Der Minnesänger
Historischer Roman
Tim Pieper(Author)
Heyne (Publisher)
Published on 4. January 2010
Book
Paperback/Softback
480 pages
978-3-453-47099-6 (ISBN)
Description
Eine Liebe größer als der Tod
Es ist ein Privileg, als Sohn eines unfreien Lehnsherrn in einem Kloster ausgebildet zu werden. Hartmann von Aue weiß das zu schätzen. Als sich der junge Mann in die Nachbarstochter Judith verliebt, lernt er das Harfespielen nur, um seiner Angebeteten ein Lied zu singen. Bis der Minnesänger sie wiedersieht, vergehen Jahre voller Sehnsucht und Gefahren. Jahre, die den Ritter auf den Kreuzzug führen und die zu Unrecht des Giftmordes beschuldigte Heilerin in den Kerker. Wird er ihr je von seiner Liebe singen können?
Ein faszinierendes Leben: der Dichter und die Heilerin.
Es ist ein Privileg, als Sohn eines unfreien Lehnsherrn in einem Kloster ausgebildet zu werden. Hartmann von Aue weiß das zu schätzen. Als sich der junge Mann in die Nachbarstochter Judith verliebt, lernt er das Harfespielen nur, um seiner Angebeteten ein Lied zu singen. Bis der Minnesänger sie wiedersieht, vergehen Jahre voller Sehnsucht und Gefahren. Jahre, die den Ritter auf den Kreuzzug führen und die zu Unrecht des Giftmordes beschuldigte Heilerin in den Kerker. Wird er ihr je von seiner Liebe singen können?
Ein faszinierendes Leben: der Dichter und die Heilerin.
More details
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 18.7 cm
Width: 11.8 cm
ISBN-13
978-3-453-47099-6 (9783453470996)
Schweitzer Classification
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Person
Tim Pieper, geboren 1970 in Stade, studierte nach einer Weltreise Neuere und Ältere deutsche Literatur und Recht. Sein Hauptinteressengebiet ist die deutsche Geschichte. "Der Minnesänger" ist sein Debütroman. Tim Pieper lebt in Berlin, wo er an seinem zwe
Content
Im Jahre des Herrn 1160
Nach einem Festgelage lag Dankwart von Aue auf einer Strohmatte im Steinsaal. Ein Traum gaukelte ihm vor, dass sein Knecht durch das Portal trat. Was führt ihn her?, dachte er. Sucht er nach mir? Hat er eine Botschaft? Da streckte der Knecht die Hand nach ihm aus. Mehrere Male krümmte sich sein Zeigefinger und wurde wieder lang. Ich soll ihm folgen! Die Erkenntnis leuchtete so klar, dass Dankwart die Augen aufschlug.
In der Dunkelheit zeichneten sich Gewölbestützen ab. War da nicht.? Im Mund rollte er seine Zunge, die von einem pelzigen Geschmack belegt war - dann erinnerte er sich. Ächzend schlug er das Schafsfell zurück und stemmte sich hoch. Er setzte seine Fußsohlen auf den kalten Stein und hielt Ausschau. Überall um sich herum erkannte er Männer und Frauen, deren Brustkörbe sich regelmäßig hoben und senkten. Er hörte ihr Schnarchen, Seufzen und Schmatzen. Nur von seinem Knecht fehlte jede Spur.
Dankwart raufte sich das helle Haar. Nur langsam begriff" er, dass sein Knecht ihm nicht leibhaftig erschienen war. Vor vielen Jahren hatte ihn seine Mutter gelehrt, dass Träume Botschaften waren. Sie hatte ihm auch erklärt, wie man die Bilder deutete, aber das Wissen des alten Volkes hatte den Knaben zu sehr geängstigt. Dankwart ließ seinen Kopf los. Auch ohne Kenntnis der Geheimlehre begriff er die Botschaft: Er hatte seinem Knecht folgen sollen. Offen blieb nur, wohin, und vor allem, warum.
Sogleich musste er an seine Ehefrau denken. Sie war auf der Adlerburg geblieben, weil ihr Leib so gewölbt war, dass sie jederzeit niederkommen konnte. Ihre letzte Geburt war schwer gewesen und hatte Agnes beinahe getötet. Vielleicht hätte ich nicht fortreiten dürfen, dachte er. Vielleicht hätte ich in ihrer Nähe bleiben sollen. Vielleicht, vielleicht! Um solche Überlegungen anzustellen, war es zu spät. Dankwart schluckte hart und schickte ein Stoßgebet zum Himmel: Mein Gott, ich bitte dich, stehe ihr bei, wenn sie in Not ist!
