Cuba Libre
Von der Kunst, Fidel Castro zu überleben
Yoani Sánchez(Author)
Heyne (Publisher)
Published on 22. February 2010
Book
Paperback/Softback
256 pages
978-3-453-16737-7 (ISBN)
Description
Kubas bekannteste Kritikerin packt aus - Geschichten einer Generation zwischen Zensur und Zukunft
Auf Kuba gilt sie als Staatsfeindin. Für das "Time Magazine" gehört sie zu den hundert einflussreichsten Menschen der Welt: Mit ihrem Blog "Generación Y" erreicht Yoani Sánchez weltweit ein Millionenpublikum. In "Cuba libre" erzählt sie die Wahrheit über das Leben auf Kuba, spricht offen über Zensur und Beschattung und bietet - fern jeder Reiseführerromantik - Einblicke in eine Welt, wie es sie wahrscheinlich nicht mehr lange geben wird.
Wie lebt es sich in einem der letzten sozialistischen Länder wirklich? Ob absurdes Revolutionstheater, lebenslang kaputte Fahrstühle oder der Kampf um die Lebensmittelration - Yoani Sánchez beschreibt den alltäglichen Wahnsinn in einem Land, das seit Jahrzehnten die Revolution probt und in dem Castros Parolen nach wie vor so präsent sind wie anderswo Coca-Cola-Reklame. Doch gleichzeitig ist klar, dass es früher oder später zu einem politischen Wandel auf Kuba kommen wird. Teils witzig, teils nachdenklich, aber nie ideologisch, spiegelt "Cuba libre" das Gefühl einer ganzen Generation in einem Land am Scheideweg.
Ein Land zwischen Zensur und Zukunft - Kubas bekannteste Kritikerin packt aus
Auf Kuba gilt sie als Staatsfeindin. Für das "Time Magazine" gehört sie zu den hundert einflussreichsten Menschen der Welt: Mit ihrem Blog "Generación Y" erreicht Yoani Sánchez weltweit ein Millionenpublikum. In "Cuba libre" erzählt sie die Wahrheit über das Leben auf Kuba, spricht offen über Zensur und Beschattung und bietet - fern jeder Reiseführerromantik - Einblicke in eine Welt, wie es sie wahrscheinlich nicht mehr lange geben wird.
Wie lebt es sich in einem der letzten sozialistischen Länder wirklich? Ob absurdes Revolutionstheater, lebenslang kaputte Fahrstühle oder der Kampf um die Lebensmittelration - Yoani Sánchez beschreibt den alltäglichen Wahnsinn in einem Land, das seit Jahrzehnten die Revolution probt und in dem Castros Parolen nach wie vor so präsent sind wie anderswo Coca-Cola-Reklame. Doch gleichzeitig ist klar, dass es früher oder später zu einem politischen Wandel auf Kuba kommen wird. Teils witzig, teils nachdenklich, aber nie ideologisch, spiegelt "Cuba libre" das Gefühl einer ganzen Generation in einem Land am Scheideweg.
Ein Land zwischen Zensur und Zukunft - Kubas bekannteste Kritikerin packt aus
More details
Language
German
Place of publication
München
Germany
Product notice
With flaps
Illustrations
mit zahlreichen s/w Fotos und 12seitigem Farbbildteil
Dimensions
Height: 20.6 cm
Width: 13.5 cm
ISBN-13
978-3-453-16737-7 (9783453167377)
Schweitzer Classification
Persons
Yoani Sánchez, geboren 1975 in Havanna, studierte Sprach- und Literaturwissenschaften. 2007 initiierte sie den Internetblog "Generation Y", der u.a. mit dem spanischen Journalistenpreis "Ortega y Gasset" ausgezeichnet wurde. Yoani Sánchez hat einen Sohn,
Content
Es ist April, und ich habe nicht viel zu tun, außer vom Balkon meines Wohnblocks zu schauen und mal wieder festzustellen, dass alles so ist wie im Februar oder März. Die Plaza de la Revolución mit dem Memorial José Martí - ein Denkmal auf sternförmigem Grundriss, das wie ein abgebrochener Riesenlutscher aussieht - beherrscht den Blick. Direkt vor mir erhebt sich das Ministerio de la Agricultura, das Landwirtschaftsministerium, mit seinen achtzehn Betonstockwerken. Seine imposanten Ausmaße verhalten sich genau umgekehrt zur Produktivität unserer kubanischen Landwirtschaft. Diesen interessanten Widerspruch habe ich mir dann mit dem Fernglas genauer angeschaut, die zerbrochenen Fensterscheiben und leeren Etagen. Da ich im sogenannten "Regierungsviertel" wohne, kann ich die trutzigen Gebäude in aller Ruhe beobachten, in denen die Maßnahmen und Verordnungen für das ganze Land beschlossen werden. Und wenn ich so durch mein Fernglas schaue, denke ich mir: "Gut, ihr belauert mich, aber ich lasse euch auch nicht aus den Augen." Allerdings muss ich zugeben, dass das bisher noch nicht viel gebracht hat. Nichts als Lethargie strahlen diese leeren Fensterreihen aus, die sogar den Beton meines Wohnblocks "Modell Jugoslawien" durchdringt.
