
Die Kannenbäckerin
Annette Spratte(Author)
Francke-Buch (Publisher)
1st Edition
Published in January 2021
Book
Paperback/Softback
399 pages
978-3-96362-190-1 (ISBN)
Description
Im Westerwald während des 30-jährigen Krieges:
Die 13-jährige Johanna hat ihre gesamte Familie an die Pest verloren. Geblieben ist ihr nur ein unbekannter Onkel, der als Töpfer im Kannenbäckerland arbeitet. Damit sie in den Wirren des Krieges den weiten Weg überlebt, verkleidet ihre wohlmeinende Nachbarin sie als Jungen. Die neuen Freiheiten, die sie unterwegs genießt, erscheinen Johanna verlockend, genau wie die Aussicht auf eine Lehre im Töpferhandwerk. So verschweigt sie ihrem Onkel die Wahrheit und beweist in der Werkstatt bald nicht nur ein außergewöhnliches Talent, sondern auch eine einzigartige Leidenschaft. Doch kann sie ihre Täuschung in einer von Männern beherrschten Welt aufrechterhalten?
More details
Edition
Auflage
Language
German
Place of publication
Germany
Product notice
Klappenbroschur
Dimensions
Height: 203 mm
Width: 134 mm
Thickness: 28 mm
Weight
454 gr
ISBN-13
978-3-96362-190-1 (9783963621901)
Schweitzer Classification
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Annette Spratte
Die Kannenbäckerin
E-Book
12/2020
1st Edition
Francke-Buch
€12.99
Available for download
Person
Author
Annette Spratte lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in einem kleinen Dorf im Westerwald. Die Liebe zu Büchern begleitet sie in ihrem Leben schon länger als die Liebe zu Pferden, und Bücher waren es auch, die ihr den Weg zum Glauben gewiesen haben, als sie noch sehr weit von Gott entfernt war. Heute arbeitet sie als Autorin und Übersetzerin. Wenn sie gerade nicht am Computer sitzt, kann man sie im Garten oder im Pferdestall antreffen.
ISNI: 0000 0005 1579 0890 GND: 1196906289
ISNI: 0000 0005 1579 0890 GND: 1196906289
Content
Kapitel 1
Im Westerwald während des Dreißigjährigen Krieges ...
Der Gestank legte sich um Johanna wie eine riesige klebrige Hand. Mit jedem Huftritt des Pferdes rückten die drohend aufragenden Stadtmauern von Hachenburg etwas näher. Eine faulige Note von verrottendem Fleisch mischte sich mit dem beißenden Geruch von Fäkalien und Rauch. Unter der tief hängenden Wolkendecke schien sich nichts davon zu verziehen, sondern wie ein dichter Nebel über dem Boden zu wabern. Die Straße wurde von Zelten gesäumt, aus denen fremdartige Stimmen drangen. Das mussten die Soldaten sein, die in der Stadt untergebracht waren. Vor den Toren herrschte seltsam schweigsames Gedränge von Städtern, Soldaten und Bauern.
Das Mädchen blickte kurz zu seinem Vater, der neben ihr saß und den Karren lenkte. Seine zitternden Hände hielten die Leinen so fest umklammert, dass seine Knöchel weiß waren. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn.
»Geht es dir nicht gut, Vater?«, fragte die Dreizehnjährige ängstlich. Sie bekam nicht mehr als ein Brummen zur Antwort, das alles bedeuten konnte.
Der Karren holperte über einen Stein in der ausgefahrenen Rinne der Straße. Johanna sah sich zur Ladefläche um. Die in Stroh gepackten Leichen ihrer Mutter und Geschwister waren durch den plötzlichen Stoß durchgeschüttelt worden. Zwischen den grauen Halmen sah sie das blaue Auge ihrer nächstjüngeren Schwester reglos in den Himmel starren. Es schnürte ihr die Kehle zu und sie richtete ihren Blick schnell wieder nach vorn. Sie waren jetzt schon am Stadttor angekommen und bahnten sich einen Weg durch die Menge.
Die Straßen waren glitschig, obwohl der Regen, der schon seit dem Morgen drohte, noch nicht eingesetzt hatte. Da aber die Rinnsteine bei der Menge an Menschen vor Abwässern überquollen, wunderte Johanna sich auch nicht mehr über den entsetzlichen Gestank.
»Warum sind hier so viele Leute?«, wollte sie wissen.
»Die Menschen fliehen vor dem Krieg und der Pest hierher«, erwiderte ihr Vater heiser.
