
Ihre Musik
Roman
Thomas Stangl(Author)
btb (Publisher)
Published on 4. August 2008
Book
Paperback/Softback
192 pages
978-3-442-73720-8 (ISBN)
Description
Mutter und Tochter: Sie leben in derselben Wohnung in der Leopoldstadt in Wien, sie teilen Bad und Küche und bleiben sich dennoch fremd. Beide arbeiten beide mit der Sprache, die Mutter als engagierte Journalistin, die Tochter promoviert über spanische Lyrik, und dennoch schaffen sie es nicht, miteinander zu sprechen, auch dann nicht, als die Tochter die kranke Mutter pflegen muss. Nur in ihrer Fantasie, in "ihrer Musik" gelingt es ihnen, miteinander zu kommunizieren.
More details
Series
Language
German
Place of publication
Munchen
Germany
Dimensions
Height: 18.7 cm
Width: 11.8 cm
ISBN-13
978-3-442-73720-8 (9783442737208)
Schweitzer Classification
Person
Thomas Stangl, 1966 in Wien geboren, wo er heute lebt, studierte Spanisch und Philosophie. Für seinen ersten Roman "Der einzige Ort" erhielt der den "aspekte-Preis" für das beste deutschsprachige Debüt.
Content
Sie erinnert sich, ihre Füße in Strümpfen oder nackt auf dem Küchenboden, ein Flickenteppich über den Kacheln: sie läßt das kalte Wasser ein wenig laufen, bevor sie den offenen ursprünglich silberfarbenen Kessel mit der schon längst nicht mehr spiegelnden Wölbung (ein paar Tropfen laufen ab) unter den Strahl schiebt und in ihrer Hand schwerer werden läßt; sie dreht mit der linken Hand den achteckigen Messingdrehknopf bis zum Anschlag oder eher bis zum weichen, leicht verzögerten Einrasten (wie hat sie es für selbstverständlich halten können) nach rechts, ein Päckchen Zigaretten liegt auf dem Küchentisch. Sie fügt den kleinen runden Deckel mit dem schwarzen Knauf in die Öffnung des Kessels (ein ganz leises dumpfes Geräusch) und stellt ihn auf der verkohlten vierarmigen Metallkralle über der rechten vorderen Flamme des Gasherds ab. Mit dem Fingernagel könnte sie die schwarze klebrige Schicht von den dünnen Armen abkratzen. In der Küche ist es hell (es muß ein Sommertag sein, sie sieht sich selbst, ihr Haar, ihren Rücken im Lichtschein aus dem Fenster), sie zündet ein Streichholz an und hält es an den linken vorderen Brenner (ein rostender Stahlring, mit kleinen Löchern an der Seite, deren Zahl sie jetzt gerne kennen würde), während sie den Knopf an der Vorderseite des Herds auf die höchste Stufe dreht und einige Sekunden lang niedergedrückt hält; sie schiebt den Wasserkessel auf den blauen Flammenkranz, dreht sich um, gibt den Filteraufsatz auf die gläserne, schwarzeingefaßte Kanne, die jeden Morgen auf der Ablagefläche des Küchenschranks auf sie wartet, unter den Regalen, für deren Bild allein sie oder jemand in ihrem Kopf viele Nächte oder Tage lang (der Unterschied verschwimmt langsam) Worte suchen kann; sie fingert einen braunen Papierfilter aus einer Kartonschachtel auf dem Regal neben dem Herd und schiebt ihn in den Aufsatz, schüttet drei oder vier Löffel voll Kaffeepulver in den Filter. Sie weiß, daß sie sich erst, nachdem sie eine halbe Tasse Kaffee getrunken haben wird, die erste Zigarette für den Tag anzünden wird. Sie fühlt das weiche, hellblaue Päckchen mit dem Gallierhelm in ihrer Hand, die selbst weich und warm ist und nicht zittert. Bald kommt das Fenster in ihr Blickfeld, sie zögert noch, ihr zurückgelegter Nacken, der in die Senkrechte gedrehte Riegel, der aufgeschobene Fensterflügel, es liegt ganz in ihrem Belieben, welche Perspektive sie wählt, wenn sie ihren Blick (etwas Fließendes, Freies, von ihr Getrenntes, immer noch, so glaubt sie, Vorhandenes und Bewegliches) ins Freie richtet. Der Lichtschein trifft sie jetzt voll. Sie ist sich sicher, daß jemand drittes in der Wohnung gewesen ist, über lange Zeit: eine Idee, die ihr Bewußtsein verschiebt, die ihr gefällt und die sie ängstigt, die den Dingen eine Notwendigkeit gibt, außerhalb von ihr selbst. Hat sie alle Korridore und alle Zimmer genau durchsucht? Hat sie es nicht für Momente, die genügen, eigentlich aber für Stunden, Tage, Wochen, ganze Monate, die sie mit ihrem Kopf und ihrem Körper anderswo gewesen ist, an Wachsamkeit fehlen lassen? Vielleicht hat sie sogar selbst, noch während sie sich mit Haß, Verachtung oder einfach Gleichgültigkeit abwandte, die Tür geöffnet; jeder Satz, jeder Blick kann entscheidend gewesen sein; den Gefühlen ist nicht zu trauen. Sie sitzt zurückgelehnt, ein Knie angezogen und ein Fuß auf der Sitzfläche ihres Stuhls am Frühstückstisch, unbeobachtet (aber das Bild muß geblieben sein, eines in der Reihe von Bildern). Vielleicht vermißt sie das Rauchen mehr als das Essen; oder nicht das Rauchen, sondern eine Idee des Rauchens, die sie durchs Rauchen ziemlich vergeblich einzuholen versucht hat und auch nie mehr einholen wird, auch wenn sie ihr jetzt, in der Erinnerung, vielleicht näher gekommen ist als früher.