Ich sehe Menschen, die zum Markt unterwegs sind, mit leeren Plastiktüten in der Hand, die sie nur allzu häufig leer wieder zurücktragen. Auch ich ziehe mit einer Plastiktüte zum Einkaufen los, stecke sie aber immer zusammengefaltet in die Jackentasche, damit man nicht gleich erkennt, wie zermürbt auch ich vom ständigen Schlangestehen bin, von der Jagd nach Lebensmitteln, von den Gerüchten und Enttäuschungen: Auf dem Markt soll's heute Huhn geben. Hoffentlich komme ich nicht wieder zu spät. Genau wie alle anderen bin ich meistens wie besessen hinter einem bestimmten Produkt her, aber ich gebe mir Mühe, es nicht offen zu zeigen. Mit Bezugsscheinen kam ich zur Welt, und aufgewachsen bin ich unter den Bedingungen des Periodo Especial. Deshalb ist Essen für mich zu einer Art Zwangsvorstellung geworden, die mein Denken beherrscht. Ich will das nicht ausweiten und verkneife es mir, von der unterdrückten Fresslust zu erzählen, die ich häufig auch in den Mienen meiner Freunde erkenne.
Während ich mir die Zeit damit vertreibe, die Kondore zu zählen, die den "Riesenlutscher" umschweben, und darüber nachzudenken, wie ich meine Plastiktüte voll bekomme, reift in mir die riskanteste Idee meines bisherigen Lebens. Vielleicht liegt es an der feuchtschwülen Aprilluft, an der ungesunden, beklemmenden Atmosphäre dieses Frühlings: Jedenfalls nähern sich meine Finger der Tastatur des altertümlichen Notebooks, das ich sechs Monate zuvor erstanden habe. Von einem Kubaner, der für die Flucht über das Meer unbedingt einen Chevrolet-Motor brauchte. Die Überfahrt dieses Amateurseefahrers nahm kein gutes Ende, aber da war der Computer bereits in meinen Besitz übergegangen, und dort ist er auch geblieben. Jedenfalls beginne ich zu schreiben. Ich schreibe einen Text, der irgendwo zwischen einem Hilferuf und einer großen Frage anzusiedeln ist, ohne mir darüber bewusst zu sein, dass dies mein erster Blog-Eintrag, mein erstes Posting, sein wird. Die Szene ist rasch skizziert: Eine machtlose, aller Träume beraubte Frau hört auf, nur zu beobachten, sondern geht dazu über, das zu beschreiben, was in den Medien ihres Landes schlichtweg nicht vorkommt. Bevor ich meine desillusionierten Bestandsaufnahmen der kubanischen Wirklichkeit veröffentliche, bin ich hin und her gerissen zwischen zwei warnenden Stimmen: der Stimme der Apathie auf der einen Seite, die mir zuflüstert, dass sich auf diese Weise auch nichts ändern wird. Auf der anderen Seite die Stimme der Angst, die mich an meinen zwölfjährigen Sohn erinnert und all die Nachteile, die ihm in Zukunft durch die Entscheidung seiner Mutter entstehen könnten. Ich höre auch die Stimme meiner eigenen Mutter: "Aber Kind! Was hast du dir denn da eingebrockt?", und male mir schon aus, dass mir der Vorwurf, eine Agentin zu sein - entweder der CIA oder der Staatssicherheit -, gewiss nicht erspart bleiben wird. Die Wächterin der Vernunft hinter meiner Stirn hat meistens Recht, aber die Verrückte, mit der sie dort zusammenlebt, will nicht auf sie hören. So stelle ich also meinen ersten Eintrag fertig, und damit setzen sie sich endgültig durch: die leeren Plastiktüten, das unproduktive Ministerium in seinem mächtigen Betonklotz, die Angst vor dem Hunger und das Floß, das im Golf von Mexiko treibt.
