Mystik für Christen
Ein Jahreslesebuch
Gütersloher Verlagshaus
Published on 27. September 2010
Book
Hardback
416 pages
978-3-579-06552-6 (ISBN)
Description
Tiefe Glaubenszeugnisse großer Frauen und Männer
- Zuversicht, Trost und Gelassenheit für den eigenen spirituellen Weg
- Anlässlich des 80. Geburtstages von Altabt Odilo Lechner am 25. Januar 2011
Die Faszination an Texten der Mystik ist ungebrochen. Diese in Sprache gebrachten Erfahrungen des Absoluten zählen zu den kostbarsten Zeugnissen jeder Religion. Odilo Lechner und Michael Langer präsentieren in diesem Jahreslesebuch Texte aus der Geschichte des Christentums. Es sind tiefe Glaubenszeugnisse großer Frauen und Männer aus fast zwei Jahrtausenden, die zur täglichen Kurzbetrachtung einladen. Auf dem eigenen spirituellen Weg spenden sie Zuversicht, Trost und Gelassenheit.
Mit Texten von Augustinus, Dietrich Bonhoeffer, Bernhard von Clairvaux, Birgitta von Schweden, Franz von Assisi, Dag Hammarskjöld, Hildegard von Bingen, Meister Eckhart, Teresa von Avila, Karl Rahner, Edith Stein, Dorothee Sölle, Jörg Zink u.v.a.
- Zuversicht, Trost und Gelassenheit für den eigenen spirituellen Weg
- Anlässlich des 80. Geburtstages von Altabt Odilo Lechner am 25. Januar 2011
Die Faszination an Texten der Mystik ist ungebrochen. Diese in Sprache gebrachten Erfahrungen des Absoluten zählen zu den kostbarsten Zeugnissen jeder Religion. Odilo Lechner und Michael Langer präsentieren in diesem Jahreslesebuch Texte aus der Geschichte des Christentums. Es sind tiefe Glaubenszeugnisse großer Frauen und Männer aus fast zwei Jahrtausenden, die zur täglichen Kurzbetrachtung einladen. Auf dem eigenen spirituellen Weg spenden sie Zuversicht, Trost und Gelassenheit.
Mit Texten von Augustinus, Dietrich Bonhoeffer, Bernhard von Clairvaux, Birgitta von Schweden, Franz von Assisi, Dag Hammarskjöld, Hildegard von Bingen, Meister Eckhart, Teresa von Avila, Karl Rahner, Edith Stein, Dorothee Sölle, Jörg Zink u.v.a.
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Language
German
Dimensions
Height: 22.7 cm
Width: 15 cm
ISBN-13
978-3-579-06552-6 (9783579065526)
Schweitzer Classification
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E-Book
10/2011
Gütersloher Verlagshaus
€11.99
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Persons
Dr. Odilo Lechner OSB, geb. am 25. Januar 1931 in München, leitete von 1964 bis 2003 die beiden traditionsreichen Klöster Sankt Bonifaz in München und Andechs. In seiner Amtszeit wurde die kriegszerstörte Basilika Sankt Bonifaz wieder aufgebaut. Pater Johannes Eckert trat 2003 die Nachfolge von Odilo Lechner an. Altabt Odilo Lechner ist bis heute als Kolumnist, Buchautor, Firmspender und Referent tätig.
Michael Langer, geboren 1960, Dr. phil., Dr. theol. habil., apl. Professor für Religionspädagogik und Kerygmatik an der Kath.-Theol. Fakultät der Universität Regensburg; erfolgreicher Buchautor.
Michael Langer, geboren 1960, Dr. phil., Dr. theol. habil., apl. Professor für Religionspädagogik und Kerygmatik an der Kath.-Theol. Fakultät der Universität Regensburg; erfolgreicher Buchautor.
Content
Vorwort
Nikolaus von Kues, der große Reformkardinal und Gelehrte des 15. Jahrhunderts, unterschied zwischen Gelehrten und Weisen. Die Gelehrten (docti) können über vieles reden, was sie sich angelesen und von anderen gehört haben; die Weisen (sapientes) tun das kund, was sie erfahren, innerlich verkostet, geschmeckt haben (sapere). Und danach geht die Sehnsucht vieler Menschen heute: nicht nur von außen mit Informationen überschüttet zu werden, sondern im Inneren zu erspüren, was der Sinn ihres Lebens ist, was die Mitte, den Kern ihres Wesens ausmacht, wie es zu einer Einheit kommt von all dem Vielen, was sie bewegt und sie umgibt. Die Mystiker aller Zeiten und Kulturen haben in der Tiefe ihrer Seelen nach einer solchen Einheit gesucht, nach der Quelle ihrer Selbst und alles Seienden.
