
Der Fall Kurilow
Roman
Irène Némirovsky(Author)
btb (Publisher)
Published on 6. November 2006
Book
Paperback/Softback
192 pages
978-3-442-73614-0 (ISBN)
Description
Ein Zeitbild des revolutionären Petersburg von der Autorin der Bestseller "Suite française" und "Der Ball".
Im zaristischen Petersburg der Jahrhundertwende soll der Revolutionär und Anarchist Léon M. den Erziehungsminister des Zaren ermorden - den zynischen, schwerkranken, dekadenten Kurilow. Als Hausarzt verschafft Léon sich Zugang zu seinem Opfer. Doch je näher Léon Kurilow kommt, umso mehr gewinnt der Minister menschliche Züge, und Léon zweifelt am Sinn seiner Mission. Ein ebenso spannendes wie sensibel und atmosphärisch dicht gezeichnetes Psychogramm von Opfer und Täter.
Im zaristischen Petersburg der Jahrhundertwende soll der Revolutionär und Anarchist Léon M. den Erziehungsminister des Zaren ermorden - den zynischen, schwerkranken, dekadenten Kurilow. Als Hausarzt verschafft Léon sich Zugang zu seinem Opfer. Doch je näher Léon Kurilow kommt, umso mehr gewinnt der Minister menschliche Züge, und Léon zweifelt am Sinn seiner Mission. Ein ebenso spannendes wie sensibel und atmosphärisch dicht gezeichnetes Psychogramm von Opfer und Täter.
More details
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 18.7 cm
Width: 11.8 cm
ISBN-13
978-3-442-73614-0 (9783442736140)
Schweitzer Classification
Persons
Author
Irène Némirovsky wurde 1903 als Tochter eines reichen russischen Bankiers in Kiew geboren und kam während der Oktoberrevolution nach Paris. Dort studierte sie französische Literatur an der Sorbonne. Irène heiratete den weißrussischen Bankier Michel Epstein, bekam zwei Töchter und veröffentlichte ihren Roman "David Golder", der sie schlagartig zum Star der Pariser Literaturszene machte. Viele weitere Veröffentlichungen folgten. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach und die Deutschen auf Paris zumarschierten, floh sie mit ihrem Mann und den Töchtern in die Provinz. Während der deutschen Besetzung erhielt sie als Jüdin Veröffentlichungsverbot. In dieser Zeit arbeitete sie an einem großen Roman über die Okkupation. Am 13. Juli 1942 wurde Irène Némirovsky verhaftet und starb wenige Wochen später in Auschwitz. 2005 entzifferte Némirovskys Tochter Denise Epstein das Manuskript, das als "Suite française" veröffentlicht und zur literarischen Sensation wurde.
Translation
Content
Auf der menschenleeren Terrasse eines Cafés von Nizza hatten sich, angezogen durch die Glut eines roten Kohleöfchens, zwei Männer niedergelassen. Es war ein für diesen Teil der Welt recht frostiger Herbstabend. »Ein Pariser Himmel ...«, sagte eine Frau im Vorübergehen und zeigte auf die vom Wind gejagten gelben Wolken. Gleich darauf fing es an zu regnen, und die leere Straße, in der noch keine Lichter brannten, wurde noch dunkler; stellenweise tropfte das Wasser durch die vollgesogene Markise, die über dem Café ausgespannt war. Die beiden Männer, Léon M. und der andere, der nach ihm hereingetreten war und ihn seither verstohlen ansah - offenbar suchte er sich zu erinnern, woher er ihn kannte -, beugten sich beide mit der gleichen Bewegung zu dem brennenden Öfchen hinunter. Aus dem Inneren des Cafés drang ein Gewirr von Stimmen und Rufen heraus; das Klicken der Billardkugeln, das Scheppern der Tabletts auf den Holztischen, das Klappern der Schachfiguren auf den Brettern überdeckte zeitweilig das dünne, blecherne Schmettern eines kleinen Orchesters. Léon M. hob den Kopf und zog den grauen Wollschal, den er um den Hals trug, enger; der ihm gegenübersitzende Mann sagte halblaut: »Marcel Legrand?« In diesem Augenblick gingen an der Straße, in den Schaufenstern und auf den Terrassen der Cafés die elektrischen Lampen an. Von der plötzlichen Helligkeit überrascht, wandte Léon M. kurz die Augen ab. Der Mann wiederholte: »Marcel Legrand?« Vermutlich durch einen zu starken Stromstoß trübten sich plötzlich die Glühbirnen; eine Sekunde lang flackerte das Licht wie eine Kerzenflamme im Freien; dann schien es sich wieder zu beleben, grell beleuchtete es Léon M.s Gesicht, seine hängenden Schultern, seine knochigen Hände mit den zarten Gelenken. »Hatten Sie nicht mit dem Fall Kurilow zu tun, damals, 1903?« »1903?