Grillsaison
Meine Reise durch die Heimat
Philipp Kohlhöfer(Author)
Goldmann (Publisher)
Published on 8. February 2010
Book
Paperback/Softback
288 pages
978-3-442-12997-3 (ISBN)
Description
Ist das jetzt gemütlich?
Philipp Kohlhöfer sucht das Deutschland-Gefühl. Er findet es in der Liebe, im Alkohol, bei Nelly Furtado, einer Fahrt mit "Hitler-Travel" in Indien und einem Handtuch, das auf einer Sonnenliege liegt, in der Verklärung von Vergangenheit und dem Verhältnis eines Maschinengewehrhändlers zu David Hasselhoff. Es geht außerdem um Zeltdiscos, Krabbenpulen, die Scorpions, sekundäre Geschlechtsmerkmale verschiedener Größe, Trimmi, selbstaufgenommene Kassetten, Udo Lindenberg, Sauce Hollandaise und die politische Aussagekraft von Jogginghosen im Land der Vollkornbrote. Eine Reise durch die Höhen und Tiefen des zeitgeschichtlichen Zufalls.
* Ein Kaleidoskop unseres Alltags von seltsamen BiFi-Essern über Wattwanderungen bis hin zum Freibadbesuch.
* Ironisch, witzig, absolut subjektiv und herzerfrischend böse.
Philipp Kohlhöfer sucht das Deutschland-Gefühl. Er findet es in der Liebe, im Alkohol, bei Nelly Furtado, einer Fahrt mit "Hitler-Travel" in Indien und einem Handtuch, das auf einer Sonnenliege liegt, in der Verklärung von Vergangenheit und dem Verhältnis eines Maschinengewehrhändlers zu David Hasselhoff. Es geht außerdem um Zeltdiscos, Krabbenpulen, die Scorpions, sekundäre Geschlechtsmerkmale verschiedener Größe, Trimmi, selbstaufgenommene Kassetten, Udo Lindenberg, Sauce Hollandaise und die politische Aussagekraft von Jogginghosen im Land der Vollkornbrote. Eine Reise durch die Höhen und Tiefen des zeitgeschichtlichen Zufalls.
* Ein Kaleidoskop unseres Alltags von seltsamen BiFi-Essern über Wattwanderungen bis hin zum Freibadbesuch.
* Ironisch, witzig, absolut subjektiv und herzerfrischend böse.
More details
Language
German
Product notice
With flaps
Illustrations
1
1 s/w Abbildung
Dimensions
Height: 20 cm
Width: 12.5 cm
ISBN-13
978-3-442-12997-3 (9783442129973)
Schweitzer Classification
Person
Philipp Kohlhöfer, 1973 geboren, war Kolumnist bei Spiegel online und arbeitet als freier Autor für Geo, Nido und Neon. Mit seiner Familie lebt er in Hamburg.
Content
Ich saß auf meinem Sofa in Hamburg, und draußen regnete es. Die Wohnung war ziemlich kalt. Ich überlegte, die Heizung anzumachen, konnte mich aber nicht dazu aufraffen, durch den ganzen Raum zum Heizkörper zu gehen. Hinter meiner Wohnzimmerwand konnte ich meinen Nachbarn hören. Er hatte offenbar wieder Freunde eingeladen und sich mit ihnen gemeinsam betrunken, er ist Alkoholiker, das tut er andauernd. Sie sangen sehr laut zu einem Peter-Maffay-Schlager. Ich legte den Kopf in den Nacken und sah nach oben. Unter der Decke hingen Spinnweben, verdammt, dachte ich, ich sollte dort dringend mal wieder putzen, verschob das aber in eine unbestimmte Zukunft. Ich hatte Halsschmerzen und wusste nicht genau, ob das kältebedingt war oder einfach ein Zeichen allgemeiner Unzufriedenheit, schließlich war auch meine Familie im Urlaub, und ich kam mir ziemlich alleine vor. Alles in allem war die Situation etwas deprimierend. Ich wusste nicht, was ich mit mir anfangen sollte.