Es sind nur ein paar Zeilen, doch damit bin ich nun eine Bloggerin. Und ich verspüre eine Erregung, wie sie vielleicht typisch ist, wenn man gleichzeitig sein eigener Verleger, Chefredakteur und Lektor ist. Nur wenige Monate ist es her, dass ich zum ersten Mal ein Blog gelesen habe, von einem Landsmann, der unter dem Namen "Ein Inselkubaner" schreibt. Seine Beobachtungen treffen so genau auch meinen Alltag, dass ich manchmal denke, mein Nachbar hätte sie geschrieben. Aber das kann nicht sein. Der gehört nämlich der Kommunistischen Partei an und beherrscht nur ein "literarisches" Genre: Berichte über Aktivitäten illegal Gewerbetreibender.
Generación Y nenne ich meinen neuen Freiraum, ein Blog, inspiriert von den Erfahrungen meiner Generation. Leute, die im Kuba der siebziger und achtziger Jahre aufgewachsen sind und von Schulen und Arbeitseinsätzen auf dem Land geprägt wurden, von russischen Matroschkapuppen, Fluchtversuchen, geplatzten Illusionen. und vor allem eins gemeinsam haben: Fast alle unsere Namen beginnen oder enthalten ein "Y". In diesen Jahrzehnten strenger Überwachung bewahrte man sich einen letzten Rest von Freiheit durch die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wie die eigenen Kinder heißen sollen. Und so erlaubten sich unsere uniformierten Eltern - in ihren Hemden und Hosen im Einheitsschnitt der staatlichen Produktion - den Spleen, uns, ihren Kindern, exotisch klingende Fantasienamen zu verpassen. Obwohl durch dieses Y vereint, besteht meine Generation aus extrem unterschiedlichen Menschen: Polizeibeamte gehören ebenso dazu wie "Gigolos" auf der Suche nach Touristen, denen sie ihr Geld abnehmen können. Was uns darüber hinaus aber verbindet, ist ein ganz eigener Zynismus, der notwendig ist, um in dieser Gesellschaft leben zu können. Einer Gesellschaft, in der sich die eigenen Träume überlebt haben und die Zukunft verspielt wurde, bevor sie überhaupt beginnen konnte.
Ich sehe Menschen, die zum Markt unterwegs sind, mit leeren Plastiktüten in der Hand, die sie nur allzu häufig leer wieder zurücktragen. Auch ich ziehe mit einer Plastiktüte zum Einkaufen los, stecke sie aber immer zusammengefaltet in die Jackentasche, damit man nicht gleich erkennt, wie zermürbt auch ich vom ständigen Schlangestehen bin, von der Jagd nach Lebensmitteln, von den Gerüchten und Enttäuschungen: Auf dem Markt soll's heute Huhn geben. Hoffentlich komme ich nicht wieder zu spät. Genau wie alle anderen bin ich meistens wie besessen hinter einem bestimmten Produkt her, aber ich gebe mir Mühe, es nicht offen zu zeigen. Mit Bezugsscheinen kam ich zur Welt, und aufgewachsen bin ich unter den Bedingungen des Periodo Especial. Deshalb ist Essen für mich zu einer Art Zwangsvorstellung geworden, die mein Denken beherrscht. Ich will das nicht ausweiten und verkneife es mir, von der unterdrückten Fresslust zu erzählen, die ich häufig auch in den Mienen meiner Freunde erkenne.
