Fake for Real
Über die private und politische Taktik des So-tun-als-ob
Campus (Publisher)
1st Edition
Published in August 2005
Book
Hardback
285 pages
978-3-593-37675-2 (ISBN)
Description
Zwei streitbare junge Autorinnen zeigen: Die Welt, so wie sie wirklich ist, existiert nicht mehr. Inszenierung, Image und Schein sind die Leitplanken für Politik, Ökonomie und das ganz normale private Leben. Wir machen »Als-ob-Karrieren«, führen »Als-ob-Beziehungen« und schauen den Politikern jeden Sonntagabend bei ihren »Als-ob-Debatten « zu. Im gleichen Moment wird die Fälschung aber zur neuen subversiven Protestform, um das System von innen zu attackieren. Ist die »harmlose Heiapopeia-Generation« längst im Widerstand? Aus der Innenperspektive beschreiben die Autorinnen, wie die neuen Protest- und Überlebensformen in Politik und Alltag aussehen.
Reviews / Votes
Posieren, Fälschen und das Bohren dicker Bretter"Ein Pamphlet über den Abschied von Authentizitätsdogmen nach dem Ende von Spaßgesellschaft und New Economy." (Literaturen, 01.10.2005)
Generation 'Tarnen und Täuschen'
"Eine umfassende Studie zum Zustand des gerne mit dem Etikett 'Generation' versehenen, werberelevanten Milieus." (Frankfurter Rundschau, 12.10.2005)
Das wahre Leben steckt in der Fälschung
"Globalisierungskritische Bücher werden seit Jahren auf den Markt geworfen. Aber es gibt bisher wenige Werke, die die dadurch ausgelösten kulturellen Beben so bissig analysiert haben." (Stuttgarter Zeitung, 29.10.2005)
Buntstifte lügen nicht
"Die locker geschriebene Abhandlung durchkämmt sämtliche Bereiche der Populärkultur." (Jungle World, 16.11.2005)
Wie man die Massen kostümiert
"Eine mit eindrucksvollem praktischem und theoretischem Überbau dargebrachte These." (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.11.2005)
Authentisch Adieu!
"Das Buch liest sich flott weg ... und beschreibt die gesellschaftliche Praxis einer Schicht, deren Angehörige sich als Kultur-Intellektuelle verstehen." (Junge Welt, 23.11.2005)
Die Zukunft ist echt falsch
"Der Band liest sich wie eine originelle Sammlung der gängigsten postmodernen und poststrukturalistischen Diskurse ... Das hat Identifikationspotential, zumal die Autorinnen den Nerv der Zeit treffen, wenn sie darlegen, dass heute, wo Arbeitslosigkeit zum Mainstream, Alter eine Frage der Einstellung und Identität eine Pose geworden ist, neue Strategien entwickelt werden müssen, um mit dem eigenen Leben fertig zu werden. " (Spiegel Online, 10.12.2005)
More details
Language
German
Edition type
New edition
Illustrations
zahlreiche s/w-Abbildungen
Dimensions
Height: 21.5 cm
Width: 14 cm
Weight
500 gr
ISBN-13
978-3-593-37675-2 (9783593376752)
Schweitzer Classification
Persons
Judith Mair ist Expertin für Populärkultur und Imagestylistin. In ihrem Bestseller Schluss mit Lustig (2002) hat sie als Erste hart mit den Mythen der Bubble Economy abgerechnet. Silke Becker ist PR-Beraterin und freie Autorin mit den Schwerpunkten Design, Kunst und Kulturwissenschaften.
Content
Inhalt
Einleitung7
1.Kapitel13
Von der Nutzlosigkeit, erwachsen zu werden13
Authentizität als Pose27
Arbeitslosigkeit goes Mainstream36
Politisch sein - Kein Anschluss unter dieser Nummer48
2.Kapitel70
Realität: Under permanent Construction70
Die Welt als Marke: Sign oder nicht Sign85
Medien: Mittendrin statt nur dabei100
Politik heute: Nebenrollen zu vergeben 107
3.Kapitel117
Wer bin ich und wenn ja wie viele?117
Sowohl-als-auch: Das Ende der Ausschließlichkeit125
Das Prinzip Eigentlich: Leben im realen Konjunktiv 140
So-tun-als-ob: Der Schein trügt nie172
4.Kapitel188
Politischsein heute: Jenseits der Politik188
Rebel Sell: Protest am Point of Sale213
FAKE FOR REAL: Über das wahre Falsche und
falsche Ware230
Fake it or leave it: Das Ende der Harmlosigkeit 249
Literaturverzeichnis276
Bildnachweise284
Einleitung7
1.Kapitel13
Von der Nutzlosigkeit, erwachsen zu werden13
Authentizität als Pose27
Arbeitslosigkeit goes Mainstream36
Politisch sein - Kein Anschluss unter dieser Nummer48
2.Kapitel70
Realität: Under permanent Construction70
Die Welt als Marke: Sign oder nicht Sign85
Medien: Mittendrin statt nur dabei100
Politik heute: Nebenrollen zu vergeben 107
3.Kapitel117
Wer bin ich und wenn ja wie viele?117
Sowohl-als-auch: Das Ende der Ausschließlichkeit125
Das Prinzip Eigentlich: Leben im realen Konjunktiv 140
So-tun-als-ob: Der Schein trügt nie172
4.Kapitel188
Politischsein heute: Jenseits der Politik188
Rebel Sell: Protest am Point of Sale213
FAKE FOR REAL: Über das wahre Falsche und
falsche Ware230
Fake it or leave it: Das Ende der Harmlosigkeit 249
Literaturverzeichnis276
Bildnachweise284
Einleitung
"Es kommt weniger darauf an, das Ganze zu erfassen, sondern irgendwo anzufangen."
Heinz Bude
Schaltet man heute den Fernseher ein, schlendert durch Buch-handlungen oder schlägt die Zeitung auf, sieht und hört man immer wieder dieselben, die meinen, einem sagen zu müssen, worum die Welt sich eigentlich dreht und wohin die Reise geht. Die typischen, im medialen Raum dauercampierenden Meinungsmacher, die ihre Sicht der Dinge in Talkshowsesseln, Podiumsdiskussionen und auf Buch- oder Zeitungsseiten zum Besten geben, gehören dem etablierten Zirkel der "Immergleichen Selbsternannten Diskurshoheiten" (Rufname: "ISD") an. Ein typisches Bild, das sich einem bietet, wenn die ISD zum Palaver ansetzen, hat Sibylle Berg in Ende gut beschrieben: "Im Fernsehen auf allen Kanälen Gesprächsrunden alter Männer. Die dürfen das, alt sein und schlecht riechen, Couperose an den Rotweinzinken, Mistquatschen und dank Viagra auch noch ficken bis sie umfallen. Sloterdijk, Schäuble und Scholl-Latour, diverse haarlose Friedens-, Terror-, Al-Qaida- und Chaosforscher sitzen breitbeinig auf Talksesseln und fallen sich ins Wort."
Darüber könnte man mit etwas Geschick hinwegsehen und es, wie nicht unüblich, unter der Kategorie Parallelgesellschaft (Slogan: "Das ist nicht meine Welt") ablegen, wäre da nicht der selbst gebastelte Access-All-Areas-Pass in den Händen der ISD und ihr Anspruch, die Wahrheit gepachtet zu haben. Hört man ihnen zu, erfährt man allerhand, und zu guter Letzt auch bislang ungeahnte Neuigkeiten über sich selbst. Beispielsweise, dass man ein auf ästhetische Details versessenes, nicht mehr genügend Nachwuchs produzierendes, nicht erwachsen werden wollendes Ex-Dauermitglied der Spaßgesellschaft ist, das sich mit einem Leben als unauthentisches Remake zufrieden gibt, seine Meinung allenfalls in ironisch gefärbten Zwischenrufen kundtut und sich in der lässigen Pose des Unpolitischen gefällt. Und so steht man dann da. Wahlweise in der Rolle des unbelehrbaren, nicht an Konsens interessierten, globalisierungsfeindlichen Freaks, des sozialromantischen Retro-Idealisten, kategorisch unpolitischen Heiapopeia-Berufsjugendlichen oder der chronisch zu kurz gekommenen, gegen den Turbo-Kapitalismuswetternden Heulsuse.
