Unterm Eis
Roman
Hanne Marie Svendsen(Author)
btb (Publisher)
Published on 1. March 2010
Book
Paperback/Softback
288 pages
978-3-442-73986-8 (ISBN)
Description
Eine Reise in die kalte Weite der Arktis - und die dunkle Seite der Seele
Am Ende des 19. Jahrhunderts irgendwo in Dänemark: Nilaus wird nach dem Abitur von seiner Mutter ans andere Ende der Welt geschickt, zu seinem geheimnisumwobenen Onkel. Der heuert ihn mit einer seltsam zusammengewürfelten Mannschaft für eine Schiffsexpedition an: Sie sollen das Gelobte Land finden, das sich laut einer ominösen Schatzkarte mitten in der Antarktis befindet. Die Expedition wird beschwerlich, immer weiter gelangen sie in eine Gegend, die zunehmend unwirklicher wird. Und ein Teilnehmer nach dem andern zeigt sein wahres Gesicht.
Am Ende des 19. Jahrhunderts irgendwo in Dänemark: Nilaus wird nach dem Abitur von seiner Mutter ans andere Ende der Welt geschickt, zu seinem geheimnisumwobenen Onkel. Der heuert ihn mit einer seltsam zusammengewürfelten Mannschaft für eine Schiffsexpedition an: Sie sollen das Gelobte Land finden, das sich laut einer ominösen Schatzkarte mitten in der Antarktis befindet. Die Expedition wird beschwerlich, immer weiter gelangen sie in eine Gegend, die zunehmend unwirklicher wird. Und ein Teilnehmer nach dem andern zeigt sein wahres Gesicht.
More details
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 18.7 cm
Width: 11.8 cm
ISBN-13
978-3-442-73986-8 (9783442739868)
Schweitzer Classification
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Persons
Hanne Marie Svendsen wurde 1933 in Skagen geboren. Sie ist eine der bedeutendsten Autorinnen Dänemarks. Neben Romanen hat sie auch zahlreiche Theaterstücke und Kinder- und Jugendbücher verfasst.
Content
Sie kommen den Waldweg entlanggelaufen. Sonnenstrahlen suchen sich ihren Weg durch Zweige und Blätter, nehmen sie ins Visier, glitzern und funkeln eine Sekunde in Fergus' roten Locken und auf Nilaus' glatten blonden Haaren, ziehen sich dann zurück, werden von den Baumkronen verborgen, während zwei halbwüchsige Jungen ihren Weg über den matschigen Boden durch Licht und Schatten laufen, und ihnen halb verfaulte Blätter um die Stiefel schwappen.
Jetzt schwenken sie ab, verschwinden für einen Augenblick, tauchen weiter hinten wieder auf, wo die Bäume vereinzelter zwischen den dornigen Büschen stehen, die ihnen ihre Zweige entgegenstrecken. Einer bekommt Nilaus' Hosenbein zu fassen. Nilaus bleibt stehen, ringt nach Luft, reißt an dem Zweig, um sich zu befreien.
'Du hast aber wenig Kraft', sagt Fergus.
Sie haben den Wald hinter sich gelassen. Vor ihnen liegt eine Lichtung, die von Hügeln in der Ferne begrenzt wird. Nur ein großer Baum wirft Schatten auf das Gras. Das ist Fergus' und Nilaus' Platz. Hier rauchen sie Zigaretten und sprechen über das Leben und den Tod, vor allem aber über Mädchen. Nilaus schämt sich, dass er nicht richtig etwas zu erzählen hat. Er verliebt sich auf Abstand, fühlt sich unwohl, wenn er den Mädchen zu nahe kommt, stottert, wird rot, beeilt sich fortzukommen, um nichts zu tun, das die anderen lächerlich finden könnten. Eigentlich geht es ihm am besten, wenn er alleine ist und sich in Frieden seinen Gefühlen hingeben kann. Er träumt von den Mädchen. Mit grazilen Bewegungen tanzen sie hinter seinen geschlossenen Augenlidern, lächeln stumm und geheimnisvoll. Er legt seine Hände auf ihre warmen Schultern, drückt sie an sich, lässt sie los und schiebt sie ein kleines Stück von sich fort, sodass sie weiter zwischen wehenden Schleiern tanzen können. Doch wenn er ihnen auf der Straße oder bei den seltenen Jugendfesten begegnet, ist er unbeholfen und schweigsam. Sie plappern mit viel zu lauten Stimmen, rotten sich zusammen und stehen wie eine Mauer vor ihm.
