Galgenfrist für einen Mörder
Roman
Anne Perry(Author)
Goldmann (Publisher)
Published on 8. June 2009
Book
Other book format
448 pages
978-3-442-46340-4 (ISBN)
Description
Der neue William-Monk-Roman
Als es William Monk, Inspector bei der Londoner Wasserpolizei, endlich gelingt, Jericho Phillips, einen Kinderschänder und Mörder, zu fassen, glaubt er an die sichere Verurteilung des perversen Verbrechers. Doch dann erhält Monks Freund, der Anwalt Sir Oliver Rathbone, Besuch von seinem Schwiegervater Arthur Ballinger, der ihn bittet, die Verteidigung von Phillips zu übernehmen. Rathbone sagt zu - und kämpft zum ersten Mal in seiner Karriere gegen seinen Freund Monk. Aber Rathbone ist nicht bewusst, wie weit er selbst in den Fall Phillips verwickelt ist.
Von der Königin des viktorianischen Krimis.
Als es William Monk, Inspector bei der Londoner Wasserpolizei, endlich gelingt, Jericho Phillips, einen Kinderschänder und Mörder, zu fassen, glaubt er an die sichere Verurteilung des perversen Verbrechers. Doch dann erhält Monks Freund, der Anwalt Sir Oliver Rathbone, Besuch von seinem Schwiegervater Arthur Ballinger, der ihn bittet, die Verteidigung von Phillips zu übernehmen. Rathbone sagt zu - und kämpft zum ersten Mal in seiner Karriere gegen seinen Freund Monk. Aber Rathbone ist nicht bewusst, wie weit er selbst in den Fall Phillips verwickelt ist.
Von der Königin des viktorianischen Krimis.
More details
Language
German
Dimensions
Height: 20.6 cm
Width: 13.5 cm
ISBN-13
978-3-442-46340-4 (9783442463404)
Schweitzer Classification
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E-Book
10/2009
Goldmann
€7.99
Available for download
Persons
Die Engländerin Anne Perry, 1938 in London geboren, verbrachte einen Teil ihrer Jugend in Neuseeland und auf den Bahamas. Schon früh begann sie zu schreiben. Ihre historischen Kriminalromane zeichnen ein lebendiges Bild des spätviktorianischen England und begeistern mittlerweile ein Millionenpublikum. Anne Perry lebt und schreibt in Schottland.
Content
Der Mann balancierte am Heck des Leichters, ein Frachtkahn mit flachem Rumpf. Über dem glitzernden Wasser der Themse gab er eine verwegene Gestalt ab, das Haar vom Wind zerzaust, die Lippen in dem kantigen Gesicht fest zusammengepresst. Im letzten Moment, als der andere Leichter schon fast vorübergefahren war, duckte er sich kurz und sprang. Beinahe verfehlte er das Deck, geriet ins Straucheln, richtete sich jedoch sogleich wieder auf. Sobald er sicher stand, drehte er sich um und winkte, eine groteske Geste des Jubels. Dann ließ er sich auf die Knie sinken und verschwand hinter dicht gestapelten Wollballen.
Monk verzog die Lippen zu einem grimmigen Lächeln, während die Ruderer das Polizeiboot unter Aufbietung ihrer ganzen Kraft wendeten und gegen den Sog des meerwärts strömenden Wassers in Richtung des Pool of London lenkten. Unter keinen Umständen hätte er den Befehl zum Schießen erteilt, selbst dann nicht, wenn er sicher gewesen wäre, dass in dem dichten Flussverkehr niemand anders getroffen würde. Er wollte Jericho Phillips lebend fassen und mit eigenen Augen sehen, wie er vor Gericht gestellt und gehängt wurde.
Im Bug des Polizeibootes fluchte Orme leise vor sich hin. Er war immer noch nicht so selbstsicher, dass er es wagte, seinen Gefühlen vor seinem neuen Kommandanten freien Lauf zu lassen. Monk war erst nach Durbans Tod vor einem halben Jahr zur Wasserpolizei gekommen. Der Dienst hier brachte ganz andere Anforderungen mit sich als die Arbeit an Land, mit der Monk Erfahrung hatte, doch noch schwieriger war es für ihn,
die Führung von Männern zu übernehmen, die ihn für einen Außenseiter hielten. Er galt als brillanter Ermittler, aber auch als rücksichtsloser und verschlossener Einzelgänger, der es anderen schwer machte, ihn zu mögen.
