Falsche Freunde
William Sutcliffe(Author)
cbj (Publisher)
Published on 17. February 2005
Book
Hardback
192 pages
978-3-570-12879-4 (ISBN)
Description
Ein moderner 'Herr der Fliegen'.
'Ich habe Angst davor mitzugehen, aber ich habe noch mehr Schiss, nicht mitzugehen. Ich bin jetzt in Carls Gang, und sobald man da drin ist, kann man sich nicht mehr aussuchen, wobei man mitmachen will. Wenn ich ihn verrate, wird er sich an mir rächen . Ich muss gehen.'
In schnoddrigem, coolem Ton erzählt Ben von seiner verhängnisvollen Freundschaft mit Carl. Von der widerwilligen Faszination und der unheimlichen Macht, die der gewalttätige Junge auf ihn ausübte - und wie es dazu kam, dass Ben beinahe in einen Zug gestiegen wäre, um in einer fremden Stadt ein schreckliches Verbrechen zu begehen, nur weil Carl es so wollte.
Ein nachhaltig beeindruckender Roman über Macht und Abhängigkeit unter Jugendlichen, überzeugend und beklemmend authentisch.
'Ich habe Angst davor mitzugehen, aber ich habe noch mehr Schiss, nicht mitzugehen. Ich bin jetzt in Carls Gang, und sobald man da drin ist, kann man sich nicht mehr aussuchen, wobei man mitmachen will. Wenn ich ihn verrate, wird er sich an mir rächen . Ich muss gehen.'
In schnoddrigem, coolem Ton erzählt Ben von seiner verhängnisvollen Freundschaft mit Carl. Von der widerwilligen Faszination und der unheimlichen Macht, die der gewalttätige Junge auf ihn ausübte - und wie es dazu kam, dass Ben beinahe in einen Zug gestiegen wäre, um in einer fremden Stadt ein schreckliches Verbrechen zu begehen, nur weil Carl es so wollte.
Ein nachhaltig beeindruckender Roman über Macht und Abhängigkeit unter Jugendlichen, überzeugend und beklemmend authentisch.
More details
Language
German
Illustrations
Mit s/w-Illustrationen
Dimensions
Height: 21.5 cm
Width: 13.5 cm
ISBN-13
978-3-570-12879-4 (9783570128794)
Schweitzer Classification
Persons
William Sutcliffe, geb. 1971 in London, hat als Fernsehredakteur und Fremdenführer gearbeitet. Mit dem Rucksacktouristen-Kultbuch "Meine Freundin, der Guru und ich" wurde er international bekannt. "Falsche Freunde" ist sein erster Roman für jüngere Leser.
Content
Bei mir zu Hause
Ich weiß, was Sie wollen. Sie wollen wissen, wer an der ganzen Sache schuld ist. Sie wollen herausfinden, ob auch ich irgendwie daran schuld bin. Ich habe eine ganz neue Theorie für Sie. Ollys Tante ist schuld. An allem. Ihretwegen hat das alles angefangen. Ich habe sie nie getroffen, und ich weiß auch nicht, wo sie wohnt oder wie sie aussieht, aber das heißt nicht, dass man sie nicht dafür verantwortlich machen kann. Wenn Sie's mal logisch angehen, sollten Sie sich Ollys Tante vorknöpfen.
An dem Tag, als alles angefangen hat, ist sie krank geworden. Vielleicht hat sie sich da auch scheiden lassen. Oder hat geheiratet. So was in der Art jedenfalls, und Olly musste weg und hat mich allein gelassen.
Wenn Ollys Tante an diesem Sonntag nicht getan hätte, was auch immer sie getan hat, wäre Olly nicht gegangen, und wenn Olly nicht gegangen wäre, hätte ich Carl nie kennen gelernt, und wenn ich Carl nie kennen gelernt hätte, wäre jetzt noch alles in Ordnung. Ich wüsste nicht, wer Sie sind, Sie wüssten nicht, wer ich bin, und uns beiden würden Ihre total langweiligen Besuche erspart bleiben.
So wie er immer angezogen ist, hätte ich mir gleich denken können, dass man ihn eines Tages einsperren würde. Er trägt keine Jeans, sondern graue Hosen mit Bügelfalten, und er hat auch kein T-Shirt an, sondern ein richtig erwachsenes Hemd, das bis ganz oben zugeknöpft ist. Das sieht total verboten aus. Wenn ich das tragen müsste, würde ich den Kragen wieder aufknöpfen, aber Olly ist bei so was nicht gerade der Hellste.
Olly sieht oft ein bisschen komisch aus. Er hat ein echtes Talent dafür, Sachen reinzustecken, die raushängen müssen, und Dinge zuzumachen, die offen bleiben sollen. Außerdem zieht er sich immer zwei Monate kälter an als nötig. Jedes Mal, wenn er vorbeischaut, vergisst er mindestens einen Pulli bei mir. Wenn ich dann zu ihm rübergehe, muss ich meistens eine ganze Ladung Klamotten abliefern. Aber das macht mir nichts aus. Das gehört bei Olly einfach dazu. In dem Teil seines Hirns, mit dem normale Menschen über Kleidung nachdenken, speichert er seltsame Ideen und Geschichten, von denen sonst keiner weiß.
'Was hast du denn an?', frage ich, als er reinkommt.
'Schau dir das mal an', erwidert er.
Langsam und umständlich, als würde er einen Zaubertrick vorführen, zeigt er mit dem Finger auf zwei Stofflaschen, die an seinen Ärmeln befestigt sind. Er fuchtelt mit den Händen in der Luft herum, als würde er vor einem Publikum von fünfzig Leuten auftreten, knöpft sie eine nach der anderen vorsichtig auf, wackelt mit den Schultern und lässt die Laschen auf und ab flattern.
