
Süß ist es zu leben
Tschechische Dichtung von den Anfängen bis 1920
DVA (Publisher)
Published on 7. February 2006
Book
Hardback
488 pages
978-3-421-05262-9 (ISBN)
Description
Der mährische Dichter Ludvík Kundera und der Übersetzer Eduard Schreiber führen durch acht Jahrhunderte tschechischer Dichtung, vom Mittelalter zum Barock und weiter ins neunzehnte und beginnende zwanzigste Jahrhundert. Die Auswahl besticht durch den Reichtum an Themen wie durch formale Vielfalt, nicht zuletzt durch die Qualität der Nachdichtungen, die von renommierten Übersetzern und namhaften Lyrikern geschaffen wurden.
More details
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 17 cm
Width: 10.4 cm
ISBN-13
978-3-421-05262-9 (9783421052629)
Schweitzer Classification
Persons
Content
In der prähistorischen, der mythologischen Zeit des tschechischen Heidentums hat das Volk während ritueller Feiern Lieder zu Ehren der Götter und Gottheiten gesungen, aber auch Arbeits-, Liebes- und Tanzlieder. Die Existenz dieser mündlich überlieferten Literatur kann man nur voraussetzen; sie ist jedoch wahrscheinlich.
Der tschechischen, das heißt der alttschechischen Dichtung geht eine schriftliche Überlieferung in altkirchenslawischer Sprache voraus, in der Kirchensprache, die die "Glaubensboten" Kyrill (ursprünglich Konstantin) und Method aus dem christlichen Byzanz mitgebracht hatten. Sie waren im 9. Jahrhundert auf dem Boden des Großmährischen Reiches tätig. Nach dem Untergang dieses Staatsgebildes wurde das Böhmen der Pfemysliden das neue Zentrum für das Altkirchenslawische, das dem Volke verständlich war, jedoch dem Lateinischen unterlag.
Eine Brücke zwischen der altslawischen und der tschechischen Überlieferung bildet das älteste tschechische Lied "Herr, erbarm dich unser", ein Literaturdenkmal, das vielfach - und durchaus treffend - mit der Architektur der romanischen Rotunden verglichen wird. Es hat sich über etliche Jahrhunderte erhalten und vielerlei Funktionen erfüllt: als Kampflied wie als feierliches Lied, als Kirchengesang wie als elegisches Lied.
Das Lied "Heiliger Wenzel", der frühgotischen Architektur vergleichbar, entstammt dem bereits ausgeprägten Feudalismus; im Laufe der Zeiten wurden seinen drei ursprünglichen Strophen weitere hinzugefügt.
In den folgenden Jahrhunderten entstehen Legenden, epische Werke, Chroniken und andere Dichtungen, die sich von ähnlichen Überlieferungen der benachbarten Nationen kaum unterscheiden. Der tschechische Vers hat sich jetzt nicht nur gegen den lateinischen, sondern zugleich auch gegen den deutschen Vers durchzusetzen, seine Entwicklung oder sein "Fortschritt" ist also mehr als schwierig. Bei vielen Texten und Fragmenten, deren Autoren im allgemeinen unbekannt sind, darf man eine Verbreitung durch den mündlichen Vortrag annehmen. Wie bei aller mittelalterlichen Literatur ist die thematische Originalität nicht wichtig, dafür aber die Geschliffenheit, die Kunstfertigkeit der dichterischen Form, die zuweilen sogar zum Selbstzweck wird.
Winzige Bruchstücke von Volksdichtung finden wir in einem der ältesten Dramenfragmente, dort werden zwei Liedanfänge zitiert, das heißt der "fröhlichen Maria Magdalena" in den Mund gelegt.
