- Start
- Product

Ade Favela
Reinhard Lackinger(Author)
Heinz Hartwig(Editor)
Leykam (Publisher)
Published in 1998
Book
Paperback/Softback
80 pages
978-3-7011-7375-4 (ISBN)
Description
Diese Texte bieten dem Leser fesselnde Einblicke in den Alltag Brasiliens von einem, der dieses Land nicht mit den Augen eines Touristen sieht, sondern der selbst seit vielen Jahren in diesem Staat lebt und sich unter härtesten Bedingungen in dieser fremden Welt, in einem fremden Kulturkreis bewähren mußte.
SCHLAFE, WER DA KANN
Salvador ist mit Abstand die lauteste Stadt der Welt. Dabei ist Barra, die Spitze der Landzunge, wo sich mein Domizil befindet, noch immer ruhiger als andere Viertel. Zwar ist es auch hier nicht so still, daß man eine Stecknadel fallen hören könnte, aber etwas größere Objekte hört man bestimmt. Mangakerne oder gebrauchte Kondome zum Beispiel, die einem jemand aus dem 12. Stockwerk des Nebenhauses aufs Dach oder in den Hinterhof wirft. Einen Augenblick später kreischen die Bremsen eines Omnibusses, bellen nebenan die Hunde, oder es hupt ein Autofahrer so verrückt, daß sämtliche Nachbarn wach werden und endlich auch der, der geweckt werden sollte. Empregadas Domésticas gehen spät nachts, nachdem sie ihre Arbeit verrichtet haben, laut schnatternd durch die Straßen. Halbwüchsige amüsieren sich bei ohrenbetäubendem Discosound aus der lautstärksten CD-Player-Anlage des geparkten Autos. Um die gesamte Nachbarschaft in den musikalischen Genuß einzubeziehen, werden nicht nur die Autotüren sondern auch der Kofferraum geöffnet. Wenn sich derartige Lärmorgien vor der eigenen Haustür abspielen, kann man dagegen einschreiten.
Was aber geschieht, wenn der Ursprung des höllischen Spektakels nicht eruierbar ist? Weil das Lärmopfer ringsum von Apartmentbauten eingekeilt ist und noch dazu ebenerdig wohnt. Dann fühlt es sich, wie es mir oft ergeht, ohnmächtig und seine Lage wird unerträglich.
Es mochte gegen zwei Uhr morgens gewesen sein, als mich dröhnende Schallplattenmusik und das Gegröle Betrunkener in der Nachbarschaft brutal aus dem Schlaf riß. Ich stieg aus dem Bett, begab mich, ohne Lärm oder Licht zu machen, in den Hinterhof, um zu erkunden, woher der Radau kam. Ein einsamer Lichtschimmer über der hoch aufragenden Mauer der Garagengeschosse verriet mir den Ort einer nächtlichen Fete.
Was konnte ich tun? Das Naheliegendste, einfach hinzugehen und die Ruhestörer zu bitten, ihre Unterhaltung auf Zimmerlautstärke zu drosseln, kam nicht in Frage. Man würde mich freundlich empfangen, mich umarmen, mir ein Glas einschenken und mir anbieten, mitzumachen und mich wie Zuhause zu fühlen.
Sollte ich meiner Empörung auf andere Art ein Ventil schaffen und den Schauplatz der Ruhestörung mit Mauerbrocken oder Steinen bombardieren? Ein altes brasilianisches Sprichwort fiel mir ein: durma com um barulho desses. Ins Deutsche übersetzt: Schlafe bei so einem Lärm. Da meine Ruhe nun schon dahin war, kamen mir gleich noch andere Arten von Störung in den Sinn, denen wir Bewohner der Dritten Welt täglich ausgesetzt sind, das Sprichwort verwandelte sich und lautete nun: Schlafe, wer da kann - wobei das Wort Schlaf aber nur noch im übertragenen Sinne galt.
Schlafe, angesichts der Straßenkinder, die in Plastiksäcken mit Abfällen nach Eßbarem suchen.
Schlafe, angesichts der minderjährigen Dirnen, die ihre zarten Körper im Schatten zerbröckelnder Häuserruinen der Altstadt für wenig Geld mißbrauchen und mißhandeln lassen.
Schlafe, angesichts der Warteschlangen vor den Erste-Hilfe-Ambulatorium oder vor irgendeiner staatlichen Dienststelle, wo unglückliche Menschen Hilfe suchen.
Schlafe, wer da kann!
Die ganze Welt kann es und macht gute Miene zu dem bösem Spiel.