'Du kommst nie drauf', erklärt er, 'du kommst nie und nimmer drauf, was das für Teile sind.'
'Doch, klar komm ich drauf.'
'Na, dann spuck's aus', fordert er mich auf.
'Das sind Schulterklappen', sage ich.
'Falsch!', ruft er und schlägt das Wort wie eine Glocke an.
'Nicht falsch. Ich seh's doch. Das sind Schulterklappen.'
'Das sind nicht einfach nur Schulterklappen', erklärt er und kneift die Augen zusammen, um geheimnisvoll auszusehen.
Auf seinen geheimnisvollen Blick falle ich nie rein, vor allem dann nicht, wenn er ein Hemd trägt, das bis ganz oben zugeknöpft ist, und ihm an den Schultern dämliche Stoffstreifen abstehen. Deshalb sage ich erst mal nichts und verschränke nur die Arme, um ihm zu zeigen, dass ich kein
bisschen beeindruckt bin.
'Das sind Mützenklappen', sagt er.
'Grützeklappen?'
'Mützenklappen. Klappen für Mützen. Für Soldatenmützen. In der Marine. Wenn sie grün und nicht gelb wären, hätte ich eine richtige Uniform.'
'So ein Quatsch', gebe ich zurück. 'In der Marine gibt's keine Soldaten. Nur Matrosen. Außerdem sind Marine-Uni-formen nicht grün, sondern marineblau. Deswegen heißt Marineblau ja auch Marineblau.'
'Stimmt doch gar nicht. Wenn Marineblau wegen der Marine Marineblau wäre, würde Grün ja auch nicht Grün heißen, sondern Militär.'
Sich mit Olly zu unterhalten, ist so, als würde man am tiefen Ende eines Beckens schwimmen. Man kann jeden Moment untergehen.
Auf dem Boden in meinem Zimmer liegt eine Eule, die eigentlich keine mehr ist. Ich habe sie in der Schule gebastelt, und anfangs hatte sie noch Augen, Nase, Schnabel und Füße, aber selbst da hat sie mehr wie ein Fußball ausgesehen und nicht wie eine Eule. Deshalb haben sie alle ständig rumgekickt. Zuerst sind die Füße abgefallen, als Nächstes die Nase, dann der Schnabel und zum Schluss ein Auge. Jetzt ist sie nur noch ein Fußball mit einem Auge, trotzdem nenne ich sie immer noch Eule.
Ich hebe sie auf, klemme sie unter eine von Ollys Mützenklappen und mache den Knopf zu. Olly schaut zu und schielt dabei, weil er zu nah dran ist, um richtig hinzugucken. Eule hat genau die richtige Größe. Dann hole ich hinten aus meinem Schrank einen Bären und knöpfe ihn unter die andere Schulterklappe.
Wir gehen ins Badezimmer, damit Olly es sich im Spiegel anschauen kann. Obwohl es voll bescheuert aussieht, scheint es ihm zu gefallen, und wir rennen durchs ganze Haus und turnen wie wild rum, um auszuprobieren, ob die Eule und der Bär rausfallen, aber egal was wir anstellen, sie bleiben an Ort und Stelle und wackeln nur hin und her. Nach einer Weile hören wir mit dem Rumgetobe auf und gehen zu dem Spiel über, bei dem ich vom Innenhof Cluedo-Figuren nach oben werfe und Olly versucht, sie vom Schlafzimmerfenster aus zu fangen. Dabei fällt er fast raus, was wirklich zum Totlachen ist. Aber Olly kriegt Schiss und wir fangen mit einer richtigen Cluedo-Partie an, während er die ganze Zeit die Plüschtiere unter den Schulterklappen trägt. Ich weiß nicht mal, ob er's überhaupt noch merkt.
Ich wette, Sie glauben, Sie wüssten alles über Olly, aber das tun Sie nicht. Er ist echt voll in Ordnung. Wenn ich noch mal die Chance hätte, würde ich ihn immer noch als besten Freund haben wollen, genauso wie früher. Wenn man einen besten Freund hat, braucht man nichts anderes auf der Welt. Es ist wie eine Rüstung oder wie diese Schutzschilde, die man bei Computerspielen bekommt und die wie Sirenen aufheulen, und dann leuchtet man orange, und so lange man orange ist, prallen die Kugeln und Raketen einfach an einem ab.
Olly ist schon so lange mein bester Freund, dass ich den Schutzschild gar nicht mehr bemerke, weil er immer da ist. Wenn er nach Hause geht, habe ich das Gefühl, dass man mir eine Schicht weggepellt hat. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Bin unruhig. Sogar wenn ich beschäftigt bin oder Spaß habe, stelle ich mir vor, wie ich Olly später davon erzähle.
Einmal, als ich zu Hause anrufen wollte, damit mich meine Eltern abholen, habe ich aus Versehen Ollys Nummer gewählt und musste seiner Mutter erzählen, dass ich falsch verbunden war. Sie hat gedacht, ich hätte 'n Knall. Es ist einfach passiert, ohne dass ich darüber nachgedacht habe.
Als seine Mutter kommt, um ihn zu seiner Tante mitzunehmen, habe ich ihn immer noch nicht gefragt, warum er sich so schick gemacht hat, daher bin ich überhaupt nicht darauf vorbereitet, dass sie ihn so plötzlich holt. Es gibt keine Vorwarnung, gar nichts. So als würde jemand reinkommen und dir die Beine wegreißen.
Natürlich nicht wirklich. Wenn jemand einem die Beine abreißt, verblutet man ja.
Sie fragt Olly nicht, warum er eine Eule und einen Bären an den Schultern trägt, sie zieht sie bloß raus und lässt sie an der Haustür liegen. Ich habe gehofft, er würde mit beiden Plüschtieren unter den Klappen rausgehen, was er auch fast gemacht hätte.
