
Voodoo
Thriller
Nick Stone(Author)
Goldmann (Publisher)
Published on 5. November 2007
Book
Paperback/Softback
608 pages
978-3-442-46336-7 (ISBN)
Description
Schwarze Magie und verschwundene Kinder vor der Kulisse des geheimnisvollen Haiti
Es ist ein Auftrag, den Privatdetektiv Max Mingus nicht ablehnen kann: Zehn Millionen Dollar bietet ihm der Milliardär Allain Carver, wenn Max dessen Sohn findet. Von dem kleinen Charlie fehlt seit über drei Jahren jede Spur, und er ist nicht das einzige Kind, das auf Haiti verschwunden ist. In dem Land des Voodoo und der schwarzen Magie kursieren zahllose Geschichten über die mythische Figur des Mr. Clarinet, der seit dem 18. Jahrhundert Kinder auf der Insel stehlen soll. Doch die Wahrheit ist weit schockierender als die Legende - und die Gefahr zu kennen, heißt nicht, dass man den Morgen erleben wird .
Als bester Thriller des Jahres mit dem Steel Dagger ausgezeichnet.
Es ist ein Auftrag, den Privatdetektiv Max Mingus nicht ablehnen kann: Zehn Millionen Dollar bietet ihm der Milliardär Allain Carver, wenn Max dessen Sohn findet. Von dem kleinen Charlie fehlt seit über drei Jahren jede Spur, und er ist nicht das einzige Kind, das auf Haiti verschwunden ist. In dem Land des Voodoo und der schwarzen Magie kursieren zahllose Geschichten über die mythische Figur des Mr. Clarinet, der seit dem 18. Jahrhundert Kinder auf der Insel stehlen soll. Doch die Wahrheit ist weit schockierender als die Legende - und die Gefahr zu kennen, heißt nicht, dass man den Morgen erleben wird .
Als bester Thriller des Jahres mit dem Steel Dagger ausgezeichnet.
More details
Language
German
Dimensions
Height: 18.3 cm
Width: 12.5 cm
ISBN-13
978-3-442-46336-7 (9783442463367)
Schweitzer Classification
Persons
Content
New York City, 6. November 1996
Zehn Millionen Dollar, wenn er das Wunder vollbrachte und den Jungen lebend nach Hause holte, fünf Millionen, wenn er nur die Leiche brachte, und noch mal fünf, wenn er die Mörder gleich mitlieferte - ob tot oder lebendig, war egal, solange nur das Blut des Jungen an ihren Händen klebte.
Das waren die Bedingungen, und sollte er sie akzeptieren, war das der Deal.
Max Mingus war Polizist gewesen, bevor er sich als Privatdetektiv selbstständig gemacht hatte. Vermisstenfälle waren sein Spezialgebiet, Menschen aufzuspüren sein Talent. Viele hielten ihn für den Besten in der Branche - zumindest bis zum 17. April 1989. An diesem Tag hatte er auf Rikers Island eine siebenjährige Haftstrafe wegen Totschlags angetreten und seine Lizenz für immer verloren.
Allain Carver war seither sein erster Kunde. Carvers Sohn Charlie wurde vermisst, und man ging davon aus, dass er entführt worden war.
Im besten Fall, wenn alles nach Plan lief und es für alle Beteiligten ein Happy End gab, bot sich Max hier die Aussicht, als zehn- bis fünfzehnfacher Millionär in den Sonnenuntergang zu reiten.
So weit, so gut, aber jetzt der Haken:
Die Familie lebte in Haiti.
'Haytee?', fragte Max, als hätte er nicht richtig gehört.
'Ganz genau', antwortete Carver.
Scheiße.
Was ihm zu Haiti einfiel: Voodoo, AIDS, Papa Doc, Baby Doc, Bootsflüchtlinge und, neuerdings, die amerikanische Militärintervention namens Operation Restore Democracy, die er im Fernsehen verfolgt hatte.
Er kannte einige Haitianer - oder hatte sie gekannt -, die in Amerika im Exil lebten und mit denen er in seiner Zeit als Bulle bei Ermittlungen zu einem Fall in Little Haiti, einem Stadtviertel Miamis, zu tun gehabt hatte. Sie hatten wenig Gutes über ihre Heimat zu berichten gewusst - 'hartes Pflaster' war noch der netteste Kommentar gewesen.
Dabei hatte er die meisten Haitianer in guter Erinnerung. Aufrichtige, redliche, hart arbeitende Menschen, die sich in Amerika an einem Ort wiedergefunden hatten, den ihnen niemand neidete: am untersten Ende der Nahrungskette, südlich der Armutsgrenze, mit reichlich Boden gutzumachen.
Das galt für die meisten Haitianer, die er kennengelernt hatte. Doch es gab natürlich Ausnahmen von der Regel. Ihnen hatte er weniger schlechte Erinnerung als vielmehr Wunden zu verdanken, die niemals ganz verheilten und die schon bei der kleinsten Berührung wieder aufgingen.
Also eher keine gute Idee, das Ganze. Er war gerade erst aus einem ziemlich üblen Dreckloch gekommen - warum gleich zum nächsten rennen?
Wegen des Geldes. Darum.
Charlie wurde seit dem 4. September 1994, seinem dritten Geburtstag, vermisst. Seither hatte es kein Lebenszeichen von ihm gegeben. Keine Lösegeldforderungen, keine Zeugen. Die Carvers hatten die Suche nach dem Jungen nach zwei Wochen einstellen müssen, weil die US-Armee ins Land einmarschiert war und die Bevölkerung mit Ausgangssperren und Reisebeschränkungen praktisch unter Arrest gestellt hatte. Erst Ende Oktober war die Suche wieder aufgenommen worden, und da waren sämtliche Spuren, die von Anfang an eher kalt gewesen waren, bereits komplett überfroren.
'Eines sollte ich noch erwähnen', sagte Carver zum Schluss. 'Die Aufgabe ist nicht ganz ungefährlich. Sagen wir - sehr gefährlich.'
'Soll heißen?', fragte Max.
'Ihre Vorgänger sind. ^ Es ist nicht gut für sie gelaufen.'
'Sie sind tot?'
Carver schwieg einen Augenblick. Sein Gesicht war fahl geworden.
'Nein. Nicht tot', sagte er schließlich. 'Schlimmer. Viel schlimmer.'
Erster Teil
Ehrlichkeit und Offenheit waren nicht immer das Mittel der Wahl, aber wenn es ging, zog Max sie dem Reden um den heißen Brei vor.
'Ich kann nicht', verkündete er Carver.
'Sie können nicht, oder Sie wollen nicht?'
'Ich will es nicht, weil ich nicht kann. Es hat keinen Sinn. Sie erwarten von mir, ein Kind zu finden, das seit zwei Jahren vermisst wird, und das in einem Land, das ungefähr zur selben Zeit in die Steinzeit zurückgefallen ist.'