In den acht Jahren seit seinem Unfall, der 1856 sein Gedächtnis ausgelöscht, ihm aber auch die Chance zu einem Neuanfang gegeben hatte, hatte er sich verändert. Er hatte gelernt, sich durch die Augen anderer zu sehen, und das war eine ebenso erhellende wie bittere Erfahrung gewesen. Allerdings gab es niemanden, dem er das erklären konnte.
Sie holten rasch zu dem Leichter auf, wo Phillips, vor ihren Augen verborgen, auf der Ladefläche kauerte, ohne dass der Mann am Ruder auf ihn achtete. Noch dreißig Meter, und sie würden Seite an Seite fahren. Sie waren zu fünft im Polizeiboot und damit mehr Polizisten als üblich, aber um einen Mann wie Phillips zu stellen, war Verstärkung womöglich durchaus vonnöten. Gesucht wurde er wegen der Ermordung eines Jungen von etwa dreizehn oder vierzehn Jahren namens Walter Figgis, den man als Fig gekannt hatte. Er war schmächtig und von geringem Wuchs gewesen, und daran mochte es gelegen haben, dass er überhaupt so lange überlebt hatte. Phillips handelte mit Jungen ab einem Alter von vier, fünf Jahren bis zu der Zeit, in der sich ihre Stimme veränderte und sie begannen, die physischen Eigenschaften erwachsener Männer zu entwickeln, womit sie für diesen speziellen Bereich der Pornografie unbrauchbar wurden.
Das Polizeiboot schoss durch das aufgewühlte Wasser. Fünfzig Meter von ihnen entfernt fuhr ein Vergnügungsboot träge stromaufwärts, vielleicht mit dem Ziel Kew Gardens. An seinen Masten flatterten bunte Bänder im Wind, und Lachen, vermischt mit Musik, wehte herüber. Weiter vorn, im Upper Pool, lagen von Kohlenbarkassen bis hin zu Teeklippern beinahe hundert Schiffe vor Anker. Dazwischen kreuzten Leichter hin und her, auf die Schauermänner Frachten aus allen Winkeln der Welt luden.
Monk beugte sich etwas weiter vor. Schon holte er tief Luft, um die Ruderer zu noch größeren Anstrengungen anzufeuern, überlegte es sich dann aber anders. Das hätte so gewirkt, als traute er ihnen nicht zu, dass sie von sich aus ihr Bestes gaben. Doch es war schlichtweg unvorstellbar, dass es ihnen weniger wichtig sein könnte als ihm selbst, Phillips zu stellen. An Monk und nicht an ihnen hatte es gelegen, dass Durban in den Fall Louvain verwickelt worden war, der ihren damaligen Kommandanten letztlich das Leben gekostet hatte. Und Monk war derjenige, den Durban als seinen Nachfolger vorgeschlagen hatte, als ihm klar wurde, dass er sterben würde.
Orme hatte jahrelang unter Durban gedient, aber falls er Monk verübelte, dass nun er das Kommando führte, hatte er das kein einziges Mal gezeigt. Er war zuverlässig, gewissenhaft, sogar hilfsbereit, aber distanziert. Je länger Monk ihn allerdings beobachtete, desto klarer erkannte er, dass sein Erfolg bei der Truppe von Ormes Respekt abhing und - mehr noch - dass es ihm auf das Wohlwollen dieses Mannes ankam. Letzteres ging ihm gegen den Strich. Er konnte sich nicht erinnern, sich jemals darum gekümmert zu haben, was ein Untergebener von ihm hielt.
Der Leichter war jetzt nur noch fünf Meter vor ihnen und wurde langsamer, um ein anderes, mit Fässern voller Rohzucker beladenes Transportboot vorbeizulassen, das vor einem Schoner quer über den Fluss zum Ufer zurücksteuerte. Das Schiff lag, von seiner Last so gut wie befreit, höher auf dem Fluss, und da seine riesigen Segel eingerollt worden waren und die Spieren nackt in die Luft ragten, bewegte es sich sanft schaukelnd im Wasser.
Während der beladene Kahn an Steuerbord querte, schoss das Polizeiboot vor und erreichte den Leichter an Backbord. Der erste Polizist sprang an Deck, der nächste gleich hinterher, beide mit gezogener Pistole.