« wiederholte M. langsam. Er neigte den Kopf zur Seite und pfiff leise, mit dem matten und ironischen Ausdruck eines fröstelnden alten Vogels, vor sich hin. Der Mann, der ihm gegenübersaß, war etwa fünfundsechzig Jahre alt und hatte ein graues, müdes Gesicht; infolge eines nervösen Ticks zuckte er mit der Oberlippe, ruckweise hob sich der dicke, einst gelbe, jetzt weißgewordene Schnurrbart und enthüllte einen blassen, zu einer unruhigen, bitteren Grimasse verzogenen Mund. Seine lebhaften Augen mit dem durchdringenden, mißtrauischen Blick leuchteten jäh auf und wandten sich fast sofort wieder ab. M. sagte schließlich mit einem Schulterzucken: »Nichts zu machen. Ich erkenne Sie nicht wieder. Ich habe mittlerweile ein schlechtes Gedächtnis...« »Erinnern Sie sich nicht an den Polizisten, der damals mit der Bewachung Kurilows beauftragt war? Derjenige, der Sie eines Nachts im Kaukasus beschattet hat?« »Ohne Erfolg. Ich erinnere mich jetzt«, sagte M. Er rieb sich sanft die von der Hitze eingeschlafenen Hände. Er war ein Mann um die fünfzig, der älter und krank wirkte. Er hatte einen schmalen Brustkorb, ein düsteres, ironisches Gesicht, einen eigenartigen, schönen Mund, schlechte Zähne, über der Stirn eine ergrauende Strähne. Seine tief in den Höhlen liegenden Augen leuchteten in düsterem Feuer. Er murmelte: »Zigarette?« »Wohnen Sie in Nizza, Monsieur Legrand?« »Ja.« »Von den Geschäften zurückgezogen, wenn ich mir den Ausdruck erlauben darf?« »Sie dürfen ...« M. atmete, ohne zu inhalieren, den Rauch der angezündeten Zigarette ein, sah zu, wie sie sich zwischen seinen Fingern verzehrte, warf sie auf den Boden und zertrat sie gründlich mit dem Absatz. »Es ist lange her«, sagte er schließlich mit einem unmerklichen Lächeln, »sehr lange, seit sich das alles zugetragen hat ...« »Ja ... Ich war es, der mit der Untersuchung Ihres Falls beauftragt war, nach Ihrer Verhaftung, nach dem Attentat ...« »Ach ja?« murmelte M. gleichgültig. »Ich habe nie Ihren wirklichen Namen in Erfahrung bringen können. Kein einziger unserer Spitzel kannte Sie, weder in Rußland noch im Ausland. Tun Sie mir den Gefallen, jetzt, wo es keine Bedeutung mehr hat! Sagen Sie mir, Sie waren doch einer der Leiter der terroristischen Organisation in der Schweiz vor 1905?« »Ich habe nie zur Führungsspitze gehört, ich hatte nur eine untergeordnete Position.« »Ach was?« M. senkte mit einem kleinen müden Lächeln den Kopf. »So ist es, mein lieber Herr ...« »Sagen Sie, und nachher ...? 1917 und danach ...? Ich irre mich nicht, da haben Sie doch ...?« Er schien nach einem Ausdruck zu suchen, der seinem Gedanken entsprach; schließlich lächelte er, seine scharfen langen Zähne entblößend, die zwischen den blassen Lippen leuchteten. »Da haben Sie doch ganz schön mitgemischt«, sagte er und machte eine Gebärde, als rührte er mit beiden Händen in einem Kessel. »Ich will sagen ... da waren Sie doch ganz oben?« »Ja ... oben ...« »Die Tscheka?« »Mein lieber Herr, ich habe alles mögliche gemacht. In jenen schwierigen Zeiten damals hat jeder mit angepackt.« Er trommelte rhythmisch mit seinen feinen gekrümmten Fingern auf die Marmorplatte des Tischs. »Wollen Sie mir nicht Ihren Namen sagen?« fragte der Mann lachend. »Ich schwöre Ihnen, auch ich bin jetzt ein friedlicher Rentner. Ich frage einfach nur aus Neugier, Berufskrankheit sozusagen.« M. klappte behutsam, mit der fröstelnden Gebärde, die ihm eigen war, den Kragen seines Überziehers hoch und zog mit beiden Händen an den Enden seines Schals. »Ich glaube Ihnen nicht«, sagte er mit einem knappen, durch seinen Husten heiser klingenden Lachen. »Die Katze läßt das Mausen nicht ... Und übrigens würde Ihnen mein Name jetzt auch nichts mehr sagen ... Er ist überall längst vergessen.« »Sind Sie verheiratet?« »Nein, ich pflege noch die alten, gesunden revolutionären Traditionen«, sagte M. Wieder lächelte er, ein kleines, mechanisches Lächeln, das sich tief in seine schlaffen Mundwinkel eingrub. Er nahm einen Bissen Brioche zwischen zwei Finger, aß ihn langsam, sagte mit einem Heben der Brauen: »Und Sie selbst? Wie ist Ihr Name, lieber Herr?« »Oh, ich ... das ist kein Geheimnis ... Baranow ... Iwan Iwanitsch ... Ich war der Person Seiner Exzellenz zugeordnet ... Kurilow, zehn Jahre lang.« »Ach, tatsächlich?« Zum ersten Mal verschwand das kleine müde Lächeln M.s; er hörte auf, wie bis dahin, die grell beleuchteten Wachsschaufensterpuppen, die allein die leere, regennasse Straße bevölkerten, zu betrachten. Er hüstelte leicht, richtete seine großen, tiefliegenden Augen auf Baranow: »Und seine Familie? Wissen Sie, was aus ihr geworden ist?« »Seine Frau ist während der Revolution erschossen worden. Die Kinder dürften noch am Leben sein. Der arme Kurilow ... Erinnern Sie sich noch? Er wurde der Pottwal genannt.