Als die Tür hinter ihm zufällt, schaue ich auf die Uhr und stelle fest, dass ich noch den ganzen Sonntagnachmittag vor mir habe.
Es ist schon komisch, dass sogar in den Ferien der Sonntag anders ist als andere Tage, doch es ist so. Alle sind zu Hause. Sonntags hat man immer das Gefühl, das Haus ist zu voll, aber irgendwie auch zu leer. Wenn man fernsehen oder am Küchentisch sitzen oder sich auf den sonnigen Teil des Rasens legen will, ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass da schon jemand anderes ist. Und obwohl die guten Plätze im Haus alle schon besetzt sind, kommt es mir manchmal so vor, als würde meine Familie nur orientierungslos rumirren und eigentlich nicht wirklich wissen, was sie mit sich anfangen soll, bis der Tag vorbei und am Montag alles wieder wie sonst ist. Es ist fast so, als würde der Sonntag sie immer wieder überraschen, als würden sie jede Woche wieder nicht daran glauben, dass er kommt. Wenn der Sonntag aber dann doch vor der Tür steht, sind sie nicht darauf vorbereitet und können nichts tun außer rumzuirren und darauf zu warten, dass er vorbeigeht.
Stundenlang bin ich ganz brav, beschäftige mich allein und mache Sachen in meinem Zimmer. Ich versuche sogar, unsere Cluedo-Partie zu Ende zu spielen, doch es klappt nicht, und am Schluss schummle ich, um herauszufinden, wer der Mörder ist. Komischerweise ist es Professor Bloom. Allein zu spielen ist wie Selbstgespräche zu führen. Es ist einem peinlich, wenn jemand reinkommt und einen dabei erwischt. Außerdem macht es überhaupt keinen Spaß.
Schließlich bleibt mir nichts anderes übrig als Donny ärgern zu gehen.
Donnys Zimmer
An der Tür hängen zwei 'Zutritt verboten'-Schilder. Zwischen ihnen klebt ein orangefarbener Sticker mit drei schwarzen Rechtecken, auf denen ein großes rotes Kreuz drauf ist und von denen krakelig gezeichnete Dampfschwaden aufsteigen. Unter den qualmenden Rechtecken steht 'Vorsicht: Gefährlicher Abfall'.
Es gibt einen Trick, mit dem man die Tür geräuschlos öffnen kann. Sobald die Klinke am lockeren Teil vorbei ist, zieht man sie mit einem Ruck an sich ran und drückt gleichzeitig einen Zeh gegen die untere Ecke der Tür, die immer hängen bleibt.
Frage: Warum verschwende ich so viel Energie, die Tür lautlos zu öffnen, wenn ich weiß, dass er im Zimmer ist? Antwort: Weil diese ersten unbemerkten Sekunden mir einen entscheidenden Vorteil verschaffen können.
Nachdem ich es geschafft habe, die Tür auszuklinken, mache ich eine Verschnaufpause. Das ist der schwierigste Teil. Bis jetzt ist die Operation ein voller Erfolg. Kein Quietschen, Schnappen, Knallen oder Knarzen, das mich verraten könnte.
Ich stecke die Nase durch den Spalt. Der gewiefte Spion nutzt zur Informationsgewinnung alle fünf Sinne. Jeder frühe Hinweis könnte sich als nützlich erweisen. Ich schalte mein Riechzentrum ein, um die erste Geruchswelle zu identifizieren.
Vor kurzem ist mit dem Mief in Donnys Zimmer etwas sehr Interessantes passiert. So ähnlich wie bei der Geruchsentwicklung von Käse. Zuerst duftet er lecker, dann fängt er an, ein bisschen komisch zu riechen, was einen aber nicht davon abhält, weiter davon zu essen, bis schließlich etwas Unglaubliches geschieht. Man öffnet den Kühlschrank und denkt plötzlich: Oh, mein Gott! Da ist was Totes drin!
Meine Theorie ist, dass Jungenzimmermief genau diesem Käsemuster folgt.
Wie man an dem Diagramm erkennen kann, gibt es zwei Möglichkeiten, wie sich der Donny-Zimmermief in der Zukunft weiterentwickeln wird. Ich tippe auf die Erst-rauf-dann-runter-Kurve, da ich mir nicht vorstellen kann, dass ein Zimmer noch schlechter riechen und trotzdem menschliches Leben darin fortbestehen kann. Der DZM hat wahrscheinlich gerade seinen Höhepunkt erreicht. Aber wer weiß? Vielleicht schwingt sich die Kurve in noch schwindelerregendere Höhen, bis in seinem Zimmer alle Plastikgegenstände schmelzen und wir herausfinden, dass Donny ein Außerirdischer ist, der ohne Sauerstoff überleben kann.
Auch wenn der DZM heute wieder richtig übel ist, ist er nicht so schlimm, dass ich meine Mission abbrechen müsste. Der Geruch verrät mir nichts, was ich nicht sowieso schon weiß: dass er im Zimmer ist, dass er sich schon seit Stunden hier nicht rausbewegt hat und dass keines der Fenster geöffnet ist.
Ich mache die Tür noch ein paar Zentimeter weiter auf und habe jetzt freie Sicht auf gut die Hälfte seines Zimmers. Donny sitzt in der Hausaufgaben-Kauerstellung an seinem Schreibtisch. Das kann drei Dinge bedeuten:
a) Er macht seine Hausaufgaben. b)Er hat sich so hingesetzt, weil er gehört hat, dass die Tür aufgegangen ist. c) Er starrt wie ein Behinderter aus dem Fenster und denkt: Wenn ich während der letzten zwei Stunden nicht wie ein Behinderter aus dem Fenster gestarrt hätte, könnte ich mittlerweile fertig sein und draußen
Spaß haben.