Trotz alledem zählt man mit diesem kleinen Imageproblem noch lang nicht zu denen, die am meisten Grund zur Beschwerde hätten. In der aktuellen Schusslinie stehen - als desillusionierte Klingelton konsumierende Minderheit - die, die das sind, was die meisten gerne wären: jung. Und müssen sich dafür zum Dank nun von denen, die meinen, ein Dauerabonnement auf das zu haben, was man "Jugend" nennt,
erklären lassen, wie das eigentlich geht mit dem jung und wild sein.
Ob Heiapopeia-Generation oder Klingelton-Junkie - genau genommen zeigen beide Erfindungen eigentlich nur eins: Langsam und auch mit viel gutem Willen ist nicht mehr zu übersehen, dass die Maßstäbe, mit denen die ISD hantiert, um ihre Version der Wahrheit zu fabrizieren, ihr Haltbarkeitsdatum überschritten haben. Und das nicht erst seit gestern. Die meisten der heute verabreichten Die-Welt-so-wie-sie-wirklich-ist-Wahrheiten aus dem Hause ISD sind so ungenießbar geworden wie schlechte Milch.
Um die Welt, so wie sie wirklich ist, dreht sich dieses Buch dann auch weniger, sondern um das So-tun-als-ob - und damit um die genau entgegengesetzte Richtung. Beim So-tun-als-ob geht es um Aufmerksamkeit, Image, Inszenierung, Schein und Fiktion und damit um die Welt, so wie sie auch und noch sein könnte.
Für uns ist das So-tun-als-ob die ultimative private und politische Überlebensstrategie und ein weit verbreitetes, erstaunlich alltagstaugliches Muster. Anders gesagt: Mit dem So-tun-als-ob rettet man sich über den Tag, vermutet es bei anderen und unterstellt es den großen politischen, wirtschaftlichen und medialen Systemen. Wer so tut als ob, trägt gleichzeitig gesell-schaftlichen Veränderungen
(im Seminarjargon formuliert: Pluralisierung, Individualisierung, Fiktionalisierung, Ökonomisierung, Medialisierung, Ästhetisierung) Rechnung und balanciert so die Widersprüche aus, die Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik täglich zu ihm durchreichen.
In der politischen Dimension wird das Fake for Real zum politischen Instrument der Nichteinverstandenen: ein schier unerschöpfliches Sortiment an vielseitig einsetzbaren Kritik- und Protestformen aus gefakten Meinungen, Informationen oder Produkten, mit denen sich die Schwachstellen und Absurditäten des Systems durchaus offen legen lassen.
So ist dieses Buch dann auch der Versuch, herauszufinden, ob es sich bei dem Nichteinverstandensein tatsächlich um die mager besuchte Randveranstaltung der zum Dialog unfähigen Unbelehrbaren mit naiven ökonomischen Erstklässler-Kenntnissen handelt, als die sie uns verkauft werden soll. Oder ob wir es nicht längst mit einer gut besuchten Fankurve inklusive einer wachsenden Anzahl von Dauerkartenbesitzern zu tun haben, die sich fragen, ob oder wie sie ihrem Nichteinverstan-densein Gehör verschaffen können.
Unter der Prämisse - "Merkt hier eigentlich noch jemand was?" - widmet sich das erste Kapitel der Frage, was es heute bedeutet, erwachsen, erfolgreich, authentisch und politisch zu sein. Es antwortet damit auf die offiziell kursierenden, von der ISD in die Welt gesetzten Definitionen, die nicht mehr allzu viel taugen, da sie aus einer Zeit stammen, in der die gesellschaftspolitischen Koordinaten andere waren und das So-tun-als-ob die meisten der Bewertungsmuster noch nicht aus den Angeln gehoben hatte. Eine vergangene Zeit des "Mehr", der linearen Lebensläufe und des Wohlfahrtsstaates, in der zwischen Alten und Jungen, Arbeitslosen und Unternehmern, Fiktion und Realität, links und rechts oder Kritik und Konsens noch Welten la-gen. Höchste Zeit, die ungenießbar gewordenen Definitionen durch die Sowohl-als-auch- und So-ungefähr-Definitionen zu ersetzen, die schon eine ganze Weile jenseits der ISD existieren und sich als praxistauglich erweisen.
Im zweiten Kapitel werfen wir einen Blick auf die verschobenen Koordinaten, zwischen denen sich unser privates Alltagsleben abspielt. Im Mittelpunkt stehen die großen Realitätsproduzenten und -umschlagplätze (wie Marketing, Medien, Ökonomie, Politik) und die von ihnen produzierten Selfmade-Wahrheiten. Getreu der These, dass es nichts zwischen Himmel und Erde gibt, was nicht gesellschaftlich vermittelt ist, dreht es sich um das Standardsortiment der gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Bausteine, aus dem man sich bedient, um sich daraus Lebensstile, Meinungen und Identitäten zu basteln. Und da Form und Material der im Sortiment verfügbaren Bausteine in letzter Zeit oft verändert wurden, stehen auch die Wände des privaten Mikrokosmos verdächtig schräg. Anders gesagt: Es wird ungemütlich. Und immer schwieriger, den eige-nen Privatkosmos zum harmlosen gesellschaftspolitischen Niemandsland zu erklären.
Im dritten Kapitel finden sich die vier Anpassungsübungen und Strategien, um mit den Widersprüchen, die die beschriebenen Systeme
tagtäglich produzieren, halbwegs gekonnt zu jonglieren - ohne darüber verrückt oder depressiv zu werden. Anpassungsübungen, die ein wenig Struktur und Vergnügen in das Dickicht bringen: Mit einem "Wer bin ich und wenn ja wie viele?" erklärt der routinierte Zeitgenosse das Ich zum Zitat und das eigene Leben zum Film mit Drehbuch, Requisite und Publikum. Mit einem entschiedenen "Sowohl-als-auch" widersetzt er sich trotzig der Ausschließlichkeit der So-und-nicht-anders-Denkenden und erklärt Widersprüche zum einzig Verlässlichen und Eindeutigen. Sollte es dennoch Turbulenzen geben, kann man immer noch "Das Prinzip Eigentlich" als Joker einsetzen, mit dem das Mögliche im Handumdrehen zum Tatsächlichen wird - eine unverzichtbare Voraussetzung für das einzig wahre, authentische Leben im "So-tun-als-ob-Modus".
Das vierte Kapitel greift unter den Vorzeichen des zweiten und dritten Kapitels die Frage auf, ob, und wenn ja, wie, es heute möglich ist, politisch zu sein. Es erzählt von neuen Formen des politischen Protests, die sich den klassischen Politikbereichen entziehen und auf den Feldern der Populärkultur wildern. Es zeigt, wie eng Kritik und Konsum heute ineinander verkeilt sind und welche geschickten Defensivstrategien Wirtschaft und Politik entwickelt haben, um Kritik erst zu verharmlosen - und dann für sich auszuschlachten. Wer sich unter Politischsein, trotz des gewieften Ausverkaufs und der Banalisierung des Dagegegenseins, etwas anderes vorstellt als Charity-Galas und Eier von freilaufenden Hühnern zu kaufen, sollte es einmal mit dem Fake for Real versuchen: Die politische Variante des So-tun-als-ob, mit der sich hervorragend ein paar symbolisch explosive Bausteine in die tragenden Wände der Systeme einschleusen lassen - und die "Ordnung des Diskurses" durchaus gestört werden könnte.
1. Kapitel
"Wenn wir uns an Metaphern klammern, die wir als Kinder gehört haben, werden wir sicher untergehen. Sie beschreiben nicht mehr unsere persönliche oder globale Erfahrung. Wie ein Kind, das zu lange unter dem Rock der Mutter bleibt, bleiben wir in unserer Entwicklung stecken. Wie ein überfälliger Fötus vergiften wir den Planeten, der uns hervorgebracht hat. Es ist an der Zeit, uns selbst zu entbinden."
