Treibjagd
Roman
Chris Ryan(Author)
Heyne (Publisher)
Published on 3. April 2006
Book
Paperback/Softback
432 pages
978-3-453-40480-9 (ISBN)
Description
Eine gnadenlose Jagd innerhalb des britischen Geheimdienstes .
Ein brutaler Killer, der über Insider-Informationen verfügt, ermordet der Reihe nach MI5-Agenten. Gemeinsam mit der attraktiven Agentin Dawn Harding soll Captain Alex Temple den Feind aus den eigenen Reihen ausfindig machen und möglichst unauffällig eliminieren, doch die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen rasch. Immer tiefer taucht Temple in die gefährliche Welt des internationalen Terrorismus ein.
Ein brutaler Killer, der über Insider-Informationen verfügt, ermordet der Reihe nach MI5-Agenten. Gemeinsam mit der attraktiven Agentin Dawn Harding soll Captain Alex Temple den Feind aus den eigenen Reihen ausfindig machen und möglichst unauffällig eliminieren, doch die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen rasch. Immer tiefer taucht Temple in die gefährliche Welt des internationalen Terrorismus ein.
More details
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 18.7 cm
Width: 12 cm
ISBN-13
978-3-453-40480-9 (9783453404809)
Schweitzer Classification
Persons
Chris Ryan wurde 1961 in Newcastle, England, geboren. Zehn Jahre lang war er für die SAS, die britische Eliteteinsatztruppe, tätig. Er war an verschiedenen militärischen und verdeckten Operationen beteiligt und Leiter eines Anti-Terror-Teams. Im Golfkrieg war er das einzige Mitglied eines achtköpfigen Teams, dem die Flucht aus dem Irak gelang, und erhielt dafür eine Ehrenmedaille. In den letzten Jahren verfasste er mehrere Actionthriller, die sofort Einzug in die Bestsellerlisten hielten.
Content
Prolog
Sonntag, 11. Februar 1996 Nordirland
Für einen Augenblick hätte Ray Bledsoe noch eine Chance gehabt, mit dem Leben davonzukommen. Wenn er in diesem Moment seinen Instinkten vertraut, nach der Walther PPK gegriffen und durch das Seitenfenster auf das schwarze Taxi geschossen hätte, das auf den Parkplatz neben ihm einbog, hätte er es vielleicht gerade noch schaffen können. Mittlerweile arbeitete er seit dreieinhalb Jahren als Undercoveragent im Dienst der britischen Armee, und er hatte genug Erfahrungen gesammelt, um zu erkennen, wann Ärger drohte. Ein flüchtiger Blick auf die Skinheads in dem Taxi hatte ihm verraten, dass ihm hier der denkbar schlimmste Ärger bevorstand. Er schaute weg, spürte aber förmlich, wie sich eiskalte, harte Blicke auf ihn richteten.
Aber er hatte nichts unternommen. Die innere Stimme, die ihm zuflüsterte, er schwebe in Gefahr, wurde von einer anderen übertönt, die ihm die Yellow Card in Erinnerung rief. Wenn er präventiv feuerte - ohne die obligatorischen Warnungen, die auf der Yellow Card spezifiziert wurden -, konnte er sich in einer üblen Situation wiederfinden: ohne Altersversorgung, unehrenhaft entlassen und mit einer Anklage wegen Mordes am Hals. Die militärischen Vorschriften über den Umgang mit dem Feind waren Schwachsinn - gefährlicher Schwachsinn. Aber siebzehn Jahre bei der Royal Military Police und ein paar Verfahren gegen britische Armeeangehörige, die von den Medien genüsslich breitgetreten worden waren, hatten bei Ray Bledsoe in diesem Punkt eine tief verwurzelte Sorge hinterlassen.
Und deshalb hatte er nicht reagiert. Anstatt das Innere des Taxis in ein blutiges Chaos zu verwandeln, hatte er nur dagesessen und nach dem auf dem Beifahrersitz liegenden Embassy-Zigarettenpäckchen und dem Feuerzeug gegriffen. Nachdem die Zigarette angezündet war, hatte er das Seitenfenster ein Stück nach unten gekurbelt, damit der Rauch in die kalte Februarnacht abziehen konnte. Er hatte einfach so getan, als wäre alles in Ordnung. Man schießt nicht grundlos eine Wagenladung Fremder über den Haufen, was immer einem die eigenen Instinkte auch raten mögen. Selbst dann nicht, wenn man eine böse Vorahnung hat.
Doch als er tief inhalierte und ihm die kalte Nachtluft ins Gesicht schlug, wurde ihm schlagartig klar, dass es genau die richtige Reaktion gewesen wäre. Nun war der Augenblick verstrichen, in dem er noch hätte handeln können. Aus dem Augenwinkel sah er, dass einige Männer entschlossen aus dem Taxi stiegen, und einen Augenblick später zersplitterte das Fenster in tausend Stücke. Jemand presste ihm einen kalten Pistolenlauf gegen die Schläfe, und der nach Essig stinkende Atem eines Mannes schlug ihm entgegen. Ihm war klar, dass er bereits so gut wie tot war.
'Aussteigen, Soldat. Und verschwend keinen Gedanken daran .'
Der Akzent der leisen, sanften Stimme erinnerte Bledsoe an Fermanagh, den westlichsten Verwaltungsbezirk Nordirlands. Sag irgendwas, befahl er sich. Ihm war klar, dass die Angst sein Gehirn zu paralysieren drohte. Mach deinen verdammten Mund auf. Er wandte sich dem eingeschlagenen Fenster zu, hatte aber keine Ahnung, was er sagte. Vielleicht schrie er, vielleicht flüsterte er. Er konnte seine eigene Stimme nicht hören.
'Ich hab aussteigen gesagt, Arschloch. Wird's bald?'
