
Die Kinder des Todes - Inspector Rebus 14
Kriminalroman
Ian Rankin(Author)
Goldmann (Publisher)
Published on 13. November 2006
Book
Paperback/Softback
544 pages
978-3-442-46314-5 (ISBN)
Description
Ein blutiger Amoklauf in der örtlichen Schule erschüttert das Küstenstädtchen South Queensferry. Die Suche nach den Hintergründen der Tat führt Inspector Rebus in das Herz einer kleinen Gemeinschaft und ihrer verlorenen Kinder - und in seine eigene Vergangenheit beim Special Air Service. Was hat den früheren Elitesoldaten Lee Herdman zu seiner schrecklichen Tat getrieben? Je näher Rebus der Wahrheit kommt, desto dunkler wird der Abgrund, der sich vor ihm auftut .
More details
Series
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 18.3 cm
Width: 12.5 cm
ISBN-13
978-3-442-46314-5 (9783442463145)
Schweitzer Classification
Other editions
Previous edition
Persons
Author
Ian Rankin, geboren 1960, ist Großbritanniens führender Krimiautor, seine Romane sind aus den internationalen Bestsellerlisten nicht mehr wegzudenken. Ian Rankin wurde unter anderem mit dem Gold Dagger für "Das Souvenir des Mörders", dem Edgar Allan Poe Award für "Tore der Finsternis" und dem Deutschen Krimipreis für "Die Kinder des Todes" ausgezeichnet. "So soll er sterben" und "Im Namen der Toten" erhielten jeweils als bester Spannungsroman des Jahres den renommierten British Book Award. Für seine Verdienste um die Literatur wurde Ian Rankin mit dem "Order of the British Empire" ausgezeichnet.
Mit "Ein Rest von Schuld" hatte Ian Rankin seinen Ermittler John Rebus nach 17 Fällen in den Ruhestand geschickt und ließ Inspector Malcolm Fox die Bühne betreten. Doch mit "Mädchengrab" kehrte Rebus wieder zurück.
Ian Rankin lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in Edinburgh.
Translation
Content
Erster Tag, Dienstag
'Völlig klare Sache', sagte Detective Sergeant Siobhan Clarke. 'Herdman ist schlicht und einfach ausgerastet.'
Sie saß neben einem Krankenhausbett in Edinburghs erst kürzlich eröffneter New Royal Infirmary. Der Gebäudekomplex befand sich am Südrand der Stadt, in einer Gegend namens Little France. Er war für eine beträchtliche Summe auf einer Wiese errichtet worden, doch es gab bereits Klagen über die schlechte Raumaufteilung im Inneren und den Parkplatzmangel draußen. Siobhan hatte nach einer Weile eine Lücke für ihr Auto gefunden, nur um danach festzustellen, dass sie für dieses Glück würde bezahlen müssen.
Das hatte sie Detective Inspector John Rebus erzählt, nachdem sie sich an sein Bett gesetzt hatte. Rebus' Hände waren komplett verbunden. Als Siobhan ihm etwas lauwarmes Wasser eingeschenkt hatte, hatte er den Plastikbecher mit beiden Händen zum Mund geführt und vorsichtig getrunken, während sie ihn dabei beobachtete.
'Sehen Sie?', hatte er anschließend vorwurfsvoll gesagt. 'Keinen Tropfen verschüttet.'
Aber dann hatte er die Vorführung vermasselt, indem er den Becher bei dem Versuch fallen ließ, ihn auf dem Nachttisch abzustellen. Der Becher landete mit der Unterkante auf dem Boden, prallte ab, und Siobhan schnappte ihn sich noch in der Luft.
'Gute Reflexe', lobte Rebus.
'Nichts passiert. War ja leer.'
Danach machte sie absichtlich, wie ihnen beiden klar war, Konversation, verkniff sich die Fragen, die sie ihm eigentlich unbedingt stellen wollte, und berichtete ihm stattdessen über die Bluttat in South Queensferry.
Drei Tote, ein Verletzter. Ein ruhiges Küstenstädtchen, wenige Kilometer nordöstlich der Stadtgrenze gelegen. Eine Privatschule für Jungen und Mädchen im Alter von fünf bis achtzehn. Sechshundert insgesamt, jetzt zwei weniger.
Die dritte Leiche war der Todesschütze, der seine Waffe anschließend gegen sich selbst gerichtet hatte. Wie Siobhan gesagt hatte, eine völlig klare Sache.
Abgesehen von der Frage nach dem Warum.
'Er hatte dieselbe Vergangenheit wie Sie', sagte sie nun. 'War ein Ex-Soldat, meine ich. Man nimmt an, dass sein Motiv etwas damit zu tun hat: Hass auf die Gesellschaft.'
Rebus fiel auf, dass sie ihre Hände inzwischen tief in den Taschen vergraben hatte. Er vermutete, sie hatte sie zu Fäusten geballt und es noch nicht einmal bemerkt.
'In der Zeitung stand, dass er eine Firma gehabt hat', sagte er.
'Er besaß ein Motorboot, hat Wasserskiläufer damit gezogen.'
'Und doch hatte er diesen Hass?'
Sie zuckte die Achseln. Rebus wusste, dass sie sich wünschte, sie würde am Tatort gebraucht, würde irgendetwas tun, um ihre Gedanken von der anderen Ermittlung abzulenken - einer internen und zudem einer, in deren Mittelpunkt sie selbst stand.
Sie starrte an die Wand über seinem Kopf, so als sehe sie dort etwas Interessantes.
'Sie haben mich noch gar nicht gefragt, wie es mir geht', sagte er.
Sie schaute ihn an, 'Wie geht es Ihnen?'
'Bin kurz vorm Lagerkoller, trotzdem danke der Nachfrage.'
'Sie sind doch erst seit gestern hier.'
'Mir kommt's länger vor.'
