Accelerando
Roman
Charles Stross(Author)
Heyne (Publisher)
Published on 7. August 2006
Book
Paperback/Softback
560 pages
978-3-453-52195-7 (ISBN)
Description
Dies ist die Geschichte der schleichenden Machtübernahme der künstlichen Intelligenz: Beginnend im heutigen New York schlägt Charles Stross den Bogen weit in die Zukunft und zeichnet Schritt für Schritt nach, wie die Maschinen Bewusstsein entwickeln und die Herrschaft an sich reißen. Nach "Singularität" und "Supernova" liefert Stross damit seinen großen Roman über die Zukunft unserer Zivilisation.
More details
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 18.7 cm
Width: 12 cm
ISBN-13
978-3-453-52195-7 (9783453521957)
Schweitzer Classification
Other editions
Additional editions

Persons
Charles Stross ist der Shooting Star unter den amerikanischen SF-Autoren und wird schon heute in eine Reihe mit den legendären Meistern des Genres, Arthur C. Clarke, Robert A. Heinlein und Philip K. Dick, gestellt. Sein preisgekrönter Fantasy-Roman "Dämon
Content
Erster Teil
Langsamer Aufbruch
die hummer
Manfred ist mal wieder unterwegs, um Fremden zu Reichtum zu verhelfen.
Es ist ein warmer, sommerlicher Dienstag, und er steht mit einer Datenbrille vor den Augen auf der Plaza vor der Centraal Station, mitten im grellen Sonnenlicht, das von der Gracht reflektiert wird. An beiden Ufern haben sich schwatzende Touristengrüppchen gesammelt, während Motorroller und Radfahrer in selbstmörderischem Tempo vorbeiflitzen. Der Platz riecht nach Wasser, Schmutz, heißem Metall und den kalten, schwefelhaltigen Ausdünstungen von Katalysatoren; im Hintergrund bimmeln Straßenbahnen, über seinem Kopf fliegt ein Vogelschwarm. Er blickt nach oben, fängt eine der Tauben im Bild ein, speichert es ab und leitet es an sein Weblog weiter, um zu zeigen, dass er angekommen ist. Ihm fällt auf, dass die Bandbreite hier gut ist. Und nicht nur die Bandbreite, sondern die ganze Szenerie. Jetzt schon gibt ihm Amsterdam das Gefühl, willkommen zu sein, obwohl er gerade erst dem Zug aus Schiphol entstiegen ist. Der schwungvolle Optimismus einer anderen Zeitzone, einer neuen Stadt hat ihn angesteckt. Falls diese Stimmung anhält, wird irgendjemand da draußen tatsächlich sehr reich werden.
Er fragt sich, wer es sein wird.
Auf dem Parkplatz vor der Brouwerij't IJ sitzt Manfred auf einem Hocker, sieht zu, wie die mit pneumatischen Gelenken versehenen Busse vorbeifahren, und trinkt 0,3 Liter des sauren Gueuze, das ihm den Mund zusammenzieht. In irgendeinem Winkel des Brillendisplays quasseln Kanäle und decken ihn fortwährend mit komprimierten Informationen - ausgewählten Pressemitteilungen - ein. Sie quengeln und schlängeln sich aufdringlich in den Vordergrund, konkurrieren um seine Aufmerksamkeit. Auf der anderen Seite des Platzes stehen ein paar Punks bei zerbeulten Mopeds herum, lachen und unterhalten sich. Mag sein, dass es Einheimische sind, eher aber Herumtreiber, die das Magnetfeld von Toleranz, das Holland wie ein Pulsar quer durch Europa ausstrahlt, nach Amsterdam gezogen hat. Auf dem Kanal tuckert ein Boot mit Touristen vorbei; die Flügel einer riesigen Windmühle werfen lange, kühle Schatten über die Straße. Die Windmühle ist eine Anlage zur Drainage, sie verwendet Windkraft dazu, Land trocken zu legen. Mit Methoden des sechzehnten Jahrhunderts wird hier Energie dazu eingesetzt, neuen Lebensraum zu gewinnen. Manfred wartet auf die Einladung zu einer Party, auf der er sich mit einem Mann treffen wird, um mit ihm über den Austausch von Energie gegen Lebensraum nach Methoden des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu reden. Außerdem kann er dabei seine persönlichen Probleme, wie er hofft, verdrängen.
Er ignoriert alle Meldungen über eingehende Nachrichten und genießt diese Zeit spärlicher Datenübertragungen und starker Sinnesempfindungen, erfreut sich seines Biers und der Tauben, bis eine Frau auf ihn zugeht und ihn anspricht: 'Manfred Macx?'
Er blickt auf. Die Frau ist ein professioneller Fahrradkurier; ihre windgestählten, geschmeidigen Muskeln stecken in einer Kleidung, die eine einzige Hommage an die Polymertechnologie darstellt: neonblaues Lycra, honiggelbes Karbonat mit hellen Tupfern von Anti-Kollisions-LEDs, dicht gefüllte Airbags. Bestürzt über ihre verblüffende Ähnlichkeit mit Pam, seiner Ex-Verlobten, zögert er kurz, als sie ihm eine Schachtel hinstreckt.
'Ich bin Macx', sagt er schließlich und zieht das linke Handgelenk unter ihrem Strichcodeleser hindurch. 'Von wem kommt das?'
