Alles wird gut
Roman
Monica Sabolo(Author)
Goldmann (Publisher)
Published on 14. April 2009
Book
Paperback/Softback
240 pages
978-3-442-46228-5 (ISBN)
Description
Zärtlich, ironisch, klug - ein wunderbar witziger Roman über das bittersüße Wagnis der Liebe
Louise und Julia sind acht Jahre alt, als sie sich zum ersten Mal begegnen, und sie können unterschiedlicher nicht sein: Louise ist ein burschikoses Mädchen mit ausgeprägter Neigung für Reptilien, während Julia bereits in ihrem zarten Alter die Verheißung einer kleinen Lolita in sich trägt. Dennoch verbindet die beiden bald eine enthusiastische Freundschaft - die im Laufe der Jahre allerdings auf eine harte Probe gestellt wird. Denn als die Zeit gekommen ist, stürzen sie sich mit brennenden Herzen in die Liebe. Und geraten dabei in einen Strudel, der an einem heißen Sommertag in einer Katastrophe enden wird .
Louise und Julia sind acht Jahre alt, als sie sich zum ersten Mal begegnen, und sie können unterschiedlicher nicht sein: Louise ist ein burschikoses Mädchen mit ausgeprägter Neigung für Reptilien, während Julia bereits in ihrem zarten Alter die Verheißung einer kleinen Lolita in sich trägt. Dennoch verbindet die beiden bald eine enthusiastische Freundschaft - die im Laufe der Jahre allerdings auf eine harte Probe gestellt wird. Denn als die Zeit gekommen ist, stürzen sie sich mit brennenden Herzen in die Liebe. Und geraten dabei in einen Strudel, der an einem heißen Sommertag in einer Katastrophe enden wird .
More details
Language
German
Dimensions
Height: 18.7 cm
Width: 11.8 cm
ISBN-13
978-3-442-46228-5 (9783442462285)
Schweitzer Classification
Persons
Monica Sabolo wurde 1971 in Mailand geboren und absolvierte ihr Studium in der Schweiz. Sie entschied sich gegen einen Eintritt in den diplomatischen Dienst zugunsten der Mitarbeit an einem Rehabilitationsprogramm für Gibbons in Thailand. Es folgten Natur
Content
An dem Morgen, an dem Julia sich in der Badewanne die Pulsadern aufschnitt, hatte sie sich die Zehennägel rot lackiert. Auf ihren Lippen schimmerte Lipgloss Kirsche. Sie hatte sich einen winzigen rosafarbenen Bikini angezogen, als wollte sie an den Strand gehen. Ihre schwarzen Haare umgaben ihr friedliches, vage lächelndes Gesicht wie Blütenblätter, und ihre Brüste lagen im Wasser wie zwei Pazifik-Inseln im Sonnenuntergang. Sie war wunderschön.
Mit dem Lippenstift hatte sie auf den Badezimmerspiegel eine Nachricht geschrieben, die hinter einem feuchten Nebel verschwand.
Louise, alles wird gut. Mir geht es bestens. Ich liebe Dich.
Und damit ich gar nicht erst daran zweifelte, hatte sie ein Herz und ein kleines lachendes Gesicht dazu gemalt. Aus der Nähe roch es deutlich nach Kirscharoma.
Draußen brannte die Augustsonne. Die Wände des Hauses wirkten weißer als sonst, und die Gartenstühle schienen auf Gäste zu warten, die nicht kamen.
Als der Krankenwagen eintraf, kniete Madame Lambert im Gras, in ihren Armen hielt sie ihre Tochter. Keiner wusste, warum sie sie dorthin gebracht hatte und wie es ihr gelungen war, den Leichnam die Treppe hinunter und durch das ganze Haus zu tragen. Vielleicht hoffte sie, dass ihre im Gras liegende Tochter sich urplötzlich wieder aufrichten würde, um sich die Beine mit Sonnencreme einzureiben.
Julia hatte eine blutige Spur hinterlassen. Sie starrte ins Leere, ihre langen Wimpern reckten sich zum Himmel, der Bikini saß wie eine zweite Haut, ihre Füße funkelten in der Sommersonne.
Die Feuerwehrleute waren im Laufschritt von ihrem Wagen herübergekommen, drei Männer in Schwarz, die mit ihren schweren Stiefeln den feuchten Rasen zertrampelten. In der Hoffnung, irgendetwas ausrichten zu können, waren sie zu Mutter und Tochter gestürzt, aber als sie Julia sahen, schön wie ein Pin-up-Girl, duftend wie eine reife Frucht und mausetot, krampfte sich ihnen das Herz zusammen. Vor allem dem Jüngsten, einem kleinen Dunkelhaarigen voller Sommersprossen, der Julia vom Lycée her kannte und auf der Schultoilette mit ihr geschlafen hatte.