« »Schrecklich und gefräßig«, sagte M. Er zerbröselte die Reste seiner Brioche zwischen den Fingern, machte eine Bewegung, als wollte er sich erheben, doch der Regen strömte unaufhaltsam, spritzte in gleißenden Funken vom Pflaster in die Höhe. Er setzte sich schwerfällig wieder hin. »Sie haben ihn nicht verfehlt«, sagte Baranow. »Wie viele Steine haben Sie denn im ganzen vom Spielbrett geholt?« »Damals? Oder seither?« »Im ganzen«, wiederholte Baranow. M. zuckte mit den Schultern: »Meine Güte, Sie erinnern mich an ein Jüngelchen, das eines Tages, in Rußland, zu mir gekommen ist, um mich im Auftrag einer amerikanischen Zeitung, die an solchen statistischen Feinheiten interessiert ist, zu fragen, wie viele Menschen ich hatte töten lassen, seit ich an der Macht war. >Ist es möglich<, hat mich dieser Einfaltspinsel gefragt, als ich zögerte, >ist es möglich, daß Ihnen das entfallen ist?< Es war ein kleiner rosiger Jude namens Blumenthal, von der Chicago Tribune.« Er winkte den Pikkolo heran, der gerade über die Terrasse lief: »Ruf mir diesen Fiaker da her.« Der Wagen fuhr an das Café heran. M. stand auf, reichte Baranow die Hand.»Komisch, sich so wiederzusehen ...«»Äußerst komisch ...«
M. lachte plötzlich auf, sagte auf Russisch: »Und ... wie viele sind eigentlich gestorben ...? >Mit unserer Nachhilfe< ...? Dank unserer Bemühungen?« »Pah!«, sagte Baranow achselzuckend. »Das war Dienstausübung, für mich wenigstens. Mir ist das egal.« »Das ist wohl richtig«, meinte M. mit gleichgültiger, müder Stimme. Er spannte sorgfältig seinen großen schwarzen Schirm auf, zündete sich an der Flamme des Kohleöfchens eine Zigarette an. Der lebhafte Schein beleuchtete jäh sein niedergebeugtes Gesicht mit den hohlen, fahlen Wangen und den großen, dunklen, sorgenvollen Augen. Wie er es immer tat, rauchte er seine Zigarette nicht, er begnügte sich damit, einen Augenblick lang mit halbgeschlossenen Augen den Duft des Rauchs einzuatmen, dann warf er sie weg. Er legte einen Finger an den Hut und ging. Léon M. starb im März 1932 in dem Haus in Nizza, wo er seine letzten Jahre verbracht hatte. Unter seinen Büchern wurde eine kleine Mappe aus schwarzem Leder gefunden; sie enthielt ein paar Dutzend zusammengeheftete Schreibmaschinenseiten. Auf der ersten stand mit Bleistift geschrieben: FALL KURILOW
1 Nizza, 1931 1903 beauftragte mich das Komitee mit der Liquidierung des Falls Kurilow. Das war der Ausdruck, den man damals verwendete ... Dieses Ereignis ist nur auf episodische Weise mit meinem übrigen Leben verbunden gewesen, aber nun, da ich im Begriff bin, meine Autobiographie zu schreiben, drängt es sich meiner Erinnerung auf, es bildet den Anfang meines Revolutionärslebens, obwohl ich später das Lager gewechselt habe. Zwischen jenem Datum und der Machtergreifung liegen vierzehn Jahre, die Hälfte war ich im Gefängnis, die Hälfte in der Verbannung. Dann ist die Oktoberrevolution gekommen (Sturm-und-Drang-Periode ...) und wieder das Exil. Ich habe fünfzig Jahre gelebt, und sie sind schnell verflogen, in dieser Hinsicht kann ich mich über das Schicksal nicht beklagen ... Aber das Ende kommt mir lang vor ... das Ende zieht sich hin. Ich bin 1881 geboren, am 12. März, in einem gottverlassenen kleinen Dorf in Sibirien am Ufer der Lena, von einem Vater und einer Mutter, die beide politische Deportierte waren; ihre damals recht bekannten Namen sind heute vergessen: Victoria Saltykow und der Terrorist M., Maxim Dawidowitsch M. Meinen Vater habe ich kaum gekannt: Zuchthaus, Verbannung tragen nicht gerade zu einem trauten Familienleben bei. Er war ein hochgewachsener Mann mit schmalen, leuchtenden Augen, die von dunklen Lidern überschattet waren, mit großen knochigen Händen und zarten Gelenken ... Er sprach wenig, wenn er lachte, klang es hart und traurig. Als man ihn zum letztenmal verhaftete, war ich noch ein Kind. Er umarmte mich, sah mich mit etwas wie ironischer Verwunderung an, verzog matt ein wenig die Lippen, was als ein Lächeln gelten konnte, ging aus dem Zimmer, kam noch einmal zurück, um seine vergessenen Zigaretten zu holen, und verschwand auf immer aus meinem Leben. Er ist im Gefängnis gestorben, in dem Alter, das ich vor kurzem erreicht habe, in einer Zelle der Peter-Pauls-Festung, die während der Herbstüberschwemmungen der Newa unter Wasser stand. Nach seiner Verhaftung zog ich mit meiner Mutter nach Genf. An sie, die im