
Ohne Maria
Roman
Wolfgang Schömel(Author)
Klett-Cotta (Publisher)
1st Edition
Published on 21. July 2004
Book
299 pages
978-3-608-93570-7 (ISBN)
Description
Christoph Madlé, ein gescheiterter Intellektueller, liegt auf der Analysecouch seiner etwas zu attraktiven Ärztin. Er redet von Maria, seiner Geliebten, die er nicht vergessen kann, von seinen ersten Treffen mit ihr und davon, wie sie plötzlich rätselhaft aus seinem Leben verschwand. Beruflich ging es ihm damals gut, er etablierte sich als Rundfunkmitarbeiter, Ghostwriter und schließlich als Biograph des alten, reichen Unternehmers Jungmann. Nach einigen Monaten, während eines Portugalaufenthaltes, taucht Maria wieder auf. Eine Liebesgeschichte beginnt, anrührend, verwirrend und mit einem dramatischen Ausgang, der Madlé aus seiner Lebensbahn wirft.
Auch mit diesem Roman einer heroischen Depression bewegt sich Schömel in existentiellen Extremsituationen - unsentimental, elegant und unvergeßlich. So entsteht die präzise Topographie eines männlichen Liebenden. Wir erleben eine wunderbar unzeitgemäße Erziehung des Herzens.
Auch mit diesem Roman einer heroischen Depression bewegt sich Schömel in existentiellen Extremsituationen - unsentimental, elegant und unvergeßlich. So entsteht die präzise Topographie eines männlichen Liebenden. Wir erleben eine wunderbar unzeitgemäße Erziehung des Herzens.
More details
Edition
1. Aufl. 2004
Language
German
Place of publication
Stuttgart
Germany
Dimensions
Height: 21 cm
Width: 13.3 cm
Weight
476 gr
ISBN-13
978-3-608-93570-7 (9783608935707)
Schweitzer Classification
Person
Author
Wolfgang Schömel, geboren 1952 in Bad Kreuznach, studierte Literatur und Philosophie in Mainz und Bremen. Er veröffentlichte Arbeiten u. a. über den heroischen Pessimismus, über Nietzsche und Ingeborg Bachmann. Literarische Arbeiten im »Merkur«, in der »Krachkultur« und der Frankfurter Rundschau.
Schömel ist seit 1989 Hamburger Literaturreferent, seit 1992 Mitherausgeber des literarischen Jahrbuchs »Hamburger Ziegel«.
Für die Titelgeschichte von Die Reinheit des Augenblicks erhielt Schömel den Georg-K.-Glaser-Preis 2003.
2005 hat er den Preis »Buch des Jahres« erhalten, der vom Förderkreis deutscher Schriftsteller in Rheinland-Pfalz vergeben wird.Außerdem wurde Wolfgang Schömel im November 2012 von seiner Heimatstadt Bad Kreuznach mit dem Städtischen Förderpreis für Literatur ausgezeichnet.
Content
1.
Nicht, dass ich glaubte, hier zu finden, was mir fehlt. Ich bewege mich durch die Hamburger Einkaufszonen, betreibe Warenkunde, manchmal betrachte ich schöne Frauen. Ich fahre die Rolltreppen des Kaufhauses hoch, um mich ein wenig in der Sportartikel-Abteilung aufzuhalten. Zu den Ausrüstungsgegenständen aus dem Trekking-Bereich fühle ich mich hingezogen: Schuhe, Rucksäcke, Goretex-Jacken. In diesem Warensegment kenne ich mich recht gut aus. Allerdings weiß ich nicht, ob mein defektes Bein je wieder für schwierige Wanderungen taugen wird. Erst vor eineinhalb Jahren hat man mir das Metall aus den Knochen entfernt, ein Jahr später als geplant. Ich hatte diesen Eingriff immer wieder hinausgeschoben.
Die Außenflanken der Rolltreppenanlage sind mit Spiegeln verkleidet. Ich mag keine Spiegel, weil ich mir nicht gefalle. Am schlimmsten ist es, wenn jemand anderes in denselben Spiegel schaut wie ich. "Verzieh doch dein Gesicht nicht so", sagte Maria, wenn wir zusammen vor dem Badezimmerspiegel standen. Kleidung kaufe ich mehr oder weniger auf Verdacht, weil ich in den Umkleidekabinen der Boutiquen mein Gesicht nicht zusammen mit den anprobierten Stücken sehen will. Ich halte die Hand vors Gesicht, damit ich das Hemd oder die Hose isoliert, also ohne mein Gesicht sehe. Zu Hause merke ich dann, dass die beiden nicht zusammenpassen, mein Gesicht und das Kleidungsstück.