Sie nahmen sie in ihrem Wagen mit, zusammen mit Madame Lambert, die neben der Bahre zusammensank, der kleine Dunkelhaarige kaute auf einem Zigarettenstummel herum, und das Martinshorn heulte, als müsse ein Mädchen wie dieses, in diesem Nichts von einem Bikini, zwangsläufig wieder lebendig werden.
Doch sie wurde nicht wieder lebendig. Der Arzt, der den Tod feststellte, bemerkte, dass sie sich die Pulsadern sicherheitshalber nicht quer, sondern längs aufgeschnitten hatte. Er sah auch, dass ihre Lippen wie von zu vielem Küssen geschwollen waren, und plötzlich hatte er das Bedürfnis, nach Hause zu gehen und sich schlafen zu legen. Es war zehn Uhr morgens.
Drei Tage später wurde sie auf dem Friedhof hundert Meter vom Haus der Lamberts entfernt beerdigt, ohne ihren rosa Bikini. Der Rasen war kurz wie auf einem Golfplatz, und auf dem Grabstein aus Beton war zu lesen: Julia Lambert 19/1/1992.
Am Tag, an dem ich Julia das erste Mal traf, hat mein Vater uns im Garten fotografiert, genau vor dem Teich.
Auf dem Abzug sieht man zwei kleine Mädchen im gleißenden Sonnenlicht. Die Dunkelhaarige, in einem Rüschenkleid und der Pose einer Schönheitskönigin, strahlt über beide Ohren. Die Blonde, die einen sehr kurzen und sehr missratenen Haarschnitt trägt, steht etwas abseits und verzieht das Gesicht. Sie ist viel hagerer als die andere, und durch ihre Körperhaltung - beide Hände in die Hüften gestützt - treten ihre spitzen Knochen hervor.
Bei genauerem Hinsehen stellt man fest, dass der Pferdeschwanz der Dunklen von einem weißen Band zusammengehalten wird und die Blonde links über dem Bauchnabel ein Loch im T-Shirt hat. Das T-Shirt ist grün, mit weißen Streifen an den Schultern und einer großen 12 auf der Brust. Sie sieht aus, als wolle sie gleich Fußball spielen.
Das Kleid der anderen ist mit Unmengen von Spitze besetzt und unvernünftig eng in der Taille. Seine Elfenbeinfarbe unterstreicht die Blässe ihres Gesichts und verleiht ihr das etwas beunruhigende Aussehen eines Geistes oder einer kränklichen Prinzessin. Man sieht an ihrem Blick, dass sie von der Wirkung ihres Auftritts überzeugt ist.
Louise und Julia, Juli 1979 hat jemand auf die Rückseite des Fotos geschrieben.
Doch auf diesem Foto erfährt man nicht alles.
Man riecht den gepuderten Duft von Julias Haut nicht. Man sieht Barnabas, meine Eidechse, in meiner Hosentasche nicht. Man sieht meine Mutter in ihrem Liegestuhl nicht, in einem roten Kleid mit Punkten und mit ihren langen Beinen, die glänzen wie die einer Barbie-Puppe. Man sieht Monsieur Lambert nicht, der lustige Geschichten erzählt und sich mit der Hand durchs Haar fährt wie ein amerikanischer Schauspieler, während mein Vater alle fotografiert.
Man sieht nicht, dass es schwere Zeiten sind. Dass ich eine politische Krise von nie gekanntem Ausmaß durchlebe. Dass mein Territorium bedroht wird.
Der Eindringling mit seinem dämlichen Erobererlächeln steht direkt neben mir.
Im Juli 1979 war ich acht. Ich herrschte über einen Garten, einen Teich, diverse Büsche, eine kahle Ulme und eine mit Muscheln verzierte Mauer aus Stein. Mein Reich war unermesslich groß, mindestens fünfzig Quadratmeter. Ich war der Liebe schon begegnet, ich hatte gelitten, ich war wieder auf die Beine gekommen. Ein komplettes Leben lag hinter mir.
Zu dieser Zeit wohnte Barnabas, die Eidechse, in einem Schuhkarton unter meinem Bett und nahm all meine weibliche Fürsorge in Anspruch. Außerdem hatte ich meine Naturkundebücher, auf deren Abbildungen unbekannte Welten zum Vorschein kamen, die ich in Gedanken ergründete. Im Frotteeschlafanzug kroch ich abends in meinem Bett herum wie eine Höhlenforscherin in einer Grotte und unternahm Expeditionen in die afrikanische Savanne oder den australischen Busch.
