Batouala
René Maran(Author)
Manesse (Publisher)
Published on 11. June 2007
Book
Leather / fine binding
256 pages
978-3-7175-2131-0 (ISBN)
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Description
Afrikas erster Romanklassiker
Afrika zur Zeit der Kolonialisierung. Mit seiner packend-realen Schilderung einer vom Untergang bedrohten Kultur verleiht Maran dem schwarzen Erdteil erstmals eine literarische Stimme. Sein mutiger Roman, der einen politischen Skandal auslöste, wurde zum Fanal einer selbstbewußten frankophonen Erzähltradition.
"Bandas", "Netze", nennen sich die Eingeborenen, die alljährlich zur Zeit der Buschfeuer mit Netzen Jagd auf das vor den Flammen fliehende Großwild machen. Batouala, ihr Häuptling, der seine Hütte mit Ziegen, Federvieh und seiner Lieblingsfrau Yassi teilt, führt ein beschauliches, ursprüngliches Leben nach Sitte der Ahnen. Doch längst hat sich der weiße Mann das Land zu eigen gemacht, und auch von innen droht dem Stammesfrieden Gefahr.
René Maran, schwarzafrikanischer Abstammung, doch in Frankreich ausgebildet und selbst als Kolonialverwalter nach Afrika gekommen, rechnet in seinem ersten und folgenreichsten Roman mit den zerstörerischen Folgen des französischen Kolonialismus ab. Dem imperialen Überlegenheitsgestus setzt er nicht das Klischee vom edlen Wilden entgegen, sondern ein authentisches Bild vom Leben afrikanischer Ureinwohner, das er in seiner kraftvollen Eigenart feiert.
Der 1921 erschienene Roman wurde als politischer Affront aufgenommen und kostete Maran seinen Posten in der Kolonialadministration. Als erster Autor schwarzer Hautfarbe erhielt er, zwei Jahre nach Proust, mit dem "Prix Goncourt" die bedeutendste literarische Auszeichnung Frankreichs.
Afrika zur Zeit der Kolonialisierung. Mit seiner packend-realen Schilderung einer vom Untergang bedrohten Kultur verleiht Maran dem schwarzen Erdteil erstmals eine literarische Stimme. Sein mutiger Roman, der einen politischen Skandal auslöste, wurde zum Fanal einer selbstbewußten frankophonen Erzähltradition.
"Bandas", "Netze", nennen sich die Eingeborenen, die alljährlich zur Zeit der Buschfeuer mit Netzen Jagd auf das vor den Flammen fliehende Großwild machen. Batouala, ihr Häuptling, der seine Hütte mit Ziegen, Federvieh und seiner Lieblingsfrau Yassi teilt, führt ein beschauliches, ursprüngliches Leben nach Sitte der Ahnen. Doch längst hat sich der weiße Mann das Land zu eigen gemacht, und auch von innen droht dem Stammesfrieden Gefahr.
René Maran, schwarzafrikanischer Abstammung, doch in Frankreich ausgebildet und selbst als Kolonialverwalter nach Afrika gekommen, rechnet in seinem ersten und folgenreichsten Roman mit den zerstörerischen Folgen des französischen Kolonialismus ab. Dem imperialen Überlegenheitsgestus setzt er nicht das Klischee vom edlen Wilden entgegen, sondern ein authentisches Bild vom Leben afrikanischer Ureinwohner, das er in seiner kraftvollen Eigenart feiert.
Der 1921 erschienene Roman wurde als politischer Affront aufgenommen und kostete Maran seinen Posten in der Kolonialadministration. Als erster Autor schwarzer Hautfarbe erhielt er, zwei Jahre nach Proust, mit dem "Prix Goncourt" die bedeutendste literarische Auszeichnung Frankreichs.
More details
Language
German
Dimensions
Height: 15 cm
Width: 9 cm
ISBN-13
978-3-7175-2131-0 (9783717521310)
Schweitzer Classification
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Persons
Content
Das Wachfeuer, das man nach alter Gewohnheit jeden Abend anzündet, ist im Lauf der Nacht langsam heruntergebrannt und hat einen kleinen, immer noch warmen Aschehaufen zurückgelassen. Die runde Wand der Hütte schwitzt aus allen Poren. Durch den Vorbau, der als Tür dient, dringt ein undeutlicher Schimmer. Unter dem Strohdach wimmeln die Termiten und verrichten im Schutz ihrer Gänge aus brauner Erde unauffällig und unaufhaltsam ihre Arbeit, indem sie die Verstrebungen des niedrigen, schrägen Dachs, das ihnen Zuflucht vor Feuchtigkeit und Sonnenhitze bietet, anbohren.
Draußen krähen die Hähne. Unter ihr Kikeriki mischt sich das Meckern der Ziegenböcke, die ihre Weibchen locken, das Gelächter der Pfefferfresser und weiter unten, im hohen Dickicht, das die Ufer der Pombo und der Bamba säumt, das heisere Knurren der Kinder Bacouyas1, des Affen mit der Hundeschnauze.
Der Tag bricht an.
Der große Häuptling Batouala, der Mokoundji so vieler Dörfer, hörte diese Geräusche genau, obwohl er noch schlaftrunken war.
Er gähnte, fröstelte, streckte sich. Sollte er noch einmal schlafen? Sollte er aufstehen? Aufstehen! N'Ga koura, warum aufstehen? Er wollte es nicht einmal wissen, so sehr verabscheute er Entscheidungen, egal, ob sie einfach oder schwierig waren.
Mußte man nicht allein, um auf die Beine zu kommen, schon eine Riesenanstrengung machen? Er war der erste, der bereit war zuzugeben, daß der zu fassende Entschluß Menschen mit weißer Haut ganz einfach erscheinen würde. Soweit es ihn betraf, war die Angelegenheit jedoch unendlich viel schwieriger, als man glaubte. Für gewöhnlich gehörten Aufstehen und Arbeit zusammen. Gewiß, Arbeit erschreckte ihn nicht übermäßig. Er war robust, kräftig gebaut und gut zu Fuß - im Schleudern des Speers oder des Wurfmessers, beim Wettlauf oder Wettkampf hatte er keinen Rivalen.