Carver rang sich ein winziges Lächeln ab, das Max zu verstehen gab, für wie unkultiviert man ihn hielt. Außerdem verriet es, mit welcher Kategorie Reichtum er es hier zu tun hatte. Es war nicht einfach Geld, sondern altes Geld - die schlimmste Sorte, mit den besten Verbindungen in alle Richtungen: mehrgeschossige Banktresore, riesige Aktienvermögen, hochverzinsliche Offshore-Konten, per du mit allen, die irgendwo irgendwas zu sagen hatten, und genug Macht, einen zu zerquetschen wie eine Fliege. Solchen Leuten schlug man keine Bitte ab.
'Sie haben schon sehr viel schwierigere Aufgaben gemeistert. Sie haben. ^ Wunder vollbracht', sagte Carver.
'Ich habe noch keinen Toten zum Leben erweckt, Mr. Carver. Ich hab sie nur ausgegraben.'
'Ich bin auf das Schlimmste gefasst.'
'Wenn dem so wäre, würden Sie jetzt nicht mit mir reden', sagte Max. Und bereute seine Unverblümtheit. Sein einstiges
Taktgefühl war im Knast durch Ruppigkeit ersetzt worden. 'In gewisser Weise haben Sie recht. Ich habe in meinem Leben einige Höllenlöcher durchkämmt, aber es waren amerikanische Höllenlöcher, und es gab immer einen Bus zurück nach draußen. Aber Ihr Land kenne ich nicht. Ich bin nie da gewesen, und - mit allem Respekt - ich wollte nie hin. Herrgott, die sprechen nicht mal Englisch da.'
Woraufhin Carver ihm von dem Geld erzählte.
Max hatte als Privatdetektiv nicht gerade ein Vermögen gemacht, aber er hatte sich ganz gut geschlagen - hatte genug verdient, um über die Runden zu kommen und sich das eine oder andere Extra leisten zu können. Die finanziellen Dinge des Lebens hatte seine Frau geregelt, die Wirtschaftsprüferin war. Einen ansehnlichen Teil des Geldes hatte sie für schlechte Zeiten auf drei Sparkonten deponiert. Außerdem besaßen sie Anteile an der L-Bar, einem gut laufenden Yuppie-Schuppen in der Innenstadt von Miami, der von Frank Nunez geführt wurde, einem ehemaligen Polizisten und Freund von Max. Das Haus und die beiden Autos gehörten ihnen, sie waren dreimal im Jahr in Urlaub gefahren und einmal im Monat schick essen gegangen.
Max brauchte nur wenig Geld für sich. Seine Kleider - für die Arbeit und besondere Gelegenheiten Anzüge, ansonsten Freizeithose und T-Shirt - waren immer geschmackvoll, aber selten teuer. Sein zweiter Fall war ihm da eine Lehre gewesen: Sein 500-Dollar-Anzug hatte Blutflecken abbekommen, und er hatte ihn der Kriminaltechnik übergeben müssen. Die wiederum hatte ihn an den Staatsanwalt weitergereicht, der ihn dann vor Gericht als Beweismittel D präsentierte.
Max schickte seiner Frau jede Woche Blumen, überschüttete sie zum Geburtstag, zu Weihnachten und zum Hochzeitstag mit Geschenken und war auch seinen besten Freunden und seinem Patenkind gegenüber großzügig. Süchte hatte er keine. Mit dem Rauchen und Kiffen hatte er aufgehört, als er den Polizeidienst an den Nagel gehängt hatte. Nur mit dem Alkohol hatte es etwas länger gedauert. Der einzige Luxus, den er sich gönnte, war Musik. Er besaß fünftausend CDs, Schallplatten und Singles - Jazz, Swing, Doowop, Rock'n'Roll, Soul, Funk und Disco -, und er kannte jede einzelne Note und jeden Text auswendig. Die größte Summe, die er für sein Hobby jemals ausgegeben hatte, waren die vierhundert Dollar gewesen, die er bei einer Auktion für ein handsigniertes Doppelalbum von Frank Sinatras In The Wee Small Hours Of The Morning hingeblättert hatte. Er hatte es gerahmt und in seinem Arbeitszimmer gegenüber dem Schreibtisch aufgehängt. Als seine Frau ihn darauf angesprochen hatte, hatte er ihr erzählt, er habe die Scheibe billig auf einem Flohmarkt in Orlando ergattert.
Alles in allem war es ein angenehmes Leben gewesen, das einen glücklich und fett und mit der Zeit immer konservativer machte.
Doch dann hatte er in der Bronx drei Menschen getötet, und sein ganzes Leben war aus der Spur gesprungen und laut und unelegant zum Stehen gekommen.
Sein Leben nach dem Knast: Das Haus in Miami und seinen Wagen hatte er noch, außerdem 9000 Dollar auf dem Sparbuch. Davon konnte er vier oder fünf Monate leben, dann würde er das Haus verkaufen und einen Job finden müssen. Kein leichtes Unterfangen. Wer würde ihm Arbeit geben? Ex-Bulle, Ex-Privatdetektiv, Ex-Knacki - dreimal minus, kein Plus. Er war sechsundvierzig: zu alt, um noch etwas Neues zu lernen, und zu jung, um aufzugeben. Was sollte er tun? In einer Kneipe arbeiten? Als Küchenhilfe? Einkaufstüten packen? Auf dem Bau? Als Kaufhausdetektiv im Einkaufszentrum?
Natürlich hatte er Freunde und auch ein paar Leute, die ihm etwas schuldeten, aber er hatte im Leben noch keinen Gefallen eingefordert und wollte auch jetzt nicht damit anfangen. Er hatte den Leuten geholfen, weil er es damals gekonnt hatte, und nicht, damit sie sich später bei ihm revanchierten. Seine Frau hatte ihn als naiv und butterweich bezeichnet. Vielleicht hatte sie recht gehabt. Vielleicht hätte er seine eigenen Interessen über die der anderen stellen sollen. Sähe sein Leben dann jetzt anders aus? Wahrscheinlich ja.
Er konnte seine Zukunft ziemlich deutlich vor sich sehen. Er würde in einem Einzimmerapartment mit fleckiger Tapete und Horden sich bekriegender Kakerlaken hausen, an der Tür eine handschriftlich in schlechtem Spanisch verfasste Liste mit Regeln und Vorschriften. Er würde die Nachbarn rechts, links, oben und unten streiten, vögeln, palavern und sich prügeln hören. Er würde Lotto spielen und auf einem tragbaren Fernseher mit wackligem Bild zusehen, wie die falschen Zahlen gezogen wurden. Ein langsamer Tod, allmählicher Verfall, eine Körperzelle nach der anderen.
Er musste Carvers Job annehmen oder sein Glück in der Welt der Ex-Knackis versuchen. Eine andere Wahl hatte er nicht.