Reinhard Lackinger, geb. 1947 in Kapfenberg, Metallarbeiter, kam als Entwicklungshelfer nach Brasilien, das ihm zur neuen Heimat wurde. Zunächst Berufsschullehrer, Technischer Zeichner und Werkstättenleiter, heute selbständig Gewerbetreibender in Bahia. Zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitungen und Zeitschriften Brasiliens.
SCHLAFE, WER DA KANN
Salvador ist mit Abstand die lauteste Stadt der Welt. Dabei ist Barra, die Spitze der Landzunge, wo sich mein Domizil befindet, noch immer ruhiger als andere Viertel. Zwar ist es auch hier nicht so still, daß man eine Stecknadel fallen hören könnte, aber etwas größere Objekte hört man bestimmt. Mangakerne oder gebrauchte Kondome zum Beispiel, die einem jemand aus dem 12. Stockwerk des Nebenhauses aufs Dach oder in den Hinterhof wirft. Einen Augenblick später kreischen die Bremsen eines Omnibusses, bellen nebenan die Hunde, oder es hupt ein Autofahrer so verrückt, daß sämtliche Nachbarn wach werden und endlich auch der, der geweckt werden sollte. Empregadas Domésticas gehen spät nachts, nachdem sie ihre Arbeit verrichtet haben, laut schnatternd durch die Straßen. Halbwüchsige amüsieren sich bei ohrenbetäubendem Discosound aus der lautstärksten CD-Player-Anlage des geparkten Autos. Um die gesamte Nachbarschaft in den musikalischen Genuß einzubeziehen, werden nicht nur die Autotüren sondern auch der Kofferraum geöffnet. Wenn sich derartige Lärmorgien vor der eigenen Haustür abspielen, kann man dagegen einschreiten.
Was aber geschieht, wenn der Ursprung des höllischen Spektakels nicht eruierbar ist? Weil das Lärmopfer ringsum von Apartmentbauten eingekeilt ist und noch dazu ebenerdig wohnt. Dann fühlt es sich, wie es mir oft ergeht, ohnmächtig und seine Lage wird unerträglich.
Es mochte gegen zwei Uhr morgens gewesen sein, als mich dröhnende Schallplattenmusik und das Gegröle Betrunkener in der Nachbarschaft brutal aus dem Schlaf riß. Ich stieg aus dem Bett, begab mich, ohne Lärm oder Licht zu machen, in den Hinterhof, um zu erkunden, woher der Radau kam. Ein einsamer Lichtschimmer über der hoch aufragenden Mauer der Garagengeschosse verriet mir den Ort einer nächtlichen Fete.
Was konnte ich tun? Das Naheliegendste, einfach hinzugehen und die Ruhestörer zu bitten, ihre Unterhaltung auf Zimmerlautstärke zu drosseln, kam nicht in Frage. Man würde mich freundlich empfangen, mich umarmen, mir ein Glas einschenken und mir anbieten, mitzumachen und mich wie Zuhause zu fühlen.
Sollte ich meiner Empörung auf andere Art ein Ventil schaffen und den Schauplatz der Ruhestörung mit Mauerbrocken oder Steinen bombardieren? Ein altes brasilianisches Sprichwort fiel mir ein: durma com um barulho desses. Ins Deutsche übersetzt: Schlafe bei so einem Lärm. Da meine Ruhe nun schon dahin war, kamen mir gleich noch andere Arten von Störung in den Sinn, denen wir Bewohner der Dritten Welt täglich ausgesetzt sind, das Sprichwort verwandelte sich und lautete nun: Schlafe, wer da kann - wobei das Wort Schlaf aber nur noch im übertragenen Sinne galt.
Schlafe, angesichts der Straßenkinder, die in Plastiksäcken mit Abfällen nach Eßbarem suchen.
Schlafe, angesichts der minderjährigen Dirnen, die ihre zarten Körper im Schatten zerbröckelnder Häuserruinen der Altstadt für wenig Geld mißbrauchen und mißhandeln lassen.
Schlafe, angesichts der Warteschlangen vor den Erste-Hilfe-Ambulatorium oder vor irgendeiner staatlichen Dienststelle, wo unglückliche Menschen Hilfe suchen.
Schlafe, wer da kann!
Die ganze Welt kann es und macht gute Miene zu dem bösem Spiel.
Reinhard Lackinger, geb. 1947 in Kapfenberg, Metallarbeiter, kam als Entwicklungshelfer nach Brasilien, das ihm zur neuen Heimat wurde. Zunächst Berufsschullehrer, Technischer Zeichner und Werkstättenleiter, heute selbständig Gewerbetreibender in Bahia. Zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitungen und Zeitschriften Brasiliens.
More details
Language
German
Dimensions
Height: 21 cm
Width: 11 cm
ISBN-13
978-3-7011-7375-4 (9783701173754)