
Kopf oder Zahl
Gewinnen oder verspielen wir unsere Zukunft?
Bernhard Von Mutius(Author)
Klett-Cotta (Publisher)
1st Edition
Published in August 2007
Book
Paperback/Softback
157 pages
978-3-608-94453-2 (ISBN)
Description
Eine ebenso kritische wie visionäre Schrift über Deutschland im Wandel. Auf der einen Seite: Zukunftsängste in allen Generationen trotz aller Reformen, anhaltende Bildungskrise, wachsende soziale Spaltung trotz steigender Gewinne und Vertrauensverluste. Es sind die Folgen einer einseitig zahlengetriebenen, ökonomistischen Denkweise, die seit langem anmaßend Einzug gehalten hat. Für jeden ersichtlich greift ein solches Handeln fast überall zu kurz und gefährdet auf Dauer die Wirtschaft selbst.
Auf der anderen Seite: Ansätze, die Mut machen, das Aufbrechen alter Strukturen und das Entstehen einer inneren Reformbewegung von Bürgern, die sich eigenverantwortlich und kreativ für Bildung und Wissenschaft, für innovative soziale und ökologische Projekte und für die Zukunft des Gemeinwesens engagieren.
Wollen wir in der globalen Wissensgesellschaft bestehen, so der Leitgedanke des Autors, brauchen wir eine Neugewichtung unserer intellektuellen, sozialen und kulturellen Ressourcen. Es geht um einen gesellschaftlichen Bewusstseinswandel, den man in der Devise zusammenfassen könnte: 'Besser statt mehr'. Eine Denk-Schrift, die anregt, selbst zu denken und verantwortlich zu handeln.
Auf der anderen Seite: Ansätze, die Mut machen, das Aufbrechen alter Strukturen und das Entstehen einer inneren Reformbewegung von Bürgern, die sich eigenverantwortlich und kreativ für Bildung und Wissenschaft, für innovative soziale und ökologische Projekte und für die Zukunft des Gemeinwesens engagieren.
Wollen wir in der globalen Wissensgesellschaft bestehen, so der Leitgedanke des Autors, brauchen wir eine Neugewichtung unserer intellektuellen, sozialen und kulturellen Ressourcen. Es geht um einen gesellschaftlichen Bewusstseinswandel, den man in der Devise zusammenfassen könnte: 'Besser statt mehr'. Eine Denk-Schrift, die anregt, selbst zu denken und verantwortlich zu handeln.
More details
Edition
1., Aufl.
Language
German
Place of publication
Stuttgart
Germany
Dimensions
Height: 20.6 cm
Width: 12.6 cm
Weight
243 gr
ISBN-13
978-3-608-94453-2 (9783608944532)
Schweitzer Classification
Content
PROLOG: DAS LAND UND DIE IDEEN
Wegweiser: Zur Anlage des Textes
ERSTER TEIL
Rückblicke und erste Eindrücke
Zweifel
Versprechungen und Berechnungen
Vorrang für Arbeit und Bildung?
Kopf oder Zahl?
Schuwalkin
Mach nur einen Plan.
Reformgenerationen
Praktisch denken, keine Zeit verschwenden
Ein Sommermärchen
Entscheidungsfragen
"Where did we go wrong?"
Eine andere Art des Vermögens
Unser Gehirn
China oder Hamlet heute
Aufsteigende oder absteigende Entwicklung
Abstieg - mehr als eine Metapher
Ein seltsamer Lehrmeister
Über Bits und Atome
Keine Bilder der Zukunft
Spaltung oder Gestaltung
Deutsche Reformzeiten (I) - Eine blühende Landschaft
Was uns hindert und abwärts zieht
Eliten-Bildung, anders gewendet
Lernen, nein danke, oder: Je höher man kommt.
Karriere-Legasthenie
Ich bin o.k., die anderen sind das Problem
Große Räder - die Illusionen der Steuermänner
Tunnelblick
Gebeugt vom Profitalismus
Bezüge und Beziehungen
Quotengravitation
Der Antiintellektualismus
Der erstarrte Geist
Ein richtiger Intellektueller interessiert sich nicht für Ökonomie
Wir Grenzamateure
Raus aus dem Schema
Deutsche Reformzeiten (II) - In tiefer Not
INTERMEZZO: UMBRUCHSZEIT
ZWEITER TEIL
Perspektivenwechsel
Ein lautloser Aufbruch
Es geht - auch anders
Die Herausbildung neuer Eliten
Lernende Führung
Wer hat denn für so was heute noch Zeit?.
Wissen und Nichtwissen
Ein anderes Herangehen beim Vorgehen entwickeln
Problemlöser gesucht - mit kultureller Sensibilität
Exzellente Initiativen - nicht nur in den hard sciences
Wissen teilen - ein neues Prinzip
Wert und Werte - eine neue Balance?
