
Klinge
Gönül Kıvılcım(Author)
Dagyeli Verlag
1st Edition
Published on 10. March 2022
Book
Hardback
180 pages
978-3-935597-64-7 (ISBN)
Description
Mit dem Grundschulzeugnis in der Hand kehrt Sinan in das leergeräumte Häuschen in der Armensiedlung zurück. Sein Vater hat sich mit seiner neuen Frau aus dem Staub gemacht und für den ungeliebten Sohn keinen Platz mehr. Sinan treibt sich auf den Plätzen herum, auf denen die Gestrandeten sich sammeln, die Kinder aus den Dörfern, die Abgestürzten, und schließt sich einer Kinderbande an. Er wird zu Sinan die Klinge, dem Jungen, der sich die Arme ritzt, das Betteln, Stehlen und Sprücheklopfen lernt, und dass man dem Hunger und der Kälte mit Pillen und Verdünner beikommen kann. Die Händler vertreiben sie, die Polizei jagt sie und setzt sie an den Stadträndern aus. Als Sinan Gül begegnet, ergreift den Pubertierenden die Liebe. Er beschützt das Mädchen, will sie und sich aus dem Elend herausholen. Doch für Romantik ist nur im Kino Platz. Als ein Bandenkrieg eskaliert, plant Sinan den großen Auftritt.
Mit Witz und Wärme, ungeschönt und bisweilen brutal schildert Gönül Kıvılcım das Leben einer Straßenkindergang, die Gewalt auf Polizeistationen, die Kehrseite der boom town Istanbul. Ihr 2002 erstmals veröffentlichter, auf intensiver Recherche beruhender Roman wurde ins Englische übersetzt und ist Teil der neuen Literatur der türkischen Gegenkultur.
More details
Edition
Erstauflage
Language
German
Place of publication
Berlin
Germany
Target group
Young adult
Für Interessenten an sozialrealistischer Literatur, speziell der Banlieue-(bzw. Shanty Town)Literatur, die vor allem das Leben der Heranwachsenden unter äußerst prekären Verhältnissen zum Thema hat und oft eine drastische Sprache mit Komik verbindet.
Dimensions
Height: 21 cm
Width: 14 cm
ISBN-13
978-3-935597-64-7 (9783935597647)
Schweitzer Classification
Persons
Author
Gönu¨l Kıvılcım, geboren 1963, studierte in Istanbul, bevor sie als Korrespondentin nach Berlin ging und ab 1993 fu¨r den WDR als Fernsehjournalistin tätig wurde. Nach ihrer Ru¨ckkehr in die Tu¨rkei arbeitete sie fu¨r die angesehene Zeitung »Radikal«, fu¨r NTV und den Kultursender »Arte« zu politisch brisanten Themen. Sie promovierte in Literaturwissenschaft und veröfffentlichte mehrere Romane und Erzählungen.
ISNI: 0000 0001 0392 6667
ISNI: 0000 0001 0392 6667
Translation
ISNI: 0000 0000 7755 5291
Content
Gül hatte sich verlaufen, als sie Klinge begegnete. Hatte eines Nachts ihre ferne Kindheit und die blaue Schuluniform,
die sie nicht anziehen konnte, mitgenommen und war auf die Straße gegangen. Als sie ihr Filiz, ihre neugeborene
Schwester, auf den Schoß setzten, war Gül, die nackte Königin der Stadt, neun Jahre alt. In der unbarmherzigen
Nacktheit der Sprache sagte man ihr: »Du bist jetzt sozusagen auch eine Mutter. Du hast ein Baby, wie alle anderen Mütter.« Gül, ihre Mutter, die Nachbarn im Viertel, die Polizisten, die ihren Vater abgeführt hatten, und die Frauen, die mit ihrer Mutter im Konfektionsatelier arbeiteten, waren alle nackt. Sie hatten Gül ihre Kindheit geraubt, die Bücher, aus denen sie das ABC des Lebens hätte lernen sollen, ihre auf dem Schulweg ausgetretenen Schuhe und das Amulett gegen den bösen Blick, das ihre Mutter ihr unter der Schuluniform um den Hals gehängt hatte. An dem Abend, als ihr Vater von der Polizei abgeführt wurde. Als ihre Mutter die Tür geöffnet hatte, war sie von einem Polizisten grob zur Seite gestoßen worden, ehe Dutzende weitere hereingestürmt kamen. Ihr war aufgefallen, wie sehr die Polizisten, die ihn festhielten, ihrem Vater ansahen mit seiner dunklen Haut, seinen buschigen Augenbrauen und seinen schwarzen Haaren, und sie hatte geschrien: »Papa kann ohne Filiz nicht leben. Lasst ihn hier!« Während sie schrie, sah sie aus zusammengekniffenen Augen einen Schatten durch die Tür verschwinden. Den ihres Vaters.