Die Tür wurde aufgerissen, und er sah verschwommen kahl geschorene Schädel und tätowierte Arme. Über ihnen schrien Möwen. Jetzt hatte Bledsoe keine Chance mehr, nach der Walther zu greifen. Sie war so weit weg, als hätte sie in der Waffenkammer der Kaserne in Lisburn gelegen.
Benutz deine grauen Zellen. Denk an die für den Ernstfall geprobten Verhaltensweisen. Überwinde deine Angst denkend. Denk nach.
Als er sich gerade unschlüssig erheben wollte, kam der brutale Schlag auf den Kopf mit dem Griff eines 9mm-Browning. Blut in seinen Augen, die kalte Nachtluft, Arme, die ihn zu dem Taxi schleiften und ihn mit dem Gesicht nach unten in den mit Teppichboden ausgelegten Kofferraum warfen. Er sah nicht mehr, wie der Mann zum zweiten Mal mit der Waffe ausholte.
Als er nach einer Stunde wieder zu sich kam, begriff Bledsoe nicht sofort, dass er sich in einem fahrenden Auto befand. Zuerst gelang es ihm nicht, die Verbindung zwischen seinem schmerzenden Kopf und der verschwommenen Erinnerung an seine Entführung durch die Provisional IRA herzustellen. Als er die Ereignisse wieder rekonstruieren konnte, betete er inständig darum, erneut das Bewusstsein zu verlieren. Sein Wunsch ging nicht in Erfüllung. Eine weitere schlimme Stunde lang musste er hilflos daliegen. Man hatte ihm Handschellen angelegt und die Kleidung ausgezogen. Es roch nach Erbrochenem, nach der Gummibeschichtung des Teppichbodens und Schmieröl.
O mein Gott, dachte er, bitte lass nicht zu, dass sie mich über die Grenze bringen. Hinter den Straßensperren und den Grenzposten dürfen britische Soldaten nicht mehr eingreifen. Wenn sie mich dort hinbringen, bin ich ein toter Mann.
Zum Zeitpunkt seiner Entführung hatte sich Ray Bledsoe auf dem Parkplatz gerade auf die Geldübergabe an einen Spitzel namens Proinsas Deavey vorbereitet. Alles sollte nach dem üblichen Muster ablaufen - Bledsoe stopfte zweihundert Pfund in gebrauchten Scheinen in ein Embassy-Zigarettenpäckchen und warf es in den linken der beiden zwischen den Einstellplätzen stehenden Papierkörbe. Kurz danach tauchte dann gewöhnlich Deavey auf, der eine Limonadendose in den Papierkorb fallen ließ, verstohlen nach der Zigarettenschachtel griff und sich aus dem Staub machte. Man hätte nicht sagen können, dass ihnen diese Prozedur Spaß machte, aber bis jetzt hatte sie sich immer bewährt.
Deavey war mit einigen bekannten Republikanern befreundet, doch sein selbstzerstörerischer Charakter, in dem sich Dummheit und Gier zu gleichen Teilen mischten, war dafür verantwortlich, dass er mittlerweile auf der Lohnliste der britischen Sicherheitsdienste stand. Sein Leben hatte eine fatale Wendung genommen, als er sich mitten in Belfast - in den so genannten Holy Lands - als kleiner Drogendealer betätigt hatte. Das 'Heilige Land' verdankte seine Bezeichnung den Namen der hier verlaufenden Straßen Damascus Street, Jerusalem Street und Canterbury Street. In diesem Viertel befanden sich die möblierten Zimmer der Studenten der Queen's University, die hier Socken wuschen, Bohnen kochten und Bier tranken. Politisch waren sie teils irische Nationalisten, teils Unionisten, aber Deavey hatte das Pech gehabt, seinen Stoff in einer Bar an ein paar ultranationalistische Achtzehnjährige verkaufen zu wollen, die ihn unmittelbar nach Verlassen des Lokals verpfiffen. Noch am selben Abend war er hinter einem Wettbüro in der Falls Road brutal verprügelt worden. Die Schläger hatten sich als Mitglieder einer Gruppe namens Direct Action Against Drugs vorgestellt, einer bekannten Tarnorganisation der IRA.
Mit Deavey - ressentimentgeladen, halb verkrüppelt und ohne Einkommensquelle - hatte die Force Research Unit vergleichsweise leichtes Spiel gehabt. Die FRU war eine kleine, geheim operierende, von der britischen Armee aufgestellte Einheit, deren Mitglieder - Soldaten in Zivil - Spitzel heranzüchten und führen sollten. Meistens waren es, wie Bledsoe, Männer in mittleren Jahren - altgediente ehemalige Unteroffiziere mit Bierbäuchen, sich lichtendem Haar und einem unauffälligen Äußeren.
Proinsas Deavey war einer von einem halben Dutzend kleiner Spitzel, um die sich Bledsoe und seine Kollegen kümmerten. Der ehemalige Drogendealer hatte nie Kontakt zu wirklich bedeutenden IRA-Aktivisten gehabt, doch seine Informationsfetzen - Treffpunkte, untreue Ehemänner, Trinkkumpane - trugen dazu bei, das nachrichtendienstliche Puzzle zu vervollständigen. Deavey hatte seine republikanische Seele an Ray Bledsoe verkauft - in einer Fish & Chips-Bude außerhalb von Carrickfergus, für eine Vorauszahlung von hundertfünfundsiebzig Pfund.
Spitzel waren eine existenzgefährdende Bedrohung für die PIRA, den radikalen Flügel der Irisch-Republikanischen Armee, und ihre Arbeit mit ebendiesen Spitzeln machte die Mitarbeiter der FRU zu prädestinierten Opfern terroristischer Entführungskommandos. Eines war Bledsoe klar - wenn es zum Verhör kam, würden sie ihn zuerst nach den von ihm geführten Spitzeln fragen, dann nach der Identität der Mitglieder von Spezialeinheiten, zu denen er Kontakt hatte: nach der FRU, der Aufklärungseinheit 14th Intelligence Company, den 'Box'-Teams vom Geheimdienst MI5 und natürlich nach dem SAS. Anschließend würden sie sich für die Funkcodes interessieren - und für den Rest an nachrichtendienstlichen Informationen, die in seinem Gehirn abgespeichert waren.
