Ein Grab in Gaza
Ein Fall für Omar Jussuf
Matt Beynon Rees(Author)
Heyne (Publisher)
Published on 1. March 2010
Book
Paperback/Softback
368 pages
978-3-453-43359-5 (ISBN)
Description
Nach dem gewaltsamen Tod seines früheren Vorgesetzten wird der Geschichtslehrer Omar Jussuf Direktor der UN-Schule in Bethlehem. Als er mit seinem neuen Boss, dem Schweden Magnus Wallender, in den Gazastreifen fährt, um UN-Schulen zu inspizieren, erfahren sie, dass einer der UN-Lehrer verhaftet worden ist. Der Vorwurf: Er sei ein Informant der CIA. Während Omar Jussuf sich um dessen Freilassung bemüht, wird Wallender von den Saladin-Brigaden entführt, der mächtigsten Miliz im Gazastreifen.
More details
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 18.7 cm
Width: 11.8 cm
ISBN-13
978-3-453-43359-5 (9783453433595)
Schweitzer Classification
Content
Als Omar Jussuf den Grenzübergang erreichte, schwirrten die Fliegen aus den überschwemmten Toiletten und stürzten sich auf ihn. Doch der Schmutz in den Latrinen lockte die meisten bald wieder zurück, nur eine kleine summende Eskorte umkreiste ihn, während er schwitzend Richtung Gaza ging.
Der Grenzübergang war breit und leer, gezeichnet von den Tausenden, die sich zweimal täglich hindurchzwängten. Von den Händen der Arbeiter, die im Morgengrauen zu ihren Baustellen in Israel drängten, waren die weiß gekalkten Wände bis auf Schulterhöhe grau verschmutzt. Das Licht der Vormittagssonne schwappte krank und gelblich unter dem gewölbten Blechdach hervor. In der fahlen, übel riechenden Luft wirkten alle Oberflächen abstoßend.
Omar Jussuf stolperte und schlurfte mit seinen lila Schuhen über den schadhaften Beton und stieß bei jedem Schritt mit dem Knie gegen seinen Handkoffer. Er rieb sich mit dem Handrücken die Nase, um den Toilettengestank durch einen Hauch seines Eau de Cologne zu überdecken.
Neben ihm ging Magnus Wallender. Mit seinen vierzig war der Schwede sechzehn Jahre jünger und mit seinen ein Meter siebenundsiebzig acht Zentimeter größer als Omar Jussuf. Sein gewelltes Haar war graublond und sein heller Bart sehr kurz geschnitten. Er trug eine Khakihose, ein gut gebügeltes blaues Hemd und eine elegante Brille mit rechteckigem Horngestell. "Du liebe Zeit", sagte er und zog angesichts der faulig stinkenden Pfütze vor der Toilette eine seiner blassen Augenbrauen hoch.
"Der Duft Gazas", sagte Omar Jussuf.
Wallender lächelte und wandte sich Omar Jussuf zu. "Soll ich Ihnen vielleicht mit Ihrem Koffer helfen?"
Der Schwede wollte nur freundlich sein, aber Omar Jussuf war es unangenehm, dass man ihm offenbar ansah, wie das Gewicht des Koffers ihm bei dieser Hitze zu schaffen machte. Bei jedem anderen hätte er jetzt zugeschnappt, aber Wallender war sein Chef. Küsse die Hand, die du nicht beißen darfst, dachte er. "Danke, Magnus. Es geht schon", sagte er.
Im Schatten der schmutzigen Durchgangsmauer saß jenseits eines quietschenden Drehkreuzes und einer hohen Stacheldrahtrolle ein palästinensischer Offizier an einem ramponierten Schreibtisch. Als er Omar Jussuf in Begleitung eines Ausländers kommen sah, nahm er Haltung an und stellte sich darauf ein, wichtige Besucher abzufertigen. Er nahm das grüne Plastiketui mit Omar Jussufs Ausweis und Wallenders dunkelroten Pass entgegen und überprüfte die Fotos. "Mister Magnus?", sagte er.
Wallender nickte lächelnd.
"Willkommen", murmelte der Offizier auf Englisch. "Aus welchem Grund kommen Sie nach Gaza?"