Deutsche Reformzeiten (III) - Eine geistige Kraftanstrengung
Mut proben
Rhythm is it!
Warum Musik?
High-Tech, soziale Innovationen und Phantasie
Ideen zur Regeneration von Mensch und Umwelt
Arenen für Kids
Garagen für Gründer
Labore für Seitenwechsler
Partner der Jugend
Dialog der Generationen
Ein programmatischer Dreiklang der Erneuerung
Bürger-Bildungs-Bewegung
Ein neues Zusammenspiel einüben
Gemeinschaftsleistungen gestalten - eine konkrete Vision
Entfesseln und verknüpfen
Anfangen können
DANKSAGUNG
Wegweiser: Zur Anlage des Textes
ERSTER TEIL
Rückblicke und erste Eindrücke
Zweifel
Versprechungen und Berechnungen
Vorrang für Arbeit und Bildung?
Kopf oder Zahl?
Schuwalkin
Mach nur einen Plan.
Reformgenerationen
Praktisch denken, keine Zeit verschwenden
Ein Sommermärchen
Entscheidungsfragen
"Where did we go wrong?"
Eine andere Art des Vermögens
Unser Gehirn
China oder Hamlet heute
Aufsteigende oder absteigende Entwicklung
Abstieg - mehr als eine Metapher
Ein seltsamer Lehrmeister
Über Bits und Atome
Keine Bilder der Zukunft
Spaltung oder Gestaltung
Deutsche Reformzeiten (I) - Eine blühende Landschaft
Was uns hindert und abwärts zieht
Eliten-Bildung, anders gewendet
Lernen, nein danke, oder: Je höher man kommt.
Karriere-Legasthenie
Ich bin o.k., die anderen sind das Problem
Große Räder - die Illusionen der Steuermänner
Tunnelblick
Gebeugt vom Profitalismus
Bezüge und Beziehungen
Quotengravitation
Der Antiintellektualismus
Der erstarrte Geist
Ein richtiger Intellektueller interessiert sich nicht für Ökonomie
Wir Grenzamateure
Raus aus dem Schema
Deutsche Reformzeiten (II) - In tiefer Not
INTERMEZZO: UMBRUCHSZEIT
ZWEITER TEIL
Perspektivenwechsel
Ein lautloser Aufbruch
Es geht - auch anders
Die Herausbildung neuer Eliten
Lernende Führung
Wer hat denn für so was heute noch Zeit?.
Wissen und Nichtwissen
Ein anderes Herangehen beim Vorgehen entwickeln
Problemlöser gesucht - mit kultureller Sensibilität
Exzellente Initiativen - nicht nur in den hard sciences
Wissen teilen - ein neues Prinzip
Wert und Werte - eine neue Balance?
Deutsche Reformzeiten (III) - Eine geistige Kraftanstrengung
Mut proben
Rhythm is it!
Warum Musik?
High-Tech, soziale Innovationen und Phantasie
Ideen zur Regeneration von Mensch und Umwelt
Arenen für Kids
Garagen für Gründer
Labore für Seitenwechsler
Partner der Jugend
Dialog der Generationen
Ein programmatischer Dreiklang der Erneuerung
Bürger-Bildungs-Bewegung
Ein neues Zusammenspiel einüben
Gemeinschaftsleistungen gestalten - eine konkrete Vision
Entfesseln und verknüpfen
Anfangen können
DANKSAGUNG
PROLOG: DAS LAND UND DIE IDEEN
Die Gedanken gelten als schwer in Deutschland. Und von der Theorie sagt man, sie sei grau. Das lernen die Schüler allerorten, sind aber im PISA-Vergleich bislang keine Meister geworden. Wer erinnert sich heute noch daran, dass es die Worte von Mephisto waren, die der Theorie diese Farbe zumaßen: "Grau, teurer Freund, ist alle Theorie", will er dem Schüler weismachen, "und grün des Lebens goldner Baum." Derselbe Mephisto, der den soeben geschlossenen Pakt mit Faust mit den Worten besiegelt: "Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft. so hab ich dich schon unbedingt!. Den schlepp ich durch das wilde Leben, durch flache Unbedeutenheit, er soll mir zappeln, starren, kleben." - Wer weiß noch, dass Aristoteles seine Metaphysik mit den Worten beginnt: "Jeder Mensch strebt von Natur aus nach Wissen"? Und wer bedenkt, dass Aristoteles etwas später den Unterschied zwischen den Menschen und anderen Lebewesen wie folgt beschreibt: Im Unterschied zu anderen Lebewesen "lebt das Menschengeschlecht mit Kunst und Nachdenken"?
