Märchen aus Tibet
Mit einem Vorwort von Michael von Brück
Diederichs (Publisher)
Published on 22. March 2010
Book
Hardback
272 pages
978-3-424-35035-7 (ISBN)
Description
Geschichten vom "Dach der Welt"
Die vierzig Geschichten in diesem Buch sind eine Hommage an die Kultur Tibets und ein Schatz für alle Märchenliebhaber.
Tibet als literarischer Kraftort wartet noch auf seine Entdeckung. Dabei kann es auf eine Jahrtausende alte Märchentradition zurückblicken, die sich aus zwei ganz verschiedenen Quellen speist: der ursprünglichen Naturreligion mit ihrem Schamanentum und dem aus Indien stammenden tantrischen Buddhismus. Beide Geisteswelten gingen auf dem "Dach der Welt" eine faszinierende Synthese ein.
Geschichten vom "Dach der Welt"
40 Märchen aus Tibet
Die Wurzeln der tibetischen Kultur
Die vierzig Geschichten in diesem Buch sind eine Hommage an die Kultur Tibets und ein Schatz für alle Märchenliebhaber.
Tibet als literarischer Kraftort wartet noch auf seine Entdeckung. Dabei kann es auf eine Jahrtausende alte Märchentradition zurückblicken, die sich aus zwei ganz verschiedenen Quellen speist: der ursprünglichen Naturreligion mit ihrem Schamanentum und dem aus Indien stammenden tantrischen Buddhismus. Beide Geisteswelten gingen auf dem "Dach der Welt" eine faszinierende Synthese ein.
Geschichten vom "Dach der Welt"
40 Märchen aus Tibet
Die Wurzeln der tibetischen Kultur
More details
Language
German
Product notice
With dust jacket
Dimensions
Height: 21.5 cm
Width: 13.5 cm
ISBN-13
978-3-424-35035-7 (9783424350357)
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E-Book
01/2013
Diederichs
€2.99
Available for download
Person
Foreword
Content
Tibet ist ein Land europcher Projektionen. Mhen sind die Erz- und Literaturgattung, in der Sehnschte, Hoffnungen, gste und Lebenserfahrung in narrative Muster projiziert werden, damit Menschen nicht nur Unterhaltung, sondern Nutzen fr ihren Lebensweg daraus ziehen knnen. Wenn Tibet und Mhen zusammenkommen, msste also die Projektionskraft ins Fantastische gesteigert werden und die Architektur der Symbolik schier grenzenlose Re der Imagination erffnen, durch die der Mensch auf seine geistigen Potentiale und Mglichkeiten seelischer Pfade hingewiesen wird. Und genau so ist es. Hinter aller Exotik, schauerlicher Fremde und schillernder Faszination der tibetischen Mhenwelt zeigt sich das eine Menschsein, das Tibeter wie Europ und Menschen aller Orte und Zeiten miteinander verbindet. Ein Menschsein, das in der Lektre, mehr noch in der Erzung der Mhen ausgelotet sein will.
Mhen sind nicht leicht abgrenzbar von Mythen. Beiden ist gemeinsam, dass sie in dramatischen Erzungen die Grundfragen des Menschseins nach dem Woher, dem Wohin und dem Wozu der menschlichen Existenz durchbuchstabieren und Lsungen empfehlen. Wend Mythen aber eher Theogonien, Kosmogonien oder den Zusammenhang der menschlichen Welt mit der Natur thematisieren, sind Mhen auf die menschliche Lebenswelt, die Spannungen im individuellen Reifungsprozess und die sozialpsychologischen Muster konzentriert. Mythen geben Gesellschaften grundlegende Identitund Orientierung, sie sind grolig und in ihrer Wirkungsgeschichte paradigmatisch. Mhen hingegen eln eher Miniaturen, die menschliches individuelles Erleben in seinen Grundmustern abbilden. In den Helden-Mythen und Helden-Mhen freilich berhren sich die Themenkreise, und auch die literarischen Gestaltungsmittel berlappen einander. Oft haben Mythen einen zeitlichen Rahmen, d. h., sie erzen vom Anfang oder dem Ende der Welt. Mhen hingegen kennen das charakteristische "es war einmal", d. h., die Zeit des Mhens ist weder am Anfang noch am Ende der Zeit, sondern immer, und das bedeutet fr denjenigen, der das Mhen hrt: jetzt. Mythen spielen meist an einem bestimmten Ort, ja sie begrnden Kulte und Riten, die mit Orten verbunden sind und eine heilige Geographie darstellen. Rituale sind der Ort, an dem