
Greta
Rita König(Author)
Sonia Lauinger(Editor)
Lauinger Verlag
1st Edition
Published on 11. January 2024
Book
Paperback/Softback
406 pages
978-3-7650-9174-2 (ISBN)
Description
"Sich nicht erinnern zu dürfen und alles vergessen zu haben, sind zwei völlig verschiedene Dinge."
Mit fünfundachtzig Jahren beschließt Greta, noch einmal ihr Kindheitshaus zu sehen. Die Reise über Polen nach Lettland wird für sie nicht nur körperlich anstrengend - vor allem kämpft sie mit den Erinnerungen, die sie verdrängte, verdrängen musste.
Zur gleichen Zeit fliegt Marita nach Lettland, um ihren Geliebten zu treffen. Nach drei Tagen ergebnisloser Suche begegnen sich die beiden Frauen. Greta könnte Maritas Großmutter sein - aber ist sie deshalb klüger? Zu Hause in Lettland, wie sie behauptet, mit einer Kindheitsliebe und den Dainas als Trost?
"Eine Kindheit in Lettland, eine Jugend in Berlin - nein, das ist längst nicht alles."
Reviews / Votes
"Das - bislang - bedeutendste Werk Rita Königs ist 'Greta', weil es nicht nur ein individuelles Schicksal in den Blick nimmt, sondern weil es der Autorin gelingt, in diesem Einzelschicksal die unheilvolle Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert zu spiegeln." (Markus Kniebeler, Märkische Allgemeine Zeitung 12.02.24, S. 16)More details
Language
German
Place of publication
Germany
Edition type
New edition
Dimensions
Height: 20 cm
Width: 13 cm
Weight
524 gr
ISBN-13
978-3-7650-9174-2 (9783765091742)
Schweitzer Classification
Persons
Author
Rita König ist diplomierte Betriebswirtin und lebt in Potsdam. Für ihre literarische Arbeit erhielt sie zahlreiche Aufenthaltsstipendien, wie zum Beispiel im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf. Bisher veröffentlichte sie ihre Erzählungen in Literaturzeitschriften und Anthologien.
Editor
Content
»Pling, pling, pling« - Greta hört ganz deutlich den Löffel an Porzellan schlagen, springt die Holzstufen hinunter in die Küche
und hält sich an der Schürze von Großmutter Anna fest.
»Hast du ausgeschlafen, mein Kind? Geh gleich dein Gesicht waschen.«
»Oh, du machst Goggelmoggel, ist das für mich?«
Die Großmutter lässt ein weiteres Eigelb in das Schälchen gleiten.
»Du bekommst auch etwas, aber zuerst: Marsch und wasch dich!«
Kurz darauf sitzt Greta am ovalen Holztisch und schaut auf die blauen Blumen, die auf Großmutter Annas Schürze tanzen . aber es ist nicht mehr Großmutters Schürze. Die Mutter dreht sich zu ihr um: »Das schmeckt dir gut, nicht?«
Doch plötzlich hält nicht mehr Greta den Löffel in der Hand, sondern ihr Sohn Andreas. Gretas Mutter steht an einem Sprelacarttisch mit einer Wachstuchdecke voller blauer Blumen und reicht ihm ein Schälchen mit Zuckerei - oder macht Greta es selbst? Greta schrickt auf. War sie eingenickt? Der Wind bläst durch das angekippte Fenster und schlägt die Schnur der Jalousie an die Scheibe. Plingpling. Sie ist müde, sie muss endlich ins Bett. Noch einmal prüft sie, ob
alles bereitliegt: die Fahrkarten, die Hotelreservierung, Flugtickets. Die sorgfältig wieder zusammengeschnürten Briefe. Sandalen und ein Sommerrock sind längst in der Reisetasche verstaut, ebenso das Waschzeug und die Schmerztabletten. Für alle Fälle. Die festen Schuhe wird Greta anziehen und die Leinenhose. Zwei reife Äpfel und eine Banane, die sie mit ins Zimmer genommen hat, verströmen ihren Duft. Halstuch und Brosche liegen auf dem Nachttisch. Der rote Stein in der Mitte des Schmuckstücks schimmert, das Weißgold glänzt nicht. Diese Brosche hat Großmutter Anna Gretas Mutter geschenkt, bevor die Familie vor fast achtzig Jahren Lettland verlassen hat. Und sie, Greta, wird sie nun zurückbringen. Sie spürt, wie die Vorfreude ihr Herz schneller schlagen lässt. Nach Hause. Endlich. Zum Johannistag, zu Janis, zu den Sommerfesten. Dorthin, wo die guten Erinnerungen auf sie warten. Greta setzt sich ans Kopfende des Bettes und hält die Fahrkarten unter
die Nachttischlampe. »Poznan«, flüstert sie. Warszawa Zachodnia. Warszawa Lotnisko. Der Westbahnhof. Der Flughafen. Die ersten Stationen auf ihrer Reise nach Hause. In Polen. Sie versucht sich vorzustellen, wie ein polnischer Beamter ihren Ausweis kontrolliert, und vor allem, wie sie sich dabei fühlt. Es gelingt ihr nicht. Sie legt sich ins Bett, löscht das Licht und schließt die Augen. Pling-pling. Das wievielte Mal ist sie nun wachgeworden? Schläfrig linst sie aus halbgeöffneten Lidern. Ist es noch Nacht oder beginnender Morgen? Als ob sie von drinnen die Tageszeit ablesen könnte. Einzig über Mittag erreichen wenige Strahlen das Haus »Sonnenschein«. Das Halbdunkel draußen verändert sich nur, wenn es regnet oder alles unter einer weißen Schneedecke liegt. Morgens hängt der Schlaf in den langen Fluren wie zu allen anderen Tages- und Nachtzeiten der Geruch des Alters: abgestanden, verbraucht wie die Lebenszeit der Bewohner. Greta seufzt. Sie muss schlafen, sie braucht alle Kraft für den morgigen Tag.