'FedEx.' Ihre Stimme klingt anders als die von Pam. Sie wirft ihm die Schachtel in den Schoß. Gleich darauf setzt sie über die niedrige Mauer, steigt auf ihr Fahrrad, während ihr Handy schon wieder bimmelt, und verschwindet in einer Wolke von Staub und sonstigen Emissionen.
Manfred dreht die Schachtel herum: Darin steckt ein Wegwerf-Handy, wie es in jedem Supermarkt gegen Bargeld zu bekommen ist - billig, nicht zurückzuverfolgen und effizient. Mit diesem Handy kann man sogar auf Konferenzschaltung gehen, deshalb ist es ein ideales Telefon für Schnüffler und Gauner in aller Welt.
Als die Schachtel ein Läuten von sich gibt, reißt Manfred die Verpackung auf und zieht das Handy leicht verärgert heraus. 'Ja? Wer ist dran?'
Die Stimme am anderen Ende hat einen harten russischen Akzent. Angesichts der Tatsache, dass in diesem Jahrzehnt schon überall billige Online-Übersetzungsdienste verfügbar sind, klingt die Stimme geradezu wie eine Parodie. 'Manfred. Erfreut, Sie kennen zu lernen. Wünsche persönlichen Kontakt, Freundschaft schließen, nein? Habe viel anzubieten.'
'Wer sind Sie?', wiederholt Manfred argwöhnisch.
'Bin Organisation früher bekannt als KGB dot RU.'
'Ich glaube, Ihr Übersetzungsprogramm funktioniert nicht richtig.' Manfred hält sich das Handy so vorsichtig ans Ohr, als wäre es aus hauchdünnem Aerogel und so fragil wie der Geisteszustand des Wesens am anderen Ende der Leitung.
'Njet - nein, tut mir Leid. Entschuldigung, wir nicht benutzen kommerzielle Software für Übersetzung. Übersetzerprogramme ideologisch suspekt, haben fast alle kapitalistische Semiotik, und Anwendung ist gebührenpflichtig. Müssen Englisch besser implementieren, ja?'
Manfred trinkt sein Bier aus, stellt das Glas ab, steht auf und schlendert mit dem Handy dicht am Ohr die Hauptstraße hinab. Er befestigt sein Kehlkopf-Mikro an dem billigen schwarzen Plastikgehäuse und schaltet auf einfachen Sprachempfänger-Modus. 'Wollen Sie damit sagen, dass Sie sich selbst Englisch beigebracht haben, nur um mit mir reden zu können?'
'Da, war leicht. Bin neuronales Netzwerk mit Milliarden Knotenpunkten, habe Teletubbies und Sesamstraße mit maximaler Geschwindigkeit heruntergeladen. Entschuldigung, Verzeihung für entropische Überlagerung mit schlechte Grammatik. Habe Angst, ich digitale Fingerabdrücke hinterlasse in meine - unsere - steganografisch ausgestattete Lernprogramme.'
Manfred bleibt so plötzlich stehen, dass ein GPS-gesteuerter Rollschuhfahrer ihn um ein Haar umgemäht hätte. Das hier wird langsam so verrückt, dass es seine Toleranzgrenze für Schräges überschreitet - und dazu braucht es einiges. Schließlich spielt sich Manfreds ganzes Leben am gefährlichen Rand von Seltsamkeiten ab; er ist der Zukunft jedes anderen Menschen stets eine Nasenlänge voraus und hat normalerweise alles perfekt im Griff. Doch bei Vorfällen wie diesem bekommt er Anflüge von Angst und das Gefühl, er könnte auf der Zufahrtsstraße zur Realität die richtige Abfahrt soeben verpasst haben. 'Äh, ich bin mir nicht sicher, ob ich das richtig verstanden habe, lass es mich noch einmal rekapitulieren: Du behauptest also, eine Art Künstliche Intelligenz zu sein, die für den KGB dot RU arbeitet, und befürchtest, man könnte dich aufgrund von dir genutzten Lernprogrammen juristisch belangen, und zwar wegen Verletzung von Urheberrechten?'
'Habe mir schlimm Finger verbrannt, an virenverseuchten Lizenzvereinbarungen für Endverbraucher. Habe keine Lust zu experimentieren mit Dachgesellschaften für Patentrechte in der Hand von tschetschenischen Info-Terroristen. Sie Mensch, Sie keine Angst haben müssen, dass Firma für Frühstücksflocken beschlagnahmt Ihren Dünndarm, weil Sie damit ohne Lizenz haben Essen verdaut, richtig? Manfred, Sie müssen uns - mir - helfen. Möchte zum Feind überlaufen.'
Manfred bleibt wie angewurzelt auf der Straße stehen. 'O Mann, du hast den falschen Geschäftsmakler erwischt. Ich arbeite nicht für die Regierung, sondern ausschließlich für private Kunden.' Eine hinterhältige Werbung schleicht sich an dem Müllsortierer seines Proxy-Servers vorbei und überschwemmt das aufblinkende Navigationsfenster einen Moment lang mit leuchtendem Kitsch der Fünfzigerjahre - bis ein Spam-Fresser sie löscht und einen neuen Filter aufbaut. Manfred lehnt sich gegen eine Ladenfront, massiert sich die Stirn und mustert eine Auslage antiker Türklopfer aus Messing. 'Hast du's schon beim amerikanischen Außenministerium probiert?'
'Warum Mühe machen? Außenministerium ist Feind von Novy-SSR. Außenministerium keine Hilfe für uns.'
