
Das Gegenteil von Henry Sy
Stefan Petermann(Author)
asphalt & anders Verlag
1st Edition
Published in March 2014
Book
Hardback
224 pages
978-3-941639-10-2 (ISBN)
Description
Kein Leben ist wie das andere. Besonders das von Henry Sy nicht. Sein Motto lautet: "Im Zweifelsfall das Gegenteil". Daran hält er sich. Selbst wenn ihn das in Schwierigkeiten bringt. Oder gerade dann.
Ob er im Auftrag einer obskuren Organisation die Welt bereist, Silvester mit Doppelgängern von Andy Warhol und Ché Guevara feiert, ob er in China das Ende der Welt erlebt oder zwischen den Flüssen verloren geht - als er im Wald nach dem Regen ein Geheimnis entdeckt, ändert sich alles. Nur Magda nicht. Er liebt sie, sie liebt ihn - jedenfalls manchmal. Am Ende aber genügt das nicht. Für sein Leben muss jeder selbst geradestehen. 68 außergewöhnliche Jahre in 79 mitreißenden Geschichten - Das Gegenteil von Henry Sy ist das Puzzle eines unvergleichlichen Lebens.
Ob er im Auftrag einer obskuren Organisation die Welt bereist, Silvester mit Doppelgängern von Andy Warhol und Ché Guevara feiert, ob er in China das Ende der Welt erlebt oder zwischen den Flüssen verloren geht - als er im Wald nach dem Regen ein Geheimnis entdeckt, ändert sich alles. Nur Magda nicht. Er liebt sie, sie liebt ihn - jedenfalls manchmal. Am Ende aber genügt das nicht. Für sein Leben muss jeder selbst geradestehen. 68 außergewöhnliche Jahre in 79 mitreißenden Geschichten - Das Gegenteil von Henry Sy ist das Puzzle eines unvergleichlichen Lebens.
More details
Language
German
Place of publication
Germany
Illustrations
Vergessene Privatfotografien, u. a. von der Fotothek Weimar
Dimensions
Height: 20.5 cm
Width: 12.5 cm
ISBN-13
978-3-941639-10-2 (9783941639102)
