Der Frevel des Clodius
Roman - SPQR
John Maddox Roberts(Author)
Goldmann (Publisher)
Published on 20. October 2008
Book
Paperback/Softback
320 pages
978-3-442-46892-8 (ISBN)
Description
Rom im Jahre 63 vor Christus: Ein Skandal erschüttert die Stadt. Beim Ritus der "Bona Dea", bei dem nur verheiratete Frauen anwesend sein dürfen, wird ein Mann entdeckt. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Frevel und einer Serie von Morden, bei der die Opfer alle ein merkwürdiges Mal auf der Stirn tragen? Decius Caecilius Metellus nimmt die Fährte auf - und schon bald kämpft er um sein Leben .
More details
Series
Language
German
Dimensions
Height: 18.7 cm
Width: 11.8 cm
ISBN-13
978-3-442-46892-8 (9783442468928)
Schweitzer Classification
Persons
John Maddox Roberts, 1947 in Ohio geboren, machte sich zunächst als Autor zahlreicher Science-Fiction-Romane einen Namen. Sein erster historischer Kriminalroman "SPQR" wurde 1991 für den Edgar Allan Poe Award nominiert und war der Beginn einer Serie ausge
Content
Ich frage mich manchmal, ob wir je wissen können, was wirklich geschehen ist. Tote schreiben nicht, also ist Geschichtsschreibung zwangsläufig eine Sache der Überlebenden. Von denen, die überleben, haben einige wenige die Ereignisse selbst miterlebt, während andere nur davon gehört haben. Jeder, der schreibt oder erzählt, übermittelt die Begebenheiten nicht notwendigerweise so, wie sie sich ereignet haben, sondern vielmehr so, wie sie sich hätten ereignen sollen, um den Erzähler oder seine Vorfahren oder seine politische Richtung in einem guten Licht erscheinen zu lassen.
Während einer meiner zahlreichen Phasen des Exils war ich einmal auf die schöne, aber langweilige Insel Rhodos verbannt. Auf Rhodos gibt es nichts zu tun, außer Vorlesungen an einer der vielen Bildungsstätten der Insel zu besuchen. Ich entschied mich für eine Vorlesung in Geschichte, weil in jenem Semester sonst nur noch Philosophie angeboten wurde, eine Disziplin, die ich wie jeder vernünftige Mensch stets gemieden habe.
Die Geschichtsvorlesungen wurden von einem Gelehrten namens Antigonus abgehalten, der damals einen hervorragenden Ruf genoß, heute aber praktisch vergessen ist. Einen seiner Vorträge widmete er ausschließlich der Wandlungsfähigkeit historischer Fakten. Als Beispiel nannte er den Fall der Tyrannenmörder Harmodios und Aristogeiton, die vor fünfhundert Jahren in Athen gelebt haben. Athen wurde damals von Hippias und Hipparch regiert, den Söhnen des Tyrannen Peisistratos. Nun, es hat den Anschein, als hätten Harmodios und Aristogeiton einen Aufstand gegen die Peisistratiden angezettelt, aber in Wirklichkeit planten sie nur, einen von beiden umzubringen, ich habe vergessen welchen. Der überlebende und betrübte Bruder ließ beide hinrichten, und zwar mit allen Schikanen. Daraufhin organisierte die antipeisistratische Fraktion, mit den beiden gemeuchelten Tyrannenmördern als Märtyrer, einen erfolgreichen Aufstand und inthronisierte ihren eigenen, aufgeklärten Herrscher, entweder Kleisthenes oder einen anderen. Und ehe man sich versah, war ganz Griechenland samt Kolonien mit Statuen der Tyrannenmörder übersät. Mein Vater hatte eine prächtige Skulpturengruppe von Axias im Garten seines Landhauses stehen, die einer unserer Vorfahren von der Plünderung Korinths mitgebracht hatte.
In Wirklichkeit, erklärte Antigonus, sei die Geschichte ganz anders abgelaufen. Harmodios und Aristogeiton waren keineswegs idealistische, junge Demokraten mit einem unüberwindbaren Tyrannenhaß. Sie waren ein Liebespaar. Der ermordete Peisistratide begehrte den hübscheren der beiden, welcher jedoch keineswegs vorhatte, seinen Freund für einen häßlichen, alten Päderasten zu verlassen: deswegen wurde der Mordplan ausgeheckt. Erst nachdem die beiden tot waren, schuf die Partei der Anti-Peisitratiden die Legende vom Tyrannenmord.
Das wirklich Erstaunliche daran ist, daß damals alle die wahre Geschichte kannten! Sie haben sich nur stillschweigend darauf geeinigt, aus Propagandazwecken an die Legende zu glauben. So wurde die Legende, um einen von Antigonus geprägten Ausdruck zu verwenden, zur 'politischen Wahrheit'. Es war eine typisch griechische Geschichte, und nur ein Grieche hätte sich einen derartigen Begriff ausdenken können.