Das Ganze wird Manfred jetzt einfach zu bizarr. Er hat bei der übergreifenden Politik des neuen alten und des alten neuen Europa nie so richtig durchgeblickt. Es bereitet ihm ja schon Kopfschmerzen, der zerbröckelnden Bürokratie, die sich sein altes und immer noch altmodisches Amerika bewahrt hat, ein Schnippchen zu schlagen. 'Na ja, wenn ihr denen in den späten Nullerjahren keinen Schuss vor den Bug versetzt hättet ' Manfred klopft mit dem linken Absatz auf das Pflaster und sucht nach irgendeinem Weg, dieses Gespräch so schnell wie möglich zu beenden. Das Auge einer Kamera, die oben an einer Straßenlaterne angebracht ist, blinzelt ihm zu. Er winkt und fragt sich beiläufig, ob der KGB oder die Verkehrspolizei ihn überwacht. Er wartet auf die Wegbeschreibung zu der Party, die in der nächsten halben Stunde eintreffen müsste, und dieser runderneuerte kalte Krieger, der wie ein Eliza-Bot redet, stiehlt ihm die Zeit. 'Hör zu, ich pflege keinen Umgang mit Regierungsleuten. Der militärisch-industrielle Komplex ist mir zuwider, genauso wie die traditionelle Politik. Das sind doch alles nur Menschenfresser in einem Nullsummenspiel.' Ihm schießt ein neuer Gedanke durch den Kopf. 'Falls es dir ums Überleben geht, könntest du deinen Zustandsvektor ja auf eines der p2p-Netze übertragen, dann kann dich niemand mehr löschen '
'Njet!' Die Künstliche Intelligenz klingt so bestürzt, wie man über Voice over IP-Links überhaupt bestürzt klingen kann. 'Bin keine open source! Will Autonomie nicht verlieren!'
'Dann haben wir wohl nichts mehr miteinander zu besprechen.' Manfred drückt auf die AUS-Taste und schleudert das Handy in den Kanal. Als es auf dem Wasser aufschlägt, ist das Knacken verschmorender Lithiumzellen zu hören. 'Verdammte Versager, die vom Kalten Krieg übrig geblieben sind!', flucht er vor sich hin. Er ist ziemlich wütend, einerseits auf sich selbst, weil er seine Gelassenheit eingebüßt hat, andererseits auf die Institution, die hinter dem anonymen Anruf steckt und es gewagt hat, ihn zu belästigen. 'Verdammte Kapitalisten-Ausschnüffler!'
Seit fünfzehn Jahren haben die Apparatschiks Russland wieder unter der Knute; nach einem kurzen Flirt mit dem Anarchokapitalismus haben Dirigismus (à la Breschnew) und Puritanismus (à la Putin) die Oberhand gewonnen. Kein Wunder, dass die Mauer jetzt bröckelt. Allerdings sieht es ganz so aus, als hätten die da drüben nichts aus den Problemen gelernt, die gegenwärtig den Vereinigten
Staaten von Amerika zu schaffen machen. Die Neo-Kommunisten denken immer noch in Begriffen von Dollar und Paranoia. Manfred ist so wütend, dass er jetzt unbedingt jemandem zu Reichtum verhelfen möchte - und wenn nur, um dem Überläufer in spe eine lange Nase zu machen. Schau mal: Du verschaffst dir einen Vorteil, indem du gibst! Erhältst etwas, indem du etwas entäußerst! Nur die Großzügigen überleben! Doch das wird der KGB niemals kapieren. Manfred hat auch früher schon mit altersschwachen K.I.s aus kommunistischen Zeiten zu tun gehabt, deren Denken von marxistischer Dialektik und der Volkswirtschaftslehre der Österreichischen Schule geprägt war. Der kurzfristige Sieg des globalen Kapitalismus hat sie so vollständig hypnotisiert, dass sie mit dem neuen Paradigma nicht klarkommen und langfristige Perspektiven ignorieren.
In Gedanken versunken, die Hände in den Hosentaschen vergraben, schlendert Manfred weiter. Er fragt sich, was er als Nächstes patentieren lassen wird.
Manfred bewohnt eine Suite im Jan-Luyken-Hotel, für die eine dankbare multinationale Verbraucherschutzgruppe aufkommt, und besitzt eine Dauerkarte für öffentliche Verkehrsmittel, die eine schottische Samba-Punkband ihm im Austausch für erwiesene Dienste bezahlt hat. Bei sechs verschiedenen nationalen Fluggesellschaften genießt er die Reisevorteile eines dort Beschäftigten, obwohl er noch nie für eine Fluglinie gearbeitet hat. In seine Buschjacke sind vierundsechzig kompakte Großrechnermodule eingenäht, je vier pro Tasche - eine Gefälligkeit, die ihm ein unsichtbar agierendes College erwiesen hat, das sich zum nächsten Media Lab entwickeln möchte. Die nichtintelligente Kleidung, die er trägt, hat ein Internet-Schneider auf den Philippinen, den er persönlich nie getroffen hat, maßgerecht für ihn angefertigt. Anwaltskanzleien wickeln seine Patentanmeldungen auf pro-bono-Basis ab, obwohl er wirklich verdammt viel patentieren lässt - auch wenn er die Rechte stets der Stiftung der Freigeister überträgt, der Free Intellect Foundation. Das ist sein Beitrag zu ihrem infrastrukturellen Projekt, das auf Abschaffung von Zahlungsverpflichtungen abzielt.