Eigentlich hat er oft das Gefühl, dass eine dünne Haut ihn von seiner Umwelt trennt. Er kann die anderen nicht erreichen. Aber er hat auch keine Lust dazu. Er verachtet sie und fühlt sich nur in seinem Traumuniversum sicher - und zusammen mit Fergus.
'Was bist du doch dumm', sagt Fergus. 'Die Maja vom Bäcker interessiert sich für dich.'
Nilaus schüttelt den Kopf. Er versucht, sich die Tochter des Bäckers vorzustellen. Sie lacht ihm direkt ins Gesicht; alles, was sie sagt, ist falsch, und im Oberkiefer hat sie einen faulen Zahn, und ihre Arme sind zu lange.
Fergus dagegen hat immer etwas am Laufen und erzählt begeistert von Verabredungen in Kellern und Treppenaufgängen. Vielleicht prahlt er auch nur.
'Warst du schon einmal verliebt?'
'Nein, nicht richtig. Ich habe einfach Lust auf sie. Es ist doch schöner, es wirklich zu tun und nicht nur herumzuliegen und an sich selbst herumzufummeln.'
Nilaus rümpft die Nase. Er findet nicht, dass man über so etwas reden sollte.
'Du bist träge und langweilig', sagt Fergus. 'Du bist so verdammt langweilig, du machst einfach nichts. Warum gebe ich mich nur mit dir ab?'
'Weil du niemand anderen hast. Du gehörst nicht zur feinen Gesellschaft, und mir ist das egal. Ich lasse mich nicht in diesen Sumpf aus wohlgenährter Bürgerlichkeit hinabziehen.'
'Muttersöhnchen', hänselt Fergus und zieht Nilaus an den Haaren. 'Du eingebildetes Individuum. Du kannst dich nicht einmal prügeln, immer muss ich mich für dich prügeln.'
Nilaus drückt die Zigarette im Gras aus. 'Ich warte, bis es notwendig wird.'
'Ja, aber das ist es jetzt. Du musst es doch lernen.' Und Fergus versetzt ihm ein paar Stöße, die Nilaus zurückgibt, erst spielerisch, widerwillig, dann von dem Spiel gefangen, bis beide wie ein verwickeltes Knäuel aus Armen und Beinen schreiend und lachend durch das Gras rollen. 'Frieden!', ruft Nilaus schließlich. 'Ich kann nicht mehr.'
'Jetzt sage ich dir mal, wie man das macht. Einen Kinnhaken direkt unters Kinn. Einen Tritt in den Schritt, während der andere zu Boden geht, und schließlich einen Tritt gegen den Kopf, wenn er am Boden liegt. Dann hast du ihn.'
'Das ist nicht fair. Das ist gegen die Regeln.'
'Wer denkt schon an Regeln, wenn er sich prügelt? Es gilt zu gewinnen. Du musst es dem anderen geben.'
Sie liegen auf dem Rücken und verschnaufen. Über ihren Köpfen ziehen grauweiße Wolken vor die Sonne und türmen sich kurz auf, bevor sie weiterziehen. 'Ein kleiner Punkt', sagt Nilaus, 'ein kleiner Punkt ist diese Erde, auf der wir dahinsegeln und unsere Reiche gründen, winzig klein ist sie, obwohl der Ozean sie von beiden Seiten umgibt.'
'Darauf bist du nicht selbst gekommen.'
'Nein, das ist im Lateinunterricht vorgelesen worden, und ich habe es aufgeschrieben und auswendig gelernt. Du passt in Latein nie auf.'
'Das ist doch nichts als unwichtiges Geschwätz', sagt Fergus. 'Was soll ich damit?'
