So fern wie der Himmel
Roman
Julian Lees(Author)
Blanvalet (Publisher)
Published on 7. July 2008
Book
Paperback/Softback
448 pages
978-3-442-36995-9 (ISBN)
Description
Der fulminante Debütroman eines geborenen Erzählers!
Als der zarentreue Vassya während der Oktoberrevolution an die kommunistischen Milizen verraten wird, beginnt für die Trofimows jäh ein gefahrvoller und entbehrungsreicher Spießrutenlauf - vom heimatlichen Sibirien bis in die schillernde Wirtschaftsmetropole Shanghai. Aber auch in China kämpfen die russischen Flüchtlinge ums nackte Überleben inmitten von Armut und politischem Terror. Bis Vassyas Tochter Agrapina eines Tages dem jungen Eurasier George Talbot begegnet. Denn Georges Erbe ist sein unbeugsamer Wille. Und ein Herz, das die Erfüllung seiner Liebe gegen alle Widerstände sucht .
Nicholas Sparks trifft Doktor Schiwago: ein hinreißender Roman über die unbeugsame Kraft einer großen Liebe.
Der junge englische Autor Julian Lees verwebt die Geschichte seiner Familie zu einem bewegenden Schicksalsroman.
Als der zarentreue Vassya während der Oktoberrevolution an die kommunistischen Milizen verraten wird, beginnt für die Trofimows jäh ein gefahrvoller und entbehrungsreicher Spießrutenlauf - vom heimatlichen Sibirien bis in die schillernde Wirtschaftsmetropole Shanghai. Aber auch in China kämpfen die russischen Flüchtlinge ums nackte Überleben inmitten von Armut und politischem Terror. Bis Vassyas Tochter Agrapina eines Tages dem jungen Eurasier George Talbot begegnet. Denn Georges Erbe ist sein unbeugsamer Wille. Und ein Herz, das die Erfüllung seiner Liebe gegen alle Widerstände sucht .
Nicholas Sparks trifft Doktor Schiwago: ein hinreißender Roman über die unbeugsame Kraft einer großen Liebe.
Der junge englische Autor Julian Lees verwebt die Geschichte seiner Familie zu einem bewegenden Schicksalsroman.
More details
Series
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 18.3 cm
Width: 11.5 cm
ISBN-13
978-3-442-36995-9 (9783442369959)
Schweitzer Classification
Persons
Julian Lees wurde 1967 in Hongkong geboren. Schulzeit und Studium absolvierte er in England. Als Kind verbrachte er viel Zeit bei seinen Großeltern George und Agrapina Talbot, die ihm zahllose Geschichten über ihr Leben in Shanghai erzählten, das sie 1949
Content
Ein kleiner Ort an der Landstraße
Wenn es so donnerte wie im Sommer des Jahres 1915, durfte Agrapina nicht allein in den Wald gehen. Ihre Mamaschka hatte es ihr verboten. Also saß Agrapina stattdessen auf der gefliesten Veranda vor dem Haus und lauschte dem Prasseln des Regens. Sie saß stundenlang einfach nur da und sah zu, wie die Feuchtigkeit die Farbe von der Mauer abwusch, oder beobachtete eine der Eidechsen oder eine Schnecke.
Das Zuhause der Trofimows lag im Ural, etwa tausend Kilometer östlich von Moskau. Sein Wasser bezog es aus dem Chanev-Kanal, einer labyrinthischen Wasserstraße, die sich durch das Land wand, bis sie sich mehrere hundert Kilometer weiter südlich ins Kaspische Meer ergoss. Das weiß gestrichene Haus mit den blauen Fensterläden hatte sechs Zimmer, alle mit hoher Decke und einem Holzboden, der an einigen Stellen schon etwas durchhing. Im Garten hinter dem Haus befand sich ein Hühnerstall, vor dem Haus wuchs eine schmale Reihe Beerensträucher. Das Haus selbst hatte Ähnlichkeit mit einer schlafenden Schildkröte, was jedoch nur auffiel, wenn man es aus der Ferne betrachtete. Agrapinas Vater, Wassya, hatte den Dachstuhl selbst gezimmert und das Dach so gedeckt, dass es sich in der Mitte wölbte. Es sah aus wie ein brauner Buckel, aus dessen Mitte ein Schornstein ragte. Agrapina fand, dass ihr Vater seine Sache gut gemacht hatte, denn es regnete niemals herein, auch nicht beim schlimmsten Unwetter. Jenseits der Schildkröte, ganz am Ende des Gartens, hinter dem Hühnerstall und dem Abort, befand sich ein Obstgarten mit vielen Pflaumenbäumen. Daneben stand ein großer Ahornbaum, dessen Blätter sich Ende September immer feuerrot färbten.
