vollen Weißbierglas mit einer Schaumkrone wie gemalt. Und wartete. Obwohl das auch nicht ganz richtig ist. Von Warten konnte bei Plotek eigentlich keine Rede sein. Noch nie. Plotek wartete eigentlich nicht. Es sah zwar so aus. War aber nicht so. Plotek saß nur da, schaute vor sich hin und trank in regelmäßigen Abständen einen Schluck Bier. Bis das Bier leer war. Dann bestellte er bei Susi ein neues, schaute wieder vor sich hin und trank. So ging das eine ganze Weile. Bis Plotek so viel getrunken hatte, dass er ziemlich voll war. Dann wankte er nach Hause, gleich um die Ecke, legte sich ins Bett, schlief bis zum Mittag und setzte sich anschließend wieder im Froh und Munter an den Tresen. So war das die letzten Monate gegangen. Seitdem er aus Hamburg zurück war. Seitdem es mit Agnes nicht mehr so lief, wie es einmal gelaufen war. Seit es mit ihm nicht mehr so lief, wie es einmal gelaufen war. Seit er quasi neben sich selbst herlief. Oder besser: stand. Wie ein Verkehrsschild an einer zugigen Kreuzung in der bayerischen Landeshauptstadt. Etwa in der Nähe des Luise-Kiesselbach-Platzes. Bei Regen. In der Nacht. Am Tag. Immer. Ein gelbes Verkehrsschild mit einem schwarzen Känguru darauf. Darunter ein viereckiges Schild: Next 20 years. Oder: Up to death. Als wäre Bayern Australien. Der Luise-Kiesselbach-Platz als ein Teil des Royal Nationalparks.
Ein Verkehrsschild mit einer Kuh drauf hätte es auch getan. Als wäre die Weltstadt mit Herz ein verregnetes Kuhdorf und Plotek die lächerliche Karikatur seiner selbst. Ein Häufchen Elend mit großem Durst. Und jeden Abend einem Rausch. Wobei das mit zunehmender Zeit auch immer schwerer wurde. Je länger Plotek trank, umso mehr Alkohol brauchte er, um betrunken zu werden. Schließlich standen um den ganzen Bierdeckel herum Kugelschreiberstriche, die aussahen wie kleine Ausrufezeichen. Wie Känguruschwänze, die Susi am Ende zusammenzählte und in das Schuldenbüchlein in der Schublade schrieb.
Apropos: Stünde Plotek als Schild mit Kuh nicht am Luise-Kiesselbach-Platz, sondern, sagen wir mal, in Indien, wo ein Sechstel der Weltbevölkerung und ein Zehntel der Kühe leben, wäre der Luise-Kiesselbach-Platz also in Kalkutta, dann hätte das Plotek-Schild und auch Plotek wieder einen Sinn. Oder mehr Sinn. Die Karikatur wäre des Lächerlichen beraubt. Das Elend wäre kein Elend. Sondern Bestimmung. Nur der Durst bliebe Durst.
Aber vergiss es! Oder besser: Plotek trank, um zu vergessen. Noch besser: um nicht mehr nachdenken zu müssen. (Weder über Kalkutta und Kühe, noch über den Kiesselbach-Platz.) Im nüchternen Zustand gingen Plotek unendlich viele Gedanken durch den Kopf, denen er nur betrunken gewachsen schien. Welche Gedanken, könnte man sich jetzt fragen. Nun, da gab es allerhand, was Ploteks Leben nicht gerade einfach gestaltete: Kalkutta, Kühe und der Kiesselbach-Platz. Dann auch noch: Existenz, Schulden, Ökonomie, Komplexe, Gegenwart, Zukunft, Vergangenheit, Kindheit - eigentlich alles. Und zu guter Letzt: er selbst.
"Geh doch mal raus", sagte Agnes, wenn sie mal neben ihm saß. Was selten vorkam. Da am Tresen, im Froh und Munter. "An die frische Luft, an die Isar, in den Englischen Garten."
Dabei schaute sie, als ob sie selbst gerade von dort kommen würde. Von der frischen Luft. Von der Isar. Aus dem Englischen Garten. Und auch gleich wieder hinwollte. Was er da sollte, an der frischen Luft, an der Isar, im Englischen Garten, das sagte sie nicht. Was sie sagte, war nur: "Mach doch mal was, Mann!"