'Was sagt der Arzt?'
'War noch keiner bei mir, jedenfalls nicht heute. Egal, was er sagt, ich haue nachher hier ab.'
'Und was dann?'
'Wie meinen Sie das?'
'Sie können nicht arbeiten.' Erst jetzt musterte sie seine Hände. 'Wie wollen Sie Auto fahren oder einen Bericht tippen? Oder einen Telefonhörer halten?'
'Das schaffe ich schon irgendwie.' Er ließ den Blick schweifen, denn nun war er derjenige, der Augenkontakt vermied. Seine Zimmergenossen waren ausnahmslos Männer etwa in seinem Alter und mit demselben fahlen Teint. Alle hatten sie der schottischen Lebensart Tribut zollen müssen, so viel war sicher. Einer von ihnen hustete, weil es ihn nach einer Zigarette verlangte. Ein anderer sah aus, als habe er Atemprobleme. Lauter Vertreter der übergewichtigen, fettlebrigen Masse männlicher Mitbürger. Rebus hob eine Hand, kratzte sich mit dem Unterarm die linke Wange und spürte dabei seine Bartstoppeln. Er wusste, sie hatten dieselbe graue Farbe wie die Wände dieser Krankenstation.
'Ich schaffe das schon', wiederholte er in die Stille hinein, senkte den Arm und wünschte sogleich, er hätte ihn nicht angehoben. Ein glühender Schmerz stach in seine Finger, als das Blut in sie zurückfloss. 'Hat man schon mit Ihnen gesprochen?', fragte er.
'Worüber?'
'Tun Sie doch nicht so, Siobhan.'
Sie sah ihn an, ohne zu blinzeln. Als sie sich auf dem Stuhl vorbeugte, tauchten ihre Hände aus ihren Verstecken auf.
'Ich habe heute Nachmittag noch einen Termin.'
'Bei wem?'
'Der Chefin.' Bei Detective Superintendent Gill Templer also. Rebus nickte, zufrieden, dass noch keine höhere Dienststelle mit der Angelegenheit befasst war.
'Was werden Sie ihr erzählen?', fragte er.
'Es gibt nichts zu erzählen. Ich habe mit Fairstones Tod nichts zu tun.' Sie schwieg, und eine weitere unausgesprochene Frage schwebte zwischen ihnen in der Luft. Können Sie das von sich auch behaupten? Sie schien darauf zu warten, dass Rebus etwas sagte, aber er blieb stumm. 'Sie wird wissen wollen, was mit Ihnen los ist', fügte Siobhan hinzu. 'Wieso Sie hier sind.'
'Ich habe mich verbrüht', sagte Rebus. 'Das hört sich blöd an, aber so war's.'
'Ich weiß, dass Sie gesagt haben, es sei so gewesen.'
'Nein Siobhan, es ist so gewesen. Fragen Sie den Arzt, wenn Sie mir nicht glauben.' Er sah sich erneut um. 'Immer vorausgesetzt, Sie entdecken ihn irgendwo.'
'Vielleicht sucht er immer noch einen Parkplatz.'
Ein reichlich müder Witz, aber Rebus lächelte trotzdem. Sie hatte ihm signalisiert, dass sie ihn nicht weiter bedrängen würde. Sein Lächeln drückte Dankbarkeit aus.
'Wer hat in South Queensferry das Kommando?', fragte er, um das Thema zu wechseln.
'DI Hogan, glaube ich.'
'Bobby ist ein guter Polizist. Wenn es überhaupt möglich ist, den Fall schnell abzuschließen, wird er das schaffen.'
'Ziemlicher Medienrummel, nach allem was man so hört. Grant Hood ist für die Pressearbeit abgestellt worden.'
'Das heißt, er fehlt uns in St. Leonard's.' Rebus wirkte nachdenklich. 'Ein Grund mehr, dass ich mich rasch zurückmelde.'
'Vor allem, falls man mich vom Dienst suspendiert.'
'Das wird man nicht. Sie haben es doch selbst gesagt, Siobhan - Sie haben mit Fairstone nichts zu tun. So wie ich es sehe, war es ein Unfall. Und jetzt, da etwas Wichtigeres passiert ist, wird die Angelegenheit vielleicht eines natürlichen Todes sterben, wenn ich so sagen darf.'
'Ein Unfall', wiederholte sie seine Worte.
Er nickte langsam. 'Also machen Sie sich bloß keine Sorgen. Es sei denn, natürlich, Sie haben den Mistkerl tatsächlich um die Ecke gebracht.'
'John.' In ihrer Stimme lag ein warnender Unterton. Rebus lächelte erneut und brachte ein Zwinkern zustande.
'Sollte ein Witz sein', sagte er. 'Ich weiß nur allzu gut, wem Gill den Tod von Fairstone anhängen will.'
'Er ist verbrannt, John.'
'Und das bedeutet, ich habe ihn umgebracht?' Rebus hielt beide Hände hoch und drehte sie hin und her. 'Verbrühungen, Siobhan. Nichts anderes, bloß Verbrühungen.'
Sie erhob sich. 'Wenn Sie das sagen, John.' Dann stand sie vor ihm, während er die Hände senkte und den peinigenden Schmerz zu ignorieren versuchte, der ihn schlagartig durchströmte.
Eine Krankenschwester näherte sich und kündigte an, sie werde seine Verbände wechseln.
'Ich wollte sowieso gerade los', sagte Siobhan zu ihr. Und dann zu Rebus: 'Mir ist der Gedanke zuwider, Sie könnten sich zu einer derartigen Dummheit hinreißen lassen, und dabei glauben, es geschehe mir zuliebe.'
Er schüttelte langsam den Kopf, und sie drehte sich um und ging weg. 'Nicht vom Glauben abfallen, Siobhan!', rief er ihr hinterher.
'Ihre Tochter?', fragte die Krankenschwester im Plauderton.