Zum ersten Mal hatte Max im Gefängnis mit Allain Carver gesprochen, am Telefon. Ein vielversprechender Start war das nicht gewesen. Carver hatte sich ihm vorgestellt, und Max hatte ihm angeraten, ihn gefälligst in Ruhe zu lassen.
In den letzten acht Monaten seiner Haftstrafe hatte Carver ihn praktisch jeden Tag genervt.
Als Erstes war der Brief aus Miami gekommen:
'Sehr geehrter Mr. Mingus, mein Name ist Allain Carver. Ich bewundere Sie und alles, wofür Sie stehen. Nachdem ich Ihren Fall aufmerksam verfolgt habe
An dieser Stelle hatte Max aufgehört zu lesen und den Brief seinem Zellenkollegen Velasquez überreicht, der sich ein paar Joints draus gedreht hatte. Velasquez hatte sämtliche Briefe an Max aufgeraucht, nur die privaten nicht. Max nannte ihn den 'Müllverbrenner'.
Max war ein Promi unter den Häftlingen gewesen. Das Fernsehen und sämtliche Zeitungen hatten über seinen Fall berichtet. Es hatte Zeiten gegeben, in denen das halbe Land eine Meinung zu seiner Tat gehabt hatte. Und es hatte sechzig zu vierzig für ihn gestanden.
In den ersten sechs Monaten hinter Gittern hatte er säckeweise Fanpost gekriegt. Nicht einen Brief hatte er beantwortet. Selbst die aufrichtigsten Sympathiebekundungen ließen ihn kalt. Schon immer hatte er diese Leute verachtet, die irgendwelchen Straftätern Briefe schrieben, die sie im Fernsehen oder in der Zeitung gesehen hatten oder an die sie über eine dieser bescheuerten Brieffreundschaftsvermittlungen für Strafgefangene gekommen waren. Das waren die Ersten, die nach der Todesstrafe schrien, wenn es mal einen ihrer Liebsten traf. Max war elf Jahre Bulle gewesen, und es steckte immer noch viel vom Polizisten in ihm. Viele seiner besten Freunde arbeiteten noch bei der Polizei, und es war ihre Aufgabe, diese Leute vor den Bestien zu beschützen, denen sie Briefe schrieben.
Als der erste Brief von Carver eintraf, beschränkte sich Max' Post nur noch auf Briefe von seiner Frau, den Schwiegereltern und Freunden. Seine Fangemeinde war zu dankbareren Objekten wie O. J. Simpson oder den Brüdern Menendez übergelaufen.
Carver beantwortete Max' Schweigen nach seinem ersten Brief mit einem zweiten zwei Wochen später. Als er auch darauf keine Antwort erhielt, bekam Max in der Woche darauf noch einen Brief, in der Woche danach zwei und sieben
Tage später noch einmal zwei. Velasquez war glücklich. Er schätzte Carvers Briefe, weil das Papier - dickes, cremefarbenes Briefpapier mit Wasserzeichen und Carvers Namen, Adresse und Telefonnummern in sattgrüner Folienprägung oben rechts - irgendetwas enthielt, das ganz fantastisch mit seinem Gras reagierte und ihn noch breiter machte als gewöhnlich.
Carver spielte verschiedene Taktiken durch, um Max' Aufmerksamkeit zu erlangen. Er nahm anderes Briefpapier, schrieb mit der Hand und ließ andere für sich schreiben, doch alle seine Versuche landeten in der Müllverbrennung.
Also verlegte er sich aufs Anrufen. Er musste ein ziemlich hohes Tier bestochen haben, da nur ausgewählte Insassen Anrufe von draußen entgegennehmen durften. Ein Wärter hatte Max aus der Küche geholt und in eine Besuchszelle gebracht, wo eigens für ihn ein Telefon installiert worden war. Das Gespräch dauerte gerade lange genug, dass Carver seinen Namen sagen, Max ihn wegen seines Akzents in die Schublade 'Engländer' stecken und ihm sagen konnte, was er von ihm hielt und dass er ihn nie wieder anrufen solle.
Aber Carver gab nicht auf. Bei der Arbeit, beim Hofgang, beim Essen, unter der Dusche, in der Zelle, nach Beginn der Nachtruhe, ständig wurde Max geholt. Dabei lief das Gespräch immer gleich ab. Max sagte 'Hallo', hörte Carvers Namen und legte auf.
Irgendwann beschwerte sich Max beim Gefängnisdirektor, was der wahnsinnig witzig fand. Für gewöhnlich klagten die Insassen über Schikanen von drinnen. Er erklärte Max, er solle sich nicht so mädchenhaft anstellen und drohte, ihm ein Telefon in der Zelle installieren zu lassen, wenn er ihn weiter mit solcher Kinderkacke belästigte.
Max erzählte seinem Anwalt Dave Torres von Carvers Anrufen. Torres unterband sie. Er bot ihm auch an, Informationen über Carver einzuholen, aber Max lehnte dankend ab. In Freiheit wäre er höllisch neugierig gewesen, aber im Knast gehörte Neugier zu den Dingen, die man zusammen mit den Zivilklamotten und der Armbanduhr gleich am Eingang abgab.
Am Tag vor seiner Entlassung wollte Carver Max einen Besuch abstatten. Max weigerte sich, ihn zu sehen, und so hinterließ Carver ihm einen letzten Brief, wieder auf dem alten Briefpapier.
Max überreichte ihn Velasquez als Abschiedsgeschenk.
Sobald er draußen war, würde er nach London fliegen, das hatte er fest vor.
Die Idee mit der Weltreise stammte von seiner Frau. Seit jeher war sie fasziniert gewesen von fremden Ländern, von deren Kultur und Geschichte, deren Denkmälern und den Menschen. Ständig ging sie in die neuesten Ausstellungen, besuchte Vorträge und Seminare und las ununterbrochen - Zeitschriften, Zeitungen und ein Buch nach dem anderen. Sie zeigte Max Fotos von Indios, die einen Pizzateller auf der Unterlippe transportieren konnten, und von Afrikanerinnen mit industriell gefertigten Spiralfedern um den giraffenartigen Hals, aber er begriff einfach nicht, was daran so spannend sein sollte. Er war in Mexiko gewesen, auf den Bahamas, in Hawaii und in Kanada, aber seine Welt waren die USA, und die waren groß genug. Hier gab es Wüsten, arktische Schneelandschaften und so ungefähr alles dazwischen. Wozu reisen und sich genau das Gleiche, nur älter, anderswo ansehen?
Seine Frau hieß Sandra. Er hatte sie kennengelernt, als er noch bei der Polizei gewesen war. Sie war halb Kubanerin, halb Afroamerikanerin. Sie war schön, klug, stark und witzig. Er sagte niemals Sandy zu ihr.