Bledsoe erschien es als fast sicher, dass die PIRA ihn schon vor Monaten als Mitglied der FRU identifiziert hatte. Dass man ihn jetzt entführte, verdankte er teilweise der Situation - die 'Provos' von der PIRA waren dringend auf Informationen angewiesen - und teilweise ihrem Ehrgeiz, der britischen Regierung den Stinkefinger zu zeigen. Effektiver hatten sie das allerdings durch eine Bombe getan, die vor zwei Tagen am South Quay in den Londoner Docklands hochgegangen war. Wie alle anderen in der Kaserne hatte auch Bledsoe ungläubig auf die Fernsehbilder der verwüsteten Stadtlandschaft gestarrt - zerstörte Bürogebäude und Straßen, die zentimeterhoch mit Glasscherben bedeckt waren. Die Bombe, ein mit Sprengstoff beladener Lastwagen, hatte zwei Menschen das Leben gekostet, etliche andere verletzt und einen Sachschaden von mehreren Millionen Pfund angerichtet. Eine Stunde vor der Explosion hatte die IRA eine Erklärung veröffentlicht, in der der offizielle Waffenstillstand widerrufen wurde, der siebzehn Monate und neun Tage gehalten hatte.
Ray Bledsoe hatte nie wirklich das Gefühl eines Waffenstillstands gehabt. Was ihm eher als business as usual erschienen war, hatten einige seiner Kameraden noch als Verschlechterung einer ohnehin schon beschissenen Situation empfunden. Aber die Bombe signalisierte einen Wandel, weil der Waffenstillstand jetzt auch offiziell nicht mehr eingehalten wurde. Die FRU und die anderen Spezialeinheiten waren aufgefordert worden, mit extremer Vorsicht vorzugehen, die Informationen ihrer Quellen doppelt zu überprüfen und gegenseitig auf sich aufzupassen.
Doch letztlich konnte man eigentlich nicht viel tun. Bledsoes Reaktion auf die Warnungen hatte darin bestanden, einen zweiten Mann zur Überwachung der Geldübergabe anzufordern. Bei seinem letzten Treffen mit Deavey war der Spitzel so nervös gewesen, dass Bledsoe sich schon gefragt hatte, ob der kleine Dreckskerl nicht vielleicht ein doppeltes Spiel spielte. Auszuschließen war nicht, dass er trotz allem zu der Ansicht gelangt war, im Schoß der PIRA sicherer zu sein als im Dienst der britischen Armee, und dass er sein Leben mit dem Versprechen gerettet hatte, den Terroristen einen FRU-Agenten als Wiedergutmachung zu präsentieren. Vielleicht war es sogar noch schlimmer - Deavey war die ganze Zeit über ein Mann der PIRA gewesen und hatte ihnen von Anfang an falsche Informationen verkauft.
Bledsoe hatte beide Szenarios für sehr unwahrscheinlich gehalten - dieser Spitzel erschien ihm einfach als zu begriffsstutzig, um einen raffinierten Schwindel durchzuziehen. Trotzdem hatte er - nur für den Fall, dass sich doch merkwürdige Ideen in Deaveys Kopf geregt haben sollten - einen Kameraden von der FRU angefordert, der die Transaktion aus seinem Auto überwachen sollte. Connor Wheen hatte seinen Mondeo etwa dreihundert Meter entfernt in der Nähe der Einfahrt des Parkplatzes abgestellt, und wenn Bledsoe Glück gehabt hatte, war er Zeuge der Entführung geworden.
Wenn es so gewesen sein sollte, hatte Wheen mit Sicherheit Alarm geschlagen. Möglicherweise saß dem Taxi schon jetzt ein Fahrzeug des SAS im Nacken, das ohne Licht fuhr und nur einen Kilometer entfernt war.
Bledsoe hatte Probleme, zusammenhängend zu denken, während er im Kofferraum des Taxis hin- und hergeworfen wurde. Er hatte sich nie für einen mutigen Mann gehalten. Wenn das Taxi die Absperrungen an der Grenze durchbrach und auf die andere Seite gelangte, was dann? Das Verhör, brutale Tritte in die Zähne und Genitalien, brennende Zigaretten, die ihm in die Augen gebohrt werden würden und . Schluss jetzt, befahl er sich. Versuch, mit der Situation klarzukommen. Du bist Soldat, also verhalt dich wie einer. Und - noch wichtiger - denk wie ein Soldat.
Denk an die Sonderkommandos. Denk an die Männer vom SAS, die nur ein paar Sekunden nach dem Alarm voll bewaffnet und kampfbereit aus der Kaserne in Lisburn ausgerückt sind. Denk daran, wie sie in ihren großen Beamers und Quattros über die Straßen donnern.
Das Gelände wurde zunehmend rauer und stellte die Stoßdämpfer des Taxis auf eine harte Probe. Verzweifelt setzte Bledsoe seine Hoffnung darauf, dass von der britischen Armee verlegte Krähenfüße die Reifen des Wagens zerfetzen würden. Doch er hoffte vergebens, und urplötzlich bewegte sich das Taxi überhaupt nicht mehr. Aus der Ferne hörte er das schwere Quietschen einer Schiebetür. Erneut fuhr der Wagen für ein paar Sekunden über holprigen Boden. Bledsoe hörte zum zweiten Mal das Quietschen der Schiebetür. Einen Augenblick herrschte Stille, dann wurde der Kofferraum aufgerissen. Das grellweiße Licht von Neonröhren ließ ihn blinzeln, und dann wurde er aus dem Kofferraum gezerrt. Unter seinen nackten Füßen spürte er kalte, feuchte Erde. Die Handschellen schnitten in das Fleisch an seinen Gelenken, sein Haar war blutverschmiert. Überall um sich herum hörte er Stimmen.
