Das Baßsaxophon
Jazz-Geschichten
Josef Skvorecký(Author)
DVA (Publisher)
Published on 11. August 2005
Book
Hardback
368 pages
978-3-421-05250-6 (ISBN)
Description
Jazz war die Domäne der Unangepaßten in der Nazizeit und unter dem kommunistischen Regime. Niemand hat davon so hinreißend erzählt wie Josef Skvorecký.
In seinen Erzählungen, die hier erstmals auf deutsch erscheinen, geht es um Erlebnisse und Schicksale junger Menschen, die ihrer Leidenschaft für den Jazz frönen, um Liebesgeschichten und komische Begebenheiten, in denen die politischen Zwänge und Gefahren ebenso aufscheinen wie eine unbändige Lebensfreude.
In seinen Erzählungen, die hier erstmals auf deutsch erscheinen, geht es um Erlebnisse und Schicksale junger Menschen, die ihrer Leidenschaft für den Jazz frönen, um Liebesgeschichten und komische Begebenheiten, in denen die politischen Zwänge und Gefahren ebenso aufscheinen wie eine unbändige Lebensfreude.
More details
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 17 cm
Width: 10.4 cm
ISBN-13
978-3-421-05250-6 (9783421052506)
Schweitzer Classification
Persons
Author
Afterword
Translation
Content
Im Gedenken an Bedfich Weiss, Bandleader bei den Ghetto Swingers in Thereienstadt
Jedes Konzert beschloß Suzi Braun mit ihrem Lieblingslied:
Ich hab nur eins im Sinn, mein Leben geb ich hin für diesen Rhythmus, dieses Lied, dem ich verfallen bin.
Ruppig, mit ätzenden Smears akzentuierten wir, die Saxophonbatterie, die Synkopen; die Blechbläser kamen leicht versetzt hinterhergekläfft. Und Suzi sang:
Und lebt' ich hundert Jahr, was wahr ist, bliebe wahr: Für diesen Rhythmus, dieses Lied bring ich mein Leben dar!
Und während der letzte Akkord verklang, mit dem schrillen Oberton aus Paddys Trompete, kamen mir jedesmal die Tränen.
Darum sollte ich besser von vorne beginnen. Bei jenen unwiederbringlichen Zeiten, da ich und die Jungs, mit denen ich später die Band gründete, unseren heißgeliebten Jaroslav Jezek entdeckten; den Zeiten, da der große Duke jenseits des großen Teiches die magische Formel geprägt hatte, in der eine Grundwahrheit unseres Jahrhunderts zum Ausdruck kam:
It don't mean a thing If it ain't got that swing.
Jenen Zeiten, da die Soldaten mit ihren schnellen Panzerverbänden das Leben und die Freiheit von der Landkarte Europas radierten und wir vielleicht gerade darum so klar und deutlich erkannten, was an Sinn und Bedeutung, Geschmack und Aroma, Freude, Fluch und Segen in jener zauberischen Wirklichkeit steckte, die wir Jazz nannten.
Die Anfänge waren selbstredend lächerlich, und man erinnert sich lieber nicht so genau daran. Doch im Halbdunkel des Gedächtnisses sehe ich uns eines schönen Nachmittags im Vorfrühling, die ersten langen Hosen tragend und ich vielleicht immer noch Knickerbocker, in Paddys Zimmer der elterlichen Villa vor dem Grammophon hocken, und wir hören zum ersten Mal im Leben, wie gewaltig Saxophone klingen können, wie sie schmeicheln können oder wild röhren, zum ersten Mal im Leben erreicht uns die magische Kraft des Gesangs, der von schwarzen Lippen kommt: Every star above Knows the one I love Sweet Sue, just you.
Zum ersten Mal dieser Überschwang aus Glück und Verzweiflung beim Hören einer Platte von Jimmy Lunceford, die Herr Nakonec, Paddys Vater, versehentlich aus Prag mitgebracht und seiner Sammlung mit Wiener Walzern und Berliner Chansons einverleibt hat. Wir lassen die Platte wieder und wieder laufen, immer aufs neue hin und weg von den Tigersprüngen, die Luncefords Saxophon vollführt, wie dynamisch es ab- und wieder anschwillt in dieser genauen, leicht überspannten Intonation, mit diesen raffiniert gedehnten Synkopen, bei denen einem Schauer über den Rücken rieseln.