Ich setze auf c).
Nicht dass ich wirklich Geld darauf setzen würde. Das ist nur so 'ne Redewendung.
Ich hab's noch nie geschafft, die Tür mehr als bis zur Hälfte aufzukriegen, ohne entdeckt zu werden. Selbst wenn der andere nichts hört oder sieht, weiß er einfach, wenn jemand im Zimmer ist, erst recht, wenn dieser andere Donny ist, weil dieser andere dann nämlich paranoid und eigenbrötlerisch ist, und noch erst rechter, wenn ich es bin, der ins Zimmer kommt, weil Donnys größte Freude im Leben darin besteht, mich überall dort rauszuschmeißen, wo ich gerade sein möchte, und am erst rechtesten, wenn für Donny die Schule schon wieder angefangen hat (ha, ha) und für mich noch nicht.
Diesmal breche ich alle Rekorde. Ich kriege die Tür ganz bis zu der Stelle auf, wo sie gleich gegen das Bett knallt, wenn man's nicht vorher verhindert. Donny hat nichts gehört.
Ich gehe auf Zehenspitzen ein paar Schritte ins Zimmer. Wenn ich das jemals zuvor schon geschafft hätte, hätte ich mir gemerkt, wo überall die knarzenden Dielenbretter liegen, aber das hat es bisher noch nie gegeben, dass ich mich so spitzenmäßig und leise reingeschlichen habe. Wir befinden uns hier auf unerforschtem Terrain. Mit jedem weiteren Vordringen werden die Geschichtsbücher in immer kleinere Schnipsel zerrissen.
Fünf Schritte später stehe ich genau hinter ihm. Es ist unglaublich. Wenn Sie je versucht hätten, sich ins Zimmer meines Bruders zu schleichen, würden Sie das verstehen. Das ist, als wäre jemand hundert Meter in fünf Sekunden gerannt. Das ist, als würde jemand so schnell mit dem Auto fahren, dass es einfach vom Boden abhebt.
Heute habe ich einen großartigen Sieg für alle kleinen Brüder dieser Welt errungen. Eigenlob.
'Buh!', schreie ich und bin überzeugt, dass es wie eine Bombe einschlagen wird. Es gibt keine Worte dafür, wie sauer Donny sein wird, wenn er bemerkt, wo ich bin.
Aber es passiert nichts. Keine Reaktion. Er bleibt einfach in seiner Hausaufgaben-Kauerstellung sitzen und springt nicht mal auf.
Ich tippe ihm auf die Schulter. Er zuckt immer noch kein bisschen und sagt auch kein Wort.
'Hi', sage ich. 'Freust du dich, mich zu sehen?'
Die Tote-Mann-Nummer geht weiter.
Also gut, er tut so, als wäre ich Luft. Das ändert alles. Die Geschichtsbücher müssen wieder mit Tesafilm zusammengeklebt werden. Da er nicht mal jetzt irgendeine Reaktion zeigt, gibt es keine Möglichkeit herauszufinden, bis wohin ich unentdeckt geblieben bin.
So ist Donny. Immer wenn man glaubt, man wüsste, wo man bei ihm steht, stellt er alles wieder auf den Kopf. Das macht mich wahnsinnig, und manchmal könnte ich ihn dafür erwürgen, aber meistens will ich dann erst recht in sein Zimmer und mir etwas ausdenken, bei dem ich gewinne und er verliert.
Das ist also der Spielstand: Er hat das Unbemerkt-hereinkommen-Spiel gewonnen (auf besonders heimtückische Weise), doch das ist mittlerweile in einen Donny-beachtet-mich-nicht-Wettbewerb übergegangen, den ich bestimmt gewinne, weil er jetzt seine größte Schwäche bloßgelegt hat. Er hat sich mir vollkommen ausgeliefert.
Frage: Was ist das für eine Schwäche?
Antwort: Seine Sachen.
Er kann es überhaupt nicht leiden, wenn ich seine Sachen anfasse. Jetzt stehe ich in seinem Zimmer, während er mit dem Rücken zu mir dasitzt, und sobald er sich umdreht, hat er verloren, und ich habe ein ganzes Zimmer voller Donny-Sachen, die ich in aller Ruhe in die Hand nehmen und wieder zurücklegen kann.
Oh, dieser Augenblick ist einfach unschlagbar!
Ich schaue mich um und versuche zu entscheiden, wo ich anfangen soll. Auf seinem Nachttisch liegen ganze Stapel Kassetten, Zeitschriften und Bücher. In der Ecke ist auch noch ein Regal, auf dem haufenweise geheimnisvolle Tuben, Flaschen, Sprays und Lotions rumstehen. So viel Zeug zum Rumspielen, Rasseln und Scheppern, das man mit einem zufrieden stellenden Klicken, Platschen und Knacksen auf- und zumachen kann! Und wenn wir gerade von Sachen sprechen, die ich nicht anfassen darf, ist da auch noch seine Gitarre, die gegen die Wand gelehnt ist und darum bettelt, dass ich mal ordentlich über die Saiten schramme.
Dann gibt's da noch das Heiligtum aller Heiligtümer - das totale Sperrgebiet -, die Nachttischschublade. Weiß Gott, was da drin ist. Normalerweise zuckt Donny schon zusammen, wenn man sie auch nur anguckt. Jetzt starre ich die Schublade überdeutlich an, aber nichts passiert, weil Donny sich selbst in die üble Lage gebracht hat, mich nicht zu beachten.