Im übrigen rühmte man seine legendäre Kraft vom einen Ende des Landes der Banda bis zum anderen. Seine Eroberungen auf dem Feld der Liebe und des Krieges, seine Geschicklichkeit und sein Mut als Jäger nahmen die Gestalt von Wundertaten an. Und wenn Ipeu, der Mond, seine Bahn am Sternenhimmel zog, dann besang man nicht selten die Heldentaten des großen Mokoundji Batouala bis in die entferntesten Dörfer der M'bis, Dakpas, Dakouas und La'mbassis, während sich die schrillen Töne der Balafone und Koundés mit dem hohltönenden Tamtam der Li'nghas verbanden.
Arbeit konnte ihn also nicht schrecken. Aber in der Sprache der weißen Menschen nahm dieses Wort einen erstaunlichen Sinn an. Es bedeutete Erschöpfung ohne sofortiges oder greifbares Resultat, Sorgen, Kummer, Schmerzen, Verlust der Gesundheit, Verfolgung trügerischer Ziele.
Ach, die Menschen mit weißer Haut! Warum sind sie hierhergekommen? Was suchen sie hier, so weit weg von zu Hause, im schwarzen Land? Sie täten besser daran, alle in ihre Länder zurückzukehren und dort zu bleiben.
Das Leben ist kurz. Arbeit gefällt nur denen, die nicht zu leben verstehen. Nichtstun kann niemanden entwürdigen. Es unterscheidet sich im übrigen grundlegend von Faulheit.
Ob man seine Meinung nun teilte oder nicht, er glaubte jedenfalls felsenfest, und würde bis zum Beweis des Gegenteils nicht davon abgehen, daß Nichtstun nur bedeutet, sich in aller Gutmütigkeit und Einfalt alles zunutze zu machen, was uns umgibt.
In den Tag hineinleben, ohne an gestern zu denken, ohne sich um den morgigen Tag zu sorgen, nicht in die Zukunft zu blicken - das ist hervorragend, das ist vorzüglich.
Warum sollte er im übrigen aufstehen? Ist es im allgemeinen nicht besser zu sitzen als zu stehen, besser zu liegen als zu sitzen?
Ach, der gute Geruch von Heu, den die Matte, auf der er die Nacht zugebracht hatte, verströmte! Die abgezogene Haut eines frisch getöteten wilden Rindes konnte sie wirklich nicht an Weichheit übertreffen.
Warum also versuchte er nicht, wieder einzuschlafen, anstatt mit geschlossenen Augen dazuliegen und seinen Gedanken nachzuhängen? Auf diese Weise wäre es ihm vergönnt, länger als sonst die wohligen Vorzüge seiner Matte, seines Bogbo, zu genießen.
Zuvor mußte er jedoch das erloschene Feuer wieder zum Leben erwecken. Dazu brauchte er nur ein paar dürre Zweige und eine Handvoll Stroh. Danach würde es genügen, in die Asche zu blasen, wo der rote Schwarm der Funken noch züngelte.
Dann würde der Rauch zwischen explodierendem trockenem Geprassel seine beißenden und erstickenden Spiralen entrollen. Und die Flammen würden als Vorboten der sich ausbreitenden Wärme aufsteigen.
Wenn das geschehen war, brauchte er sich nur in der aufgeheizten Hütte, den Rücken dem Feuer zugewandt, wie ein mit Maniok vollgefressenes Warzenschwein auszustrecken, um zu versuchen weiterzuschlafen. Er brauchte sich nur an der Glut zu erwärmen wie ein Leguan an der Sonne. Er brauchte es nur noch wie die zu machen, die seit vielen Trockenzeiten und vielen Regenzeiten seine Frau war - seine Yassi.
Ihr Beispiel war hervorragend! Sie machte gologolo - sie schnarchte, und wie! - neben einem zweiten Feuer, das ebenfalls erloschen war.
Lalala! Wie gut sie schlief, den Kopf auf einen Klotz gestützt, ruhig, nackt, die Hände auf dem Bauch und die Beine unschuldig gespreizt!
Manchmal tastete sie an ihren welken, runzligen Brüsten herum, die getrockneten Tabakblättern glichen, oder kratzte sich und stieß dabei lange Seufzer aus. Manchmal bewegten sich ihre Lippen etwas. Sie gab leichte, schlaffe Lebenszeichen von sich. Aber bald kehrte Ruhe zurück - und ihr gleichmäßiges Schnarchen.
Djouma, der kleine, fuchsrote, traurige Hund schlief seinerseits hinter einem Haufen von Holzbündeln zusammengerollt auf einem Stapel von Körben mit Kautschuk, der die Kuhle überragte, wo sich nachts meist die Hühner, die Enten und die Ziegen balgten.
Von seinem durch Entbehrungen abgemagerten Körper sah man nur die aufgerichteten, spitzen, beweglichen Ohren. Er schüttelte sie von Zeit zu Zeit, um den Floh, die Zecke oder die Bienen, die ihn ärgerten, zu beeindrucken. Meistens zog er es vor, dumpf zu knurren, ohne sich dabei mehr zu bewegen als Yassigui'ndja, die Lieblingsfrau Batoualas, seines Herrn. Oder er öffnete, heimgesucht von hündischen Träumen, das Maul, um ins Leere zu schnappen oder mit seinem halberstickten und krampfartigen Gebell gegen die Stille anzugehen.
Batouala stützte sich mit den Ellbogen auf seine Matte. Der Versuch, noch einmal zu schlafen, war sinnlos! Alles verbündete sich gegen seine Ruhe. Allmählich drang Nebel in die Hütte. Es war kalt. Er hatte Hunger. Und es wurde immer heller.