Sandra hatte ihren zehnten Hochzeitstag angemessen begehen wollen, wollte um die Welt reisen und alles sehen, was sie bisher nur aus Büchern kannte. Unter anderen Umständen hätte Max sie wahrscheinlich dazu überredet, eine Woche auf die Keys zu fahren und später eine bescheidene Auslandsreise nach Europa oder Australien zu unternehmen. Aber weil er im Knast saß, als sie ihm von ihren Plänen erzählte, konnte er einfach nicht Nein sagen. Und von seiner Zelle aus erschien ihm die Aussicht, ganz weit weg von Amerika zu sein, gar nicht so unattraktiv. Ein Jahr auf Reisen würde ihm Zeit geben, sich Gedanken darüber zu machen, was er mit dem Rest seines Lebens anfangen wollte.
Vier Monate hatte Sandra damit verbracht, die Reise zu planen und zu buchen. Die Route war so ausgeklügelt, dass sie auf den Tag genau ein Jahr nach ihrer Abreise wieder an ihrem Hochzeitstag in Miami ankommen würden.
Je mehr sie Max bei ihren wöchentlichen Besuchen von der Reise erzählt hatte, umso mehr hatte auch er sich darauf gefreut. Er hatte sich sogar in der Gefängnisbibliothek über die Orte informiert, die sie bereisen würden.
Die letzte Rechnung für die Reise hatte sie an dem Tag beglichen, an dem sie bei einem Autounfall auf der US 1 ums Leben kam. Offenbar hatte sie aus unerfindlichen Gründen unvermittelt die Spur gewechselt und war mit voller Geschwindigkeit auf einen Laster aufgefahren. Bei der Autopsie wurde dann das Hirnaneurysma entdeckt, an dem sie am Steuer gestorben war.
Der Gefängnisdirektor hatte ihm die Nachricht überbracht. Max war zu geschockt gewesen, um zu reagieren. Er hatte ohne ein Wort genickt, war aus dem Büro des Direktors gegangen und hatte den Rest des Tages zugebracht, als wäre nichts passiert, hatte die Küche geputzt, das Essen ausgegeben, die Tabletts in die Spülmaschine geräumt, den Fußboden gewischt. Zu Velasquez hatte er kein Wort gesagt. Trauer oder eine andere Gefühlsregung außer Wut zu zeigen war ein Zeichen von Schwäche. So etwas behielt man für sich.
Erst am nächsten Tag, einem Donnerstag, war ihm klar geworden, dass Sandra wirklich tot war. Donnerstag war ihr Besuchstag. Sie hatte nie einen einzigen ausfallen lassen. Sie war immer einen Tag vorher hergeflogen, hatte bei einer Tante in Queens übernachtet und war dann zu ihm gekommen. Gegen vierzehn Uhr, wenn er in der Küche gerade fertig war oder noch mit Henry, dem Koch, quatschte, war er ins Besuchszimmer gerufen worden. Dort hatte sie hinter der Glasscheibe gesessen und auf ihn gewartet. Immer makellos gekleidet, immer frisch geschminkt und ein strahlendes Lächeln im Gesicht.
Henry und Max hatten eine Abmachung. Donnerstags ließ Henry ihn weitgehend in Ruhe und teilte ihm nur Aufgaben zu, die schnell zu erledigen waren, sodass er abhauen konnte, sobald sein Name ausgerufen wurde. Sonntags war dann Max an der Reihe, weil dann Henrys Frau und seine vier Kinder zu Besuch kamen. Die beiden kamen gut miteinander klar, weshalb Max ignorierte, dass Henry fünfzehn Jahre bis lebenslänglich wegen eines bewaffneten Raubüberfalls absaß, bei dem eine Schwangere getötet worden war, und dass er zum Arier-Bund gehörte.
Nach außen hin lief an jenem Donnerstag alles wie immer. Nur dass Max mit einem drückenden Schmerz in der Brust und einem Gefühl der Leere aufgewacht war, das immer unerträglicher wurde. Er wollte Henry sagen, dass seine Frau diese Woche nicht kommen würde, und sich das Warum bis zur nächsten Woche aufsparen. Aber er brachte es nicht fertig, weil er wusste, dass er wahrscheinlich in Tränen ausbrechen würde.
Er hatte in der Küche nicht genug zu tun, um sich abzulenken. Andauernd starrte er auf die Uhr am Herd und beobachtete, wie sich die schwarzen Zeiger ruckweise auf zwei Uhr zubewegten.
Im Kopf ging er Sandras Besuch von letzter Woche noch einmal durch. Hatte sie je von einer Migräne erzählt, von Kopfschmerzen oder Schwindel, von Ohnmachtsanfällen oder Nasenbluten? Er sah ihr Gesicht hinter der kugelsicheren Scheibe vor sich, auf dem Glas die geisterhaften Finger- und Lippenabdrücke von einer Million Häftlingen, die ihre Liebsten so fast berührt und fast geküsst hatten. Sie beide hatten das nie gemacht. Es war ihnen sinnlos und jämmerlich vorgekommen - schließlich würden sie einander irgendwann tatsächlich wieder in die Arme nehmen können. Jetzt wünschte er sich, sie hätten es getan. Immer noch besser als das absolute Nichts, das ihm jetzt blieb.
'Max', rief Henry, der an der Spüle stand. 'Zeit, den Ehemann zu spielen.'
Wenige Ticker vor zwei Uhr. Max band sich die Schürze los, ganz aufs Stichwort, dann hielt er inne.
'Sie kommt heut nicht', sagte er und ließ die Schnüre der Schürze rechts und links runterhängen. Er spürte, wie heiße Tränen in ihm aufstiegen.
'Wieso nicht?'
Max antwortete nicht. Henry kam auf ihn zu, trocknete sich die Hände an einem Geschirrtuch ab. Er blickte Max ins Gesicht und sah die Tränen in seinen Augen. Überrascht trat er einen Schritt zurück. Wie praktisch jeder in dem Laden hielt er Max für einen ziemlich harten Hund - ein Ex-Bulle im normalen Vollzug, der seinen Mann stand und nicht ein einziges Mal davor zurückgeschreckt war, Gewalt mit Gewalt zu beantworten.
Henry lächelte.
Vielleicht war es ein spöttisches Lächeln, oder es war die sadistische Freude am Leid anderer, die im Knast mit Glück verwechselt wurde, oder es war einfach Unsicherheit.
Max, der fünfzig Fuß tief in seiner Trauer steckte, las Spott in Henrys Gesicht.
Das Rauschen in seinen Ohren verstummte.
Er schlug Henry mit der Faust auf die Kehle. Ein kurzer, gerader Jab, in den er sein ganzes Gewicht legte und der direkt auf die Luftröhre zielte. Henry klappte die Kinnlade runter. Er schnappte nach Luft. Max landete einen rechten Haken auf seinem Kiefer und brach ihm den Knochen. Henry war ein großer, breiter Kerl, ein begeisterter Gewichtheber, dem auch bei 160 Kilo noch nicht der Schweiß ausbrach. Er schlug mit einem dumpfen Aufprall auf dem Boden auf.
