Wettlauf um die Moderne
Die USA und Deutschland - 1890 bis heute
Pantheon (Publisher)
Published on 16. June 2008
Book
Hardback
480 pages
978-3-570-55069-4 (ISBN)
Description
Deutschland und Amerika im 20. Jahrhundert
Am Ende des 19. Jahrhunderts nahmen die jungen Nationen Deutschland und die USA eine ganz besondere Stellung ein: Beide strebten nach Weltgeltung - noch war unklar, ob das kommende Jahrhundert ein amerikanisches oder ein deutsches werden würde. Das Buch vergleicht die Entwicklung der USA und Deutschlands von 1890 bis heute und erfasst damit die zentralen Aspekte in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur, die die beiden Nationen zu dem gemacht haben, was sie heute sind.
Deutschland und die USA verkörperten um die Wende zum 20. Jahrhundert die modernsten Nationen der Welt. Beide waren in der Folge von Kriegen neu begründet worden. Beide entwickelten imperiale Ambitionen. Beide erfuhren einen enormen ökonomischen Aufschwung und avancierten zu reichen Industrieländern. Fortschrittshoffnung und Technikgläubigkeit, aber auch nationaler Größenwahn wirkten als Triebfeder für zwei Gesellschaften, die sich zunehmend von traditionellen Werten verabschiedeten und sich auf je eigene Weise als modern definierten.
Zum ersten Mal haben sich Deutschland- und Amerikaexperten für dieses Buch zusammengetan, um die gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungslinien beider Länder über einen großen Zeitraum vergleichend in den Blick zu nehmen. Dabei wird nicht nur deutlich, wo die im Kalten Krieg so oft beschworenen 'gemeinsamen transatlantischen Werte' ihren Ursprung haben. Vielmehr zeigt sich auch, warum Deutsche und Amerikaner nach dem 11. September 2001 getrennte Wege gegangen sind.
* Erste systematische und umfassende Gegenüberstellung der beiden Nationalgeschichten USA und Deutschland
* Mit Essays von Michael Geyer, Konrad Jarausch, Paul Nolte, Philipp Gassert u. a.
Am Ende des 19. Jahrhunderts nahmen die jungen Nationen Deutschland und die USA eine ganz besondere Stellung ein: Beide strebten nach Weltgeltung - noch war unklar, ob das kommende Jahrhundert ein amerikanisches oder ein deutsches werden würde. Das Buch vergleicht die Entwicklung der USA und Deutschlands von 1890 bis heute und erfasst damit die zentralen Aspekte in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur, die die beiden Nationen zu dem gemacht haben, was sie heute sind.
Deutschland und die USA verkörperten um die Wende zum 20. Jahrhundert die modernsten Nationen der Welt. Beide waren in der Folge von Kriegen neu begründet worden. Beide entwickelten imperiale Ambitionen. Beide erfuhren einen enormen ökonomischen Aufschwung und avancierten zu reichen Industrieländern. Fortschrittshoffnung und Technikgläubigkeit, aber auch nationaler Größenwahn wirkten als Triebfeder für zwei Gesellschaften, die sich zunehmend von traditionellen Werten verabschiedeten und sich auf je eigene Weise als modern definierten.
Zum ersten Mal haben sich Deutschland- und Amerikaexperten für dieses Buch zusammengetan, um die gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungslinien beider Länder über einen großen Zeitraum vergleichend in den Blick zu nehmen. Dabei wird nicht nur deutlich, wo die im Kalten Krieg so oft beschworenen 'gemeinsamen transatlantischen Werte' ihren Ursprung haben. Vielmehr zeigt sich auch, warum Deutsche und Amerikaner nach dem 11. September 2001 getrennte Wege gegangen sind.
* Erste systematische und umfassende Gegenüberstellung der beiden Nationalgeschichten USA und Deutschland
* Mit Essays von Michael Geyer, Konrad Jarausch, Paul Nolte, Philipp Gassert u. a.
Reviews / Votes
'Das in der Aufsatzsammlung angewandte Konzept der historischen Komparatistik ist ein gelungenes Beispiel, Experten aus zwei Ländern über deren historische Beziehungen reflektieren zu lassen.'More details
Language
German
Product notice
With flaps
Illustrations
30
30 s/w Abbildungen
Dimensions
Height: 21.5 cm
Width: 13.5 cm
ISBN-13
978-3-570-55069-4 (9783570550694)
Schweitzer Classification
Persons
Christof Mauch, geboren 1960, war Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Washington. Seit 2007 lehrt er als Professor für Amerikanische Geschichte und transatlantische Beziehungen am Amerika-Institut der Ludwig- Maximilians-Universität München.
