
Das Rennen
Tim Krabbé(Author)
Reclam (Publisher)
Published in February 2008
Book
Paperback/Softback
168 pages
978-3-15-020152-7 (ISBN)
Article exhausted; check for reprint
Description
Tim Krabbés autobiographischer Roman aus dem Jahr 1978 ist der literarische Radsportklassiker schlechthin. Man glaubt förmlich mitzufahren bei diesem Rennen im Süden Frankreichs - durch Hitze und Regen, schweißtreibende Aufstiege und eiskalte Abfahrten, am Rande der Erschöpfung, bis zum spannenden Finish.
Reviews / Votes
zur Hardcover-Ausgabe:Über Sport einen Roman zu schreiben, ist vielleicht noch schwieriger, als die entsprechenden Bewegungsabläufe in einer Fotografie einzufrieren. Erst die Bewegung und die dafür notwendige Biegsamkeit, Dynamik, Kraft und Ausdauer ermöglichen den Sport und machen ihn in seiner Vollendung zu einer Kunst, die gerade in ihrer niemals ruhenden Unmittelbarkeit sprachlich schwer nachzubilden scheint. Vor allem mangelt es an Versuchen, das Bewegungsgeschehen selbst in die erzählerische Zeitlupe zu nehmen. Dem Niederländer Tim Krabbé ist mit seinem Roman von 1978 über ein von ihm absolviertes Radrennen dieses Kunststück geglückt wie vielleicht niemandem zuvor. (.) Der Streckenverlauf bestimmt das Erzähltempo, der Leser sitzt von Anfang an mit im Sattel und tritt im Takt der Beine des Erzählers. Zwei Seiten, und man ist mitten drin im Peloton, keucht mit auf den Kletterpartien, jagt seinen Puls hoch bei Ausreißversuchen, wagt keinen Blick zurück beim Wahnsinn der Abfahrten, wenn im Augenwinkel Landschaften vorbeifliegen. (.) Wundgerieben von den Strapazen und berauscht von der schieren Belastbarkeit seines Körpers, vom Rhythmus der Bewegung, kommt Krabbé der Magie des Sports auf die Spur, aus der sich die Sehnsucht speist, einmal ein Held sein zu dürfen.Die WeltDas Buch ist unter dem Titel "De renner" in Holland erschienen, hat seither dort zig Auflagen erlebt und gilt als Klassiker des Genres Sportroman. Sehr zu Recht (.). Dem unverstellt autobiographischen Roman gelingt das Kunststück, das dem Fernsehen trotz seiner ausgefeilten Übertragungstechnik mit Kameramännern in Hubschraubern, auf Motorrädern und am Straßenrand nicht gelingt: Er vermittelt einen tiefen Einblick in Taktik und Psyche dieser härtesten aller Qualsportarten. (.) Krabbé beschreibt mit bewundernswerter Knappheit eine eigentlich unmögliche Versuchsanordnung: das Protokoll eines Bewußtseins, das sich selbst dabei zuschaut, wie es das Bewußtsein verliert und am Ende von etwas gesteuert wird, das mit Vernunft nicht mehr viel zu tun hat. (.) Je näher die Rennfahrer dem Ziel kommen, desto atemloser wird auch die Prosa, desto spannender spitzt sich das Duell wie in Echtzeit mit jenem namenlosen Reilhan aus Nîmes zu. Daß er dann im Zeitlupenfinale ausgerechnet gegen diesen Neunzehnjährigen unterliegt, der ihn schon eine Woche zuvor im Sprint bezwungen hat, kann den Triumph dieses Romans nicht gefährden.Frankfurter Allgemeine ZeitungBei Krabbé erfährt der Leser mehr über den Radsport, über seine Historie, die Taktik und die Psychologie der Fahrer als an einem ganzen Tag öffentlich-rechtlicher Fernsehberichterstattung über die Tour de France.Der TagesspiegelDieses Buch ist ein kleines literarisches Glücksgefühl im Sattel. "De renner", so der Originaltitel, ist mehr als nur der spannende Bericht der Mont-Aigoual-Rundfahrt eines gut gelaunten Späteinsteigers. Er ist ein Herzschlag und eine Philosophie, ein Drehbuch, das sich während des Lesens selbst verfilmt. (.) "Warum machen wir weiter?", fragt Krabbé sich und seinen ständigen Begleiter, die Qual. Die Kenntnis hinter der Profanität seiner Antwort steht für das ganze berauschende Buch: weil es das Rad und das Rennen gibt. Und den Willen des Sportlers. Münchner MerkurUnter den nicht sehr zahlreichen