Das Land der Ideen wollen wir sein und müssten es sein, wollen wir in dieser Umbruchszeit auf dem schwierigen Weg von der Industriegesellschaft zur so genannten Wissensgesellschaft vorankommen. Doch just in dieser ungemein spannenden geschichtlichen Phase scheint Mephisto einen späten, dafür um so totaleren Triumph über Faust errungen zu haben: An den Dingen klebend, auf den Bildschirm starrend, zappen wir uns durch flache Unbedeutenheiten. Mephisto lacht sich ins Fäustchen. Oder sollte ich mich irren? Und wenn ja: was gibt Anlass zur Hoffnung? Hat sich der Wind gedreht? [.]
Weiter so - oder vielleicht anders?
Ich höre schon die Einwände: Gesellschaftlicher Umbruch, Transformationsperiode, Wissensgesellschaft - das sind doch alles Abstraktionen. Wir müssen Schritt für Schritt vorgehen und uns dabei etwas mehr anstrengen, dann klappt das schon. Sicher, das sind Abstraktionen. Und Schritt für Schritt müssen wir immer gehen - oder ist schon jemals jemand anders gegangen? Die Frage ist nur, ob wir ohne eine gewisse Abstraktion von dem unmittelbar vor uns Liegenden irgendeine Vorstellung entwickeln können, in welche Richtung wir gehen? Man kann auch andere Begriffe wählen. Beispielsweise könnte man statt von der Wissensgesellschaft von der Kreativitätsgesellschaft sprechen, wie ich es einmal vorgeschlagen habe. Aber das ist nicht das Entscheidende. Ich klebe überhaupt nicht an bestimmten Begriffen. Es sind vorläufige, provisorisch aufgestellte Wegweiser in einem noch weithin unerforschten Gelände. Entscheidend ist, dass wir ohne abstrahierende Begriffe, die uns vielleicht eine Orientierung über den Tag hinaus bieten können, an den Dingen kleben. So wie wir sie schon immer vorgefunden haben.
Wenn ich von einer Transformationsperiode spreche, dann ist damit gemeint, dass es sich um einen höchst widersprüchlichen, komplexen und langfristigen Prozess handelt, in dem das Alte und Neue mannigfach miteinander vermischt erscheinen. Und zwar in einer oft undurchschaubaren Weise, sodass man nie sicher sein kann, welche der im Widerstreit liegenden Kräfte augenblicklich die Oberhand haben. So erleben wir ja gerade in diesen Jahren in vielen Gegenden der Welt einen neuen Schub der Industrialisierung, ein neues, vielleicht letztes Aufbäumen der Kräfte des Industriezeitalters, das im weltweiten Kampf um die knapper werdenden fossilen Energien und andere wertvolle materielle Rohstoffe seinen sichtbaren Ausdruck findet.
Aber gerade dieser Kampf deutet darauf hin, dass hier etwas zu Ende geht. Und wir täten gut daran, das,was hier zu Ende geht, baldigst und mit allem Nachdruck durch etwas anderes zu ersetzen: durch erneuerbare Energien und Ressourcen - seien es materielle, die wir in der Natur finden oder in neuer Weise aus der Natur schöpfen müssen, seien es immaterielle, die wir in uns selbst finden oder aus uns selbst schöpfen müssen. Und das eine ist nicht ohne das andere zu haben. Beides sind schöpferische Aufgaben, die untrennbar zusammengehören. Sie erfordern Erfindungsgeist, Know-how, Ideen, technologische und soziale Phantasie.
Nichts anderes beobachten wir ja derzeit in den ökonomischen Wertschöpfungsprozessen, selbst in der klassischen Industrieproduktion. Bestes Beispiel: unser vertrautes Automobil. Es steckt voller Elektronik, und der Anteil der auf Wissen und Ideen basierenden neuen Technologien nimmt von Jahr zu Jahr zu. Es ist schon heute nicht mehr denkbar ohne eine komplexe, manche sagen "intelligente", elektronische Steuerung des Antriebs. Und dieser ist wohl schon bald nicht mehr denkbar ohne alternative Treibstoffe, die mit intelligenten Verfahren produziert wurden.
Man könnte auch sagen: "Intelligente Antriebskräfte" kommen mehr und mehr zum Zuge. Vielleicht wäre das eine passende Metapher, die über den technischen Fortschritt und die Fortbewegung im Straßenverkehr hinausweist: Was tun wir, damit überall in der Gesellschaft intelligentere Antriebskräfte zum Zuge kommen? (Und damit meine ich nicht nur kognitiv, sondern auch emotional und sozial intelligentere Kräfte.) Wie sonst glauben wir, die vielfältigen und komplexer werdenden Aufgaben dieser Transformationsperiode auch nur halbwegs vernünftig meistern zu können?
