Bilder eines Vaters
Die Kunst, die Nazis und das Geheimnis einer Familie
Christiane Kohl(Author)
Goldmann (Publisher)
Published on 13. October 2008
Book
Hardback
320 pages
978-3-442-31162-0 (ISBN)
Description
Ein Vater, seine Kunstsammlung und die Suche nach Gerechtigkeit
50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs beginnt eine Buchhändlerin, die Geheimnisse ihrer Familiengeschichte zu ergründen - einer deutsch-jüdischen Familie aus dem Großbürgertum, von den Nazis im Berlin der 30er Jahre aus dem Elternhaus vertrieben, entrechtet, gedemütigt und enteignet. Auf dem Dachboden findet sie, völlig verstaubt, sorgfältige Aufzeichnungen über die verschollene Kunstsammlung ihres Vaters: Bücher, Skulpturen, vor allem aber wertvolle Gemälde bekannter Maler wie Liebermann, Slevogt, Corinth, Modersohn-Becker und anderen. Sein zermürbender Kampf um Entschädigung war erfolglos geblieben. So begibt sie sich auf die Spur der verlorenen Kunstgegenstände und damit auch auf die Suche nach dem Mann, der ihr Vater war.
Eine exemplarische deutsch-jüdische Familiengeschichte von 1933 bis heute
Das Protokoll eines bis heute nicht gesühnten Nazi-Unrechts
Genau recherchiert, einfühlsam und mitreißend geschrieben
50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs beginnt eine Buchhändlerin, die Geheimnisse ihrer Familiengeschichte zu ergründen - einer deutsch-jüdischen Familie aus dem Großbürgertum, von den Nazis im Berlin der 30er Jahre aus dem Elternhaus vertrieben, entrechtet, gedemütigt und enteignet. Auf dem Dachboden findet sie, völlig verstaubt, sorgfältige Aufzeichnungen über die verschollene Kunstsammlung ihres Vaters: Bücher, Skulpturen, vor allem aber wertvolle Gemälde bekannter Maler wie Liebermann, Slevogt, Corinth, Modersohn-Becker und anderen. Sein zermürbender Kampf um Entschädigung war erfolglos geblieben. So begibt sie sich auf die Spur der verlorenen Kunstgegenstände und damit auch auf die Suche nach dem Mann, der ihr Vater war.
Eine exemplarische deutsch-jüdische Familiengeschichte von 1933 bis heute
Das Protokoll eines bis heute nicht gesühnten Nazi-Unrechts
Genau recherchiert, einfühlsam und mitreißend geschrieben
More details
Series
Language
German
Product notice
With dust jacket
Dimensions
Height: 21.5 cm
Width: 13.5 cm
ISBN-13
978-3-442-31162-0 (9783442311620)
Schweitzer Classification
Person
CHRISTIANE KOHL, geboren 1954, war zunächst als Bonner Korrespondentin des Kölner "Express" und später als Pressesprecherin im Hessischen Umweltministerium tätig. Von 1988 bis 1998 arbeitete sie als Redakteurin beim "SPIEGEL". Von 1999 bis zum Sommer 2005
Content
Manchmal riecht Erinnerung nach Silberputzmittel und muffigen, schlecht gelüfteten Zimmern, und doch wird mit diesem Geruch ein wohliges Gefühl von Geborgenheit transportiert. Dorle Wilke verspürt noch immer einen Hauch muffiger Sidol-Luft, wenn sie heute vor der hübschen, gelb getünchten Villa im Berliner Vorort Frohnau steht. Hier lebten einst Leute, die ihren Eltern geholfen haben.
Manchmal schmeckt Erinnerung nach klebrigem, grünem Eis am Stiel, und der bittersüße Geschmack bringt ein Gefühl von unbestimmter Angst hervor. Im Gedächtnis von Dorle Wilke gehören zu dem grünen Eis lauter weinende Frauen. Sie standen zusammen mit ihrer Mutter vor dem jüdischen Krankenhaus im Berliner Bezirk Wedding, hatten Kopfkissenbezüge mit Brotstullen in den Rinnstein gelegt und hofften, dass ihre Männer bald aus der 'Schutzhaft' frei kämen. Dorle Wilkes Vater war einer von ihnen.