Die Herausgeber haben gerne die Anregung des Gütersloher Verlagshauses und seines Cheflektors Thomas Schmitz aufgegriffen, ihnen selber kostbare Texte aus den mystischen Traditionen in Form eines Jahreslesebuches zusammenzustellen. Vor vier Jahren haben wir unter dem Titel 'Im Rhythmus der Mönche' ein ähnliches Buch mit Texten aus der benediktinischen Tradition vorgelegt.
Die Texte dieses Buches sollen anregen, sich immer neu auf die Suche nach dem geheimnisvollen Gott zu machen. Sie können nur inspirieren, mögliche Wege aufzeigen. Den Weg zu seiner Mitte muss jeder auf seine ganz eigene Weise finden.
Wir Christen leben vom Wort, vom Wort Gottes, das uns in den Heiligen Schriften und in den Glaubenszeugnissen großer Frauen und Männer begegnet. Wie Juden und Muslimen ist uns darum das Wort so wichtig, dass wir es immer wieder hören und in uns aufnehmen. Augustinus ist davon überzeugt, dass wir Christi Wort nicht nur äußerlich hören, wie er es einst in Palästina gesprochen hat und wie es durch seine Boten weitergegeben und in den Schriften überliefert wurde. Vielmehr ist Christus auch der 'innere Lehrer', der zu unserem Herzen spricht, uns mit diesem oder jenem
Wort besonders berührt, von seiner Wahrheit betroffen und froh macht. Darum ist es so wichtig, dass wir dieses Wort wiederholen, meditieren, in unserem Inneren wirken lassen. Dann drängt es uns auch zur Antwort unserer Seele, zum Gebet. So können wir im Gebet der Wirklichkeit Gottes, seinem Wirken an uns begegnen. Und so dürfen wir Grundgebete des Gottesvolkes immer wieder aufnehmen, verinnerlichen, zu einem Ruf des Herzens werden lassen.
So dürfen wir immer wieder von anderen lernen, die sich um das innere Verkosten der Wahrheit bemüht haben, die Vereinigung mit Gott gesucht haben. Vielleicht fühlen wir uns dabei ab und an von einem Wort besonders getroffen und können verweilen. Die mystische Tradition kennt viele Stufen auf dem Weg zur Einheit mit Gott, dem Ziel allen mystischen Suchen: besinnliches Lesen und Verweilen beim Wort, betrachtendes Nachempfinden biblischer Ereignisse, Versuche, beständig im Gebet, in der Verbundenheit mit Gott zu bleiben, ganz ruhig zu werden und sich in Stille der Gegenwart Gottes im Seelengrund zu überlassen.
Ein Irrtum wäre es, dass Mystik, Stille, Meditation gänzlich vom aktiven Tun, von den Aufgaben in der Welt wegführe. Meister Eckart stellt in seiner Predigt 86 über Marta und Maria die tätige Schwester über die nur verzückt lauschende Maria. Maria durfte gewiss zuerst zu Füßen des Herrn mit Lust ihm zuhören und leben lernen. Dann aber wird sie wie Marta aufstehen und dienen. 'Als sie gelernt hatte und Christus zum Himmel auffuhr und sie den Heiligen Geist empfing, da fing sie zu allererst an zu dienen.'
Freilich bedarf es, um in dieser inneren Verbundenheit mit Gott zu wirken, immer wieder der Sammlung. Bernhard von Clairvaux sagt im 18. Sermon zum Hohen Lied, wir sollten uns als Schale erweisen, die sich zunächst füllen lässt und dann weitergibt, was überfließt. So klagt er: 'Wir haben heutzutage viele Kanäle in der Kirche, aber sehr wenige Schalen', also solche, die 'lieber sprechen als hören'. 'Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen.'
In einer täglichen Besinnung, in ruhigem Verweilen, in Momenten der Stille und des Leerwerdens vor dem göttlichen Geheimnis dürfen wir Schale werden, Schale, die an der Fülle teilhat und die weitergeben kann.