Damit ist zugleich gesagt, dass wir in dieser Umbruchszeit natürlich mit einer Vielzahl von Brüchen und Veränderungen konfrontiert sind (auf die ich in diesem Buch nur ausschnittweise eingehen konnte) - von der Bildungskrise bis zur Energiekrise, vom demografischen Wandel bis zum Klimawandel, von den sozialen Spaltungstendenzen im Inneren bis zu den kulturellen Konflikten im globalen Maßstab. Das macht die Sache nicht leichter, aber die Sache bleibt die gleiche: Es geht um neue und höhere Anforderungen, die an jeden gestellt werden, der in Politik und Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur verantwortlich tätig ist und mit komplexen Veränderungsprozessen zu tun hat. Es geht darum, ein anderes Herangehen beim Vorgehen zu entwickeln. Das "Weiter so" wird uns nicht weiterbringen, sondern nur weiter herunterziehen. Wir brauchen eine Neugewichtung unserer intellektuellen, sozialen und kulturellen Ressourcen.
Zu viele Antworten, zu wenige Fragen
Nein, ich weiß auch nicht genau, was im Einzelfall fachlich anders zu machen wäre. Und selbst wenn ich es wüsste, würde es wohl nicht viel ändern. Denn nicht der mangelnde Umfang des Wissens, sondern die Art des Umgangs mit Wissen scheint mir das Hauptproblem zu sein, mit dem heute viele zu kämpfen haben, die in Berlin und anderswo in Entscheidungspositionen gelangt sind: Sie wissen auf alles eine Antwort. Daher wähnen sie sich in der Lage, mit ihren Antworten sichere Entscheidungen für andere zu treffen und ihnen von oben Vorschriften zu machen. Von Zeit zu Zeit stellen sie sich dem Gespräch mit den Bürgern, aber sie wissen schon vorher, was beide Seiten zu sagen haben. Es ist wie bei den beliebten Quizsendungen, bei denen der Moderator stets die Lösungen parat hat. Denn diese sind genauso festgelegt wie die Fragen. Der Kandidat hat keine andere Möglichkeit, als sich an das Vorgeschriebene zu halten. Sinnigerweise nennt man dies: Multiple-Choice (meist ist es sogar nur ein Single- Choice). Ich nenne es: unter den Möglichkeiten bleiben, weil nie neue eröffnet werden.
Letzteres würde eine andere Haltung erfordern. Sie kommt in einer Geschichte des Physiknobelpreisträgers Isidor Rabi zum Ausdruck. Er erzählt, seine Mutter habe ihn nach der Schule nie gefragt: "Was hast du heute gelernt?" Sondern sie wollte stets wissen: "Hast du heute eine gute Frage gestellt?" Doch diese Haltung scheint vielen Erwachsenen abhanden gekommen zu sein, seit sie sich im Blitzlichtgewitter des politisch-medialen Komplexes behaupten müssen. Dort wird man frühzeitig trainiert, nur Statements abzugeben, die auf den Fundus des einmal erworbenen Wissens und der kühl gelagerten Meinungen zurückgreifen. Da bleibt man dann besser unter sich. Den Bürger braucht man eigentlich nicht (nur seine Stimmen und Steuern). Wozu auch, wenn man glaubt, selbst alle Probleme für ihn lösen zu können? Oder sollte sich da in der letzten Zeit vielleicht doch etwas geändert haben?
Weder schönreden noch schlechtmachen
Mir ging es bei der Beschreibung unserer widersprüchlichen Lage weniger um die Stimmungslage, um die emotionale Befindlichkeit der Nation. Dazu ist ja in den letzten Jahren genug publiziert worden. Doch je länger man sich mit diesen Seelenbefunden beschäftigt, desto klarer wird, dass sie auf anderes verweisen, das sich einfachen Deutungen entzieht. Das Jahr 2006 war in dieser Hinsicht besonders aufschlussreich. Es war - so haben wir es alle gespürt - offensichtlich ein Wendejahr. Und dies gleich mehrfach. Man könnte von einem Wechselbad der Gefühle sprechen, in das wir gestürzt wurden.
Zu Beginn des Jahres kannte die depressive Stimmung in Deutschland keine untere Grenze. Die Werte auf dem Deutschen Depressionsbarometer von Fritz B. Simon und Wittener Kollegen (depressionsbarometer.de) waren in so tiefe Regionen abgestürzt, dass man sich um den Patienten ernstlich Sorgen machen musste. Aber dann wurde die Stimmung von Tag zu Tag besser und in den Sommerwochen war der "emotionale turnaround", um mit Florian Langenscheidt zu sprechen, nicht mehr zu übersehen. Dieser erhielt in den warmen Wintermonaten noch einen zusätzlichen Schub durch erfreulichere Konjunkturdaten und sich bessernde Zahlen auf dem Arbeitsmarkt.