Während seine Augen sich an das grelle Licht gewöhnten, nahm seine Umgebung allmählich Kontur an. Er befand sich in einer Scheune mit Wellblechwänden, und um ihn herum standen Männer mit erwartungsvollen Mienen, die sämtlich Overalls trugen. Ihre Stimmen klangen aufgeregt und verächtlich, vor ihren Mündern bildeten sich in der Kälte Atemwolken. In einer Ecke zu seiner Linken verbreiteten ein John-Deere-Traktor und ein paar Plastiksäcke mit Kunstdünger einen trügerischen Anschein von Normalität. In der Mitte der Wand gab es einen Werkstattbereich mit Flaschenzügen und Ketten, am hinteren Ende ein abgetrenntes Büro. Vor ihm, rechts, stand ein unbeladener Anhänger.
Noch immer blinzelnd, wandte er sich halb um. Die Einfahrt war durch zwei große Schiebetüren auf geölten Schienen verbarrikadiert, und davor standen zwei Wachtposten, ebenfalls in Overalls. Einer spielte mit einer automatischen Pistole herum, der andere hatte gerade in die Ecke gepinkelt. Die Urinpfütze neben ihm dampfte. Beide grinsten Bledsoe mit hasserfüllten Blicken an.
Bledsoe stand auf unsicheren Beinen da. Sofort schossen ihm zwei Gedanken durch den Kopf. Wo blieben die Jungs vom SAS, die ihn hier herausholen sollten? Dieser Gedanke war schon niederschmetternd, doch der andere war noch schlimmer, so deprimierend, dass sich sein Brustkorb unwillkürlich zu heben begann und er glaubte, das Bewusstsein zu verlieren.
Sie würden ihn umbringen. Wahrscheinlich sollten einige der jüngeren Aktivisten durch die Prozedur abgehärtet werden. Sie würden extrem brutal vorgehen, um so herauszufinden, wer einen solchen Job selbst erledigen konnte, ohne mit der Wimper zu zucken.
Der ihm am nächsten stehende Mann, ein stämmiger Typ mit roten Haaren, kicherte ständig.
Zum Teufel mit dir, du Arschloch, dachte Bledsoe, der mittlerweile zitterte, aber um Haltung rang. Elender Provo. Wenn die Jungs vom SAS erst hier sind - und sie werden kommen, selbst wenn sie die Tür sprengen müssen -, werden sie dir hoffentlich deinen beschissenen Schädel von den Schultern blasen.
Es war eiskalt, und einen Augenblick lang schien alles vor Bledsoes Augen zu verschwimmen. Er war in dem Taxi übel durchgeschüttelt worden und hatte Schmerzen. Trotz seiner panischen Angst wusste er, wie er sich zu verhalten hatte. Ruhig atmen, ermahnte er sich. Sieh zu, dass du einen klaren Kopf bekommst. Ignorier die Schmerzen. Denk nach.
Plötzlich tauchte neben ihm eine dunkelblaue Gestalt auf, versetzte ihm einen Faustschlag in den Magen und rammte ihm sofort darauf ein Knie gegen die Nase. Als der Knochen brach, durchzuckte ihn ein greller Blitz, und er ging zu Boden, verzweifelt um Luft ringend. Sie werden erneut zuschlagen, dachte er wie geistesabwesend.
Er sollte Recht behalten. Die Stahlkappe eines schweren Arbeitsschuhs traf seine Genitalien, und sein Mund erstarrte in einem stummen Schrei. Es folgte ein brutaler Tritt in die Rippen, von denen zwei brachen. Fast bewusstlos schloss Bledsoe die Augen.
Hände packten ihn unter den Achseln, schleiften ihn zu dem Anhänger hinüber und ketteten ihn mit gespreizten Armen an der Heckklappe fest. Seine Beine gaben nach. Sie ließen ihn hängen, sabbernd und verzweifelt nach Luft schnappend. Aus der gebrochenen Nase lief Blut über sein Gesicht.
Endlich fand er wieder einen festen Stand. Er sog die eiskalte Landluft ein und öffnete ein Stück weit die Augen. Acht Männer. Nein, neun. Da war noch ein bleicher Mann mit unergründlichem Blick, dessen Alter man schlecht schätzen konnte. Er musste zwischen fünfundzwanzig und vierzig sein, und im Gegensatz zu den anderen lächelte er nicht.
'Name?', fragte der dünne Typ, der ihn getreten hatte und dem man auch schon mal die Nase gebrochen hatte.
Mühsam hob Bledsoe den Kopf. Er spuckte Blut und räusperte sich. 'Ich habe keine Ahnung, für wen Sie mich halten', begann er mit erschöpfter Stimme, 'aber .'
'Ich werd dir sagen, für wen wir dich halten', sagte der dünne Mann. 'Für Sergeant Raymond Bledsoe, früher bei der Royal Military Police, mittlerweile zur so genannten Force Research Unit abkommandiert. Es gibt nichts, was wir nicht wissen, Arschloch. Dafür kannst du dich beim Mitteilungsblättchen deines Regiments bedanken. Also versuch nicht, uns irgendwelchen Scheiß zu erzählen.'
Schweigen. Der ältere Mann aus dem Wagen betrachtete ihn mit einem ruhigen Blick. 'Sie wissen, was wir wollen', sagte er, während er mit penibler und beängstigender Sorgfalt in einen Overall stieg und den Reißverschluss zuzog. 'Funkcodes, Namen von SAS-Angehörigen und Spitzeln, eben alles. Falls Sie möchten, können wir mit Ihrem Tippgeber Deavey beginnen. Mittlerweile ahnen Sie wahrscheinlich, dass er kein ganz so dummer Ire ist, wie Sie geglaubt haben.'
Bledsoe schwieg. Er starrte auf die Neonröhren und versuchte, nicht an seine schmerzende Nase und die gebrochenen Rippen zu denken.