'Nur eine befreundete Arbeitskollegin.'
'Haben Sie etwas mit der Kirche zu tun?'
Rebus zuckte zusammen, als sie eine der Binden abzuwickeln begann. 'Wie kommen Sie denn da drauf?'
'Die Art, wie Sie das Wort Glauben benutzt haben.'
'In meinem Beruf braucht man mehr davon als in den meisten anderen.' Er schwieg einen Moment. 'Aber bei Ihnen ist das vielleicht genauso, oder?'
'Bei mir?' Sie lächelte, den Blick auf ihre geschickten Hände gerichtet. Sie war klein, keine Schönheit, geschäftsmäßig. 'Ich kann es mir nicht leisten, untätig herumzusitzen und abzuwarten, bis der Glaube etwas für mich erledigt. Wie haben Sie das eigentlich angestellt?' Sie meinte seine von Blasen übersäten Hände.
'Hab sie aus Versehen in heißes Wasser getaucht', erklärte er und spürte dabei, wie eine Schweißperle seine Schläfe hinunterzukriechen begann. Mit Schmerzen werde ich fertig, dachte er bei sich. Die Probleme liegen woanders. 'Könnten wir die Verbände denn nicht gegen etwas Leichteres austauschen?'
'Sie sind wohl erpicht darauf, von hier zu verschwinden?'
'Erpicht darauf, einen Becher in die Hand zu nehmen, ohne dass er mir runterfällt.' Oder einen Telefonhörer, dachte er. 'Außerdem gibt es bestimmt jemand, der das Bett hier dringender braucht.'
'Wirklich sehr selbstlos von Ihnen. Wir müssen abwarten, was der Arzt dazu sagt.'
'Und wann wird der Arzt hier sein?'
'Sie müssen sich schon noch ein bisschen gedulden.'
Geduld: das Einzige, wofür er überhaupt keine Zeit hatte.
'Vielleicht bekommen Sie ja noch mehr Besuch.'
Das bezweifelte er. Niemand außer Siobhan wusste, wo er war. Jemand vom Krankenhauspersonal hatte sie auf seine Bitte hin angerufen, damit sie Templer ausrichtete, er habe sich für einen, maximal zwei Tage krankgemeldet. Allerdings war Siobhan als Folge des Anrufs angerückt gekommen. Vielleicht hatte er das vorhergesehen. Vielleicht war das der Grund, wieso er bei ihr hatte anrufen lassen und nicht auf der Polizeiwache.
Das war gestern Nachmittag gewesen. Gestern Morgen hatte er den Kampf aufgegeben und war zu seinem Hausarzt gegangen. Die Praxisvertretung hatte ihm nach einem Blick auf seine Hände gesagt, er müsse ins Krankenhaus. Rebus hatte ein Taxi zur nächstgelegenen Notaufnahme genommen, und es war ihm peinlich gewesen, dass der Fahrer ihm in die Hosentasche greifen musste, um sich das Geld für die Fahrt zu holen.
'Haben Sie die neusten Nachrichten gehört?', hatte der Fahrer gefragt. 'In einer Schule hat's eine Schießerei gegeben.'
'Wahrscheinlich bloß mit einem Luftgewehr.'
Aber der Mann hatte den Kopf geschüttelt. 'Nein, im Radio war sogar von einer Tragödie die Rede.'
In der Notaufnahme hatte Rebus geduldig gewartet, bis er drankam. Seine Hände waren verbunden worden, und die Verletzungen wurden als nicht ernst genug eingestuft, um eine Verlegung in die Verbrennungseinheit draußen in Livingston zu rechtfertigen. Aber er hatte deutlich erhöhte Temperatur gehabt, deshalb wurde angeordnet, dass er über Nacht im Krankenhaus bleiben sollte, und ein Krankenwagen brachte ihn nach Little France. Er nahm an, man wollte ihn im Auge behalten, für den Fall, dass er in einen Schockzustand oder Ähnliches geriet. Oder man befürchtete, er sei eine Gefahr für sich selbst. Allerdings hatte bisher niemand mit ihm über so etwas gesprochen. Vielleicht ließ man ihn deshalb nicht gehen: man wollte warten, bis ein Psychiater ihn kurz in Augenschein genommen hatte.
Er dachte an Jean Burchill, den einzigen Menschen, dem sein plötzliches Verschwinden von zu Hause womöglich auffallen würde. Aber ihr Verhältnis hatte sich ein bisschen abgekühlt. Sie schafften es etwa alle anderthalb Wochen, eine Nacht miteinander zu verbringen. Telefonierten öfters miteinander, trafen sich manchmal nachmittags zum Kaffee. Ihr Verhältnis war zu einer Gewohnheit geworden. Er erinnerte sich, dass er vor Jahren eine kurze Affäre mit einer Krankenschwester gehabt hatte. Er wusste nicht, ob sie immer noch in der Stadt arbeitete. Er könnte sich natürlich erkundigen, aber ihm war ihr Name entfallen. Das war ein Problem von ihm: er hatte manchmal Schwierigkeiten mit Namen. Vergaß die eine oder andere Verabredung. Eigentlich nichts Schlimmes, nur eine zwangsläufige Folge des Älterwerdens. Aber er stellte fest, dass er sich bei Zeugenaussagen zunehmend auf seine Notizen verließ. Vor zehn Jahren hatte er weder Netz noch doppelten Boden gebraucht. Seine Auftritte waren überzeugender gewesen, und er hatte die Geschworenen stets beeindruckt - zumindest hatten ihm das die Staatsanwälte gesagt.
'Fertig.' Die Krankenschwester richtete sich auf. Sie hatte Salbe auf seinen Händen verteilt, sie mit Gaze bedeckt und die alten Binden wieder darum gewickelt. 'Besser?'
Er nickte. Die Haut fühlte sich etwas kühler an, aber er wusste, das würde nicht so bleiben.