Für diesen Sieg werde ich teuer bezahlen müssen. Das weiß ich. Je größer der Sieg, umso größer der Schmerz, den er mir zufügen wird. Ob ich mich an die Schublade traue? Kann ich die Reaktion riskieren, die ich durch diesen einzigartigen Triumph hervorrufen würde?
Dann kommt mir eine ganz andere Idee. Er versucht es heute eher auf die psychologische als auf die körperliche Tour, und es gibt einen Weg - ja, es gibt einen genialen Weg -, ihn mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Er wird mir auch nicht wehtun können. Wenn ich nur daran denke, muss ich fast laut loslachen.
Um die Spannung zu lösen, gehe ich einen Moment lang auf und ab und mache mich dann ans Werk. Damit es so klingt, als hätte ich was genommen, klappere ich mit ein paar Kassetten und sage dann: 'Was ist das?'
Er fährt herum. Ja! Sieg!
Und ich habe nichts in der Hand! Sieg auf ganzer Linie! Oh, jaaaaaaa! Einfach nur genial!
Donny wirft mir einen finsteren Blick zu, dreht sich dann aber wieder zum Schreibtisch.
Das nervt. Ich habe - wie jeder neutrale Schiedsrichter auf jeden Fall bestätigen würde - einen großen Sieg errungen, doch Donny hat sich nicht entsprechend verhalten. Er ist nicht sauer geworden. Er hat mich nicht mal rausgeschmissen.
Ich weiß, was Sie wollen. Sie wollen wissen, wer an der ganzen Sache schuld ist. Sie wollen herausfinden, ob auch ich irgendwie daran schuld bin. Ich habe eine ganz neue Theorie für Sie. Ollys Tante ist schuld. An allem. Ihretwegen hat das alles angefangen. Ich habe sie nie getroffen, und ich weiß auch nicht, wo sie wohnt oder wie sie aussieht, aber das heißt nicht, dass man sie nicht dafür verantwortlich machen kann. Wenn Sie's mal logisch angehen, sollten Sie sich Ollys Tante vorknöpfen.
An dem Tag, als alles angefangen hat, ist sie krank geworden. Vielleicht hat sie sich da auch scheiden lassen. Oder hat geheiratet. So was in der Art jedenfalls, und Olly musste weg und hat mich allein gelassen.
Wenn Ollys Tante an diesem Sonntag nicht getan hätte, was auch immer sie getan hat, wäre Olly nicht gegangen, und wenn Olly nicht gegangen wäre, hätte ich Carl nie kennen gelernt, und wenn ich Carl nie kennen gelernt hätte, wäre jetzt noch alles in Ordnung. Ich wüsste nicht, wer Sie sind, Sie wüssten nicht, wer ich bin, und uns beiden würden Ihre total langweiligen Besuche erspart bleiben.
So wie er immer angezogen ist, hätte ich mir gleich denken können, dass man ihn eines Tages einsperren würde. Er trägt keine Jeans, sondern graue Hosen mit Bügelfalten, und er hat auch kein T-Shirt an, sondern ein richtig erwachsenes Hemd, das bis ganz oben zugeknöpft ist. Das sieht total verboten aus. Wenn ich das tragen müsste, würde ich den Kragen wieder aufknöpfen, aber Olly ist bei so was nicht gerade der Hellste.
Olly sieht oft ein bisschen komisch aus. Er hat ein echtes Talent dafür, Sachen reinzustecken, die raushängen müssen, und Dinge zuzumachen, die offen bleiben sollen. Außerdem zieht er sich immer zwei Monate kälter an als nötig. Jedes Mal, wenn er vorbeischaut, vergisst er mindestens einen Pulli bei mir. Wenn ich dann zu ihm rübergehe, muss ich meistens eine ganze Ladung Klamotten abliefern. Aber das macht mir nichts aus. Das gehört bei Olly einfach dazu. In dem Teil seines Hirns, mit dem normale Menschen über Kleidung nachdenken, speichert er seltsame Ideen und Geschichten, von denen sonst keiner weiß.
'Was hast du denn an?', frage ich, als er reinkommt.
'Schau dir das mal an', erwidert er.
Langsam und umständlich, als würde er einen Zaubertrick vorführen, zeigt er mit dem Finger auf zwei Stofflaschen, die an seinen Ärmeln befestigt sind. Er fuchtelt mit den Händen in der Luft herum, als würde er vor einem Publikum von fünfzig Leuten auftreten, knöpft sie eine nach der anderen vorsichtig auf, wackelt mit den Schultern und lässt die Laschen auf und ab flattern.
'Du kommst nie drauf', erklärt er, 'du kommst nie und nimmer drauf, was das für Teile sind.'
'Doch, klar komm ich drauf.'
'Na, dann spuck's aus', fordert er mich auf.
'Das sind Schulterklappen', sage ich.
'Falsch!', ruft er und schlägt das Wort wie eine Glocke an.
'Nicht falsch. Ich seh's doch. Das sind Schulterklappen.'
'Das sind nicht einfach nur Schulterklappen', erklärt er und kneift die Augen zusammen, um geheimnisvoll auszusehen.
Auf seinen geheimnisvollen Blick falle ich nie rein, vor allem dann nicht, wenn er ein Hemd trägt, das bis ganz oben zugeknöpft ist, und ihm an den Schultern dämliche Stoffstreifen abstehen. Deshalb sage ich erst mal nichts und verschränke nur die Arme, um ihm zu zeigen, dass ich kein
bisschen beeindruckt bin.
'Das sind Mützenklappen', sagt er.
'Grützeklappen?'
'Mützenklappen. Klappen für Mützen. Für Soldatenmützen. In der Marine. Wenn sie grün und nicht gelb wären, hätte ich eine richtige Uniform.'