"Ich arbeite im Jerusalemer Büro des Hilfswerks für Palästinaflüchtlinge der Vereinten Nationen", sagte Wallender. "Wir führen eine Inspektion der UNO-Schulen in den Flüchtlingslagern in Gaza durch." Er deutete auf Omar Jussuf. "Mein Kollege hier ist Direktor einer unserer Schulen in Bethlehem."
Der Offizier nickte. Omar Jussuf war sich sicher, dass die Englischkenntnisse des Mannes nicht ausreichten, um Wallenders Erklärung zu verstehen. Jedenfalls transkribierte er den Namen des Schweden falsch in die große, mit Eselsohren verzierte Liste, die auf dem Tisch lag.
"Seit wann waren Sie nicht mehr in Gaza, Ustas?", fragte der Offizier Omar Jussuf.
"Seit zwanzig Jahren, mein Sohn. Die Genehmigung bekommt man nicht so leicht."
"Sie werden merken, dass sich in Gaza einiges verändert
hat."
"Gaza wird merken, dass ich mich verändert habe." Omar Jussuf stieß ein kurzes Lachen aus. Es klang, als müsse er Schleim abhusten. "Als ich das letzte Mal in Gaza war, hatte ich noch hübsche Locken und konnte einen Handkoffer tragen, ohne gleich in Schweiß auszubrechen."
Der Offizier grinste. Er schielte vom Ausweis zu Omar Jussuf, wobei das Lächeln in höfliche Verwirrung überging. Wundert er sich, dass ich nicht so alt bin, wie ich aussehe?, dachte Omar Jussuf. Omar Jussuf, knapp unter Durchschnittsgröße, wirkte noch kleiner, weil seine Schultern wie die eines alten Mannes herabhingen. Er hatte weißes Haar, Leberflecken sprenkelten seine kahle Stirn, und sein gepflegter Schnurrbart war grau.
"Zumindest sind Sie noch bei Verstand, Onkel." Der Offizier gab ihm den Ausweis zurück. "Im Gegensatz zu Gaza."
Wallender ging ins Licht jenseits des Durchgangs, blinzelte zur Sonne und reckte sich. "Der UNO-Sicherheitsbeauftragte für Gaza trifft sich hier mit uns", sagte er. "Ein Bursche namens James Cree. Man hat mir gesagt, dass er Schotte ist."
Omar Jussuf ging neben ihm her. "Ein Sicherheitsoffizier?"
"Offenbar ist es in Gaza ein bisschen gefährlich, wissen Sie." Wallender lachte.
Im Schatten einer Polizeiwache, die aus einem einzigen Raum bestand, dösten Taxifahrer. Einige kamen näher, entboten mit unterwürfigem Unterton Willkommensgrüße und deuteten auf ihre klapprigen, gelben Fahrzeuge. Aus dem Schatten hinter der Polizeistation trat ein glatzköpfiger, hagerer Mann, der sein Handy anstarrte. Er war fast einsneunzig groß, und sein Gesicht und die Kopfhaut waren von der Sonne gerötet.
"Ich würde sagen, das ist unser Mister Cree. Meinen Sie nicht auch?", sagte Wallender. "Er sieht ja noch ausländischer aus als ich. Und das soll schon was heißen."
James Cree schob das Handy in die Brusttasche seines kurzärmeligen Hemds. Sein sonnenverbranntes Gesicht war weich und teigig, es wirkte wie ein pochiertes Ei auf einem Teller. Seine Augenfarbe zeigte ein zartes, verwaschenes Blau, und er hatte einen rotblonden Schnurrbart, der kaum breiter als ein kleiner Finger war. Seine Gliedmaßen waren lang und schmal und verrieten die zähe Kraft eines Ausdauersportlers.
Wallender schüttelte Cree die Hand. "Das ist unser Kollege Omar Jussuf, Direktor der Mädchenschule im Flüchtlingslager Dehaischa", sagte er. "Ich kann von Glück sagen, dass die Israelis ihm die Genehmigung erteilt haben, den Checkpoint zu passieren, damit er diese Inspektion mit mir durchführen kann."
Der Schotte beugte sich leicht herab, um Omar Jussufs Hand zu schütteln. Omar Jussuf kam sich gegenüber dem großen, schlanken Mann klein und behäbig vor. "Mister Wallender bringt Sie zu den entscheidenden Orten", sagte Cree mürrisch und bewegte dabei kaum die Lippen.