Der Mann lächelte. 'Im Unterschied zu Ihrer Besatzungsarmee werden wir immer hier sein. Immerhin hatte Deavey genug Grips, das zu kapieren.'
Bledsoe bemühte sich, eine gleichgültige Miene zu wahren. Dann wollen wir mal, dachte er. Wie bei den Planspielen geprobt. 'Ich werde reden', sagte er. 'Aber nicht mit Ihnen, sondern mit Adams, McGuinness oder anderen Führungspersönlichkeiten von Sinn Fein. Ihnen werde ich alles erzählen, was sie wissen wollen. Oder Padraig Byrne.'
Byrne, angeblich ein gewählter Stadtrat von Sinn Fein, war den britischen Sicherheitsdiensten als Chef der Belfast Brigade der PIRA bekannt. Bledsoes Beharren darauf, nur unter vier Augen mit hochrangigen Führungspersönlichkeiten sprechen zu wollen,.
Sonntag, 11. Februar 1996 Nordirland
Für einen Augenblick hätte Ray Bledsoe noch eine Chance gehabt, mit dem Leben davonzukommen. Wenn er in diesem Moment seinen Instinkten vertraut, nach der Walther PPK gegriffen und durch das Seitenfenster auf das schwarze Taxi geschossen hätte, das auf den Parkplatz neben ihm einbog, hätte er es vielleicht gerade noch schaffen können. Mittlerweile arbeitete er seit dreieinhalb Jahren als Undercoveragent im Dienst der britischen Armee, und er hatte genug Erfahrungen gesammelt, um zu erkennen, wann Ärger drohte. Ein flüchtiger Blick auf die Skinheads in dem Taxi hatte ihm verraten, dass ihm hier der denkbar schlimmste Ärger bevorstand. Er schaute weg, spürte aber förmlich, wie sich eiskalte, harte Blicke auf ihn richteten.
Aber er hatte nichts unternommen. Die innere Stimme, die ihm zuflüsterte, er schwebe in Gefahr, wurde von einer anderen übertönt, die ihm die Yellow Card in Erinnerung rief. Wenn er präventiv feuerte - ohne die obligatorischen Warnungen, die auf der Yellow Card spezifiziert wurden -, konnte er sich in einer üblen Situation wiederfinden: ohne Altersversorgung, unehrenhaft entlassen und mit einer Anklage wegen Mordes am Hals. Die militärischen Vorschriften über den Umgang mit dem Feind waren Schwachsinn - gefährlicher Schwachsinn. Aber siebzehn Jahre bei der Royal Military Police und ein paar Verfahren gegen britische Armeeangehörige, die von den Medien genüsslich breitgetreten worden waren, hatten bei Ray Bledsoe in diesem Punkt eine tief verwurzelte Sorge hinterlassen.
Und deshalb hatte er nicht reagiert. Anstatt das Innere des Taxis in ein blutiges Chaos zu verwandeln, hatte er nur dagesessen und nach dem auf dem Beifahrersitz liegenden Embassy-Zigarettenpäckchen und dem Feuerzeug gegriffen. Nachdem die Zigarette angezündet war, hatte er das Seitenfenster ein Stück nach unten gekurbelt, damit der Rauch in die kalte Februarnacht abziehen konnte. Er hatte einfach so getan, als wäre alles in Ordnung. Man schießt nicht grundlos eine Wagenladung Fremder über den Haufen, was immer einem die eigenen Instinkte auch raten mögen. Selbst dann nicht, wenn man eine böse Vorahnung hat.
Doch als er tief inhalierte und ihm die kalte Nachtluft ins Gesicht schlug, wurde ihm schlagartig klar, dass es genau die richtige Reaktion gewesen wäre. Nun war der Augenblick verstrichen, in dem er noch hätte handeln können. Aus dem Augenwinkel sah er, dass einige Männer entschlossen aus dem Taxi stiegen, und einen Augenblick später zersplitterte das Fenster in tausend Stücke. Jemand presste ihm einen kalten Pistolenlauf gegen die Schläfe, und der nach Essig stinkende Atem eines Mannes schlug ihm entgegen. Ihm war klar, dass er bereits so gut wie tot war.
'Aussteigen, Soldat. Und verschwend keinen Gedanken daran .'
Der Akzent der leisen, sanften Stimme erinnerte Bledsoe an Fermanagh, den westlichsten Verwaltungsbezirk Nordirlands. Sag irgendwas, befahl er sich. Ihm war klar, dass die Angst sein Gehirn zu paralysieren drohte. Mach deinen verdammten Mund auf. Er wandte sich dem eingeschlagenen Fenster zu, hatte aber keine Ahnung, was er sagte. Vielleicht schrie er, vielleicht flüsterte er. Er konnte seine eigene Stimme nicht hören.
'Ich hab aussteigen gesagt, Arschloch. Wird's bald?'
Die Tür wurde aufgerissen, und er sah verschwommen kahl geschorene Schädel und tätowierte Arme. Über ihnen schrien Möwen. Jetzt hatte Bledsoe keine Chance mehr, nach der Walther zu greifen. Sie war so weit weg, als hätte sie in der Waffenkammer der Kaserne in Lisburn gelegen.
Benutz deine grauen Zellen. Denk an die für den Ernstfall geprobten Verhaltensweisen. Überwinde deine Angst denkend. Denk nach.
Als er sich gerade unschlüssig erheben wollte, kam der brutale Schlag auf den Kopf mit dem Griff eines 9mm-Browning. Blut in seinen Augen, die kalte Nachtluft, Arme, die ihn zu dem Taxi schleiften und ihn mit dem Gesicht nach unten in den mit Teppichboden ausgelegten Kofferraum warfen. Er sah nicht mehr, wie der Mann zum zweiten Mal mit der Waffe ausholte.