'So ein Quatsch', gebe ich zurück. 'In der Marine gibt's keine Soldaten. Nur Matrosen. Außerdem sind Marine-Uni-formen nicht grün, sondern marineblau. Deswegen heißt Marineblau ja auch Marineblau.'
'Stimmt doch gar nicht. Wenn Marineblau wegen der Marine Marineblau wäre, würde Grün ja auch nicht Grün heißen, sondern Militär.'
Sich mit Olly zu unterhalten, ist so, als würde man am tiefen Ende eines Beckens schwimmen. Man kann jeden Moment untergehen.
Auf dem Boden in meinem Zimmer liegt eine Eule, die eigentlich keine mehr ist. Ich habe sie in der Schule gebastelt, und anfangs hatte sie noch Augen, Nase, Schnabel und Füße, aber selbst da hat sie mehr wie ein Fußball ausgesehen und nicht wie eine Eule. Deshalb haben sie alle ständig rumgekickt. Zuerst sind die Füße abgefallen, als Nächstes die Nase, dann der Schnabel und zum Schluss ein Auge. Jetzt ist sie nur noch ein Fußball mit einem Auge, trotzdem nenne ich sie immer noch Eule.
Ich hebe sie auf, klemme sie unter eine von Ollys Mützenklappen und mache den Knopf zu. Olly schaut zu und schielt dabei, weil er zu nah dran ist, um richtig hinzugucken. Eule hat genau die richtige Größe. Dann hole ich hinten aus meinem Schrank einen Bären und knöpfe ihn unter die andere Schulterklappe.
Wir gehen ins Badezimmer, damit Olly es sich im Spiegel anschauen kann. Obwohl es voll bescheuert aussieht, scheint es ihm zu gefallen, und wir rennen durchs ganze Haus und turnen wie wild rum, um auszuprobieren, ob die Eule und der Bär rausfallen, aber egal was wir anstellen, sie bleiben an Ort und Stelle und wackeln nur hin und her. Nach einer Weile hören wir mit dem Rumgetobe auf und gehen zu dem Spiel über, bei dem ich vom Innenhof Cluedo-Figuren nach oben werfe und Olly versucht, sie vom Schlafzimmerfenster aus zu fangen. Dabei fällt er fast raus, was wirklich zum Totlachen ist. Aber Olly kriegt Schiss und wir fangen mit einer richtigen Cluedo-Partie an, während er die ganze Zeit die Plüschtiere unter den Schulterklappen trägt. Ich weiß nicht mal, ob er's überhaupt noch merkt.
Ich wette, Sie glauben, Sie wüssten alles über Olly, aber das tun Sie nicht. Er ist echt voll in Ordnung. Wenn ich noch mal die Chance hätte, würde ich ihn immer noch als besten Freund haben wollen, genauso wie früher. Wenn man einen besten Freund hat, braucht man nichts anderes auf der Welt. Es ist wie eine Rüstung oder wie diese Schutzschilde, die man bei Computerspielen bekommt und die wie Sirenen aufheulen, und dann leuchtet man orange, und so lange man orange ist, prallen die Kugeln und Raketen einfach an einem ab.
Olly ist schon so lange mein bester Freund, dass ich den Schutzschild gar nicht mehr bemerke, weil er immer da ist. Wenn er nach Hause geht, habe ich das Gefühl, dass man mir eine Schicht weggepellt hat. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Bin unruhig. Sogar wenn ich beschäftigt bin oder Spaß habe, stelle ich mir vor, wie ich Olly später davon erzähle.
Einmal, als ich zu Hause anrufen wollte, damit mich meine Eltern abholen, habe ich aus Versehen Ollys Nummer gewählt und musste seiner Mutter erzählen, dass ich falsch verbunden war. Sie hat gedacht, ich hätte 'n Knall. Es ist einfach passiert, ohne dass ich darüber nachgedacht habe.
Als seine Mutter kommt, um ihn zu seiner Tante mitzunehmen, habe ich ihn immer noch nicht gefragt, warum er sich so schick gemacht hat, daher bin ich überhaupt nicht darauf vorbereitet, dass sie ihn so plötzlich holt. Es gibt keine Vorwarnung, gar nichts. So als würde jemand reinkommen und dir die Beine wegreißen.
Natürlich nicht wirklich. Wenn jemand einem die Beine abreißt, verblutet man ja.
Sie fragt Olly nicht, warum er eine Eule und einen Bären an den Schultern trägt, sie zieht sie bloß raus und lässt sie an der Haustür liegen. Ich habe gehofft, er würde mit beiden Plüschtieren unter den Klappen rausgehen, was er auch fast gemacht hätte.
Als die Tür hinter ihm zufällt, schaue ich auf die Uhr und stelle fest, dass ich noch den ganzen Sonntagnachmittag vor mir habe.
Es ist schon komisch, dass sogar in den Ferien der Sonntag anders ist als andere Tage, doch es ist so. Alle sind zu Hause. Sonntags hat man immer das Gefühl, das Haus ist zu voll, aber irgendwie auch zu leer. Wenn man fernsehen oder am Küchentisch sitzen oder sich auf den sonnigen Teil des Rasens legen will, ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass da schon jemand anderes ist. Und obwohl die guten Plätze im Haus alle schon besetzt sind, kommt es mir manchmal so vor, als würde meine Familie nur orientierungslos rumirren und eigentlich nicht wirklich wissen, was sie mit sich anfangen soll, bis der Tag vorbei und am Montag alles wieder wie sonst ist. Es ist fast so, als würde der Sonntag sie immer wieder überraschen, als würden sie jede Woche wieder nicht daran glauben, dass er kommt. Wenn der Sonntag aber dann doch vor der Tür steht, sind sie nicht darauf vorbereitet und können nichts tun außer rumzuirren und darauf zu warten, dass er vorbeigeht.