Im 13. Jahrhundert begann in der tschechischen Geschichte eine wichtige Etappe: Es wurden deutsche Bauern, Handwerker und Bergleute ins Land gerufen - man spricht von der äußeren, das heißt deutschen Kolonisation. Die tschechischen Herrscher - die letzten Pfemysliden - luden auch deutsche Minnesänger zu sich ein oder empfingen sie bei Hofe. Dazu gehörten Heinrich der Misenaere, genannt Frauenlob, Ulrich von Eschenbach, Heinrich von Friberg und Reinmar von Zweter. Ihrer Feder entstammt eine weltliche deutsche Literatur, die auf tschechischem Boden geschrieben, in ihrer Wirkung jedoch nur auf einen kleinen höfischen Kreis beschränkt war. Sie bewirkte die zunehmende Laizisierung der Literatur, die bisher ausschließlich Sache des Klerus war, und offensichtlich beförderte sie die tschechische weltliche Dichtung, die, wie in Westeuropa, von den sogenannten fahrenden Schülern gepflegt wurde. Im Mittelalter ist der Textautor zugleich der Komponist und Interpret des Liedes. Der zu hoher Kunstfertigkeit entwickelte Minnesang - mit seinem "Dienst" für eine recht abstrakt aufgefaßte "Frau", mit seiner formalen Vielfalt vom einfachen Lied bis zur komplizierten, symbolhaften Komposition - wird vor allem durch die Kleriker und die Schüler bereichert, die in diese Dichtungen nicht nur reflexive, wortbildnerische Elemente (z. B. in der makkaronischen Lyrik, in der sich tschechische und lateinische Verse mischen) einbringen, sondern insbesondere Humor, Satire, Parodie, Volkstümlichkeit. Diese Elemente wirken wiederum auf die geistliche Lyrik zurück. Dichtungen entstehen, die eine religiöse wie eine erotische Deutung zulassen. Das studentische Leben der "fröhlichen Armut" verleiht dieser Poesie rauhe, plebejische Töne; die Liebeslyrik verliert ihre charakteristischen Züge und wird mitunter zum verdichteten Abbild des Lebens.
Die Hussitenzeit, die in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in der europäischen Geschichte einen einzigartigen gedanklichen Aufschwung markiert, war der Poesie im heutigen Sinne des Wortes nicht sehr wohlgesonnen, ja sie nahm in bezug auf die Kunst eine zuweilen asketische, wenn nicht gar ausgesprochen bilderstürmerische Haltung ein. Ziel des geschriebenen und gesprochenen Wortes sollte in erster Linie religiöse Erziehung, Propaganda, Agitation sein. Auf den ersten Blick mutet daher das hussitische Schrifttum wie ein Ausbrechen aus der Tradition an, wie ein "Beginn von Anfang an".
Ein dünner Faden, der die Hussitenliteratur mit der Vergangenheit verbindet, existiert aber doch, und zwar in der schonungslosen Satire des 14. Jahrhunderts. Aber auch das "rein lyrische" Schaffen vorangegangener Zeiten wird nicht total ignoriert: Die überlieferten Modelle werden mit neuem Inhalt erfüllt. Die eigentliche poetische Domäne des Hussitentums ist der religiöse Gesang: Der Choral "Gotteskämpfer, auf zum Streite" hält sich im Bewußtsein des Volkes bis heute. Das Hussitentum aktualisierte jedoch auch die typisch mittelalterliche Form des Dichterstreites, des Anschauungs-, des Meinungsdisputs, sei es über ein politisches oder über ein philosophisch-religiöses Thema. Im Vergleich zur hochmittelalterlichen Poesie ist das Register der poetischen Mittel jedoch bescheidener. Dafür erreicht diese Dichtung einen um vieles breiteren Publikumskreis als die mehr oder weniger gelehrten und höfischen Äußerungen des vorhergehenden Jahrhunderts. Die Tatsache, daß die hussitische Versdichtung häufig solche Aufgaben übernahm, mit denen sich früher die wissenschaftliche Literatur befaßte, bestätigt die Auffassung, daß die größte Leistung der hussitischen Literatur in ihrer umfassenden Demokratisierung besteht.
Unmittelbar nach der Hussitenzeit legte der urwüchsige südböhmische Denker Petr Chelcicky mit seinen Schriften Postille und Netz des Glaubens den Grundstein der sogenannten Gemeinde der Böhmischen Brüder, die dann 1457 in Kunvald gegründet wurde. Aus der ursprünglich verfolgten radikalen und auf ihre Weise "präkommunistischen" Sekte wurde im Laufe der Zeit eine selbständige, rein tschechische humanistische Gemeinschaft, die in Abgeschiedenheit, doch intensiv, die tschechische Sprache und das tschechische Denken in geistlichen Liedern, in Traktaten und später vor allem in der Bibelübersetzung kultivierte.