Da bauschte ein Windstoß die Brokatvorhänge auf. War das ein Zeichen? Dankwart glaubte nicht an das abergläubische Geschwätz der Kräuterfrauen und trotzdem war er verunsichert. Sollte er nach Aue reiten, um nach dem Rechten zu sehen?
Schon schlüpfte er in die Beinlinge und das rindslederne Schuhwerk. Dann warf er die Tunika über, griff nach dem Kettenhemd und dem Schwert. Vorsichtig stieg er über die Schlafenden, schob den Vorhang zur Seite und trat hinaus auf die Freitreppe. Der Junimorgen war frisch. Während er sich den Gürtel um die Hüfte schnallte, sah er zur bleichen Scheibe des Mondes auf. Nur Narren ritten bei Nacht! Vor allem von Erdlöchern drohte Gefahr, denn wenn der Hengst aus vollem Galopp hineintrat, konnte er sich die Läufe brechen. Er würde mit Vorsicht reiten müssen - mit großer Vorsicht!
Dankwart wickelte die Bänder seiner Rindslederschuhe um die Knöchel und verknotete sie. In seinem Rücken vernahm er lautes Gähnen, dann ein gedämpftes Murmeln. Der Vorhang versperrte ihm die Sicht in den Steinsaal, aber es konnte nicht mehr lange dauern, bis sich einer der Gäste zum Brunnen begab. Ist erst einer wach, dachte er, so folgen bald die anderen. Geschwind richtete er sich auf und eilte die Stufen hinab. Zertrampelte Blumenstreu, Knochen und Tonscherben bedeckten den Grund des Schlosshofes. Ein Schwein trottete umher und wühlte sich durch die Speisereste. Dankwart war froh, dass niemand draußen schlief oder noch an der Tafel zechte. Was hätte er seinem Dienstherrn und Gastgeber auch sagen sollen? Was hätte er den anderen Kriegern erwidern sollen, wenn sie nach dem Grund seines Aufbruchs fragten? Er hörte sie schon reden: "Weiber gebären alle naselang Kinder. Willst du dich aufführen wie ein Hasenfuß? Oder bist du gar ein Hasenfuß? Hahaha! Bleibe gefälligst hier und sauf mit uns."
Nachdem er den Hengst aus dem Stall geführt hatte, wuchtete er sich in den Sattel und riss den Kopf des Tieres an den Zügeln herum. "Lasst die Zugbrücke herunter!" Dankwart erschrak über das laute Echo seiner Stimme und blickte sich nach dem Palas um. Dort rührte sich nichts. Auch im Wachlokal blieb alles ruhig. Die Soldaten werden ihren Rausch ausschlafen, dachte er. Und plötzlich war es ihm gleichgültig, ob er die Gefährten weckte oder nicht. Mit ihrem Geschwätz können sie mich nicht aufhalten. Sollen sie doch denken, was sie wollen. Er stellte sich in den Steigbügeln auf und rief aus voller Kehle: "Was ist da los? Kommt auf die Beine, ihr Kerle!"
Nun erklang das Ächzen eines Holzschemels. Füße schlurften über Stein und das schlaffe Gesicht eines Wachsoldaten tauchte im Portal auf. Als er den Reiter sah, weiteten sich seine Augen. Schnell blickte er zurück ins Wachlokal, flüsterte Unverständliches und trat wieselflink vor Dankwart hin.
"Verzeiht mir, Herr! Bitte sagt niemandem, dass."
"Erspar mir deine Ausreden und lass endlich die Zugbrücke herunter!"
Bald ertönte das Kettengerassel. Zwischen Mauerwerk und Brückenholz wurde ein Spalt Himmel sichtbar. Der dunkle Tunnel des Torgangs lichtete sich mit jedem Ächzen der Winde. Mit einem Rums knallte das Tor auf der anderen Seite des Wehrgrabens nieder.
Der laute Aufprall erschreckte den Hengst. Das Tier wieherte und stellte sich auf die Hinterbeine. Dankwart neigte den Oberkörper gegen die Mähne, lockerte die Zügel und trat dem Hengst in die Flanken. Die Vorderläufe fielen auf den Grund
"Heja", rief er, um das Tier anzutreiben. Als Herr und Pferd den Schlossberg hinunterpreschten, peitschte Dankwart die Luft ins Gesicht. "Heja, heja!"