Dies war der Tag, an dem mein Leben die entscheidende Wendung nahm.
Und ich denke, das Leben von uns allen.
Angefangen hat es damit, daß Paddy, damals noch Pavel Nakonec, seinem Vater eine Jazztrompete abluchste.
Danach mußten auch die Väter von uns anderen eine ähnliche Erfahrung machen. Auf einem Konzil in der Nakonecschen Villa hatte eine präzise Aufgabenverteilung stattgefunden; für den Anfang, so war entschieden worden, brauchten wir von jedem Instrument eins. Dabei ahnten wir nicht, daß auf diese willkürliche Weise der Kern einer Band entstehen würde, die bis heute Bestand hat und zum ewigen Gedenken den Namen unseres ersten und besten Trompeters und Bandleaders trägt: Paddy's Dixielanders.
Nur dem allerersten Ansturm konnten die Väter sich noch widersetzen. Zu Probenbeginn in Paddys Zimmer fand sich deshalb eine kuriose Besetzung zusammen, basierend auf dem, was das Haus hergab: Da war eine Jazztrompete, da war ein Klavier, und da war ein Kontrabaß; um diesen "Jazzkern" aber gruppierte sich ein Spielmannsverein aus zwei Geigen, einer Mandoline, einer Türkentrommel (vom Dachboden des Stadtschlosses stammend, wohl ein Relikt der einstigen fürstlichen Kapelle; Franta Rozkosny, der Sohn des Kastellans, hatte sie aufgestöbert) sowie einem funkelnagelneuen Xylophon - magere Ausbeute meiner Saxophonoffensive, die ich mir selber im Geiste als Vibraphon schönredete.
Das Saxophon hatte mir Vater unter Verweis auf meine schwachen Lungen rundweg ausgeschlagen. Doch weil Mutter es nicht ertragen konnte, wenn einer meiner Wünsche unerfüllt blieb, bekam ich wenigstens ein Xylophon.
So also sahen die Anfänge aus. Es war eine grausige Musik, die da in der Nakonecschen Villa erklang, Katzenxylophonie, dominiert von den ungeschickten Kieksern aus Paddys Trompete. Der Katzencharakter verdankte sich insbesondere dem sehr eigentümlichen Geigenduo, das seiner aus Malâts (halbverdauter) Geigenschule stammenden Technik die Leichtigkeit des Swings einzuhauchen versuchte - ohne Erfolg. Zu seinem langgezogenen Knarzen gesellten sich die wummernden Schläge der Türkentrommel, das störrische Klimpern der Mandoline und mein freudlos-chaotisches Hämmern auf dem Xylophon. Das Ergebnis war einfach unnachahmlich.
Doch es brauchte nur bis zum Jahre 1940, um zum strahlenden Wunder einer Swingband in großer Besetzung zu werden: fünf Saxophone, drei Trompeten, drei Posaunen, volle Rhythmusgruppe und die Sängerin Suzi Braun.
Letzterer Punkt in der Besetzungsliste war Paddy Nakonec zu verdanken. Es handelte sich um eine Waise, deren Eltern Anfang 1940 in Oranienburg geendet waren. Weder Jüdin noch Deutsche, wie der Name vermuten ließ, sondern Tschechin. Nach K. hatte Herr Nakonec sie geholt, weil ihr Vater des öfteren als Polier auf Baustellen tätig gewesen war, für die Nakonec' Büro die Pläne gemacht hatte. Bis dahin hatte Suzi in Prag gewohnt; kaum in K. aufgetaucht, schlug sie groß ein. Eine ganze Reihe von Typen aus dem Gymnasium und anderswoher lag ihr augenblicklich zu Füßen; am weitesten jedoch brachte es Paddy, der freilich im Vorteil war, da Suzi bei den Nakonecens wohnte und als Hilfszeichnerin im Büro von Paddys Vater arbeitete.
An dieser Stelle muß gesagt werden, daß Paddy kein Arier war. Oder jedenfalls nur zur Hälfte. Seine selige Mutter hatte Sommerstein geheißen, ihr um zwanzig Jahre jüngerer Bruder Harry Sommerstein tat irgendwo an den Grenzen des tausendjährigen Reiches als Jagdflieger Dienst. Den tschechischen Namen hatte Paddy vom Vater ererbt, die jüdischen Gesichtszüge von der Mutter. Als man ihn dann deswegen vom Gymnasium warf, kam er als Zeichner bei Mojmir Ströbinger, einem von Vaters Konkurrenten, unter und lebte von da an in jener sonderbaren seelischen Verfassung, die für "unter rassischem Gesichtspunkt problematische" Personen damals typisch war.