literarisch anspruchsvollen Büchern über Sport-Themen ist "Das Rennen" insofern einzigartig, als es erzählerisches Niveau mit fachlichen Insiderqualitäten verbindet. (.) Ein Buch voller Spannung und Dramatik, aber auch voll verstecktem Humor, eigentlich ein Muss für jeden Radsportler, aber erstaunlicherweise auch ein fesselndes Lesevergnügen für jeden Laien.Deister- und WeserzeitungTim Krabbé hat schreiben gelernt, bevor er Rennen gefahren ist. Andersrum können mehr erste Plätze herauskommen, aber kein solch wunderbares, oft witziges Buch, bei dem Selbstironie nicht auf die Flachetappe führt.KommuneIn klarem, realistischen Duktus nimmt Krabbé ein Amateurrennen zum Anlass, aus Sicht des Teilnehmers die Psyche der Fahrer auszuleuchten und gleichzeitig das Wesen des Radsports zu analysieren. Großartig.Aachener ZeitungDem Reclam Verlag Leipzig ist es zu danken, dass er nach Krabbés gleichfalls Klassikerstatus beanspruchender Erzählung "Drei auf dem Eis" nun auch das Buch über Radrennen herausgegeben hat. Glücklich unsere holländischen Nachbarn, die zwei ihrer Nationalsportarten in eindrucksvoller literarischer Verarbeitung vorweisen können, während die deutschen Leser nun immerin an diesem geistigen Kapital partizipieren dürfen. (.) 1977 bestreitet Tim Krabbé das Mont-Aigoual-Rennen. Kein Giro d'Italia, keine Tour de France, aber ein schweres Rennen unter professionellen Wettkampfbedingungen, das für den Autor Krabbé das Wesen des Radsports in jeder Sekunde des Geschehens exemplarisch zu demonstrieren vermag. Dabei tut er nichts anderes, als den Rennverlauf aus seiner Sicht als aktiver Teilnehmer zu schildern, unterbrochen durch Reflexionen. Genial freilich, was Krabbé damit gelingt. (.) Der Leser fühlt und - vor allem - leidet mit. Er ist mit dem Autor drauf und dran, vom Rad zu steigen. Doch dann wird er in eine überwältigende Aufholjagd hineingerissen, die auch durch einen Platten nicht gestoppt wird. Krabbé schildert das alles mit elementarer Wucht, realistisch und natürlich kompetent im Detail, aber zugleich das sportliche Geschehen transzendierend. Kein Buch für schwache Nerven!Stuttgarter Nachrichten . die Mont Aigoual-Rundfahrt entlockt Profis nur ein müdes Lächeln. Dennoch ist "Das Rennen", der Bericht über diese 137 bergigen Kilometer durch die Cevennen, vermutlich das beste Buch über den Radsport. Der Romancier Tim Krabbé nämlich ist mitgefahren, als ehrgeiziger Amateur mit Siegchancen, vor allem aber als brillanter Chronist aller Strapazen, Hasswallungen und verfrühten Euphorien. (.) Das Fantastische an diesem Buch sind die Gedanken, die bei zermürbenden Aufstiegen und halsbrecherischen Abfahrten durchs Hirn des Fahrers jagen. Mit jedem Kilometer gerät der Leser stärker in den Sog dieses Rennens, das plötzlich wichtiger scheint als all die großen Klassiker.Kölnische RundschauLeider können viele Menschen nichts mit der Magie der Einsamkeit bei einem Ausreißversuch anfangen, sie kennen nicht die panische Verlorenheit beim zerstörenden Bergauffahren, und sie haben noch nie gespürt, wie es ist, wenn kurz vor und vor allem gleich hinter der Ziellinie Adrenalin durch das Nervensystem regnet - sie können all das aber erfahren, wenn sie den autobiografischen Roman des Niederländers Tim Krabbé lesen, weil der wundervolle und nahe gehende Einblicke in die Welt des Radsports gestattet. Kölner Stadt-AnzeigerKrabbé gelingt es, in schöner, bildreicher und doch einfacher Sprache das Wesen des Rennenfahrens zu enthüllen: das Existenzielle und Schicksalhafte ebenso wie das Sinnlose und Alberne. Und vor allem das Unausweichliche. Vor 28 Jahren geschrieben, kein bisschen veraltet. Unbedingt lesen.TourDer Rennsport wird zum Symbol des Lebenskampfes, zum Ausdruck von Lebensgefühl. Egal, ob die einen Fußball, die anderen