'Dürfen Sie noch weitere Schmerzmittel bekommen?' Eine rhetorische Frage. Sie überprüfte die Verlaufskurve am Fußende seines Bettes. Er hatte sich das Blatt vorhin auf dem Rückweg von der Toilette angeschaut. Temperatur und Medikamentierung waren darauf verzeichnet, sonst nichts. Kein Wort von der Geschichte, die er erzählt hatte, während er untersucht worden war.
Hab mir ein heißes Bad einlaufen lassen. bin ausgerutscht und reingefallen.
Der Arzt hatte einen kehligen Laut von sich gegeben, was besagen sollte, dass er sich mit der Geschichte zufrieden gab, ohne sie unbedingt zu glauben. Überarbeitet, Schlafmangel - nicht seine Aufgabe nachzuhaken. Er war Arzt und kein Polizist.
'Ich könnte Ihnen ein paar Paracetamol geben', bot die Schwester an.
'Wie groß ist die Chance auf ein Bier zum Runterspülen?'
Sie lächelte erneut ihr routiniertes Lächeln. Während ihrer jahrelangen Arbeit beim National Health Service hatte sie wahrscheinlich nicht allzu viele originelle Sprüche gehört.
'Ich seh zu, was ich für Sie tun kann.'
'Sie sind ein Engel', sagte Rebus zu seiner eigenen Überraschung. Es war eine Bemerkung, von der er glaubte, dass Patienten sie machen, eines dieser bequemen Klischees. Die Schwester war schon auf dem Weg hinaus, und er war sich nicht sicher, ob sie es gehört hatte. Vielleicht hatte es etwas mit dem Wesen von Krankenhäusern zu tun. Auch wenn man sich nicht krank fühlte, übten sie dennoch eine bestimmte Wirkung auf einen aus, ließen einen träge und folgsam werden. Dem Anstaltsleben angepasst. Es konnte etwas mit den Farben, dem summenden Hintergrundgeräusch zu tun haben. Vielleicht spielte auch die Temperatur in den Zimmern eine Rolle. Auf der Polizeiwache St. Leonard's gab es eine besondere Zelle für die 'Ausgeklinkten'. Sie war hellrosa und sollte sie angeblich beruhigen. Was sprach dagegen, dass hier eine ähnliche psychologische Methode angewandt wurde? Das Letzte, was die Schwestern gebrauchen konnten, war ein pampiger Patient, der herumkrakeelte und alle fünf Minuten aus dem Bett sprang. Daher die beengenden Laken, die ganz festgesteckt waren, um jegliche Bewegung zu erschweren. Bleiben Sie einfach ruhig liegen. auf die Kissen gebettet. und aalen Sie sich in der Wärme und der Helligkeit. Machen Sie keine Unannehmlichkeiten. Er glaubte, wenn das so weiterginge, würde er bald seinen Namen vergessen. Die Welt draußen würde keine Bedeutung mehr haben. Es würde keine Arbeit auf ihn warten. Kein Fall Fairstone. Kein Wahnsinniger, der in einer Schule um sich geschossen hatte.
Rebus drehte sich auf die Seite und schob mit den Beinen die Laken weg. Es war ein Zwei-Fronten-Kampf, wie bei Harry Houdini, wenn er in einer Zwangsjacke steckte. Der Mann im Bett nebenan hatte die Augen aufgeschlagen und schaute zu.
'Graben Sie ruhig weiter Ihren Tunnel in die Freiheit', sagte er zu dem Mann. 'Ich mach einen Spaziergang, schüttel mir die Erde aus den Hosenbeinen.'
Der Mitgefangene schien die Anspielung nicht zu verstehen.
Siobhan war inzwischen in St. Leonard's und trieb sich dort in der Nähe des Getränkeautomaten herum. An einem der Tische in der kleinen Kantine saßen ein paar Uniformierte und verspeisten Sandwiches und Kartoffelchips. Der Getränkeautomat stand im angrenzenden Flur, von dem aus man auf den Parkplatz hinausschauen konnte. Hätte sie geraucht, so hätte sie eine Entschuldigung gehabt, nach draußen zu gehen, wo die Chance geringer war, dass Gill Templer sie finden würde. Aber sie war Nichtraucherin. Sie konnte versuchen, in dem schlecht belüfteten Fitnessraum am Ende des Flurs in Deckung zu gehen, oder sie konnte hinüber zu den Zellen schlendern. Aber nichts würde Gill Templer davon abhalten, die Sprechanlage der Wache zu benutzen, um ihre Beute zu stellen. Es würde sich herumsprechen, dass sie im Haus war. Das war in St. Leonard's so: Es gab kein Versteck. Sie riss an der Lasche der Coladose und wusste dabei, worüber die Uniformierten am Tisch redeten - über dasselbe wie alle anderen.
Drei Tote bei einer Schießerei in einer Schule.
Sie hatte die aktuellen Ausgaben der Zeitungen überflogen. Grobkörnige Fotos der toten Schüler waren abgebildet: zwei Jungen, siebzehn Jahre alt. Die Wörter 'Tragödie', 'Verlust', 'Schock' und 'Gemetzel' waren von den Journalisten großzügig verwendet worden. Neben der eigentlichen Geschichte füllten zusätzliche Reportagen Seite um Seite: die zunehmende Vorliebe der Briten für Waffen. mangelnde Sicherheit an Schulen. eine Chronologie der Selbstmordattentate. Siobhan betrachtete die Fotos des Täters - offenbar verfügten die Medien bisher nur über drei verschiedene Aufnahmen. Eine war sehr unscharf, so als sei auf ihr ein Geist statt eines Menschen aus Fleisch und Blut abgebildet. Die zweite zeigte einen Mann im Overall, der nach einem Seil griff, während er an Bord eines kleinen Bootes ging.