Max rannte aus der Küche.
Eine idiotische Aktion. Henry stand ziemlich weit oben im Bund, und er war deren wichtigste Einnahmequelle. Der Bund dealte die besten Drogen in Rikers, und die wurden von Henrys Kindern in der Arschritze reingeschmuggelt. Die Arier würden Blut sehen wollen, sie würden ihn töten, um ihr Gesicht zu wahren.
Drei Tage lang lag Henry auf der Krankenstation. Max sprang so lange für ihn ein und wartete die ganze Zeit auf die Rache. Die Wärter würden Bescheid wissen. Sie würden einen Hinweis kriegen und Geld, und sie würden wegschauen, genau wie alle anderen auch. Tief drinnen betete Max, sie mögen wenigstens vernünftig zielen und ein lebenswichtiges Organ treffen. Er hatte keine Lust, das Gefängnis im Rollstuhl zu verlassen.
Aber nichts geschah.
Zehn Millionen Dollar, wenn er das Wunder vollbrachte und den Jungen lebend nach Hause holte, fünf Millionen, wenn er nur die Leiche brachte, und noch mal fünf, wenn er die Mörder gleich mitlieferte - ob tot oder lebendig, war egal, solange nur das Blut des Jungen an ihren Händen klebte.
Das waren die Bedingungen, und sollte er sie akzeptieren, war das der Deal.
Max Mingus war Polizist gewesen, bevor er sich als Privatdetektiv selbstständig gemacht hatte. Vermisstenfälle waren sein Spezialgebiet, Menschen aufzuspüren sein Talent. Viele hielten ihn für den Besten in der Branche - zumindest bis zum 17. April 1989. An diesem Tag hatte er auf Rikers Island eine siebenjährige Haftstrafe wegen Totschlags angetreten und seine Lizenz für immer verloren.
Allain Carver war seither sein erster Kunde. Carvers Sohn Charlie wurde vermisst, und man ging davon aus, dass er entführt worden war.
Im besten Fall, wenn alles nach Plan lief und es für alle Beteiligten ein Happy End gab, bot sich Max hier die Aussicht, als zehn- bis fünfzehnfacher Millionär in den Sonnenuntergang zu reiten.
So weit, so gut, aber jetzt der Haken:
Die Familie lebte in Haiti.
'Haytee?', fragte Max, als hätte er nicht richtig gehört.
'Ganz genau', antwortete Carver.
Scheiße.
Was ihm zu Haiti einfiel: Voodoo, AIDS, Papa Doc, Baby Doc, Bootsflüchtlinge und, neuerdings, die amerikanische Militärintervention namens Operation Restore Democracy, die er im Fernsehen verfolgt hatte.
Er kannte einige Haitianer - oder hatte sie gekannt -, die in Amerika im Exil lebten und mit denen er in seiner Zeit als Bulle bei Ermittlungen zu einem Fall in Little Haiti, einem Stadtviertel Miamis, zu tun gehabt hatte. Sie hatten wenig Gutes über ihre Heimat zu berichten gewusst - 'hartes Pflaster' war noch der netteste Kommentar gewesen.
Dabei hatte er die meisten Haitianer in guter Erinnerung. Aufrichtige, redliche, hart arbeitende Menschen, die sich in Amerika an einem Ort wiedergefunden hatten, den ihnen niemand neidete: am untersten Ende der Nahrungskette, südlich der Armutsgrenze, mit reichlich Boden gutzumachen.
Das galt für die meisten Haitianer, die er kennengelernt hatte. Doch es gab natürlich Ausnahmen von der Regel. Ihnen hatte er weniger schlechte Erinnerung als vielmehr Wunden zu verdanken, die niemals ganz verheilten und die schon bei der kleinsten Berührung wieder aufgingen.
Also eher keine gute Idee, das Ganze. Er war gerade erst aus einem ziemlich üblen Dreckloch gekommen - warum gleich zum nächsten rennen?
Wegen des Geldes. Darum.
Charlie wurde seit dem 4. September 1994, seinem dritten Geburtstag, vermisst. Seither hatte es kein Lebenszeichen von ihm gegeben. Keine Lösegeldforderungen, keine Zeugen. Die Carvers hatten die Suche nach dem Jungen nach zwei Wochen einstellen müssen, weil die US-Armee ins Land einmarschiert war und die Bevölkerung mit Ausgangssperren und Reisebeschränkungen praktisch unter Arrest gestellt hatte. Erst Ende Oktober war die Suche wieder aufgenommen worden, und da waren sämtliche Spuren, die von Anfang an eher kalt gewesen waren, bereits komplett überfroren.
'Eines sollte ich noch erwähnen', sagte Carver zum Schluss. 'Die Aufgabe ist nicht ganz ungefährlich. Sagen wir - sehr gefährlich.'
'Soll heißen?', fragte Max.
'Ihre Vorgänger sind. ^ Es ist nicht gut für sie gelaufen.'
'Sie sind tot?'
Carver schwieg einen Augenblick. Sein Gesicht war fahl geworden.
'Nein. Nicht tot', sagte er schließlich. 'Schlimmer. Viel schlimmer.'
Erster Teil
Ehrlichkeit und Offenheit waren nicht immer das Mittel der Wahl, aber wenn es ging, zog Max sie dem Reden um den heißen Brei vor.
'Ich kann nicht', verkündete er Carver.
'Sie können nicht, oder Sie wollen nicht?'
'Ich will es nicht, weil ich nicht kann. Es hat keinen Sinn. Sie erwarten von mir, ein Kind zu finden, das seit zwei Jahren vermisst wird, und das in einem Land, das ungefähr zur selben Zeit in die Steinzeit zurückgefallen ist.'
Carver rang sich ein winziges Lächeln ab, das Max zu verstehen gab, für wie unkultiviert man ihn hielt. Außerdem verriet es, mit welcher Kategorie Reichtum er es hier zu tun hatte. Es war nicht einfach Geld, sondern altes Geld - die schlimmste Sorte, mit den besten Verbindungen in alle Richtungen: mehrgeschossige Banktresore, riesige Aktienvermögen, hochverzinsliche Offshore-Konten, per du mit allen, die irgendwo irgendwas zu sagen hatten, und genug Macht, einen zu zerquetschen wie eine Fliege. Solchen Leuten schlug man keine Bitte ab.
'Sie haben schon sehr viel schwierigere Aufgaben gemeistert. Sie haben. ^ Wunder vollbracht', sagte Carver.
'Ich habe noch keinen Toten zum Leben erweckt, Mr. Carver. Ich hab sie nur ausgegraben.'
'Ich bin auf das Schlimmste gefasst.'