Als er nach einer Stunde wieder zu sich kam, begriff Bledsoe nicht sofort, dass er sich in einem fahrenden Auto befand. Zuerst gelang es ihm nicht, die Verbindung zwischen seinem schmerzenden Kopf und der verschwommenen Erinnerung an seine Entführung durch die Provisional IRA herzustellen. Als er die Ereignisse wieder rekonstruieren konnte, betete er inständig darum, erneut das Bewusstsein zu verlieren. Sein Wunsch ging nicht in Erfüllung. Eine weitere schlimme Stunde lang musste er hilflos daliegen. Man hatte ihm Handschellen angelegt und die Kleidung ausgezogen. Es roch nach Erbrochenem, nach der Gummibeschichtung des Teppichbodens und Schmieröl.
O mein Gott, dachte er, bitte lass nicht zu, dass sie mich über die Grenze bringen. Hinter den Straßensperren und den Grenzposten dürfen britische Soldaten nicht mehr eingreifen. Wenn sie mich dort hinbringen, bin ich ein toter Mann.
Zum Zeitpunkt seiner Entführung hatte sich Ray Bledsoe auf dem Parkplatz gerade auf die Geldübergabe an einen Spitzel namens Proinsas Deavey vorbereitet. Alles sollte nach dem üblichen Muster ablaufen - Bledsoe stopfte zweihundert Pfund in gebrauchten Scheinen in ein Embassy-Zigarettenpäckchen und warf es in den linken der beiden zwischen den Einstellplätzen stehenden Papierkörbe. Kurz danach tauchte dann gewöhnlich Deavey auf, der eine Limonadendose in den Papierkorb fallen ließ, verstohlen nach der Zigarettenschachtel griff und sich aus dem Staub machte. Man hätte nicht sagen können, dass ihnen diese Prozedur Spaß machte, aber bis jetzt hatte sie sich immer bewährt.
Deavey war mit einigen bekannten Republikanern befreundet, doch sein selbstzerstörerischer Charakter, in dem sich Dummheit und Gier zu gleichen Teilen mischten, war dafür verantwortlich, dass er mittlerweile auf der Lohnliste der britischen Sicherheitsdienste stand. Sein Leben hatte eine fatale Wendung genommen, als er sich mitten in Belfast - in den so genannten Holy Lands - als kleiner Drogendealer betätigt hatte. Das 'Heilige Land' verdankte seine Bezeichnung den Namen der hier verlaufenden Straßen Damascus Street, Jerusalem Street und Canterbury Street. In diesem Viertel befanden sich die möblierten Zimmer der Studenten der Queen's University, die hier Socken wuschen, Bohnen kochten und Bier tranken. Politisch waren sie teils irische Nationalisten, teils Unionisten, aber Deavey hatte das Pech gehabt, seinen Stoff in einer Bar an ein paar ultranationalistische Achtzehnjährige verkaufen zu wollen, die ihn unmittelbar nach Verlassen des Lokals verpfiffen. Noch am selben Abend war er hinter einem Wettbüro in der Falls Road brutal verprügelt worden. Die Schläger hatten sich als Mitglieder einer Gruppe namens Direct Action Against Drugs vorgestellt, einer bekannten Tarnorganisation der IRA.
Mit Deavey - ressentimentgeladen, halb verkrüppelt und ohne Einkommensquelle - hatte die Force Research Unit vergleichsweise leichtes Spiel gehabt. Die FRU war eine kleine, geheim operierende, von der britischen Armee aufgestellte Einheit, deren Mitglieder - Soldaten in Zivil - Spitzel heranzüchten und führen sollten. Meistens waren es, wie Bledsoe, Männer in mittleren Jahren - altgediente ehemalige Unteroffiziere mit Bierbäuchen, sich lichtendem Haar und einem unauffälligen Äußeren.
Proinsas Deavey war einer von einem halben Dutzend kleiner Spitzel, um die sich Bledsoe und seine Kollegen kümmerten. Der ehemalige Drogendealer hatte nie Kontakt zu wirklich bedeutenden IRA-Aktivisten gehabt, doch seine Informationsfetzen - Treffpunkte, untreue Ehemänner, Trinkkumpane - trugen dazu bei, das nachrichtendienstliche Puzzle zu vervollständigen. Deavey hatte seine republikanische Seele an Ray Bledsoe verkauft - in einer Fish & Chips-Bude außerhalb von Carrickfergus, für eine Vorauszahlung von hundertfünfundsiebzig Pfund.
Spitzel waren eine existenzgefährdende Bedrohung für die PIRA, den radikalen Flügel der Irisch-Republikanischen Armee, und ihre Arbeit mit ebendiesen Spitzeln machte die Mitarbeiter der FRU zu prädestinierten Opfern terroristischer Entführungskommandos. Eines war Bledsoe klar - wenn es zum Verhör kam, würden sie ihn zuerst nach den von ihm geführten Spitzeln fragen, dann nach der Identität der Mitglieder von Spezialeinheiten, zu denen er Kontakt hatte: nach der FRU, der Aufklärungseinheit 14th Intelligence Company, den 'Box'-Teams vom Geheimdienst MI5 und natürlich nach dem SAS. Anschließend würden sie sich für die Funkcodes interessieren - und für den Rest an nachrichtendienstlichen Informationen, die in seinem Gehirn abgespeichert waren.
Bledsoe erschien es als fast sicher, dass die PIRA ihn schon vor Monaten als Mitglied der FRU identifiziert hatte. Dass man ihn jetzt entführte, verdankte er teilweise der Situation - die 'Provos' von der PIRA waren dringend auf Informationen angewiesen - und teilweise ihrem Ehrgeiz, der britischen Regierung den Stinkefinger zu zeigen. Effektiver hatten sie das allerdings durch eine Bombe getan, die vor zwei Tagen am South Quay in den Londoner Docklands hochgegangen war. Wie alle anderen in der Kaserne hatte auch Bledsoe ungläubig auf die Fernsehbilder der verwüsteten Stadtlandschaft gestarrt - zerstörte Bürogebäude und Straßen, die zentimeterhoch mit Glasscherben bedeckt waren. Die Bombe, ein mit Sprengstoff beladener Lastwagen, hatte zwei Menschen das Leben gekostet, etliche andere verletzt und einen Sachschaden von mehreren Millionen Pfund angerichtet. Eine Stunde vor der Explosion hatte die IRA eine Erklärung veröffentlicht, in der der offizielle Waffenstillstand widerrufen wurde, der siebzehn Monate und neun Tage gehalten hatte.