Desto mehr hing er der Jazztrompete an, desto enger auch war sein Verhältnis zu Suzi. Und die wiederum, unsere sweetie Suzi, hängte ihr Herz an die Band, entdeckte an sich eine angenehme, liebliche, leicht rauchige Altstimme sowie ein geniales Rhythmusgefühl mit Sinn für Synkopen.
Jedes Konzert beschloß Suzi Braun mit ihrem Lieblingslied:
Ich hab nur eins im Sinn, mein Leben geb ich hin für diesen Rhythmus, dieses Lied, dem ich verfallen bin.
Ruppig, mit ätzenden Smears akzentuierten wir, die Saxophonbatterie, die Synkopen; die Blechbläser kamen leicht versetzt hinterhergekläfft. Und Suzi sang:
Und lebt' ich hundert Jahr, was wahr ist, bliebe wahr: Für diesen Rhythmus, dieses Lied bring ich mein Leben dar!
Und während der letzte Akkord verklang, mit dem schrillen Oberton aus Paddys Trompete, kamen mir jedesmal die Tränen.
Darum sollte ich besser von vorne beginnen. Bei jenen unwiederbringlichen Zeiten, da ich und die Jungs, mit denen ich später die Band gründete, unseren heißgeliebten Jaroslav Jezek entdeckten; den Zeiten, da der große Duke jenseits des großen Teiches die magische Formel geprägt hatte, in der eine Grundwahrheit unseres Jahrhunderts zum Ausdruck kam:
It don't mean a thing If it ain't got that swing.
Jenen Zeiten, da die Soldaten mit ihren schnellen Panzerverbänden das Leben und die Freiheit von der Landkarte Europas radierten und wir vielleicht gerade darum so klar und deutlich erkannten, was an Sinn und Bedeutung, Geschmack und Aroma, Freude, Fluch und Segen in jener zauberischen Wirklichkeit steckte, die wir Jazz nannten.
Die Anfänge waren selbstredend lächerlich, und man erinnert sich lieber nicht so genau daran. Doch im Halbdunkel des Gedächtnisses sehe ich uns eines schönen Nachmittags im Vorfrühling, die ersten langen Hosen tragend und ich vielleicht immer noch Knickerbocker, in Paddys Zimmer der elterlichen Villa vor dem Grammophon hocken, und wir hören zum ersten Mal im Leben, wie gewaltig Saxophone klingen können, wie sie schmeicheln können oder wild röhren, zum ersten Mal im Leben erreicht uns die magische Kraft des Gesangs, der von schwarzen Lippen kommt: Every star above Knows the one I love Sweet Sue, just you.
Zum ersten Mal dieser Überschwang aus Glück und Verzweiflung beim Hören einer Platte von Jimmy Lunceford, die Herr Nakonec, Paddys Vater, versehentlich aus Prag mitgebracht und seiner Sammlung mit Wiener Walzern und Berliner Chansons einverleibt hat. Wir lassen die Platte wieder und wieder laufen, immer aufs neue hin und weg von den Tigersprüngen, die Luncefords Saxophon vollführt, wie dynamisch es ab- und wieder anschwillt in dieser genauen, leicht überspannten Intonation, mit diesen raffiniert gedehnten Synkopen, bei denen einem Schauer über den Rücken rieseln.
Dies war der Tag, an dem mein Leben die entscheidende Wendung nahm.
Und ich denke, das Leben von uns allen.
Angefangen hat es damit, daß Paddy, damals noch Pavel Nakonec, seinem Vater eine Jazztrompete abluchste.
Danach mußten auch die Väter von uns anderen eine ähnliche Erfahrung machen. Auf einem Konzil in der Nakonecschen Villa hatte eine präzise Aufgabenverteilung stattgefunden; für den Anfang, so war entschieden worden, brauchten wir von jedem Instrument eins. Dabei ahnten wir nicht, daß auf diese willkürliche Weise der Kern einer Band entstehen würde, die bis heute Bestand hat und zum ewigen Gedenken den Namen unseres ersten und besten Trompeters und Bandleaders trägt: Paddy's Dixielanders.