Über viele Jahre waren die Gerüche im Gedächtnis der Dorle Wilke abgekapselt wie vergessene Essenzen in einem fest verschlossenen Parfümflakon. Es gab viel zu viel zu tun in ihrem Leben, als dass sie sich den Blick zurück hätte erlauben können. Sie arbeitete als Buchhändlerin, zog zwei Söhne groß und umsorgte ihren Ehegatten. Dieser Mann ist mein Deutschlehrer gewesen. Während der Schulzeit war er so ziemlich der einzige Lehrer, auf dessen Urteil ich wirklich etwas gab.
Bei einer Deutscharbeit über eine Geschichte von Bertolt Brecht aber hatten wir uns gründlich missverstanden, ich bekam eine fünf von ihm dafür. Es war eine der Geschichten von Herrn Keuner, 'Maßnahmen gegen die Gewalt' betitelt. In der kleinen Parabel, die kurz vor der Machtübernahme der Nazis in Deutschland geschrieben wurde, erzählt Brecht davon, wie Herr Keuner, ein 'Denkender', seinen Schülern erklärt, warum es wichtiger sein kann, totalitäre Gewalt zu überleben, ohne sich dabei zu verbiegen, statt sich ihr gleichsam mit offenem Visier in den Weg zu stellen und einen sinnlosen Heldentod zu sterben.
Damals ahnte ich noch nicht, dass die Frage, die der Geschichte zugrunde liegt, ein Lebensthema für mich werden würde: Immer wieder habe ich zu ergründen versucht, wie sich einzelne Menschen in einem totalitären Regime verhalten, das schließlich auch von Menschen gemacht ist. Welche Möglichkeiten haben Bürger in Diktaturen, nach Maßstäben der Menschlichkeit zu handeln und anderen zu helfen? Wie groß war der Spielraum Einzelner für einen wenn auch stillen Widerstand im NS-Regime? Was treibt Menschen dazu, mitzumachen und womöglich die Notlagen anderer auszunutzen?
Im Fall des Herrn Keuner war ich als jugendlicher Heißsporn fest überzeugt, dass er den offenen Protest gegen die Gewalt hätte predigen müssen, und das schrieb ich in die Klassenarbeit. Mein Deutschlehrer aber hielt es mehr mit Brecht, er war gegen den sinnlosen Heldentod. Ich fühlte mich unverstanden und enttäuscht über seine schlechte
Note. Doch was wussten wir damals, Anfang der siebziger Jahre, schon von den wirklichen Gefahren des Lebens? Mein Deutschlehrer Helmut Wilke kannte einiges. Er war nicht nur jünger als die meisten anderen Lehrer, die teilweise noch stark von der Nazizeit geprägt waren. Er wirkte auch kein bisschen empfänglich für das Rechtfertigungsgerede der Altvorderen. Ich habe erst viele Jahre später begriffen, dass dies womöglich mit der Lebensgeschichte seiner Frau zu tun hatte.
Eine Geschichte, die einst in Berlin begann und nach dem Krieg in dem Universitätsstädtchen Marburg an der Lahn ihre Fortsetzung fand. Eine Geschichte, die so typisch ist für die Verwicklungen und das Leben in unserem Land, dass man sie eigentlich schon vor vielen Jahren hätte aufschreiben müssen - wenn denn Dorle Wilke damals schon all die Einzelheiten aus ihrem Gedächtnisfundus hätte hervorholen wollen. Doch es ging ihr wohl wie vielen anderen Menschen nach dem Krieg: Eine lähmende Amnesie hatte sich wohlwollend über die Ereignisse gelegt, deren man sich nur zuweilen schemenhaft erinnerte - wie im Nebel plötzlich unheimlich aussehende Baumumrisse auftauchen, die bei Licht betrachtet einen ganz anderen Eindruck machen. Und so blieben Dorle Wilkes Erinnerungen viele Jahre lang abgekapselt im Gedächtnisflakon.
Erst ein Museumsbesuch löste die Erschütterung aus, die vielleicht notwendig war, um den Flakonpfropfen zu lösen. Die Wilkes waren 1995 nach Leipzig gefahren, wohin sie seit dem Ende der DDR immer wieder pilgerten. Die Leipziger Buchmesse mit ihren vielen hundert Lesungen in allen möglichen Lokalitäten der Stadt war eines der Lieblingsereignisse der Ehepartner, die beide leidenschaftliche Buchleser sind. Diesmal reisten sie jedoch nicht zu Messezeiten nach Leipzig, eine Ausstellung im Museum der bildenden Künste zog sie an, Zeichnungen, Skulpturen und Gemälde von Max Klinger wurden gezeigt. Im Skulpturensaal passierte es: Dorle stand plötzlich vor einer Knabenbüste, die ihr unendlich nah und vertraut vorkam. Ein Blick in den Katalog bestätigte ihr Gefühl: die Marmorplastik 'Knabenbildnis' stellte ihren Vater dar.