Content
'Nordamerika ist eine niederdeutsche Siedelung nach Westen, Preußen eine solche nach Osten hin', erklärte der deutsch-amerikanische Schriftsteller August Julius Langbehn im Jahr 1890. 'Rastloser Geschäftsgeist' charakterisiere 'den Anwohner der Spree wie den des Hudson'. In Deutschland wie in Amerika zeige 'sich ein Hasten und Jagen nach mannigfachen Bildungsergebnissen', selbst die deutsche Hauptstadt sei 'nordamerikanisch', nämlich darin, 'dass ein bedeutender Bruchteil seiner Einwohnerschaft stets aus Zugewanderten bestehe'. Mit einer im Nachhinein erstaunlich erscheinenden Selbstverständlichkeit verglichen sich Deutsche und Amerikaner um die Wende zum 20. Jahrhundert miteinander, beäugten und behorchten sich gegenseitig. Als Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1902 seinen Bruder Heinrich nach Amerika schickte, rief er ihm zu: 'Halte die Ohren offen, aber den Mund geschlossen.' Dass sich mit dem Deutschen Reich und den Vereinigten Staaten zwei selbstbewusste Nationen gegenüberstanden, deren Bevölkerungen sich mitunter auch misstrauisch miteinander maßen, war für die Zeitgenossen evident. Der deutsch-amerikanische Psychologe Hugo Münsterberg brachte die gegenseitige Wahrnehmung nicht ohne humorvolle Übertreibung auf den Punkt, als er zu Anfang des neuen Jahrhunderts schrieb: 'Dem Amerikaner war der Deutsche ein schlecht angezogener, unsauberer, manierloser Philister, ein schwerfälliger und engherziger Pedant, der Freude nur an Pfeife, Bier und Skat hat, Parademarsch übt und im Bureaukratismus verknöchert, um des Geldes wegen heiratet, die Frauen als Dienstmagd oder als Spielzeug mißbraucht, nach oben servil, nach unten brutal ist, den Schutzmann fürchtet, mit seinem Nächsten im Zank lebt und jeden Fortschritt haßt. Dem Deutschen aber war der Yankee ein flegelhafter Geselle, der im öffentlichen Leben die Korruption, im wirtschaftlichen Leben jeden Schwindel gutheißt, dem Dollar und der Sensation nachjagt, ein Barbar in Wissenschaft und Kunst, ein bigotter Heuchler, der Tabak kaut und sein Hauptvergnügen an Lynchgerichten findet.'
Trotz der kulturellen Unterschiede glaubten Deutsche und Amerikaner zu Beginn des 20. Jahrhunderts an eine gemeinsame Zukunft - in Wissenschaft und Wirtschaft, aber auch in der Politik. 1905 lobte der deutsche Reichskanzler Bernhard Fürst von Bülow seinen amerikanischen Amtskollegen Präsident Roosevelt, weil dieser erkannt habe, 'wie sehr Deutschland und Amerika sich in Zukunft werden nützen können'. Dass es eines Tages einen 'transozeanischen Krieg gegen Amerika geben würde', hielt der deutsche Kanzler für absolut 'unsinnig'.
Und in der Tat: Das Deutsche Reich und die Vereinigten Staaten starteten unter ähnlichen Voraussetzungen in das neue Jahrhundert: als prominente politische und wirtschaftliche 'Player'. Diesseits wie jenseits des Atlantiks prägten Aufbruchstimmung und Optimismus das Bild. Ganz allgemein stechen dem, der sich in die damalige Perspektive zurückzuversetzen versucht, die frappanten Ähnlichkeiten zwischen den beiden Gesellschaften ins Auge: Sowohl Deutschland als auch Amerika profitierten von einem enormen ökonomischen Aufschwung und entwickelten sich zu reichen Industrienationen. Hier wie dort trieb die zweite Welle der Industrialisierung den Prozess an. Nicht die Textilindustrie wie im Pionierland England, sondern die Schwerindustrie und diverse neuere Industriezweige katapultierten Deutschland und Amerika um 1900 in globale Führungspositionen. Das Deutsche Reich nahm eine Spitzenstellung in den neuen Industrien ein, insbesondere im Chemie- und Elektrosektor. Die USA dagegen waren um die Jahrhundertwende der größte Stahlerzeuger, nachdem sie innerhalb von 15 Jahren - zwischen 1877 und 1892 - ihre Produktion in dem Bereich verdreifacht hatten.