Stundenlang bin ich ganz brav, beschäftige mich allein und mache Sachen in meinem Zimmer. Ich versuche sogar, unsere Cluedo-Partie zu Ende zu spielen, doch es klappt nicht, und am Schluss schummle ich, um herauszufinden, wer der Mörder ist. Komischerweise ist es Professor Bloom. Allein zu spielen ist wie Selbstgespräche zu führen. Es ist einem peinlich, wenn jemand reinkommt und einen dabei erwischt. Außerdem macht es überhaupt keinen Spaß.
Schließlich bleibt mir nichts anderes übrig als Donny ärgern zu gehen.
Donnys Zimmer
An der Tür hängen zwei 'Zutritt verboten'-Schilder. Zwischen ihnen klebt ein orangefarbener Sticker mit drei schwarzen Rechtecken, auf denen ein großes rotes Kreuz drauf ist und von denen krakelig gezeichnete Dampfschwaden aufsteigen. Unter den qualmenden Rechtecken steht 'Vorsicht: Gefährlicher Abfall'.
Es gibt einen Trick, mit dem man die Tür geräuschlos öffnen kann. Sobald die Klinke am lockeren Teil vorbei ist, zieht man sie mit einem Ruck an sich ran und drückt gleichzeitig einen Zeh gegen die untere Ecke der Tür, die immer hängen bleibt.
Frage: Warum verschwende ich so viel Energie, die Tür lautlos zu öffnen, wenn ich weiß, dass er im Zimmer ist? Antwort: Weil diese ersten unbemerkten Sekunden mir einen entscheidenden Vorteil verschaffen können.
Nachdem ich es geschafft habe, die Tür auszuklinken, mache ich eine Verschnaufpause. Das ist der schwierigste Teil. Bis jetzt ist die Operation ein voller Erfolg. Kein Quietschen, Schnappen, Knallen oder Knarzen, das mich verraten könnte.
Ich stecke die Nase durch den Spalt. Der gewiefte Spion nutzt zur Informationsgewinnung alle fünf Sinne. Jeder frühe Hinweis könnte sich als nützlich erweisen. Ich schalte mein Riechzentrum ein, um die erste Geruchswelle zu identifizieren.
Vor kurzem ist mit dem Mief in Donnys Zimmer etwas sehr Interessantes passiert. So ähnlich wie bei der Geruchsentwicklung von Käse. Zuerst duftet er lecker, dann fängt er an, ein bisschen komisch zu riechen, was einen aber nicht davon abhält, weiter davon zu essen, bis schließlich etwas Unglaubliches geschieht. Man öffnet den Kühlschrank und denkt plötzlich: Oh, mein Gott! Da ist was Totes drin!
Meine Theorie ist, dass Jungenzimmermief genau diesem Käsemuster folgt.
Wie man an dem Diagramm erkennen kann, gibt es zwei Möglichkeiten, wie sich der Donny-Zimmermief in der Zukunft weiterentwickeln wird. Ich tippe auf die Erst-rauf-dann-runter-Kurve, da ich mir nicht vorstellen kann, dass ein Zimmer noch schlechter riechen und trotzdem menschliches Leben darin fortbestehen kann. Der DZM hat wahrscheinlich gerade seinen Höhepunkt erreicht. Aber wer weiß? Vielleicht schwingt sich die Kurve in noch schwindelerregendere Höhen, bis in seinem Zimmer alle Plastikgegenstände schmelzen und wir herausfinden, dass Donny ein Außerirdischer ist, der ohne Sauerstoff überleben kann.
Auch wenn der DZM heute wieder richtig übel ist, ist er nicht so schlimm, dass ich meine Mission abbrechen müsste. Der Geruch verrät mir nichts, was ich nicht sowieso schon weiß: dass er im Zimmer ist, dass er sich schon seit Stunden hier nicht rausbewegt hat und dass keines der Fenster geöffnet ist.
Ich mache die Tür noch ein paar Zentimeter weiter auf und habe jetzt freie Sicht auf gut die Hälfte seines Zimmers. Donny sitzt in der Hausaufgaben-Kauerstellung an seinem Schreibtisch. Das kann drei Dinge bedeuten:
a) Er macht seine Hausaufgaben. b)Er hat sich so hingesetzt, weil er gehört hat, dass die Tür aufgegangen ist. c) Er starrt wie ein Behinderter aus dem Fenster und denkt: Wenn ich während der letzten zwei Stunden nicht wie ein Behinderter aus dem Fenster gestarrt hätte, könnte ich mittlerweile fertig sein und draußen
Spaß haben.
Ich setze auf c).
Nicht dass ich wirklich Geld darauf setzen würde. Das ist nur so 'ne Redewendung.
Ich hab's noch nie geschafft, die Tür mehr als bis zur Hälfte aufzukriegen, ohne entdeckt zu werden. Selbst wenn der andere nichts hört oder sieht, weiß er einfach, wenn jemand im Zimmer ist, erst recht, wenn dieser andere Donny ist, weil dieser andere dann nämlich paranoid und eigenbrötlerisch ist, und noch erst rechter, wenn ich es bin, der ins Zimmer kommt, weil Donnys größte Freude im Leben darin besteht, mich überall dort rauszuschmeißen, wo ich gerade sein möchte, und am erst rechtesten, wenn für Donny die Schule schon wieder angefangen hat (ha, ha) und für mich noch nicht.
Diesmal breche ich alle Rekorde. Ich kriege die Tür ganz bis zu der Stelle auf, wo sie gleich gegen das Bett knallt, wenn man's nicht vorher verhindert. Donny hat nichts gehört.