Frühjahr 1891 gestorben ist, erinnere ich mich besser. Eine feingliedrige, schwächliche Gestalt, helles, glatt anliegendes Haar, ein Kneifer ... Der Typus der Intellektuellen der achtziger Jahre ... Ich erinnere mich noch an sie auf dem Rückweg aus Sibirien, nach ihrer Befreiung. Ich war sechs Jahre alt. Mein Bruder war gerade geboren. Sie hielt ihn in den Armen, aber mit einer erstaunlichen Ungeschicktheit von ihrer Brust weggedreht, als präsentierte sie ihn den Steinen auf dem Weg; schaudernd lauschte sie seinem hungrigen Schreien. Ich sehe wieder, wie ihr, wenn sie ihm die Windeln wechselte, die Hände zitterten und sich in den Tüchern und Sicherheitsnadeln verfingen. Sie hatte schöne, schwache, lange Hände. Mit sechzehn Jahren hatte sie mit einem Pistolenschuß aus nächster Nähe den Hauptmann der Gendarmerie von Wjatka getötet, der vor ihren Augen eine alte Frau, eine politische Gefangene, gequält hatte; er hatte sie gezwungen, krank unter der Sonne Rußlands, die im Hochsommer wie ein tödlicher Keulenschlag ist, zu marschieren. Sie sagte mir das selbst, aber noch bevor ich in dem Alter war, um sie verstehen zu können, als hätte sie es eilig gehabt. Ich erinnere mich an die eigenartigen Empfindungen, mit denen ich diesem Bericht lauschte. Ich erinnere mich an ihre Stimme, die klingend und scharf war, ganz anders als die geduldige, matte Stimme, die ich kannte: »Ich erwartete, hingerichtet zu werden. Ich betrachtete meinen Tod als einen erhabenen Protest gegen eine Welt der Tränen und des Blutes.« Sie hielt einen Augenblick inne, sagte leiser: »Du verstehst doch, Lonja?« Ihr Gesicht und ihre Gebärden blieben unbewegt und ruhig; nur ihre Wangen hatten sich leicht gerötet. Sie wartete meine Antwort nicht ab. Mein Bruder schrie. Sie erhob sich seufzend, nahm ihn auf den Arm, sah ihn einen Augenblick lang an, als sei er ein schweres Paket in ihren Händen, dann überließ sie uns wieder uns selbst, fing wieder an, ihre Briefe zu chiffrieren. In Genf leitete sie eines der Terroristenkomitees, dasselbe, das mich nach ihrem Tod versorgen und aufziehen ließ. Wir lebten von Zuwendungen der Partei und von Englisch- und Italienischstunden, die sie gab; die Winterkleider wurden ins Pfandhaus getragen, wenn der Frühling kam; die Sommerkleider im Herbst ... Nun, das übliche Bild. Sie war sehr groß und mager, mit dreißig verblüht wie eine alte Frau, die gekrümmten Schultern drückten ihre zarte Brust zusammen. Sie hatte Lungentuberkulose, die rechte Lunge war völlig zerstört; aber sie sagte: »Was soll ich mich behandeln lassen, während arme Arbeiterinnen in den Fabriken Blut spucken?« (So drückten sich die Revolutionärinnen ihrer Generation eben aus...) Sie gab uns nicht einmal woandershin: wurden die Kinder der Arbeiterinnen etwa nicht von ihren kranken Müttern angesteckt? Dennoch erinnere ich mich, daß sie uns niemals küßte. Zudem waren wir mürrische und frostige Kinder, ich zumindest ... Hin und wieder nur, wenn sie sehr erschöpft war, streckte sie die Hand aus und fuhr uns einmal durch die Haare, langsam und seufzend. Ihr langes, blasses Gesicht, ihre gelben Zähne, ihre müden Augen, die hinter dem Kneifer zwinkerten, und ihre feinen, ungeschickten Hände, die die Haushaltsgegenstände fallen ließen, die weder nähen noch kochen konnten, aber immerzu schrieben, Briefe chiffrierten, Pässe fälschten ... Ich dachte, ich hätte ihre Züge vergessen (so viele Jahre sind seit damals vergangen), doch nun tauchen sie wieder in meiner Erinnerung auf. Zwei oder drei Nächte jeden Monat fuhr sie mit Packen Broschüren und Sprengstoff über den Genfer See von der Schweiz nach Frankreich hinüber. Sie nahm mich mit, vielleicht um mich an das Leben voller Gefahren zu gewöhnen, das später in einer Art »dynastischer revolutionärer Tradition« das meine werden sollte, oder um wegen meines zarten Alters den Zöllnern Vertrauen einzuflößen, vielleicht auch weil sie mich, da meine beiden Brüder tot waren, nicht allein im Hotel lassen wollte; so wie die bürgerlichen Mütter ihr Kind ins Kino mitnehmen. Ich schlief auf dem Deck ein. Gewöhnlich war es Winter, der See öde und leer, von dichten Nebelschwaden bedeckt, die Nächte waren kalt. In Frankreich ließ mich meine Mutter ein paar Stunden lang bei Bauersleuten, den Baud, die in einem Haus am Seeufer wohnten. Sie hatten sechs oder sieben Kinder; ich erinnere mich an eine Schar kleiner rotbäckiger Bauern, alle prächtig gesund und dumm. Ich trank heißen Kaffee. Ich aß ofenwarmes