Das aufgehellte Bild wäre ungetrübt geblieben, hätte uns nicht zur gleichen Zeit die etwas versteckt in den Tageszeitungen platzierte Meldung erreicht, dass nach einer repräsentativen Erhebung die Zukunftsangst der Deutschen nie größer war als im Jahr 2006. So aber muss man wohl der Einschätzung von Roger Boyes, dem Berliner Korrespondenten der Londoner Times, zustimmen, der daselbst zur Jahreswende in einem Bilanz-Artikel über Deutschland und die Deutschen so etwas wie eine "paranoide Schizophrenie" zu bemerken glaubte: Man könne bei ihnen nie sicher sein, ob sie "am nächsten Morgen von Selbstzweifeln zerfressen sind oder vor Stolz platzen, Deutsche zu sein".
Nun verstehe ich mich nicht als Seelendoktor, schon gar nicht der Nation. Aber müsste ich eine Empfehlung aussprechen, würde ich einen Diskurswechsel anregen und vorschlagen, sich gerade nicht weiter unmittelbar mit den rasch wechselnden Stimmungen und extremen Gefühlsschwankungen zu beschäftigen. Schon gar nicht würde ich versuchen, diesen mit einfachen Appellen zu mehr Optimismus beizukommen. Denn diese innere Zerrissenheit scheint mir auf anderes hinzuweisen: auf Ungelöstes und Widersprüchliches in den Arbeits- und Lebensverhältnissen der Menschen.
Ich würde daher zum einen vorschlagen, diese genauer zu analysieren, um herauszufinden, was dazu geführt hat, dass sich der Seelenzustand des Patienten in den letzten Jahren so stark verschlechtert hat, und was ab sofort sorgsam zu vermeiden wäre, damit möglichst kein Rückfall eintritt. Hier ist Angela Merkel zustimmen, die in ihrer Neujahrsansprache 2007 davor warnte, dass die "wirtschaftliche Belebung, wie schon in der Vergangenheit viel zu oft erlebt, wieder nur ein Strohfeuer" sein könnte. Und "dann würde alles nur noch schwieriger werden".
Zum andern würde ich empfehlen, sich künftig stärker auf Ziele und Aufgaben zu konzentrieren, die weniger schwankungsanfällig sind. Auf Vorhaben, die dauerhafter, man könnte auch sagen: langfristiger, angelegt sind und damit vielleicht zum inneren Gleichgewicht des Landes nachhaltig beitragen könnten. Und genau darüber spreche ich in diesem Buch: Über einige Gründe und Hintergründe, die vermutlich zu dem langjährigen seelischen Tief beigetragen haben, und über mögliche Lösungsansätze, die aus dem jetzigen Dilemma herausführen könnten. Dabei liegt die Betonung auf dem Wort "Ansätze", nicht auf "Lösungen". Letztere kann jeder nur für sich selbst finden.
Ausblicke
Dies möchte ich noch hinzufügen. Erstens: Ich bin mir nicht bei all meinen Einschätzungen hundertprozentig sicher. Weder bei den kritischen noch bei den positiven. Es sind Beobachtungen, keine Berechnungen. Ich habe Momente einer widersprüchlichen Entwicklung festgehalten, die möglicherweise inzwischen eine andere Richtung eingeschlagen hat.
Zweitens: Widerspruch ist deshalb willkommen. Auch Zuspruch natürlich. Beides könnte ein Gespräch eröffnen.
Drittens: Zwischen dem ersten und dem zweiten Teil habe ich ein "Intermezzo" eingefügt. Ich empfehle, an dieser Stelle eine Pause einzulegen. Danach beginnt etwas Neues.
Viertens: Es mag sein, dass sich manche Leser von einigen Geschichten des ersten Teils weniger angesprochen fühlen und sich eher in denen des zweiten Teils wiederfinden. Vielleicht weil sie sich sagen: Wir sind doch schon weiter. Wenn dem so wäre, würde ich mich freuen. Je mehr Leser so empfänden, desto größer wäre die Freude. Denn dann könnte man wirklich mit einigem Grund sagen: Es geht doch voran., voran ins Offene. In eine Zukunft, die wir nicht vorhersehen, aber gerade deshalb selbst gestalten können. [.]
Die Gedanken gelten als schwer in Deutschland. Und von der Theorie sagt man, sie sei grau. Das lernen die Schüler allerorten, sind aber im PISA-Vergleich bislang keine Meister geworden. Wer erinnert sich heute noch daran, dass es die Worte von Mephisto waren, die der Theorie diese Farbe zumaßen: "Grau, teurer Freund, ist alle Theorie", will er dem Schüler weismachen, "und grün des Lebens goldner Baum." Derselbe Mephisto, der den soeben geschlossenen Pakt mit Faust mit den Worten besiegelt: "Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft. so hab ich dich schon unbedingt!. Den schlepp ich durch das wilde Leben, durch flache Unbedeutenheit, er soll mir zappeln, starren, kleben." - Wer weiß noch, dass Aristoteles seine Metaphysik mit den Worten beginnt: "Jeder Mensch strebt von Natur aus nach Wissen"? Und wer bedenkt, dass Aristoteles etwas später den Unterschied zwischen den Menschen und anderen Lebewesen wie folgt beschreibt: Im Unterschied zu anderen Lebewesen "lebt das Menschengeschlecht mit Kunst und Nachdenken"?