Schweitzer Classification
Content
1919 Die Geschichte meiner Mutter
9.6.1946 Meine Mutter, mein Vater,
unwesentlich später ich
22.3.1951 Magdalena
11/1951 Eine wirklich schöne kleine Stadt
1953 Verborgene Stadt
1953 Auf dünnen Ästen
22.9.1953 S
27.4.1954 Schützenfest
15.10.1955 In den Streuobstwiesen
4.9.1956 Gelbes Haus am Fluss
1957 Henry
27.7.1957 Geistertauchen
24.12.1957 Eine Weihnachtsgeschichte
14.8.1958 Der Arm, die Bahn, der Mut
29.9.1958 Kohlen schaufeln
24.12.1958 Eine bucklige Welt
15.9.1959 Der Wald nach dem Regen
24.9.1959 Huck erwacht zum Leben
10.1959 Die Welt mit Huck
12.3.1960 Zwei Rätsel
13.5.1961 Die Fahne
5.8.1962 Nach dem Regen
17.7.1963 Keine Badewanne voller Tränen
4.7.1965 Abschied und Aufbruch
17.11.1965 Ein Palast
1966 Studium
26.6.1966 Nowhere Man
31.12.1967 Ins Neujahr als Anschütz
5.5.1968 Beatnik
21.7.1969 Die Herrschaft der Menschen
9.7.1970 Doppelgänger
24.10.1970 Krankenhaus
18.2.1971 Hochzeit
23.8.1971 H.
15.6.1973 Clever und Smart
2.4.1974 Epikur und Hypatia
18.10.1974 Der freigiebige Banker von
Gravenhurst
30.10.1974 Boma ye
6.7.1975 Klassentreffen
3.1.1976 Keine zweihundert Meter über dem
Meer
23.9.1977 Kirsten
8.7.1978 Im Schatten
14.10.1978 Chicago hören mit Anschütz
5.11.1978 Samuels Geburt
5.11.1979 Tanzen in Peru
29.7.1980 Fünf Bälle
12.5.1982 Reich sein
31.12.1982 Der Zauberwürfel
18.6.1985 Die andere Seite der Welt
13.7.1985 Post aus Amerika
23.7.1985 Fragen an meinen Bruder
26.7.1985 Blaue Stunde
28.1.1986 Die dunklen Jahre
24.4.1986 Ein ewiges Glimmen
19.10.1987 Schwarzer Montag
10.11.1987 Rückkehr
9.2.1988 Beim verrückten Kutti
18.8.1988 Nach dem Stau
1.7.1990 Neuland
7.3.1991 Halbes Glück
13.4.1992 Helen
15.9.1992 Tapetenschichten
10.10.1992 Im Zug
6.8.1994 Der Apfelduft früherer Tage
25.6.1995 Von all den Gesichtern
15.4.1996 Tiere essen in Delmenhorst
27.9.1998 Fahnen schwenken
25.11.1999 #1-#2-#3-#4
15.8.2001 Keinen Winter mehr
23.10.2002 In Zeitlupe
21.3.2003 Die Box
4.2.2004 Dahinter, wieder hinaus
21.12.2005 Weltuntergang
9.6.2006 Geburtstag
7.1.2008 Der Schrank
31.10.2012 Meine Welt, so klein sie auch ist
7.11.2013 Im Feuer
22.11.2013 Menschen unserers Alters
12.3.2014
9.6.1946 Meine Mutter, mein Vater,
unwesentlich später ich
22.3.1951 Magdalena
11/1951 Eine wirklich schöne kleine Stadt
1953 Verborgene Stadt
1953 Auf dünnen Ästen
22.9.1953 S
27.4.1954 Schützenfest
15.10.1955 In den Streuobstwiesen
4.9.1956 Gelbes Haus am Fluss
1957 Henry
27.7.1957 Geistertauchen
24.12.1957 Eine Weihnachtsgeschichte
14.8.1958 Der Arm, die Bahn, der Mut
29.9.1958 Kohlen schaufeln
24.12.1958 Eine bucklige Welt
15.9.1959 Der Wald nach dem Regen
24.9.1959 Huck erwacht zum Leben
10.1959 Die Welt mit Huck
12.3.1960 Zwei Rätsel
13.5.1961 Die Fahne
5.8.1962 Nach dem Regen
17.7.1963 Keine Badewanne voller Tränen
4.7.1965 Abschied und Aufbruch
17.11.1965 Ein Palast
1966 Studium
26.6.1966 Nowhere Man
31.12.1967 Ins Neujahr als Anschütz
5.5.1968 Beatnik
21.7.1969 Die Herrschaft der Menschen
9.7.1970 Doppelgänger
24.10.1970 Krankenhaus
18.2.1971 Hochzeit
23.8.1971 H.
15.6.1973 Clever und Smart
2.4.1974 Epikur und Hypatia
18.10.1974 Der freigiebige Banker von
Gravenhurst
30.10.1974 Boma ye
6.7.1975 Klassentreffen
3.1.1976 Keine zweihundert Meter über dem
Meer
23.9.1977 Kirsten
8.7.1978 Im Schatten
14.10.1978 Chicago hören mit Anschütz
5.11.1978 Samuels Geburt
5.11.1979 Tanzen in Peru
29.7.1980 Fünf Bälle
12.5.1982 Reich sein
31.12.1982 Der Zauberwürfel
18.6.1985 Die andere Seite der Welt
13.7.1985 Post aus Amerika
23.7.1985 Fragen an meinen Bruder
26.7.1985 Blaue Stunde
28.1.1986 Die dunklen Jahre
24.4.1986 Ein ewiges Glimmen
19.10.1987 Schwarzer Montag
10.11.1987 Rückkehr
9.2.1988 Beim verrückten Kutti
18.8.1988 Nach dem Stau
1.7.1990 Neuland
7.3.1991 Halbes Glück
13.4.1992 Helen
15.9.1992 Tapetenschichten
10.10.1992 Im Zug
6.8.1994 Der Apfelduft früherer Tage
25.6.1995 Von all den Gesichtern
15.4.1996 Tiere essen in Delmenhorst
27.9.1998 Fahnen schwenken
25.11.1999 #1-#2-#3-#4
15.8.2001 Keinen Winter mehr
23.10.2002 In Zeitlupe
21.3.2003 Die Box
4.2.2004 Dahinter, wieder hinaus
21.12.2005 Weltuntergang
9.6.2006 Geburtstag
7.1.2008 Der Schrank
31.10.2012 Meine Welt, so klein sie auch ist
7.11.2013 Im Feuer
22.11.2013 Menschen unserers Alters
12.3.2014
25. Juni 1996
Von all den Gesichtern
Ihr Gesicht, dachte ich, ihr Gesicht würde ich unter den Gesichtern aller Menschen wiedererkennen, die gelebt haben oder jemals leben werden, ihr Gesicht könnte hundert Jahre alt sein, die Zeit würde nichts von ihr nehmen können, nichts von ihrer Anmut, ihrem Stolz, ihrer Einzigartigkeit.
