
Lüge!
Vom Wert der Unwahrheit
John J. Mearsheimer(Author)
Campus (Publisher)
1st Edition
Published on 8. August 2011
Book
Hardback
148 pages
978-3-593-39469-5 (ISBN)
Description
»Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat.« - Wie der Skandal um den ehemaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg wieder einmal gezeigt hat: Die Lüge gilt bei Politikern als Berufskrankheit. Doch werden wir wirklich ständig hinters Licht geführt? Und - so fragt der renommierte Politologe John J. Mearsheimer in seinem provokanten neuen Buch - geschieht das stets zu unserem Nachteil? Mearsheimer wägt ab zwischen dem Wert der Unwahrheit und ihren Gefahren. Seine Darstellung besticht durch einen klaren, illusionslosen Blick auf die Lüge als Werkzeug des politischen Geschäfts. Mearsheimer wartet mit einer Typologie der politischen Lüge auf und belegt sie mit bekannten Beispielen aus dem politischen Alltag der Gegenwart. Dieser neue Blick, der die Lüge nicht als moralisches Problembetrachtet, führt zu einem verblüffenden Ergebnis: Die Lüge muss nichts schlechtes sein - und sie ist weit seltener, als wir denken.
More details
Product info
LEINEN
Edition
1. Auflage 2011
Language
German
Place of publication
Frankfurt am Main
Germany
Product notice
Cloth
Dimensions
Height: 186 mm
Width: 110 mm
ISBN-13
978-3-593-39469-5 (9783593394695)
Schweitzer Classification
Persons
John J. Mearsheimer, geb. 1947, ist Politikwissenschaftler an der University of Chicago. In der Fachwelt genießt er hohes Ansehen als Experte für internationale Beziehungen in der Tradition despolitischen Realismus. 2007 erschien das zusammen mit Stephen Walt verfasste Buch »Die Israel-Lobby«. Es wurde ein internationaler Bestseller und in 17 Sprachen übersetzt.
Content
Inhalt
Einleitung 7
1Was ist Lügen? 21
2Das Inventar der internationalen Lüge 28
3Lügen zwischen Staaten 33
4Angstmache 58
5Strategische Vertuschungen 80
6Nationalistische Mythen 90
7Völkerrechtslügen 97
8Die Nachteile internationaler Lügen 104
9Schluss 123
Nachwort 128
Anmerkungen 134
Einleitung 7
1Was ist Lügen? 21
2Das Inventar der internationalen Lüge 28
3Lügen zwischen Staaten 33
4Angstmache 58
5Strategische Vertuschungen 80
6Nationalistische Mythen 90
7Völkerrechtslügen 97
8Die Nachteile internationaler Lügen 104
9Schluss 123
Nachwort 128
Anmerkungen 134
Einleitung
Die wichtigsten Mitglieder der Regierung Bush, die vor dem 19. März 2003 vehement auf eine Invasion des Irak drängten, gaben sich sicher, dass Saddam Hussein über Massenvernichtungswaffen verfügte. Ihre Überzeugung, so behaupteten sie, fuße auf harten Beweisen. Kriegsbefürworter außerhalb der Regierung wiederholten diese Behauptung häufig. So entstand ein Chor der Falken, der viele Amerikaner überzeugte, es sei unerlässlich, den Irak zu entwaffnen und Saddam zu beseitigen. Aus dieser Perspektive war der Waffengang im Irak kein selbstgewählter, sondern ein notwendiger Krieg. Jeder, der an dieser Überzeugung rüttelte, konnte fast sicher damit rechnen, als Beschwichtiger, Narr oder sogar als unpatriotisch angeprangert zu werden. Als im Irak keine Massenvernichtungswaffen gefunden wurden, mussten die Anhänger der Kriegspartei erklären, warum sie sich so vollständig geirrt hatten. Wie war es möglich, dass so viele, die sich über Saddams Waffenarsenale so sicher gewesen waren, derart falsch gelegen hatten?