Wallender hob den Arm, klopfte Cree auf die Schulter und ging dann lachend auf den weißen Chevrolet Suburban mit schwarzen UNO-Emblemen zu, der ihnen vom Parkplatz entgegenkam.
Sie setzten sich in die Kühle des klimatisierten Wagens. Vom Beifahrersitz sah Cree Wallender über die Schulter an, während der Fahrer auf die Straße einbog. "Wir haben hier 'ne kritische Situation, Magnus. Das Büro hat vorhin angerufen, und sie haben mir noch weitere Details auf mein Handy geschickt.
Der Grenzübergang war breit und leer, gezeichnet von den Tausenden, die sich zweimal täglich hindurchzwängten. Von den Händen der Arbeiter, die im Morgengrauen zu ihren Baustellen in Israel drängten, waren die weiß gekalkten Wände bis auf Schulterhöhe grau verschmutzt. Das Licht der Vormittagssonne schwappte krank und gelblich unter dem gewölbten Blechdach hervor. In der fahlen, übel riechenden Luft wirkten alle Oberflächen abstoßend.
Omar Jussuf stolperte und schlurfte mit seinen lila Schuhen über den schadhaften Beton und stieß bei jedem Schritt mit dem Knie gegen seinen Handkoffer. Er rieb sich mit dem Handrücken die Nase, um den Toilettengestank durch einen Hauch seines Eau de Cologne zu überdecken.
Neben ihm ging Magnus Wallender. Mit seinen vierzig war der Schwede sechzehn Jahre jünger und mit seinen ein Meter siebenundsiebzig acht Zentimeter größer als Omar Jussuf. Sein gewelltes Haar war graublond und sein heller Bart sehr kurz geschnitten. Er trug eine Khakihose, ein gut gebügeltes blaues Hemd und eine elegante Brille mit rechteckigem Horngestell. "Du liebe Zeit", sagte er und zog angesichts der faulig stinkenden Pfütze vor der Toilette eine seiner blassen Augenbrauen hoch.
"Der Duft Gazas", sagte Omar Jussuf.
Wallender lächelte und wandte sich Omar Jussuf zu. "Soll ich Ihnen vielleicht mit Ihrem Koffer helfen?"
Der Schwede wollte nur freundlich sein, aber Omar Jussuf war es unangenehm, dass man ihm offenbar ansah, wie das Gewicht des Koffers ihm bei dieser Hitze zu schaffen machte. Bei jedem anderen hätte er jetzt zugeschnappt, aber Wallender war sein Chef. Küsse die Hand, die du nicht beißen darfst, dachte er. "Danke, Magnus. Es geht schon", sagte er.
Im Schatten der schmutzigen Durchgangsmauer saß jenseits eines quietschenden Drehkreuzes und einer hohen Stacheldrahtrolle ein palästinensischer Offizier an einem ramponierten Schreibtisch. Als er Omar Jussuf in Begleitung eines Ausländers kommen sah, nahm er Haltung an und stellte sich darauf ein, wichtige Besucher abzufertigen. Er nahm das grüne Plastiketui mit Omar Jussufs Ausweis und Wallenders dunkelroten Pass entgegen und überprüfte die Fotos. "Mister Magnus?", sagte er.
Wallender nickte lächelnd.
"Willkommen", murmelte der Offizier auf Englisch. "Aus welchem Grund kommen Sie nach Gaza?"
"Ich arbeite im Jerusalemer Büro des Hilfswerks für Palästinaflüchtlinge der Vereinten Nationen", sagte Wallender. "Wir führen eine Inspektion der UNO-Schulen in den Flüchtlingslagern in Gaza durch." Er deutete auf Omar Jussuf. "Mein Kollege hier ist Direktor einer unserer Schulen in Bethlehem."
Der Offizier nickte. Omar Jussuf war sich sicher, dass die Englischkenntnisse des Mannes nicht ausreichten, um Wallenders Erklärung zu verstehen. Jedenfalls transkribierte er den Namen des Schweden falsch in die große, mit Eselsohren verzierte Liste, die auf dem Tisch lag.