Antigonus fuhr fort, daß nur diejenigen, die ein historisches Ereignis direkt miterlebt hatten, wußten, was in Wahrheit geschehen war, während der Rest von uns es nur wie durch dichten Nebel oder wie ein Blinder, der die Umrisse einer Statue ertastet, wahrnehmen könnte. Er sagte, es gäbe Zauberer, die wie Proteus in der Sage von Odysseus die Schatten der Toten rufen und sie zum Sprechen bewegen könnten, und daß dies vielleicht die einzige Möglichkeit sei, die Wahrheit über ein vergangenes Ereignis zu erfahren.
Damals hielt ich das für überaus vernünftig, aber inzwischen sind mir Zweifel gekommen. Ungefähr zu dem Zeitpunkt, als mir mein gegenwärtiges profundes Wissen zuteil wurde, kam mir nämlich die Frage: Hören Menschen auf zu lügen, bloß weil sie tot sind? Ich glaube nicht. Ehrgeizige Männer sorgten sich immer um das Bild, das sich die Nachwelt von ihnen macht, und sie würden diesem Bemühen zuwider handeln, wenn sie anfingen, die Wahrheit zu sagen, sobald sie sich am Ufer des Styx lustwandelnd wiederfänden, auf die nächste Ladung Passagiere wartend, die mit der Fähre ankommt.
Man muß gar nicht bis zu den antiken Knabenliebhabern aus Athen zurückgehen, um auf die verdrehte Geschichte eines Tyrannenmords zu stoßen. Nehmen Sie beispielsweise die Ermordung von Julius Caesar. Es gibt eine offizielle Lesart, die von unserem Ersten Bürger gestützt wird und so etwas wie Antigonus' 'politische Wahrheit' darstellt. Ich kenne eine ganz andere Geschichte, und ich war, im Gegensatz zu unserem Ersten Bürger, damals dabei. Zweifelsohne gibt es noch zahllose andere Versionen, die das beste Licht auf den jeweiligen Erzähler und seine Vorfahren werfen. Hätten wir einen dieser nekromantischen Hexenmeister, der die Schatten des göttlichen Julius, des Cassius, Brutus, Casca und, sagen wir, fünf weiterer Beteiligter (neun ist eine göttliche Zahl) für uns heraufbeschwören könnte, würden wir meines Erachtens neun verschiedene Berichte über die Ereignisse an jenen schicksalshaften Iden des März hören. Der Nebel menschlicher Selbstsucht ist allemal so dicht wie der, den Zeit und Entfernung aufziehen lassen.
Genug. Ich werde ein anderes Mal über den Tod Caesars schreiben, wenn mein Alter, meine Gesundheit und der Erste Bürger es zulassen. Statt dessen möchte ich hier über etwas berichten, was sich früher ereignet hat, siebzehn Jahre früher, um genau zu sein, über weniger spektakuläre Geschehnisse, an die man sich jedoch bis heute erinnert und die damals von großer Tragweite zu sein schienen.
Und Sie können meinen Worten glauben, denn ich war damals dabei und habe alles mit eigenen Augen gesehen. Außerdem lebe ich schon zu lange und habe schon zuviel gesehen, um mich noch darum zu sorgen, was die Zeitgenossen von mir denken, von der Nachwelt ganz zu schweigen.
Ich freute mich auf ein gutes Jahr. Ich habe stets optimistisch in ein neues Jahr geblickt, aber die Ereignisse haben meine Zuversicht fast immer Lügen gestraft. Dieses Jahr sollte da keine Ausnahme machen. Ich war jung, knapp neunundzwanzig, und es braucht schon einiges, um die natürliche, fröhliche Unbekümmertheit der Jugend zu dämpfen. Die Werkzeuge, mit denen mein Optimismus zerschlagen werden sollte, lagen schon in großen Mengen bereit.
Als ich auf die Stadt zuritt, sah alles rosig aus. Ein Grund meiner Fröhlichkeit kampierte vor den Stadtmauern: ein riesiges Lager von Soldaten, Gefangenen und Kriegsbeute, die, verstaut in Schuppen und unter Planen, allein Hektare von Land in Anspruch nahm. Pompeius war aus dem Orient zurück, und das Lager bereitete seinen Triumphzug vor. Bis zu diesem Tag durfte Pompeius die Stadt nicht betreten, und das war mir nur recht. Die Anti-Pompeius-Fraktion im Senat hatte die Genehmigung des Triumphs bis jetzt erfolgreich blockiert. Pompeius konnte meinetwegen warten, bis ihn die Götter zu sich riefen, was - ungeachtet dessen, was er vielleicht glaubte - ziemlich unwahrscheinlich war.