Rennsport oder Radrennen lieben - letztlich steht die Begeisterung für etwas im Mittelpunkt, das nicht mit dem Verstand, sondern vor allem mit dem Gefühl zu erklären ist. Tim Krabbés Buch "Das Rennen" ist auch für alle, die keinen Sport lieben, lesenswert, weil es hier um das alte Thema von Selbstfindung und Selbstbestimmung geht. Margarete Schwarzkopf auf NDR 1In diesem meisterhaft geschriebenen Buch wird das Erzähltempo vom Streckenverlauf bestimmt. Der Leser glaubt, unmittelbar am Rennen teilzunehmen. Vom Start bis zum Finish schildert Tim Krabbé mit kaum überbietbarer Spannung seinen kräftezehrenden Kampf gegen die Natur und Tücken des menschlichen Körpers.ZeitPunktMan muss kein Radfahrer sein, um dieses Buch zu mögen. 1978 schon erschien Krabbés autobiografischer Roman, endlich liegt der großartige Text des Holländers übersetzt vor. Kleine ZeitungDas schmale, aber dichte Bändchen gilt zu Recht als fesselnder Radsportklassiker. Krabbé beschreibt ein Amateurrennen aus dem Jahr 1977, die Tour von Mont Aigoul geht über 137 Kilometer und erstreckt sich über vier Berge. Er lässt seine Leser quasi beim Rennen mitfahren - so nah dran am Geschehen ist man in dieser plastischen und packenden Erzählung. profilMore details
Series
20152
Language
German
Dimensions
Height: 19 cm
Width: 12 cm
ISBN-13
978-3-15-020152-7 (9783150201527)
Schweitzer Classification
Other editions
New editions

Persons
Content
Nach rechts. Anstieg über 5 Kilometer zum Causse Méjean. Ich habe mich ein Stück nach hinten fallen lassen; ich bin in der Mitte des Feldes.
Durcheinander. Ein Fahrer schaltet, trifft daneben, fliegt fast über seinen Lenker, flucht. Zwanzig Fahrer vor mir, eine ganze Straße voll. Ich erkenne Lebusque, ein Segelflugzeug zwischen den Staren.
Bei Anstiegen reißen sofort die schlimmsten Löcher auf, ich muss hindurch. Schwankend halte ich nach Durchlässen Ausschau. Panik, dass sie mich allein lassen, noch spüre ich meine Pedale nicht. Ich tippe ein Hinterrad an, ich schlingere, ein anderer stößt sich von mir ab, ich lande im Straßengraben, kein platter Reifen. Flitz flitz. Zwei Fahrer weg. Mit einigen wenigen Tritten fahren sie aus meinem Rennen davon. Reilhan und Guillaumet. Die echten Klassefahrer - zwischen den Rennen mache ich mir nur selbst etwas vor. Sie sind sofort gut weggekommen. Am Berg zu attackieren ist äußerst effektiv, aber auch das Schwerste, was es gibt. Bahamontes, Fuente konnten das zwanzigmal hintereinander, wie rammelnde Kaninchen. Alle Kletterer guten Durchschnitts warnen einander vor dieser Sorte von Männern. Nicht dranhängen. Doch dranhängen? Dann ziehen sie noch mal an, sie lassen dich am Gummiband krepieren. Doch währenddessen werde ich namenlos Zehnter. Ich muss mich damit abfinden. Ich kann nur tun, was ich tue, und so weitermachen.
Ich bin nun vorne in unserem halb ausgerissenen Feld gelandet. Dritte Position. Dort bleibe ich; die beiden vor mir fahren schnell genug. Nach einer Weile wird mir klar, wer sie sind: Lebusque und Kléber, nebeneinander. Lebusque auf den Pedalen stehend mit einer riesigen Übersetzung, aber trotzdem gleichmäßig. Kléber sitzend. Halb neben mir stampfend, ächzend, aber überraschend, Barthélemy.
Allmählich finde ich einen Rhythmus. Klettern ist ein Rhythmus, ein Rausch, man muss die Proteste seiner Organe beschwichtigen.
Die Straße ist verlassen, schmal. Hier hat alles mit Stein zu tun. Steinchen auf dem Weg, überhängende Felsen. Überall das verblichene Elefantengrau von Stein. Entlang der Straße Klatschmohn und Hundertmeterpfosten. Viel Klatschmohn und wenig Hundertmeterpfosten. Eine Haarnadelkurve, hin und wieder ein Blick nach unten. Alles ist da: Höhe, klares Wasser, bizarre Felsen. "Die Fahrer hatten keine Zeit, die herrliche Landschaft zu betrachten." Ein Hundertmeterpfosten.