Nein, nein und nochmals nein. An ein Weiterschlafen war nicht zu denken. Laubfrösche, Erdkröten und Ochsenfrösche quakten um die Wette, draußen in den dichten, feuchten Wiesengründen.
Um ihn herum schwirrten und summten trotz der Kälte unablässig Fourous und Moskitos, die es sich zunutze machten, daß das erloschene Feuer keinen Rauch mehr bildete, um sie zu betäuben.
Und wenn auch die streitsüchtigen Ziegen beim ersten Hahnenschrei hinausgelaufen waren, so waren die Hühner doch geblieben und machten ein Heidenspektakel.
Auch die friedlichen Enten waren noch da. Im Augenblick glucksten alle erstaunt oder schnatterten unruhig, wobei sie den Hals ruckartig nach links reckten oder ihn zurückbogen, um ihn gleich darauf nach rechts zu strecken.
Etwas Außergewöhnliches schien geschehen zu sein, etwas Außergewöhnlicheres als alles, was die Enten kannten. Sie wackelten fieberhaft mit ihren flaumigen Bürzeln, starrten mit schrägem Blick zur Öffnung der Hütte, versammelten sich dann alle um einen Anführer und erweckten den Eindruck, als teilten sie ihm ihre Überlegungen oder ihre Vorstellungen mit.
Als die endlich glaubten, es sei ihnen gelungen, das Wunder, das sie erstaunt hatte, zu erklären, machten sie ernst, gewichtig, ungeschickt, eine hinter der anderen, der Größe nach die Runde um die Kautschukkörbe, indem sie automatisch dieselben zuckenden Bewegungen wiederholten.
Bei jedem Schritt ihrer watschelnden Parade zog sie das Gewicht ihrer Gurgel etwas weiter. Schnatternd steckten sie in einer Ecke die Köpfe zusammen und beratschlagten sich, nicht ohne ab und zu ängstlich zum Ausgang zu blicken.
Plötzlich entschloß sich eine von ihnen, machte vier oder fünf Schritte in die Richtung, aus der die Helligkeit kam, kehrte wieder um und schlug dann, als habe sie Angst, den Boden mit den Flügeln, um ihren Anlauf zu beschleunigen, worauf sie sich durch die Öffnung stürzte und verschwand.
Auf der Stelle folgte ihr, mit gesenktem Kopf, der Rest der Truppe.
Und in diesem Moment wachte Djouma, der kleine, fuchsrote, traurige Hund auf. Nicht als ob ihn dieser Lärm mehr als sonst gestört hätte. Schon zu Zeiten seiner Mutter, die seine Herren eines Tages aus Hunger gegessen hatten - das war vor vielen Monden! -, erhob sich jeden Morgen derselbe Lärm.
Es wäre merkwürdig gewesen, wenn es sich anders verhalten hätte, denn Tiere und Menschen haben, zumindest während der Schlechtwetterperioden, nur einen einzigen gemeinsamen Unterschlupf.
Bei dem ersten der Hunde, seinem Ahnen!, wie beschwerlich war ihm sein Hundeleben anfangs erschienen. In der Tat vernachlässigte er seinen Hundeberuf so sehr, daß er vergaß, bei jedem Ankömmling anzuschlagen.
Aber wenn die listigen Angriffe der Ziegen und die kopflose Geschäftigkeit des Geflügels ihn fast wahnsinnig gemacht hatten, so hatten doch die Mißhandlungen von seiten Batoualas und die Scheltworte Yassiguindjas nicht verfehlt, seine Auffassungskraft zu stärken und ihm seine elementarsten Pflichten beizubringen.
Inzwischen war er ein richtiger Hund geworden, biß auf Wunsch zu und verteidigte seine Herren bis zu dem Moment, wo es sich zeigte, daß es zu gefährlich für ihn wäre, damit fortzufahren.
Der geringste Laut weckte jedenfalls sein Mißtrauen, wenn er ihn nicht in die Flucht schlug. Beim Anblick eines weißen Mannes oder der roten Mütze eines Tourougou nahm er Reißaus, so sehr hatte seine Intelligenz und seine Weisheit durch die Schläge, die er erhalten und zu fürchten gelernt hatte, zugenommen.
Wenn er also aufwachte, dann nicht, weil er gestört worden war oder weil er genug geschlafen hatte. Man schläft ohnehin nie genug. In dieser Hinsicht teilte er die Meinung seines Herrn Batouala.
Schließlich. Nun, schließlich wachte er nur deshalb auf, weil er aufwachen mußte. In der Tat, im Leben eines Dorfoberhaupts wie im Leben jedes beliebigen schwarzen Mannes gilt ein Hund nicht mehr als das Wiehern, mit dem Mbarta, das Pferd, das gute Gras begrüßt, das es frißt.
Wenn man einen Djouma nicht totschlägt, dann ißt man ihn in Zeiten der Not, wenn man es nicht vorzieht, ihn, um sich zu amüsieren, zu kastrieren oder ihm die Ohren abzuschneiden.
Ein Hund ist weniger als nichts. In der Zeit der Buschfeuer kann er einem ein wenig nützlich sein, denn er versteht, das Wild aufzuscheuchen, und er kann es besonders gut verfolgen. Im übrigen ist er nutzlos, und man verprügelt ihn höchstens.
Schon lange durchschaute Djouma, der kleine, fuchsrote Hund mit den spitzen Ohren die Gedanken der Menschen mit schwarzer Haut. Seit langem wußte er, daß ihm niemand das Fressen nachtragen würde, wenn er auf die Idee käme, in Batoualas Hütte auszuschlafen!