Brot und Kastanien. Das Haus der Baud mit seinem Herdfeuer, dem duftenden Kaffee, dem Kindergeschrei war in meinen Augen das Paradies auf Erden. Sie hatten eine Terrasse, eine Art riesigen Holzbalkon, der zum See hinunterging und im Winter mit Schnee und knackendem Glatteis bedeckt war ... Ich hatte zwei jüngere Brüder gehabt, die gestorben waren, sie hatten eine Zeitlang wie ich einsam in einem Hotelzimmer gelebt. Sie starben, der eine mit zwei Jahren, der andere mit drei. Ich erinnere mich besonders gut an die Nacht, als der zweite starb. Er war ein hübsches Kind, blond und kräftig. Meine Mutter stand am Fußende seines Bettes, es war ein altes Bett aus schwarzem Holz. Sie hielt eine brennende Kerze in der Hand und blickte auf das sterbende Kind. Ich saß neben ihr auf dem Boden und sah ihr übermüdetes Gesicht, das die Flamme von unten her beleuchtete. Das Kind wurde von ein paar kleinen Zuckungen geschüttelt, drehte mit erstauntem, erschöpftem Ausdruck den Kopf herum und starb. Meine Mutter rührte sich nicht; nur die Hand, die das Licht schützte, zitterte sichtbar. Schließlich bemerkte sie mich, wollte etwas sagen (sicher: »Lonja, der Tod ist ein natürliches Phänomen ...«), aber ihre Lippen verzogen sich schwermütig, und sie blieb stumm. Sie legte das tote Kind auf seinem Kopfkissen zurecht, nahm mich bei der Hand und führte mich zu einer Nachbarin. Ich erinnere mich: die Stille, die Nacht und ihr bleiches Gesicht, ihre weiße Unterjacke und ihre langen, blonden, aufgelösten Haare - all das war wie ein wirrer Traum. Wenig später starb sie selbst. Ich war zehn Jahre alt. Ich hatte von ihr den Keim der Lungentuberkulose geerbt. Das Komitee gab mich in Pension zu Doktor Schwann. Er war naturalisierter Schweizer russischer Herkunft und einer der Leiter der Partei. Er besaß in Monts in der Nähe von Sierre ein Sanatorium mit zwanzig Betten, und dort lebte ich. Monts ist ein finsteres Dorf zwischen Montana und Sierre, von schwarzen Fichten und dunklen Bergen erdrückt, oder vielleicht kam es mir nur so vor ... Ganze Jahre habe ich an einen Liegestuhl gefesselt verbracht, auf einem Balkon, wo ich von der Welt nur die Wipfel der Fichten sah und auf der anderen Seite des Sees einen ähnlichen Glaskäfig wie den unseren, der die Strahlen der untergehenden Sonne zurückwarf. Später konnte ich ausgehen, auf dem einzigen begehbaren Weg ins Dorf hinunter, vorüber an den in Schals gehüllten lungenkranken Damen, und dann wie sie, keuchend und bei jedem Schritt stehenbleibend, wieder hinaufsteigen, wie sie die Fichten an der Straße zählen und voll Haß auf die Gebirgskette blicken, die ringsherum den Horizont abschloß. Auch jetzt, nach so vielen Jahren, sehe ich sie noch, wie ich noch den Geruch des Sanatoriums rieche - Desinfektionsmittel und frischgeputztes Linoleum -, wie ich, im Traum, noch das Sausen des Föhns, des trockenen Herbstwinds, im Wald höre. Ich lernte bei Doktor Schwann Sprachen und die Anfangsgründe der Medizin, für die ich eine besondere Neigung zeigte. Sobald es mir besser ging, beauftragte man mich mit verschiedenen Arbeiten für die Revolutionskomitees der Schweiz und Frankreichs. Allein schon durch meine Geburt gehörte ich der Partei an ... Ich habe im Hinblick auf eine eventuelle Autobiographie mit der Niederschrift dieser Notizen begonnen. Die Zeit zieht sich hin. Man braucht an seinem Lebensende irgendeine Beschäftigung. Aber schon geht es nicht weiter. »Es ist schwierig, die Entwicklung eines Revolutionärs ehrlich und gleichzeitig erbaulich zu beschreiben«, wie der gute Herz sagte, das habe ich nicht vergessen ... Und meine Legende, »die Legende Léon M.«, gehört zu der Ikonographie der Oktoberrevolution, die man besser nicht antasten sollte. Ich bin das Kind von Verbannten und ausschließlich mit revolutionären Reden, Lektüren, Beispielen genährt worden, aber es fehlte mir an Feuer und Kraft. Mit Neid hörte ich meine Genossen, wenn sie in Genf wohnten, von ihrer Jugend sprechen. Ich erinnere mich an einen jungen Mann von dreißig Jahren, der vierzehn terroristische Attentate für sich verbuchen konnte, davon vier gelungene, vier ungeheuer kaltblütig auf offener Straße begangene Morde. Er war blaß, rothaarig, mit weißen, feinen und feuchtkalten Händchen. Er erzählte mir in einer Dezembernacht, als wir nach der Komiteesitzung durch die stillen, vereisten Straßen Genfs gingen, wie er mit sechzehn Jahren von zu Hause ausgerissen und achtzehn Tage in Moskau herumgeirrt war.