Ich hatte Magda gesehen, für einen Augenblick nur war sie zwischen den Massen aufgetaucht, den Gürtel wie früher verknotet, im zögernden Gang, als fühlte sie sich unwohl hier am verhüllten Reichstag, zwischen all den anderen, die gekommen waren, um ein Gebäude in silbern glänzenden Planen zu bestaunen. Als wüsste Magda nicht, weshalb sie an diesem Ort sein sollte. Doch ich wusste es. Sie war hier, damit ich sie sehen konnte, für diesen einen Moment erkannte, was wichtig war, damit ich wieder von ihr ahnte, dass ich mich zurückerinnerte und begann, sie endlich in mein Leben zu lassen.
Ich stand auf, stand auf dem Rasen, zwischen den Menschen, sah über sie hinweg, suchte nach Magda, als Helen neben mich trat, mich erst küsste und dann innig umarmte und in mein Ohr flüsternd fragte, ob wir nicht näher zu den Planen gehen wollten. Ich sagte etwas, damit ich etwas sagte, und Helen löste sich von mir, drehte sich um, blickte mich an, erst erwartungsvoll, bald irritiert, forderte mich mit freundlichem Winken auf, ihr zu folgen, ich, der nur Augen für Magda hatte.
Ich hätte loslaufen und wie wild nach Magda suchen sollen, sie unter allen Umständen finden müssen. Doch das tat ich nicht. Ich blieb, wo ich war, weil ich war, wie in den Jahren zuvor, weil ich annahm, dass, wenn Magda und ich letztlich doch füreinander bestimmt wären, sich alles ohne mein Zutun fügen müsste.
24. September 1959
Huck erwacht zum Leben
An einem Donnerstag probierte ich Huck zum ersten Mal aus. In der letzten Stunde hatten wir Geografie bei Frau Milde. Nachdem alle das Zimmer verlassen hatten, lief ich zum Lehrertisch und öffnete die Schublade. Dort lag Frau Mildes gelbes Halstuch. Ohne zu zögern steckte ich das Tuch in meinen Ranzen. Vor der Schule wartete Magda auf mich. Sie wollte mit mir an den Panzerteich gehen. Doch dafür hatte ich jetzt keine Zeit.
So schnell wie nie zuvor rannte ich zurück nach Hause. Stürmte die Treppen hinauf in mein Zimmer und sperrte die Tür hinter mir doppelt ab. Zerrte den ochsenblutroten Koffer unter dem Bett hervor und holte Huck heraus. Seither hatte ich ihn nicht mehr angesehen: Huck war für eine Bauchrednerpuppe nicht gerade groß. Das Holz seines Körpers war an vielen Stellen rau, der Stoff der Puppenhose zerschlissen. Aber was hatte im Brief gestanden?
»Schau nicht darauf, wie etwas aussieht. Hör auf die Gedanken. Sie sagen dir alles.« Daran sollte ich mich nun halten.
Ich band Huck das gelbe Halstuch von Frau Milde um. Das war der persönliche Gegenstand, den ich benötigte, damit Huck zum Leben erwachen konnte. Dann schob ich meine Hand in den offenen Rücken der Puppe.
Sofort durchströmte mich ein seltsames Gefühl, gerade so, als würde ein Wind durch mich gehen, als würde ich meinen Körper verlassen und mich von oben beobachten können. Es schien, als würde sich Huck verändern. Als würde er plötzlich ein Kleid tragen, kariert wie das von Frau Milde, als würde sich sein Gesicht verformen, als würde er ihre Augen bekommen, ihre Haare. Und ohne dass ich etwas gesagt hätte, ohne dass ich die Finger bewegt und damit seinen Mund bedient hätte, sprach sie, sprach er drei Sätze ...