Auf der Suche nach Ablenkung begann ich, wie ein streunender Hund durch die Wohnung zu laufen. Als ich in der Küche angekommen war, sah ich im Papiermüll die Regionalzeitung des angrenzenden Bezirks. Ich hatte sie noch nie gelesen, sondern immer direkt nach der Zustellung weggeworfen. Ich fühlte mich wie ein Entdecker, als ich sie aus dem Müll fischte und durchzublättern begann. Irgendwo in der Mitte blieb ich schließlich hängen.
Ich las von der Deutschland-Tournee einer amerikanischen Blasmusikkapelle namens "The Little German Band and Dancers", die die Musiker auch in meinen Hamburger Stadtteil führen würde. Ein echtes Highlight sei das, da die Musik in North Carolina, der Heimat der "Little German Band", sehr beliebt sei. In einem beigestellten Interview erklärte ein Herr Walker, der Dirigent des Blasorchesters, dass der Erfolg wohl an der deutschen Gemütlichkeit liege. Man müsse sich das so vorstellen: Sobald die Band zu spielen beginne, würden sich die Zuschauer sofort heimelig fühlen. Dieses Gefühl würde sich sogar noch verstärken, wenn die Entertainment-Abteilung der "Little German Band", die "Lustigen Tiroler Holzhackerbuam", mit Sägen und Äxten auf der Bühne einen Baumstamm bearbeiten würden. Herr Walker versicherte, dass man froh sei, jetzt auf Deutschland-Tour gehen zu können um die Gemütlichkeit endlich auch selber zu erfahren. Auf dem abgedruckten Bild stand ein Mitglied der deutschen Band stolz unter einem Banner auf dem "enjoy Gemütlichkeit" zu lesen war und hielt die deutsche Fahne in die Luft oder zumindest das, was er dafür hielt. Es war die Fahne Belgiens.
Enjoy Gemütlichkeit. Ich erinnerte mich daran, dass ich schon mal gelesen hatte, dass in Deutschland alles gemütlich sei, und zwar in einem britischen Reiseführer. Als Beispiele wurden dort mittelalterliche Städte in Süddeutschland erwähnt und Weihnachtsmärkte, Schweinebraten, Sauerkraut und Biergärten, die Alpen und die Bayern, die Bier trinkend in Lederhose Schuhplattler tanzen.
Ich ging zum Fenster und öffnete es. Es regnete in die Wohnung. Ich widerstand dem Drang, das Fenster sofort zu schließen, und spähte in den wolkenverhangenen Himmel. Berge konnte ich keine sehen. Statt nach Schweinebraten roch es nach kaltem Rauch, der aus der Wohnung unter mir kam, und obwohl ich recht intensiv lauschte, vernahm ich auch keinen röhrenden Hirsch. Alles in allem war es recht ungemütlich.
Ich ging zurück ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein, nach ein paar Minuten aber wieder aus. Es hatte keinen Zweck, es mit Zerstreuung zu versuchen. Die Gemütlichkeit ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Wussten sie, dass selbst das Oxford English Dictionary von der "quality of being gemütlich" schreibt? Das Wort ist offenbar unübersetzbar.
Woher kam aber bloß Gemütlichkeit? Ich konnte den Gedanken nicht verdrängen, es hatte keinen Zweck. Ich schaltete den Rechner ein, gab den Begriff in die Suchmaschine ein und fand heraus, dass Gemütlichkeit, später Biedermeier genannt, im 19. Jahrhundert deshalb als typisch deutsch galt, weil damit zwischen Wiener Kongress 1815 und Revolution 1848 der Rückzug in die Familie und das Hervorheben des Privatlebens über die Politik gemeint war. Weil die Zeit mit einer starken staatlichen Zensur einherging und die gesellschaftliche Entwicklung im europäischen Ausland eine andere war, gibt es den Begriff tatsächlich nur im deutschen Sprachraum. So, wieder was gelernt. Gemütlichkeit ist ja außerdem heimelig und warm, bescheiden und heimatverbunden, und sie riecht nach Mandeln. Außerdem hat es was mit Menschen zu tun, die man mag.
Mir war dagegen immer noch kalt, mein Hals tat immer noch weh, ich war immer noch alleine.