Das klang alles andere als aufheiternd. Das klang nach Apokalypse. Dabei sah sie ein wenig verächtlich auf Ploteks dicken Bauch herab, schüttelte den Kopf und zischte: "Mensch, Plotek!" Wie man vielleicht "Heiland Sack!" zischt. Also doppelte Apokalypse.
Woraufhin Plotek sich natürlich sogleich denken konnte, was er machen sollte: Gymnastik, Joggen, Walken, Mountainbiking, Bungeejumping und all diese vom Gesundheitswahn verordneten Foltermaßnahmen, die nicht nur in höchstem Maße schweißtreibend waren, sondern auch extrem kostenaufwändig. Mehr noch. Den Menschen zu einer lächerlichen Karikatur seiner selbst verkommen ließen. Dann doch lieber am Tresen sitzen, als Häufchen Elend mit großem Durst, dachte Plotek und schüttelte innerlich den Kopf. So heftig, dass die Schuppen Richtung Tresen stürzten und perfekt getarnt, als wären sie von der CIA, im Weißbierschaum untertauchten. "Walken!", kam es dann noch von der Susi, die immer ganz Ohr war, wenn es um Plotek ging und Agnes mal wieder therapeutisch am Tresen zu Gange war.
Walken, dachte Plotek, der Inbegriff der Idiotie. Lieber augenblicklich tot vom Tresen fallen als ein Leben lang mit Stöcken durch den Englischen Garten rennen. An der Isar. Der frischen Luft.
"Die Stöcke entlasten", behauptete Susi wie zur Entschuldigung, als hätte sie in Ploteks Gesicht die Zweifel ablesen können wie die Luftfeuchtigkeit an einem Aspirationspsychrometer. Das waren aber keine Zweifel. Das war abgrundtiefe Verachtung. Meinetwegen, dachte Plotek. Entlasten die Stöcke eben die Gelenke. Aber dafür belasten sie umso mehr den gesunden Menschenverstand und rauben einem die menschliche Würde. Mal ganz davon abgesehen, dass es ziemlich scheiße aussieht, wenn ein übergewichtiger Mann um die vierzig in hautengen, orangenen Leggins mit zwei Stöcken in der Hand durch den Englischen Garten watschelt. An der Isar. An der frischen Luft. Das mag für den Körper wohltuend sein. Für den Geist ist es eine Katastrophe. Am Ende ist der Körper gesund und die Psyche geht am Stock. Nein, danke! Dann doch lieber hier am Tresen sitzen, Weißbier trinken, warten oder nicht warten und dabei auf der Stelle treten. Wie ein Känguru auf einem Verkehrsschild am Luise-Kiesselbach-Platz.
Wie lange das noch so weitergehen sollte, war Plotek auch wieder nicht ganz klar. Klar war ihm dagegen, dass sich mancher Gedanke, während er so vor seinem Weißbierglas saß, unter seiner Schädeldecke häuslich einrichtete. Als wäre er in dem von der Gewerkschaft ausgehandelten Jahresurlaub. Gedankenkuscheln nannte er das immer abschätzig. Was ihm wiederum gar nicht so recht war.
Ein Verkehrsschild mit einer Kuh drauf hätte es auch getan. Als wäre die Weltstadt mit Herz ein verregnetes Kuhdorf und Plotek die lächerliche Karikatur seiner selbst. Ein Häufchen Elend mit großem Durst. Und jeden Abend einem Rausch. Wobei das mit zunehmender Zeit auch immer schwerer wurde. Je länger Plotek trank, umso mehr Alkohol brauchte er, um betrunken zu werden. Schließlich standen um den ganzen Bierdeckel herum Kugelschreiberstriche, die aussahen wie kleine Ausrufezeichen. Wie Känguruschwänze, die Susi am Ende zusammenzählte und in das Schuldenbüchlein in der Schublade schrieb.
Apropos: Stünde Plotek als Schild mit Kuh nicht am Luise-Kiesselbach-Platz, sondern, sagen wir mal, in Indien, wo ein Sechstel der Weltbevölkerung und ein Zehntel der Kühe leben, wäre der Luise-Kiesselbach-Platz also in Kalkutta, dann hätte das Plotek-Schild und auch Plotek wieder einen Sinn. Oder mehr Sinn. Die Karikatur wäre des Lächerlichen beraubt. Das Elend wäre kein Elend. Sondern Bestimmung. Nur der Durst bliebe Durst.