Aber dennoch befindet sich zwischen der Hussitenzeit und dem wichtigen Meilenstein des Jahres 1620 (der Schlacht am Weißen Berge bei Prag, die am Beginn des Dreißigjährigen Krieges steht) auf der Karte der tschechischen Poesie ein weißer Fleck. Eine Ausnahme der literarisch unbedeutenden tschechischen Renaissance bildet allein der "Mai-Traum", eine Dichtung Hyneks von Podebrady, eines Sohnes des "Hussitenkönigs" und Initiators eines alleuropäischen Friedens Jifi von Kunstat auf Podebrady. In der sonstigen erhaltenen Literatur überwiegt das lateinische humanistische Schaffen. Die Volkslektüre besaß didaktischen Charakter. In Editionen der letzten Jahrzehnte wurden alte Namen neu entdeckt: Simon Lomnicky von Budec, Mikuläs Dacicky von Heslov, Tobias Moufenin von Litomysl.
Der tschechischen, das heißt der alttschechischen Dichtung geht eine schriftliche Überlieferung in altkirchenslawischer Sprache voraus, in der Kirchensprache, die die "Glaubensboten" Kyrill (ursprünglich Konstantin) und Method aus dem christlichen Byzanz mitgebracht hatten. Sie waren im 9. Jahrhundert auf dem Boden des Großmährischen Reiches tätig. Nach dem Untergang dieses Staatsgebildes wurde das Böhmen der Pfemysliden das neue Zentrum für das Altkirchenslawische, das dem Volke verständlich war, jedoch dem Lateinischen unterlag.
Eine Brücke zwischen der altslawischen und der tschechischen Überlieferung bildet das älteste tschechische Lied "Herr, erbarm dich unser", ein Literaturdenkmal, das vielfach - und durchaus treffend - mit der Architektur der romanischen Rotunden verglichen wird. Es hat sich über etliche Jahrhunderte erhalten und vielerlei Funktionen erfüllt: als Kampflied wie als feierliches Lied, als Kirchengesang wie als elegisches Lied.
Das Lied "Heiliger Wenzel", der frühgotischen Architektur vergleichbar, entstammt dem bereits ausgeprägten Feudalismus; im Laufe der Zeiten wurden seinen drei ursprünglichen Strophen weitere hinzugefügt.
In den folgenden Jahrhunderten entstehen Legenden, epische Werke, Chroniken und andere Dichtungen, die sich von ähnlichen Überlieferungen der benachbarten Nationen kaum unterscheiden. Der tschechische Vers hat sich jetzt nicht nur gegen den lateinischen, sondern zugleich auch gegen den deutschen Vers durchzusetzen, seine Entwicklung oder sein "Fortschritt" ist also mehr als schwierig. Bei vielen Texten und Fragmenten, deren Autoren im allgemeinen unbekannt sind, darf man eine Verbreitung durch den mündlichen Vortrag annehmen. Wie bei aller mittelalterlichen Literatur ist die thematische Originalität nicht wichtig, dafür aber die Geschliffenheit, die Kunstfertigkeit der dichterischen Form, die zuweilen sogar zum Selbstzweck wird.
Winzige Bruchstücke von Volksdichtung finden wir in einem der ältesten Dramenfragmente, dort werden zwei Liedanfänge zitiert, das heißt der "fröhlichen Maria Magdalena" in den Mund gelegt.
Im 13. Jahrhundert begann in der tschechischen Geschichte eine wichtige Etappe: Es wurden deutsche Bauern, Handwerker und Bergleute ins Land gerufen - man spricht von der äußeren, das heißt deutschen Kolonisation. Die tschechischen Herrscher - die letzten Pfemysliden - luden auch deutsche Minnesänger zu sich ein oder empfingen sie bei Hofe. Dazu gehörten Heinrich der Misenaere, genannt Frauenlob, Ulrich von Eschenbach, Heinrich von Friberg und Reinmar von Zweter. Ihrer Feder entstammt eine weltliche deutsche Literatur, die auf tschechischem Boden geschrieben, in ihrer Wirkung jedoch nur auf einen kleinen höfischen Kreis beschränkt war. Sie bewirkte die zunehmende Laizisierung der Literatur, die bisher ausschließlich Sache des Klerus war, und offensichtlich beförderte sie die tschechische weltliche Dichtung, die, wie in Westeuropa, von den sogenannten fahrenden Schülern gepflegt wurde. Im Mittelalter ist der Textautor zugleich der Komponist und Interpret des Liedes. Der zu hoher Kunstfertigkeit entwickelte Minnesang - mit seinem "Dienst" für eine recht abstrakt aufgefaßte "Frau", mit seiner formalen Vielfalt vom einfachen Lied bis zur komplizierten, symbolhaften Komposition - wird vor allem durch die Kleriker und die Schüler bereichert, die in diese Dichtungen nicht nur reflexive, wortbildnerische Elemente (z. B. in der makkaronischen Lyrik, in der sich tschechische und lateinische Verse mischen) einbringen, sondern insbesondere Humor, Satire, Parodie, Volkstümlichkeit. Diese Elemente wirken wiederum auf die geistliche Lyrik zurück. Dichtungen entstehen, die eine religiöse wie eine erotische Deutung zulassen. Das studentische Leben der "fröhlichen Armut" verleiht dieser Poesie rauhe, plebejische Töne; die Liebeslyrik verliert ihre charakteristischen Züge und wird mitunter zum verdichteten Abbild des Lebens.