'Wenn dem so wäre, würden Sie jetzt nicht mit mir reden', sagte Max. Und bereute seine Unverblümtheit. Sein einstiges
Taktgefühl war im Knast durch Ruppigkeit ersetzt worden. 'In gewisser Weise haben Sie recht. Ich habe in meinem Leben einige Höllenlöcher durchkämmt, aber es waren amerikanische Höllenlöcher, und es gab immer einen Bus zurück nach draußen. Aber Ihr Land kenne ich nicht. Ich bin nie da gewesen, und - mit allem Respekt - ich wollte nie hin. Herrgott, die sprechen nicht mal Englisch da.'
Woraufhin Carver ihm von dem Geld erzählte.
Max hatte als Privatdetektiv nicht gerade ein Vermögen gemacht, aber er hatte sich ganz gut geschlagen - hatte genug verdient, um über die Runden zu kommen und sich das eine oder andere Extra leisten zu können. Die finanziellen Dinge des Lebens hatte seine Frau geregelt, die Wirtschaftsprüferin war. Einen ansehnlichen Teil des Geldes hatte sie für schlechte Zeiten auf drei Sparkonten deponiert. Außerdem besaßen sie Anteile an der L-Bar, einem gut laufenden Yuppie-Schuppen in der Innenstadt von Miami, der von Frank Nunez geführt wurde, einem ehemaligen Polizisten und Freund von Max. Das Haus und die beiden Autos gehörten ihnen, sie waren dreimal im Jahr in Urlaub gefahren und einmal im Monat schick essen gegangen.
Max brauchte nur wenig Geld für sich. Seine Kleider - für die Arbeit und besondere Gelegenheiten Anzüge, ansonsten Freizeithose und T-Shirt - waren immer geschmackvoll, aber selten teuer. Sein zweiter Fall war ihm da eine Lehre gewesen: Sein 500-Dollar-Anzug hatte Blutflecken abbekommen, und er hatte ihn der Kriminaltechnik übergeben müssen. Die wiederum hatte ihn an den Staatsanwalt weitergereicht, der ihn dann vor Gericht als Beweismittel D präsentierte.
Max schickte seiner Frau jede Woche Blumen, überschüttete sie zum Geburtstag, zu Weihnachten und zum Hochzeitstag mit Geschenken und war auch seinen besten Freunden und seinem Patenkind gegenüber großzügig. Süchte hatte er keine. Mit dem Rauchen und Kiffen hatte er aufgehört, als er den Polizeidienst an den Nagel gehängt hatte. Nur mit dem Alkohol hatte es etwas länger gedauert. Der einzige Luxus, den er sich gönnte, war Musik. Er besaß fünftausend CDs, Schallplatten und Singles - Jazz, Swing, Doowop, Rock'n'Roll, Soul, Funk und Disco -, und er kannte jede einzelne Note und jeden Text auswendig. Die größte Summe, die er für sein Hobby jemals ausgegeben hatte, waren die vierhundert Dollar gewesen, die er bei einer Auktion für ein handsigniertes Doppelalbum von Frank Sinatras In The Wee Small Hours Of The Morning hingeblättert hatte. Er hatte es gerahmt und in seinem Arbeitszimmer gegenüber dem Schreibtisch aufgehängt. Als seine Frau ihn darauf angesprochen hatte, hatte er ihr erzählt, er habe die Scheibe billig auf einem Flohmarkt in Orlando ergattert.
Alles in allem war es ein angenehmes Leben gewesen, das einen glücklich und fett und mit der Zeit immer konservativer machte.
Doch dann hatte er in der Bronx drei Menschen getötet, und sein ganzes Leben war aus der Spur gesprungen und laut und unelegant zum Stehen gekommen.
Sein Leben nach dem Knast: Das Haus in Miami und seinen Wagen hatte er noch, außerdem 9000 Dollar auf dem Sparbuch. Davon konnte er vier oder fünf Monate leben, dann würde er das Haus verkaufen und einen Job finden müssen. Kein leichtes Unterfangen. Wer würde ihm Arbeit geben? Ex-Bulle, Ex-Privatdetektiv, Ex-Knacki - dreimal minus, kein Plus. Er war sechsundvierzig: zu alt, um noch etwas Neues zu lernen, und zu jung, um aufzugeben. Was sollte er tun? In einer Kneipe arbeiten? Als Küchenhilfe? Einkaufstüten packen? Auf dem Bau? Als Kaufhausdetektiv im Einkaufszentrum?
Natürlich hatte er Freunde und auch ein paar Leute, die ihm etwas schuldeten, aber er hatte im Leben noch keinen Gefallen eingefordert und wollte auch jetzt nicht damit anfangen. Er hatte den Leuten geholfen, weil er es damals gekonnt hatte, und nicht, damit sie sich später bei ihm revanchierten. Seine Frau hatte ihn als naiv und butterweich bezeichnet. Vielleicht hatte sie recht gehabt. Vielleicht hätte er seine eigenen Interessen über die der anderen stellen sollen. Sähe sein Leben dann jetzt anders aus? Wahrscheinlich ja.
Er konnte seine Zukunft ziemlich deutlich vor sich sehen. Er würde in einem Einzimmerapartment mit fleckiger Tapete und Horden sich bekriegender Kakerlaken hausen, an der Tür eine handschriftlich in schlechtem Spanisch verfasste Liste mit Regeln und Vorschriften. Er würde die Nachbarn rechts, links, oben und unten streiten, vögeln, palavern und sich prügeln hören. Er würde Lotto spielen und auf einem tragbaren Fernseher mit wackligem Bild zusehen, wie die falschen Zahlen gezogen wurden. Ein langsamer Tod, allmählicher Verfall, eine Körperzelle nach der anderen.
Er musste Carvers Job annehmen oder sein Glück in der Welt der Ex-Knackis versuchen. Eine andere Wahl hatte er nicht.
Zum ersten Mal hatte Max im Gefängnis mit Allain Carver gesprochen, am Telefon. Ein vielversprechender Start war das nicht gewesen. Carver hatte sich ihm vorgestellt, und Max hatte ihm angeraten, ihn gefälligst in Ruhe zu lassen.
In den letzten acht Monaten seiner Haftstrafe hatte Carver ihn praktisch jeden Tag genervt.
Als Erstes war der Brief aus Miami gekommen:
'Sehr geehrter Mr. Mingus, mein Name ist Allain Carver. Ich bewundere Sie und alles, wofür Sie stehen. Nachdem ich Ihren Fall aufmerksam verfolgt habe
An dieser Stelle hatte Max aufgehört zu lesen und den Brief seinem Zellenkollegen Velasquez überreicht, der sich ein paar Joints draus gedreht hatte. Velasquez hatte sämtliche Briefe an Max aufgeraucht, nur die privaten nicht. Max nannte ihn den 'Müllverbrenner'.