Der Fall Phillips war der einzige, den Durban nicht abgeschlossen hatte, und er war, sogar in seinen letzten Aufzeichnungen, eine offene Wunde für ihn geblieben. Seit seinem Antritt von Durbans Erbe hatte Monk immer wieder jede Seite studiert. Die Akte enthielt sämtliche Fakten, die Daten, die Uhrzeiten, die Namen der Verhörten, die Anworten und Schlussfolgerungen, die Entscheidungen, was als Nächstes getan werden sollte. Aber hinter all den Worten, den über die Seiten gekritzelten Buchstaben, schwelten Emotionen. Sie bargen eine Wut, die weit mehr war als bloße Frustration über Scheitern oder verletzten Stolz, weil der Gegenspieler raffinierter gewesen war als man selbst. Sie verrieten einen tiefen, sengenden Zorn über das Leiden von Kindern und Mitleid mit all den Opfern von Phillips' Gewerbe. Und ob Monk es wollte oder nicht, diese Akte hatte auch in ihm eine immer wieder aufbrechende Wunde hinterlassen. Er musste daran denken, wenn die Arbeit getan und er wieder zu Hause war. Sie überfiel ihn während der Mahlzeiten. Sie drängte sich in seine Gespräche mit Hester, seiner Frau. Solche Auswirkungen auf sein Seelenleben hatte bisher nur sehr wenig gehabt.
Monk saß angespannt im Heck des Bootes. Alles in ihm drängte danach, zu seinen Männern auf den Leichter zu springen. Wo waren sie eigentlich? Warum waren sie nicht längst mit Phillips wieder aufgetaucht?
Dann begriff er. Sie waren auf der falschen Seite. Phillips hatte das exakt vorausberechnet.
Monk verzog die Lippen zu einem grimmigen Lächeln, während die Ruderer das Polizeiboot unter Aufbietung ihrer ganzen Kraft wendeten und gegen den Sog des meerwärts strömenden Wassers in Richtung des Pool of London lenkten. Unter keinen Umständen hätte er den Befehl zum Schießen erteilt, selbst dann nicht, wenn er sicher gewesen wäre, dass in dem dichten Flussverkehr niemand anders getroffen würde. Er wollte Jericho Phillips lebend fassen und mit eigenen Augen sehen, wie er vor Gericht gestellt und gehängt wurde.
Im Bug des Polizeibootes fluchte Orme leise vor sich hin. Er war immer noch nicht so selbstsicher, dass er es wagte, seinen Gefühlen vor seinem neuen Kommandanten freien Lauf zu lassen. Monk war erst nach Durbans Tod vor einem halben Jahr zur Wasserpolizei gekommen. Der Dienst hier brachte ganz andere Anforderungen mit sich als die Arbeit an Land, mit der Monk Erfahrung hatte, doch noch schwieriger war es für ihn,
die Führung von Männern zu übernehmen, die ihn für einen Außenseiter hielten. Er galt als brillanter Ermittler, aber auch als rücksichtsloser und verschlossener Einzelgänger, der es anderen schwer machte, ihn zu mögen.
In den acht Jahren seit seinem Unfall, der 1856 sein Gedächtnis ausgelöscht, ihm aber auch die Chance zu einem Neuanfang gegeben hatte, hatte er sich verändert. Er hatte gelernt, sich durch die Augen anderer zu sehen, und das war eine ebenso erhellende wie bittere Erfahrung gewesen. Allerdings gab es niemanden, dem er das erklären konnte.
Sie holten rasch zu dem Leichter auf, wo Phillips, vor ihren Augen verborgen, auf der Ladefläche kauerte, ohne dass der Mann am Ruder auf ihn achtete. Noch dreißig Meter, und sie würden Seite an Seite fahren. Sie waren zu fünft im Polizeiboot und damit mehr Polizisten als üblich, aber um einen Mann wie Phillips zu stellen, war Verstärkung womöglich durchaus vonnöten. Gesucht wurde er wegen der Ermordung eines Jungen von etwa dreizehn oder vierzehn Jahren namens Walter Figgis, den man als Fig gekannt hatte. Er war schmächtig und von geringem Wuchs gewesen, und daran mochte es gelegen haben, dass er überhaupt so lange überlebt hatte. Phillips handelte mit Jungen ab einem Alter von vier, fünf Jahren bis zu der Zeit, in der sich ihre Stimme veränderte und sie begannen, die physischen Eigenschaften erwachsener Männer zu entwickeln, womit sie für diesen speziellen Bereich der Pornografie unbrauchbar wurden.