Das Land der Ideen wollen wir sein und müssten es sein, wollen wir in dieser Umbruchszeit auf dem schwierigen Weg von der Industriegesellschaft zur so genannten Wissensgesellschaft vorankommen. Doch just in dieser ungemein spannenden geschichtlichen Phase scheint Mephisto einen späten, dafür um so totaleren Triumph über Faust errungen zu haben: An den Dingen klebend, auf den Bildschirm starrend, zappen wir uns durch flache Unbedeutenheiten. Mephisto lacht sich ins Fäustchen. Oder sollte ich mich irren? Und wenn ja: was gibt Anlass zur Hoffnung? Hat sich der Wind gedreht? [.]
Weiter so - oder vielleicht anders?
Ich höre schon die Einwände: Gesellschaftlicher Umbruch, Transformationsperiode, Wissensgesellschaft - das sind doch alles Abstraktionen. Wir müssen Schritt für Schritt vorgehen und uns dabei etwas mehr anstrengen, dann klappt das schon. Sicher, das sind Abstraktionen. Und Schritt für Schritt müssen wir immer gehen - oder ist schon jemals jemand anders gegangen? Die Frage ist nur, ob wir ohne eine gewisse Abstraktion von dem unmittelbar vor uns Liegenden irgendeine Vorstellung entwickeln können, in welche Richtung wir gehen? Man kann auch andere Begriffe wählen. Beispielsweise könnte man statt von der Wissensgesellschaft von der Kreativitätsgesellschaft sprechen, wie ich es einmal vorgeschlagen habe. Aber das ist nicht das Entscheidende. Ich klebe überhaupt nicht an bestimmten Begriffen. Es sind vorläufige, provisorisch aufgestellte Wegweiser in einem noch weithin unerforschten Gelände. Entscheidend ist, dass wir ohne abstrahierende Begriffe, die uns vielleicht eine Orientierung über den Tag hinaus bieten können, an den Dingen kleben. So wie wir sie schon immer vorgefunden haben.
Wenn ich von einer Transformationsperiode spreche, dann ist damit gemeint, dass es sich um einen höchst widersprüchlichen, komplexen und langfristigen Prozess handelt, in dem das Alte und Neue mannigfach miteinander vermischt erscheinen. Und zwar in einer oft undurchschaubaren Weise, sodass man nie sicher sein kann, welche der im Widerstreit liegenden Kräfte augenblicklich die Oberhand haben. So erleben wir ja gerade in diesen Jahren in vielen Gegenden der Welt einen neuen Schub der Industrialisierung, ein neues, vielleicht letztes Aufbäumen der Kräfte des Industriezeitalters, das im weltweiten Kampf um die knapper werdenden fossilen Energien und andere wertvolle materielle Rohstoffe seinen sichtbaren Ausdruck findet.
Aber gerade dieser Kampf deutet darauf hin, dass hier etwas zu Ende geht. Und wir täten gut daran, das,was hier zu Ende geht, baldigst und mit allem Nachdruck durch etwas anderes zu ersetzen: durch erneuerbare Energien und Ressourcen - seien es materielle, die wir in der Natur finden oder in neuer Weise aus der Natur schöpfen müssen, seien es immaterielle, die wir in uns selbst finden oder aus uns selbst schöpfen müssen. Und das eine ist nicht ohne das andere zu haben. Beides sind schöpferische Aufgaben, die untrennbar zusammengehören. Sie erfordern Erfindungsgeist, Know-how, Ideen, technologische und soziale Phantasie.
Nichts anderes beobachten wir ja derzeit in den ökonomischen Wertschöpfungsprozessen, selbst in der klassischen Industrieproduktion. Bestes Beispiel: unser vertrautes Automobil. Es steckt voller Elektronik, und der Anteil der auf Wissen und Ideen basierenden neuen Technologien nimmt von Jahr zu Jahr zu. Es ist schon heute nicht mehr denkbar ohne eine komplexe, manche sagen "intelligente", elektronische Steuerung des Antriebs. Und dieser ist wohl schon bald nicht mehr denkbar ohne alternative Treibstoffe, die mit intelligenten Verfahren produziert wurden.