Vor mir lag, das wußte ich, ein geschäftiges Jahr. Mein Vater war zum Censor gewählt worden, ein Amt mit vielen Pflichten. Ich ging davon aus, daß er mich mit der Volkszählung beauftragen würde, da es sich dabei um lästige und anstrengende Arbeit handelte. Er hätte dann Zeit, sich ganz auf die befriedigende Säuberung des Senats von unwürdigen Mitgliedern und die lukrative Verpachtung öffentlicher Dienstleistungen zu konzentrieren.
Das war mir egal. Ich würde in Rom sein! Ich hatte das letzte Jahr in Gallien verbracht, wo nicht nur das Klima unbekömmlich ist, sondern die Leute auch nicht baden. Die Küche ist schlecht, und auch tausend Jahre römischer Zivilisation würden den Galliern nie beibringen können, wie man einen trinkbaren Wein macht.
Während einer meiner zahlreichen Phasen des Exils war ich einmal auf die schöne, aber langweilige Insel Rhodos verbannt. Auf Rhodos gibt es nichts zu tun, außer Vorlesungen an einer der vielen Bildungsstätten der Insel zu besuchen. Ich entschied mich für eine Vorlesung in Geschichte, weil in jenem Semester sonst nur noch Philosophie angeboten wurde, eine Disziplin, die ich wie jeder vernünftige Mensch stets gemieden habe.
Die Geschichtsvorlesungen wurden von einem Gelehrten namens Antigonus abgehalten, der damals einen hervorragenden Ruf genoß, heute aber praktisch vergessen ist. Einen seiner Vorträge widmete er ausschließlich der Wandlungsfähigkeit historischer Fakten. Als Beispiel nannte er den Fall der Tyrannenmörder Harmodios und Aristogeiton, die vor fünfhundert Jahren in Athen gelebt haben. Athen wurde damals von Hippias und Hipparch regiert, den Söhnen des Tyrannen Peisistratos. Nun, es hat den Anschein, als hätten Harmodios und Aristogeiton einen Aufstand gegen die Peisistratiden angezettelt, aber in Wirklichkeit planten sie nur, einen von beiden umzubringen, ich habe vergessen welchen. Der überlebende und betrübte Bruder ließ beide hinrichten, und zwar mit allen Schikanen. Daraufhin organisierte die antipeisistratische Fraktion, mit den beiden gemeuchelten Tyrannenmördern als Märtyrer, einen erfolgreichen Aufstand und inthronisierte ihren eigenen, aufgeklärten Herrscher, entweder Kleisthenes oder einen anderen. Und ehe man sich versah, war ganz Griechenland samt Kolonien mit Statuen der Tyrannenmörder übersät. Mein Vater hatte eine prächtige Skulpturengruppe von Axias im Garten seines Landhauses stehen, die einer unserer Vorfahren von der Plünderung Korinths mitgebracht hatte.
In Wirklichkeit, erklärte Antigonus, sei die Geschichte ganz anders abgelaufen. Harmodios und Aristogeiton waren keineswegs idealistische, junge Demokraten mit einem unüberwindbaren Tyrannenhaß. Sie waren ein Liebespaar. Der ermordete Peisistratide begehrte den hübscheren der beiden, welcher jedoch keineswegs vorhatte, seinen Freund für einen häßlichen, alten Päderasten zu verlassen: deswegen wurde der Mordplan ausgeheckt. Erst nachdem die beiden tot waren, schuf die Partei der Anti-Peisitratiden die Legende vom Tyrannenmord.
Das wirklich Erstaunliche daran ist, daß damals alle die wahre Geschichte kannten! Sie haben sich nur stillschweigend darauf geeinigt, aus Propagandazwecken an die Legende zu glauben. So wurde die Legende, um einen von Antigonus geprägten Ausdruck zu verwenden, zur 'politischen Wahrheit'. Es war eine typisch griechische Geschichte, und nur ein Grieche hätte sich einen derartigen Begriff ausdenken können.
Antigonus fuhr fort, daß nur diejenigen, die ein historisches Ereignis direkt miterlebt hatten, wußten, was in Wahrheit geschehen war, während der Rest von uns es nur wie durch dichten Nebel oder wie ein Blinder, der die Umrisse einer Statue ertastet, wahrnehmen könnte. Er sagte, es gäbe Zauberer, die wie Proteus in der Sage von Odysseus die Schatten der Toten rufen und sie zum Sprechen bewegen könnten, und daß dies vielleicht die einzige Möglichkeit sei, die Wahrheit über ein vergangenes Ereignis zu erfahren.