Die Pest. Überall starben die Menschen qualvoll an der Seuche. In ihrem Dorf gab es keine Familie, die nicht mindestens ein Opfer zu beklagen hatte. Einige Häuser waren jetzt leer. Johanna war als Erste erkrankt und ihre Mutter hatte sie liebevoll gepflegt. Nach ein paar Tagen hatte sie sich erholt, aber dann war ihre kleine Schwester Lina krank geworden und gleich danach ihre Brüder Friedrich und Karl. Und die Mutter selbst. Alle waren innerhalb von wenigen Tagen gestorben. Warum sie überlebt hatte, wusste Johanna nicht.
Ihr Vater wollte die Familie ordentlich bestattet wissen und brachte sie deswegen in die Stadt. Seine gesamten Ersparnisse hatte er mitgenommen, um ein Begräbnis bezahlen zu können.
Der Karren rumpelte eine schmale Gasse entlang und kam schließlich am Rande des Marktes zum Stehen. Der Vater übergab Johanna die Leinen und stieg vom Kutschbock, musste sich aber schnell festhalten, denn er schwankte in einem plötzlichen Anfall von Schwindel. Mit einem Kopfschütteln biss er die Zähne zusammen und ging leicht unsicher auf den Leichenbestatter zu, der hier seine Geschäfte abwickelte.
Johanna sah, dass der Bestatter hart verhandelte, aber schließlich schienen sie sich geeinigt zu haben. Ihr Vater überreichte dem Mann einige Münzen, dann folgten ihm zwei schwarz gekleidete Leichenträger mit Handschuhen und Tüchern vor dem Gesicht. Sie zogen Johannas Familie einen nach dem anderen vom Karren und brachten sie zum Leichenkarren des Bestatters. Das Mädchen beobachtete das alles mit einer seltsamen Leere im Inneren. Die Tode waren so schnell aufeinander gefolgt, dass Johanna noch gar nicht fassen konnte, was geschehen war. Wie betäubt fühlte sie sich, als wäre ihr Herz in ihr eingeschlafen, so wie ihr manchmal die Füße einschliefen, wenn sie zu lange hockte.
Ihr Vater brauchte mehrere Anläufe, um wieder auf den Karren zu steigen. Er schwitzte jetzt noch mehr und zitterte heftiger. Seine Brauen waren vor Schmerz zusammengezogen und Johanna meinte, an seinem Hals eine Beule zu erkennen. Schnell reichte sie die Leinen zurück und schloss die Augen. Sie wollte es nicht sehen. Ihr Vater konnte nicht auch krank sein. Das ging einfach nicht!
»Wir fahren zur Kirche und zünden Kerzen für ihre Seelen an. Vielleicht bekommen wir noch ein paar Schluckbilder von Maria oder St. Sebastian.«
Diese Aussage ließ Johanna erschaudern. Schluckbilder nahmen die Katholiken. Wenn ihr Vater darauf zurückgreifen wollte, musste er sehr krank sein. Über die Dächer der Häuser konnte Johanna bereits den Turm der Katharinenkirche aufragen sehen.
Plötzlich packte ihr Vater sie mit eisiger Hand am Arm. »Nimm das Geld, Johanna. Lauf! Lauf zur Kirche und hol die Bilder! Du bist schneller, wenn du läufst. Beeil dich!«
Das Mädchen zögerte nur einen Moment, dann sprang es vom Karren und fädelte sich in Windeseile durch die Menschenmenge. In der Kirche musste sie nicht lange suchen, denn der Kirchendiener, der die Schluckbildchen verkaufte, war von einer Menschentraube umringt. Beherzt drängte sich Johanna nach vorn durch und setzte ihre größte Leidensmiene auf. Es fiel ihr nicht schwer. »Bitte, bitte, gebt mir einen Bogen, mein Vater braucht dringend Hilfe!«, flehte sie den Diener an. »Bitte, Herr, meine Mutter ist schon tot und meine Geschwister auch, bitte! Ich will nicht ganz allein bleiben!« Jetzt rollten ihr echte Tränen über die Wangen.
Eine Frau legte den Arm um sie. »Du armes Mädchen«, sagte sie voller Mitleid. Auch ihre Augen schwammen, während sie sich an den Kirchendiener wandte. »Nun macht schon, gebt ihr einen Bogen!«
Der Mann händigte Johanna einen Bogen mit Heiligenbildchen aus und Johanna drückte ihm irgendeine Münze in die Hand. Sie drängte sich aus der Gruppe heraus und rannte zum Ausgang.
»Was denn, so eilig?«, rief der Pfarrer ihr zu und hielt sie am Arm fest.
»Nein, bitte Herr Pfarrer, ich muss zu meinem Vater!« Mit einem verzweifelten Schluchzen riss sie sich los und eilte aus der Kirche. Im Laufen riss sie schon den Bogen mit den briefmarkengroßen Bildchen in Stücke, ohne darauf zu achten, welcher Heilige sich darauf befand. Gott würde schon wissen, worum es ging. Als sie wieder am Karren ankam, stellte sie entsetzt fest, dass ihr Vater kaum vorangekommen war. Warum saß er nicht mehr auf dem Kutschbock?