Man könnte auch sagen: "Intelligente Antriebskräfte" kommen mehr und mehr zum Zuge. Vielleicht wäre das eine passende Metapher, die über den technischen Fortschritt und die Fortbewegung im Straßenverkehr hinausweist: Was tun wir, damit überall in der Gesellschaft intelligentere Antriebskräfte zum Zuge kommen? (Und damit meine ich nicht nur kognitiv, sondern auch emotional und sozial intelligentere Kräfte.) Wie sonst glauben wir, die vielfältigen und komplexer werdenden Aufgaben dieser Transformationsperiode auch nur halbwegs vernünftig meistern zu können?
Damit ist zugleich gesagt, dass wir in dieser Umbruchszeit natürlich mit einer Vielzahl von Brüchen und Veränderungen konfrontiert sind (auf die ich in diesem Buch nur ausschnittweise eingehen konnte) - von der Bildungskrise bis zur Energiekrise, vom demografischen Wandel bis zum Klimawandel, von den sozialen Spaltungstendenzen im Inneren bis zu den kulturellen Konflikten im globalen Maßstab. Das macht die Sache nicht leichter, aber die Sache bleibt die gleiche: Es geht um neue und höhere Anforderungen, die an jeden gestellt werden, der in Politik und Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur verantwortlich tätig ist und mit komplexen Veränderungsprozessen zu tun hat. Es geht darum, ein anderes Herangehen beim Vorgehen zu entwickeln. Das "Weiter so" wird uns nicht weiterbringen, sondern nur weiter herunterziehen. Wir brauchen eine Neugewichtung unserer intellektuellen, sozialen und kulturellen Ressourcen.
Zu viele Antworten, zu wenige Fragen
Nein, ich weiß auch nicht genau, was im Einzelfall fachlich anders zu machen wäre. Und selbst wenn ich es wüsste, würde es wohl nicht viel ändern. Denn nicht der mangelnde Umfang des Wissens, sondern die Art des Umgangs mit Wissen scheint mir das Hauptproblem zu sein, mit dem heute viele zu kämpfen haben, die in Berlin und anderswo in Entscheidungspositionen gelangt sind: Sie wissen auf alles eine Antwort. Daher wähnen sie sich in der Lage, mit ihren Antworten sichere Entscheidungen für andere zu treffen und ihnen von oben Vorschriften zu machen. Von Zeit zu Zeit stellen sie sich dem Gespräch mit den Bürgern, aber sie wissen schon vorher, was beide Seiten zu sagen haben. Es ist wie bei den beliebten Quizsendungen, bei denen der Moderator stets die Lösungen parat hat. Denn diese sind genauso festgelegt wie die Fragen. Der Kandidat hat keine andere Möglichkeit, als sich an das Vorgeschriebene zu halten. Sinnigerweise nennt man dies: Multiple-Choice (meist ist es sogar nur ein Single- Choice). Ich nenne es: unter den Möglichkeiten bleiben, weil nie neue eröffnet werden.
Letzteres würde eine andere Haltung erfordern. Sie kommt in einer Geschichte des Physiknobelpreisträgers Isidor Rabi zum Ausdruck. Er erzählt, seine Mutter habe ihn nach der Schule nie gefragt: "Was hast du heute gelernt?" Sondern sie wollte stets wissen: "Hast du heute eine gute Frage gestellt?" Doch diese Haltung scheint vielen Erwachsenen abhanden gekommen zu sein, seit sie sich im Blitzlichtgewitter des politisch-medialen Komplexes behaupten müssen. Dort wird man frühzeitig trainiert, nur Statements abzugeben, die auf den Fundus des einmal erworbenen Wissens und der kühl gelagerten Meinungen zurückgreifen. Da bleibt man dann besser unter sich. Den Bürger braucht man eigentlich nicht (nur seine Stimmen und Steuern). Wozu auch, wenn man glaubt, selbst alle Probleme für ihn lösen zu können? Oder sollte sich da in der letzten Zeit vielleicht doch etwas geändert haben?
Weder schönreden noch schlechtmachen
Mir ging es bei der Beschreibung unserer widersprüchlichen Lage weniger um die Stimmungslage, um die emotionale Befindlichkeit der Nation. Dazu ist ja in den letzten Jahren genug publiziert worden. Doch je länger man sich mit diesen Seelenbefunden beschäftigt, desto klarer wird, dass sie auf anderes verweisen, das sich einfachen Deutungen entzieht. Das Jahr 2006 war in dieser Hinsicht besonders aufschlussreich. Es war - so haben wir es alle gespürt - offensichtlich ein Wendejahr. Und dies gleich mehrfach. Man könnte von einem Wechselbad der Gefühle sprechen, in das wir gestürzt wurden.