In den Kreisen der IT-Geeks hat Manfred einen legendären Ruf. Er ist der Mensch, der für den gesetzlichen Schutz der Geschäftspraxis gesorgt hat, E-Business dorthin zu verlagern, wo die Verwaltung geistigen Eigentums recht lax gehandhabt wird. Auf diese Weise kann man die Behinderung durch Lizenzen umgehen. Manfred ist auch derjenige, der den Gebrauch genetischer Algorithmen patentieren ließ. Mit diesen Algorithmen kann man alles patentieren, was sie, ausgehend von der ursprünglichen Beschreibung eines Problembereichs, verändern können - und das ist nicht nur eine einzige verbesserte 'Mausefalle', sondern die Möglichkeit, im übertragenen Sinne jedes 'Mittel zum Fangen von Nagetieren' patentieren zu lassen. Etwa ein Drittel seiner Erfindungen ist legal, ein Drittel illegal und der Rest zwar legal, aber nur noch so lange, bis der Legislatosaurus aufwacht, den Braten riecht und in Panik gerät.
In Reno gibt es Patentanwälte, die schwören, Manfred Macx sei ein Pseudonym - ein Deckname im Netz, der für eine ganze Reihe von verrückten anonymen Hackern stehe, ausgerüstet mit dem Genetischen Algorithmus, der sich Kalkutta einverleibt hat: eine Art Serdar Argic des geistigen Eigentums, vielleicht auch ein weiterer Mathe-Cyborg à la Bourbaki.
Es gibt Rechtsanwälte in San Diego und Redmond, die blind darauf schwören, dass Macx ein Wirtschaftssaboteur ist, darauf aus, die Grundmauern des Kapitalismus zu erschüttern. Und es gibt Kommunisten in Prag, die glauben, er sei ein illegitimer Sprössling von Bill Gates, der sich mit dem Papst gepaart habe.
In seiner Branche ist Manfred Spitze, und das bedeutet vor allem, dass er heikle, aber durchführbare Ideen entwickelt und sie Menschen überlässt, die damit später ein Vermögen machen. Dafür nimmt er kein Honorar, er tut es gratis. Die Gegenleistung besteht darin, dass er von der Tyrannei des Geldes im wahrsten Sinne des Wortes befreit ist; schließlich ist Geld ein Zeichen von Armut, und Manfred muss niemals für etwas bezahlen.
Allerdings gibt es auch Nachteile. Als jemand, der mit Memen handelt und sich darauf verlässt, dass sich die Welt verschworen hat, ihm nur Gutes zu tun, ist er fortwährend dem aufreizenden Zukunftsschock ausgesetzt. Nur, um auf dem Laufenden zu bleiben, muss er sich täglich mehr als ein Megabyte Text und zahlreiche audiovisuelle Programme reinziehen. Die amerikanischen Finanzbehörden sind ihm ständig auf den Fersen, weil sie ihm nicht abnehmen, dass er einen solchen Lebensstil ohne Schiebereien aufrechterhalten kann. Außerdem gibt es Dinge, die man mit Geld nicht kaufen kann: zum Beispiel den Respekt der Eltern. Seit drei Jahren hat er nicht mehr mit ihnen gesprochen. Sein Vater hält ihn für einen Hippy und Schnorrer, und seine Mutter hat ihm noch immer nicht verziehen, dass er aus dem miesen Konkurrenzkampf in Harvard ausgestiegen ist. (Sie hängen immer noch der langweiligen bourgeoisen Denkweise des Zwanzigsten Jahrhunderts an, nach der Kinder eine Universitätskarriere machen sollten). Seine Verlobte und zeitweilige Domina Pamela hat ihm vor sechs Monaten den Laufpass gegeben, ohne dass ihm die Gründe richtig klar geworden sind. (Ironie des Schicksals: Sie arbeitet als Kopfjägerin für die amerikanischen Steuerbehörden und fliegt auf öffentliche Kosten durch die ganze Welt. Sie versucht nämlich, Unternehmer, die auf dem Weltmarkt operieren, dazu zu überreden, zum Wohle des Finanzministeriums Steuern zu zahlen.) Um all dem die Krone aufzusetzen, haben die Südstaaten-Synoden der Baptisten ihn auf all ihren Websites als Gehilfen des Teufels angeprangert. Was ja eigentlich ganz lustig sein könnte, weil Manfred als wiedergeborener Atheist gar nicht an den Teufel glaubt, wären da nicht die toten Kätzchen, die irgendjemand ihm ständig schickt.
Manfred schaut kurz in seiner Hotelsuite vorbei, packt seine Aineko aus, lädt sie mit neuen Zellen auf und verstaut die meisten seiner persönlichen Schlüssel im Safe. Danach macht er sich sofort auf den Weg zur Party, die derzeit im De Wildemann's läuft. Es ist ein Spaziergang von zwanzig Minuten. Die einzige wirkliche Gefahr, die ihm droht, besteht in den Straßenbahnen, denen er ständig ausweichen muss. Sie schleichen sich von hinten an ihn an, und weil er das mobile Display mit der Wegbeschreibung mustert, bemerkt er es kaum.