Er stand also auf, weil er Hunger hatte. Der Hunger trieb ihn aus seiner Streu. Er mußte möglichst schnell etwas zu fressen finden, wenn er nicht Hungers sterben und mit seinem Kadaver Doppélé, den Geier, und seine zahllosen Söhne mit den nackten Hälsen nähren wollte. Wußte er doch, daß der Mist der Ziegenlämmer am frühen Morgen am besten ist, wenn er noch nach Milch riecht und schmeckt. Eine nahrhafte Speise, besonders für einen Hund, der nichts anderes zu beißen hat.
Mist? Sicher würde er welchen finden! Die Mistkäfer hatten sich bestimmt noch nicht an die Arbeit gemacht. Es herrschte noch eine zu große Kälte und zu dichter Nebel. Wenn ihm der Zufall günstig war, konnte er bei seinen Streifzügen vielleicht sogar ein paar Perlhuhneier aufstöbern. Was für ein Glück wäre das! Aber man sollte nicht zu sehr damit rechnen.
Einmal auf den Beinen, leckte sich Djouma den Bauch und das Gegenüber seiner Schnauze, schüttelte sich kräftig, gähnte mehrere Male hintereinander, flöhte sich, streckte sich, entspannte sich, machte lässig einige Schritte vorwärts, hielt inne, setzte sich auf seinen Hintern und schaute nach rechts und links, als scheute er davor zurück hinauszugehen.
Schließlich spannte er seine Kräfte mit einem nicht enden wollenden Seufzer an und schleppte sich, auf seinen Pfoten schwankend, den Schwanz unter den Bauch geklemmt, mit trüben Augen, die Schnauze am Boden, jämmerlich, völlig teilnahmslos und elend zur Tür.
Er hatte unter dem Zwang der Umstände gelernt, noch das geringste Gefühl zu verbergen und ständig die unendliche Müdigkeit einer grenzenlosen Langeweile vorzuspielen. Er wußte aus Erfahrung, daß es klug von ihm war, sich so zu verhalten. Die Munterkeit eines Hundes weckt die Aufmerksamkeit des Menschen. Er brauchte nur gute Laune zu zeigen, um Batouala dazu zu veranlassen, ihn nicht aus den Augen zu lassen und ihm gegebenenfalls zu folgen.
Genau das mußte er um jeden Preis vermeiden! Denn sonst adieu, Beute des Zufalls, die man bisweilen aufstöbern konnte!
Kurz danach streifte er draußen herum und stieß dabei unverständliche Flüche in seiner Hundesprache aus.
Batouala sann nach. Die Ziegen, die Hühner, die Enten und Djouma hatten sein Dach verlassen. Auch er sollte etwas unternehmen.
Der Zeitpunkt der Ganzas kam näher. Bei diesem Fest nimmt man öffentlich die Beschneidung der Jungen vor, die in den geheimen Kult der Somalés eingeweiht werden, und die Ausschneidung der jungen Mädchen.
Es war höchste Zeit für ihn, die Einladungen loszuschicken, er hätte es längst tun sollen. Er würde alle seine Pflichten vernachlässigen, wenn er es noch länger hinausschieben würde. Hatte man ihm im übrigen nicht übertragen, die Vergnügungen, die anläßlich dieser Feier Brauch waren, zu organisieren? Es wäre noch schöner, wenn er sich dieser Ehre entzöge, die man ihm als einem der Hauptwürdenträger der Somalés der Gegend erwiesen hatte!
Er stand auf und kratzte sich, nachdem er sich die Augen mit dem Handrücken ausgerieben und die Nase mit den Fingern geschneuzt hatte. Er kratzte sich unter den Achseln. Er kratzte sich die Schenkel, den Kopf, den Hintern, den Rücken, die Arme.
Sich kratzen ist eine ausgezeichnete Übung. Es regt die Durchblutung an. Es ist gleichermaßen ein Spaß und eine Handlung von unbestreitbarem Wert. Man braucht nur um sich zu blicken: Alle Lebewesen kratzen sich, wenn sie aus dem Schlaf erwachen. Dem Beispiel zu folgen ist also gut, denn es ist natürlich. Wer sich nicht kratzt, ist schlecht aufgewacht.
Aber wenn sich kratzen gut ist, gähnen ist besser. Gähnen ist eine Weise, den Schlaf durch den Mund und durch die Nase zu vertreiben. Ist es möglich, daran zu zweifeln? Jeder kann sich von dieser übernatürlichen Erscheinung überzeugen. Sie tritt vor allem in der Zeit der kalten Nächte und der kühlen Morgen auf. Jedermann haucht dann jene Art geruchlosen Rauch aus, den der Blasebalg des Herzens, die Lunge, erzeugt.
Dieser Rauch beweist unter anderem, daß der Schlaf nichts anderes ist als ein verborgenes Feuer. Er war sich dessen sicher. Ein Fetischeur seines Vermögens braucht sich von niemand belehren zu lassen. Die Gunst N'Gakouras war sein Privileg.
Und überhaupt, man bedenke, wenn der Schlaf kein inneres Feuer wäre, wo käme der in Frage stehende Rauch dann her? Gibt es irgendwo Rauch ohne Feuer? Wenn ja, sollte man es ihm zeigen.
Gähnen, sich kratzen, das sind nebensächliche Gebärden. Während Batouala damit fortfuhr, stieß er in rascher Folge schallende Rülpser aus. Diese alte Gewohnheit hatte er von seinen Eltern, die sie ihrerseits von den ihrigen geerbt hatten. Die althergebrachten Sitten sind immer die besten. Sie sind meistens auf gesicherte Erfahrungen gegründet. Man kann sie deshalb gar nicht genug befolgen.
So dachte Batouala. Als Hüter der bedrohten Sitten blieb er den Traditionen treu, die seine Vorfahren ihm hinterlassen hatten, und stellte keine weiteren Fragen. Jedes Nachdenken über das Hergebrachte ist sinnlos.