Er überquerte die Brücke - die Hufe polterten über die Holzplanken -, nahm die leichte Steigung im Galopp und erreichte den Waldweg. Beschirmt von einem Blätterdach war er duster wie ein Felsstollen. Dankwart brachte sich und den Hengst in Gefahr. Er wusste es, aber etwas anderes war stärker. Der Weg würde ihn nach Aue, zu Agnes, führen. Vater im Himmel, betete er, zwölf Sommer hast du mir mit ihr geschenkt. Sie ist nicht mehr jung, aber Agnes ist mein Weib. Lass sie wohlauf sein! Ich bitte nur um das, Herr! Lass sie wohlauf sein!
Abrupt verstummte sein stilles Gebet. Der Körper des Tieres arbeitete unter ihm in einem ruhigen Gleichmaß. Die Hufe griffen weit in die Dunkelheit aus.
Nach einem Festgelage lag Dankwart von Aue auf einer Strohmatte im Steinsaal. Ein Traum gaukelte ihm vor, dass sein Knecht durch das Portal trat. Was führt ihn her?, dachte er. Sucht er nach mir? Hat er eine Botschaft? Da streckte der Knecht die Hand nach ihm aus. Mehrere Male krümmte sich sein Zeigefinger und wurde wieder lang. Ich soll ihm folgen! Die Erkenntnis leuchtete so klar, dass Dankwart die Augen aufschlug.
In der Dunkelheit zeichneten sich Gewölbestützen ab. War da nicht.? Im Mund rollte er seine Zunge, die von einem pelzigen Geschmack belegt war - dann erinnerte er sich. Ächzend schlug er das Schafsfell zurück und stemmte sich hoch. Er setzte seine Fußsohlen auf den kalten Stein und hielt Ausschau. Überall um sich herum erkannte er Männer und Frauen, deren Brustkörbe sich regelmäßig hoben und senkten. Er hörte ihr Schnarchen, Seufzen und Schmatzen. Nur von seinem Knecht fehlte jede Spur.
Dankwart raufte sich das helle Haar. Nur langsam begriff" er, dass sein Knecht ihm nicht leibhaftig erschienen war. Vor vielen Jahren hatte ihn seine Mutter gelehrt, dass Träume Botschaften waren. Sie hatte ihm auch erklärt, wie man die Bilder deutete, aber das Wissen des alten Volkes hatte den Knaben zu sehr geängstigt. Dankwart ließ seinen Kopf los. Auch ohne Kenntnis der Geheimlehre begriff er die Botschaft: Er hatte seinem Knecht folgen sollen. Offen blieb nur, wohin, und vor allem, warum.
Sogleich musste er an seine Ehefrau denken. Sie war auf der Adlerburg geblieben, weil ihr Leib so gewölbt war, dass sie jederzeit niederkommen konnte. Ihre letzte Geburt war schwer gewesen und hatte Agnes beinahe getötet. Vielleicht hätte ich nicht fortreiten dürfen, dachte er. Vielleicht hätte ich in ihrer Nähe bleiben sollen. Vielleicht, vielleicht! Um solche Überlegungen anzustellen, war es zu spät. Dankwart schluckte hart und schickte ein Stoßgebet zum Himmel: Mein Gott, ich bitte dich, stehe ihr bei, wenn sie in Not ist!
Da bauschte ein Windstoß die Brokatvorhänge auf. War das ein Zeichen? Dankwart glaubte nicht an das abergläubische Geschwätz der Kräuterfrauen und trotzdem war er verunsichert. Sollte er nach Aue reiten, um nach dem Rechten zu sehen?
Schon schlüpfte er in die Beinlinge und das rindslederne Schuhwerk. Dann warf er die Tunika über, griff nach dem Kettenhemd und dem Schwert. Vorsichtig stieg er über die Schlafenden, schob den Vorhang zur Seite und trat hinaus auf die Freitreppe. Der Junimorgen war frisch. Während er sich den Gürtel um die Hüfte schnallte, sah er zur bleichen Scheibe des Mondes auf. Nur Narren ritten bei Nacht! Vor allem von Erdlöchern drohte Gefahr, denn wenn der Hengst aus vollem Galopp hineintrat, konnte er sich die Läufe brechen. Er würde mit Vorsicht reiten müssen - mit großer Vorsicht!