Das Polizeiboot schoss durch das aufgewühlte Wasser. Fünfzig Meter von ihnen entfernt fuhr ein Vergnügungsboot träge stromaufwärts, vielleicht mit dem Ziel Kew Gardens. An seinen Masten flatterten bunte Bänder im Wind, und Lachen, vermischt mit Musik, wehte herüber. Weiter vorn, im Upper Pool, lagen von Kohlenbarkassen bis hin zu Teeklippern beinahe hundert Schiffe vor Anker. Dazwischen kreuzten Leichter hin und her, auf die Schauermänner Frachten aus allen Winkeln der Welt luden.
Monk beugte sich etwas weiter vor. Schon holte er tief Luft, um die Ruderer zu noch größeren Anstrengungen anzufeuern, überlegte es sich dann aber anders. Das hätte so gewirkt, als traute er ihnen nicht zu, dass sie von sich aus ihr Bestes gaben. Doch es war schlichtweg unvorstellbar, dass es ihnen weniger wichtig sein könnte als ihm selbst, Phillips zu stellen. An Monk und nicht an ihnen hatte es gelegen, dass Durban in den Fall Louvain verwickelt worden war, der ihren damaligen Kommandanten letztlich das Leben gekostet hatte. Und Monk war derjenige, den Durban als seinen Nachfolger vorgeschlagen hatte, als ihm klar wurde, dass er sterben würde.
Orme hatte jahrelang unter Durban gedient, aber falls er Monk verübelte, dass nun er das Kommando führte, hatte er das kein einziges Mal gezeigt. Er war zuverlässig, gewissenhaft, sogar hilfsbereit, aber distanziert. Je länger Monk ihn allerdings beobachtete, desto klarer erkannte er, dass sein Erfolg bei der Truppe von Ormes Respekt abhing und - mehr noch - dass es ihm auf das Wohlwollen dieses Mannes ankam. Letzteres ging ihm gegen den Strich. Er konnte sich nicht erinnern, sich jemals darum gekümmert zu haben, was ein Untergebener von ihm hielt.
Der Leichter war jetzt nur noch fünf Meter vor ihnen und wurde langsamer, um ein anderes, mit Fässern voller Rohzucker beladenes Transportboot vorbeizulassen, das vor einem Schoner quer über den Fluss zum Ufer zurücksteuerte. Das Schiff lag, von seiner Last so gut wie befreit, höher auf dem Fluss, und da seine riesigen Segel eingerollt worden waren und die Spieren nackt in die Luft ragten, bewegte es sich sanft schaukelnd im Wasser.
Während der beladene Kahn an Steuerbord querte, schoss das Polizeiboot vor und erreichte den Leichter an Backbord. Der erste Polizist sprang an Deck, der nächste gleich hinterher, beide mit gezogener Pistole.
Der Fall Phillips war der einzige, den Durban nicht abgeschlossen hatte, und er war, sogar in seinen letzten Aufzeichnungen, eine offene Wunde für ihn geblieben. Seit seinem Antritt von Durbans Erbe hatte Monk immer wieder jede Seite studiert. Die Akte enthielt sämtliche Fakten, die Daten, die Uhrzeiten, die Namen der Verhörten, die Anworten und Schlussfolgerungen, die Entscheidungen, was als Nächstes getan werden sollte. Aber hinter all den Worten, den über die Seiten gekritzelten Buchstaben, schwelten Emotionen. Sie bargen eine Wut, die weit mehr war als bloße Frustration über Scheitern oder verletzten Stolz, weil der Gegenspieler raffinierter gewesen war als man selbst. Sie verrieten einen tiefen, sengenden Zorn über das Leiden von Kindern und Mitleid mit all den Opfern von Phillips' Gewerbe. Und ob Monk es wollte oder nicht, diese Akte hatte auch in ihm eine immer wieder aufbrechende Wunde hinterlassen. Er musste daran denken, wenn die Arbeit getan und er wieder zu Hause war. Sie überfiel ihn während der Mahlzeiten. Sie drängte sich in seine Gespräche mit Hester, seiner Frau. Solche Auswirkungen auf sein Seelenleben hatte bisher nur sehr wenig gehabt.
Monk saß angespannt im Heck des Bootes. Alles in ihm drängte danach, zu seinen Männern auf den Leichter zu springen. Wo waren sie eigentlich? Warum waren sie nicht längst mit Phillips wieder aufgetaucht?
Dann begriff er. Sie waren auf der falschen Seite. Phillips hatte das exakt vorausberechnet.