Er lächelte, das Gesicht der Kamera zugewandt. Siobhan hatte den Eindruck, dass es ein Werbefoto für seine Wasserski-Firma war.
Das dritte war eine Porträtaufnahme aus der Armeezeit des Mannes. Herdman, hieß er. Lee Herdman, sechsunddreißig Jahre alt. Wohnhaft in South Queensferry, Besitzer eines Motorbootes. Es waren Fotos von dem Grundstück abgebildet, auf dem er seine Firma betrieb. 'Kaum mehr als anderthalb Kilometer vom Ort des entsetzlichen Geschehens entfernt', wie eine Zeitung hinausposaunte.
Als ehemaliger Soldat dürfte es ziemlich einfach für ihn gewesen sein, sich eine Waffe zu besorgen. Er war auf das Schulgelände gefahren, hatte neben den Autos der Lehrer geparkt. War offensichtlich in Eile gewesen, denn er hatte die Fahrertür weit offen gelassen. Zeugen sahen ihn in die Schule stürmen. Sein erstes und einziges Ziel - der Aufenthaltsraum.
'Völlig klare Sache', sagte Detective Sergeant Siobhan Clarke. 'Herdman ist schlicht und einfach ausgerastet.'
Sie saß neben einem Krankenhausbett in Edinburghs erst kürzlich eröffneter New Royal Infirmary. Der Gebäudekomplex befand sich am Südrand der Stadt, in einer Gegend namens Little France. Er war für eine beträchtliche Summe auf einer Wiese errichtet worden, doch es gab bereits Klagen über die schlechte Raumaufteilung im Inneren und den Parkplatzmangel draußen. Siobhan hatte nach einer Weile eine Lücke für ihr Auto gefunden, nur um danach festzustellen, dass sie für dieses Glück würde bezahlen müssen.
Das hatte sie Detective Inspector John Rebus erzählt, nachdem sie sich an sein Bett gesetzt hatte. Rebus' Hände waren komplett verbunden. Als Siobhan ihm etwas lauwarmes Wasser eingeschenkt hatte, hatte er den Plastikbecher mit beiden Händen zum Mund geführt und vorsichtig getrunken, während sie ihn dabei beobachtete.
'Sehen Sie?', hatte er anschließend vorwurfsvoll gesagt. 'Keinen Tropfen verschüttet.'
Aber dann hatte er die Vorführung vermasselt, indem er den Becher bei dem Versuch fallen ließ, ihn auf dem Nachttisch abzustellen. Der Becher landete mit der Unterkante auf dem Boden, prallte ab, und Siobhan schnappte ihn sich noch in der Luft.
'Gute Reflexe', lobte Rebus.
'Nichts passiert. War ja leer.'
Danach machte sie absichtlich, wie ihnen beiden klar war, Konversation, verkniff sich die Fragen, die sie ihm eigentlich unbedingt stellen wollte, und berichtete ihm stattdessen über die Bluttat in South Queensferry.
Drei Tote, ein Verletzter. Ein ruhiges Küstenstädtchen, wenige Kilometer nordöstlich der Stadtgrenze gelegen. Eine Privatschule für Jungen und Mädchen im Alter von fünf bis achtzehn. Sechshundert insgesamt, jetzt zwei weniger.
Die dritte Leiche war der Todesschütze, der seine Waffe anschließend gegen sich selbst gerichtet hatte. Wie Siobhan gesagt hatte, eine völlig klare Sache.
Abgesehen von der Frage nach dem Warum.
'Er hatte dieselbe Vergangenheit wie Sie', sagte sie nun. 'War ein Ex-Soldat, meine ich. Man nimmt an, dass sein Motiv etwas damit zu tun hat: Hass auf die Gesellschaft.'
Rebus fiel auf, dass sie ihre Hände inzwischen tief in den Taschen vergraben hatte. Er vermutete, sie hatte sie zu Fäusten geballt und es noch nicht einmal bemerkt.
'In der Zeitung stand, dass er eine Firma gehabt hat', sagte er.
'Er besaß ein Motorboot, hat Wasserskiläufer damit gezogen.'
'Und doch hatte er diesen Hass?'
Sie zuckte die Achseln. Rebus wusste, dass sie sich wünschte, sie würde am Tatort gebraucht, würde irgendetwas tun, um ihre Gedanken von der anderen Ermittlung abzulenken - einer internen und zudem einer, in deren Mittelpunkt sie selbst stand.
Sie starrte an die Wand über seinem Kopf, so als sehe sie dort etwas Interessantes.
'Sie haben mich noch gar nicht gefragt, wie es mir geht', sagte er.
Sie schaute ihn an, 'Wie geht es Ihnen?'
'Bin kurz vorm Lagerkoller, trotzdem danke der Nachfrage.'
'Sie sind doch erst seit gestern hier.'
'Mir kommt's länger vor.'
'Was sagt der Arzt?'
'War noch keiner bei mir, jedenfalls nicht heute. Egal, was er sagt, ich haue nachher hier ab.'
'Und was dann?'
'Wie meinen Sie das?'
'Sie können nicht arbeiten.' Erst jetzt musterte sie seine Hände. 'Wie wollen Sie Auto fahren oder einen Bericht tippen? Oder einen Telefonhörer halten?'
'Das schaffe ich schon irgendwie.' Er ließ den Blick schweifen, denn nun war er derjenige, der Augenkontakt vermied. Seine Zimmergenossen waren ausnahmslos Männer etwa in seinem Alter und mit demselben fahlen Teint. Alle hatten sie der schottischen Lebensart Tribut zollen müssen, so viel war sicher. Einer von ihnen hustete, weil es ihn nach einer Zigarette verlangte. Ein anderer sah aus, als habe er Atemprobleme. Lauter Vertreter der übergewichtigen, fettlebrigen Masse männlicher Mitbürger. Rebus hob eine Hand, kratzte sich mit dem Unterarm die linke Wange und spürte dabei seine Bartstoppeln. Er wusste, sie hatten dieselbe graue Farbe wie die Wände dieser Krankenstation.