Es war vielleicht dieser Moment, der ihrem Leben eine neue Wendung gab. Dorle Wilke hatte bis dahin nicht gewusst, dass es überhaupt eine künstlerische Darstellung ihres Vaters gab. Zwar hatte Reinhold Meyer immer mal wieder beklagt, dass in den Wirren des Zweiten Weltkrieges auch eine schöne Marmorskulptur, die sein eigener Vater, der Literaturprofessor Richard Moritz Meyer, besessen hatte, neben vielem anderen verloren gegangen sei. Doch dass die Büste ihn selbst, Reinhold Meyer, darstellte, das hatte er nie erwähnt. Als Dorle Wilke die Büste im Museum entdeckte, hatte sie plötzlich das Gefühl, ihren Vater mit ganz anderen Augen zu sehen.
Wer war dieser Mann, der in späteren Jahren oft schweigsam auf seinem Sessel saß und sich auf einer Flut von Zetteln handschriftliche Notizen machte? Dorle hatte nach seinem Tod alle Zettel aufgehoben, derer sie noch habhaft werden konnte. Noch heute bewahrt sie die karierten und linierten Papiere in ihrem kleinen Arbeitszimmer auf, in welchem zwischen Bergen von Büchern zwei zwitschernde Kanarienvögel in ihren Käfigen sitzen. Den Sinn der väterlichen Notizen aber hatte selbst Dorle Wilke nicht recht ergründen können.
Im Sommer 2000 mieteten wir uns für ein paar Tage in Berlin ein, um die Stationen abzuwandern, an die sie sich aus Kindheitstagen erinnerte. Da standen wir in Frohnau vor dem gelb getünchten Haus mit dem Sidol-Geruch -jetzt wohnte ein nettes Ehepaar darin, und es roch nach frischen Blumen statt nach Silberputzmittel. Der Mann, der ein Enkel des früheren Bewohners war, wusste manches zu erzählen, und doch fühlte sich Dorle verletzt, als wir das Haus wieder verließen. Dass ihr Vater in der Geschichtsschreibung der Frohnauer Familie als der 'Jude Meyer' bezeichnet wurde, war ihr wie ein Stich ins Herz gegangen.
Nicht weit vom Alexanderplatz betrachteten wir die Gedenksäule für die Frauen der Rosenstraße, die hier einst für die Freilassung ihrer Männer demonstriert hatten. In ihrem weiten Faltenrock sah Dorle plötzlich wie das kleine Mädchen von damals aus, das hier im März 1943 in der Kälte gebibbert hatte. Es sei ihr in jenen Tagen so vorgekommen, als ob sich der Himmel verdunkelt habe, erzählte sie. Diesen Eindruck hatten vermutlich die vielen Frauen erzeugt, die so eng beieinanderstanden, dass die kleine Dorle nichts mehr hatte sehen können.
Wir kamen zum Jüdischen Krankenhaus und standen an der viel befahrenen Straße, die heute an dem Gebäudekomplex vorbeiführt. Hier war es, wo Dorle die vielleicht schlimmsten Ängste um ihren Vater ausgestanden hatte, begleitet von einem bittersüßen grünen Eis, dessen Geschmack sie noch heute auf der Zunge wiedererkennen würde. Auch das Gelände am Potsdamer Platz erkundeten wir. Voßstraße Nr. 16 lautete die alte Adresse, jetzt musste man durch einen Bauzaun klettern, um das öde Terrain zu besichtigen, auf dem dereinst das Haus ihrer Eltern gestanden hatte.
Manchmal schmeckt Erinnerung nach klebrigem, grünem Eis am Stiel, und der bittersüße Geschmack bringt ein Gefühl von unbestimmter Angst hervor. Im Gedächtnis von Dorle Wilke gehören zu dem grünen Eis lauter weinende Frauen. Sie standen zusammen mit ihrer Mutter vor dem jüdischen Krankenhaus im Berliner Bezirk Wedding, hatten Kopfkissenbezüge mit Brotstullen in den Rinnstein gelegt und hofften, dass ihre Männer bald aus der 'Schutzhaft' frei kämen. Dorle Wilkes Vater war einer von ihnen.