Er faßte seinen Monolog zusammen und kam zu dem Schluß, daß er seine Freunde bald wissen lassen mußte, wo und wann das Fest der Ga'nzas stattfinden sollte. Für den Augenblick begnügte er sich jedoch damit, das Feuer, das seinen Schlaf erwärmt hatte, wieder anzufachen. Wenn Yassigui'ndja aufwachen würde, brauchte sie nur noch das ihre in Gang zu bringen. Mann ist Mann, und Frau ist Frau. Jeder lebt für sich, nicht für andere. Zumindest hatte man ihm das beigebracht.
In der Zwischenzeit hatte er die Hütte verlassen, kehrte jedoch rasch wieder zurück. Die Kälte hatte ihn gepackt, sobald er die Nase hinausstreckte. Er trug wie an allen Tagen nur seinen Lendenschurz als Bekleidung.
Deshalb hatte er sich vorsichtshalber wieder in seine Behausung zurückgezogen. Der Nebel war in der Zwischenzeit so dicht, daß er nicht einmal die Hütten hatte erkennen können, in denen seine acht anderen Frauen und die Kinder, die er von ihnen hatte, schliefen.
Mit klappernden Zähnen hockte er sich vor sein Feuer, wie sich alle Menschen mit schwarzer Haut hinhocken, das heißt, er saß zusammengekauert da, die Knie in Höhe des Kinns, die Arme über der Brust verschränkt, die linke Hand an die rechte Schulter und die rechte Hand an die linke Schulter geklammert, den Hintern auf den Fersen.
Die wohlige Wärme des Feuers machte seine erstarrten Gliedmaßen bald wieder gelenkig. Ach, wie angenehm das Leben war! Die Hände über den Flammen, begann er die Melodie eines bekannten Liedes zu summen, zu dem er, wie es kam, Worte und Verse erfand.
In diesem Lied war viel von weißen Kommandanten und noch mehr von Frauen die Rede.
'Der Mann ist für die Frau gemacht.
Und die Frau für den Mann.
Und die Frau für den Mann,
Yabao!
Für den Mann.'
Das Wort Yassi, das Frau bedeutet, kehrte im Refrain so häufig wieder, daß es schließlich ganz natürlich war, daß er an Yassigui'ndja dachte. Und durch eine ebenso natürliche Gedankenassoziation wurde er an seine männlichen Pflichten erinnert, denn bis zum heutigen Tag hatte er noch nie versäumt, ihnen jeden Morgen vor dem Aufstehen nachzukommen.
Draußen krähen die Hähne. Unter ihr Kikeriki mischt sich das Meckern der Ziegenböcke, die ihre Weibchen locken, das Gelächter der Pfefferfresser und weiter unten, im hohen Dickicht, das die Ufer der Pombo und der Bamba säumt, das heisere Knurren der Kinder Bacouyas1, des Affen mit der Hundeschnauze.
Der Tag bricht an.
Der große Häuptling Batouala, der Mokoundji so vieler Dörfer, hörte diese Geräusche genau, obwohl er noch schlaftrunken war.
Er gähnte, fröstelte, streckte sich. Sollte er noch einmal schlafen? Sollte er aufstehen? Aufstehen! N'Ga koura, warum aufstehen? Er wollte es nicht einmal wissen, so sehr verabscheute er Entscheidungen, egal, ob sie einfach oder schwierig waren.
Mußte man nicht allein, um auf die Beine zu kommen, schon eine Riesenanstrengung machen? Er war der erste, der bereit war zuzugeben, daß der zu fassende Entschluß Menschen mit weißer Haut ganz einfach erscheinen würde. Soweit es ihn betraf, war die Angelegenheit jedoch unendlich viel schwieriger, als man glaubte. Für gewöhnlich gehörten Aufstehen und Arbeit zusammen. Gewiß, Arbeit erschreckte ihn nicht übermäßig. Er war robust, kräftig gebaut und gut zu Fuß - im Schleudern des Speers oder des Wurfmessers, beim Wettlauf oder Wettkampf hatte er keinen Rivalen.
Im übrigen rühmte man seine legendäre Kraft vom einen Ende des Landes der Banda bis zum anderen. Seine Eroberungen auf dem Feld der Liebe und des Krieges, seine Geschicklichkeit und sein Mut als Jäger nahmen die Gestalt von Wundertaten an. Und wenn Ipeu, der Mond, seine Bahn am Sternenhimmel zog, dann besang man nicht selten die Heldentaten des großen Mokoundji Batouala bis in die entferntesten Dörfer der M'bis, Dakpas, Dakouas und La'mbassis, während sich die schrillen Töne der Balafone und Koundés mit dem hohltönenden Tamtam der Li'nghas verbanden.
Arbeit konnte ihn also nicht schrecken. Aber in der Sprache der weißen Menschen nahm dieses Wort einen erstaunlichen Sinn an. Es bedeutete Erschöpfung ohne sofortiges oder greifbares Resultat, Sorgen, Kummer, Schmerzen, Verlust der Gesundheit, Verfolgung trügerischer Ziele.
Ach, die Menschen mit weißer Haut! Warum sind sie hierhergekommen? Was suchen sie hier, so weit weg von zu Hause, im schwarzen Land? Sie täten besser daran, alle in ihre Länder zurückzukehren und dort zu bleiben.
Das Leben ist kurz. Arbeit gefällt nur denen, die nicht zu leben verstehen. Nichtstun kann niemanden entwürdigen. Es unterscheidet sich im übrigen grundlegend von Faulheit.
Ob man seine Meinung nun teilte oder nicht, er glaubte jedenfalls felsenfest, und würde bis zum Beweis des Gegenteils nicht davon abgehen, daß Nichtstun nur bedeutet, sich in aller Gutmütigkeit und Einfalt alles zunutze zu machen, was uns umgibt.
In den Tag hineinleben, ohne an gestern zu denken, ohne sich um den morgigen Tag zu sorgen, nicht in die Zukunft zu blicken - das ist hervorragend, das ist vorzüglich.