Zu Beginn des Jahres kannte die depressive Stimmung in Deutschland keine untere Grenze. Die Werte auf dem Deutschen Depressionsbarometer von Fritz B. Simon und Wittener Kollegen (depressionsbarometer.de) waren in so tiefe Regionen abgestürzt, dass man sich um den Patienten ernstlich Sorgen machen musste. Aber dann wurde die Stimmung von Tag zu Tag besser und in den Sommerwochen war der "emotionale turnaround", um mit Florian Langenscheidt zu sprechen, nicht mehr zu übersehen. Dieser erhielt in den warmen Wintermonaten noch einen zusätzlichen Schub durch erfreulichere Konjunkturdaten und sich bessernde Zahlen auf dem Arbeitsmarkt.
Das aufgehellte Bild wäre ungetrübt geblieben, hätte uns nicht zur gleichen Zeit die etwas versteckt in den Tageszeitungen platzierte Meldung erreicht, dass nach einer repräsentativen Erhebung die Zukunftsangst der Deutschen nie größer war als im Jahr 2006. So aber muss man wohl der Einschätzung von Roger Boyes, dem Berliner Korrespondenten der Londoner Times, zustimmen, der daselbst zur Jahreswende in einem Bilanz-Artikel über Deutschland und die Deutschen so etwas wie eine "paranoide Schizophrenie" zu bemerken glaubte: Man könne bei ihnen nie sicher sein, ob sie "am nächsten Morgen von Selbstzweifeln zerfressen sind oder vor Stolz platzen, Deutsche zu sein".
Nun verstehe ich mich nicht als Seelendoktor, schon gar nicht der Nation. Aber müsste ich eine Empfehlung aussprechen, würde ich einen Diskurswechsel anregen und vorschlagen, sich gerade nicht weiter unmittelbar mit den rasch wechselnden Stimmungen und extremen Gefühlsschwankungen zu beschäftigen. Schon gar nicht würde ich versuchen, diesen mit einfachen Appellen zu mehr Optimismus beizukommen. Denn diese innere Zerrissenheit scheint mir auf anderes hinzuweisen: auf Ungelöstes und Widersprüchliches in den Arbeits- und Lebensverhältnissen der Menschen.
Ich würde daher zum einen vorschlagen, diese genauer zu analysieren, um herauszufinden, was dazu geführt hat, dass sich der Seelenzustand des Patienten in den letzten Jahren so stark verschlechtert hat, und was ab sofort sorgsam zu vermeiden wäre, damit möglichst kein Rückfall eintritt. Hier ist Angela Merkel zustimmen, die in ihrer Neujahrsansprache 2007 davor warnte, dass die "wirtschaftliche Belebung, wie schon in der Vergangenheit viel zu oft erlebt, wieder nur ein Strohfeuer" sein könnte. Und "dann würde alles nur noch schwieriger werden".
Zum andern würde ich empfehlen, sich künftig stärker auf Ziele und Aufgaben zu konzentrieren, die weniger schwankungsanfällig sind. Auf Vorhaben, die dauerhafter, man könnte auch sagen: langfristiger, angelegt sind und damit vielleicht zum inneren Gleichgewicht des Landes nachhaltig beitragen könnten. Und genau darüber spreche ich in diesem Buch: Über einige Gründe und Hintergründe, die vermutlich zu dem langjährigen seelischen Tief beigetragen haben, und über mögliche Lösungsansätze, die aus dem jetzigen Dilemma herausführen könnten. Dabei liegt die Betonung auf dem Wort "Ansätze", nicht auf "Lösungen". Letztere kann jeder nur für sich selbst finden.
Ausblicke
Dies möchte ich noch hinzufügen. Erstens: Ich bin mir nicht bei all meinen Einschätzungen hundertprozentig sicher. Weder bei den kritischen noch bei den positiven. Es sind Beobachtungen, keine Berechnungen. Ich habe Momente einer widersprüchlichen Entwicklung festgehalten, die möglicherweise inzwischen eine andere Richtung eingeschlagen hat.
Zweitens: Widerspruch ist deshalb willkommen. Auch Zuspruch natürlich. Beides könnte ein Gespräch eröffnen.
Drittens: Zwischen dem ersten und dem zweiten Teil habe ich ein "Intermezzo" eingefügt. Ich empfehle, an dieser Stelle eine Pause einzulegen. Danach beginnt etwas Neues.
Viertens: Es mag sein, dass sich manche Leser von einigen Geschichten des ersten Teils weniger angesprochen fühlen und sich eher in denen des zweiten Teils wiederfinden. Vielleicht weil sie sich sagen: Wir sind doch schon weiter. Wenn dem so wäre, würde ich mich freuen. Je mehr Leser so empfänden, desto größer wäre die Freude. Denn dann könnte man wirklich mit einigem Grund sagen: Es geht doch voran., voran ins Offene. In eine Zukunft, die wir nicht vorhersehen, aber gerade deshalb selbst gestalten können. [.]