Über viele Jahre waren die Gerüche im Gedächtnis der Dorle Wilke abgekapselt wie vergessene Essenzen in einem fest verschlossenen Parfümflakon. Es gab viel zu viel zu tun in ihrem Leben, als dass sie sich den Blick zurück hätte erlauben können. Sie arbeitete als Buchhändlerin, zog zwei Söhne groß und umsorgte ihren Ehegatten. Dieser Mann ist mein Deutschlehrer gewesen. Während der Schulzeit war er so ziemlich der einzige Lehrer, auf dessen Urteil ich wirklich etwas gab.
Bei einer Deutscharbeit über eine Geschichte von Bertolt Brecht aber hatten wir uns gründlich missverstanden, ich bekam eine fünf von ihm dafür. Es war eine der Geschichten von Herrn Keuner, 'Maßnahmen gegen die Gewalt' betitelt. In der kleinen Parabel, die kurz vor der Machtübernahme der Nazis in Deutschland geschrieben wurde, erzählt Brecht davon, wie Herr Keuner, ein 'Denkender', seinen Schülern erklärt, warum es wichtiger sein kann, totalitäre Gewalt zu überleben, ohne sich dabei zu verbiegen, statt sich ihr gleichsam mit offenem Visier in den Weg zu stellen und einen sinnlosen Heldentod zu sterben.
Damals ahnte ich noch nicht, dass die Frage, die der Geschichte zugrunde liegt, ein Lebensthema für mich werden würde: Immer wieder habe ich zu ergründen versucht, wie sich einzelne Menschen in einem totalitären Regime verhalten, das schließlich auch von Menschen gemacht ist. Welche Möglichkeiten haben Bürger in Diktaturen, nach Maßstäben der Menschlichkeit zu handeln und anderen zu helfen? Wie groß war der Spielraum Einzelner für einen wenn auch stillen Widerstand im NS-Regime? Was treibt Menschen dazu, mitzumachen und womöglich die Notlagen anderer auszunutzen?
Im Fall des Herrn Keuner war ich als jugendlicher Heißsporn fest überzeugt, dass er den offenen Protest gegen die Gewalt hätte predigen müssen, und das schrieb ich in die Klassenarbeit. Mein Deutschlehrer aber hielt es mehr mit Brecht, er war gegen den sinnlosen Heldentod. Ich fühlte mich unverstanden und enttäuscht über seine schlechte
Note. Doch was wussten wir damals, Anfang der siebziger Jahre, schon von den wirklichen Gefahren des Lebens? Mein Deutschlehrer Helmut Wilke kannte einiges. Er war nicht nur jünger als die meisten anderen Lehrer, die teilweise noch stark von der Nazizeit geprägt waren. Er wirkte auch kein bisschen empfänglich für das Rechtfertigungsgerede der Altvorderen. Ich habe erst viele Jahre später begriffen, dass dies womöglich mit der Lebensgeschichte seiner Frau zu tun hatte.
Eine Geschichte, die einst in Berlin begann und nach dem Krieg in dem Universitätsstädtchen Marburg an der Lahn ihre Fortsetzung fand. Eine Geschichte, die so typisch ist für die Verwicklungen und das Leben in unserem Land, dass man sie eigentlich schon vor vielen Jahren hätte aufschreiben müssen - wenn denn Dorle Wilke damals schon all die Einzelheiten aus ihrem Gedächtnisfundus hätte hervorholen wollen. Doch es ging ihr wohl wie vielen anderen Menschen nach dem Krieg: Eine lähmende Amnesie hatte sich wohlwollend über die Ereignisse gelegt, deren man sich nur zuweilen schemenhaft erinnerte - wie im Nebel plötzlich unheimlich aussehende Baumumrisse auftauchen, die bei Licht betrachtet einen ganz anderen Eindruck machen. Und so blieben Dorle Wilkes Erinnerungen viele Jahre lang abgekapselt im Gedächtnisflakon.