Douglas Rushkoff
Von der Nutzlosigkeit, erwachsen zu werden*
Erwachsensein als Privatveranstaltung
Wenn derzeit jemand an seinem Image arbeiten müsste, dann wäre es das Erwachsensein - inklusive seinem persönlichen, ein wenig mehr nach Dynamik klingenden Zubringer: dem Er-wachsenwerden. Man kann es drehen und wenden wie man will: Es sieht einfach alt aus.
Dass es um den Begriff nicht gut bestellt ist, zeigt auch dessen mediale Verwertung - meist ein relativ verlässlicher Indikator, um etwas
über die ideelle Kursnotierung, und damit das Image einer Sache, zu erfahren.
Da wäre zunächst die Ermahnung "Tu nicht so erwachsen!" (Abbildung 1), zum Beispiel in einer Anzeigenkampagne für den Renault Modus, von der anzunehmen ist, dass sie sich an Voll-jährige wendet.
"Eigentlich sollten wir erwachsen werden", lautet wiederum das Motto des Magazins Neon, das sich laut eigener Aussage an all jene Menschen wendet, "die erwachsen geworden sind, sich dafür aber eigentlich noch zu jung fühlen". Stornierte Nachfragen und fallende Umsatzzahlen meldet auch die Wissenschaft:
"Das Erwachsenen-Alter ist für viele keine erstrebenswerte Entwicklungsphase mehr. Es erscheint den wenigsten als Fortschritt", so der Kinder- und Jugendpsychologe Helmut Wetzel von der Universität Freiburg. Kurzum: Ob in Werbeagenturen, Redaktionen oder Instituten, hier wie da herrscht die Einsicht, Erwachsensein ist unsexy und lohnt sich nicht.
Eine Handvoll guter Gründe dafür liefert Irvine Welschs oft zitierter Satz aus Trainspotting:
"Sag ja zum Leben, sag ja zum Job, sag ja zur Karriere, sag ja zur Familie. Sag ja zu einem pervers großen Fernseher. Sag ja zu Waschmaschinen, Autos, CD-Playern und elektri-schen Dosenöffnern. Sag ja zur Gesundheit, niedrigem Cholesterinspiegel und Zahnzusatzversicherung. Sag ja zur Bausparkasse, sag ja zur ersten Eigentumswohnung, sag ja zu den richtigen Freunden. Sag ja zur Freizeitkleidung mit passenden Koffern, sag ja zum dreiteiligen Anzug auf Ratenzahlung in hundert Scheiß-Stoffen. Sag ja zu Do-it-yourself und dazu, auf deiner Couch zu hocken und dir hirnlähmende Gameshows reinzuziehen. Und dich dabei mit Scheiß-Junk-Fraß voll zu stopfen. Sag ja dazu, am Schluss vor dich hin zu verwesen, dich in einer elenden Bruchbude voll zu pissen und den missratenen Ego-Ratten von Kindern, die du gezeugt hast, damit sie dich ersetzen, nur noch peinlich zu sein. Sag ja zur Zukunft, sag ja zum Leben."
Bessere Umfragewerte erzielt das Erwachsensein nur bei jenen, die es allein vom Hörensagen kennen, also bei denen, die es selbst, zumindest rein rechtlich, noch nicht sind. Die betreffenden Eintrittskoordinaten lauten 18/18, heißen volljährig und haben allerhand
Möglichkeiten und Rechte im Gepäck, wobei der Führerschein und die Volltrunkenheit bis spät in die Nacht zu den beliebtesten gehören - nicht so das uneingeschränkte Wahlrecht.
Wie das Wort schon in sich verdeutlicht, lehnt es sich aktiv an einen Vorgang, das Erwachsenwerden an, und will man diesen Prozess erfolgreich absolvieren, sind vorweg zwei Fragen zu beantworten.
Die erste lautet: "Was will ich?" An sie schließt sich, sobald beantwortet, Frage Nr. 2 an: "Wie erreiche ich das (was ich will)?" Dabei ist vorgesehen, dass Frage Nr. 1 zügig beantwortet wird, damit möglichst rasch mit der Umsetzung des lückenlosen Strategieplans - als Antwort auf Frage Nr. 2 - begonnen werden kann. Nicht vorgesehen ist hingegen: erstens sich Fragen Nr. 1 und 2 mehrmals zu stellen, zweitens sich mit den Antworten Zeit zu lassen und drittens die Gegenfrage: Warum? Heute, da die Frage nach dem Warum einen der vorderen Plätze im Katalog der kollektiven Lieblingsfragen belegt und das Infragestellen einmal gefasster Entschlüsse und eingeschlage-ner Wege längst zum guten Ton gehört, braucht es hingegen einige Mühe und auch ein wenig Dogmatismus, um sie sich nicht zu stellen. Und so entpuppt sich das herbeigesehnte Privileg, die alleinige Verantwortung für seine Entscheidungen zu übernehmen, nicht selten als fortschreitendes Desaster, dem niemand ein Ende macht, nicht einmal man selbst.
"Exploration" nennt Norbert Bolz die Phase der Entdeckungen, des Entlassens in die Orientierungslosigkeit, in ein Leben voller
Wahlmöglichkeiten. Wobei die Frage lautet: Welche Konsequenzen, die zu tragen man ermahnt wird, sind überhaupt überschaubar? So ist man, noch ehe man sich versieht, mittendrin im Marathon der Gewissensbisse und der Doppelbödigkeit und damit weit entfernt von dem, was Bolz als eine unsere Kultur versorgende "Zeit der Neugier und Frechheit" bezeichnet: eine "Einheit von erwarteter Überraschung und Problemlösungsverhalten". Was er nicht sieht: Die Frechheit, mit der sich die neugierig erwarteten Überraschungen als unerwartete Probleme entpuppen. Was unschwer daran zu erkennen ist, dass man heute immer wieder die gleichen oder zumindest ähnliche Probleme wälzt wie die, die schon in der Postpubertät nur für ratloses Schulterzucken gesorgt haben.
Das einzige, was sich mit fortschreitendem Alter verändert, ist die Dimension der Verstrickung in kapitalistische Loops, die immer
größere Kreise ziehen. Anders gesagt: Probleme werden nicht länger gelöst, sondern verschoben, Entscheidungen nicht länger getroffen, sondern auf morgen vertagt und aus der Forderung nach Taschengelderhöhung ist längst das routinierte Schielen auf das Limit des eigenen Dispos geworden. Es scheint vor allem der finale Charakter zu sein, der dogmatisch erhobene So-und-nicht-anders-man-gewöhnt-sich-an-alles-Zeigefinger, der dafür sorgt, dass manch einen die Befürchtung beschleicht, das Beste sei nun vorbei, ab sofort käme es lediglich darauf an, das Beste draus zu machen.
Dabei war es um das Erwachsensein längst nicht immer so schlecht bestellt. In den Fünfzigern, als dem Leben noch mit Eindeutigkeit beizukommen war und die Antworten auf die Frage nach dem Warum sich erschreckend ähnelten, erfreute es sich größter Beliebtheit und galt damit durchaus als das, was man heute hip nennen würde.
Statt wie heute Sechzigjährige bei der Beteuerung ihrer Ju-gendlichkeit zu bestaunen, war es damals nicht unüblich, bereits mit Mitte 30 dem Lebensstil eines Rentnerpaares nachzueifern.
Wobei es nicht das Geringste gegen Bowle-Partys, Cocktailsessel, Petticoats und Weintrauben-Käsespießchen zu sagen gäbe - aber dann kam die Individualisierung dazwischen und mit ihr das, was man im Soziologenjargon "Pluralisierung der Lebensstile" nennt.
Damit war der serielle Mangel an Gelegenheiten vorbei - bis heute der sicherste Garant eines auf Eindeutigkeit und Routine basierenden "erwachsenen" Lebens.