Vor dem Ersten Weltkrieg hatten die Trofimows noch einen Diener gehabt - einen ruhigen, kahlköpfigen Mann namens Vladimir -, aber diese Tage waren längst vorbei. Jetzt waren es Agrapina und Stepan, ihr älterer Bruder, die im Haus für Ordnung sorgten, wenn ihre Mutter sich um die kleine Galia kümmerte, die ständig schrie. Stepans Aufgabe war es dabei vor allem, das Hühnerhaus sauber zu halten und den schwarzen, harten Boden um den Obstgarten herum zu pflügen, während Agrapina alles schrubbte, was eine Reinigung mit der Bürste vertrug - Böden, Töpfe, Türen und Wände. Sie hasste die Hühner. Sie hasste ihren Gestank und ihre stechenden Augen, wenn sie mit ruckendem Kopf ihr Futter vom Boden pickten. Und so blieb sie im Haus, wann immer Stepan im Hühnerstall zu tun hatte.
Wassya Trofimow hatte das Haus 1908, zusammen mit seinem Vater, gebaut. Sie waren beide Kosaken, polkowniks, Regimentskommandeure, gute Reiter mit flinken, geschickten Händen. Sie hatten den Mörtel gemischt, Steine und Sand geschleppt, das Holz gedrechselt und waren dann in der Abenddämmerung im 'Kosakenstil' durch den Wald geritten, wobei sie die Unterschenkel zurückgenommen und den Rumpf stolz ein Stück über den Sattel erhoben hatten. Agrapina lernte ihren Großvater nie kennen, er starb, bevor sie geboren wurde. Was ihren Vater betraf, nun, Agrapina hatte ihn das letzte Mal 1913 gesehen, als sie zwei Jahre gewesen war, kurz bevor er in den Kampf zog. Das war jetzt fast ein ganzes Leben her, vor allem, wenn man berücksichtigte, dass sie im Juni schon viereinhalb Jahre alt wurde.
Nun, wie dem auch sei, sie fanden drei yurts Land und bauten dieses Haus auf einem Hügel, von dem aus man auf das Dorf Klara hinabsehen konnte. Es war ein guter Platz, denn im Sommer war es dort kühl, und im Winter boten die Bäume genügend Schutz. Über den Hügel blies beständig ein frischer Wind. Er rüttelte nachts an den Fensterläden und riss die Bewohner des Hauses aus dem Schlaf. In diesen erzwungenen Wachstunden musste Agrapina oft über ihren Vater nachdenken, auch wenn sie sich kaum an ihn erinnern konnte. Aber wenigstens machte der Wind die heißen Julinächte etwas erträglicher.
Wenn es während des Tages regnete, saß Stepan gern im Schaukelstuhl seines Vaters, und Agrapina quetschte sich zwischen ihn und ihre Mamaschka, die Galia in den Armen wiegte. An Nachmittagen wie diesen konnte sie den Stechginster riechen und den schweren Duft der Blumen, die im nahen Wald wuchsen, beinahe körperlich spüren. Dann nahm ihre Mutter oft ein Foto ihres Paapas zur Hand, das von einer klaren Hülle aus Zelluloid geschützt war. Sie bewahrte es in einem braunen Umschlag neben ihrem Bett auf, und wenn sie es herausnahm, so ging sie damit stets überaus vorsichtig um - es war alles, was ihr von ihm geblieben war. Auf der Rückseite stand mit schwarzer Tinte geschrieben: 'Du bist der Sonnenschein meiner Tagträume.' Ihre Mamaschka kannte die Worte auswendig.
'Erzähl uns doch noch einmal, wie du Paapa kennen gelernt hast', bat Stepan.
'Er hat mir beim Schlittschuhlaufen zugesehen. In seiner Uniform hat er so unglaublich gut ausgesehen. Zuerst habe ich versucht, nicht zu ihm hinzusehen, aber dann hat er mir etwas Warmes zu trinken gebracht, und wir haben uns unterhalten. Euer Paapa hatte die Angewohnheit, ein Taschentuch auf die Parkbank zu legen, damit ich mich daraufsetzen konnte. es war aus dünner Baumwolle und wärmte nicht besonders, aber es war eine so romantische Geste.' Ihre Stimme verlor sich.