Ich fahre dreiundvierzig mal achtzehn. Zu hoch. Ich werde aufs Neunzehner müssen, aber wenn ich damit bis zu diesem Pfosten warte, steht fest, dass ich das Rennen doch noch gewinnen werde. Interview mit dem Mechaniker von Lucien van Impe nach einer großen Bergetappe: "Sein Zweiundzwanziger war noch völlig sauber." Bedeutet: Er fuhr mühelos heute, dieses Schmerzmittel hat er nicht gebraucht.
Ich schalte. Dreiundvierzig neunzehn: die Übersetzung für den unerschütterlichen Kletterer. Wie in Himmels Namen ist es nur möglich, dass ich jedes Mal wieder Rennen fahren will.
Durcheinander. Ein Fahrer schaltet, trifft daneben, fliegt fast über seinen Lenker, flucht. Zwanzig Fahrer vor mir, eine ganze Straße voll. Ich erkenne Lebusque, ein Segelflugzeug zwischen den Staren.
Bei Anstiegen reißen sofort die schlimmsten Löcher auf, ich muss hindurch. Schwankend halte ich nach Durchlässen Ausschau. Panik, dass sie mich allein lassen, noch spüre ich meine Pedale nicht. Ich tippe ein Hinterrad an, ich schlingere, ein anderer stößt sich von mir ab, ich lande im Straßengraben, kein platter Reifen. Flitz flitz. Zwei Fahrer weg. Mit einigen wenigen Tritten fahren sie aus meinem Rennen davon. Reilhan und Guillaumet. Die echten Klassefahrer - zwischen den Rennen mache ich mir nur selbst etwas vor. Sie sind sofort gut weggekommen. Am Berg zu attackieren ist äußerst effektiv, aber auch das Schwerste, was es gibt. Bahamontes, Fuente konnten das zwanzigmal hintereinander, wie rammelnde Kaninchen. Alle Kletterer guten Durchschnitts warnen einander vor dieser Sorte von Männern. Nicht dranhängen. Doch dranhängen? Dann ziehen sie noch mal an, sie lassen dich am Gummiband krepieren. Doch währenddessen werde ich namenlos Zehnter. Ich muss mich damit abfinden. Ich kann nur tun, was ich tue, und so weitermachen.
Ich bin nun vorne in unserem halb ausgerissenen Feld gelandet. Dritte Position. Dort bleibe ich; die beiden vor mir fahren schnell genug. Nach einer Weile wird mir klar, wer sie sind: Lebusque und Kléber, nebeneinander. Lebusque auf den Pedalen stehend mit einer riesigen Übersetzung, aber trotzdem gleichmäßig. Kléber sitzend. Halb neben mir stampfend, ächzend, aber überraschend, Barthélemy.
Allmählich finde ich einen Rhythmus. Klettern ist ein Rhythmus, ein Rausch, man muss die Proteste seiner Organe beschwichtigen.
Die Straße ist verlassen, schmal. Hier hat alles mit Stein zu tun. Steinchen auf dem Weg, überhängende Felsen. Überall das verblichene Elefantengrau von Stein. Entlang der Straße Klatschmohn und Hundertmeterpfosten. Viel Klatschmohn und wenig Hundertmeterpfosten. Eine Haarnadelkurve, hin und wieder ein Blick nach unten. Alles ist da: Höhe, klares Wasser, bizarre Felsen. "Die Fahrer hatten keine Zeit, die herrliche Landschaft zu betrachten." Ein Hundertmeterpfosten.
Ich fahre dreiundvierzig mal achtzehn. Zu hoch. Ich werde aufs Neunzehner müssen, aber wenn ich damit bis zu diesem Pfosten warte, steht fest, dass ich das Rennen doch noch gewinnen werde. Interview mit dem Mechaniker von Lucien van Impe nach einer großen Bergetappe: "Sein Zweiundzwanziger war noch völlig sauber." Bedeutet: Er fuhr mühelos heute, dieses Schmerzmittel hat er nicht gebraucht.
Ich schalte. Dreiundvierzig neunzehn: die Übersetzung für den unerschütterlichen Kletterer. Wie in Himmels Namen ist es nur möglich, dass ich jedes Mal wieder Rennen fahren will.