Solche Erfahrung wünschen wir dem Leser mit unserem Buch. Wir danken Frau Maria Simon sehr herzlich für ihren großen Einsatz beim Erfassen der Texte. Frau Privatdozentin Dr. Carin Tschöpl hat freundlicherweise bei den Korrekturen geholfen.
Auf dem Umschlag des Buches ist eine Übermalung des international bedeutenden österreichischen Künstlers Arnulf Rainer zu sehen. Wir danken Prof. Rainer für die Abdruckerlaubnis. Sein Werk ist in großen Teilen eine Auseinandersetzung mit den mystischen Traditionen des Christentums, mit der Suche nach dem Absoluten und der Erfahrung des Nichts. Durch immer fortschreitende Übermalung versenkt sich der Künstler ins Bild, verfremdet, korrigiert es, löscht Altes und Abgestorbenes aus. 'Alle meine Werke sind nur>Spuren, hinterlassene Ruhelager, verlassene FeuerstellenMünchen-Andechs/Oberaudorf-Regensburg, im Sommer 2010
Odilo Lechner OSB/Michael Langer
01. Januar
Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu.
OFFENBARUNG 21,1-5
02. Januar
Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer? Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer, das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?
Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!
DIETRICH BONHOEFFER
03. Januar
Wenn sich ein Mensch dem Leben mit Gott zuwendet
Wenn sich ein Mensch mit Entschiedenheit dem Leben mit Gott zuwendet, pflegt Gott ihn zumeist geistlich zu umsorgen wie eine liebende Mutter ihr neugeborenes Kind: sie wärmt es an ihrer Brust, nährt es mit ihrer süßen Milch, trägt es auf den Armen und herzt es. In dem Maße aber, wie es heranwächst, entzieht ihm die Mutter solcher Art Zärtlichkeiten, sie bestreicht die bisher süße Brust mit Bitterem, lässt das Kind von den Armen herab, damit es auf eigenen Füßen stehen lerne, die Art des Säuglings ablege und nach kernigerer Nahrung verlange. Nicht anders verhält sich die Gnade Gottes, diese liebende Mutter, sobald ein Mensch zum neuen Leben in Gott wiedergeboren wird (_).
JOHANNES VOM KREUZ
04. Januar
Wer Gott sucht, streckt sich nach der Unendlichkeit aus. Was uns Gott ähnlich macht, ist die Liebe, die kein Maß kennt. Aber sie ist nicht menschliche Leistung und irdischer Fortschritt, sondern unendliches Geschenk. Um es zu empfangen, darf das irdische, endliche Gefäß nicht zerbrechen, seine Gestalt nicht verlieren, sondern es muss sein Maß bewahren. Unsere irdischen Kräfte und Regungen dürfen nicht zerfließen, sondern müssen geordnet sein, damit wir offen bleiben für die Gaben Gottes.
Das Maß, die Bescheidung, der Mut zum Kleinen und Einfachen sind eng verbunden mit dem Wissen um das Größere, Unendliche, Göttliche. Nur darin liegt auch Rettung gegenüber einem falschen Wachstumsdenken, das heute die Menschheit ins Verderben zu stürzen droht.
ODILO LECHNER
05. Januar
Wenige wissen
Das Geheimnis der Liebe,
Fühlen Unersättlichkeit
Und ewigen Durst.
Des Abendmahls
Göttliche Bedeutung
Ist den irdischen Sinnen Rätsel;
Aber wer jemals
Von heißen, geliebten Lippen
Atem des Lebens sog,
Wem heilige Glut
In Zitternde Wellen das Herz schmolz, Wem das Auge aufging, Dass er des Himmels Unergründliche Tiefe maß, Wird essen von seinem Leibe Und trinken von seinem Blute Ewiglich.
Wer hat des irdischen Leibes Hohen Sinn erraten? Wer kann sagen, Dass er das Blut versteht? Einst ist alles Leib, Ein Leib,
In himmlischem Blute Schwimmt das selige Paar.
06. Januar
Er, der die unendliche, ferne Zukunft ist, die wir von uns aus nie einholen, weil sie in immer weitere Fernen zurückzuweichen scheint, wenn wir ihr entgegeneilen auf den harten Straßen unseres Lebens, er ist selbst uns entgegengekommen, bei uns angekommen, da wir sonst nicht zu ihm fänden, er ist mit uns unseren Weg zu sich gegangen, damit er ein seliges Ende finde, weil dieses Ende in Jesus auch selbst unser Anfang wurde. Gott ist nahe.