Ray Bledsoe hatte nie wirklich das Gefühl eines Waffenstillstands gehabt. Was ihm eher als business as usual erschienen war, hatten einige seiner Kameraden noch als Verschlechterung einer ohnehin schon beschissenen Situation empfunden. Aber die Bombe signalisierte einen Wandel, weil der Waffenstillstand jetzt auch offiziell nicht mehr eingehalten wurde. Die FRU und die anderen Spezialeinheiten waren aufgefordert worden, mit extremer Vorsicht vorzugehen, die Informationen ihrer Quellen doppelt zu überprüfen und gegenseitig auf sich aufzupassen.
Doch letztlich konnte man eigentlich nicht viel tun. Bledsoes Reaktion auf die Warnungen hatte darin bestanden, einen zweiten Mann zur Überwachung der Geldübergabe anzufordern. Bei seinem letzten Treffen mit Deavey war der Spitzel so nervös gewesen, dass Bledsoe sich schon gefragt hatte, ob der kleine Dreckskerl nicht vielleicht ein doppeltes Spiel spielte. Auszuschließen war nicht, dass er trotz allem zu der Ansicht gelangt war, im Schoß der PIRA sicherer zu sein als im Dienst der britischen Armee, und dass er sein Leben mit dem Versprechen gerettet hatte, den Terroristen einen FRU-Agenten als Wiedergutmachung zu präsentieren. Vielleicht war es sogar noch schlimmer - Deavey war die ganze Zeit über ein Mann der PIRA gewesen und hatte ihnen von Anfang an falsche Informationen verkauft.
Bledsoe hatte beide Szenarios für sehr unwahrscheinlich gehalten - dieser Spitzel erschien ihm einfach als zu begriffsstutzig, um einen raffinierten Schwindel durchzuziehen. Trotzdem hatte er - nur für den Fall, dass sich doch merkwürdige Ideen in Deaveys Kopf geregt haben sollten - einen Kameraden von der FRU angefordert, der die Transaktion aus seinem Auto überwachen sollte. Connor Wheen hatte seinen Mondeo etwa dreihundert Meter entfernt in der Nähe der Einfahrt des Parkplatzes abgestellt, und wenn Bledsoe Glück gehabt hatte, war er Zeuge der Entführung geworden.
Wenn es so gewesen sein sollte, hatte Wheen mit Sicherheit Alarm geschlagen. Möglicherweise saß dem Taxi schon jetzt ein Fahrzeug des SAS im Nacken, das ohne Licht fuhr und nur einen Kilometer entfernt war.
Bledsoe hatte Probleme, zusammenhängend zu denken, während er im Kofferraum des Taxis hin- und hergeworfen wurde. Er hatte sich nie für einen mutigen Mann gehalten. Wenn das Taxi die Absperrungen an der Grenze durchbrach und auf die andere Seite gelangte, was dann? Das Verhör, brutale Tritte in die Zähne und Genitalien, brennende Zigaretten, die ihm in die Augen gebohrt werden würden und . Schluss jetzt, befahl er sich. Versuch, mit der Situation klarzukommen. Du bist Soldat, also verhalt dich wie einer. Und - noch wichtiger - denk wie ein Soldat.
Denk an die Sonderkommandos. Denk an die Männer vom SAS, die nur ein paar Sekunden nach dem Alarm voll bewaffnet und kampfbereit aus der Kaserne in Lisburn ausgerückt sind. Denk daran, wie sie in ihren großen Beamers und Quattros über die Straßen donnern.
Das Gelände wurde zunehmend rauer und stellte die Stoßdämpfer des Taxis auf eine harte Probe. Verzweifelt setzte Bledsoe seine Hoffnung darauf, dass von der britischen Armee verlegte Krähenfüße die Reifen des Wagens zerfetzen würden. Doch er hoffte vergebens, und urplötzlich bewegte sich das Taxi überhaupt nicht mehr. Aus der Ferne hörte er das schwere Quietschen einer Schiebetür. Erneut fuhr der Wagen für ein paar Sekunden über holprigen Boden. Bledsoe hörte zum zweiten Mal das Quietschen der Schiebetür. Einen Augenblick herrschte Stille, dann wurde der Kofferraum aufgerissen. Das grellweiße Licht von Neonröhren ließ ihn blinzeln, und dann wurde er aus dem Kofferraum gezerrt. Unter seinen nackten Füßen spürte er kalte, feuchte Erde. Die Handschellen schnitten in das Fleisch an seinen Gelenken, sein Haar war blutverschmiert. Überall um sich herum hörte er Stimmen.
Während seine Augen sich an das grelle Licht gewöhnten, nahm seine Umgebung allmählich Kontur an. Er befand sich in einer Scheune mit Wellblechwänden, und um ihn herum standen Männer mit erwartungsvollen Mienen, die sämtlich Overalls trugen. Ihre Stimmen klangen aufgeregt und verächtlich, vor ihren Mündern bildeten sich in der Kälte Atemwolken. In einer Ecke zu seiner Linken verbreiteten ein John-Deere-Traktor und ein paar Plastiksäcke mit Kunstdünger einen trügerischen Anschein von Normalität. In der Mitte der Wand gab es einen Werkstattbereich mit Flaschenzügen und Ketten, am hinteren Ende ein abgetrenntes Büro. Vor ihm, rechts, stand ein unbeladener Anhänger.