Johanna rannte um das Pferd herum und erstarrte vor Schreck. »NEIN!«, schrie sie verzweifelt und warf sich neben ihrem Vater auf die Knie. Er war zu Boden gestürzt und lag nun mit offenen Augen da. Blut lief ihm aus dem Ohr und der Nase.
»Nein, nein, nein .«, stammelte Johanna, während sie hastig die Papierstückchen zusammenknüllte und sie dem Vater in den Mund schob. »Bitte, schluck das, du musst das schlucken, Vater, bitte!«
Nichts geschah. Ihr Vater bewegte sich nicht. Er blinzelte nicht einmal mehr.
»NEIN!«, schrie Johanna noch einmal und trommelte mit den Fäusten auf die reglose Brust des Toten. »Du darfst nicht sterben!« Besinnungslos vor Schmerz sprang sie auf und stürmte zurück in die Kirche. Der Pfarrer war nach vorn an den Altar getreten. Brüllend griff Johanna den Geistlichen an und schlug auf ihn ein.
»He, was soll das!«, rief er erschrocken und packte Johannas Hände.
»Du und dein Gott! Ihr seid schuld! Ihr habt mir alles genommen!« Heiser drangen die Anschuldigungen aus ihrer Kehle. »Meine ganze Familie habt ihr mir genommen! Ich hasse euch!«
Der Pfarrer schwieg einen Moment, während Johanna hemmungslos weinte. Sie versuchte jetzt nicht mehr, den Pfarrer zu schlagen. Der plötzliche Wutanfall war verebbt.
»Wie heißt du, mein Kind?«, fragte der Pfarrer sacht.
»Johanna. Johanna Hatterod«, schniefte das Mädchen und wischte sich die Tränen mit dem Ärmel aus dem Gesicht.
»Willst du mit mir für die verstorbenen Seelen beten, Johanna?«, bot der Pfarrer an.
Johannas Kopf fuhr hoch und sie sah dem Pfarrer mit hasserfülltem Blick fest in die Augen.
»Ich werde nicht mehr beten«, flüsterte sie. »Nie wieder werde ich beten. Tagelang haben wir gebetet und Gott hat uns nicht erhört. Der letzte Hauch von den Lippen meiner Mutter war ein Flehen um Heilung. Sie sind alle tot. ALLE! Gott hat sie mir alle genommen und ich werde ihm auch etwas nehmen!« Ihre Stimme war immer lauter geworden und jetzt griff sie mit einem Aufschrei nach dem hölzernen Kreuz, das der Pfarrer um den Hals trug. Sie riss es ab, machte auf dem Absatz kehrt und raste wie besessen aus der Kirche heraus. Niemand hielt sie auf.
Der Karren stand noch immer dort, wo sie ihn zurückgelassen hatte, auch wenn eine neugierige Menschentraube sich darum gebildet hatte. Johanna stieg auf den Kutschbock, steckte das Kreuz in ihre Rocktasche, packte die Leinen und lenkte den Wagen in Richtung Stadttor. Sie blickte nicht zurück. Ihren Vater noch einmal tot am Boden liegen zu sehen, hätte sie nicht ertragen. Alles verschwamm vor ihren Augen, denn die Tränen liefen jetzt, als hätte jemand eine Schleuse geöffnet. Stimmen drangen zu ihr, aber sie erreichten sie nicht. In ihr war nichts als Schmerz, Trauer und Verzweiflung.
Es dauerte lange, bis Johanna sich ihrer Umgebung wieder bewusst wurde. Sie befand sich auf einem Waldweg, den das Pferd in gemächlichem Tempo entlangzockelte. Links stieg das Gelände steil an, während es rechts zu einem Fluss abfiel. War das die Nister? Hatte ihr Pferd von allein den Heimweg eingeschlagen? Sie war sich nicht sicher. Ihre Augen suchten die Umgebung nach etwas Vertrautem ab, fanden aber nichts. Neue Tränen stiegen in ihr hoch. Noch nie hatte sie sich so verloren gefühlt. Der Strudel ihres Schmerzes riss sie wieder mit sich.
Eine schallende Ohrfeige brachte Johanna schlagartig zurück in die Realität. Ihr Jammern blieb ihr im Halse stecken und sie sah den Mann vor sich mit weit aufgerissenen Augen an. Es war ihr Nachbar Jörg.
»Hör auf zu heulen!«, schrie er sie an. »Wo ist dein Vater?«
Johanna erwiderte nichts.
»Ist der Hatterod auch tot?«
Sie nickte nur.