KARL RAHNER
07. Januar
Wer Gott sucht, streckt sich nach der Unendlichkeit aus. Was uns Gott ähnlich macht, ist die Liebe, die kein Maß kennt. Aber sie ist nicht menschliche Leistung und irdischer Fortschritt, sondern unendliches Geschenk. Um es zu empfangen, darf das irdische, unendliche Gefäß nicht zerbrechen, seine Gestalt verlieren, sondern muss sein Maß bewahren. Unsere irdischen Kräfte und Regungen dürfen nicht zerfließen, sondern müssen geordnet sein, damit wir offen bleiben für die Gaben Gottes.
ODILO LECHNER
08. Januar
Der geschaffene Geist kann das Wesen Gottes nur dann ohne Vermittlung eines Bildes oder einer Vorstellung schauen, wenn er durch außerordentliche Erleuchtung dazu befähigt wird. Denn wie die Sehkraft der Eule gerade ausreicht, um das schwache Licht einer heitern Nacht zu ertragen, nicht die Helle des Mittags, so ist unser Geist zwar stark genug, um natürliche Wahrheiten und im Licht des Glaubens sogar übernatürliche Dinge zu erkennen, doch er vermag sich nicht zur Anschauung der göttlichen Wesenheit zu erheben; dazu reicht weder die natürliche Erkenntnis noch die Glaubenserkenntnis hin.
FRANZ VON SALES
09. Januar
Gott teilt sich der Seele mit
Gott tut das Seine. Er teilt sich der Seele mit, verborgen, in aller Stille. Eher könnte ein Sonnenstrahl aufhören, in eine unverhüllte, freigeräumte Stätte einzufallen. Wie die Sonne sich früh morgens erhebt, um in dein Haus zu strahlen, sobald du nur die Fensterläden öffnest, so wird Gott, der ohne Unterlass über Israel wacht, flugs in eine unverstellte Seele einfallen und sie mit göttlichen Gaben erfüllen. Der Sonne gleich steht Gott über den Menschen, um sich ihnen einzustrahlen.
JOHANNES VOM KREUZ
10. Januar
Die eigentliche Deutung der Angst muss darin gesucht werden, dass man einer persönlichen Aufforderung, der man sich zumindest dunkel bewusst ist, nicht nachkommt. Man folgt einem Anruf nicht, erfüllt eine bestimmte Möglichkeit nicht, auf die man ansprechen, die man verwirklichen müsste. Der Preis dieses Versagen vor einer existentiellen Forderung im eigenen Leben ist ein allgemeines Gefühl des Ungenügens, der Schuld. Und es ist wichtig zu bemerken, dass es eine wirkliche Schuld ist und nicht einfach eine neurotische Angst. Es ist das Gefühl des Treubruchs und der Niederlage, das einen Menschen befällt, der sich nicht seiner eigenen inneren Wahrheit stellt und dem Leben, Gott und seinen Mitmenschen keine angemessene Gegenleistung für all das bietet, was ihm gegeben wurde.
THOMAS MERTON
11. Januar
Inneres Gebet und mystische Theologie sind eins. Beschäftigt sich die Schultheologie mit der Göttlichkeit des höchsten Gutes, so betrachtet die mystische Theologie seine Schönheit und Güte. Die Schultheologie spricht zu den Menschen von Gott, die mystische Theologie spricht mit Gott von Gott. Die Schultheologie will zu Gotteserkenntnis führen, die mystische Theologie zu Gottesliebe.
Mystisch nennt man diese Theologie, weil die Zwiesprache der Seele mit Gott ein geheimnisvoller Vorgang ist, niemandem mitteilbar, niemandem verständlich als jenen, die sie miteinander halten. Mit Gott sprechen und in der Tiefe des Herzens seine Stimme vernehmen - das ist das Wesen des mystischen Gebetes.
FRANZ VON SALES
12. Januar
Wer an einer Kirchenschwelle die Finger in geweihtes Wasser taucht und weiß, was er da tut, der möchte eigentlich ganz abgewaschen werden, will ein neuer Mensch, eine neue Schöpfung sein. Im Raum hinter dieser Schwelle vollzieht sich noch vieles andere, das läuternd, kathartisch ist: das Hören des Wortes, die Schuldvergebung in der Beichte. Auch Kunst kann, ja will kathartisch sein. Als Kunst im Kirchenhaus kann sie interpretieren und fördern, was dort an Läuterung aus religiöser Wurzel geschieht. Einer der Wege zur Läuterung geht über das Erlebnis von Schockierendem. Dies bezeugen auch die Texte der Bibel. Ihr Wort ist manchmal sanft und tröstend und dann wieder von der schneidenden Schärfe eines Schwertes, ist Krisis als Umweg zu Heilung und Heil.