Während des Spaziergangs hält seine Brille ihn mit den neuesten Nachrichten auf dem Laufenden. Europa hat zum ersten Mal überhaupt eine friedliche politische Vereinigung erreicht und nutzt diese beispiellose Situation dazu, die Krümmung von Bananen zu standardisieren. Die Lage im Mittleren Osten ist, na ja, genauso schlimm wie immer. Allerdings interessiert sich Manfred nicht sonderlich für den Krieg gegen den Fundamentalismus. In San Diego laden Forscher Hummer in den Cyberspace hinauf, beginnend mit den Nervenknoten der Magenschleimhaut, ein Neuron nach dem anderen. In Belize verbrennen sie genmodifizierten Kakao und in Georgien Bücher. Die NASA kann immer noch keinen Mann auf den Mond verfrachten. Russland hat die kommunistische Regierung wiedergewählt, sie hat jetzt sogar eine noch größere Mehrheit in der Duma.
Langsamer Aufbruch
die hummer
Manfred ist mal wieder unterwegs, um Fremden zu Reichtum zu verhelfen.
Es ist ein warmer, sommerlicher Dienstag, und er steht mit einer Datenbrille vor den Augen auf der Plaza vor der Centraal Station, mitten im grellen Sonnenlicht, das von der Gracht reflektiert wird. An beiden Ufern haben sich schwatzende Touristengrüppchen gesammelt, während Motorroller und Radfahrer in selbstmörderischem Tempo vorbeiflitzen. Der Platz riecht nach Wasser, Schmutz, heißem Metall und den kalten, schwefelhaltigen Ausdünstungen von Katalysatoren; im Hintergrund bimmeln Straßenbahnen, über seinem Kopf fliegt ein Vogelschwarm. Er blickt nach oben, fängt eine der Tauben im Bild ein, speichert es ab und leitet es an sein Weblog weiter, um zu zeigen, dass er angekommen ist. Ihm fällt auf, dass die Bandbreite hier gut ist. Und nicht nur die Bandbreite, sondern die ganze Szenerie. Jetzt schon gibt ihm Amsterdam das Gefühl, willkommen zu sein, obwohl er gerade erst dem Zug aus Schiphol entstiegen ist. Der schwungvolle Optimismus einer anderen Zeitzone, einer neuen Stadt hat ihn angesteckt. Falls diese Stimmung anhält, wird irgendjemand da draußen tatsächlich sehr reich werden.
Er fragt sich, wer es sein wird.
Auf dem Parkplatz vor der Brouwerij't IJ sitzt Manfred auf einem Hocker, sieht zu, wie die mit pneumatischen Gelenken versehenen Busse vorbeifahren, und trinkt 0,3 Liter des sauren Gueuze, das ihm den Mund zusammenzieht. In irgendeinem Winkel des Brillendisplays quasseln Kanäle und decken ihn fortwährend mit komprimierten Informationen - ausgewählten Pressemitteilungen - ein. Sie quengeln und schlängeln sich aufdringlich in den Vordergrund, konkurrieren um seine Aufmerksamkeit. Auf der anderen Seite des Platzes stehen ein paar Punks bei zerbeulten Mopeds herum, lachen und unterhalten sich. Mag sein, dass es Einheimische sind, eher aber Herumtreiber, die das Magnetfeld von Toleranz, das Holland wie ein Pulsar quer durch Europa ausstrahlt, nach Amsterdam gezogen hat. Auf dem Kanal tuckert ein Boot mit Touristen vorbei; die Flügel einer riesigen Windmühle werfen lange, kühle Schatten über die Straße. Die Windmühle ist eine Anlage zur Drainage, sie verwendet Windkraft dazu, Land trocken zu legen. Mit Methoden des sechzehnten Jahrhunderts wird hier Energie dazu eingesetzt, neuen Lebensraum zu gewinnen. Manfred wartet auf die Einladung zu einer Party, auf der er sich mit einem Mann treffen wird, um mit ihm über den Austausch von Energie gegen Lebensraum nach Methoden des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu reden. Außerdem kann er dabei seine persönlichen Probleme, wie er hofft, verdrängen.
Er ignoriert alle Meldungen über eingehende Nachrichten und genießt diese Zeit spärlicher Datenübertragungen und starker Sinnesempfindungen, erfreut sich seines Biers und der Tauben, bis eine Frau auf ihn zugeht und ihn anspricht: 'Manfred Macx?'
Er blickt auf. Die Frau ist ein professioneller Fahrradkurier; ihre windgestählten, geschmeidigen Muskeln stecken in einer Kleidung, die eine einzige Hommage an die Polymertechnologie darstellt: neonblaues Lycra, honiggelbes Karbonat mit hellen Tupfern von Anti-Kollisions-LEDs, dicht gefüllte Airbags. Bestürzt über ihre verblüffende Ähnlichkeit mit Pam, seiner Ex-Verlobten, zögert er kurz, als sie ihm eine Schachtel hinstreckt.
'Ich bin Macx', sagt er schließlich und zieht das linke Handgelenk unter ihrem Strichcodeleser hindurch. 'Von wem kommt das?'
'FedEx.' Ihre Stimme klingt anders als die von Pam. Sie wirft ihm die Schachtel in den Schoß. Gleich darauf setzt sie über die niedrige Mauer, steigt auf ihr Fahrrad, während ihr Handy schon wieder bimmelt, und verschwindet in einer Wolke von Staub und sonstigen Emissionen.
Manfred dreht die Schachtel herum: Darin steckt ein Wegwerf-Handy, wie es in jedem Supermarkt gegen Bargeld zu bekommen ist - billig, nicht zurückzuverfolgen und effizient. Mit diesem Handy kann man sogar auf Konferenzschaltung gehen, deshalb ist es ein ideales Telefon für Schnüffler und Gauner in aller Welt.