Warum sollte er im übrigen aufstehen? Ist es im allgemeinen nicht besser zu sitzen als zu stehen, besser zu liegen als zu sitzen?
Ach, der gute Geruch von Heu, den die Matte, auf der er die Nacht zugebracht hatte, verströmte! Die abgezogene Haut eines frisch getöteten wilden Rindes konnte sie wirklich nicht an Weichheit übertreffen.
Warum also versuchte er nicht, wieder einzuschlafen, anstatt mit geschlossenen Augen dazuliegen und seinen Gedanken nachzuhängen? Auf diese Weise wäre es ihm vergönnt, länger als sonst die wohligen Vorzüge seiner Matte, seines Bogbo, zu genießen.
Zuvor mußte er jedoch das erloschene Feuer wieder zum Leben erwecken. Dazu brauchte er nur ein paar dürre Zweige und eine Handvoll Stroh. Danach würde es genügen, in die Asche zu blasen, wo der rote Schwarm der Funken noch züngelte.
Dann würde der Rauch zwischen explodierendem trockenem Geprassel seine beißenden und erstickenden Spiralen entrollen. Und die Flammen würden als Vorboten der sich ausbreitenden Wärme aufsteigen.
Wenn das geschehen war, brauchte er sich nur in der aufgeheizten Hütte, den Rücken dem Feuer zugewandt, wie ein mit Maniok vollgefressenes Warzenschwein auszustrecken, um zu versuchen weiterzuschlafen. Er brauchte sich nur an der Glut zu erwärmen wie ein Leguan an der Sonne. Er brauchte es nur noch wie die zu machen, die seit vielen Trockenzeiten und vielen Regenzeiten seine Frau war - seine Yassi.
Ihr Beispiel war hervorragend! Sie machte gologolo - sie schnarchte, und wie! - neben einem zweiten Feuer, das ebenfalls erloschen war.
Lalala! Wie gut sie schlief, den Kopf auf einen Klotz gestützt, ruhig, nackt, die Hände auf dem Bauch und die Beine unschuldig gespreizt!
Manchmal tastete sie an ihren welken, runzligen Brüsten herum, die getrockneten Tabakblättern glichen, oder kratzte sich und stieß dabei lange Seufzer aus. Manchmal bewegten sich ihre Lippen etwas. Sie gab leichte, schlaffe Lebenszeichen von sich. Aber bald kehrte Ruhe zurück - und ihr gleichmäßiges Schnarchen.
Djouma, der kleine, fuchsrote, traurige Hund schlief seinerseits hinter einem Haufen von Holzbündeln zusammengerollt auf einem Stapel von Körben mit Kautschuk, der die Kuhle überragte, wo sich nachts meist die Hühner, die Enten und die Ziegen balgten.
Von seinem durch Entbehrungen abgemagerten Körper sah man nur die aufgerichteten, spitzen, beweglichen Ohren. Er schüttelte sie von Zeit zu Zeit, um den Floh, die Zecke oder die Bienen, die ihn ärgerten, zu beeindrucken. Meistens zog er es vor, dumpf zu knurren, ohne sich dabei mehr zu bewegen als Yassigui'ndja, die Lieblingsfrau Batoualas, seines Herrn. Oder er öffnete, heimgesucht von hündischen Träumen, das Maul, um ins Leere zu schnappen oder mit seinem halberstickten und krampfartigen Gebell gegen die Stille anzugehen.
Batouala stützte sich mit den Ellbogen auf seine Matte. Der Versuch, noch einmal zu schlafen, war sinnlos! Alles verbündete sich gegen seine Ruhe. Allmählich drang Nebel in die Hütte. Es war kalt. Er hatte Hunger. Und es wurde immer heller.
Nein, nein und nochmals nein. An ein Weiterschlafen war nicht zu denken. Laubfrösche, Erdkröten und Ochsenfrösche quakten um die Wette, draußen in den dichten, feuchten Wiesengründen.
Um ihn herum schwirrten und summten trotz der Kälte unablässig Fourous und Moskitos, die es sich zunutze machten, daß das erloschene Feuer keinen Rauch mehr bildete, um sie zu betäuben.
Und wenn auch die streitsüchtigen Ziegen beim ersten Hahnenschrei hinausgelaufen waren, so waren die Hühner doch geblieben und machten ein Heidenspektakel.
Auch die friedlichen Enten waren noch da. Im Augenblick glucksten alle erstaunt oder schnatterten unruhig, wobei sie den Hals ruckartig nach links reckten oder ihn zurückbogen, um ihn gleich darauf nach rechts zu strecken.
Etwas Außergewöhnliches schien geschehen zu sein, etwas Außergewöhnlicheres als alles, was die Enten kannten. Sie wackelten fieberhaft mit ihren flaumigen Bürzeln, starrten mit schrägem Blick zur Öffnung der Hütte, versammelten sich dann alle um einen Anführer und erweckten den Eindruck, als teilten sie ihm ihre Überlegungen oder ihre Vorstellungen mit.
Als die endlich glaubten, es sei ihnen gelungen, das Wunder, das sie erstaunt hatte, zu erklären, machten sie ernst, gewichtig, ungeschickt, eine hinter der anderen, der Größe nach die Runde um die Kautschukkörbe, indem sie automatisch dieselben zuckenden Bewegungen wiederholten.
Bei jedem Schritt ihrer watschelnden Parade zog sie das Gewicht ihrer Gurgel etwas weiter. Schnatternd steckten sie in einer Ecke die Köpfe zusammen und beratschlagten sich, nicht ohne ab und zu ängstlich zum Ausgang zu blicken.
Plötzlich entschloß sich eine von ihnen, machte vier oder fünf Schritte in die Richtung, aus der die Helligkeit kam, kehrte wieder um und schlug dann, als habe sie Angst, den Boden mit den Flügeln, um ihren Anlauf zu beschleunigen, worauf sie sich durch die Öffnung stürzte und verschwand.