Umso erstaunlicher ist, wie unversehrt die auf die fünfziger Jahre datierte Version des Erwachsenseins diese Entwicklung überstanden hat. Als hätte es die letzten Jahrzehnte irgendwo überwintert, steht es da in seinem muffigen, dürftig überarbeiteten Fifties-Look, aus dem es längst herausgewachsen ist, um uns Erklärungsformen zu präsentieren, die nicht mehr im geringsten dazu taugen, die Wirklichkeit zu beschreiben. Und auch ein Revival scheint nicht in Sichtweite. Die Cocktailsessel der fünfziger Jahre (alles Originale!) stehen inzwischen in Designer-Shops, Kleiderständer mit Petticoats bei H&M und Käsespießchen auf Geburtstagsfeiern. Nur das Erwachsensein eignet sich offensichtlich schlecht als popkulturelles Zitat, "Erwachsensein rockt"-Buttons wurden bisher jedenfalls nicht gesichtet. Und auch sonst scheint nicht zu befürchten, dass es in ein paar Jahren mit dem Nostalgielabel Retro - dem offiziell anerkannten Gütesiegel totaler Harmlosigkeit - ausgezeichnet zu neuer Popularität gelangt. Was daran liegen mag, dass sich seit Jahrzehnten niemand um ein inhaltliches oder marketingtechnisches Update gekümmert hat.
Und so ist, da weder der Zustand selbst noch die Beschäftigung mit ihm besonders erstrebenswert erscheint, dem Erwachsensein das widerfahren, was man gemeinhin von Produkten kennt, zu denen kaum noch einer greift. Es wirkt wie aus einer anderen Zeit und doch noch immer nicht fremd genug, um mit einem gewissen Charme zu kokettieren. Was wiederum ein Indiz dafür ist, dass es als
Realitätsdefinitionsetikett "immer noch" zu viel Aktualität besitzt, um "schon wieder" aufgewärmt und durch den ästhetischen Durchlauferhitzer gejagt zu werden.
Die Wahl der richtigen Koordinaten: So und nicht anders - Das alles und noch viel mehr.
Wirft man einen Blick auf die offiziell verfügbaren Definitionen, so hat man die Auswahl zwischen mehr als einer Hand voll Versionen des Erwachsenseins. Hier die zwölf wichtigsten:
1.Die Altersgrenze-Variante (30plus),
2.die die ökonomische Unabhängigkeit betonende (keine Kontoeingänge von Familienangehörigen),
3.die Wohlstandsvariante ("Mein Haus, mein Auto, mein Boot"),
4.die biologische (schwaches Bindegewebe, Haarausfall),
5.sowie, direkt damit zusammenhängend, die die Partnerwahl prägende ("Ja, die inneren Werte"),
6.weiter die akademische (Nietzsche statt Nintendo),
7.die institutionelle (Familie, Heirat),
8.die vorsorgende (Rentenversicherung, Bausparvertrag),
9.die ästhetische ("keine Kerzen aus dem Supermarkt"),
10.die genussorientierte (Burgunder statt Dosenbier),
11.die berufliche ("Und was machen Sie so?"),
12.und die freizeitorientierte Variante ("Ich muss morgen früh raus.").
Auch wenn alle Varianten zusammengenommen stark an einen Horrortrip mit Oneway-Ticket erinnern, besteht nicht der geringste Grund zur Beunruhigung, da sie, zumindest im Dutzend - "12 von 12? Gratuliere!" - als verlässliche Anhaltspunkte des Erwachsenseins ausgedient haben.
Soweit bis hierhin sichtbar, ist das, was man unter Erwachsensein versteht, individuell aushandelbar geworden und damit eine Frage der Perspektive - und die ist, so wissen wir spätestens seit Marx, eine Frage des eigenen Standpunkts.
Für die einen ist die schrumpfende Minirockquote im Kleiderschrank und der Kauf von Kunst als Wertanlage ein untrügerisches Indiz; für andere die steigende Nichtraucherquote im Freundeskreis, der Wechsel von weißem zu braunem Zucker, Bettwäsche ohne Muster, sexuelle Handlungen mit jemandem, den man kurz zuvor noch gesiezt hat, Kochen nach Jamie Oliver oder die Bereitschaft, die Telefonnummer seines Drogendealers jederzeit gegen die eines guten Orthopäden einzutauschen. Während wieder andere die Angewohnheit kultivieren, in der Rückbesinnung auf kindgerechte Erinnerungshäppchen die zeitliche Distanz zum Hier und Jetzt zu messen, um sich so auf der sicheren Seite des Erwachsenseins zu wähnen.
Die Pflicht und Kür des Erwachsenseins liegen nach wie vor offensichtlich in der gekonnten Dosierung von ergriffenen und, vermehrt, offen gehaltenen Optionen - was wiederum in unterschiedlichen Strategien der Festlegung und Vermeidung deutlich wird, so wie es die folgenden zwei populären Versionen zeigen:
Da wäre zunächst die konservative, etablierte Form. Sie propagiert seit jeher Festlegung und definitive Entscheidungen "mit Perspektive!". Allerdings ist schon seit längerem zu beobachten, wie diese Version in einer Gesellschaft, die Flexibilität und Mobilität propagiert, zunehmend unter Druck gerät. Nehmen wir beispielsweise ein junges, frisch verheiratetes Paar, so wie man es, zugegebenermaßen, immer seltener trifft, aber dennoch kennt: Sie hat gerade das erste Kind bekommen, letztes Jahr haben sie eine Eigentumswohnung gekauft, die mit etwas Glück ziemlich genau dann abbezahlt ist, wenn die beiden genau doppelt so alt sind wie heute. Gäbe es einen Wettbewerb mit dem Motto "Wer ist am erwachsensten?", würde man den beiden gute Chancen auf einen Platz in der Endrunde einräumen.
Doch selbst das scheint weit gefehlt. Aus dem schlichten Grund, weil ein Leben, das auf langfristigen Planungen und Anschaffungen basiert, wie sie Kinder, Festgehälter und gemeinsam bezogene Eigentumswohnungen mit sich bringen, längst zu dem geworden ist, was Extremsportarten gerne sein würden: Eine permanente Gefährdung.
Wäre man aufgefordert einen Mottospruch für ein solches Leben im vermeintlichen Erwachsenenstatus zum Besten zu geben, so wäre er mit "No Risk, no Fun" nicht schlecht getroffen. Die Chance allerdings, dass es, so wie geplant, gutgeht, liegt bereits rein statisch betrachtet bei niederschmetternden 50 Prozent. Und so zeigt sich: Wer es sich heute unter strengen Sicherheitsauflagen in einem institutionalisierten Mangel an Gelegenheiten gemütlich macht, schlägt damit zugleich das aus, was die Multioptionsgesellschaft erst
höflich offeriert und dann energisch fordert: Umbaumaßnahmen. Wer sich hier zu schnell zu langfristig festlegt, auf das Endgültige baut und Alternativen die Hintertürchen verriegelt, ist im schlimmsten Fall genau das Gegenteil von dem was er gern wäre, nämlich hand-lungsunfähig und perspektivlos.
Und so sind es auch immer wieder diejenigen, die ihre Bühne und Kulisse mit den Symbolen des Endgültigen, den alten Indizien des Erwachsenseins dekorieren, die besonders unsicher und unerwachsen wirken, wenn man sie aus ihrem mühevoll zusammengezimmerten Leben herausreißt.
Auf der anderen Seite finden wir den entgegengesetzten Typus, dessen Interesse darin besteht, sich möglichst viele Optionen offen zu halten. Da eine Entscheidung immer auch Festlegung und damit den Verzicht auf andere Möglichkeiten bedeutet, wird versucht, Entscheidungen zu vermeiden oder nur zögerlich zu treffen.
Ist eine Entscheidung unumgänglich, wird diese häufig mit einem eigens ausgehandelten Umtauschrecht, rhetorischen Rücknahmeklauseln und dem Stempel "zu meinen Bedingungen" versehen. Wohinter der schlichte Versuch steht, die Entscheidung selbst und die damit verbundenen Konsequenzen so revidierbar und elastisch wie möglich zu halten.