'Ich schaffe das schon', wiederholte er in die Stille hinein, senkte den Arm und wünschte sogleich, er hätte ihn nicht angehoben. Ein glühender Schmerz stach in seine Finger, als das Blut in sie zurückfloss. 'Hat man schon mit Ihnen gesprochen?', fragte er.
'Worüber?'
'Tun Sie doch nicht so, Siobhan.'
Sie sah ihn an, ohne zu blinzeln. Als sie sich auf dem Stuhl vorbeugte, tauchten ihre Hände aus ihren Verstecken auf.
'Ich habe heute Nachmittag noch einen Termin.'
'Bei wem?'
'Der Chefin.' Bei Detective Superintendent Gill Templer also. Rebus nickte, zufrieden, dass noch keine höhere Dienststelle mit der Angelegenheit befasst war.
'Was werden Sie ihr erzählen?', fragte er.
'Es gibt nichts zu erzählen. Ich habe mit Fairstones Tod nichts zu tun.' Sie schwieg, und eine weitere unausgesprochene Frage schwebte zwischen ihnen in der Luft. Können Sie das von sich auch behaupten? Sie schien darauf zu warten, dass Rebus etwas sagte, aber er blieb stumm. 'Sie wird wissen wollen, was mit Ihnen los ist', fügte Siobhan hinzu. 'Wieso Sie hier sind.'
'Ich habe mich verbrüht', sagte Rebus. 'Das hört sich blöd an, aber so war's.'
'Ich weiß, dass Sie gesagt haben, es sei so gewesen.'
'Nein Siobhan, es ist so gewesen. Fragen Sie den Arzt, wenn Sie mir nicht glauben.' Er sah sich erneut um. 'Immer vorausgesetzt, Sie entdecken ihn irgendwo.'
'Vielleicht sucht er immer noch einen Parkplatz.'
Ein reichlich müder Witz, aber Rebus lächelte trotzdem. Sie hatte ihm signalisiert, dass sie ihn nicht weiter bedrängen würde. Sein Lächeln drückte Dankbarkeit aus.
'Wer hat in South Queensferry das Kommando?', fragte er, um das Thema zu wechseln.
'DI Hogan, glaube ich.'
'Bobby ist ein guter Polizist. Wenn es überhaupt möglich ist, den Fall schnell abzuschließen, wird er das schaffen.'
'Ziemlicher Medienrummel, nach allem was man so hört. Grant Hood ist für die Pressearbeit abgestellt worden.'
'Das heißt, er fehlt uns in St. Leonard's.' Rebus wirkte nachdenklich. 'Ein Grund mehr, dass ich mich rasch zurückmelde.'
'Vor allem, falls man mich vom Dienst suspendiert.'
'Das wird man nicht. Sie haben es doch selbst gesagt, Siobhan - Sie haben mit Fairstone nichts zu tun. So wie ich es sehe, war es ein Unfall. Und jetzt, da etwas Wichtigeres passiert ist, wird die Angelegenheit vielleicht eines natürlichen Todes sterben, wenn ich so sagen darf.'
'Ein Unfall', wiederholte sie seine Worte.
Er nickte langsam. 'Also machen Sie sich bloß keine Sorgen. Es sei denn, natürlich, Sie haben den Mistkerl tatsächlich um die Ecke gebracht.'
'John.' In ihrer Stimme lag ein warnender Unterton. Rebus lächelte erneut und brachte ein Zwinkern zustande.
'Sollte ein Witz sein', sagte er. 'Ich weiß nur allzu gut, wem Gill den Tod von Fairstone anhängen will.'
'Er ist verbrannt, John.'
'Und das bedeutet, ich habe ihn umgebracht?' Rebus hielt beide Hände hoch und drehte sie hin und her. 'Verbrühungen, Siobhan. Nichts anderes, bloß Verbrühungen.'
Sie erhob sich. 'Wenn Sie das sagen, John.' Dann stand sie vor ihm, während er die Hände senkte und den peinigenden Schmerz zu ignorieren versuchte, der ihn schlagartig durchströmte.
Eine Krankenschwester näherte sich und kündigte an, sie werde seine Verbände wechseln.
'Ich wollte sowieso gerade los', sagte Siobhan zu ihr. Und dann zu Rebus: 'Mir ist der Gedanke zuwider, Sie könnten sich zu einer derartigen Dummheit hinreißen lassen, und dabei glauben, es geschehe mir zuliebe.'
Er schüttelte langsam den Kopf, und sie drehte sich um und ging weg. 'Nicht vom Glauben abfallen, Siobhan!', rief er ihr hinterher.
'Ihre Tochter?', fragte die Krankenschwester im Plauderton.
'Nur eine befreundete Arbeitskollegin.'
'Haben Sie etwas mit der Kirche zu tun?'
Rebus zuckte zusammen, als sie eine der Binden abzuwickeln begann. 'Wie kommen Sie denn da drauf?'
'Die Art, wie Sie das Wort Glauben benutzt haben.'
'In meinem Beruf braucht man mehr davon als in den meisten anderen.' Er schwieg einen Moment. 'Aber bei Ihnen ist das vielleicht genauso, oder?'
'Bei mir?' Sie lächelte, den Blick auf ihre geschickten Hände gerichtet. Sie war klein, keine Schönheit, geschäftsmäßig. 'Ich kann es mir nicht leisten, untätig herumzusitzen und abzuwarten, bis der Glaube etwas für mich erledigt. Wie haben Sie das eigentlich angestellt?' Sie meinte seine von Blasen übersäten Hände.