EGON KAPELLARI
13. Januar
Das ist ein gerechter Mensch, der in die Gerechtigkeit eingebildet und übergebildet ist. Der Gerechte lebt in Gott und Gott in ihm, denn Gott wird geboren in dem Gerechten und der Gerechte in Gott; und darum wird Gott durch eine jegliche Tugend des Gerechten geboren und wird erfreut durch eine jegliche Tugend des Gerechten. Und nicht nur durch eine jegliche Tugend, sondern auch durch jegliches Werk des Gerechten, wie gering es auch sein mag, das durch den Gerechten und in der Gerechtigkeit gewirkt wird, durch das wird Gott erfreut, ja durchfreut; denn nichts bleibt in seinem Grunde, was nicht von Freude durchkitzelt würde.
MEISTER ECKHART
14. Januar
Wie die Toten werden heißt: nicht gefühllos werden, sondern was in der Taufe geschieht: dass wir der Welt gestorben sind. Die Welt, d. h. die Menschen mit ihren Erwartungen und Ansprüchen, mit ihren Maßstäben und Urteilen, haben keine Macht über uns. Wir identifizieren uns nicht mehr mit der Welt. Wir leben jenseits der Schwelle. Wir leben in einer geistlichen Wirklichkeit, über die die Welt keine Macht hat. Das macht uns frei. Wenn wir ständig darauf aus sind, gelobt zu werden, werden wir immer unzufrieden bleiben. Denn wir sind dann unersättlich in unserer Sehnsucht nach Lob.
ANSELM GRÜN
Nikolaus von Kues, der große Reformkardinal und Gelehrte des 15. Jahrhunderts, unterschied zwischen Gelehrten und Weisen. Die Gelehrten (docti) können über vieles reden, was sie sich angelesen und von anderen gehört haben; die Weisen (sapientes) tun das kund, was sie erfahren, innerlich verkostet, geschmeckt haben (sapere). Und danach geht die Sehnsucht vieler Menschen heute: nicht nur von außen mit Informationen überschüttet zu werden, sondern im Inneren zu erspüren, was der Sinn ihres Lebens ist, was die Mitte, den Kern ihres Wesens ausmacht, wie es zu einer Einheit kommt von all dem Vielen, was sie bewegt und sie umgibt. Die Mystiker aller Zeiten und Kulturen haben in der Tiefe ihrer Seelen nach einer solchen Einheit gesucht, nach der Quelle ihrer Selbst und alles Seienden.
Die Herausgeber haben gerne die Anregung des Gütersloher Verlagshauses und seines Cheflektors Thomas Schmitz aufgegriffen, ihnen selber kostbare Texte aus den mystischen Traditionen in Form eines Jahreslesebuches zusammenzustellen. Vor vier Jahren haben wir unter dem Titel 'Im Rhythmus der Mönche' ein ähnliches Buch mit Texten aus der benediktinischen Tradition vorgelegt.
Die Texte dieses Buches sollen anregen, sich immer neu auf die Suche nach dem geheimnisvollen Gott zu machen. Sie können nur inspirieren, mögliche Wege aufzeigen. Den Weg zu seiner Mitte muss jeder auf seine ganz eigene Weise finden.
Wir Christen leben vom Wort, vom Wort Gottes, das uns in den Heiligen Schriften und in den Glaubenszeugnissen großer Frauen und Männer begegnet. Wie Juden und Muslimen ist uns darum das Wort so wichtig, dass wir es immer wieder hören und in uns aufnehmen. Augustinus ist davon überzeugt, dass wir Christi Wort nicht nur äußerlich hören, wie er es einst in Palästina gesprochen hat und wie es durch seine Boten weitergegeben und in den Schriften überliefert wurde. Vielmehr ist Christus auch der 'innere Lehrer', der zu unserem Herzen spricht, uns mit diesem oder jenem
Wort besonders berührt, von seiner Wahrheit betroffen und froh macht. Darum ist es so wichtig, dass wir dieses Wort wiederholen, meditieren, in unserem Inneren wirken lassen. Dann drängt es uns auch zur Antwort unserer Seele, zum Gebet. So können wir im Gebet der Wirklichkeit Gottes, seinem Wirken an uns begegnen. Und so dürfen wir Grundgebete des Gottesvolkes immer wieder aufnehmen, verinnerlichen, zu einem Ruf des Herzens werden lassen.