Das Leben, das bei diesen Varianten herauskommt, verspricht zumindest abwechslungsreicher zu sein. Doch auch hier gibt es einen Haken, der in der Kalkulation schnell übersehen wird: die Halbwertszeit der angebotenen Möglichkeiten des individuellen Optionensortiments.
Das Tückische dabei ist, dass selten ein exaktes und gut leserliches Haltbarkeitsdatum darüber Auskunft gibt, wann die Sache ungenießbar wird. Manche Möglichkeiten verfallen ungewöhnlich leise, fast unmerklich ("Das maximale Alter der Bewerber für das Stipendium ist leider überschritten."), andere werden plötzlich aus dem Programm genommen ("Einmal im Leben Concorde fliegen.") oder verlieren einfach ihren Reiz ("Zelten? Ich habe eine Four-Seasons-Member-Card!").
Irgendwann beginnen sich die mit der banalen Mitteilung "zu spät" gestempelten, ungenutzten Möglichkeiten zu stapeln wie Pappkartons, wobei das Nettoladegewicht ständig zunimmt.
So endet das anfangs noch euphorische Bekenntnis, sich alles offen zu lassen, nicht selten mit der weniger euphorischen Einsicht, dass das Sortiment der Optionen, auf das man nun zugreifen kann, längst nicht mehr so reichhaltig bestückt ist. Im schlimmsten Fall bleibt von der anfangs so emsig verteidigten eigenen Entscheidung und Offenheit nur die ernüchternde Ein-sicht, dass sich die freie Wahl darin erschöpft, das kleinste der verbleibenden Übel zu wählen.
"Vielleicht kriegen wir Kinder, und vielleicht eröffnen wir ein Fischrestaurant", so die 25-jährige Anti-Heldin in Douglas Couplands Roman Generation X - und ergänzt, die Halbwertzeit ihrer Möglichkeiten ahnend: "Aber ich muss es jetzt tun . bald handeln, meine ich, weil die aktuelle Version meiner selbst sich bereits verflüchtigt." Udo Volker Marquardt nennt in Das Wissen der 35-Jährigen den "Point of no Return" als den Punkt "an dem, ohne dass man sich für oder gegen sie entschieden hätte, eine Menge Optionen von allein
weggefallen sind" und ergänzt: "Wir sind in einem Alter, in dem wir nicht so einfach von vorne anfangen können." Eine Ahnung, die auch die einst Barbourjacken tragenden Generation Golf zwei-Protagonisten in ihren Altbauwohnungen in Berlin-Charlottenburg beschleicht und die sie mit der etwas kraftlosen Beteuerung "Eigentlich könnte ich mir vorstellen, auch etwas ganz anderes zu machen" wegzufegen versuchen.
"Es kommt weniger darauf an, das Ganze zu erfassen, sondern irgendwo anzufangen."
Heinz Bude
Schaltet man heute den Fernseher ein, schlendert durch Buch-handlungen oder schlägt die Zeitung auf, sieht und hört man immer wieder dieselben, die meinen, einem sagen zu müssen, worum die Welt sich eigentlich dreht und wohin die Reise geht. Die typischen, im medialen Raum dauercampierenden Meinungsmacher, die ihre Sicht der Dinge in Talkshowsesseln, Podiumsdiskussionen und auf Buch- oder Zeitungsseiten zum Besten geben, gehören dem etablierten Zirkel der "Immergleichen Selbsternannten Diskurshoheiten" (Rufname: "ISD") an. Ein typisches Bild, das sich einem bietet, wenn die ISD zum Palaver ansetzen, hat Sibylle Berg in Ende gut beschrieben: "Im Fernsehen auf allen Kanälen Gesprächsrunden alter Männer. Die dürfen das, alt sein und schlecht riechen, Couperose an den Rotweinzinken, Mistquatschen und dank Viagra auch noch ficken bis sie umfallen. Sloterdijk, Schäuble und Scholl-Latour, diverse haarlose Friedens-, Terror-, Al-Qaida- und Chaosforscher sitzen breitbeinig auf Talksesseln und fallen sich ins Wort."
Darüber könnte man mit etwas Geschick hinwegsehen und es, wie nicht unüblich, unter der Kategorie Parallelgesellschaft (Slogan: "Das ist nicht meine Welt") ablegen, wäre da nicht der selbst gebastelte Access-All-Areas-Pass in den Händen der ISD und ihr Anspruch, die Wahrheit gepachtet zu haben. Hört man ihnen zu, erfährt man allerhand, und zu guter Letzt auch bislang ungeahnte Neuigkeiten über sich selbst. Beispielsweise, dass man ein auf ästhetische Details versessenes, nicht mehr genügend Nachwuchs produzierendes, nicht erwachsen werden wollendes Ex-Dauermitglied der Spaßgesellschaft ist, das sich mit einem Leben als unauthentisches Remake zufrieden gibt, seine Meinung allenfalls in ironisch gefärbten Zwischenrufen kundtut und sich in der lässigen Pose des Unpolitischen gefällt. Und so steht man dann da. Wahlweise in der Rolle des unbelehrbaren, nicht an Konsens interessierten, globalisierungsfeindlichen Freaks, des sozialromantischen Retro-Idealisten, kategorisch unpolitischen Heiapopeia-Berufsjugendlichen oder der chronisch zu kurz gekommenen, gegen den Turbo-Kapitalismuswetternden Heulsuse.
Trotz alledem zählt man mit diesem kleinen Imageproblem noch lang nicht zu denen, die am meisten Grund zur Beschwerde hätten. In der aktuellen Schusslinie stehen - als desillusionierte Klingelton konsumierende Minderheit - die, die das sind, was die meisten gerne wären: jung. Und müssen sich dafür zum Dank nun von denen, die meinen, ein Dauerabonnement auf das zu haben, was man "Jugend" nennt,
erklären lassen, wie das eigentlich geht mit dem jung und wild sein.
Ob Heiapopeia-Generation oder Klingelton-Junkie - genau genommen zeigen beide Erfindungen eigentlich nur eins: Langsam und auch mit viel gutem Willen ist nicht mehr zu übersehen, dass die Maßstäbe, mit denen die ISD hantiert, um ihre Version der Wahrheit zu fabrizieren, ihr Haltbarkeitsdatum überschritten haben. Und das nicht erst seit gestern. Die meisten der heute verabreichten Die-Welt-so-wie-sie-wirklich-ist-Wahrheiten aus dem Hause ISD sind so ungenießbar geworden wie schlechte Milch.
Um die Welt, so wie sie wirklich ist, dreht sich dieses Buch dann auch weniger, sondern um das So-tun-als-ob - und damit um die genau entgegengesetzte Richtung. Beim So-tun-als-ob geht es um Aufmerksamkeit, Image, Inszenierung, Schein und Fiktion und damit um die Welt, so wie sie auch und noch sein könnte.
Für uns ist das So-tun-als-ob die ultimative private und politische Überlebensstrategie und ein weit verbreitetes, erstaunlich alltagstaugliches Muster. Anders gesagt: Mit dem So-tun-als-ob rettet man sich über den Tag, vermutet es bei anderen und unterstellt es den großen politischen, wirtschaftlichen und medialen Systemen. Wer so tut als ob, trägt gleichzeitig gesell-schaftlichen Veränderungen
(im Seminarjargon formuliert: Pluralisierung, Individualisierung, Fiktionalisierung, Ökonomisierung, Medialisierung, Ästhetisierung) Rechnung und balanciert so die Widersprüche aus, die Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik täglich zu ihm durchreichen.
In der politischen Dimension wird das Fake for Real zum politischen Instrument der Nichteinverstandenen: ein schier unerschöpfliches Sortiment an vielseitig einsetzbaren Kritik- und Protestformen aus gefakten Meinungen, Informationen oder Produkten, mit denen sich die Schwachstellen und Absurditäten des Systems durchaus offen legen lassen.