Wenn also Gemütlichkeit etwas sehr Deutsches ist, musste sie ja irgendwo sein. In meiner Wohnung war sie jedenfalls nicht. Ich hustete. Ich beschloss, auf die Suche nach der Gemütlichkeit zu gehen, ich hatte ja ohnehin nichts zu tun.
In der Wohnung nebenan wurde jetzt ein Roland-Kaiser-Song zum Besten gegeben. Dort hatte man offenbar Spaß. Aber hatte das auch etwas mit Gemütlichkeit zu tun? Saßen meine Nachbarn beieinander und mochten sich, und war ihnen dabei warm ums Herz? Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden: Ich klingelte.
Als mein aufgedunsener Nachbar schließlich öffnete - es dauerte etwas länger, weil er, wie er mir später erzählte, von innen an die Tür gefallen war, und nicht gleich wieder aufstehen konnte -, sah er mich erstaunt an. Kein Wunder, schließlich hatte ich noch nie geklingelt. Mein Erscheinen nahm er allerdings einfach hin, ohne zu fragen, was ich denn wolle. "Komm doch rein", sagte er, mir dabei ein Stück Verwesung ins Gesicht atmend. Das war schon mal nicht besonders gemütlich. Er zog mich in die Wohnung.
Im Wohnzimmer saßen zwei weitere Leute, einer mit Glupschauge, in alten Polstersesseln um einen eckigen Tisch herum. Ich kam nicht gleich darauf, welche Duftnote in der Luft überwog: Alkohol oder Urin, oder war es doch Erbrochenes? Es hätte auch der Rauch sein können, der aus den Polstermöbeln wieder nach draußen dünstete. Ich entschied mich für eine Mischung aus allem. Der Mann mit dem Glupschauge nahm einen Schluck aus einer Wodkaflasche. Es war dieser Discountwodka mit Blutorangengeschmack. Ich konnte das Alter der Trinkenden nicht schätzen, aber sie sahen sehr mitgenommen aus.
Auf der Suche nach Ablenkung begann ich, wie ein streunender Hund durch die Wohnung zu laufen. Als ich in der Küche angekommen war, sah ich im Papiermüll die Regionalzeitung des angrenzenden Bezirks. Ich hatte sie noch nie gelesen, sondern immer direkt nach der Zustellung weggeworfen. Ich fühlte mich wie ein Entdecker, als ich sie aus dem Müll fischte und durchzublättern begann. Irgendwo in der Mitte blieb ich schließlich hängen.
Ich las von der Deutschland-Tournee einer amerikanischen Blasmusikkapelle namens "The Little German Band and Dancers", die die Musiker auch in meinen Hamburger Stadtteil führen würde. Ein echtes Highlight sei das, da die Musik in North Carolina, der Heimat der "Little German Band", sehr beliebt sei. In einem beigestellten Interview erklärte ein Herr Walker, der Dirigent des Blasorchesters, dass der Erfolg wohl an der deutschen Gemütlichkeit liege. Man müsse sich das so vorstellen: Sobald die Band zu spielen beginne, würden sich die Zuschauer sofort heimelig fühlen. Dieses Gefühl würde sich sogar noch verstärken, wenn die Entertainment-Abteilung der "Little German Band", die "Lustigen Tiroler Holzhackerbuam", mit Sägen und Äxten auf der Bühne einen Baumstamm bearbeiten würden. Herr Walker versicherte, dass man froh sei, jetzt auf Deutschland-Tour gehen zu können um die Gemütlichkeit endlich auch selber zu erfahren. Auf dem abgedruckten Bild stand ein Mitglied der deutschen Band stolz unter einem Banner auf dem "enjoy Gemütlichkeit" zu lesen war und hielt die deutsche Fahne in die Luft oder zumindest das, was er dafür hielt. Es war die Fahne Belgiens.
Enjoy Gemütlichkeit. Ich erinnerte mich daran, dass ich schon mal gelesen hatte, dass in Deutschland alles gemütlich sei, und zwar in einem britischen Reiseführer. Als Beispiele wurden dort mittelalterliche Städte in Süddeutschland erwähnt und Weihnachtsmärkte, Schweinebraten, Sauerkraut und Biergärten, die Alpen und die Bayern, die Bier trinkend in Lederhose Schuhplattler tanzen.