'Aber jetzt kommt das Wichtigste: Über uns ist der gewaltige Weltraum, den in Besitz zu nehmen der Seele vergönnt ist, wenn sie sich, soweit als möglich, vom Körper befreit, sich von allem Schmutzigen reinigt und sich leicht und frei, zufrieden mit dem Notwendigsten, in die Höhe erhebt. Träumst du nicht manchmal, dass du fliegen kannst? Ich habe oft das Gefühl, hoch in der Luft zu schweben und auf mich hinunterzublicken. Das ist merkwürdig. Als würde ich mein eigenes Leben beobachten und trotzdem außerhalb stehen.'
'Dieser philosophische Quatsch ist nichts für mich', sagt Fergus und steht auf. 'Lass uns zum Hafen runtergehen, da ist immer was los.'
Der Hafen ist der Stolz der Stadt. Das Hafenbecken ist so tief, dass selbst die größten Schiffe zwischen den Molenköpfen hindurchpassen und am Kai anlegen können, Büsen, Schoner, Handelsschiffe mit richtigen Schornsteinen zwischen den Masten. Es wird geladen und gelöscht, und es kommen Waren aus dem Ausland herein. Ohne den Hafen wäre die Stadt ein verschlafenes Provinznest. Obendrein befindet sich über einer der Kneipen ein Bordell. Fergus hat es Nilaus einmal gezeigt. Doch die roten Gardinen waren zugezogen, und man konnte nicht hineinsehen.
'Vielleicht könnte man Entdeckungsreisender werden', sagt Nilaus.
Jetzt schwenken sie ab, verschwinden für einen Augenblick, tauchen weiter hinten wieder auf, wo die Bäume vereinzelter zwischen den dornigen Büschen stehen, die ihnen ihre Zweige entgegenstrecken. Einer bekommt Nilaus' Hosenbein zu fassen. Nilaus bleibt stehen, ringt nach Luft, reißt an dem Zweig, um sich zu befreien.
'Du hast aber wenig Kraft', sagt Fergus.
Sie haben den Wald hinter sich gelassen. Vor ihnen liegt eine Lichtung, die von Hügeln in der Ferne begrenzt wird. Nur ein großer Baum wirft Schatten auf das Gras. Das ist Fergus' und Nilaus' Platz. Hier rauchen sie Zigaretten und sprechen über das Leben und den Tod, vor allem aber über Mädchen. Nilaus schämt sich, dass er nicht richtig etwas zu erzählen hat. Er verliebt sich auf Abstand, fühlt sich unwohl, wenn er den Mädchen zu nahe kommt, stottert, wird rot, beeilt sich fortzukommen, um nichts zu tun, das die anderen lächerlich finden könnten. Eigentlich geht es ihm am besten, wenn er alleine ist und sich in Frieden seinen Gefühlen hingeben kann. Er träumt von den Mädchen. Mit grazilen Bewegungen tanzen sie hinter seinen geschlossenen Augenlidern, lächeln stumm und geheimnisvoll. Er legt seine Hände auf ihre warmen Schultern, drückt sie an sich, lässt sie los und schiebt sie ein kleines Stück von sich fort, sodass sie weiter zwischen wehenden Schleiern tanzen können. Doch wenn er ihnen auf der Straße oder bei den seltenen Jugendfesten begegnet, ist er unbeholfen und schweigsam. Sie plappern mit viel zu lauten Stimmen, rotten sich zusammen und stehen wie eine Mauer vor ihm.
Eigentlich hat er oft das Gefühl, dass eine dünne Haut ihn von seiner Umwelt trennt. Er kann die anderen nicht erreichen. Aber er hat auch keine Lust dazu. Er verachtet sie und fühlt sich nur in seinem Traumuniversum sicher - und zusammen mit Fergus.
'Was bist du doch dumm', sagt Fergus. 'Die Maja vom Bäcker interessiert sich für dich.'
Nilaus schüttelt den Kopf. Er versucht, sich die Tochter des Bäckers vorzustellen. Sie lacht ihm direkt ins Gesicht; alles, was sie sagt, ist falsch, und im Oberkiefer hat sie einen faulen Zahn, und ihre Arme sind zu lange.
Fergus dagegen hat immer etwas am Laufen und erzählt begeistert von Verabredungen in Kellern und Treppenaufgängen. Vielleicht prahlt er auch nur.
'Warst du schon einmal verliebt?'