Jede Annäherung (so unvermittelt sie erscheinen mag) hat etwas von einem Wiedererkennen und zugleich von einem immerfort Verlieren. Ich habe einmal nah an dem versteckten, nur zu besonderen Gelegenheiten wiederzufindenden Platz in der Leopoldstadt, zwischen Karmeliterviertel, Praterstraße und Donaukanal gewohnt, wahrscheinlich nur für wenige Tage (oder Nächte), in einem hohen, alten, halb in den Berg hineingebauten Haus, das zum Großteil leer stand, in einem der obersten Stockwerke; wenn ich (anstatt den Aufzug zu benützen) die Treppen hinablief, konnte ich die bloß angelehnten Türen vorsichtig spaltweit aufschieben und ins Innere der verlassenen Wohnungen schauen, nur einen unbestimmten Lichtschein auf den Parkettböden ausmachen, mir die Wege durch die Zimmerfluchten und die wenigen zurückgebliebenen Einrichtungsgegenstände (oder sind es nur alte Schuhe, vergilbte Bücher, rostige Pfannen und Spiegel, zerfledderte Fotoalben, sind es nur die weißen Stellen an den Wänden, wo Bilder hingen, die helleren Stellen auf den Parketten, wo Möbel standen) vorstellen; ohne daß ich aber je wußte, ob sich nicht doch noch Bewohner hier versteckt halten und das Wort oder gleich eine Waffe gegen mich richten konnten. Ich blieb auf meiner Bahn, die Windung der Treppe entlang, Stufe für Stufe, die Finger am rissigen Verputz, sah im Schlaf (das ist lange her) in meiner eigenen Wohnung die eintretenden Besucher - Nachbarn oder Vermieter - und die gleichsam eindringenden und die Wände aufbrechenden Räume der Außenwelt. Eine schmale gekrümmte Gasse führt mich vom Eingang dieses Baus zu dem Platz, der sich dem
Blick ganz überraschend öffnet und nun weitläufiger erscheint als je; ein großes Oval wie die Piazze in manchen italienischen Städten, in seiner Mitte steht ein riesenhafter vergessener antiker Tempel. Der Anblick ist atemberaubend, auch ich, der so oft hier in der Nähe herumgestrichen ist, habe von diesem Tempel, dessen Form eher mittelamerikanischen als europäischen Monumenten gleicht, nichts gewußt; es wäre ein einmaliges Touristenziel, doch gerade weil er von Touristen und von jeder öffentlichen Aufmerksamkeit verschont geblieben ist, hat er etwas von seiner alten sakralen Bedeutung bewahrt oder, noch eher, anstelle der alten eine völlig neue Bedeutung gewonnen; inmitten von Wien ist es ein völlig einsamer, unbekannter Ort, fremder als alles, was in fernen Weltgegenden (von denen ich eine Zeit lang geträumt habe, so wie sie eine Zeit lang von ihnen geträumt hat) aufgesucht werden kann. Hier sind (außer ein paar gleichgültig stumpfen Anrainern) keine Menschen; nur riesige Geier ziehen ihre Kreise über die weiten, leicht gewölbten Freiflächen rund um den Tempel, der in einem Stadium des sehr langsamen Verfalls ist und unzugänglich für Besucher, vielleicht überhaupt ohne Innenraum; manchmal lassen sie sich am Boden nieder und reißen einen Fetzen Fleisch von einer der unzähligen toten Tauben, die hier liegen. Zunächst scheint mir der Anblick der Geier erhaben; entfernte Weltgegenden schießen in einem Bild zusammen; als wäre ich nicht nur in Europa sondern zugleich in der Lichtung eines Dschungels in Chiapas oder Guatemala und auf einer langgezogenen, fast leeren indischen Landstraße, mit verwesenden Tieren da und dort am Straßenrand, auf denen die Raubvögel hocken: die Natur und die Geschichte (oder verschiedenste, bislang voneinander getrennte Geschichten), Tod und Leben (oder eher, Tod und Wahrnehmung, Aufzeichnung) treffen sich, für einen fragilen Moment der Gleichzeitigkeit, an diesem ganz bestimmten Punkt, jetzt.