'Hab sie aus Versehen in heißes Wasser getaucht', erklärte er und spürte dabei, wie eine Schweißperle seine Schläfe hinunterzukriechen begann. Mit Schmerzen werde ich fertig, dachte er bei sich. Die Probleme liegen woanders. 'Könnten wir die Verbände denn nicht gegen etwas Leichteres austauschen?'
'Sie sind wohl erpicht darauf, von hier zu verschwinden?'
'Erpicht darauf, einen Becher in die Hand zu nehmen, ohne dass er mir runterfällt.' Oder einen Telefonhörer, dachte er. 'Außerdem gibt es bestimmt jemand, der das Bett hier dringender braucht.'
'Wirklich sehr selbstlos von Ihnen. Wir müssen abwarten, was der Arzt dazu sagt.'
'Und wann wird der Arzt hier sein?'
'Sie müssen sich schon noch ein bisschen gedulden.'
Geduld: das Einzige, wofür er überhaupt keine Zeit hatte.
'Vielleicht bekommen Sie ja noch mehr Besuch.'
Das bezweifelte er. Niemand außer Siobhan wusste, wo er war. Jemand vom Krankenhauspersonal hatte sie auf seine Bitte hin angerufen, damit sie Templer ausrichtete, er habe sich für einen, maximal zwei Tage krankgemeldet. Allerdings war Siobhan als Folge des Anrufs angerückt gekommen. Vielleicht hatte er das vorhergesehen. Vielleicht war das der Grund, wieso er bei ihr hatte anrufen lassen und nicht auf der Polizeiwache.
Das war gestern Nachmittag gewesen. Gestern Morgen hatte er den Kampf aufgegeben und war zu seinem Hausarzt gegangen. Die Praxisvertretung hatte ihm nach einem Blick auf seine Hände gesagt, er müsse ins Krankenhaus. Rebus hatte ein Taxi zur nächstgelegenen Notaufnahme genommen, und es war ihm peinlich gewesen, dass der Fahrer ihm in die Hosentasche greifen musste, um sich das Geld für die Fahrt zu holen.
'Haben Sie die neusten Nachrichten gehört?', hatte der Fahrer gefragt. 'In einer Schule hat's eine Schießerei gegeben.'
'Wahrscheinlich bloß mit einem Luftgewehr.'
Aber der Mann hatte den Kopf geschüttelt. 'Nein, im Radio war sogar von einer Tragödie die Rede.'
In der Notaufnahme hatte Rebus geduldig gewartet, bis er drankam. Seine Hände waren verbunden worden, und die Verletzungen wurden als nicht ernst genug eingestuft, um eine Verlegung in die Verbrennungseinheit draußen in Livingston zu rechtfertigen. Aber er hatte deutlich erhöhte Temperatur gehabt, deshalb wurde angeordnet, dass er über Nacht im Krankenhaus bleiben sollte, und ein Krankenwagen brachte ihn nach Little France. Er nahm an, man wollte ihn im Auge behalten, für den Fall, dass er in einen Schockzustand oder Ähnliches geriet. Oder man befürchtete, er sei eine Gefahr für sich selbst. Allerdings hatte bisher niemand mit ihm über so etwas gesprochen. Vielleicht ließ man ihn deshalb nicht gehen: man wollte warten, bis ein Psychiater ihn kurz in Augenschein genommen hatte.
Er dachte an Jean Burchill, den einzigen Menschen, dem sein plötzliches Verschwinden von zu Hause womöglich auffallen würde. Aber ihr Verhältnis hatte sich ein bisschen abgekühlt. Sie schafften es etwa alle anderthalb Wochen, eine Nacht miteinander zu verbringen. Telefonierten öfters miteinander, trafen sich manchmal nachmittags zum Kaffee. Ihr Verhältnis war zu einer Gewohnheit geworden. Er erinnerte sich, dass er vor Jahren eine kurze Affäre mit einer Krankenschwester gehabt hatte. Er wusste nicht, ob sie immer noch in der Stadt arbeitete. Er könnte sich natürlich erkundigen, aber ihm war ihr Name entfallen. Das war ein Problem von ihm: er hatte manchmal Schwierigkeiten mit Namen. Vergaß die eine oder andere Verabredung. Eigentlich nichts Schlimmes, nur eine zwangsläufige Folge des Älterwerdens. Aber er stellte fest, dass er sich bei Zeugenaussagen zunehmend auf seine Notizen verließ. Vor zehn Jahren hatte er weder Netz noch doppelten Boden gebraucht. Seine Auftritte waren überzeugender gewesen, und er hatte die Geschworenen stets beeindruckt - zumindest hatten ihm das die Staatsanwälte gesagt.
'Fertig.' Die Krankenschwester richtete sich auf. Sie hatte Salbe auf seinen Händen verteilt, sie mit Gaze bedeckt und die alten Binden wieder darum gewickelt. 'Besser?'
Er nickte. Die Haut fühlte sich etwas kühler an, aber er wusste, das würde nicht so bleiben.
'Dürfen Sie noch weitere Schmerzmittel bekommen?' Eine rhetorische Frage. Sie überprüfte die Verlaufskurve am Fußende seines Bettes. Er hatte sich das Blatt vorhin auf dem Rückweg von der Toilette angeschaut. Temperatur und Medikamentierung waren darauf verzeichnet, sonst nichts. Kein Wort von der Geschichte, die er erzählt hatte, während er untersucht worden war.
Hab mir ein heißes Bad einlaufen lassen. bin ausgerutscht und reingefallen.
Der Arzt hatte einen kehligen Laut von sich gegeben, was besagen sollte, dass er sich mit der Geschichte zufrieden gab, ohne sie unbedingt zu glauben. Überarbeitet, Schlafmangel - nicht seine Aufgabe nachzuhaken. Er war Arzt und kein Polizist.
'Ich könnte Ihnen ein paar Paracetamol geben', bot die Schwester an.
'Wie groß ist die Chance auf ein Bier zum Runterspülen?'