M. lachte plötzlich auf, sagte auf Russisch: »Und ... wie viele sind eigentlich gestorben ...? >Mit unserer Nachhilfe< ...? Dank unserer Bemühungen?« »Pah!«, sagte Baranow achselzuckend. »Das war Dienstausübung, für mich wenigstens. Mir ist das egal.« »Das ist wohl richtig«, meinte M. mit gleichgültiger, müder Stimme. Er spannte sorgfältig seinen großen schwarzen Schirm auf, zündete sich an der Flamme des Kohleöfchens eine Zigarette an. Der lebhafte Schein beleuchtete jäh sein niedergebeugtes Gesicht mit den hohlen, fahlen Wangen und den großen, dunklen, sorgenvollen Augen. Wie er es immer tat, rauchte er seine Zigarette nicht, er begnügte sich damit, einen Augenblick lang mit halbgeschlossenen Augen den Duft des Rauchs einzuatmen, dann warf er sie weg. Er legte einen Finger an den Hut und ging. Léon M. starb im März 1932 in dem Haus in Nizza, wo er seine letzten Jahre verbracht hatte. Unter seinen Büchern wurde eine kleine Mappe aus schwarzem Leder gefunden; sie enthielt ein paar Dutzend zusammengeheftete Schreibmaschinenseiten. Auf der ersten stand mit Bleistift geschrieben: FALL KURILOW
1 Nizza, 1931 1903 beauftragte mich das Komitee mit der Liquidierung des Falls Kurilow. Das war der Ausdruck, den man damals verwendete ... Dieses Ereignis ist nur auf episodische Weise mit meinem übrigen Leben verbunden gewesen, aber nun, da ich im Begriff bin, meine Autobiographie zu schreiben, drängt es sich meiner Erinnerung auf, es bildet den Anfang meines Revolutionärslebens, obwohl ich später das Lager gewechselt habe. Zwischen jenem Datum und der Machtergreifung liegen vierzehn Jahre, die Hälfte war ich im Gefängnis, die Hälfte in der Verbannung. Dann ist die Oktoberrevolution gekommen (Sturm-und-Drang-Periode ...) und wieder das Exil. Ich habe fünfzig Jahre gelebt, und sie sind schnell verflogen, in dieser Hinsicht kann ich mich über das Schicksal nicht beklagen ... Aber das Ende kommt mir lang vor ... das Ende zieht sich hin. Ich bin 1881 geboren, am 12. März, in einem gottverlassenen kleinen Dorf in Sibirien am Ufer der Lena, von einem Vater und einer Mutter, die beide politische Deportierte waren; ihre damals recht bekannten Namen sind heute vergessen: Victoria Saltykow und der Terrorist M., Maxim Dawidowitsch M. Meinen Vater habe ich kaum gekannt: Zuchthaus, Verbannung tragen nicht gerade zu einem trauten Familienleben bei. Er war ein hochgewachsener Mann mit schmalen, leuchtenden Augen, die von dunklen Lidern überschattet waren, mit großen knochigen Händen und zarten Gelenken ... Er sprach wenig, wenn er lachte, klang es hart und traurig. Als man ihn zum letztenmal verhaftete, war ich noch ein Kind. Er umarmte mich, sah mich mit etwas wie ironischer Verwunderung an, verzog matt ein wenig die Lippen, was als ein Lächeln gelten konnte, ging aus dem Zimmer, kam noch einmal zurück, um seine vergessenen Zigaretten zu holen, und verschwand auf immer aus meinem Leben. Er ist im Gefängnis gestorben, in dem Alter, das ich vor kurzem erreicht habe, in einer Zelle der Peter-Pauls-Festung, die während der Herbstüberschwemmungen der Newa unter Wasser stand. Nach seiner Verhaftung zog ich mit meiner Mutter nach Genf. An sie, die im Frühjahr 1891 gestorben ist, erinnere ich mich besser. Eine feingliedrige, schwächliche Gestalt, helles, glatt anliegendes Haar, ein Kneifer ... Der Typus der Intellektuellen der achtziger Jahre ... Ich erinnere mich noch an sie auf dem Rückweg aus Sibirien, nach ihrer Befreiung. Ich war sechs Jahre alt. Mein Bruder war gerade geboren. Sie hielt ihn in den Armen, aber mit einer erstaunlichen Ungeschicktheit von ihrer Brust weggedreht, als präsentierte sie ihn den Steinen auf dem Weg; schaudernd lauschte sie seinem hungrigen Schreien. Ich sehe wieder, wie ihr, wenn sie ihm die Windeln wechselte, die Hände zitterten und sich in den Tüchern und Sicherheitsnadeln verfingen. Sie hatte schöne, schwache, lange Hände. Mit sechzehn Jahren hatte sie mit einem Pistolenschuß aus nächster Nähe den Hauptmann der Gendarmerie von Wjatka getötet, der vor ihren