Ich wog siebenundzwanzig Kilo. Ich war bereit zum Kampf.
An jenem Tag war sie wie eine kleine Braut am Arm ihres Vaters erschienen. Monsieur Lambert war einer von Mamas Freunden. Er hatte sich vor ihr verneigt, und seine Tochter hatte die Knie gebeugt, ihr Kleid gelüpft und einen richtigen Knicks gemacht. Sie war einfach lächerlich.
Ich musste den Nachmittag in ihrer Gesellschaft verbringen. Ich spielte mit Barnabas und wollte ihn seinen Brüdern vorstellen, die im Mauerwerk wohnten. Das Unternehmen war nicht von Erfolg gekrönt, weil Barnabas angesichts der unsinnigen Dimensionen der Außenwelt wie versteinert war und sich weigerte, mein T-Shirt zu verlassen. Julia verfolgte das ganze Geschehen mit großem Ernst und erteilte mir in einem altklugen, weltmännischen Ton ungefragt Ratschläge.
Ich beachtete sie einfach nicht, doch sie lächelte mich stur an. Ich hasste das.
Sie erschien ein zweites Mal, brav neben ihrem Vater herhüpfend. Ich musterte sie misstrauisch, sie lächelte immer noch. Es war zum Verzweifeln. Zu meinem Unglück standen Monsieur Lambert und sein lästiger Sprössling nun immer öfter vor unserem Gartentor.
Mit dem Lippenstift hatte sie auf den Badezimmerspiegel eine Nachricht geschrieben, die hinter einem feuchten Nebel verschwand.
Louise, alles wird gut. Mir geht es bestens. Ich liebe Dich.
Und damit ich gar nicht erst daran zweifelte, hatte sie ein Herz und ein kleines lachendes Gesicht dazu gemalt. Aus der Nähe roch es deutlich nach Kirscharoma.
Draußen brannte die Augustsonne. Die Wände des Hauses wirkten weißer als sonst, und die Gartenstühle schienen auf Gäste zu warten, die nicht kamen.
Als der Krankenwagen eintraf, kniete Madame Lambert im Gras, in ihren Armen hielt sie ihre Tochter. Keiner wusste, warum sie sie dorthin gebracht hatte und wie es ihr gelungen war, den Leichnam die Treppe hinunter und durch das ganze Haus zu tragen. Vielleicht hoffte sie, dass ihre im Gras liegende Tochter sich urplötzlich wieder aufrichten würde, um sich die Beine mit Sonnencreme einzureiben.
Julia hatte eine blutige Spur hinterlassen. Sie starrte ins Leere, ihre langen Wimpern reckten sich zum Himmel, der Bikini saß wie eine zweite Haut, ihre Füße funkelten in der Sommersonne.
Die Feuerwehrleute waren im Laufschritt von ihrem Wagen herübergekommen, drei Männer in Schwarz, die mit ihren schweren Stiefeln den feuchten Rasen zertrampelten. In der Hoffnung, irgendetwas ausrichten zu können, waren sie zu Mutter und Tochter gestürzt, aber als sie Julia sahen, schön wie ein Pin-up-Girl, duftend wie eine reife Frucht und mausetot, krampfte sich ihnen das Herz zusammen. Vor allem dem Jüngsten, einem kleinen Dunkelhaarigen voller Sommersprossen, der Julia vom Lycée her kannte und auf der Schultoilette mit ihr geschlafen hatte.
Sie nahmen sie in ihrem Wagen mit, zusammen mit Madame Lambert, die neben der Bahre zusammensank, der kleine Dunkelhaarige kaute auf einem Zigarettenstummel herum, und das Martinshorn heulte, als müsse ein Mädchen wie dieses, in diesem Nichts von einem Bikini, zwangsläufig wieder lebendig werden.
Doch sie wurde nicht wieder lebendig. Der Arzt, der den Tod feststellte, bemerkte, dass sie sich die Pulsadern sicherheitshalber nicht quer, sondern längs aufgeschnitten hatte. Er sah auch, dass ihre Lippen wie von zu vielem Küssen geschwollen waren, und plötzlich hatte er das Bedürfnis, nach Hause zu gehen und sich schlafen zu legen. Es war zehn Uhr morgens.
Drei Tage später wurde sie auf dem Friedhof hundert Meter vom Haus der Lamberts entfernt beerdigt, ohne ihren rosa Bikini. Der Rasen war kurz wie auf einem Golfplatz, und auf dem Grabstein aus Beton war zu lesen: Julia Lambert 19/1/1992.
Am Tag, an dem ich Julia das erste Mal traf, hat mein Vater uns im Garten fotografiert, genau vor dem Teich.