Max war ein Promi unter den Häftlingen gewesen. Das Fernsehen und sämtliche Zeitungen hatten über seinen Fall berichtet. Es hatte Zeiten gegeben, in denen das halbe Land eine Meinung zu seiner Tat gehabt hatte. Und es hatte sechzig zu vierzig für ihn gestanden.
In den ersten sechs Monaten hinter Gittern hatte er säckeweise Fanpost gekriegt. Nicht einen Brief hatte er beantwortet. Selbst die aufrichtigsten Sympathiebekundungen ließen ihn kalt. Schon immer hatte er diese Leute verachtet, die irgendwelchen Straftätern Briefe schrieben, die sie im Fernsehen oder in der Zeitung gesehen hatten oder an die sie über eine dieser bescheuerten Brieffreundschaftsvermittlungen für Strafgefangene gekommen waren. Das waren die Ersten, die nach der Todesstrafe schrien, wenn es mal einen ihrer Liebsten traf. Max war elf Jahre Bulle gewesen, und es steckte immer noch viel vom Polizisten in ihm. Viele seiner besten Freunde arbeiteten noch bei der Polizei, und es war ihre Aufgabe, diese Leute vor den Bestien zu beschützen, denen sie Briefe schrieben.
Als der erste Brief von Carver eintraf, beschränkte sich Max' Post nur noch auf Briefe von seiner Frau, den Schwiegereltern und Freunden. Seine Fangemeinde war zu dankbareren Objekten wie O. J. Simpson oder den Brüdern Menendez übergelaufen.
Carver beantwortete Max' Schweigen nach seinem ersten Brief mit einem zweiten zwei Wochen später. Als er auch darauf keine Antwort erhielt, bekam Max in der Woche darauf noch einen Brief, in der Woche danach zwei und sieben
Tage später noch einmal zwei. Velasquez war glücklich. Er schätzte Carvers Briefe, weil das Papier - dickes, cremefarbenes Briefpapier mit Wasserzeichen und Carvers Namen, Adresse und Telefonnummern in sattgrüner Folienprägung oben rechts - irgendetwas enthielt, das ganz fantastisch mit seinem Gras reagierte und ihn noch breiter machte als gewöhnlich.
Carver spielte verschiedene Taktiken durch, um Max' Aufmerksamkeit zu erlangen. Er nahm anderes Briefpapier, schrieb mit der Hand und ließ andere für sich schreiben, doch alle seine Versuche landeten in der Müllverbrennung.
Also verlegte er sich aufs Anrufen. Er musste ein ziemlich hohes Tier bestochen haben, da nur ausgewählte Insassen Anrufe von draußen entgegennehmen durften. Ein Wärter hatte Max aus der Küche geholt und in eine Besuchszelle gebracht, wo eigens für ihn ein Telefon installiert worden war. Das Gespräch dauerte gerade lange genug, dass Carver seinen Namen sagen, Max ihn wegen seines Akzents in die Schublade 'Engländer' stecken und ihm sagen konnte, was er von ihm hielt und dass er ihn nie wieder anrufen solle.
Aber Carver gab nicht auf. Bei der Arbeit, beim Hofgang, beim Essen, unter der Dusche, in der Zelle, nach Beginn der Nachtruhe, ständig wurde Max geholt. Dabei lief das Gespräch immer gleich ab. Max sagte 'Hallo', hörte Carvers Namen und legte auf.
Irgendwann beschwerte sich Max beim Gefängnisdirektor, was der wahnsinnig witzig fand. Für gewöhnlich klagten die Insassen über Schikanen von drinnen. Er erklärte Max, er solle sich nicht so mädchenhaft anstellen und drohte, ihm ein Telefon in der Zelle installieren zu lassen, wenn er ihn weiter mit solcher Kinderkacke belästigte.
Max erzählte seinem Anwalt Dave Torres von Carvers Anrufen. Torres unterband sie. Er bot ihm auch an, Informationen über Carver einzuholen, aber Max lehnte dankend ab. In Freiheit wäre er höllisch neugierig gewesen, aber im Knast gehörte Neugier zu den Dingen, die man zusammen mit den Zivilklamotten und der Armbanduhr gleich am Eingang abgab.
Am Tag vor seiner Entlassung wollte Carver Max einen Besuch abstatten. Max weigerte sich, ihn zu sehen, und so hinterließ Carver ihm einen letzten Brief, wieder auf dem alten Briefpapier.
Max überreichte ihn Velasquez als Abschiedsgeschenk.
Sobald er draußen war, würde er nach London fliegen, das hatte er fest vor.
Die Idee mit der Weltreise stammte von seiner Frau. Seit jeher war sie fasziniert gewesen von fremden Ländern, von deren Kultur und Geschichte, deren Denkmälern und den Menschen. Ständig ging sie in die neuesten Ausstellungen, besuchte Vorträge und Seminare und las ununterbrochen - Zeitschriften, Zeitungen und ein Buch nach dem anderen. Sie zeigte Max Fotos von Indios, die einen Pizzateller auf der Unterlippe transportieren konnten, und von Afrikanerinnen mit industriell gefertigten Spiralfedern um den giraffenartigen Hals, aber er begriff einfach nicht, was daran so spannend sein sollte. Er war in Mexiko gewesen, auf den Bahamas, in Hawaii und in Kanada, aber seine Welt waren die USA, und die waren groß genug. Hier gab es Wüsten, arktische Schneelandschaften und so ungefähr alles dazwischen. Wozu reisen und sich genau das Gleiche, nur älter, anderswo ansehen?
Seine Frau hieß Sandra. Er hatte sie kennengelernt, als er noch bei der Polizei gewesen war. Sie war halb Kubanerin, halb Afroamerikanerin. Sie war schön, klug, stark und witzig. Er sagte niemals Sandy zu ihr.
Sandra hatte ihren zehnten Hochzeitstag angemessen begehen wollen, wollte um die Welt reisen und alles sehen, was sie bisher nur aus Büchern kannte. Unter anderen Umständen hätte Max sie wahrscheinlich dazu überredet, eine Woche auf die Keys zu fahren und später eine bescheidene Auslandsreise nach Europa oder Australien zu unternehmen. Aber weil er im Knast saß, als sie ihm von ihren Plänen erzählte, konnte er einfach nicht Nein sagen. Und von seiner Zelle aus erschien ihm die Aussicht, ganz weit weg von Amerika zu sein, gar nicht so unattraktiv. Ein Jahr auf Reisen würde ihm Zeit geben, sich Gedanken darüber zu machen, was er mit dem Rest seines Lebens anfangen wollte.
Vier Monate hatte Sandra damit verbracht, die Reise zu planen und zu buchen. Die Route war so ausgeklügelt, dass sie auf den Tag genau ein Jahr nach ihrer Abreise wieder an ihrem Hochzeitstag in Miami ankommen würden.