»Hab ich mir schon gedacht. Der sah nicht gut aus heute Morgen.« Er warf einen Blick auf das Pferd, das mit hängendem Kopf im Hof ihres Elternhauses stand. Inzwischen war es dunkel geworden und hatte angefangen zu regnen. Sowohl das Pferd als auch Johanna selbst waren völlig durchnässt.
»Geh zu Elsa ins Haus, ich kümmere mich um das Pferd«, sagte der Nachbar barsch, zog das Mädchen vom Karren und schubste es in Richtung seiner eigenen Hütte. Zitternd schleppte Johanna sich in die Küche. Elsa, seine Frau, sah sie erschrocken an.
»Johanna? Was ist passiert?«
Aber Johanna konnte nicht antworten. Zu gewaltig waren die Worte, um durch ihren Mund zu passen, zu groß die Verzweiflung, die sie niederdrückte. Was sollte jetzt aus ihr werden?
Aus dem Familienbett in der hinteren Ecke des Raumes lugten zwei neugierige Köpfe hoch, während Elsa ihr eine Decke um die Schultern legte und ihr durch die hellblonden Haare strich. Kurz darauf kam ihr Mann herein und setzte sich dem Mädchen gegenüber an den Tisch.
»Hast du noch andere Verwandte?«, fragte er ohne Umschweife.
»Was ist denn passiert?«, wollte seine Frau von ihm wissen.
»Der Hatterod ist auch tot. Wir können sie nicht mit durchfüttern, wir haben ja selbst kaum genug.« Als er sah, dass seine Frau ihm widersprechen wollte, hob er mit scharfem Blick den Zeigefinger. Elsa klappte den Mund wieder zu. »Also was ist? Hast du noch andere Verwandte?«, wiederholte der Nachbar.
Johanna blieb stumm und starrte zitternd auf die Tischplatte. Ihre Gedanken waren ein einziges Knäuel.
»Antworte mir!«, schrie Jörg plötzlich und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Nicht nur Johanna fuhr vor Schreck zusammen. Vom Bett her hörte man ein leises Wimmern.
»Onkel«, flüsterte sie heiser.
»Einen Onkel, ja? Wo lebt der?«
Stück für Stück fiel es ihr wieder ein, was ihr Vater gesagt hatte, als er den Teller mit dem Brief von seinem Bruder bekommen hatte.
»Hilgert.«
»Hilgert? Wo ist das?«
Johanna wusste es nicht. »Er ist Kannenbäcker«, fügte sie unsicher hinzu. Das schien Jörg etwas zu sagen.
»Da unten bei Höhr, ja? Das ist nicht so weit. Pack deine Sachen, Mädchen, dann machst du dich morgen auf den Weg. Und jetzt ab nach Hause.«
Unwirsch zog er Johanna die Decke von den Schultern und zeigte auf die Tür. Verwirrt blickte sie zu Elsa, aber die hatte sich den Kindern zugewandt. Johanna blieb nichts anderes übrig, als in das leere Elternhaus hinüberzugehen. Kaum stand sie draußen, hörte sie Ido heulen. Der Vater hatte den Hund morgens im Stall eingesperrt, weil er ihn nicht hatte mitnehmen wollen. Johanna rannte durch den Regen und tastete sich dann zum finsteren Stall. Kaum hatte sie die Tür geöffnet, sprang der große Hund voll überschwänglicher Freude an ihr hoch und leckte ihr quer durchs Gesicht. Dann rannte er schwanzwedelnd im Kreis um sie herum.
»Ist ja gut«, sagte Johanna leise, froh, dass sie nicht ganz allein war. Aus dem Stall drang das gleichmäßige Malmen des Pferdes, das der Nachbar offensichtlich mit Futter versorgt hatte. Johanna schloss die Stalltür und betrat mit dem Hund die Wohnstube. In der Hoffnung, dass es noch ein bisschen Glut gab, schürte sie das Feuer. Sie hatte Glück. Nach einer Weile begann der Zunder zu brennen. Aus dem Schrank nahm sie etwas Dörrfleisch für Ido und den letzten Rest Käse und Brot. Beides war schon ziemlich trocken. Sie setzte sich an den Tisch und weichte das Brot in Wasser ein, ehe sie davon abbiss.
Ihr Blick wanderte durch die vertraute Stube, die ihr trotz der Einsamkeit Trost spendete. Nachdem sie gegessen hatte, legte sie sich völlig erschöpft ins Bett. Es schien viel zu groß zu sein ohne die Familie, die sonst darin gelegen hatte.
»Ido«, rief Johanna leise und klopfte neben sich. Gehorsam sprang der Hund aufs Bett und legte sich neben sie. Kurz darauf war sie eingeschlafen.