Mythen aktualisiert werden, wodurch der Eindruck entsteht, dass sich genau das, was im Mythos erzt wird, zugetragen hat, indem ein bernatrlicher Akteur (Gtter, Dnen, aurnormale Menschen usw.) in die Geschichte eingetreten ist. Der Mythos verortet den Einbruch des Heiligen in bestimmter Weise. Mhen hingegen sind (meist) nicht verortet, sie spielen berall und nirgends. Der Ort des Mhens ist die Seele eines jeden Menschen, der aufnahmebereit ist und die Bildersprache zu verstehen gelernt hat. In Mhen wie in Mythen werden die im Tagesbewusstsein erfahrbaren Unterschiede von Raum, Zeit, unterschiedlichen Gattungen, Menschenwelt und Geisterwelt, miteinander verschmolzen. Insofern scheint das Mhen den Tren zu entspringen oder Perspektiven zu verknpfen, wie sie dem Empfinden der Kinder entsprechen. Vor allem sind im Mhen Gegenste, Pflanzen oder Tiere nicht nur belebt, sondern auch fg, sich Menschen mitzuteilen. Freilich muss die Sprache der Be, der Tiere und der geflichen wie hilfreichen Geister erst erlernt werden, und dies allein weist schon auf die Pgogik der Mhen hin, auf den Reifungsprozess, der zu vollziehen ist, damit eine bestimmte Aufgabe oder die Lebensaufgabe berhaupt gelst werden kann.
Im Mhen wird die Verbundenheit aller Erscheinungen in der Welt reflektiert, eine innere oder tiefere Realitffnet sich hier, die dem Tagesbewusstsein, das objektive Distanz sucht, berlegen zu sein scheint, wenn es um intuitives Wissen geht.
Spstens seit der Romantik unterscheidet man Volksmhen von Kunstmhen. Jene seien ber Jahrhunderte hinweg in Volkserzungen und -liedern von Generation zu Generation weitergegeben und dann gesammelt, ediert und publiziert worden (am bekanntesten ist in Deutschland die Sammlung Kinder- und Hausmhen der Gebrder Grimm von 1812), diese hingegen sind von berhmten Schriftstellern (man denke an Wilhelm Hauff, 1802-1827, oder Hans Christian Andersen, 1805-1875) literarisch konzipiert und schriftlich verfasst worden, meist mit einer klar erkennbaren und zeitgeschichtlich bedingten literarischen Absicht. Blickt man aber ber den deutschen Sprachraum und die Mhentraditionen in Europa hinaus, ist diese Unterscheidung nicht mehr so eindeutig. Wir wissen nicht, ob die berlieferten Volksmhen nicht von einzelnen Dichtern und Sern (Barden) "erfunden" worden sind und dann spr zu Volkstraditionen wurden, sodass uns vielleicht nur durch die zeitliche N zur Romantik die Kompositionen eines Hauff oder Andersen als durch Individuen autorisiert erscheinen, wend sich die Anfe von Rotkchen oder Frau Holle im Dunkel verlieren. Die vergleichende Mhenforschung zeigt, dass Erzmotive uralt sind und in verschiedenen Kulturen immer neu konfiguriert werden, dass also anthropologische Universalia (die archetypischen Symbole) in jeweils neuer kulturell spezifischer Form ausgedeutet werden, und diese Differenzen sind interessant, denn sie werfen ein Licht auf das sich wandelnde Lebensgefhl, auf die gste, Hoffnungen, Lebensmuster der jeweiligen Kulturen und Lebenssituationen. So stammen viele unserer Mhenmotive aus Persien und Indien, auch aus dem arabischen Raum. Aber sie haben sich im Laufe der Geschichte zu je eigenen Erzungen weiterentwickelt. Mit der Verschriftlichung und der Verffentlichung von Mhen in Textausgaben tritt eine gewisse Kanonisierung bestimmter Varianten ein, und wir wissen, dass die Gebrder Grimm sorgfig ausgewt und verert haben, entsprechend dem Geschmack, den Moralvorstellungen und den pgogischen Erwartungen ihrer Zeit. Und das ist in anderen Kulturen nicht anders: Das archaische Erzgut, aus dem die Mhen schpfen, wird in die mythisch-religisen Grundmuster integriert, die in einer Gesellschaft maeblich sind. Die Interpretationen und Uminterpretationen gehen immer weiter. Dieser Prozess ist nicht abgeschlossen, besonders wenn Mhen erzt werden und die orale Tradition eine gro Bandbreite von Varianten ausprobiert und ermglicht.