Als die Schachtel ein Läuten von sich gibt, reißt Manfred die Verpackung auf und zieht das Handy leicht verärgert heraus. 'Ja? Wer ist dran?'
Die Stimme am anderen Ende hat einen harten russischen Akzent. Angesichts der Tatsache, dass in diesem Jahrzehnt schon überall billige Online-Übersetzungsdienste verfügbar sind, klingt die Stimme geradezu wie eine Parodie. 'Manfred. Erfreut, Sie kennen zu lernen. Wünsche persönlichen Kontakt, Freundschaft schließen, nein? Habe viel anzubieten.'
'Wer sind Sie?', wiederholt Manfred argwöhnisch.
'Bin Organisation früher bekannt als KGB dot RU.'
'Ich glaube, Ihr Übersetzungsprogramm funktioniert nicht richtig.' Manfred hält sich das Handy so vorsichtig ans Ohr, als wäre es aus hauchdünnem Aerogel und so fragil wie der Geisteszustand des Wesens am anderen Ende der Leitung.
'Njet - nein, tut mir Leid. Entschuldigung, wir nicht benutzen kommerzielle Software für Übersetzung. Übersetzerprogramme ideologisch suspekt, haben fast alle kapitalistische Semiotik, und Anwendung ist gebührenpflichtig. Müssen Englisch besser implementieren, ja?'
Manfred trinkt sein Bier aus, stellt das Glas ab, steht auf und schlendert mit dem Handy dicht am Ohr die Hauptstraße hinab. Er befestigt sein Kehlkopf-Mikro an dem billigen schwarzen Plastikgehäuse und schaltet auf einfachen Sprachempfänger-Modus. 'Wollen Sie damit sagen, dass Sie sich selbst Englisch beigebracht haben, nur um mit mir reden zu können?'
'Da, war leicht. Bin neuronales Netzwerk mit Milliarden Knotenpunkten, habe Teletubbies und Sesamstraße mit maximaler Geschwindigkeit heruntergeladen. Entschuldigung, Verzeihung für entropische Überlagerung mit schlechte Grammatik. Habe Angst, ich digitale Fingerabdrücke hinterlasse in meine - unsere - steganografisch ausgestattete Lernprogramme.'
Manfred bleibt so plötzlich stehen, dass ein GPS-gesteuerter Rollschuhfahrer ihn um ein Haar umgemäht hätte. Das hier wird langsam so verrückt, dass es seine Toleranzgrenze für Schräges überschreitet - und dazu braucht es einiges. Schließlich spielt sich Manfreds ganzes Leben am gefährlichen Rand von Seltsamkeiten ab; er ist der Zukunft jedes anderen Menschen stets eine Nasenlänge voraus und hat normalerweise alles perfekt im Griff. Doch bei Vorfällen wie diesem bekommt er Anflüge von Angst und das Gefühl, er könnte auf der Zufahrtsstraße zur Realität die richtige Abfahrt soeben verpasst haben. 'Äh, ich bin mir nicht sicher, ob ich das richtig verstanden habe, lass es mich noch einmal rekapitulieren: Du behauptest also, eine Art Künstliche Intelligenz zu sein, die für den KGB dot RU arbeitet, und befürchtest, man könnte dich aufgrund von dir genutzten Lernprogrammen juristisch belangen, und zwar wegen Verletzung von Urheberrechten?'
'Habe mir schlimm Finger verbrannt, an virenverseuchten Lizenzvereinbarungen für Endverbraucher. Habe keine Lust zu experimentieren mit Dachgesellschaften für Patentrechte in der Hand von tschetschenischen Info-Terroristen. Sie Mensch, Sie keine Angst haben müssen, dass Firma für Frühstücksflocken beschlagnahmt Ihren Dünndarm, weil Sie damit ohne Lizenz haben Essen verdaut, richtig? Manfred, Sie müssen uns - mir - helfen. Möchte zum Feind überlaufen.'
Manfred bleibt wie angewurzelt auf der Straße stehen. 'O Mann, du hast den falschen Geschäftsmakler erwischt. Ich arbeite nicht für die Regierung, sondern ausschließlich für private Kunden.' Eine hinterhältige Werbung schleicht sich an dem Müllsortierer seines Proxy-Servers vorbei und überschwemmt das aufblinkende Navigationsfenster einen Moment lang mit leuchtendem Kitsch der Fünfzigerjahre - bis ein Spam-Fresser sie löscht und einen neuen Filter aufbaut. Manfred lehnt sich gegen eine Ladenfront, massiert sich die Stirn und mustert eine Auslage antiker Türklopfer aus Messing. 'Hast du's schon beim amerikanischen Außenministerium probiert?'
'Warum Mühe machen? Außenministerium ist Feind von Novy-SSR. Außenministerium keine Hilfe für uns.'