Nur dem allerersten Ansturm konnten die Väter sich noch widersetzen. Zu Probenbeginn in Paddys Zimmer fand sich deshalb eine kuriose Besetzung zusammen, basierend auf dem, was das Haus hergab: Da war eine Jazztrompete, da war ein Klavier, und da war ein Kontrabaß; um diesen "Jazzkern" aber gruppierte sich ein Spielmannsverein aus zwei Geigen, einer Mandoline, einer Türkentrommel (vom Dachboden des Stadtschlosses stammend, wohl ein Relikt der einstigen fürstlichen Kapelle; Franta Rozkosny, der Sohn des Kastellans, hatte sie aufgestöbert) sowie einem funkelnagelneuen Xylophon - magere Ausbeute meiner Saxophonoffensive, die ich mir selber im Geiste als Vibraphon schönredete.
Das Saxophon hatte mir Vater unter Verweis auf meine schwachen Lungen rundweg ausgeschlagen. Doch weil Mutter es nicht ertragen konnte, wenn einer meiner Wünsche unerfüllt blieb, bekam ich wenigstens ein Xylophon.
So also sahen die Anfänge aus. Es war eine grausige Musik, die da in der Nakonecschen Villa erklang, Katzenxylophonie, dominiert von den ungeschickten Kieksern aus Paddys Trompete. Der Katzencharakter verdankte sich insbesondere dem sehr eigentümlichen Geigenduo, das seiner aus Malâts (halbverdauter) Geigenschule stammenden Technik die Leichtigkeit des Swings einzuhauchen versuchte - ohne Erfolg. Zu seinem langgezogenen Knarzen gesellten sich die wummernden Schläge der Türkentrommel, das störrische Klimpern der Mandoline und mein freudlos-chaotisches Hämmern auf dem Xylophon. Das Ergebnis war einfach unnachahmlich.
Doch es brauchte nur bis zum Jahre 1940, um zum strahlenden Wunder einer Swingband in großer Besetzung zu werden: fünf Saxophone, drei Trompeten, drei Posaunen, volle Rhythmusgruppe und die Sängerin Suzi Braun.
Letzterer Punkt in der Besetzungsliste war Paddy Nakonec zu verdanken. Es handelte sich um eine Waise, deren Eltern Anfang 1940 in Oranienburg geendet waren. Weder Jüdin noch Deutsche, wie der Name vermuten ließ, sondern Tschechin. Nach K. hatte Herr Nakonec sie geholt, weil ihr Vater des öfteren als Polier auf Baustellen tätig gewesen war, für die Nakonec' Büro die Pläne gemacht hatte. Bis dahin hatte Suzi in Prag gewohnt; kaum in K. aufgetaucht, schlug sie groß ein. Eine ganze Reihe von Typen aus dem Gymnasium und anderswoher lag ihr augenblicklich zu Füßen; am weitesten jedoch brachte es Paddy, der freilich im Vorteil war, da Suzi bei den Nakonecens wohnte und als Hilfszeichnerin im Büro von Paddys Vater arbeitete.
An dieser Stelle muß gesagt werden, daß Paddy kein Arier war. Oder jedenfalls nur zur Hälfte. Seine selige Mutter hatte Sommerstein geheißen, ihr um zwanzig Jahre jüngerer Bruder Harry Sommerstein tat irgendwo an den Grenzen des tausendjährigen Reiches als Jagdflieger Dienst. Den tschechischen Namen hatte Paddy vom Vater ererbt, die jüdischen Gesichtszüge von der Mutter. Als man ihn dann deswegen vom Gymnasium warf, kam er als Zeichner bei Mojmir Ströbinger, einem von Vaters Konkurrenten, unter und lebte von da an in jener sonderbaren seelischen Verfassung, die für "unter rassischem Gesichtspunkt problematische" Personen damals typisch war.
Desto mehr hing er der Jazztrompete an, desto enger auch war sein Verhältnis zu Suzi. Und die wiederum, unsere sweetie Suzi, hängte ihr Herz an die Band, entdeckte an sich eine angenehme, liebliche, leicht rauchige Altstimme sowie ein geniales Rhythmusgefühl mit Sinn für Synkopen.