Auf dem Abzug sieht man zwei kleine Mädchen im gleißenden Sonnenlicht. Die Dunkelhaarige, in einem Rüschenkleid und der Pose einer Schönheitskönigin, strahlt über beide Ohren. Die Blonde, die einen sehr kurzen und sehr missratenen Haarschnitt trägt, steht etwas abseits und verzieht das Gesicht. Sie ist viel hagerer als die andere, und durch ihre Körperhaltung - beide Hände in die Hüften gestützt - treten ihre spitzen Knochen hervor.
Bei genauerem Hinsehen stellt man fest, dass der Pferdeschwanz der Dunklen von einem weißen Band zusammengehalten wird und die Blonde links über dem Bauchnabel ein Loch im T-Shirt hat. Das T-Shirt ist grün, mit weißen Streifen an den Schultern und einer großen 12 auf der Brust. Sie sieht aus, als wolle sie gleich Fußball spielen.
Das Kleid der anderen ist mit Unmengen von Spitze besetzt und unvernünftig eng in der Taille. Seine Elfenbeinfarbe unterstreicht die Blässe ihres Gesichts und verleiht ihr das etwas beunruhigende Aussehen eines Geistes oder einer kränklichen Prinzessin. Man sieht an ihrem Blick, dass sie von der Wirkung ihres Auftritts überzeugt ist.
Louise und Julia, Juli 1979 hat jemand auf die Rückseite des Fotos geschrieben.
Doch auf diesem Foto erfährt man nicht alles.
Man riecht den gepuderten Duft von Julias Haut nicht. Man sieht Barnabas, meine Eidechse, in meiner Hosentasche nicht. Man sieht meine Mutter in ihrem Liegestuhl nicht, in einem roten Kleid mit Punkten und mit ihren langen Beinen, die glänzen wie die einer Barbie-Puppe. Man sieht Monsieur Lambert nicht, der lustige Geschichten erzählt und sich mit der Hand durchs Haar fährt wie ein amerikanischer Schauspieler, während mein Vater alle fotografiert.
Man sieht nicht, dass es schwere Zeiten sind. Dass ich eine politische Krise von nie gekanntem Ausmaß durchlebe. Dass mein Territorium bedroht wird.
Der Eindringling mit seinem dämlichen Erobererlächeln steht direkt neben mir.
Im Juli 1979 war ich acht. Ich herrschte über einen Garten, einen Teich, diverse Büsche, eine kahle Ulme und eine mit Muscheln verzierte Mauer aus Stein. Mein Reich war unermesslich groß, mindestens fünfzig Quadratmeter. Ich war der Liebe schon begegnet, ich hatte gelitten, ich war wieder auf die Beine gekommen. Ein komplettes Leben lag hinter mir.
Zu dieser Zeit wohnte Barnabas, die Eidechse, in einem Schuhkarton unter meinem Bett und nahm all meine weibliche Fürsorge in Anspruch. Außerdem hatte ich meine Naturkundebücher, auf deren Abbildungen unbekannte Welten zum Vorschein kamen, die ich in Gedanken ergründete. Im Frotteeschlafanzug kroch ich abends in meinem Bett herum wie eine Höhlenforscherin in einer Grotte und unternahm Expeditionen in die afrikanische Savanne oder den australischen Busch.
Ich wog siebenundzwanzig Kilo. Ich war bereit zum Kampf.
An jenem Tag war sie wie eine kleine Braut am Arm ihres Vaters erschienen. Monsieur Lambert war einer von Mamas Freunden. Er hatte sich vor ihr verneigt, und seine Tochter hatte die Knie gebeugt, ihr Kleid gelüpft und einen richtigen Knicks gemacht. Sie war einfach lächerlich.
Ich musste den Nachmittag in ihrer Gesellschaft verbringen. Ich spielte mit Barnabas und wollte ihn seinen Brüdern vorstellen, die im Mauerwerk wohnten. Das Unternehmen war nicht von Erfolg gekrönt, weil Barnabas angesichts der unsinnigen Dimensionen der Außenwelt wie versteinert war und sich weigerte, mein T-Shirt zu verlassen. Julia verfolgte das ganze Geschehen mit großem Ernst und erteilte mir in einem altklugen, weltmännischen Ton ungefragt Ratschläge.
Ich beachtete sie einfach nicht, doch sie lächelte mich stur an. Ich hasste das.
Sie erschien ein zweites Mal, brav neben ihrem Vater herhüpfend. Ich musterte sie misstrauisch, sie lächelte immer noch. Es war zum Verzweifeln. Zu meinem Unglück standen Monsieur Lambert und sein lästiger Sprössling nun immer öfter vor unserem Gartentor.