Augen eine alte Frau, eine politische Gefangene, gequält hatte; er hatte sie gezwungen, krank unter der Sonne Rußlands, die im Hochsommer wie ein tödlicher Keulenschlag ist, zu marschieren. Sie sagte mir das selbst, aber noch bevor ich in dem Alter war, um sie verstehen zu können, als hätte sie es eilig gehabt. Ich erinnere mich an die eigenartigen Empfindungen, mit denen ich diesem Bericht lauschte. Ich erinnere mich an ihre Stimme, die klingend und scharf war, ganz anders als die geduldige, matte Stimme, die ich kannte: »Ich erwartete, hingerichtet zu werden. Ich betrachtete meinen Tod als einen erhabenen Protest gegen eine Welt der Tränen und des Blutes.« Sie hielt einen Augenblick inne, sagte leiser: »Du verstehst doch, Lonja?« Ihr Gesicht und ihre Gebärden blieben unbewegt und ruhig; nur ihre Wangen hatten sich leicht gerötet. Sie wartete meine Antwort nicht ab. Mein Bruder schrie. Sie erhob sich seufzend, nahm ihn auf den Arm, sah ihn einen Augenblick lang an, als sei er ein schweres Paket in ihren Händen, dann überließ sie uns wieder uns selbst, fing wieder an, ihre Briefe zu chiffrieren. In Genf leitete sie eines der Terroristenkomitees, dasselbe, das mich nach ihrem Tod versorgen und aufziehen ließ. Wir lebten von Zuwendungen der Partei und von Englisch- und Italienischstunden, die sie gab; die Winterkleider wurden ins Pfandhaus getragen, wenn der Frühling kam; die Sommerkleider im Herbst ... Nun, das übliche Bild. Sie war sehr groß und mager, mit dreißig verblüht wie eine alte Frau, die gekrümmten Schultern drückten ihre zarte Brust zusammen. Sie hatte Lungentuberkulose, die rechte Lunge war völlig zerstört; aber sie sagte: »Was soll ich mich behandeln lassen, während arme Arbeiterinnen in den Fabriken Blut spucken?« (So drückten sich die Revolutionärinnen ihrer Generation eben aus...) Sie gab uns nicht einmal woandershin: wurden die Kinder der Arbeiterinnen etwa nicht von ihren kranken Müttern angesteckt? Dennoch erinnere ich mich, daß sie uns niemals küßte. Zudem waren wir mürrische und frostige Kinder, ich zumindest ... Hin und wieder nur, wenn sie sehr erschöpft war, streckte sie die Hand aus und fuhr uns einmal durch die Haare, langsam und seufzend. Ihr langes, blasses Gesicht, ihre gelben Zähne, ihre müden Augen, die hinter dem Kneifer zwinkerten, und ihre feinen, ungeschickten Hände, die die Haushaltsgegenstände fallen ließen, die weder nähen noch kochen konnten, aber immerzu schrieben, Briefe chiffrierten, Pässe fälschten ... Ich dachte, ich hätte ihre Züge vergessen (so viele Jahre sind seit damals vergangen), doch nun tauchen sie wieder in meiner Erinnerung auf. Zwei oder drei Nächte jeden Monat fuhr sie mit Packen Broschüren und Sprengstoff über den Genfer See von der Schweiz nach Frankreich hinüber. Sie nahm mich mit, vielleicht um mich an das Leben voller Gefahren zu gewöhnen, das später in einer Art »dynastischer revolutionärer Tradition« das meine werden sollte, oder um wegen meines zarten Alters den Zöllnern Vertrauen einzuflößen, vielleicht auch weil sie mich, da meine beiden Brüder tot waren, nicht allein im Hotel lassen wollte; so wie die bürgerlichen Mütter ihr Kind ins Kino mitnehmen. Ich schlief auf dem Deck ein. Gewöhnlich war es Winter, der See öde und leer, von dichten Nebelschwaden bedeckt, die Nächte waren kalt. In Frankreich ließ mich meine Mutter ein paar Stunden lang bei Bauersleuten, den Baud, die in einem Haus am Seeufer wohnten. Sie hatten sechs oder sieben Kinder; ich erinnere mich an eine Schar kleiner rotbäckiger Bauern, alle prächtig gesund und dumm. Ich trank heißen Kaffee. Ich aß ofenwarmes Brot und Kastanien. Das Haus der Baud mit seinem Herdfeuer, dem duftenden Kaffee, dem Kindergeschrei war in meinen Augen das Paradies auf Erden. Sie hatten eine Terrasse, eine Art riesigen Holzbalkon, der zum See hinunterging und im Winter mit Schnee und knackendem Glatteis bedeckt war ... Ich hatte zwei jüngere Brüder gehabt, die gestorben waren, sie hatten eine Zeitlang wie ich einsam in einem Hotelzimmer gelebt. Sie