Beim Aufwachen horcht Greta dem Traum nach. Schienenmusik. Heroischer Gesang. Rufe. Und die hellen Augen der Mutter. Das gehört nicht nach Lettland, nicht zum Haus von Großmutter Anna, aber wohin dann? Die Traumbilder zerfließen, Greta sieht auf die Uhr. Es ist viel zu früh, aber ein wenig aufgeregt darf man vor einer solchen Reise wohl sein. Zurück aus dem Bad stellt sie sich an das große Zimmerfenster. Sie hört die Vögel zwitschern, übermütig, durstig nach Sonne und Wind; die Schwalben sirren über die akkurat beschnittenen Buchsbaumbüsche und trinken aus der breiten Wasserschale. Fröhlich, lebenshungrig, weil die Regentage der letzten Woche Gräser und Würmer, Käfer und Blüten haben gedeihen lassen und die Erde ausatmet, als habe jemand sie frisch umgegraben. Überallhin scheint die Sonne, nur nicht auf den Rasen von Haus »Sonnenschein«. Lebenshungrig ist auch Greta, frohgemut; gleich, gleich geht es los. Der Montag ist wie geschaffen dafür. Montags wird der ewig gleiche Ablauf von Stunden und Tagen durchbrochen von Fotos oder einem neuen Tuch, herumgezeigt von jenen, die wochenends nicht allein geblieben sind, die nicht umsonst gewartet haben. Einige sind gar von den Kindern oder Enkelkindern zum Mittagessen, zum Kaffeetrinken nach Hause geholt worden. Ganz selten bleibt jemand fort über Nacht, aber selten ist nicht nie, und so hat Greta Irmgard und Frau Doktor am Samstag beim gemeinsamen Kaffeetrinken endlich erzählt, dass sie verreisen wird. Sie haben nicht nachgefragt, das ist Greta recht, sie will nicht lügen. Zu schweigen ist wichtig. Niemand soll sich versehentlich verplappern und womöglich ihren Sohn auf den Plan rufen. Greta mustert das Hochzeitsbild von Andreas und Heike an der Zimmerwand und kneift die Augen zusammen.
Seit gut einem Jahr wohnt Greta jetzt im Heim, eine Autostunde nördlich von Berlin. Nicht einmal fünfzig Minuten braucht Andreas, um zu ihr zu fahren, und dennoch tut er es selten. Zwei Stunden sind sie beim Einzug unterwegs gewesen, in Andreas' Auto, aber nur, weil Baumschulenweg ein Ortsteil im Berliner Süden ist, einmal quer durch die Hauptstadt, das
dauert. In den ersten Stunden im Zimmer hat Greta sich ebenfalls vor das große Fenster gestellt und statt auszupacken, den Schwalben zugeschaut. Sie darum beneidet, wegfliegen zu können, und sich gewundert, dass sie es nicht taten. Nein, gewundert hat sie sich erst ein paar Wochen später; sie hat eine wiedererkannt, weil der Gabelschwanz auf einer Seite
kürzer ist. Mitleid hat sie gepackt und auch ein wenig Selbstmitleid. Ihr linkes Bein kommt ihr kürzer vor seit dem Sturz, nicht abgetrennt, eher gestaucht. Nach einem Sturz, nicht auf vereister oder regennasser Straße, geschweige denn auf Bohnerwachs. An jenem milden Tag im Februar des letzten Jahres, als sie auf dem Postamt das Päckchen in Empfang genommen hat. Erst draußen las sie den Absender und erschrak, fiel auf den Gehweg und konnte vor Schmerzen nicht allein wieder aufstehen. Genauso wie als kleines Mädchen in der Küche hat sie sich gefühlt und den Blick der Mutter gespürt. Geschlittert war sie damals, mit der Schulter gegen den Küchenstuhl gekracht, es war nichts passiert, nicht einmal der Stuhl war entzweigebrochen. Sie hatte trotz der Schmerzen gelacht. Den Schreck in den Augen der Mutter hat sie wieder vor sich gesehen, als sie im Februar auf der Straße lag, doch dieses Mal lachte Greta nicht.