Während ich mir die Zeit damit vertreibe, die Kondore zu zählen, die den "Riesenlutscher" umschweben, und darüber nachzudenken, wie ich meine Plastiktüte voll bekomme, reift in mir die riskanteste Idee meines bisherigen Lebens. Vielleicht liegt es an der feuchtschwülen Aprilluft, an der ungesunden, beklemmenden Atmosphäre dieses Frühlings: Jedenfalls nähern sich meine Finger der Tastatur des altertümlichen Notebooks, das ich sechs Monate zuvor erstanden habe. Von einem Kubaner, der für die Flucht über das Meer unbedingt einen Chevrolet-Motor brauchte. Die Überfahrt dieses Amateurseefahrers nahm kein gutes Ende, aber da war der Computer bereits in meinen Besitz übergegangen, und dort ist er auch geblieben. Jedenfalls beginne ich zu schreiben. Ich schreibe einen Text, der irgendwo zwischen einem Hilferuf und einer großen Frage anzusiedeln ist, ohne mir darüber bewusst zu sein, dass dies mein erster Blog-Eintrag, mein erstes Posting, sein wird. Die Szene ist rasch skizziert: Eine machtlose, aller Träume beraubte Frau hört auf, nur zu beobachten, sondern geht dazu über, das zu beschreiben, was in den Medien ihres Landes schlichtweg nicht vorkommt. Bevor ich meine desillusionierten Bestandsaufnahmen der kubanischen Wirklichkeit veröffentliche, bin ich hin und her gerissen zwischen zwei warnenden Stimmen: der Stimme der Apathie auf der einen Seite, die mir zuflüstert, dass sich auf diese Weise auch nichts ändern wird. Auf der anderen Seite die Stimme der Angst, die mich an meinen zwölfjährigen Sohn erinnert und all die Nachteile, die ihm in Zukunft durch die Entscheidung seiner Mutter entstehen könnten. Ich höre auch die Stimme meiner eigenen Mutter: "Aber Kind! Was hast du dir denn da eingebrockt?", und male mir schon aus, dass mir der Vorwurf, eine Agentin zu sein - entweder der CIA oder der Staatssicherheit -, gewiss nicht erspart bleiben wird. Die Wächterin der Vernunft hinter meiner Stirn hat meistens Recht, aber die Verrückte, mit der sie dort zusammenlebt, will nicht auf sie hören. So stelle ich also meinen ersten Eintrag fertig, und damit setzen sie sich endgültig durch: die leeren Plastiktüten, das unproduktive Ministerium in seinem mächtigen Betonklotz, die Angst vor dem Hunger und das Floß, das im Golf von Mexiko treibt.
Es sind nur ein paar Zeilen, doch damit bin ich nun eine Bloggerin. Und ich verspüre eine Erregung, wie sie vielleicht typisch ist, wenn man gleichzeitig sein eigener Verleger, Chefredakteur und Lektor ist. Nur wenige Monate ist es her, dass ich zum ersten Mal ein Blog gelesen habe, von einem Landsmann, der unter dem Namen "Ein Inselkubaner" schreibt. Seine Beobachtungen treffen so genau auch meinen Alltag, dass ich manchmal denke, mein Nachbar hätte sie geschrieben. Aber das kann nicht sein. Der gehört nämlich der Kommunistischen Partei an und beherrscht nur ein "literarisches" Genre: Berichte über Aktivitäten illegal Gewerbetreibender.
Generación Y nenne ich meinen neuen Freiraum, ein Blog, inspiriert von den Erfahrungen meiner Generation. Leute, die im Kuba der siebziger und achtziger Jahre aufgewachsen sind und von Schulen und Arbeitseinsätzen auf dem Land geprägt wurden, von russischen Matroschkapuppen, Fluchtversuchen, geplatzten Illusionen. und vor allem eins gemeinsam haben: Fast alle unsere Namen beginnen oder enthalten ein "Y". In diesen Jahrzehnten strenger Überwachung bewahrte man sich einen letzten Rest von Freiheit durch die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wie die eigenen Kinder heißen sollen. Und so erlaubten sich unsere uniformierten Eltern - in ihren Hemden und Hosen im Einheitsschnitt der staatlichen Produktion - den Spleen, uns, ihren Kindern, exotisch klingende Fantasienamen zu verpassen. Obwohl durch dieses Y vereint, besteht meine Generation aus extrem unterschiedlichen Menschen: Polizeibeamte gehören ebenso dazu wie "Gigolos" auf der Suche nach Touristen, denen sie ihr Geld abnehmen können. Was uns darüber hinaus aber verbindet, ist ein ganz eigener Zynismus, der notwendig ist, um in dieser Gesellschaft leben zu können. Einer Gesellschaft, in der sich die eigenen Träume überlebt haben und die Zukunft verspielt wurde, bevor sie überhaupt beginnen konnte.