So dürfen wir immer wieder von anderen lernen, die sich um das innere Verkosten der Wahrheit bemüht haben, die Vereinigung mit Gott gesucht haben. Vielleicht fühlen wir uns dabei ab und an von einem Wort besonders getroffen und können verweilen. Die mystische Tradition kennt viele Stufen auf dem Weg zur Einheit mit Gott, dem Ziel allen mystischen Suchen: besinnliches Lesen und Verweilen beim Wort, betrachtendes Nachempfinden biblischer Ereignisse, Versuche, beständig im Gebet, in der Verbundenheit mit Gott zu bleiben, ganz ruhig zu werden und sich in Stille der Gegenwart Gottes im Seelengrund zu überlassen.
Ein Irrtum wäre es, dass Mystik, Stille, Meditation gänzlich vom aktiven Tun, von den Aufgaben in der Welt wegführe. Meister Eckart stellt in seiner Predigt 86 über Marta und Maria die tätige Schwester über die nur verzückt lauschende Maria. Maria durfte gewiss zuerst zu Füßen des Herrn mit Lust ihm zuhören und leben lernen. Dann aber wird sie wie Marta aufstehen und dienen. 'Als sie gelernt hatte und Christus zum Himmel auffuhr und sie den Heiligen Geist empfing, da fing sie zu allererst an zu dienen.'
Freilich bedarf es, um in dieser inneren Verbundenheit mit Gott zu wirken, immer wieder der Sammlung. Bernhard von Clairvaux sagt im 18. Sermon zum Hohen Lied, wir sollten uns als Schale erweisen, die sich zunächst füllen lässt und dann weitergibt, was überfließt. So klagt er: 'Wir haben heutzutage viele Kanäle in der Kirche, aber sehr wenige Schalen', also solche, die 'lieber sprechen als hören'. 'Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen.'
In einer täglichen Besinnung, in ruhigem Verweilen, in Momenten der Stille und des Leerwerdens vor dem göttlichen Geheimnis dürfen wir Schale werden, Schale, die an der Fülle teilhat und die weitergeben kann.
Solche Erfahrung wünschen wir dem Leser mit unserem Buch. Wir danken Frau Maria Simon sehr herzlich für ihren großen Einsatz beim Erfassen der Texte. Frau Privatdozentin Dr. Carin Tschöpl hat freundlicherweise bei den Korrekturen geholfen.
Auf dem Umschlag des Buches ist eine Übermalung des international bedeutenden österreichischen Künstlers Arnulf Rainer zu sehen. Wir danken Prof. Rainer für die Abdruckerlaubnis. Sein Werk ist in großen Teilen eine Auseinandersetzung mit den mystischen Traditionen des Christentums, mit der Suche nach dem Absoluten und der Erfahrung des Nichts. Durch immer fortschreitende Übermalung versenkt sich der Künstler ins Bild, verfremdet, korrigiert es, löscht Altes und Abgestorbenes aus. 'Alle meine Werke sind nur>Spuren, hinterlassene Ruhelager, verlassene FeuerstellenMünchen-Andechs/Oberaudorf-Regensburg, im Sommer 2010
Odilo Lechner OSB/Michael Langer
01. Januar
Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu.
OFFENBARUNG 21,1-5
02. Januar
Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer? Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer, das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?
Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!
DIETRICH BONHOEFFER
03. Januar
Wenn sich ein Mensch dem Leben mit Gott zuwendet
Wenn sich ein Mensch mit Entschiedenheit dem Leben mit Gott zuwendet, pflegt Gott ihn zumeist geistlich zu umsorgen wie eine liebende Mutter ihr neugeborenes Kind: sie wärmt es an ihrer Brust, nährt es mit ihrer süßen Milch, trägt es auf den Armen und herzt es. In dem Maße aber, wie es heranwächst, entzieht ihm die Mutter solcher Art Zärtlichkeiten, sie bestreicht die bisher süße Brust mit Bitterem, lässt das Kind von den Armen herab, damit es auf eigenen Füßen stehen lerne, die Art des Säuglings ablege und nach kernigerer Nahrung verlange. Nicht anders verhält sich die Gnade Gottes, diese liebende Mutter, sobald ein Mensch zum neuen Leben in Gott wiedergeboren wird (_).