Dankwart wickelte die Bänder seiner Rindslederschuhe um die Knöchel und verknotete sie. In seinem Rücken vernahm er lautes Gähnen, dann ein gedämpftes Murmeln. Der Vorhang versperrte ihm die Sicht in den Steinsaal, aber es konnte nicht mehr lange dauern, bis sich einer der Gäste zum Brunnen begab. Ist erst einer wach, dachte er, so folgen bald die anderen. Geschwind richtete er sich auf und eilte die Stufen hinab. Zertrampelte Blumenstreu, Knochen und Tonscherben bedeckten den Grund des Schlosshofes. Ein Schwein trottete umher und wühlte sich durch die Speisereste. Dankwart war froh, dass niemand draußen schlief oder noch an der Tafel zechte. Was hätte er seinem Dienstherrn und Gastgeber auch sagen sollen? Was hätte er den anderen Kriegern erwidern sollen, wenn sie nach dem Grund seines Aufbruchs fragten? Er hörte sie schon reden: "Weiber gebären alle naselang Kinder. Willst du dich aufführen wie ein Hasenfuß? Oder bist du gar ein Hasenfuß? Hahaha! Bleibe gefälligst hier und sauf mit uns."
Nachdem er den Hengst aus dem Stall geführt hatte, wuchtete er sich in den Sattel und riss den Kopf des Tieres an den Zügeln herum. "Lasst die Zugbrücke herunter!" Dankwart erschrak über das laute Echo seiner Stimme und blickte sich nach dem Palas um. Dort rührte sich nichts. Auch im Wachlokal blieb alles ruhig. Die Soldaten werden ihren Rausch ausschlafen, dachte er. Und plötzlich war es ihm gleichgültig, ob er die Gefährten weckte oder nicht. Mit ihrem Geschwätz können sie mich nicht aufhalten. Sollen sie doch denken, was sie wollen. Er stellte sich in den Steigbügeln auf und rief aus voller Kehle: "Was ist da los? Kommt auf die Beine, ihr Kerle!"
Nun erklang das Ächzen eines Holzschemels. Füße schlurften über Stein und das schlaffe Gesicht eines Wachsoldaten tauchte im Portal auf. Als er den Reiter sah, weiteten sich seine Augen. Schnell blickte er zurück ins Wachlokal, flüsterte Unverständliches und trat wieselflink vor Dankwart hin.
"Verzeiht mir, Herr! Bitte sagt niemandem, dass."
"Erspar mir deine Ausreden und lass endlich die Zugbrücke herunter!"
Bald ertönte das Kettengerassel. Zwischen Mauerwerk und Brückenholz wurde ein Spalt Himmel sichtbar. Der dunkle Tunnel des Torgangs lichtete sich mit jedem Ächzen der Winde. Mit einem Rums knallte das Tor auf der anderen Seite des Wehrgrabens nieder.
Der laute Aufprall erschreckte den Hengst. Das Tier wieherte und stellte sich auf die Hinterbeine. Dankwart neigte den Oberkörper gegen die Mähne, lockerte die Zügel und trat dem Hengst in die Flanken. Die Vorderläufe fielen auf den Grund
"Heja", rief er, um das Tier anzutreiben. Als Herr und Pferd den Schlossberg hinunterpreschten, peitschte Dankwart die Luft ins Gesicht. "Heja, heja!"
Er überquerte die Brücke - die Hufe polterten über die Holzplanken -, nahm die leichte Steigung im Galopp und erreichte den Waldweg. Beschirmt von einem Blätterdach war er duster wie ein Felsstollen. Dankwart brachte sich und den Hengst in Gefahr. Er wusste es, aber etwas anderes war stärker. Der Weg würde ihn nach Aue, zu Agnes, führen. Vater im Himmel, betete er, zwölf Sommer hast du mir mit ihr geschenkt. Sie ist nicht mehr jung, aber Agnes ist mein Weib. Lass sie wohlauf sein! Ich bitte nur um das, Herr! Lass sie wohlauf sein!
Abrupt verstummte sein stilles Gebet. Der Körper des Tieres arbeitete unter ihm in einem ruhigen Gleichmaß. Die Hufe griffen weit in die Dunkelheit aus.