Noch immer blinzelnd, wandte er sich halb um. Die Einfahrt war durch zwei große Schiebetüren auf geölten Schienen verbarrikadiert, und davor standen zwei Wachtposten, ebenfalls in Overalls. Einer spielte mit einer automatischen Pistole herum, der andere hatte gerade in die Ecke gepinkelt. Die Urinpfütze neben ihm dampfte. Beide grinsten Bledsoe mit hasserfüllten Blicken an.
Bledsoe stand auf unsicheren Beinen da. Sofort schossen ihm zwei Gedanken durch den Kopf. Wo blieben die Jungs vom SAS, die ihn hier herausholen sollten? Dieser Gedanke war schon niederschmetternd, doch der andere war noch schlimmer, so deprimierend, dass sich sein Brustkorb unwillkürlich zu heben begann und er glaubte, das Bewusstsein zu verlieren.
Sie würden ihn umbringen. Wahrscheinlich sollten einige der jüngeren Aktivisten durch die Prozedur abgehärtet werden. Sie würden extrem brutal vorgehen, um so herauszufinden, wer einen solchen Job selbst erledigen konnte, ohne mit der Wimper zu zucken.
Der ihm am nächsten stehende Mann, ein stämmiger Typ mit roten Haaren, kicherte ständig.
Zum Teufel mit dir, du Arschloch, dachte Bledsoe, der mittlerweile zitterte, aber um Haltung rang. Elender Provo. Wenn die Jungs vom SAS erst hier sind - und sie werden kommen, selbst wenn sie die Tür sprengen müssen -, werden sie dir hoffentlich deinen beschissenen Schädel von den Schultern blasen.
Es war eiskalt, und einen Augenblick lang schien alles vor Bledsoes Augen zu verschwimmen. Er war in dem Taxi übel durchgeschüttelt worden und hatte Schmerzen. Trotz seiner panischen Angst wusste er, wie er sich zu verhalten hatte. Ruhig atmen, ermahnte er sich. Sieh zu, dass du einen klaren Kopf bekommst. Ignorier die Schmerzen. Denk nach.
Plötzlich tauchte neben ihm eine dunkelblaue Gestalt auf, versetzte ihm einen Faustschlag in den Magen und rammte ihm sofort darauf ein Knie gegen die Nase. Als der Knochen brach, durchzuckte ihn ein greller Blitz, und er ging zu Boden, verzweifelt um Luft ringend. Sie werden erneut zuschlagen, dachte er wie geistesabwesend.
Er sollte Recht behalten. Die Stahlkappe eines schweren Arbeitsschuhs traf seine Genitalien, und sein Mund erstarrte in einem stummen Schrei. Es folgte ein brutaler Tritt in die Rippen, von denen zwei brachen. Fast bewusstlos schloss Bledsoe die Augen.
Hände packten ihn unter den Achseln, schleiften ihn zu dem Anhänger hinüber und ketteten ihn mit gespreizten Armen an der Heckklappe fest. Seine Beine gaben nach. Sie ließen ihn hängen, sabbernd und verzweifelt nach Luft schnappend. Aus der gebrochenen Nase lief Blut über sein Gesicht.
Endlich fand er wieder einen festen Stand. Er sog die eiskalte Landluft ein und öffnete ein Stück weit die Augen. Acht Männer. Nein, neun. Da war noch ein bleicher Mann mit unergründlichem Blick, dessen Alter man schlecht schätzen konnte. Er musste zwischen fünfundzwanzig und vierzig sein, und im Gegensatz zu den anderen lächelte er nicht.
'Name?', fragte der dünne Typ, der ihn getreten hatte und dem man auch schon mal die Nase gebrochen hatte.
Mühsam hob Bledsoe den Kopf. Er spuckte Blut und räusperte sich. 'Ich habe keine Ahnung, für wen Sie mich halten', begann er mit erschöpfter Stimme, 'aber .'
'Ich werd dir sagen, für wen wir dich halten', sagte der dünne Mann. 'Für Sergeant Raymond Bledsoe, früher bei der Royal Military Police, mittlerweile zur so genannten Force Research Unit abkommandiert. Es gibt nichts, was wir nicht wissen, Arschloch. Dafür kannst du dich beim Mitteilungsblättchen deines Regiments bedanken. Also versuch nicht, uns irgendwelchen Scheiß zu erzählen.'
Schweigen. Der ältere Mann aus dem Wagen betrachtete ihn mit einem ruhigen Blick. 'Sie wissen, was wir wollen', sagte er, während er mit penibler und beängstigender Sorgfalt in einen Overall stieg und den Reißverschluss zuzog. 'Funkcodes, Namen von SAS-Angehörigen und Spitzeln, eben alles. Falls Sie möchten, können wir mit Ihrem Tippgeber Deavey beginnen. Mittlerweile ahnen Sie wahrscheinlich, dass er kein ganz so dummer Ire ist, wie Sie geglaubt haben.'
Bledsoe schwieg. Er starrte auf die Neonröhren und versuchte, nicht an seine schmerzende Nase und die gebrochenen Rippen zu denken.
Der Mann lächelte. 'Im Unterschied zu Ihrer Besatzungsarmee werden wir immer hier sein. Immerhin hatte Deavey genug Grips, das zu kapieren.'
Bledsoe bemühte sich, eine gleichgültige Miene zu wahren. Dann wollen wir mal, dachte er. Wie bei den Planspielen geprobt. 'Ich werde reden', sagte er. 'Aber nicht mit Ihnen, sondern mit Adams, McGuinness oder anderen Führungspersönlichkeiten von Sinn Fein. Ihnen werde ich alles erzählen, was sie wissen wollen. Oder Padraig Byrne.'
Byrne, angeblich ein gewählter Stadtrat von Sinn Fein, war den britischen Sicherheitsdiensten als Chef der Belfast Brigade der PIRA bekannt. Bledsoes Beharren darauf, nur unter vier Augen mit hochrangigen Führungspersönlichkeiten sprechen zu wollen,.