Sie lächelte erneut ihr routiniertes Lächeln. Während ihrer jahrelangen Arbeit beim National Health Service hatte sie wahrscheinlich nicht allzu viele originelle Sprüche gehört.
'Ich seh zu, was ich für Sie tun kann.'
'Sie sind ein Engel', sagte Rebus zu seiner eigenen Überraschung. Es war eine Bemerkung, von der er glaubte, dass Patienten sie machen, eines dieser bequemen Klischees. Die Schwester war schon auf dem Weg hinaus, und er war sich nicht sicher, ob sie es gehört hatte. Vielleicht hatte es etwas mit dem Wesen von Krankenhäusern zu tun. Auch wenn man sich nicht krank fühlte, übten sie dennoch eine bestimmte Wirkung auf einen aus, ließen einen träge und folgsam werden. Dem Anstaltsleben angepasst. Es konnte etwas mit den Farben, dem summenden Hintergrundgeräusch zu tun haben. Vielleicht spielte auch die Temperatur in den Zimmern eine Rolle. Auf der Polizeiwache St. Leonard's gab es eine besondere Zelle für die 'Ausgeklinkten'. Sie war hellrosa und sollte sie angeblich beruhigen. Was sprach dagegen, dass hier eine ähnliche psychologische Methode angewandt wurde? Das Letzte, was die Schwestern gebrauchen konnten, war ein pampiger Patient, der herumkrakeelte und alle fünf Minuten aus dem Bett sprang. Daher die beengenden Laken, die ganz festgesteckt waren, um jegliche Bewegung zu erschweren. Bleiben Sie einfach ruhig liegen. auf die Kissen gebettet. und aalen Sie sich in der Wärme und der Helligkeit. Machen Sie keine Unannehmlichkeiten. Er glaubte, wenn das so weiterginge, würde er bald seinen Namen vergessen. Die Welt draußen würde keine Bedeutung mehr haben. Es würde keine Arbeit auf ihn warten. Kein Fall Fairstone. Kein Wahnsinniger, der in einer Schule um sich geschossen hatte.
Rebus drehte sich auf die Seite und schob mit den Beinen die Laken weg. Es war ein Zwei-Fronten-Kampf, wie bei Harry Houdini, wenn er in einer Zwangsjacke steckte. Der Mann im Bett nebenan hatte die Augen aufgeschlagen und schaute zu.
'Graben Sie ruhig weiter Ihren Tunnel in die Freiheit', sagte er zu dem Mann. 'Ich mach einen Spaziergang, schüttel mir die Erde aus den Hosenbeinen.'
Der Mitgefangene schien die Anspielung nicht zu verstehen.
Siobhan war inzwischen in St. Leonard's und trieb sich dort in der Nähe des Getränkeautomaten herum. An einem der Tische in der kleinen Kantine saßen ein paar Uniformierte und verspeisten Sandwiches und Kartoffelchips. Der Getränkeautomat stand im angrenzenden Flur, von dem aus man auf den Parkplatz hinausschauen konnte. Hätte sie geraucht, so hätte sie eine Entschuldigung gehabt, nach draußen zu gehen, wo die Chance geringer war, dass Gill Templer sie finden würde. Aber sie war Nichtraucherin. Sie konnte versuchen, in dem schlecht belüfteten Fitnessraum am Ende des Flurs in Deckung zu gehen, oder sie konnte hinüber zu den Zellen schlendern. Aber nichts würde Gill Templer davon abhalten, die Sprechanlage der Wache zu benutzen, um ihre Beute zu stellen. Es würde sich herumsprechen, dass sie im Haus war. Das war in St. Leonard's so: Es gab kein Versteck. Sie riss an der Lasche der Coladose und wusste dabei, worüber die Uniformierten am Tisch redeten - über dasselbe wie alle anderen.
Drei Tote bei einer Schießerei in einer Schule.
Sie hatte die aktuellen Ausgaben der Zeitungen überflogen. Grobkörnige Fotos der toten Schüler waren abgebildet: zwei Jungen, siebzehn Jahre alt. Die Wörter 'Tragödie', 'Verlust', 'Schock' und 'Gemetzel' waren von den Journalisten großzügig verwendet worden. Neben der eigentlichen Geschichte füllten zusätzliche Reportagen Seite um Seite: die zunehmende Vorliebe der Briten für Waffen. mangelnde Sicherheit an Schulen. eine Chronologie der Selbstmordattentate. Siobhan betrachtete die Fotos des Täters - offenbar verfügten die Medien bisher nur über drei verschiedene Aufnahmen. Eine war sehr unscharf, so als sei auf ihr ein Geist statt eines Menschen aus Fleisch und Blut abgebildet. Die zweite zeigte einen Mann im Overall, der nach einem Seil griff, während er an Bord eines kleinen Bootes ging.
Er lächelte, das Gesicht der Kamera zugewandt. Siobhan hatte den Eindruck, dass es ein Werbefoto für seine Wasserski-Firma war.
Das dritte war eine Porträtaufnahme aus der Armeezeit des Mannes. Herdman, hieß er. Lee Herdman, sechsunddreißig Jahre alt. Wohnhaft in South Queensferry, Besitzer eines Motorbootes. Es waren Fotos von dem Grundstück abgebildet, auf dem er seine Firma betrieb. 'Kaum mehr als anderthalb Kilometer vom Ort des entsetzlichen Geschehens entfernt', wie eine Zeitung hinausposaunte.
Als ehemaliger Soldat dürfte es ziemlich einfach für ihn gewesen sein, sich eine Waffe zu besorgen. Er war auf das Schulgelände gefahren, hatte neben den Autos der Lehrer geparkt. War offensichtlich in Eile gewesen, denn er hatte die Fahrertür weit offen gelassen. Zeugen sahen ihn in die Schule stürmen. Sein erstes und einziges Ziel - der Aufenthaltsraum.