Damals hielt ich das für überaus vernünftig, aber inzwischen sind mir Zweifel gekommen. Ungefähr zu dem Zeitpunkt, als mir mein gegenwärtiges profundes Wissen zuteil wurde, kam mir nämlich die Frage: Hören Menschen auf zu lügen, bloß weil sie tot sind? Ich glaube nicht. Ehrgeizige Männer sorgten sich immer um das Bild, das sich die Nachwelt von ihnen macht, und sie würden diesem Bemühen zuwider handeln, wenn sie anfingen, die Wahrheit zu sagen, sobald sie sich am Ufer des Styx lustwandelnd wiederfänden, auf die nächste Ladung Passagiere wartend, die mit der Fähre ankommt.
Man muß gar nicht bis zu den antiken Knabenliebhabern aus Athen zurückgehen, um auf die verdrehte Geschichte eines Tyrannenmords zu stoßen. Nehmen Sie beispielsweise die Ermordung von Julius Caesar. Es gibt eine offizielle Lesart, die von unserem Ersten Bürger gestützt wird und so etwas wie Antigonus' 'politische Wahrheit' darstellt. Ich kenne eine ganz andere Geschichte, und ich war, im Gegensatz zu unserem Ersten Bürger, damals dabei. Zweifelsohne gibt es noch zahllose andere Versionen, die das beste Licht auf den jeweiligen Erzähler und seine Vorfahren werfen. Hätten wir einen dieser nekromantischen Hexenmeister, der die Schatten des göttlichen Julius, des Cassius, Brutus, Casca und, sagen wir, fünf weiterer Beteiligter (neun ist eine göttliche Zahl) für uns heraufbeschwören könnte, würden wir meines Erachtens neun verschiedene Berichte über die Ereignisse an jenen schicksalshaften Iden des März hören. Der Nebel menschlicher Selbstsucht ist allemal so dicht wie der, den Zeit und Entfernung aufziehen lassen.
Genug. Ich werde ein anderes Mal über den Tod Caesars schreiben, wenn mein Alter, meine Gesundheit und der Erste Bürger es zulassen. Statt dessen möchte ich hier über etwas berichten, was sich früher ereignet hat, siebzehn Jahre früher, um genau zu sein, über weniger spektakuläre Geschehnisse, an die man sich jedoch bis heute erinnert und die damals von großer Tragweite zu sein schienen.
Und Sie können meinen Worten glauben, denn ich war damals dabei und habe alles mit eigenen Augen gesehen. Außerdem lebe ich schon zu lange und habe schon zuviel gesehen, um mich noch darum zu sorgen, was die Zeitgenossen von mir denken, von der Nachwelt ganz zu schweigen.
Ich freute mich auf ein gutes Jahr. Ich habe stets optimistisch in ein neues Jahr geblickt, aber die Ereignisse haben meine Zuversicht fast immer Lügen gestraft. Dieses Jahr sollte da keine Ausnahme machen. Ich war jung, knapp neunundzwanzig, und es braucht schon einiges, um die natürliche, fröhliche Unbekümmertheit der Jugend zu dämpfen. Die Werkzeuge, mit denen mein Optimismus zerschlagen werden sollte, lagen schon in großen Mengen bereit.
Als ich auf die Stadt zuritt, sah alles rosig aus. Ein Grund meiner Fröhlichkeit kampierte vor den Stadtmauern: ein riesiges Lager von Soldaten, Gefangenen und Kriegsbeute, die, verstaut in Schuppen und unter Planen, allein Hektare von Land in Anspruch nahm. Pompeius war aus dem Orient zurück, und das Lager bereitete seinen Triumphzug vor. Bis zu diesem Tag durfte Pompeius die Stadt nicht betreten, und das war mir nur recht. Die Anti-Pompeius-Fraktion im Senat hatte die Genehmigung des Triumphs bis jetzt erfolgreich blockiert. Pompeius konnte meinetwegen warten, bis ihn die Götter zu sich riefen, was - ungeachtet dessen, was er vielleicht glaubte - ziemlich unwahrscheinlich war.
Vor mir lag, das wußte ich, ein geschäftiges Jahr. Mein Vater war zum Censor gewählt worden, ein Amt mit vielen Pflichten. Ich ging davon aus, daß er mich mit der Volkszählung beauftragen würde, da es sich dabei um lästige und anstrengende Arbeit handelte. Er hätte dann Zeit, sich ganz auf die befriedigende Säuberung des Senats von unwürdigen Mitgliedern und die lukrative Verpachtung öffentlicher Dienstleistungen zu konzentrieren.
Das war mir egal. Ich würde in Rom sein! Ich hatte das letzte Jahr in Gallien verbracht, wo nicht nur das Klima unbekömmlich ist, sondern die Leute auch nicht baden. Die Küche ist schlecht, und auch tausend Jahre römischer Zivilisation würden den Galliern nie beibringen können, wie man einen trinkbaren Wein macht.