JOHANNES VOM KREUZ
04. Januar
Wer Gott sucht, streckt sich nach der Unendlichkeit aus. Was uns Gott ähnlich macht, ist die Liebe, die kein Maß kennt. Aber sie ist nicht menschliche Leistung und irdischer Fortschritt, sondern unendliches Geschenk. Um es zu empfangen, darf das irdische, endliche Gefäß nicht zerbrechen, seine Gestalt nicht verlieren, sondern es muss sein Maß bewahren. Unsere irdischen Kräfte und Regungen dürfen nicht zerfließen, sondern müssen geordnet sein, damit wir offen bleiben für die Gaben Gottes.
Das Maß, die Bescheidung, der Mut zum Kleinen und Einfachen sind eng verbunden mit dem Wissen um das Größere, Unendliche, Göttliche. Nur darin liegt auch Rettung gegenüber einem falschen Wachstumsdenken, das heute die Menschheit ins Verderben zu stürzen droht.
ODILO LECHNER
05. Januar
Wenige wissen
Das Geheimnis der Liebe,
Fühlen Unersättlichkeit
Und ewigen Durst.
Des Abendmahls
Göttliche Bedeutung
Ist den irdischen Sinnen Rätsel;
Aber wer jemals
Von heißen, geliebten Lippen
Atem des Lebens sog,
Wem heilige Glut
In Zitternde Wellen das Herz schmolz, Wem das Auge aufging, Dass er des Himmels Unergründliche Tiefe maß, Wird essen von seinem Leibe Und trinken von seinem Blute Ewiglich.
Wer hat des irdischen Leibes Hohen Sinn erraten? Wer kann sagen, Dass er das Blut versteht? Einst ist alles Leib, Ein Leib,
In himmlischem Blute Schwimmt das selige Paar.
06. Januar
Er, der die unendliche, ferne Zukunft ist, die wir von uns aus nie einholen, weil sie in immer weitere Fernen zurückzuweichen scheint, wenn wir ihr entgegeneilen auf den harten Straßen unseres Lebens, er ist selbst uns entgegengekommen, bei uns angekommen, da wir sonst nicht zu ihm fänden, er ist mit uns unseren Weg zu sich gegangen, damit er ein seliges Ende finde, weil dieses Ende in Jesus auch selbst unser Anfang wurde. Gott ist nahe.
KARL RAHNER
07. Januar
Wer Gott sucht, streckt sich nach der Unendlichkeit aus. Was uns Gott ähnlich macht, ist die Liebe, die kein Maß kennt. Aber sie ist nicht menschliche Leistung und irdischer Fortschritt, sondern unendliches Geschenk. Um es zu empfangen, darf das irdische, unendliche Gefäß nicht zerbrechen, seine Gestalt verlieren, sondern muss sein Maß bewahren. Unsere irdischen Kräfte und Regungen dürfen nicht zerfließen, sondern müssen geordnet sein, damit wir offen bleiben für die Gaben Gottes.
ODILO LECHNER
08. Januar
Der geschaffene Geist kann das Wesen Gottes nur dann ohne Vermittlung eines Bildes oder einer Vorstellung schauen, wenn er durch außerordentliche Erleuchtung dazu befähigt wird. Denn wie die Sehkraft der Eule gerade ausreicht, um das schwache Licht einer heitern Nacht zu ertragen, nicht die Helle des Mittags, so ist unser Geist zwar stark genug, um natürliche Wahrheiten und im Licht des Glaubens sogar übernatürliche Dinge zu erkennen, doch er vermag sich nicht zur Anschauung der göttlichen Wesenheit zu erheben; dazu reicht weder die natürliche Erkenntnis noch die Glaubenserkenntnis hin.
FRANZ VON SALES
09. Januar
Gott teilt sich der Seele mit
Gott tut das Seine. Er teilt sich der Seele mit, verborgen, in aller Stille. Eher könnte ein Sonnenstrahl aufhören, in eine unverhüllte, freigeräumte Stätte einzufallen. Wie die Sonne sich früh morgens erhebt, um in dein Haus zu strahlen, sobald du nur die Fensterläden öffnest, so wird Gott, der ohne Unterlass über Israel wacht, flugs in eine unverstellte Seele einfallen und sie mit göttlichen Gaben erfüllen. Der Sonne gleich steht Gott über den Menschen, um sich ihnen einzustrahlen.