Aber vergiss es! Oder besser: Plotek trank, um zu vergessen. Noch besser: um nicht mehr nachdenken zu müssen. (Weder über Kalkutta und Kühe, noch über den Kiesselbach-Platz.) Im nüchternen Zustand gingen Plotek unendlich viele Gedanken durch den Kopf, denen er nur betrunken gewachsen schien. Welche Gedanken, könnte man sich jetzt fragen. Nun, da gab es allerhand, was Ploteks Leben nicht gerade einfach gestaltete: Kalkutta, Kühe und der Kiesselbach-Platz. Dann auch noch: Existenz, Schulden, Ökonomie, Komplexe, Gegenwart, Zukunft, Vergangenheit, Kindheit - eigentlich alles. Und zu guter Letzt: er selbst.
"Geh doch mal raus", sagte Agnes, wenn sie mal neben ihm saß. Was selten vorkam. Da am Tresen, im Froh und Munter. "An die frische Luft, an die Isar, in den Englischen Garten."
Dabei schaute sie, als ob sie selbst gerade von dort kommen würde. Von der frischen Luft. Von der Isar. Aus dem Englischen Garten. Und auch gleich wieder hinwollte. Was er da sollte, an der frischen Luft, an der Isar, im Englischen Garten, das sagte sie nicht. Was sie sagte, war nur: "Mach doch mal was, Mann!"
Das klang alles andere als aufheiternd. Das klang nach Apokalypse. Dabei sah sie ein wenig verächtlich auf Ploteks dicken Bauch herab, schüttelte den Kopf und zischte: "Mensch, Plotek!" Wie man vielleicht "Heiland Sack!" zischt. Also doppelte Apokalypse.
Woraufhin Plotek sich natürlich sogleich denken konnte, was er machen sollte: Gymnastik, Joggen, Walken, Mountainbiking, Bungeejumping und all diese vom Gesundheitswahn verordneten Foltermaßnahmen, die nicht nur in höchstem Maße schweißtreibend waren, sondern auch extrem kostenaufwändig. Mehr noch. Den Menschen zu einer lächerlichen Karikatur seiner selbst verkommen ließen. Dann doch lieber am Tresen sitzen, als Häufchen Elend mit großem Durst, dachte Plotek und schüttelte innerlich den Kopf. So heftig, dass die Schuppen Richtung Tresen stürzten und perfekt getarnt, als wären sie von der CIA, im Weißbierschaum untertauchten. "Walken!", kam es dann noch von der Susi, die immer ganz Ohr war, wenn es um Plotek ging und Agnes mal wieder therapeutisch am Tresen zu Gange war.
Walken, dachte Plotek, der Inbegriff der Idiotie. Lieber augenblicklich tot vom Tresen fallen als ein Leben lang mit Stöcken durch den Englischen Garten rennen. An der Isar. Der frischen Luft.
"Die Stöcke entlasten", behauptete Susi wie zur Entschuldigung, als hätte sie in Ploteks Gesicht die Zweifel ablesen können wie die Luftfeuchtigkeit an einem Aspirationspsychrometer. Das waren aber keine Zweifel. Das war abgrundtiefe Verachtung. Meinetwegen, dachte Plotek. Entlasten die Stöcke eben die Gelenke. Aber dafür belasten sie umso mehr den gesunden Menschenverstand und rauben einem die menschliche Würde. Mal ganz davon abgesehen, dass es ziemlich scheiße aussieht, wenn ein übergewichtiger Mann um die vierzig in hautengen, orangenen Leggins mit zwei Stöcken in der Hand durch den Englischen Garten watschelt. An der Isar. An der frischen Luft. Das mag für den Körper wohltuend sein. Für den Geist ist es eine Katastrophe. Am Ende ist der Körper gesund und die Psyche geht am Stock. Nein, danke! Dann doch lieber hier am Tresen sitzen, Weißbier trinken, warten oder nicht warten und dabei auf der Stelle treten. Wie ein Känguru auf einem Verkehrsschild am Luise-Kiesselbach-Platz.
Wie lange das noch so weitergehen sollte, war Plotek auch wieder nicht ganz klar. Klar war ihm dagegen, dass sich mancher Gedanke, während er so vor seinem Weißbierglas saß, unter seiner Schädeldecke häuslich einrichtete. Als wäre er in dem von der Gewerkschaft ausgehandelten Jahresurlaub. Gedankenkuscheln nannte er das immer abschätzig. Was ihm wiederum gar nicht so recht war.