"Seit wann waren Sie nicht mehr in Gaza, Ustas?", fragte der Offizier Omar Jussuf.
"Seit zwanzig Jahren, mein Sohn. Die Genehmigung bekommt man nicht so leicht."
"Sie werden merken, dass sich in Gaza einiges verändert
hat."
"Gaza wird merken, dass ich mich verändert habe." Omar Jussuf stieß ein kurzes Lachen aus. Es klang, als müsse er Schleim abhusten. "Als ich das letzte Mal in Gaza war, hatte ich noch hübsche Locken und konnte einen Handkoffer tragen, ohne gleich in Schweiß auszubrechen."
Der Offizier grinste. Er schielte vom Ausweis zu Omar Jussuf, wobei das Lächeln in höfliche Verwirrung überging. Wundert er sich, dass ich nicht so alt bin, wie ich aussehe?, dachte Omar Jussuf. Omar Jussuf, knapp unter Durchschnittsgröße, wirkte noch kleiner, weil seine Schultern wie die eines alten Mannes herabhingen. Er hatte weißes Haar, Leberflecken sprenkelten seine kahle Stirn, und sein gepflegter Schnurrbart war grau.
"Zumindest sind Sie noch bei Verstand, Onkel." Der Offizier gab ihm den Ausweis zurück. "Im Gegensatz zu Gaza."
Wallender ging ins Licht jenseits des Durchgangs, blinzelte zur Sonne und reckte sich. "Der UNO-Sicherheitsbeauftragte für Gaza trifft sich hier mit uns", sagte er. "Ein Bursche namens James Cree. Man hat mir gesagt, dass er Schotte ist."
Omar Jussuf ging neben ihm her. "Ein Sicherheitsoffizier?"
"Offenbar ist es in Gaza ein bisschen gefährlich, wissen Sie." Wallender lachte.
Im Schatten einer Polizeiwache, die aus einem einzigen Raum bestand, dösten Taxifahrer. Einige kamen näher, entboten mit unterwürfigem Unterton Willkommensgrüße und deuteten auf ihre klapprigen, gelben Fahrzeuge. Aus dem Schatten hinter der Polizeistation trat ein glatzköpfiger, hagerer Mann, der sein Handy anstarrte. Er war fast einsneunzig groß, und sein Gesicht und die Kopfhaut waren von der Sonne gerötet.
"Ich würde sagen, das ist unser Mister Cree. Meinen Sie nicht auch?", sagte Wallender. "Er sieht ja noch ausländischer aus als ich. Und das soll schon was heißen."
James Cree schob das Handy in die Brusttasche seines kurzärmeligen Hemds. Sein sonnenverbranntes Gesicht war weich und teigig, es wirkte wie ein pochiertes Ei auf einem Teller. Seine Augenfarbe zeigte ein zartes, verwaschenes Blau, und er hatte einen rotblonden Schnurrbart, der kaum breiter als ein kleiner Finger war. Seine Gliedmaßen waren lang und schmal und verrieten die zähe Kraft eines Ausdauersportlers.
Wallender schüttelte Cree die Hand. "Das ist unser Kollege Omar Jussuf, Direktor der Mädchenschule im Flüchtlingslager Dehaischa", sagte er. "Ich kann von Glück sagen, dass die Israelis ihm die Genehmigung erteilt haben, den Checkpoint zu passieren, damit er diese Inspektion mit mir durchführen kann."
Der Schotte beugte sich leicht herab, um Omar Jussufs Hand zu schütteln. Omar Jussuf kam sich gegenüber dem großen, schlanken Mann klein und behäbig vor. "Mister Wallender bringt Sie zu den entscheidenden Orten", sagte Cree mürrisch und bewegte dabei kaum die Lippen.
Wallender hob den Arm, klopfte Cree auf die Schulter und ging dann lachend auf den weißen Chevrolet Suburban mit schwarzen UNO-Emblemen zu, der ihnen vom Parkplatz entgegenkam.
Sie setzten sich in die Kühle des klimatisierten Wagens. Vom Beifahrersitz sah Cree Wallender über die Schulter an, während der Fahrer auf die Straße einbog. "Wir haben hier 'ne kritische Situation, Magnus. Das Büro hat vorhin angerufen, und sie haben mir noch weitere Details auf mein Handy geschickt.