»Eine OP ist in Ihrem Alter nicht notwendig, das behandeln wir konventionell«, hat der Arzt gesagt, etwas aufgeschrieben und sie wie nebenbei um Zustimmung gebeten: »Wir planen doch keine große Reise, nicht wahr?«
Sie hat ihn nur angeschaut; es dauerte, ehe er bemerkte, dass sie nicht antwortete, aufsah, die Lider senkte und etwas murmelte, das sie nicht verstand.
Greta schüttelt den Kopf, als sie daran denkt. Sie benutzt nicht einmal ein Hörgerät, wozu auch? Sie ist fünfundachtzig und nicht hundertzehn, man muss sie nicht anschreien, sie ist nicht schwerhörig. Jedenfalls nicht so, wie Ilse es war. Ach, Ilse, was du wohl dazu sagen würdest, was ich hier mache? Willst du mitkommen? Das ist eine gute Idee, Greta lächelt. Dich mitzunehmen, liebe Freundin. In Gedanken wenigstens, du musstest ja unbedingt vor mir unter die Erde. Das Klappern und Schurren auf dem Flur reißt Greta aus ihren Gedanken. Sie setzt sich wieder aufs Bett. Das Päckchen von Dmitrij hat sie nach den Krankenwochen im Winter hervorgeholt und sich endlich bedankt, die Briefe darin jedoch nicht gelesen. Nur nicht an diese nicht enden wollenden Wochen und die Schmerzen denken, jetzt, wo es ihr gut geht, wo sie endlich verreisen wird. Zu Dmitrij, nach Hause. Ohne Rücksicht auf Andreas, der sie hier abgeladen hat wie einen nicht mehr benötigten Kleiderschrank, der sie viel zu selten anruft oder besucht, der sein eigenes Leben lebt - nun, so ist es wohl richtig. Andreas wollte, dass sie Polen noch einmal besucht, nun wird sie es tun und er weiß nichts davon. Ihr Herz beginnt wild zu schlagen, die Finger zittern. Diese Briefe ihrer Mutter Ieva an Großmutter Anna, die in Lettland geblieben war, in diesem unglückseligen Krieg. Briefe aus Posen nach Windau, das heute Ventspils heißt. Briefe, die Greta nur kurz überflogen hat, um die nötigen Informationen zusammenzutragen. Später erst wird sie sie richtig lesen. Vielleicht findet sie dann heraus, weshalb jedes Mal, wenn sie an Posen denkt, die Stimme ihrer Mutter im Kopf auftaucht, ganz ernst und scharf und unnachgiebig. Sogar den Blick der Mutter sieht Greta vor sich, dabei ist die Mutter vor über vierzig Jahren verstorben. Auch diese Gedanken wischt Greta nun beiseite, blickt auf die Fahrkarten. Auf die Brosche mit dem roten Stein in der Mitte. Sie wird nach Hause fahren. Noch einmal will sie Großmutter Anna nah sein, im Haus ihrer Kindheit, in Windau. In ihrer Heimat Lettland. Aber
all das andere? Sie steht auf, die Unruhe ergreift ihren gesamten Körper. Hinausschauen, das Fenster öffnen, atmen. Sie blickt seitwärts auf das Tor; es steht offen. Der Parkplatz ist gesäumt von Buchen, Eichen und ein paar Kastanien, höher gewachsen als die dahinterstehenden Nadelbäume. Man kann jederzeit ein Taxi rufen, zu einem annehmbaren Obolus.
Im nächsten Ort, einem Straßendorf, das nicht einmal mehr einen Konsum hat, wie Frau Doktor zu berichten weiß, gibt es eine Bushaltestelle. Diese ist zu Fuß am schnellsten durch die Kiefernschonung zu erreichen. In etwa fünfzehn Minuten, sofern man sich auf einen gesunden Körper verlassen kann. Aber den hat von den Bewohnern kaum jemand. Mit einem Stock dauert es wesentlich länger, ein Wägelchen ist auf dem von Wurzeln durchsetzten Pfad wahrlich nicht zu gebrauchen.
Greta ist den Weg an einem der letzten Apriltage gelaufen und hat sich darüber gewundert, dass die Kiefern nur schwach riechen, die aufgeschabte Erde dagegen würzig und frisch, sich allerdings auch an die Schuhsohlen heftet. Es war anstrengend, dabei hat sie nicht einmal eine Tasche mitgenommen, und statt der fünfzehn Minuten benötigte sie fast eine halbe Stunde.
Greta sieht Peter durch das Tor eilen und schließt das Fenster. Sie bindet das Tuch um, steckt die Brosche fest, zieht die Jacke an.