Je mehr sie Max bei ihren wöchentlichen Besuchen von der Reise erzählt hatte, umso mehr hatte auch er sich darauf gefreut. Er hatte sich sogar in der Gefängnisbibliothek über die Orte informiert, die sie bereisen würden.
Die letzte Rechnung für die Reise hatte sie an dem Tag beglichen, an dem sie bei einem Autounfall auf der US 1 ums Leben kam. Offenbar hatte sie aus unerfindlichen Gründen unvermittelt die Spur gewechselt und war mit voller Geschwindigkeit auf einen Laster aufgefahren. Bei der Autopsie wurde dann das Hirnaneurysma entdeckt, an dem sie am Steuer gestorben war.
Der Gefängnisdirektor hatte ihm die Nachricht überbracht. Max war zu geschockt gewesen, um zu reagieren. Er hatte ohne ein Wort genickt, war aus dem Büro des Direktors gegangen und hatte den Rest des Tages zugebracht, als wäre nichts passiert, hatte die Küche geputzt, das Essen ausgegeben, die Tabletts in die Spülmaschine geräumt, den Fußboden gewischt. Zu Velasquez hatte er kein Wort gesagt. Trauer oder eine andere Gefühlsregung außer Wut zu zeigen war ein Zeichen von Schwäche. So etwas behielt man für sich.
Erst am nächsten Tag, einem Donnerstag, war ihm klar geworden, dass Sandra wirklich tot war. Donnerstag war ihr Besuchstag. Sie hatte nie einen einzigen ausfallen lassen. Sie war immer einen Tag vorher hergeflogen, hatte bei einer Tante in Queens übernachtet und war dann zu ihm gekommen. Gegen vierzehn Uhr, wenn er in der Küche gerade fertig war oder noch mit Henry, dem Koch, quatschte, war er ins Besuchszimmer gerufen worden. Dort hatte sie hinter der Glasscheibe gesessen und auf ihn gewartet. Immer makellos gekleidet, immer frisch geschminkt und ein strahlendes Lächeln im Gesicht.
Henry und Max hatten eine Abmachung. Donnerstags ließ Henry ihn weitgehend in Ruhe und teilte ihm nur Aufgaben zu, die schnell zu erledigen waren, sodass er abhauen konnte, sobald sein Name ausgerufen wurde. Sonntags war dann Max an der Reihe, weil dann Henrys Frau und seine vier Kinder zu Besuch kamen. Die beiden kamen gut miteinander klar, weshalb Max ignorierte, dass Henry fünfzehn Jahre bis lebenslänglich wegen eines bewaffneten Raubüberfalls absaß, bei dem eine Schwangere getötet worden war, und dass er zum Arier-Bund gehörte.
Nach außen hin lief an jenem Donnerstag alles wie immer. Nur dass Max mit einem drückenden Schmerz in der Brust und einem Gefühl der Leere aufgewacht war, das immer unerträglicher wurde. Er wollte Henry sagen, dass seine Frau diese Woche nicht kommen würde, und sich das Warum bis zur nächsten Woche aufsparen. Aber er brachte es nicht fertig, weil er wusste, dass er wahrscheinlich in Tränen ausbrechen würde.
Er hatte in der Küche nicht genug zu tun, um sich abzulenken. Andauernd starrte er auf die Uhr am Herd und beobachtete, wie sich die schwarzen Zeiger ruckweise auf zwei Uhr zubewegten.
Im Kopf ging er Sandras Besuch von letzter Woche noch einmal durch. Hatte sie je von einer Migräne erzählt, von Kopfschmerzen oder Schwindel, von Ohnmachtsanfällen oder Nasenbluten? Er sah ihr Gesicht hinter der kugelsicheren Scheibe vor sich, auf dem Glas die geisterhaften Finger- und Lippenabdrücke von einer Million Häftlingen, die ihre Liebsten so fast berührt und fast geküsst hatten. Sie beide hatten das nie gemacht. Es war ihnen sinnlos und jämmerlich vorgekommen - schließlich würden sie einander irgendwann tatsächlich wieder in die Arme nehmen können. Jetzt wünschte er sich, sie hätten es getan. Immer noch besser als das absolute Nichts, das ihm jetzt blieb.
'Max', rief Henry, der an der Spüle stand. 'Zeit, den Ehemann zu spielen.'
Wenige Ticker vor zwei Uhr. Max band sich die Schürze los, ganz aufs Stichwort, dann hielt er inne.
'Sie kommt heut nicht', sagte er und ließ die Schnüre der Schürze rechts und links runterhängen. Er spürte, wie heiße Tränen in ihm aufstiegen.
'Wieso nicht?'
Max antwortete nicht. Henry kam auf ihn zu, trocknete sich die Hände an einem Geschirrtuch ab. Er blickte Max ins Gesicht und sah die Tränen in seinen Augen. Überrascht trat er einen Schritt zurück. Wie praktisch jeder in dem Laden hielt er Max für einen ziemlich harten Hund - ein Ex-Bulle im normalen Vollzug, der seinen Mann stand und nicht ein einziges Mal davor zurückgeschreckt war, Gewalt mit Gewalt zu beantworten.
Henry lächelte.
Vielleicht war es ein spöttisches Lächeln, oder es war die sadistische Freude am Leid anderer, die im Knast mit Glück verwechselt wurde, oder es war einfach Unsicherheit.
Max, der fünfzig Fuß tief in seiner Trauer steckte, las Spott in Henrys Gesicht.
Das Rauschen in seinen Ohren verstummte.
Er schlug Henry mit der Faust auf die Kehle. Ein kurzer, gerader Jab, in den er sein ganzes Gewicht legte und der direkt auf die Luftröhre zielte. Henry klappte die Kinnlade runter. Er schnappte nach Luft. Max landete einen rechten Haken auf seinem Kiefer und brach ihm den Knochen. Henry war ein großer, breiter Kerl, ein begeisterter Gewichtheber, dem auch bei 160 Kilo noch nicht der Schweiß ausbrach. Er schlug mit einem dumpfen Aufprall auf dem Boden auf.
Max rannte aus der Küche.
Eine idiotische Aktion. Henry stand ziemlich weit oben im Bund, und er war deren wichtigste Einnahmequelle. Der Bund dealte die besten Drogen in Rikers, und die wurden von Henrys Kindern in der Arschritze reingeschmuggelt. Die Arier würden Blut sehen wollen, sie würden ihn töten, um ihr Gesicht zu wahren.
Drei Tage lang lag Henry auf der Krankenstation. Max sprang so lange für ihn ein und wartete die ganze Zeit auf die Rache. Die Wärter würden Bescheid wissen. Sie würden einen Hinweis kriegen und Geld, und sie würden wegschauen, genau wie alle anderen auch. Tief drinnen betete Max, sie mögen wenigstens vernünftig zielen und ein lebenswichtiges Organ treffen. Er hatte keine Lust, das Gefängnis im Rollstuhl zu verlassen.
Aber nichts geschah.