Erst ein Museumsbesuch löste die Erschütterung aus, die vielleicht notwendig war, um den Flakonpfropfen zu lösen. Die Wilkes waren 1995 nach Leipzig gefahren, wohin sie seit dem Ende der DDR immer wieder pilgerten. Die Leipziger Buchmesse mit ihren vielen hundert Lesungen in allen möglichen Lokalitäten der Stadt war eines der Lieblingsereignisse der Ehepartner, die beide leidenschaftliche Buchleser sind. Diesmal reisten sie jedoch nicht zu Messezeiten nach Leipzig, eine Ausstellung im Museum der bildenden Künste zog sie an, Zeichnungen, Skulpturen und Gemälde von Max Klinger wurden gezeigt. Im Skulpturensaal passierte es: Dorle stand plötzlich vor einer Knabenbüste, die ihr unendlich nah und vertraut vorkam. Ein Blick in den Katalog bestätigte ihr Gefühl: die Marmorplastik 'Knabenbildnis' stellte ihren Vater dar.
Es war vielleicht dieser Moment, der ihrem Leben eine neue Wendung gab. Dorle Wilke hatte bis dahin nicht gewusst, dass es überhaupt eine künstlerische Darstellung ihres Vaters gab. Zwar hatte Reinhold Meyer immer mal wieder beklagt, dass in den Wirren des Zweiten Weltkrieges auch eine schöne Marmorskulptur, die sein eigener Vater, der Literaturprofessor Richard Moritz Meyer, besessen hatte, neben vielem anderen verloren gegangen sei. Doch dass die Büste ihn selbst, Reinhold Meyer, darstellte, das hatte er nie erwähnt. Als Dorle Wilke die Büste im Museum entdeckte, hatte sie plötzlich das Gefühl, ihren Vater mit ganz anderen Augen zu sehen.
Wer war dieser Mann, der in späteren Jahren oft schweigsam auf seinem Sessel saß und sich auf einer Flut von Zetteln handschriftliche Notizen machte? Dorle hatte nach seinem Tod alle Zettel aufgehoben, derer sie noch habhaft werden konnte. Noch heute bewahrt sie die karierten und linierten Papiere in ihrem kleinen Arbeitszimmer auf, in welchem zwischen Bergen von Büchern zwei zwitschernde Kanarienvögel in ihren Käfigen sitzen. Den Sinn der väterlichen Notizen aber hatte selbst Dorle Wilke nicht recht ergründen können.
Im Sommer 2000 mieteten wir uns für ein paar Tage in Berlin ein, um die Stationen abzuwandern, an die sie sich aus Kindheitstagen erinnerte. Da standen wir in Frohnau vor dem gelb getünchten Haus mit dem Sidol-Geruch -jetzt wohnte ein nettes Ehepaar darin, und es roch nach frischen Blumen statt nach Silberputzmittel. Der Mann, der ein Enkel des früheren Bewohners war, wusste manches zu erzählen, und doch fühlte sich Dorle verletzt, als wir das Haus wieder verließen. Dass ihr Vater in der Geschichtsschreibung der Frohnauer Familie als der 'Jude Meyer' bezeichnet wurde, war ihr wie ein Stich ins Herz gegangen.
Nicht weit vom Alexanderplatz betrachteten wir die Gedenksäule für die Frauen der Rosenstraße, die hier einst für die Freilassung ihrer Männer demonstriert hatten. In ihrem weiten Faltenrock sah Dorle plötzlich wie das kleine Mädchen von damals aus, das hier im März 1943 in der Kälte gebibbert hatte. Es sei ihr in jenen Tagen so vorgekommen, als ob sich der Himmel verdunkelt habe, erzählte sie. Diesen Eindruck hatten vermutlich die vielen Frauen erzeugt, die so eng beieinanderstanden, dass die kleine Dorle nichts mehr hatte sehen können.
Wir kamen zum Jüdischen Krankenhaus und standen an der viel befahrenen Straße, die heute an dem Gebäudekomplex vorbeiführt. Hier war es, wo Dorle die vielleicht schlimmsten Ängste um ihren Vater ausgestanden hatte, begleitet von einem bittersüßen grünen Eis, dessen Geschmack sie noch heute auf der Zunge wiedererkennen würde. Auch das Gelände am Potsdamer Platz erkundeten wir. Voßstraße Nr. 16 lautete die alte Adresse, jetzt musste man durch einen Bauzaun klettern, um das öde Terrain zu besichtigen, auf dem dereinst das Haus ihrer Eltern gestanden hatte.