Von all den Gesichtern
Ihr Gesicht, dachte ich, ihr Gesicht würde ich unter den Gesichtern aller Menschen wiedererkennen, die gelebt haben oder jemals leben werden, ihr Gesicht könnte hundert Jahre alt sein, die Zeit würde nichts von ihr nehmen können, nichts von ihrer Anmut, ihrem Stolz, ihrer Einzigartigkeit.
Ich hatte Magda gesehen, für einen Augenblick nur war sie zwischen den Massen aufgetaucht, den Gürtel wie früher verknotet, im zögernden Gang, als fühlte sie sich unwohl hier am verhüllten Reichstag, zwischen all den anderen, die gekommen waren, um ein Gebäude in silbern glänzenden Planen zu bestaunen. Als wüsste Magda nicht, weshalb sie an diesem Ort sein sollte. Doch ich wusste es. Sie war hier, damit ich sie sehen konnte, für diesen einen Moment erkannte, was wichtig war, damit ich wieder von ihr ahnte, dass ich mich zurückerinnerte und begann, sie endlich in mein Leben zu lassen.
Ich stand auf, stand auf dem Rasen, zwischen den Menschen, sah über sie hinweg, suchte nach Magda, als Helen neben mich trat, mich erst küsste und dann innig umarmte und in mein Ohr flüsternd fragte, ob wir nicht näher zu den Planen gehen wollten. Ich sagte etwas, damit ich etwas sagte, und Helen löste sich von mir, drehte sich um, blickte mich an, erst erwartungsvoll, bald irritiert, forderte mich mit freundlichem Winken auf, ihr zu folgen, ich, der nur Augen für Magda hatte.
Ich hätte loslaufen und wie wild nach Magda suchen sollen, sie unter allen Umständen finden müssen. Doch das tat ich nicht. Ich blieb, wo ich war, weil ich war, wie in den Jahren zuvor, weil ich annahm, dass, wenn Magda und ich letztlich doch füreinander bestimmt wären, sich alles ohne mein Zutun fügen müsste.
24. September 1959
Huck erwacht zum Leben
An einem Donnerstag probierte ich Huck zum ersten Mal aus. In der letzten Stunde hatten wir Geografie bei Frau Milde. Nachdem alle das Zimmer verlassen hatten, lief ich zum Lehrertisch und öffnete die Schublade. Dort lag Frau Mildes gelbes Halstuch. Ohne zu zögern steckte ich das Tuch in meinen Ranzen. Vor der Schule wartete Magda auf mich. Sie wollte mit mir an den Panzerteich gehen. Doch dafür hatte ich jetzt keine Zeit.
So schnell wie nie zuvor rannte ich zurück nach Hause. Stürmte die Treppen hinauf in mein Zimmer und sperrte die Tür hinter mir doppelt ab. Zerrte den ochsenblutroten Koffer unter dem Bett hervor und holte Huck heraus. Seither hatte ich ihn nicht mehr angesehen: Huck war für eine Bauchrednerpuppe nicht gerade groß. Das Holz seines Körpers war an vielen Stellen rau, der Stoff der Puppenhose zerschlissen. Aber was hatte im Brief gestanden?
»Schau nicht darauf, wie etwas aussieht. Hör auf die Gedanken. Sie sagen dir alles.« Daran sollte ich mich nun halten.
Ich band Huck das gelbe Halstuch von Frau Milde um. Das war der persönliche Gegenstand, den ich benötigte, damit Huck zum Leben erwachen konnte. Dann schob ich meine Hand in den offenen Rücken der Puppe.
Sofort durchströmte mich ein seltsames Gefühl, gerade so, als würde ein Wind durch mich gehen, als würde ich meinen Körper verlassen und mich von oben beobachten können. Es schien, als würde sich Huck verändern. Als würde er plötzlich ein Kleid tragen, kariert wie das von Frau Milde, als würde sich sein Gesicht verformen, als würde er ihre Augen bekommen, ihre Haare. Und ohne dass ich etwas gesagt hätte, ohne dass ich die Finger bewegt und damit seinen Mund bedient hätte, sprach sie, sprach er drei Sätze ...