Die Hussitenzeit, die in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in der europäischen Geschichte einen einzigartigen gedanklichen Aufschwung markiert, war der Poesie im heutigen Sinne des Wortes nicht sehr wohlgesonnen, ja sie nahm in bezug auf die Kunst eine zuweilen asketische, wenn nicht gar ausgesprochen bilderstürmerische Haltung ein. Ziel des geschriebenen und gesprochenen Wortes sollte in erster Linie religiöse Erziehung, Propaganda, Agitation sein. Auf den ersten Blick mutet daher das hussitische Schrifttum wie ein Ausbrechen aus der Tradition an, wie ein "Beginn von Anfang an".
Ein dünner Faden, der die Hussitenliteratur mit der Vergangenheit verbindet, existiert aber doch, und zwar in der schonungslosen Satire des 14. Jahrhunderts. Aber auch das "rein lyrische" Schaffen vorangegangener Zeiten wird nicht total ignoriert: Die überlieferten Modelle werden mit neuem Inhalt erfüllt. Die eigentliche poetische Domäne des Hussitentums ist der religiöse Gesang: Der Choral "Gotteskämpfer, auf zum Streite" hält sich im Bewußtsein des Volkes bis heute. Das Hussitentum aktualisierte jedoch auch die typisch mittelalterliche Form des Dichterstreites, des Anschauungs-, des Meinungsdisputs, sei es über ein politisches oder über ein philosophisch-religiöses Thema. Im Vergleich zur hochmittelalterlichen Poesie ist das Register der poetischen Mittel jedoch bescheidener. Dafür erreicht diese Dichtung einen um vieles breiteren Publikumskreis als die mehr oder weniger gelehrten und höfischen Äußerungen des vorhergehenden Jahrhunderts. Die Tatsache, daß die hussitische Versdichtung häufig solche Aufgaben übernahm, mit denen sich früher die wissenschaftliche Literatur befaßte, bestätigt die Auffassung, daß die größte Leistung der hussitischen Literatur in ihrer umfassenden Demokratisierung besteht.
Unmittelbar nach der Hussitenzeit legte der urwüchsige südböhmische Denker Petr Chelcicky mit seinen Schriften Postille und Netz des Glaubens den Grundstein der sogenannten Gemeinde der Böhmischen Brüder, die dann 1457 in Kunvald gegründet wurde. Aus der ursprünglich verfolgten radikalen und auf ihre Weise "präkommunistischen" Sekte wurde im Laufe der Zeit eine selbständige, rein tschechische humanistische Gemeinschaft, die in Abgeschiedenheit, doch intensiv, die tschechische Sprache und das tschechische Denken in geistlichen Liedern, in Traktaten und später vor allem in der Bibelübersetzung kultivierte.
Aber dennoch befindet sich zwischen der Hussitenzeit und dem wichtigen Meilenstein des Jahres 1620 (der Schlacht am Weißen Berge bei Prag, die am Beginn des Dreißigjährigen Krieges steht) auf der Karte der tschechischen Poesie ein weißer Fleck. Eine Ausnahme der literarisch unbedeutenden tschechischen Renaissance bildet allein der "Mai-Traum", eine Dichtung Hyneks von Podebrady, eines Sohnes des "Hussitenkönigs" und Initiators eines alleuropäischen Friedens Jifi von Kunstat auf Podebrady. In der sonstigen erhaltenen Literatur überwiegt das lateinische humanistische Schaffen. Die Volkslektüre besaß didaktischen Charakter. In Editionen der letzten Jahrzehnte wurden alte Namen neu entdeckt: Simon Lomnicky von Budec, Mikuläs Dacicky von Heslov, Tobias Moufenin von Litomysl.