'Wie ist Paapa?', fragte Agrapina. 'Ist er lustig?'
Ihre Mutter lächelte. 'Sehr sogar.' Sie nahm ihre Kinder in die Arme. 'Wenn er jetzt hier wäre, würden wir gar nicht mehr aufhören können zu lachen. Euer Paapa weiß Geschichten zu erzählen, bei denen man die Augen schließt und ins Träumen gerät, Geschichten, die einen ganz schwindelig machen.'
'Was für Geschichten, Mamaschka.'
'Von merkwürdigen Leuten und unbekannten Orten. Orte, an denen es Drachen und bunte Vögel gibt und wo das Wasser die Farbe von Silber hat.'
'Ist er stark?', wollte Stepan wissen.
'Stark? Euer Paapa kann tanzen und dabei noch das Tamburin spielen, während er drei Männer auf dem Rücken trägt. Und ihr solltet einmal sehen, wie er im Handstand laufen kann.' Stepan und Agrapina lauschten den Worten ihrer Mutter mit vor Staunen weit aufgerissenem Mund.
Das Foto zeigte ihn kniend, wie er die Klinge seines Säbels schärfte. Er trug den schweren burkha-Pelz des Ural-Kosakenregiments. An der Brust blitzte der Orden des heiligen Georg. Er hatte den Rang eines Obersts und war einer der jüngsten Männer, die jemals mit dem Kreuz des heiligen Georg ausgezeichnet worden waren. Man hatte ihm den Orden für seine Tapferkeit vor dem Feind verliehen - nach der erfolgreichen Schlacht bei Gumbinnen, in der sein Regiment 1914 die ostpreußischen Städte Goldab und Lyck erobert hatte. Ihr Paapa war offensichtlich ein sehr tapferer Mann, und ihre Mutter erzählte oft von seinem Heldenmut. Einmal, so berichtete sie ihren ehrfürchtig zuhörenden Kindern, hatte der selbst halb erfrorene Wassya Troimow zwanzig verwundeten Kameraden das Leben gerettet, indem er ihre Maultiere fünfzig Kilometer weit über Schnee und Eis gezerrt hatte.
Ihre Mutter erwähnte jedoch nicht, dass mit seiner Kühnheit auch ein Hang zum Glücksspiel verbunden war. Obwohl es erklärt hätte, warum die Familie am Rand von Klara lebte und nicht etwa im vornehmen Sankt Petersburg oder dem geschäftigen Kiew. Klara war ein ruhiges, beschauliches Dorf, das sich zwischen die mächtigen Berge des Urals auf der einen Seite und die reißende Wolga auf der anderen schmiegte. Es lag mitten im grünen, bewaldeten russischen Tiefland, ein kleiner Ort an der Landstraße, die von Moskau nach Perm führte.
Wassya hatte stets behauptet, er habe alles verloren - das Geld sowie das Haus in der nahen Stadt Kasan -, in Wahrheit war es jedoch sein Vater gewesen, der das gesamte Vermögen verspielt hatte. Doch Wassya hielt es für eine Frage der Ehre, den guten Ruf seines Vaters zu schützen.
Agrapina betrachtete das Foto ihres Paapas oft, wenn es regnete. Er hatte tief liegende Augen, wässrig, aber intensiv, stolze, hohe Wangenknochen und schönes, dichtes, dunkles Haar. Er sah ganz anders aus als sie oder Stepan oder die kleine Galia. Stepan hatte, genau wie Agrapina, blonde Haare und eine helle Haut.
Wenn es so donnerte wie im Sommer des Jahres 1915, durfte Agrapina nicht allein in den Wald gehen. Ihre Mamaschka hatte es ihr verboten. Also saß Agrapina stattdessen auf der gefliesten Veranda vor dem Haus und lauschte dem Prasseln des Regens. Sie saß stundenlang einfach nur da und sah zu, wie die Feuchtigkeit die Farbe von der Mauer abwusch, oder beobachtete eine der Eidechsen oder eine Schnecke.