Ich gehe auf Zehenspitzen ein paar Schritte ins Zimmer. Wenn ich das jemals zuvor schon geschafft hätte, hätte ich mir gemerkt, wo überall die knarzenden Dielenbretter liegen, aber das hat es bisher noch nie gegeben, dass ich mich so spitzenmäßig und leise reingeschlichen habe. Wir befinden uns hier auf unerforschtem Terrain. Mit jedem weiteren Vordringen werden die Geschichtsbücher in immer kleinere Schnipsel zerrissen.
Fünf Schritte später stehe ich genau hinter ihm. Es ist unglaublich. Wenn Sie je versucht hätten, sich ins Zimmer meines Bruders zu schleichen, würden Sie das verstehen. Das ist, als wäre jemand hundert Meter in fünf Sekunden gerannt. Das ist, als würde jemand so schnell mit dem Auto fahren, dass es einfach vom Boden abhebt.
Heute habe ich einen großartigen Sieg für alle kleinen Brüder dieser Welt errungen. Eigenlob.
'Buh!', schreie ich und bin überzeugt, dass es wie eine Bombe einschlagen wird. Es gibt keine Worte dafür, wie sauer Donny sein wird, wenn er bemerkt, wo ich bin.
Aber es passiert nichts. Keine Reaktion. Er bleibt einfach in seiner Hausaufgaben-Kauerstellung sitzen und springt nicht mal auf.
Ich tippe ihm auf die Schulter. Er zuckt immer noch kein bisschen und sagt auch kein Wort.
'Hi', sage ich. 'Freust du dich, mich zu sehen?'
Die Tote-Mann-Nummer geht weiter.
Also gut, er tut so, als wäre ich Luft. Das ändert alles. Die Geschichtsbücher müssen wieder mit Tesafilm zusammengeklebt werden. Da er nicht mal jetzt irgendeine Reaktion zeigt, gibt es keine Möglichkeit herauszufinden, bis wohin ich unentdeckt geblieben bin.
So ist Donny. Immer wenn man glaubt, man wüsste, wo man bei ihm steht, stellt er alles wieder auf den Kopf. Das macht mich wahnsinnig, und manchmal könnte ich ihn dafür erwürgen, aber meistens will ich dann erst recht in sein Zimmer und mir etwas ausdenken, bei dem ich gewinne und er verliert.
Das ist also der Spielstand: Er hat das Unbemerkt-hereinkommen-Spiel gewonnen (auf besonders heimtückische Weise), doch das ist mittlerweile in einen Donny-beachtet-mich-nicht-Wettbewerb übergegangen, den ich bestimmt gewinne, weil er jetzt seine größte Schwäche bloßgelegt hat. Er hat sich mir vollkommen ausgeliefert.
Frage: Was ist das für eine Schwäche?
Antwort: Seine Sachen.
Er kann es überhaupt nicht leiden, wenn ich seine Sachen anfasse. Jetzt stehe ich in seinem Zimmer, während er mit dem Rücken zu mir dasitzt, und sobald er sich umdreht, hat er verloren, und ich habe ein ganzes Zimmer voller Donny-Sachen, die ich in aller Ruhe in die Hand nehmen und wieder zurücklegen kann.
Oh, dieser Augenblick ist einfach unschlagbar!
Ich schaue mich um und versuche zu entscheiden, wo ich anfangen soll. Auf seinem Nachttisch liegen ganze Stapel Kassetten, Zeitschriften und Bücher. In der Ecke ist auch noch ein Regal, auf dem haufenweise geheimnisvolle Tuben, Flaschen, Sprays und Lotions rumstehen. So viel Zeug zum Rumspielen, Rasseln und Scheppern, das man mit einem zufrieden stellenden Klicken, Platschen und Knacksen auf- und zumachen kann! Und wenn wir gerade von Sachen sprechen, die ich nicht anfassen darf, ist da auch noch seine Gitarre, die gegen die Wand gelehnt ist und darum bettelt, dass ich mal ordentlich über die Saiten schramme.
Dann gibt's da noch das Heiligtum aller Heiligtümer - das totale Sperrgebiet -, die Nachttischschublade. Weiß Gott, was da drin ist. Normalerweise zuckt Donny schon zusammen, wenn man sie auch nur anguckt. Jetzt starre ich die Schublade überdeutlich an, aber nichts passiert, weil Donny sich selbst in die üble Lage gebracht hat, mich nicht zu beachten.
Für diesen Sieg werde ich teuer bezahlen müssen. Das weiß ich. Je größer der Sieg, umso größer der Schmerz, den er mir zufügen wird. Ob ich mich an die Schublade traue? Kann ich die Reaktion riskieren, die ich durch diesen einzigartigen Triumph hervorrufen würde?
Dann kommt mir eine ganz andere Idee. Er versucht es heute eher auf die psychologische als auf die körperliche Tour, und es gibt einen Weg - ja, es gibt einen genialen Weg -, ihn mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Er wird mir auch nicht wehtun können. Wenn ich nur daran denke, muss ich fast laut loslachen.
Um die Spannung zu lösen, gehe ich einen Moment lang auf und ab und mache mich dann ans Werk. Damit es so klingt, als hätte ich was genommen, klappere ich mit ein paar Kassetten und sage dann: 'Was ist das?'
Er fährt herum. Ja! Sieg!
Und ich habe nichts in der Hand! Sieg auf ganzer Linie! Oh, jaaaaaaa! Einfach nur genial!
Donny wirft mir einen finsteren Blick zu, dreht sich dann aber wieder zum Schreibtisch.
Das nervt. Ich habe - wie jeder neutrale Schiedsrichter auf jeden Fall bestätigen würde - einen großen Sieg errungen, doch Donny hat sich nicht entsprechend verhalten. Er ist nicht sauer geworden. Er hat mich nicht mal rausgeschmissen.