Ich ging zum Fenster und öffnete es. Es regnete in die Wohnung. Ich widerstand dem Drang, das Fenster sofort zu schließen, und spähte in den wolkenverhangenen Himmel. Berge konnte ich keine sehen. Statt nach Schweinebraten roch es nach kaltem Rauch, der aus der Wohnung unter mir kam, und obwohl ich recht intensiv lauschte, vernahm ich auch keinen röhrenden Hirsch. Alles in allem war es recht ungemütlich.
Ich ging zurück ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein, nach ein paar Minuten aber wieder aus. Es hatte keinen Zweck, es mit Zerstreuung zu versuchen. Die Gemütlichkeit ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Wussten sie, dass selbst das Oxford English Dictionary von der "quality of being gemütlich" schreibt? Das Wort ist offenbar unübersetzbar.
Woher kam aber bloß Gemütlichkeit? Ich konnte den Gedanken nicht verdrängen, es hatte keinen Zweck. Ich schaltete den Rechner ein, gab den Begriff in die Suchmaschine ein und fand heraus, dass Gemütlichkeit, später Biedermeier genannt, im 19. Jahrhundert deshalb als typisch deutsch galt, weil damit zwischen Wiener Kongress 1815 und Revolution 1848 der Rückzug in die Familie und das Hervorheben des Privatlebens über die Politik gemeint war. Weil die Zeit mit einer starken staatlichen Zensur einherging und die gesellschaftliche Entwicklung im europäischen Ausland eine andere war, gibt es den Begriff tatsächlich nur im deutschen Sprachraum. So, wieder was gelernt. Gemütlichkeit ist ja außerdem heimelig und warm, bescheiden und heimatverbunden, und sie riecht nach Mandeln. Außerdem hat es was mit Menschen zu tun, die man mag.
Mir war dagegen immer noch kalt, mein Hals tat immer noch weh, ich war immer noch alleine.
Wenn also Gemütlichkeit etwas sehr Deutsches ist, musste sie ja irgendwo sein. In meiner Wohnung war sie jedenfalls nicht. Ich hustete. Ich beschloss, auf die Suche nach der Gemütlichkeit zu gehen, ich hatte ja ohnehin nichts zu tun.
In der Wohnung nebenan wurde jetzt ein Roland-Kaiser-Song zum Besten gegeben. Dort hatte man offenbar Spaß. Aber hatte das auch etwas mit Gemütlichkeit zu tun? Saßen meine Nachbarn beieinander und mochten sich, und war ihnen dabei warm ums Herz? Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden: Ich klingelte.
Als mein aufgedunsener Nachbar schließlich öffnete - es dauerte etwas länger, weil er, wie er mir später erzählte, von innen an die Tür gefallen war, und nicht gleich wieder aufstehen konnte -, sah er mich erstaunt an. Kein Wunder, schließlich hatte ich noch nie geklingelt. Mein Erscheinen nahm er allerdings einfach hin, ohne zu fragen, was ich denn wolle. "Komm doch rein", sagte er, mir dabei ein Stück Verwesung ins Gesicht atmend. Das war schon mal nicht besonders gemütlich. Er zog mich in die Wohnung.
Im Wohnzimmer saßen zwei weitere Leute, einer mit Glupschauge, in alten Polstersesseln um einen eckigen Tisch herum. Ich kam nicht gleich darauf, welche Duftnote in der Luft überwog: Alkohol oder Urin, oder war es doch Erbrochenes? Es hätte auch der Rauch sein können, der aus den Polstermöbeln wieder nach draußen dünstete. Ich entschied mich für eine Mischung aus allem. Der Mann mit dem Glupschauge nahm einen Schluck aus einer Wodkaflasche. Es war dieser Discountwodka mit Blutorangengeschmack. Ich konnte das Alter der Trinkenden nicht schätzen, aber sie sahen sehr mitgenommen aus.