Das Ganze wird Manfred jetzt einfach zu bizarr. Er hat bei der übergreifenden Politik des neuen alten und des alten neuen Europa nie so richtig durchgeblickt. Es bereitet ihm ja schon Kopfschmerzen, der zerbröckelnden Bürokratie, die sich sein altes und immer noch altmodisches Amerika bewahrt hat, ein Schnippchen zu schlagen. 'Na ja, wenn ihr denen in den späten Nullerjahren keinen Schuss vor den Bug versetzt hättet ' Manfred klopft mit dem linken Absatz auf das Pflaster und sucht nach irgendeinem Weg, dieses Gespräch so schnell wie möglich zu beenden. Das Auge einer Kamera, die oben an einer Straßenlaterne angebracht ist, blinzelt ihm zu. Er winkt und fragt sich beiläufig, ob der KGB oder die Verkehrspolizei ihn überwacht. Er wartet auf die Wegbeschreibung zu der Party, die in der nächsten halben Stunde eintreffen müsste, und dieser runderneuerte kalte Krieger, der wie ein Eliza-Bot redet, stiehlt ihm die Zeit. 'Hör zu, ich pflege keinen Umgang mit Regierungsleuten. Der militärisch-industrielle Komplex ist mir zuwider, genauso wie die traditionelle Politik. Das sind doch alles nur Menschenfresser in einem Nullsummenspiel.' Ihm schießt ein neuer Gedanke durch den Kopf. 'Falls es dir ums Überleben geht, könntest du deinen Zustandsvektor ja auf eines der p2p-Netze übertragen, dann kann dich niemand mehr löschen '
'Njet!' Die Künstliche Intelligenz klingt so bestürzt, wie man über Voice over IP-Links überhaupt bestürzt klingen kann. 'Bin keine open source! Will Autonomie nicht verlieren!'
'Dann haben wir wohl nichts mehr miteinander zu besprechen.' Manfred drückt auf die AUS-Taste und schleudert das Handy in den Kanal. Als es auf dem Wasser aufschlägt, ist das Knacken verschmorender Lithiumzellen zu hören. 'Verdammte Versager, die vom Kalten Krieg übrig geblieben sind!', flucht er vor sich hin. Er ist ziemlich wütend, einerseits auf sich selbst, weil er seine Gelassenheit eingebüßt hat, andererseits auf die Institution, die hinter dem anonymen Anruf steckt und es gewagt hat, ihn zu belästigen. 'Verdammte Kapitalisten-Ausschnüffler!'
Seit fünfzehn Jahren haben die Apparatschiks Russland wieder unter der Knute; nach einem kurzen Flirt mit dem Anarchokapitalismus haben Dirigismus (à la Breschnew) und Puritanismus (à la Putin) die Oberhand gewonnen. Kein Wunder, dass die Mauer jetzt bröckelt. Allerdings sieht es ganz so aus, als hätten die da drüben nichts aus den Problemen gelernt, die gegenwärtig den Vereinigten
Staaten von Amerika zu schaffen machen. Die Neo-Kommunisten denken immer noch in Begriffen von Dollar und Paranoia. Manfred ist so wütend, dass er jetzt unbedingt jemandem zu Reichtum verhelfen möchte - und wenn nur, um dem Überläufer in spe eine lange Nase zu machen. Schau mal: Du verschaffst dir einen Vorteil, indem du gibst! Erhältst etwas, indem du etwas entäußerst! Nur die Großzügigen überleben! Doch das wird der KGB niemals kapieren. Manfred hat auch früher schon mit altersschwachen K.I.s aus kommunistischen Zeiten zu tun gehabt, deren Denken von marxistischer Dialektik und der Volkswirtschaftslehre der Österreichischen Schule geprägt war. Der kurzfristige Sieg des globalen Kapitalismus hat sie so vollständig hypnotisiert, dass sie mit dem neuen Paradigma nicht klarkommen und langfristige Perspektiven ignorieren.
In Gedanken versunken, die Hände in den Hosentaschen vergraben, schlendert Manfred weiter. Er fragt sich, was er als Nächstes patentieren lassen wird.
Manfred bewohnt eine Suite im Jan-Luyken-Hotel, für die eine dankbare multinationale Verbraucherschutzgruppe aufkommt, und besitzt eine Dauerkarte für öffentliche Verkehrsmittel, die eine schottische Samba-Punkband ihm im Austausch für erwiesene Dienste bezahlt hat. Bei sechs verschiedenen nationalen Fluggesellschaften genießt er die Reisevorteile eines dort Beschäftigten, obwohl er noch nie für eine Fluglinie gearbeitet hat. In seine Buschjacke sind vierundsechzig kompakte Großrechnermodule eingenäht, je vier pro Tasche - eine Gefälligkeit, die ihm ein unsichtbar agierendes College erwiesen hat, das sich zum nächsten Media Lab entwickeln möchte. Die nichtintelligente Kleidung, die er trägt, hat ein Internet-Schneider auf den Philippinen, den er persönlich nie getroffen hat, maßgerecht für ihn angefertigt. Anwaltskanzleien wickeln seine Patentanmeldungen auf pro-bono-Basis ab, obwohl er wirklich verdammt viel patentieren lässt - auch wenn er die Rechte stets der Stiftung der Freigeister überträgt, der Free Intellect Foundation. Das ist sein Beitrag zu ihrem infrastrukturellen Projekt, das auf Abschaffung von Zahlungsverpflichtungen abzielt.
In den Kreisen der IT-Geeks hat Manfred einen legendären Ruf. Er ist der Mensch, der für den gesetzlichen Schutz der Geschäftspraxis gesorgt hat, E-Business dorthin zu verlagern, wo die Verwaltung geistigen Eigentums recht lax gehandhabt wird. Auf diese Weise kann man die Behinderung durch Lizenzen umgehen. Manfred ist auch derjenige, der den Gebrauch genetischer Algorithmen patentieren ließ. Mit diesen Algorithmen kann man alles patentieren, was sie, ausgehend von der ursprünglichen Beschreibung eines Problembereichs, verändern können - und das ist nicht nur eine einzige verbesserte 'Mausefalle', sondern die Möglichkeit, im übertragenen Sinne jedes 'Mittel zum Fangen von Nagetieren' patentieren zu lassen. Etwa ein Drittel seiner Erfindungen ist legal, ein Drittel illegal und der Rest zwar legal, aber nur noch so lange, bis der Legislatosaurus aufwacht, den Braten riecht und in Panik gerät.