Letzte Nacht habe ich einigermaßen gut geschlafen. In den Stunden, in denen ich wach lag, habe ich nur wenig gegrübelt. Deswegen war mein Selbstbewusstsein heute Vormittag einigermaßen stabil. Auch das schöne Wetter und die vielen Stunden ohne Spiegelbild sind mir gut bekommen. Bis gerade eben hatte ich ein erstaunlich intaktes Gesichtsgefühl. Jetzt, auf der Rolltreppe fahrend, sehe ich mich: unattraktiv, bleich und irgendwie fleckig. Meine Souveränität bricht zusammen. Oben angekommen, tue ich so, als falle mir erst jetzt ein, dass es die gesuchte Ware ein Stockwerk tiefer gibt. Ich verlasse das Kaufhaus im Viertelsegment einer automatischen Drehtür. Ewige Sekunden lang befinde ich mich in einer Choreographie mit einer jungen blondierten Mutter: lange, ornamentgeprägte Lederjacke und Teiggesicht. Im Trippelschritt schiebt sie den Kinderwagen hinter der gläsernen Wand des Drehtürsegmentes her. Ich bin gezwungen, mit ihr im Gleichschritt zu gehen. Das Wesen im Kinderwagen glotzt mich mordlüstern an. Mein Gesicht entgleist nun völlig. Jedenfalls vermute ich das. Manchmal klingt meine angespannte Mimik minutenlang nach, obwohl die Situation, die ihr Anlass war, längst überstanden ist. Offenbar kann ich zum Fürchten aussehen. Maria hat mich manchmal gebeten, "nicht so zu kucken", auch an dem Partyabend bei Förster Klein, als ich mich so furchtbar aufführte.
Nicht, dass ich glaubte, hier zu finden, was mir fehlt. Ich bewege mich durch die Hamburger Einkaufszonen, betreibe Warenkunde, manchmal betrachte ich schöne Frauen. Ich fahre die Rolltreppen des Kaufhauses hoch, um mich ein wenig in der Sportartikel-Abteilung aufzuhalten. Zu den Ausrüstungsgegenständen aus dem Trekking-Bereich fühle ich mich hingezogen: Schuhe, Rucksäcke, Goretex-Jacken. In diesem Warensegment kenne ich mich recht gut aus. Allerdings weiß ich nicht, ob mein defektes Bein je wieder für schwierige Wanderungen taugen wird. Erst vor eineinhalb Jahren hat man mir das Metall aus den Knochen entfernt, ein Jahr später als geplant. Ich hatte diesen Eingriff immer wieder hinausgeschoben.
Die Außenflanken der Rolltreppenanlage sind mit Spiegeln verkleidet. Ich mag keine Spiegel, weil ich mir nicht gefalle. Am schlimmsten ist es, wenn jemand anderes in denselben Spiegel schaut wie ich. "Verzieh doch dein Gesicht nicht so", sagte Maria, wenn wir zusammen vor dem Badezimmerspiegel standen. Kleidung kaufe ich mehr oder weniger auf Verdacht, weil ich in den Umkleidekabinen der Boutiquen mein Gesicht nicht zusammen mit den anprobierten Stücken sehen will. Ich halte die Hand vors Gesicht, damit ich das Hemd oder die Hose isoliert, also ohne mein Gesicht sehe. Zu Hause merke ich dann, dass die beiden nicht zusammenpassen, mein Gesicht und das Kleidungsstück.
Letzte Nacht habe ich einigermaßen gut geschlafen. In den Stunden, in denen ich wach lag, habe ich nur wenig gegrübelt. Deswegen war mein Selbstbewusstsein heute Vormittag einigermaßen stabil. Auch das schöne Wetter und die vielen Stunden ohne Spiegelbild sind mir gut bekommen. Bis gerade eben hatte ich ein erstaunlich intaktes Gesichtsgefühl. Jetzt, auf der Rolltreppe fahrend, sehe ich mich: unattraktiv, bleich und irgendwie fleckig. Meine Souveränität bricht zusammen. Oben angekommen, tue ich so, als falle mir erst jetzt ein, dass es die gesuchte Ware ein Stockwerk tiefer gibt. Ich verlasse das Kaufhaus im Viertelsegment einer automatischen Drehtür. Ewige Sekunden lang befinde ich mich in einer Choreographie mit einer jungen blondierten Mutter: lange, ornamentgeprägte Lederjacke und Teiggesicht. Im Trippelschritt schiebt sie den Kinderwagen hinter der gläsernen Wand des Drehtürsegmentes her. Ich bin gezwungen, mit ihr im Gleichschritt zu gehen. Das Wesen im Kinderwagen glotzt mich mordlüstern an. Mein Gesicht entgleist nun völlig. Jedenfalls vermute ich das. Manchmal klingt meine angespannte Mimik minutenlang nach, obwohl die Situation, die ihr Anlass war, längst überstanden ist. Offenbar kann ich zum Fürchten aussehen. Maria hat mich manchmal gebeten, "nicht so zu kucken", auch an dem Partyabend bei Förster Klein, als ich mich so furchtbar aufführte.