Die philosophische Erkenntniskritik und die religionswissenschaftliche Forschung haben nicht erst in der Neuzeit, sondern bereits in der Antike nach dem "Wahrheitsgehalt" der Mythen und Mhen gefragt. Wend die einen den symbolischen Charakter der Mythen und Mhen betonen und meinen, dass hier in einer ganz bestimmten literarischen Form existentielle Wahrheiten des Menschseins ausgesprochen werden, wird andererseits die Meinung vertreten, dass Mythen und Mhen ein vorwissenschaftliches Bewusstsein reprntieren, das sich erledigt habe, wenn wissenschaftlich bewiesene Antworten auf die Fragen gefunden wrden, die zuvor durch die Unwissenheit der Menschen eben nicht beantwortet werden konnten, z. B. die Fragen nach dem Anfang der Welt, nach dem Wesen von Blitz und Donner, nach der Entstehung der Vielfalt der Arten usw. Demnach wn Mythen und Mhen Ausdruck eines naiven Bewusstseins, kindlich allenfalls, berwunden aber im Horizont des objektiven wissenschaftlichen Erkennens.
Mhen sind nicht leicht abgrenzbar von Mythen. Beiden ist gemeinsam, dass sie in dramatischen Erzungen die Grundfragen des Menschseins nach dem Woher, dem Wohin und dem Wozu der menschlichen Existenz durchbuchstabieren und Lsungen empfehlen. Wend Mythen aber eher Theogonien, Kosmogonien oder den Zusammenhang der menschlichen Welt mit der Natur thematisieren, sind Mhen auf die menschliche Lebenswelt, die Spannungen im individuellen Reifungsprozess und die sozialpsychologischen Muster konzentriert. Mythen geben Gesellschaften grundlegende Identitund Orientierung, sie sind grolig und in ihrer Wirkungsgeschichte paradigmatisch. Mhen hingegen eln eher Miniaturen, die menschliches individuelles Erleben in seinen Grundmustern abbilden. In den Helden-Mythen und Helden-Mhen freilich berhren sich die Themenkreise, und auch die literarischen Gestaltungsmittel berlappen einander. Oft haben Mythen einen zeitlichen Rahmen, d. h., sie erzen vom Anfang oder dem Ende der Welt. Mhen hingegen kennen das charakteristische "es war einmal", d. h., die Zeit des Mhens ist weder am Anfang noch am Ende der Zeit, sondern immer, und das bedeutet fr denjenigen, der das Mhen hrt: jetzt. Mythen spielen meist an einem bestimmten Ort, ja sie begrnden Kulte und Riten, die mit Orten verbunden sind und eine heilige Geographie darstellen. Rituale sind der Ort, an dem Mythen aktualisiert werden, wodurch der Eindruck entsteht, dass sich genau das, was im Mythos erzt wird, zugetragen hat, indem ein bernatrlicher Akteur (Gtter, Dnen, aurnormale Menschen usw.) in die Geschichte eingetreten ist. Der Mythos verortet den Einbruch des Heiligen in bestimmter Weise. Mhen hingegen sind (meist) nicht verortet, sie spielen berall und nirgends. Der Ort des Mhens ist die Seele eines jeden Menschen, der aufnahmebereit ist und die Bildersprache zu verstehen gelernt hat. In Mhen wie in Mythen werden die im Tagesbewusstsein erfahrbaren Unterschiede von Raum, Zeit, unterschiedlichen Gattungen, Menschenwelt und Geisterwelt, miteinander verschmolzen. Insofern scheint das Mhen den Tren zu entspringen oder Perspektiven zu verknpfen, wie sie dem Empfinden der Kinder entsprechen. Vor allem sind im Mhen Gegenste, Pflanzen oder Tiere nicht nur belebt, sondern auch fg, sich Menschen mitzuteilen. Freilich muss die Sprache der Be, der Tiere und der geflichen wie hilfreichen Geister erst erlernt werden, und dies allein weist schon auf die Pgogik der Mhen hin, auf den Reifungsprozess, der zu vollziehen ist, damit eine bestimmte Aufgabe oder die Lebensaufgabe berhaupt gelst werden kann.