Das Zuhause der Trofimows lag im Ural, etwa tausend Kilometer östlich von Moskau. Sein Wasser bezog es aus dem Chanev-Kanal, einer labyrinthischen Wasserstraße, die sich durch das Land wand, bis sie sich mehrere hundert Kilometer weiter südlich ins Kaspische Meer ergoss. Das weiß gestrichene Haus mit den blauen Fensterläden hatte sechs Zimmer, alle mit hoher Decke und einem Holzboden, der an einigen Stellen schon etwas durchhing. Im Garten hinter dem Haus befand sich ein Hühnerstall, vor dem Haus wuchs eine schmale Reihe Beerensträucher. Das Haus selbst hatte Ähnlichkeit mit einer schlafenden Schildkröte, was jedoch nur auffiel, wenn man es aus der Ferne betrachtete. Agrapinas Vater, Wassya, hatte den Dachstuhl selbst gezimmert und das Dach so gedeckt, dass es sich in der Mitte wölbte. Es sah aus wie ein brauner Buckel, aus dessen Mitte ein Schornstein ragte. Agrapina fand, dass ihr Vater seine Sache gut gemacht hatte, denn es regnete niemals herein, auch nicht beim schlimmsten Unwetter. Jenseits der Schildkröte, ganz am Ende des Gartens, hinter dem Hühnerstall und dem Abort, befand sich ein Obstgarten mit vielen Pflaumenbäumen. Daneben stand ein großer Ahornbaum, dessen Blätter sich Ende September immer feuerrot färbten.
Vor dem Ersten Weltkrieg hatten die Trofimows noch einen Diener gehabt - einen ruhigen, kahlköpfigen Mann namens Vladimir -, aber diese Tage waren längst vorbei. Jetzt waren es Agrapina und Stepan, ihr älterer Bruder, die im Haus für Ordnung sorgten, wenn ihre Mutter sich um die kleine Galia kümmerte, die ständig schrie. Stepans Aufgabe war es dabei vor allem, das Hühnerhaus sauber zu halten und den schwarzen, harten Boden um den Obstgarten herum zu pflügen, während Agrapina alles schrubbte, was eine Reinigung mit der Bürste vertrug - Böden, Töpfe, Türen und Wände. Sie hasste die Hühner. Sie hasste ihren Gestank und ihre stechenden Augen, wenn sie mit ruckendem Kopf ihr Futter vom Boden pickten. Und so blieb sie im Haus, wann immer Stepan im Hühnerstall zu tun hatte.
Wassya Trofimow hatte das Haus 1908, zusammen mit seinem Vater, gebaut. Sie waren beide Kosaken, polkowniks, Regimentskommandeure, gute Reiter mit flinken, geschickten Händen. Sie hatten den Mörtel gemischt, Steine und Sand geschleppt, das Holz gedrechselt und waren dann in der Abenddämmerung im 'Kosakenstil' durch den Wald geritten, wobei sie die Unterschenkel zurückgenommen und den Rumpf stolz ein Stück über den Sattel erhoben hatten. Agrapina lernte ihren Großvater nie kennen, er starb, bevor sie geboren wurde. Was ihren Vater betraf, nun, Agrapina hatte ihn das letzte Mal 1913 gesehen, als sie zwei Jahre gewesen war, kurz bevor er in den Kampf zog. Das war jetzt fast ein ganzes Leben her, vor allem, wenn man berücksichtigte, dass sie im Juni schon viereinhalb Jahre alt wurde.
Nun, wie dem auch sei, sie fanden drei yurts Land und bauten dieses Haus auf einem Hügel, von dem aus man auf das Dorf Klara hinabsehen konnte. Es war ein guter Platz, denn im Sommer war es dort kühl, und im Winter boten die Bäume genügend Schutz. Über den Hügel blies beständig ein frischer Wind. Er rüttelte nachts an den Fensterläden und riss die Bewohner des Hauses aus dem Schlaf. In diesen erzwungenen Wachstunden musste Agrapina oft über ihren Vater nachdenken, auch wenn sie sich kaum an ihn erinnern konnte. Aber wenigstens machte der Wind die heißen Julinächte etwas erträglicher.
Wenn es während des Tages regnete, saß Stepan gern im Schaukelstuhl seines Vaters, und Agrapina quetschte sich zwischen ihn und ihre Mamaschka, die Galia in den Armen wiegte. An Nachmittagen wie diesen konnte sie den Stechginster riechen und den schweren Duft der Blumen, die im nahen Wald wuchsen, beinahe körperlich spüren. Dann nahm ihre Mutter oft ein Foto ihres Paapas zur Hand, das von einer klaren Hülle aus Zelluloid geschützt war. Sie bewahrte es in einem braunen Umschlag neben ihrem Bett auf, und wenn sie es herausnahm, so ging sie damit stets überaus vorsichtig um - es war alles, was ihr von ihm geblieben war. Auf der Rückseite stand mit schwarzer Tinte geschrieben: 'Du bist der Sonnenschein meiner Tagträume.' Ihre Mamaschka kannte die Worte auswendig.