So ist dieses Buch dann auch der Versuch, herauszufinden, ob es sich bei dem Nichteinverstandensein tatsächlich um die mager besuchte Randveranstaltung der zum Dialog unfähigen Unbelehrbaren mit naiven ökonomischen Erstklässler-Kenntnissen handelt, als die sie uns verkauft werden soll. Oder ob wir es nicht längst mit einer gut besuchten Fankurve inklusive einer wachsenden Anzahl von Dauerkartenbesitzern zu tun haben, die sich fragen, ob oder wie sie ihrem Nichteinverstan-densein Gehör verschaffen können.
Unter der Prämisse - "Merkt hier eigentlich noch jemand was?" - widmet sich das erste Kapitel der Frage, was es heute bedeutet, erwachsen, erfolgreich, authentisch und politisch zu sein. Es antwortet damit auf die offiziell kursierenden, von der ISD in die Welt gesetzten Definitionen, die nicht mehr allzu viel taugen, da sie aus einer Zeit stammen, in der die gesellschaftspolitischen Koordinaten andere waren und das So-tun-als-ob die meisten der Bewertungsmuster noch nicht aus den Angeln gehoben hatte. Eine vergangene Zeit des "Mehr", der linearen Lebensläufe und des Wohlfahrtsstaates, in der zwischen Alten und Jungen, Arbeitslosen und Unternehmern, Fiktion und Realität, links und rechts oder Kritik und Konsens noch Welten la-gen. Höchste Zeit, die ungenießbar gewordenen Definitionen durch die Sowohl-als-auch- und So-ungefähr-Definitionen zu ersetzen, die schon eine ganze Weile jenseits der ISD existieren und sich als praxistauglich erweisen.
Im zweiten Kapitel werfen wir einen Blick auf die verschobenen Koordinaten, zwischen denen sich unser privates Alltagsleben abspielt. Im Mittelpunkt stehen die großen Realitätsproduzenten und -umschlagplätze (wie Marketing, Medien, Ökonomie, Politik) und die von ihnen produzierten Selfmade-Wahrheiten. Getreu der These, dass es nichts zwischen Himmel und Erde gibt, was nicht gesellschaftlich vermittelt ist, dreht es sich um das Standardsortiment der gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Bausteine, aus dem man sich bedient, um sich daraus Lebensstile, Meinungen und Identitäten zu basteln. Und da Form und Material der im Sortiment verfügbaren Bausteine in letzter Zeit oft verändert wurden, stehen auch die Wände des privaten Mikrokosmos verdächtig schräg. Anders gesagt: Es wird ungemütlich. Und immer schwieriger, den eige-nen Privatkosmos zum harmlosen gesellschaftspolitischen Niemandsland zu erklären.
Im dritten Kapitel finden sich die vier Anpassungsübungen und Strategien, um mit den Widersprüchen, die die beschriebenen Systeme
tagtäglich produzieren, halbwegs gekonnt zu jonglieren - ohne darüber verrückt oder depressiv zu werden. Anpassungsübungen, die ein wenig Struktur und Vergnügen in das Dickicht bringen: Mit einem "Wer bin ich und wenn ja wie viele?" erklärt der routinierte Zeitgenosse das Ich zum Zitat und das eigene Leben zum Film mit Drehbuch, Requisite und Publikum. Mit einem entschiedenen "Sowohl-als-auch" widersetzt er sich trotzig der Ausschließlichkeit der So-und-nicht-anders-Denkenden und erklärt Widersprüche zum einzig Verlässlichen und Eindeutigen. Sollte es dennoch Turbulenzen geben, kann man immer noch "Das Prinzip Eigentlich" als Joker einsetzen, mit dem das Mögliche im Handumdrehen zum Tatsächlichen wird - eine unverzichtbare Voraussetzung für das einzig wahre, authentische Leben im "So-tun-als-ob-Modus".
Das vierte Kapitel greift unter den Vorzeichen des zweiten und dritten Kapitels die Frage auf, ob, und wenn ja, wie, es heute möglich ist, politisch zu sein. Es erzählt von neuen Formen des politischen Protests, die sich den klassischen Politikbereichen entziehen und auf den Feldern der Populärkultur wildern. Es zeigt, wie eng Kritik und Konsum heute ineinander verkeilt sind und welche geschickten Defensivstrategien Wirtschaft und Politik entwickelt haben, um Kritik erst zu verharmlosen - und dann für sich auszuschlachten. Wer sich unter Politischsein, trotz des gewieften Ausverkaufs und der Banalisierung des Dagegegenseins, etwas anderes vorstellt als Charity-Galas und Eier von freilaufenden Hühnern zu kaufen, sollte es einmal mit dem Fake for Real versuchen: Die politische Variante des So-tun-als-ob, mit der sich hervorragend ein paar symbolisch explosive Bausteine in die tragenden Wände der Systeme einschleusen lassen - und die "Ordnung des Diskurses" durchaus gestört werden könnte.
1. Kapitel
"Wenn wir uns an Metaphern klammern, die wir als Kinder gehört haben, werden wir sicher untergehen. Sie beschreiben nicht mehr unsere persönliche oder globale Erfahrung. Wie ein Kind, das zu lange unter dem Rock der Mutter bleibt, bleiben wir in unserer Entwicklung stecken. Wie ein überfälliger Fötus vergiften wir den Planeten, der uns hervorgebracht hat. Es ist an der Zeit, uns selbst zu entbinden."
Douglas Rushkoff
Von der Nutzlosigkeit, erwachsen zu werden*
Erwachsensein als Privatveranstaltung
Wenn derzeit jemand an seinem Image arbeiten müsste, dann wäre es das Erwachsensein - inklusive seinem persönlichen, ein wenig mehr nach Dynamik klingenden Zubringer: dem Er-wachsenwerden. Man kann es drehen und wenden wie man will: Es sieht einfach alt aus.
Dass es um den Begriff nicht gut bestellt ist, zeigt auch dessen mediale Verwertung - meist ein relativ verlässlicher Indikator, um etwas
über die ideelle Kursnotierung, und damit das Image einer Sache, zu erfahren.
Da wäre zunächst die Ermahnung "Tu nicht so erwachsen!" (Abbildung 1), zum Beispiel in einer Anzeigenkampagne für den Renault Modus, von der anzunehmen ist, dass sie sich an Voll-jährige wendet.
"Eigentlich sollten wir erwachsen werden", lautet wiederum das Motto des Magazins Neon, das sich laut eigener Aussage an all jene Menschen wendet, "die erwachsen geworden sind, sich dafür aber eigentlich noch zu jung fühlen". Stornierte Nachfragen und fallende Umsatzzahlen meldet auch die Wissenschaft:
"Das Erwachsenen-Alter ist für viele keine erstrebenswerte Entwicklungsphase mehr. Es erscheint den wenigsten als Fortschritt", so der Kinder- und Jugendpsychologe Helmut Wetzel von der Universität Freiburg. Kurzum: Ob in Werbeagenturen, Redaktionen oder Instituten, hier wie da herrscht die Einsicht, Erwachsensein ist unsexy und lohnt sich nicht.
Eine Handvoll guter Gründe dafür liefert Irvine Welschs oft zitierter Satz aus Trainspotting:
"Sag ja zum Leben, sag ja zum Job, sag ja zur Karriere, sag ja zur Familie. Sag ja zu einem pervers großen Fernseher. Sag ja zu Waschmaschinen, Autos, CD-Playern und elektri-schen Dosenöffnern. Sag ja zur Gesundheit, niedrigem Cholesterinspiegel und Zahnzusatzversicherung. Sag ja zur Bausparkasse, sag ja zur ersten Eigentumswohnung, sag ja zu den richtigen Freunden. Sag ja zur Freizeitkleidung mit passenden Koffern, sag ja zum dreiteiligen Anzug auf Ratenzahlung in hundert Scheiß-Stoffen. Sag ja zu Do-it-yourself und dazu, auf deiner Couch zu hocken und dir hirnlähmende Gameshows reinzuziehen. Und dich dabei mit Scheiß-Junk-Fraß voll zu stopfen. Sag ja dazu, am Schluss vor dich hin zu verwesen, dich in einer elenden Bruchbude voll zu pissen und den missratenen Ego-Ratten von Kindern, die du gezeugt hast, damit sie dich ersetzen, nur noch peinlich zu sein. Sag ja zur Zukunft, sag ja zum Leben."