starben, der eine mit zwei Jahren, der andere mit drei. Ich erinnere mich besonders gut an die Nacht, als der zweite starb. Er war ein hübsches Kind, blond und kräftig. Meine Mutter stand am Fußende seines Bettes, es war ein altes Bett aus schwarzem Holz. Sie hielt eine brennende Kerze in der Hand und blickte auf das sterbende Kind. Ich saß neben ihr auf dem Boden und sah ihr übermüdetes Gesicht, das die Flamme von unten her beleuchtete. Das Kind wurde von ein paar kleinen Zuckungen geschüttelt, drehte mit erstauntem, erschöpftem Ausdruck den Kopf herum und starb. Meine Mutter rührte sich nicht; nur die Hand, die das Licht schützte, zitterte sichtbar. Schließlich bemerkte sie mich, wollte etwas sagen (sicher: »Lonja, der Tod ist ein natürliches Phänomen ...«), aber ihre Lippen verzogen sich schwermütig, und sie blieb stumm. Sie legte das tote Kind auf seinem Kopfkissen zurecht, nahm mich bei der Hand und führte mich zu einer Nachbarin. Ich erinnere mich: die Stille, die Nacht und ihr bleiches Gesicht, ihre weiße Unterjacke und ihre langen, blonden, aufgelösten Haare - all das war wie ein wirrer Traum. Wenig später starb sie selbst. Ich war zehn Jahre alt. Ich hatte von ihr den Keim der Lungentuberkulose geerbt. Das Komitee gab mich in Pension zu Doktor Schwann. Er war naturalisierter Schweizer russischer Herkunft und einer der Leiter der Partei. Er besaß in Monts in der Nähe von Sierre ein Sanatorium mit zwanzig Betten, und dort lebte ich. Monts ist ein finsteres Dorf zwischen Montana und Sierre, von schwarzen Fichten und dunklen Bergen erdrückt, oder vielleicht kam es mir nur so vor ... Ganze Jahre habe ich an einen Liegestuhl gefesselt verbracht, auf einem Balkon, wo ich von der Welt nur die Wipfel der Fichten sah und auf der anderen Seite des Sees einen ähnlichen Glaskäfig wie den unseren, der die Strahlen der untergehenden Sonne zurückwarf. Später konnte ich ausgehen, auf dem einzigen begehbaren Weg ins Dorf hinunter, vorüber an den in Schals gehüllten lungenkranken Damen, und dann wie sie, keuchend und bei jedem Schritt stehenbleibend, wieder hinaufsteigen, wie sie die Fichten an der Straße zählen und voll Haß auf die Gebirgskette blicken, die ringsherum den Horizont abschloß. Auch jetzt, nach so vielen Jahren, sehe ich sie noch, wie ich noch den Geruch des Sanatoriums rieche - Desinfektionsmittel und frischgeputztes Linoleum -, wie ich, im Traum, noch das Sausen des Föhns, des trockenen Herbstwinds, im Wald höre. Ich lernte bei Doktor Schwann Sprachen und die Anfangsgründe der Medizin, für die ich eine besondere Neigung zeigte. Sobald es mir besser ging, beauftragte man mich mit verschiedenen Arbeiten für die Revolutionskomitees der Schweiz und Frankreichs. Allein schon durch meine Geburt gehörte ich der Partei an ... Ich habe im Hinblick auf eine eventuelle Autobiographie mit der Niederschrift dieser Notizen begonnen. Die Zeit zieht sich hin. Man braucht an seinem Lebensende irgendeine Beschäftigung. Aber schon geht es nicht weiter. »Es ist schwierig, die Entwicklung eines Revolutionärs ehrlich und gleichzeitig erbaulich zu beschreiben«, wie der gute Herz sagte, das habe ich nicht vergessen ... Und meine Legende, »die Legende Léon M.«, gehört zu der Ikonographie der Oktoberrevolution, die man besser nicht antasten sollte. Ich bin das Kind von Verbannten und ausschließlich mit revolutionären Reden, Lektüren, Beispielen genährt worden, aber es fehlte mir an Feuer und Kraft. Mit Neid hörte ich meine Genossen, wenn sie in Genf wohnten, von ihrer Jugend sprechen. Ich erinnere mich an einen jungen Mann von dreißig Jahren, der vierzehn terroristische Attentate für sich verbuchen konnte, davon vier gelungene, vier ungeheuer kaltblütig auf offener Straße begangene Morde. Er war blaß, rothaarig, mit weißen, feinen und feuchtkalten Händchen. Er erzählte mir in einer Dezembernacht, als wir nach der Komiteesitzung durch die stillen, vereisten Straßen Genfs gingen, wie er mit sechzehn Jahren von zu Hause ausgerissen und achtzehn Tage in Moskau herumgeirrt war.