'Erzähl uns doch noch einmal, wie du Paapa kennen gelernt hast', bat Stepan.
'Er hat mir beim Schlittschuhlaufen zugesehen. In seiner Uniform hat er so unglaublich gut ausgesehen. Zuerst habe ich versucht, nicht zu ihm hinzusehen, aber dann hat er mir etwas Warmes zu trinken gebracht, und wir haben uns unterhalten. Euer Paapa hatte die Angewohnheit, ein Taschentuch auf die Parkbank zu legen, damit ich mich daraufsetzen konnte. es war aus dünner Baumwolle und wärmte nicht besonders, aber es war eine so romantische Geste.' Ihre Stimme verlor sich.
'Wie ist Paapa?', fragte Agrapina. 'Ist er lustig?'
Ihre Mutter lächelte. 'Sehr sogar.' Sie nahm ihre Kinder in die Arme. 'Wenn er jetzt hier wäre, würden wir gar nicht mehr aufhören können zu lachen. Euer Paapa weiß Geschichten zu erzählen, bei denen man die Augen schließt und ins Träumen gerät, Geschichten, die einen ganz schwindelig machen.'
'Was für Geschichten, Mamaschka.'
'Von merkwürdigen Leuten und unbekannten Orten. Orte, an denen es Drachen und bunte Vögel gibt und wo das Wasser die Farbe von Silber hat.'
'Ist er stark?', wollte Stepan wissen.
'Stark? Euer Paapa kann tanzen und dabei noch das Tamburin spielen, während er drei Männer auf dem Rücken trägt. Und ihr solltet einmal sehen, wie er im Handstand laufen kann.' Stepan und Agrapina lauschten den Worten ihrer Mutter mit vor Staunen weit aufgerissenem Mund.
Das Foto zeigte ihn kniend, wie er die Klinge seines Säbels schärfte. Er trug den schweren burkha-Pelz des Ural-Kosakenregiments. An der Brust blitzte der Orden des heiligen Georg. Er hatte den Rang eines Obersts und war einer der jüngsten Männer, die jemals mit dem Kreuz des heiligen Georg ausgezeichnet worden waren. Man hatte ihm den Orden für seine Tapferkeit vor dem Feind verliehen - nach der erfolgreichen Schlacht bei Gumbinnen, in der sein Regiment 1914 die ostpreußischen Städte Goldab und Lyck erobert hatte. Ihr Paapa war offensichtlich ein sehr tapferer Mann, und ihre Mutter erzählte oft von seinem Heldenmut. Einmal, so berichtete sie ihren ehrfürchtig zuhörenden Kindern, hatte der selbst halb erfrorene Wassya Troimow zwanzig verwundeten Kameraden das Leben gerettet, indem er ihre Maultiere fünfzig Kilometer weit über Schnee und Eis gezerrt hatte.
Ihre Mutter erwähnte jedoch nicht, dass mit seiner Kühnheit auch ein Hang zum Glücksspiel verbunden war. Obwohl es erklärt hätte, warum die Familie am Rand von Klara lebte und nicht etwa im vornehmen Sankt Petersburg oder dem geschäftigen Kiew. Klara war ein ruhiges, beschauliches Dorf, das sich zwischen die mächtigen Berge des Urals auf der einen Seite und die reißende Wolga auf der anderen schmiegte. Es lag mitten im grünen, bewaldeten russischen Tiefland, ein kleiner Ort an der Landstraße, die von Moskau nach Perm führte.
Wassya hatte stets behauptet, er habe alles verloren - das Geld sowie das Haus in der nahen Stadt Kasan -, in Wahrheit war es jedoch sein Vater gewesen, der das gesamte Vermögen verspielt hatte. Doch Wassya hielt es für eine Frage der Ehre, den guten Ruf seines Vaters zu schützen.
Agrapina betrachtete das Foto ihres Paapas oft, wenn es regnete. Er hatte tief liegende Augen, wässrig, aber intensiv, stolze, hohe Wangenknochen und schönes, dichtes, dunkles Haar. Er sah ganz anders aus als sie oder Stepan oder die kleine Galia. Stepan hatte, genau wie Agrapina, blonde Haare und eine helle Haut.