Nach einer Erklärung ist der Grund für diesen schweren Fehler unmittelbar bei Saddam Hussein zu suchen, weil dieser uns so glaubwürdig belog, über Massenvernichtungswaffen zu verfügen. Danach soll Saddam die Sorge umgetrieben haben, der Iran - vielleicht sogar die USA - könnte den Irak, der durch die vernichtende Niederlage im Ersten Golfkrieg von 1991 und durch das dem Land in der Folge auferlegte Regime der Sanktionen und Inspektionen stark geschwächt war, überfallen. Zur Abschreckung vor einem Angriff, so lautet die Geschichte, habe Saddam falsche Informationen gestreut, die Teheran und Washington glauben machen sollten, er habe Massenvernichtungswaffen, die er im Kriegsfall einsetzen würde. Dies sei ihm umso leichter gefallen, als die Vereinten Nationen nicht mit einem hohen Maß an Sicherheit feststellen konnten, dass er keine Massenvernichtungswaffen mehr besaß, wenngleich sie keine harten Beweise für das Gegenteil hatten.
Dieser Argumentation folgte der sogenannte Duelfer-Bericht, der im September 2004 von der Iraq Survey Group vorgelegt wurde, ein internationales Team von über 1400 Mitarbeitern mit der Aufgabe, die Massenvernichtungswaffen des Irak und die Infrastruktur zu ihrem Bau ausfindig zu machen. Geführt wurde die Gruppe vom ehemaligen UN-Waffeninspekteur Charles A. Duelfer. Im Anschluss an die Aufzählung der verschiedenen Bedrohungen, denen sich der Irak gegenübersah, erläutert der Bericht: "Um diesen Bedrohungen zu begegnen, beharrte Saddam öffentlich darauf, Massenvernichtungswaffen zu besitzen." Der Bericht fährt fort: "Es scheint zwar, dass der Irak bis Mitte der 90er Jahre praktisch keine Vorräte an Massenvernichtungswaffen von militärischer Bedeutung mehr besaß; da es Saddam jedoch für erforderlich hielt, die Fähigkeit zum Einsatz solcher Waffen vorzuspiegeln, war es zu gefährlich, dies der internationalen Gemeinschaft, und insbesondere dem Iran, zu offenbaren." George Tenet bringt in seinen Memoiren dasselbe Argument. "Wir hatten keinerlei Erfahrung mit einem Land, das keine solchen Waffen hatte, aber so tat, als besäße es sie", schreibt er in At the Center of the Storm. "Vor dem Krieg verstanden wir nicht, dass er bluffte."
Trotz dieser Behauptungen kamen keinerlei Belege ans Licht, dass Saddam die Welt davon zu überzeugen suchte, im Besitz von Massenvernichtungswaffen zu sein. Der Duelfer-Bericht zum Beispiel lieferte keine Beweise dafür, dass der irakische Diktator bluffte. Es bleibt eine bloße Behauptung. In Wirklichkeit nährt der Bericht selbst Zweifel daran, denn er merkt an, dass "Saddam nie darüber sprach, Täuschung als Mittel der Politik einzusetzen", und einer von Saddams zuverlässigsten Unterhändlern erklärte, dieser habe "nicht offenbart, die Welt über das Vorhandensein von Massenvernichtungswaffen zu täuschen". Tatsächlich versicherte er bei einer Reihe von Gelegenheiten, dass er keine Massenvernichtungswaffen besitze und die Wahrheit sage.
Die wichtigsten Mitglieder der Regierung Bush, die vor dem 19. März 2003 vehement auf eine Invasion des Irak drängten, gaben sich sicher, dass Saddam Hussein über Massenvernichtungswaffen verfügte. Ihre Überzeugung, so behaupteten sie, fuße auf harten Beweisen. Kriegsbefürworter außerhalb der Regierung wiederholten diese Behauptung häufig. So entstand ein Chor der Falken, der viele Amerikaner überzeugte, es sei unerlässlich, den Irak zu entwaffnen und Saddam zu beseitigen. Aus dieser Perspektive war der Waffengang im Irak kein selbstgewählter, sondern ein notwendiger Krieg. Jeder, der an dieser Überzeugung rüttelte, konnte fast sicher damit rechnen, als Beschwichtiger, Narr oder sogar als unpatriotisch angeprangert zu werden. Als im Irak keine Massenvernichtungswaffen gefunden wurden, mussten die Anhänger der Kriegspartei erklären, warum sie sich so vollständig geirrt hatten. Wie war es möglich, dass so viele, die sich über Saddams Waffenarsenale so sicher gewesen waren, derart falsch gelegen hatten?