Bessere Umfragewerte erzielt das Erwachsensein nur bei jenen, die es allein vom Hörensagen kennen, also bei denen, die es selbst, zumindest rein rechtlich, noch nicht sind. Die betreffenden Eintrittskoordinaten lauten 18/18, heißen volljährig und haben allerhand
Möglichkeiten und Rechte im Gepäck, wobei der Führerschein und die Volltrunkenheit bis spät in die Nacht zu den beliebtesten gehören - nicht so das uneingeschränkte Wahlrecht.
Wie das Wort schon in sich verdeutlicht, lehnt es sich aktiv an einen Vorgang, das Erwachsenwerden an, und will man diesen Prozess erfolgreich absolvieren, sind vorweg zwei Fragen zu beantworten.
Die erste lautet: "Was will ich?" An sie schließt sich, sobald beantwortet, Frage Nr. 2 an: "Wie erreiche ich das (was ich will)?" Dabei ist vorgesehen, dass Frage Nr. 1 zügig beantwortet wird, damit möglichst rasch mit der Umsetzung des lückenlosen Strategieplans - als Antwort auf Frage Nr. 2 - begonnen werden kann. Nicht vorgesehen ist hingegen: erstens sich Fragen Nr. 1 und 2 mehrmals zu stellen, zweitens sich mit den Antworten Zeit zu lassen und drittens die Gegenfrage: Warum? Heute, da die Frage nach dem Warum einen der vorderen Plätze im Katalog der kollektiven Lieblingsfragen belegt und das Infragestellen einmal gefasster Entschlüsse und eingeschlage-ner Wege längst zum guten Ton gehört, braucht es hingegen einige Mühe und auch ein wenig Dogmatismus, um sie sich nicht zu stellen. Und so entpuppt sich das herbeigesehnte Privileg, die alleinige Verantwortung für seine Entscheidungen zu übernehmen, nicht selten als fortschreitendes Desaster, dem niemand ein Ende macht, nicht einmal man selbst.
"Exploration" nennt Norbert Bolz die Phase der Entdeckungen, des Entlassens in die Orientierungslosigkeit, in ein Leben voller
Wahlmöglichkeiten. Wobei die Frage lautet: Welche Konsequenzen, die zu tragen man ermahnt wird, sind überhaupt überschaubar? So ist man, noch ehe man sich versieht, mittendrin im Marathon der Gewissensbisse und der Doppelbödigkeit und damit weit entfernt von dem, was Bolz als eine unsere Kultur versorgende "Zeit der Neugier und Frechheit" bezeichnet: eine "Einheit von erwarteter Überraschung und Problemlösungsverhalten". Was er nicht sieht: Die Frechheit, mit der sich die neugierig erwarteten Überraschungen als unerwartete Probleme entpuppen. Was unschwer daran zu erkennen ist, dass man heute immer wieder die gleichen oder zumindest ähnliche Probleme wälzt wie die, die schon in der Postpubertät nur für ratloses Schulterzucken gesorgt haben.
Das einzige, was sich mit fortschreitendem Alter verändert, ist die Dimension der Verstrickung in kapitalistische Loops, die immer
größere Kreise ziehen. Anders gesagt: Probleme werden nicht länger gelöst, sondern verschoben, Entscheidungen nicht länger getroffen, sondern auf morgen vertagt und aus der Forderung nach Taschengelderhöhung ist längst das routinierte Schielen auf das Limit des eigenen Dispos geworden. Es scheint vor allem der finale Charakter zu sein, der dogmatisch erhobene So-und-nicht-anders-man-gewöhnt-sich-an-alles-Zeigefinger, der dafür sorgt, dass manch einen die Befürchtung beschleicht, das Beste sei nun vorbei, ab sofort käme es lediglich darauf an, das Beste draus zu machen.
Dabei war es um das Erwachsensein längst nicht immer so schlecht bestellt. In den Fünfzigern, als dem Leben noch mit Eindeutigkeit beizukommen war und die Antworten auf die Frage nach dem Warum sich erschreckend ähnelten, erfreute es sich größter Beliebtheit und galt damit durchaus als das, was man heute hip nennen würde.
Statt wie heute Sechzigjährige bei der Beteuerung ihrer Ju-gendlichkeit zu bestaunen, war es damals nicht unüblich, bereits mit Mitte 30 dem Lebensstil eines Rentnerpaares nachzueifern.
Wobei es nicht das Geringste gegen Bowle-Partys, Cocktailsessel, Petticoats und Weintrauben-Käsespießchen zu sagen gäbe - aber dann kam die Individualisierung dazwischen und mit ihr das, was man im Soziologenjargon "Pluralisierung der Lebensstile" nennt.
Damit war der serielle Mangel an Gelegenheiten vorbei - bis heute der sicherste Garant eines auf Eindeutigkeit und Routine basierenden "erwachsenen" Lebens.
Umso erstaunlicher ist, wie unversehrt die auf die fünfziger Jahre datierte Version des Erwachsenseins diese Entwicklung überstanden hat. Als hätte es die letzten Jahrzehnte irgendwo überwintert, steht es da in seinem muffigen, dürftig überarbeiteten Fifties-Look, aus dem es längst herausgewachsen ist, um uns Erklärungsformen zu präsentieren, die nicht mehr im geringsten dazu taugen, die Wirklichkeit zu beschreiben. Und auch ein Revival scheint nicht in Sichtweite. Die Cocktailsessel der fünfziger Jahre (alles Originale!) stehen inzwischen in Designer-Shops, Kleiderständer mit Petticoats bei H&M und Käsespießchen auf Geburtstagsfeiern. Nur das Erwachsensein eignet sich offensichtlich schlecht als popkulturelles Zitat, "Erwachsensein rockt"-Buttons wurden bisher jedenfalls nicht gesichtet. Und auch sonst scheint nicht zu befürchten, dass es in ein paar Jahren mit dem Nostalgielabel Retro - dem offiziell anerkannten Gütesiegel totaler Harmlosigkeit - ausgezeichnet zu neuer Popularität gelangt. Was daran liegen mag, dass sich seit Jahrzehnten niemand um ein inhaltliches oder marketingtechnisches Update gekümmert hat.
Und so ist, da weder der Zustand selbst noch die Beschäftigung mit ihm besonders erstrebenswert erscheint, dem Erwachsensein das widerfahren, was man gemeinhin von Produkten kennt, zu denen kaum noch einer greift. Es wirkt wie aus einer anderen Zeit und doch noch immer nicht fremd genug, um mit einem gewissen Charme zu kokettieren. Was wiederum ein Indiz dafür ist, dass es als
Realitätsdefinitionsetikett "immer noch" zu viel Aktualität besitzt, um "schon wieder" aufgewärmt und durch den ästhetischen Durchlauferhitzer gejagt zu werden.
Die Wahl der richtigen Koordinaten: So und nicht anders - Das alles und noch viel mehr.
Wirft man einen Blick auf die offiziell verfügbaren Definitionen, so hat man die Auswahl zwischen mehr als einer Hand voll Versionen des Erwachsenseins. Hier die zwölf wichtigsten:
1.Die Altersgrenze-Variante (30plus),
2.die die ökonomische Unabhängigkeit betonende (keine Kontoeingänge von Familienangehörigen),
3.die Wohlstandsvariante ("Mein Haus, mein Auto, mein Boot"),
4.die biologische (schwaches Bindegewebe, Haarausfall),
5.sowie, direkt damit zusammenhängend, die die Partnerwahl prägende ("Ja, die inneren Werte"),
6.weiter die akademische (Nietzsche statt Nintendo),
7.die institutionelle (Familie, Heirat),
8.die vorsorgende (Rentenversicherung, Bausparvertrag),
9.die ästhetische ("keine Kerzen aus dem Supermarkt"),
10.die genussorientierte (Burgunder statt Dosenbier),
11.die berufliche ("Und was machen Sie so?"),
12.und die freizeitorientierte Variante ("Ich muss morgen früh raus.").