'Nein, nicht richtig. Ich habe einfach Lust auf sie. Es ist doch schöner, es wirklich zu tun und nicht nur herumzuliegen und an sich selbst herumzufummeln.'
Nilaus rümpft die Nase. Er findet nicht, dass man über so etwas reden sollte.
'Du bist träge und langweilig', sagt Fergus. 'Du bist so verdammt langweilig, du machst einfach nichts. Warum gebe ich mich nur mit dir ab?'
'Weil du niemand anderen hast. Du gehörst nicht zur feinen Gesellschaft, und mir ist das egal. Ich lasse mich nicht in diesen Sumpf aus wohlgenährter Bürgerlichkeit hinabziehen.'
'Muttersöhnchen', hänselt Fergus und zieht Nilaus an den Haaren. 'Du eingebildetes Individuum. Du kannst dich nicht einmal prügeln, immer muss ich mich für dich prügeln.'
Nilaus drückt die Zigarette im Gras aus. 'Ich warte, bis es notwendig wird.'
'Ja, aber das ist es jetzt. Du musst es doch lernen.' Und Fergus versetzt ihm ein paar Stöße, die Nilaus zurückgibt, erst spielerisch, widerwillig, dann von dem Spiel gefangen, bis beide wie ein verwickeltes Knäuel aus Armen und Beinen schreiend und lachend durch das Gras rollen. 'Frieden!', ruft Nilaus schließlich. 'Ich kann nicht mehr.'
'Jetzt sage ich dir mal, wie man das macht. Einen Kinnhaken direkt unters Kinn. Einen Tritt in den Schritt, während der andere zu Boden geht, und schließlich einen Tritt gegen den Kopf, wenn er am Boden liegt. Dann hast du ihn.'
'Das ist nicht fair. Das ist gegen die Regeln.'
'Wer denkt schon an Regeln, wenn er sich prügelt? Es gilt zu gewinnen. Du musst es dem anderen geben.'
Sie liegen auf dem Rücken und verschnaufen. Über ihren Köpfen ziehen grauweiße Wolken vor die Sonne und türmen sich kurz auf, bevor sie weiterziehen. 'Ein kleiner Punkt', sagt Nilaus, 'ein kleiner Punkt ist diese Erde, auf der wir dahinsegeln und unsere Reiche gründen, winzig klein ist sie, obwohl der Ozean sie von beiden Seiten umgibt.'
'Darauf bist du nicht selbst gekommen.'
'Nein, das ist im Lateinunterricht vorgelesen worden, und ich habe es aufgeschrieben und auswendig gelernt. Du passt in Latein nie auf.'
'Das ist doch nichts als unwichtiges Geschwätz', sagt Fergus. 'Was soll ich damit?'
'Aber jetzt kommt das Wichtigste: Über uns ist der gewaltige Weltraum, den in Besitz zu nehmen der Seele vergönnt ist, wenn sie sich, soweit als möglich, vom Körper befreit, sich von allem Schmutzigen reinigt und sich leicht und frei, zufrieden mit dem Notwendigsten, in die Höhe erhebt. Träumst du nicht manchmal, dass du fliegen kannst? Ich habe oft das Gefühl, hoch in der Luft zu schweben und auf mich hinunterzublicken. Das ist merkwürdig. Als würde ich mein eigenes Leben beobachten und trotzdem außerhalb stehen.'
'Dieser philosophische Quatsch ist nichts für mich', sagt Fergus und steht auf. 'Lass uns zum Hafen runtergehen, da ist immer was los.'
Der Hafen ist der Stolz der Stadt. Das Hafenbecken ist so tief, dass selbst die größten Schiffe zwischen den Molenköpfen hindurchpassen und am Kai anlegen können, Büsen, Schoner, Handelsschiffe mit richtigen Schornsteinen zwischen den Masten. Es wird geladen und gelöscht, und es kommen Waren aus dem Ausland herein. Ohne den Hafen wäre die Stadt ein verschlafenes Provinznest. Obendrein befindet sich über einer der Kneipen ein Bordell. Fergus hat es Nilaus einmal gezeigt. Doch die roten Gardinen waren zugezogen, und man konnte nicht hineinsehen.
'Vielleicht könnte man Entdeckungsreisender werden', sagt Nilaus.