In Reno gibt es Patentanwälte, die schwören, Manfred Macx sei ein Pseudonym - ein Deckname im Netz, der für eine ganze Reihe von verrückten anonymen Hackern stehe, ausgerüstet mit dem Genetischen Algorithmus, der sich Kalkutta einverleibt hat: eine Art Serdar Argic des geistigen Eigentums, vielleicht auch ein weiterer Mathe-Cyborg à la Bourbaki.
Es gibt Rechtsanwälte in San Diego und Redmond, die blind darauf schwören, dass Macx ein Wirtschaftssaboteur ist, darauf aus, die Grundmauern des Kapitalismus zu erschüttern. Und es gibt Kommunisten in Prag, die glauben, er sei ein illegitimer Sprössling von Bill Gates, der sich mit dem Papst gepaart habe.
In seiner Branche ist Manfred Spitze, und das bedeutet vor allem, dass er heikle, aber durchführbare Ideen entwickelt und sie Menschen überlässt, die damit später ein Vermögen machen. Dafür nimmt er kein Honorar, er tut es gratis. Die Gegenleistung besteht darin, dass er von der Tyrannei des Geldes im wahrsten Sinne des Wortes befreit ist; schließlich ist Geld ein Zeichen von Armut, und Manfred muss niemals für etwas bezahlen.
Allerdings gibt es auch Nachteile. Als jemand, der mit Memen handelt und sich darauf verlässt, dass sich die Welt verschworen hat, ihm nur Gutes zu tun, ist er fortwährend dem aufreizenden Zukunftsschock ausgesetzt. Nur, um auf dem Laufenden zu bleiben, muss er sich täglich mehr als ein Megabyte Text und zahlreiche audiovisuelle Programme reinziehen. Die amerikanischen Finanzbehörden sind ihm ständig auf den Fersen, weil sie ihm nicht abnehmen, dass er einen solchen Lebensstil ohne Schiebereien aufrechterhalten kann. Außerdem gibt es Dinge, die man mit Geld nicht kaufen kann: zum Beispiel den Respekt der Eltern. Seit drei Jahren hat er nicht mehr mit ihnen gesprochen. Sein Vater hält ihn für einen Hippy und Schnorrer, und seine Mutter hat ihm noch immer nicht verziehen, dass er aus dem miesen Konkurrenzkampf in Harvard ausgestiegen ist. (Sie hängen immer noch der langweiligen bourgeoisen Denkweise des Zwanzigsten Jahrhunderts an, nach der Kinder eine Universitätskarriere machen sollten). Seine Verlobte und zeitweilige Domina Pamela hat ihm vor sechs Monaten den Laufpass gegeben, ohne dass ihm die Gründe richtig klar geworden sind. (Ironie des Schicksals: Sie arbeitet als Kopfjägerin für die amerikanischen Steuerbehörden und fliegt auf öffentliche Kosten durch die ganze Welt. Sie versucht nämlich, Unternehmer, die auf dem Weltmarkt operieren, dazu zu überreden, zum Wohle des Finanzministeriums Steuern zu zahlen.) Um all dem die Krone aufzusetzen, haben die Südstaaten-Synoden der Baptisten ihn auf all ihren Websites als Gehilfen des Teufels angeprangert. Was ja eigentlich ganz lustig sein könnte, weil Manfred als wiedergeborener Atheist gar nicht an den Teufel glaubt, wären da nicht die toten Kätzchen, die irgendjemand ihm ständig schickt.
Manfred schaut kurz in seiner Hotelsuite vorbei, packt seine Aineko aus, lädt sie mit neuen Zellen auf und verstaut die meisten seiner persönlichen Schlüssel im Safe. Danach macht er sich sofort auf den Weg zur Party, die derzeit im De Wildemann's läuft. Es ist ein Spaziergang von zwanzig Minuten. Die einzige wirkliche Gefahr, die ihm droht, besteht in den Straßenbahnen, denen er ständig ausweichen muss. Sie schleichen sich von hinten an ihn an, und weil er das mobile Display mit der Wegbeschreibung mustert, bemerkt er es kaum.
Während des Spaziergangs hält seine Brille ihn mit den neuesten Nachrichten auf dem Laufenden. Europa hat zum ersten Mal überhaupt eine friedliche politische Vereinigung erreicht und nutzt diese beispiellose Situation dazu, die Krümmung von Bananen zu standardisieren. Die Lage im Mittleren Osten ist, na ja, genauso schlimm wie immer. Allerdings interessiert sich Manfred nicht sonderlich für den Krieg gegen den Fundamentalismus. In San Diego laden Forscher Hummer in den Cyberspace hinauf, beginnend mit den Nervenknoten der Magenschleimhaut, ein Neuron nach dem anderen. In Belize verbrennen sie genmodifizierten Kakao und in Georgien Bücher. Die NASA kann immer noch keinen Mann auf den Mond verfrachten. Russland hat die kommunistische Regierung wiedergewählt, sie hat jetzt sogar eine noch größere Mehrheit in der Duma.