Auch wenn alle Varianten zusammengenommen stark an einen Horrortrip mit Oneway-Ticket erinnern, besteht nicht der geringste Grund zur Beunruhigung, da sie, zumindest im Dutzend - "12 von 12? Gratuliere!" - als verlässliche Anhaltspunkte des Erwachsenseins ausgedient haben.
Soweit bis hierhin sichtbar, ist das, was man unter Erwachsensein versteht, individuell aushandelbar geworden und damit eine Frage der Perspektive - und die ist, so wissen wir spätestens seit Marx, eine Frage des eigenen Standpunkts.
Für die einen ist die schrumpfende Minirockquote im Kleiderschrank und der Kauf von Kunst als Wertanlage ein untrügerisches Indiz; für andere die steigende Nichtraucherquote im Freundeskreis, der Wechsel von weißem zu braunem Zucker, Bettwäsche ohne Muster, sexuelle Handlungen mit jemandem, den man kurz zuvor noch gesiezt hat, Kochen nach Jamie Oliver oder die Bereitschaft, die Telefonnummer seines Drogendealers jederzeit gegen die eines guten Orthopäden einzutauschen. Während wieder andere die Angewohnheit kultivieren, in der Rückbesinnung auf kindgerechte Erinnerungshäppchen die zeitliche Distanz zum Hier und Jetzt zu messen, um sich so auf der sicheren Seite des Erwachsenseins zu wähnen.
Die Pflicht und Kür des Erwachsenseins liegen nach wie vor offensichtlich in der gekonnten Dosierung von ergriffenen und, vermehrt, offen gehaltenen Optionen - was wiederum in unterschiedlichen Strategien der Festlegung und Vermeidung deutlich wird, so wie es die folgenden zwei populären Versionen zeigen:
Da wäre zunächst die konservative, etablierte Form. Sie propagiert seit jeher Festlegung und definitive Entscheidungen "mit Perspektive!". Allerdings ist schon seit längerem zu beobachten, wie diese Version in einer Gesellschaft, die Flexibilität und Mobilität propagiert, zunehmend unter Druck gerät. Nehmen wir beispielsweise ein junges, frisch verheiratetes Paar, so wie man es, zugegebenermaßen, immer seltener trifft, aber dennoch kennt: Sie hat gerade das erste Kind bekommen, letztes Jahr haben sie eine Eigentumswohnung gekauft, die mit etwas Glück ziemlich genau dann abbezahlt ist, wenn die beiden genau doppelt so alt sind wie heute. Gäbe es einen Wettbewerb mit dem Motto "Wer ist am erwachsensten?", würde man den beiden gute Chancen auf einen Platz in der Endrunde einräumen.
Doch selbst das scheint weit gefehlt. Aus dem schlichten Grund, weil ein Leben, das auf langfristigen Planungen und Anschaffungen basiert, wie sie Kinder, Festgehälter und gemeinsam bezogene Eigentumswohnungen mit sich bringen, längst zu dem geworden ist, was Extremsportarten gerne sein würden: Eine permanente Gefährdung.
Wäre man aufgefordert einen Mottospruch für ein solches Leben im vermeintlichen Erwachsenenstatus zum Besten zu geben, so wäre er mit "No Risk, no Fun" nicht schlecht getroffen. Die Chance allerdings, dass es, so wie geplant, gutgeht, liegt bereits rein statisch betrachtet bei niederschmetternden 50 Prozent. Und so zeigt sich: Wer es sich heute unter strengen Sicherheitsauflagen in einem institutionalisierten Mangel an Gelegenheiten gemütlich macht, schlägt damit zugleich das aus, was die Multioptionsgesellschaft erst
höflich offeriert und dann energisch fordert: Umbaumaßnahmen. Wer sich hier zu schnell zu langfristig festlegt, auf das Endgültige baut und Alternativen die Hintertürchen verriegelt, ist im schlimmsten Fall genau das Gegenteil von dem was er gern wäre, nämlich hand-lungsunfähig und perspektivlos.
Und so sind es auch immer wieder diejenigen, die ihre Bühne und Kulisse mit den Symbolen des Endgültigen, den alten Indizien des Erwachsenseins dekorieren, die besonders unsicher und unerwachsen wirken, wenn man sie aus ihrem mühevoll zusammengezimmerten Leben herausreißt.
Auf der anderen Seite finden wir den entgegengesetzten Typus, dessen Interesse darin besteht, sich möglichst viele Optionen offen zu halten. Da eine Entscheidung immer auch Festlegung und damit den Verzicht auf andere Möglichkeiten bedeutet, wird versucht, Entscheidungen zu vermeiden oder nur zögerlich zu treffen.
Ist eine Entscheidung unumgänglich, wird diese häufig mit einem eigens ausgehandelten Umtauschrecht, rhetorischen Rücknahmeklauseln und dem Stempel "zu meinen Bedingungen" versehen. Wohinter der schlichte Versuch steht, die Entscheidung selbst und die damit verbundenen Konsequenzen so revidierbar und elastisch wie möglich zu halten.
Das Leben, das bei diesen Varianten herauskommt, verspricht zumindest abwechslungsreicher zu sein. Doch auch hier gibt es einen Haken, der in der Kalkulation schnell übersehen wird: die Halbwertszeit der angebotenen Möglichkeiten des individuellen Optionensortiments.
Das Tückische dabei ist, dass selten ein exaktes und gut leserliches Haltbarkeitsdatum darüber Auskunft gibt, wann die Sache ungenießbar wird. Manche Möglichkeiten verfallen ungewöhnlich leise, fast unmerklich ("Das maximale Alter der Bewerber für das Stipendium ist leider überschritten."), andere werden plötzlich aus dem Programm genommen ("Einmal im Leben Concorde fliegen.") oder verlieren einfach ihren Reiz ("Zelten? Ich habe eine Four-Seasons-Member-Card!").
Irgendwann beginnen sich die mit der banalen Mitteilung "zu spät" gestempelten, ungenutzten Möglichkeiten zu stapeln wie Pappkartons, wobei das Nettoladegewicht ständig zunimmt.
So endet das anfangs noch euphorische Bekenntnis, sich alles offen zu lassen, nicht selten mit der weniger euphorischen Einsicht, dass das Sortiment der Optionen, auf das man nun zugreifen kann, längst nicht mehr so reichhaltig bestückt ist. Im schlimmsten Fall bleibt von der anfangs so emsig verteidigten eigenen Entscheidung und Offenheit nur die ernüchternde Ein-sicht, dass sich die freie Wahl darin erschöpft, das kleinste der verbleibenden Übel zu wählen.
"Vielleicht kriegen wir Kinder, und vielleicht eröffnen wir ein Fischrestaurant", so die 25-jährige Anti-Heldin in Douglas Couplands Roman Generation X - und ergänzt, die Halbwertzeit ihrer Möglichkeiten ahnend: "Aber ich muss es jetzt tun . bald handeln, meine ich, weil die aktuelle Version meiner selbst sich bereits verflüchtigt." Udo Volker Marquardt nennt in Das Wissen der 35-Jährigen den "Point of no Return" als den Punkt "an dem, ohne dass man sich für oder gegen sie entschieden hätte, eine Menge Optionen von allein
weggefallen sind" und ergänzt: "Wir sind in einem Alter, in dem wir nicht so einfach von vorne anfangen können." Eine Ahnung, die auch die einst Barbourjacken tragenden Generation Golf zwei-Protagonisten in ihren Altbauwohnungen in Berlin-Charlottenburg beschleicht und die sie mit der etwas kraftlosen Beteuerung "Eigentlich könnte ich mir vorstellen, auch etwas ganz anderes zu machen" wegzufegen versuchen.