Nach einer Erklärung ist der Grund für diesen schweren Fehler unmittelbar bei Saddam Hussein zu suchen, weil dieser uns so glaubwürdig belog, über Massenvernichtungswaffen zu verfügen. Danach soll Saddam die Sorge umgetrieben haben, der Iran - vielleicht sogar die USA - könnte den Irak, der durch die vernichtende Niederlage im Ersten Golfkrieg von 1991 und durch das dem Land in der Folge auferlegte Regime der Sanktionen und Inspektionen stark geschwächt war, überfallen. Zur Abschreckung vor einem Angriff, so lautet die Geschichte, habe Saddam falsche Informationen gestreut, die Teheran und Washington glauben machen sollten, er habe Massenvernichtungswaffen, die er im Kriegsfall einsetzen würde. Dies sei ihm umso leichter gefallen, als die Vereinten Nationen nicht mit einem hohen Maß an Sicherheit feststellen konnten, dass er keine Massenvernichtungswaffen mehr besaß, wenngleich sie keine harten Beweise für das Gegenteil hatten.
Dieser Argumentation folgte der sogenannte Duelfer-Bericht, der im September 2004 von der Iraq Survey Group vorgelegt wurde, ein internationales Team von über 1400 Mitarbeitern mit der Aufgabe, die Massenvernichtungswaffen des Irak und die Infrastruktur zu ihrem Bau ausfindig zu machen. Geführt wurde die Gruppe vom ehemaligen UN-Waffeninspekteur Charles A. Duelfer. Im Anschluss an die Aufzählung der verschiedenen Bedrohungen, denen sich der Irak gegenübersah, erläutert der Bericht: "Um diesen Bedrohungen zu begegnen, beharrte Saddam öffentlich darauf, Massenvernichtungswaffen zu besitzen." Der Bericht fährt fort: "Es scheint zwar, dass der Irak bis Mitte der 90er Jahre praktisch keine Vorräte an Massenvernichtungswaffen von militärischer Bedeutung mehr besaß; da es Saddam jedoch für erforderlich hielt, die Fähigkeit zum Einsatz solcher Waffen vorzuspiegeln, war es zu gefährlich, dies der internationalen Gemeinschaft, und insbesondere dem Iran, zu offenbaren." George Tenet bringt in seinen Memoiren dasselbe Argument. "Wir hatten keinerlei Erfahrung mit einem Land, das keine solchen Waffen hatte, aber so tat, als besäße es sie", schreibt er in At the Center of the Storm. "Vor dem Krieg verstanden wir nicht, dass er bluffte."
Trotz dieser Behauptungen kamen keinerlei Belege ans Licht, dass Saddam die Welt davon zu überzeugen suchte, im Besitz von Massenvernichtungswaffen zu sein. Der Duelfer-Bericht zum Beispiel lieferte keine Beweise dafür, dass der irakische Diktator bluffte. Es bleibt eine bloße Behauptung. In Wirklichkeit nährt der Bericht selbst Zweifel daran, denn er merkt an, dass "Saddam nie darüber sprach, Täuschung als Mittel der Politik einzusetzen", und einer von Saddams zuverlässigsten Unterhändlern erklärte, dieser habe "nicht offenbart, die Welt über das Vorhandensein von Massenvernichtungswaffen zu täuschen". Tatsächlich versicherte er bei einer Reihe von Gelegenheiten, dass er keine Massenvernichtungswaffen besitze und die Wahrheit sage.