Auf der Stelle folgte ihr, mit gesenktem Kopf, der Rest der Truppe.
Und in diesem Moment wachte Djouma, der kleine, fuchsrote, traurige Hund auf. Nicht als ob ihn dieser Lärm mehr als sonst gestört hätte. Schon zu Zeiten seiner Mutter, die seine Herren eines Tages aus Hunger gegessen hatten - das war vor vielen Monden! -, erhob sich jeden Morgen derselbe Lärm.
Es wäre merkwürdig gewesen, wenn es sich anders verhalten hätte, denn Tiere und Menschen haben, zumindest während der Schlechtwetterperioden, nur einen einzigen gemeinsamen Unterschlupf.
Bei dem ersten der Hunde, seinem Ahnen!, wie beschwerlich war ihm sein Hundeleben anfangs erschienen. In der Tat vernachlässigte er seinen Hundeberuf so sehr, daß er vergaß, bei jedem Ankömmling anzuschlagen.
Aber wenn die listigen Angriffe der Ziegen und die kopflose Geschäftigkeit des Geflügels ihn fast wahnsinnig gemacht hatten, so hatten doch die Mißhandlungen von seiten Batoualas und die Scheltworte Yassiguindjas nicht verfehlt, seine Auffassungskraft zu stärken und ihm seine elementarsten Pflichten beizubringen.
Inzwischen war er ein richtiger Hund geworden, biß auf Wunsch zu und verteidigte seine Herren bis zu dem Moment, wo es sich zeigte, daß es zu gefährlich für ihn wäre, damit fortzufahren.
Der geringste Laut weckte jedenfalls sein Mißtrauen, wenn er ihn nicht in die Flucht schlug. Beim Anblick eines weißen Mannes oder der roten Mütze eines Tourougou nahm er Reißaus, so sehr hatte seine Intelligenz und seine Weisheit durch die Schläge, die er erhalten und zu fürchten gelernt hatte, zugenommen.
Wenn er also aufwachte, dann nicht, weil er gestört worden war oder weil er genug geschlafen hatte. Man schläft ohnehin nie genug. In dieser Hinsicht teilte er die Meinung seines Herrn Batouala.
Schließlich. Nun, schließlich wachte er nur deshalb auf, weil er aufwachen mußte. In der Tat, im Leben eines Dorfoberhaupts wie im Leben jedes beliebigen schwarzen Mannes gilt ein Hund nicht mehr als das Wiehern, mit dem Mbarta, das Pferd, das gute Gras begrüßt, das es frißt.
Wenn man einen Djouma nicht totschlägt, dann ißt man ihn in Zeiten der Not, wenn man es nicht vorzieht, ihn, um sich zu amüsieren, zu kastrieren oder ihm die Ohren abzuschneiden.
Ein Hund ist weniger als nichts. In der Zeit der Buschfeuer kann er einem ein wenig nützlich sein, denn er versteht, das Wild aufzuscheuchen, und er kann es besonders gut verfolgen. Im übrigen ist er nutzlos, und man verprügelt ihn höchstens.
Schon lange durchschaute Djouma, der kleine, fuchsrote Hund mit den spitzen Ohren die Gedanken der Menschen mit schwarzer Haut. Seit langem wußte er, daß ihm niemand das Fressen nachtragen würde, wenn er auf die Idee käme, in Batoualas Hütte auszuschlafen!
Er stand also auf, weil er Hunger hatte. Der Hunger trieb ihn aus seiner Streu. Er mußte möglichst schnell etwas zu fressen finden, wenn er nicht Hungers sterben und mit seinem Kadaver Doppélé, den Geier, und seine zahllosen Söhne mit den nackten Hälsen nähren wollte. Wußte er doch, daß der Mist der Ziegenlämmer am frühen Morgen am besten ist, wenn er noch nach Milch riecht und schmeckt. Eine nahrhafte Speise, besonders für einen Hund, der nichts anderes zu beißen hat.
Mist? Sicher würde er welchen finden! Die Mistkäfer hatten sich bestimmt noch nicht an die Arbeit gemacht. Es herrschte noch eine zu große Kälte und zu dichter Nebel. Wenn ihm der Zufall günstig war, konnte er bei seinen Streifzügen vielleicht sogar ein paar Perlhuhneier aufstöbern. Was für ein Glück wäre das! Aber man sollte nicht zu sehr damit rechnen.
Einmal auf den Beinen, leckte sich Djouma den Bauch und das Gegenüber seiner Schnauze, schüttelte sich kräftig, gähnte mehrere Male hintereinander, flöhte sich, streckte sich, entspannte sich, machte lässig einige Schritte vorwärts, hielt inne, setzte sich auf seinen Hintern und schaute nach rechts und links, als scheute er davor zurück hinauszugehen.
Schließlich spannte er seine Kräfte mit einem nicht enden wollenden Seufzer an und schleppte sich, auf seinen Pfoten schwankend, den Schwanz unter den Bauch geklemmt, mit trüben Augen, die Schnauze am Boden, jämmerlich, völlig teilnahmslos und elend zur Tür.
Er hatte unter dem Zwang der Umstände gelernt, noch das geringste Gefühl zu verbergen und ständig die unendliche Müdigkeit einer grenzenlosen Langeweile vorzuspielen. Er wußte aus Erfahrung, daß es klug von ihm war, sich so zu verhalten. Die Munterkeit eines Hundes weckt die Aufmerksamkeit des Menschen. Er brauchte nur gute Laune zu zeigen, um Batouala dazu zu veranlassen, ihn nicht aus den Augen zu lassen und ihm gegebenenfalls zu folgen.
Genau das mußte er um jeden Preis vermeiden! Denn sonst adieu, Beute des Zufalls, die man bisweilen aufstöbern konnte!
Kurz danach streifte er draußen herum und stieß dabei unverständliche Flüche in seiner Hundesprache aus.