Deutsche Erfinder brachten der Welt den Verbrennungsmotor, das Fahrrad und das Automobil. Die Amerikaner konnten sich damit brüsten, die Nähmaschine, die Glühbirne und die Schreibmaschine erfunden zu haben. Nirgendwo sonst gab es so viele Patente und Erfindungen wie in Deutschland und den USA. Nirgendwo sonst wuchs die Wirtschaft so schnell wie in den beiden 'verspäteten Nationen'. In den 1860er Jahren hatte Großbritannien noch unumstritten den ersten Platz bei der globalen Industriegüterproduktion für sich reklamieren können. Bereits um 1900 produzierte das Reich nicht weniger als ein Viertel der europäischen Industriegüter, und im Jahr 1913 rangierten die USA und Deutschland diesbezüglich auf den ersten beiden Plätzen, deutlich vor Großbritannien. Selbst im Welthandel, in dem das weltumspannende britische Empire im 19. Jahrhundert eine exklusive Spitzenposition aufgebaut hatte, kamen das Deutsche Reich und die USA vor dem Ersten Weltkrieg dicht an Großbritannien heran. Im ökonomischen Bereich wurde die Moderne zur Jahrhundertwende zunehmend mit Industrie und dem Aufbau globaler Märkte gleichgesetzt - und die USA und Deutschland gaben maßgeblich den Takt vor.
Diesen Aufschwung spiegelten nicht zuletzt die rasant ansteigenden Bevölkerungszahlen wider. 1860 umfasste die US-amerikanische Bevölkerung 31 Millionen Menschen, 1890 waren es bereits 63 Millionen. Das Deutsche Reich zählte im selben Jahr immerhin 50 Millionen Einwohner und damit weitaus mehr als alle anderen 'großen' Staaten Westeuropas - Frankreich lag bei etwa 38, England und Italien bei jeweils 30, Spanien bei knapp 18 Millionen. Hinzu kam, dass jene Amerikaemigration, die zwischen 1820 und 1890 rund 7,1 Millionen Menschen aus Deutschland in die Vereinigten Staaten gebracht hatte, um 1900 deutlich abflachte. Bald sollten es jährlich nur noch einige zehntausend Menschen sein, die den Weg über den Atlantik antraten, und auch diese ausgeglichenere Bevölkerungsbilanz machte die beiden Gesellschaften einander ähnlicher.
Eng mit der Demographie verknüpft war die Urbanisierung beider Nationen. Nirgendwo sonst expandierten die Städte so schnell wie in den USA und Deutschland. Zwischen 1880 und 1900 gewannen Amerikas Großstädte 15 Millionen Einwohner hinzu, und die Einwohnerzahl von Chicago stieg im gleichen Zeitraum um das Dreifache an und zählte nun 1,7 Millionen. In Deutschland hatte es zum Zeitpunkt der Reichsgründung 1871 nur drei Großstädte mit mehr als
200 000 Einwohnern gegeben: Berlin, Hamburg und Breslau. 1913 waren es bereits 23. Industriestädte wie Gelsenkirchen verzehnfachten ihre Einwohnerzahl zwischen 1871 und 1910.
Und nur auf den ersten Blick waren die beiden Hauptstädte einander ungleich: Sicherlich, Welten hatten Washington und Berlin die längste Zeit des 19. Jahrhunderts voneinander getrennt. Die Reichshauptstadt war im späten 19. Jahrhundert eine pulsierende Metropole, während Washington als Regierungssitz über Generationen hinweg eher den Eindruck einer identitätslosen, zersiedelten Kleinstadt vermittelte. 1842 hatte Charles Dickens bei einem Besuch in der amerikanischen Hauptstadt Washington als 'City herrlicher Intentionen' verspottet, mit 'breiten Avenuen, die nirgends beginnen und nirgendwo hinführten'.
Trotz der kulturellen Unterschiede glaubten Deutsche und Amerikaner zu Beginn des 20. Jahrhunderts an eine gemeinsame Zukunft - in Wissenschaft und Wirtschaft, aber auch in der Politik. 1905 lobte der deutsche Reichskanzler Bernhard Fürst von Bülow seinen amerikanischen Amtskollegen Präsident Roosevelt, weil dieser erkannt habe, 'wie sehr Deutschland und Amerika sich in Zukunft werden nützen können'. Dass es eines Tages einen 'transozeanischen Krieg gegen Amerika geben würde', hielt der deutsche Kanzler für absolut 'unsinnig'.