Im Mhen wird die Verbundenheit aller Erscheinungen in der Welt reflektiert, eine innere oder tiefere Realitffnet sich hier, die dem Tagesbewusstsein, das objektive Distanz sucht, berlegen zu sein scheint, wenn es um intuitives Wissen geht.
Spstens seit der Romantik unterscheidet man Volksmhen von Kunstmhen. Jene seien ber Jahrhunderte hinweg in Volkserzungen und -liedern von Generation zu Generation weitergegeben und dann gesammelt, ediert und publiziert worden (am bekanntesten ist in Deutschland die Sammlung Kinder- und Hausmhen der Gebrder Grimm von 1812), diese hingegen sind von berhmten Schriftstellern (man denke an Wilhelm Hauff, 1802-1827, oder Hans Christian Andersen, 1805-1875) literarisch konzipiert und schriftlich verfasst worden, meist mit einer klar erkennbaren und zeitgeschichtlich bedingten literarischen Absicht. Blickt man aber ber den deutschen Sprachraum und die Mhentraditionen in Europa hinaus, ist diese Unterscheidung nicht mehr so eindeutig. Wir wissen nicht, ob die berlieferten Volksmhen nicht von einzelnen Dichtern und Sern (Barden) "erfunden" worden sind und dann spr zu Volkstraditionen wurden, sodass uns vielleicht nur durch die zeitliche N zur Romantik die Kompositionen eines Hauff oder Andersen als durch Individuen autorisiert erscheinen, wend sich die Anfe von Rotkchen oder Frau Holle im Dunkel verlieren. Die vergleichende Mhenforschung zeigt, dass Erzmotive uralt sind und in verschiedenen Kulturen immer neu konfiguriert werden, dass also anthropologische Universalia (die archetypischen Symbole) in jeweils neuer kulturell spezifischer Form ausgedeutet werden, und diese Differenzen sind interessant, denn sie werfen ein Licht auf das sich wandelnde Lebensgefhl, auf die gste, Hoffnungen, Lebensmuster der jeweiligen Kulturen und Lebenssituationen. So stammen viele unserer Mhenmotive aus Persien und Indien, auch aus dem arabischen Raum. Aber sie haben sich im Laufe der Geschichte zu je eigenen Erzungen weiterentwickelt. Mit der Verschriftlichung und der Verffentlichung von Mhen in Textausgaben tritt eine gewisse Kanonisierung bestimmter Varianten ein, und wir wissen, dass die Gebrder Grimm sorgfig ausgewt und verert haben, entsprechend dem Geschmack, den Moralvorstellungen und den pgogischen Erwartungen ihrer Zeit. Und das ist in anderen Kulturen nicht anders: Das archaische Erzgut, aus dem die Mhen schpfen, wird in die mythisch-religisen Grundmuster integriert, die in einer Gesellschaft maeblich sind. Die Interpretationen und Uminterpretationen gehen immer weiter. Dieser Prozess ist nicht abgeschlossen, besonders wenn Mhen erzt werden und die orale Tradition eine gro Bandbreite von Varianten ausprobiert und ermglicht.
Die philosophische Erkenntniskritik und die religionswissenschaftliche Forschung haben nicht erst in der Neuzeit, sondern bereits in der Antike nach dem "Wahrheitsgehalt" der Mythen und Mhen gefragt. Wend die einen den symbolischen Charakter der Mythen und Mhen betonen und meinen, dass hier in einer ganz bestimmten literarischen Form existentielle Wahrheiten des Menschseins ausgesprochen werden, wird andererseits die Meinung vertreten, dass Mythen und Mhen ein vorwissenschaftliches Bewusstsein reprntieren, das sich erledigt habe, wenn wissenschaftlich bewiesene Antworten auf die Fragen gefunden wrden, die zuvor durch die Unwissenheit der Menschen eben nicht beantwortet werden konnten, z. B. die Fragen nach dem Anfang der Welt, nach dem Wesen von Blitz und Donner, nach der Entstehung der Vielfalt der Arten usw. Demnach wn Mythen und Mhen Ausdruck eines naiven Bewusstseins, kindlich allenfalls, berwunden aber im Horizont des objektiven wissenschaftlichen Erkennens.