Batouala sann nach. Die Ziegen, die Hühner, die Enten und Djouma hatten sein Dach verlassen. Auch er sollte etwas unternehmen.
Der Zeitpunkt der Ganzas kam näher. Bei diesem Fest nimmt man öffentlich die Beschneidung der Jungen vor, die in den geheimen Kult der Somalés eingeweiht werden, und die Ausschneidung der jungen Mädchen.
Es war höchste Zeit für ihn, die Einladungen loszuschicken, er hätte es längst tun sollen. Er würde alle seine Pflichten vernachlässigen, wenn er es noch länger hinausschieben würde. Hatte man ihm im übrigen nicht übertragen, die Vergnügungen, die anläßlich dieser Feier Brauch waren, zu organisieren? Es wäre noch schöner, wenn er sich dieser Ehre entzöge, die man ihm als einem der Hauptwürdenträger der Somalés der Gegend erwiesen hatte!
Er stand auf und kratzte sich, nachdem er sich die Augen mit dem Handrücken ausgerieben und die Nase mit den Fingern geschneuzt hatte. Er kratzte sich unter den Achseln. Er kratzte sich die Schenkel, den Kopf, den Hintern, den Rücken, die Arme.
Sich kratzen ist eine ausgezeichnete Übung. Es regt die Durchblutung an. Es ist gleichermaßen ein Spaß und eine Handlung von unbestreitbarem Wert. Man braucht nur um sich zu blicken: Alle Lebewesen kratzen sich, wenn sie aus dem Schlaf erwachen. Dem Beispiel zu folgen ist also gut, denn es ist natürlich. Wer sich nicht kratzt, ist schlecht aufgewacht.
Aber wenn sich kratzen gut ist, gähnen ist besser. Gähnen ist eine Weise, den Schlaf durch den Mund und durch die Nase zu vertreiben. Ist es möglich, daran zu zweifeln? Jeder kann sich von dieser übernatürlichen Erscheinung überzeugen. Sie tritt vor allem in der Zeit der kalten Nächte und der kühlen Morgen auf. Jedermann haucht dann jene Art geruchlosen Rauch aus, den der Blasebalg des Herzens, die Lunge, erzeugt.
Dieser Rauch beweist unter anderem, daß der Schlaf nichts anderes ist als ein verborgenes Feuer. Er war sich dessen sicher. Ein Fetischeur seines Vermögens braucht sich von niemand belehren zu lassen. Die Gunst N'Gakouras war sein Privileg.
Und überhaupt, man bedenke, wenn der Schlaf kein inneres Feuer wäre, wo käme der in Frage stehende Rauch dann her? Gibt es irgendwo Rauch ohne Feuer? Wenn ja, sollte man es ihm zeigen.
Gähnen, sich kratzen, das sind nebensächliche Gebärden. Während Batouala damit fortfuhr, stieß er in rascher Folge schallende Rülpser aus. Diese alte Gewohnheit hatte er von seinen Eltern, die sie ihrerseits von den ihrigen geerbt hatten. Die althergebrachten Sitten sind immer die besten. Sie sind meistens auf gesicherte Erfahrungen gegründet. Man kann sie deshalb gar nicht genug befolgen.
So dachte Batouala. Als Hüter der bedrohten Sitten blieb er den Traditionen treu, die seine Vorfahren ihm hinterlassen hatten, und stellte keine weiteren Fragen. Jedes Nachdenken über das Hergebrachte ist sinnlos.
Er faßte seinen Monolog zusammen und kam zu dem Schluß, daß er seine Freunde bald wissen lassen mußte, wo und wann das Fest der Ga'nzas stattfinden sollte. Für den Augenblick begnügte er sich jedoch damit, das Feuer, das seinen Schlaf erwärmt hatte, wieder anzufachen. Wenn Yassigui'ndja aufwachen würde, brauchte sie nur noch das ihre in Gang zu bringen. Mann ist Mann, und Frau ist Frau. Jeder lebt für sich, nicht für andere. Zumindest hatte man ihm das beigebracht.
In der Zwischenzeit hatte er die Hütte verlassen, kehrte jedoch rasch wieder zurück. Die Kälte hatte ihn gepackt, sobald er die Nase hinausstreckte. Er trug wie an allen Tagen nur seinen Lendenschurz als Bekleidung.
Deshalb hatte er sich vorsichtshalber wieder in seine Behausung zurückgezogen. Der Nebel war in der Zwischenzeit so dicht, daß er nicht einmal die Hütten hatte erkennen können, in denen seine acht anderen Frauen und die Kinder, die er von ihnen hatte, schliefen.
Mit klappernden Zähnen hockte er sich vor sein Feuer, wie sich alle Menschen mit schwarzer Haut hinhocken, das heißt, er saß zusammengekauert da, die Knie in Höhe des Kinns, die Arme über der Brust verschränkt, die linke Hand an die rechte Schulter und die rechte Hand an die linke Schulter geklammert, den Hintern auf den Fersen.
Die wohlige Wärme des Feuers machte seine erstarrten Gliedmaßen bald wieder gelenkig. Ach, wie angenehm das Leben war! Die Hände über den Flammen, begann er die Melodie eines bekannten Liedes zu summen, zu dem er, wie es kam, Worte und Verse erfand.
In diesem Lied war viel von weißen Kommandanten und noch mehr von Frauen die Rede.
'Der Mann ist für die Frau gemacht.
Und die Frau für den Mann.
Und die Frau für den Mann,
Yabao!
Für den Mann.'
Das Wort Yassi, das Frau bedeutet, kehrte im Refrain so häufig wieder, daß es schließlich ganz natürlich war, daß er an Yassigui'ndja dachte. Und durch eine ebenso natürliche Gedankenassoziation wurde er an seine männlichen Pflichten erinnert, denn bis zum heutigen Tag hatte er noch nie versäumt, ihnen jeden Morgen vor dem Aufstehen nachzukommen.