Jede Annäherung (so unvermittelt sie erscheinen mag) hat etwas von einem Wiedererkennen und zugleich von einem immerfort Verlieren. Ich habe einmal nah an dem versteckten, nur zu besonderen Gelegenheiten wiederzufindenden Platz in der Leopoldstadt, zwischen Karmeliterviertel, Praterstraße und Donaukanal gewohnt, wahrscheinlich nur für wenige Tage (oder Nächte), in einem hohen, alten, halb in den Berg hineingebauten Haus, das zum Großteil leer stand, in einem der obersten Stockwerke; wenn ich (anstatt den Aufzug zu benützen) die Treppen hinablief, konnte ich die bloß angelehnten Türen vorsichtig spaltweit aufschieben und ins Innere der verlassenen Wohnungen schauen, nur einen unbestimmten Lichtschein auf den Parkettböden ausmachen, mir die Wege durch die Zimmerfluchten und die wenigen zurückgebliebenen Einrichtungsgegenstände (oder sind es nur alte Schuhe, vergilbte Bücher, rostige Pfannen und Spiegel, zerfledderte Fotoalben, sind es nur die weißen Stellen an den Wänden, wo Bilder hingen, die helleren Stellen auf den Parketten, wo Möbel standen) vorstellen; ohne daß ich aber je wußte, ob sich nicht doch noch Bewohner hier versteckt halten und das Wort oder gleich eine Waffe gegen mich richten konnten. Ich blieb auf meiner Bahn, die Windung der Treppe entlang, Stufe für Stufe, die Finger am rissigen Verputz, sah im Schlaf (das ist lange her) in meiner eigenen Wohnung die eintretenden Besucher - Nachbarn oder Vermieter - und die gleichsam eindringenden und die Wände aufbrechenden Räume der Außenwelt. Eine schmale gekrümmte Gasse führt mich vom Eingang dieses Baus zu dem Platz, der sich dem
Blick ganz überraschend öffnet und nun weitläufiger erscheint als je; ein großes Oval wie die Piazze in manchen italienischen Städten, in seiner Mitte steht ein riesenhafter vergessener antiker Tempel. Der Anblick ist atemberaubend, auch ich, der so oft hier in der Nähe herumgestrichen ist, habe von diesem Tempel, dessen Form eher mittelamerikanischen als europäischen Monumenten gleicht, nichts gewußt; es wäre ein einmaliges Touristenziel, doch gerade weil er von Touristen und von jeder öffentlichen Aufmerksamkeit verschont geblieben ist, hat er etwas von seiner alten sakralen Bedeutung bewahrt oder, noch eher, anstelle der alten eine völlig neue Bedeutung gewonnen; inmitten von Wien ist es ein völlig einsamer, unbekannter Ort, fremder als alles, was in fernen Weltgegenden (von denen ich eine Zeit lang geträumt habe, so wie sie eine Zeit lang von ihnen geträumt hat) aufgesucht werden kann. Hier sind (außer ein paar gleichgültig stumpfen Anrainern) keine Menschen; nur riesige Geier ziehen ihre Kreise über die weiten, leicht gewölbten Freiflächen rund um den Tempel, der in einem Stadium des sehr langsamen Verfalls ist und unzugänglich für Besucher, vielleicht überhaupt ohne Innenraum; manchmal lassen sie sich am Boden nieder und reißen einen Fetzen Fleisch von einer der unzähligen toten Tauben, die hier liegen. Zunächst scheint mir der Anblick der Geier erhaben; entfernte Weltgegenden schießen in einem Bild zusammen; als wäre ich nicht nur in Europa sondern zugleich in der Lichtung eines Dschungels in Chiapas oder Guatemala und auf einer langgezogenen, fast leeren indischen Landstraße, mit verwesenden Tieren da und dort am Straßenrand, auf denen die Raubvögel hocken: die Natur und die Geschichte (oder verschiedenste, bislang voneinander getrennte Geschichten), Tod und Leben (oder eher, Tod und Wahrnehmung, Aufzeichnung) treffen sich, für einen fragilen Moment der Gleichzeitigkeit, an diesem ganz bestimmten Punkt, jetzt.