JOHANNES VOM KREUZ
10. Januar
Die eigentliche Deutung der Angst muss darin gesucht werden, dass man einer persönlichen Aufforderung, der man sich zumindest dunkel bewusst ist, nicht nachkommt. Man folgt einem Anruf nicht, erfüllt eine bestimmte Möglichkeit nicht, auf die man ansprechen, die man verwirklichen müsste. Der Preis dieses Versagen vor einer existentiellen Forderung im eigenen Leben ist ein allgemeines Gefühl des Ungenügens, der Schuld. Und es ist wichtig zu bemerken, dass es eine wirkliche Schuld ist und nicht einfach eine neurotische Angst. Es ist das Gefühl des Treubruchs und der Niederlage, das einen Menschen befällt, der sich nicht seiner eigenen inneren Wahrheit stellt und dem Leben, Gott und seinen Mitmenschen keine angemessene Gegenleistung für all das bietet, was ihm gegeben wurde.
THOMAS MERTON
11. Januar
Inneres Gebet und mystische Theologie sind eins. Beschäftigt sich die Schultheologie mit der Göttlichkeit des höchsten Gutes, so betrachtet die mystische Theologie seine Schönheit und Güte. Die Schultheologie spricht zu den Menschen von Gott, die mystische Theologie spricht mit Gott von Gott. Die Schultheologie will zu Gotteserkenntnis führen, die mystische Theologie zu Gottesliebe.
Mystisch nennt man diese Theologie, weil die Zwiesprache der Seele mit Gott ein geheimnisvoller Vorgang ist, niemandem mitteilbar, niemandem verständlich als jenen, die sie miteinander halten. Mit Gott sprechen und in der Tiefe des Herzens seine Stimme vernehmen - das ist das Wesen des mystischen Gebetes.
FRANZ VON SALES
12. Januar
Wer an einer Kirchenschwelle die Finger in geweihtes Wasser taucht und weiß, was er da tut, der möchte eigentlich ganz abgewaschen werden, will ein neuer Mensch, eine neue Schöpfung sein. Im Raum hinter dieser Schwelle vollzieht sich noch vieles andere, das läuternd, kathartisch ist: das Hören des Wortes, die Schuldvergebung in der Beichte. Auch Kunst kann, ja will kathartisch sein. Als Kunst im Kirchenhaus kann sie interpretieren und fördern, was dort an Läuterung aus religiöser Wurzel geschieht. Einer der Wege zur Läuterung geht über das Erlebnis von Schockierendem. Dies bezeugen auch die Texte der Bibel. Ihr Wort ist manchmal sanft und tröstend und dann wieder von der schneidenden Schärfe eines Schwertes, ist Krisis als Umweg zu Heilung und Heil.
EGON KAPELLARI
13. Januar
Das ist ein gerechter Mensch, der in die Gerechtigkeit eingebildet und übergebildet ist. Der Gerechte lebt in Gott und Gott in ihm, denn Gott wird geboren in dem Gerechten und der Gerechte in Gott; und darum wird Gott durch eine jegliche Tugend des Gerechten geboren und wird erfreut durch eine jegliche Tugend des Gerechten. Und nicht nur durch eine jegliche Tugend, sondern auch durch jegliches Werk des Gerechten, wie gering es auch sein mag, das durch den Gerechten und in der Gerechtigkeit gewirkt wird, durch das wird Gott erfreut, ja durchfreut; denn nichts bleibt in seinem Grunde, was nicht von Freude durchkitzelt würde.
MEISTER ECKHART
14. Januar
Wie die Toten werden heißt: nicht gefühllos werden, sondern was in der Taufe geschieht: dass wir der Welt gestorben sind. Die Welt, d. h. die Menschen mit ihren Erwartungen und Ansprüchen, mit ihren Maßstäben und Urteilen, haben keine Macht über uns. Wir identifizieren uns nicht mehr mit der Welt. Wir leben jenseits der Schwelle. Wir leben in einer geistlichen Wirklichkeit, über die die Welt keine Macht hat. Das macht uns frei. Wenn wir ständig darauf aus sind, gelobt zu werden, werden wir immer unzufrieden bleiben. Denn wir sind dann unersättlich in unserer Sehnsucht nach Lob.
ANSELM GRÜN