Und in der Tat: Das Deutsche Reich und die Vereinigten Staaten starteten unter ähnlichen Voraussetzungen in das neue Jahrhundert: als prominente politische und wirtschaftliche 'Player'. Diesseits wie jenseits des Atlantiks prägten Aufbruchstimmung und Optimismus das Bild. Ganz allgemein stechen dem, der sich in die damalige Perspektive zurückzuversetzen versucht, die frappanten Ähnlichkeiten zwischen den beiden Gesellschaften ins Auge: Sowohl Deutschland als auch Amerika profitierten von einem enormen ökonomischen Aufschwung und entwickelten sich zu reichen Industrienationen. Hier wie dort trieb die zweite Welle der Industrialisierung den Prozess an. Nicht die Textilindustrie wie im Pionierland England, sondern die Schwerindustrie und diverse neuere Industriezweige katapultierten Deutschland und Amerika um 1900 in globale Führungspositionen. Das Deutsche Reich nahm eine Spitzenstellung in den neuen Industrien ein, insbesondere im Chemie- und Elektrosektor. Die USA dagegen waren um die Jahrhundertwende der größte Stahlerzeuger, nachdem sie innerhalb von 15 Jahren - zwischen 1877 und 1892 - ihre Produktion in dem Bereich verdreifacht hatten.
Deutsche Erfinder brachten der Welt den Verbrennungsmotor, das Fahrrad und das Automobil. Die Amerikaner konnten sich damit brüsten, die Nähmaschine, die Glühbirne und die Schreibmaschine erfunden zu haben. Nirgendwo sonst gab es so viele Patente und Erfindungen wie in Deutschland und den USA. Nirgendwo sonst wuchs die Wirtschaft so schnell wie in den beiden 'verspäteten Nationen'. In den 1860er Jahren hatte Großbritannien noch unumstritten den ersten Platz bei der globalen Industriegüterproduktion für sich reklamieren können. Bereits um 1900 produzierte das Reich nicht weniger als ein Viertel der europäischen Industriegüter, und im Jahr 1913 rangierten die USA und Deutschland diesbezüglich auf den ersten beiden Plätzen, deutlich vor Großbritannien. Selbst im Welthandel, in dem das weltumspannende britische Empire im 19. Jahrhundert eine exklusive Spitzenposition aufgebaut hatte, kamen das Deutsche Reich und die USA vor dem Ersten Weltkrieg dicht an Großbritannien heran. Im ökonomischen Bereich wurde die Moderne zur Jahrhundertwende zunehmend mit Industrie und dem Aufbau globaler Märkte gleichgesetzt - und die USA und Deutschland gaben maßgeblich den Takt vor.
Diesen Aufschwung spiegelten nicht zuletzt die rasant ansteigenden Bevölkerungszahlen wider. 1860 umfasste die US-amerikanische Bevölkerung 31 Millionen Menschen, 1890 waren es bereits 63 Millionen. Das Deutsche Reich zählte im selben Jahr immerhin 50 Millionen Einwohner und damit weitaus mehr als alle anderen 'großen' Staaten Westeuropas - Frankreich lag bei etwa 38, England und Italien bei jeweils 30, Spanien bei knapp 18 Millionen. Hinzu kam, dass jene Amerikaemigration, die zwischen 1820 und 1890 rund 7,1 Millionen Menschen aus Deutschland in die Vereinigten Staaten gebracht hatte, um 1900 deutlich abflachte. Bald sollten es jährlich nur noch einige zehntausend Menschen sein, die den Weg über den Atlantik antraten, und auch diese ausgeglichenere Bevölkerungsbilanz machte die beiden Gesellschaften einander ähnlicher.
Eng mit der Demographie verknüpft war die Urbanisierung beider Nationen. Nirgendwo sonst expandierten die Städte so schnell wie in den USA und Deutschland. Zwischen 1880 und 1900 gewannen Amerikas Großstädte 15 Millionen Einwohner hinzu, und die Einwohnerzahl von Chicago stieg im gleichen Zeitraum um das Dreifache an und zählte nun 1,7 Millionen. In Deutschland hatte es zum Zeitpunkt der Reichsgründung 1871 nur drei Großstädte mit mehr als
200 000 Einwohnern gegeben: Berlin, Hamburg und Breslau. 1913 waren es bereits 23. Industriestädte wie Gelsenkirchen verzehnfachten ihre Einwohnerzahl zwischen 1871 und 1910.
Und nur auf den ersten Blick waren die beiden Hauptstädte einander ungleich: Sicherlich, Welten hatten Washington und Berlin die längste Zeit des 19. Jahrhunderts voneinander getrennt. Die Reichshauptstadt war im späten 19. Jahrhundert eine pulsierende Metropole, während Washington als Regierungssitz über Generationen hinweg eher den Eindruck einer identitätslosen, zersiedelten Kleinstadt vermittelte. 1842 hatte Charles Dickens bei einem Besuch in der amerikanischen Hauptstadt Washington als 'City herrlicher Intentionen' verspottet, mit 'breiten Avenuen, die nirgends beginnen und nirgendwo hinführten'.