Googolplex
Roman
H. D. Klein(Author)
Heyne (Publisher)
Published on 6. March 2006
Book
Paperback/Softback
592 pages
978-3-453-52129-2 (ISBN)
Description
Die sensationelle Fortsetzung von "Googol": eine spannende, rasant geschriebene Space-Opera, die den Leser abermals auf eine atemberaubende Reise durch Raum und Zeit mitnimmt. Exotische Welten, jede Menge Action und eine mitreißende Geschichte - H. D. Klein ist das größte Talent der deutschen Science Fiction seit vielen Jahren.
More details
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 18.7 cm
Width: 12 cm
ISBN-13
978-3-453-52129-2 (9783453521292)
Schweitzer Classification
Persons
H. D. Klein, 1951 im bayerischen Wolfratshausen geboren, studierte Luft- und Raumfahrttechnik in München und absolvierte danach eine Ausbildung zum Fotografen. Seit 1983 hat er sein eigenes Fotostudio in München. Daneben arbeitet Klein als Science-Fiction
Content
Status
Heute ist der 10. September 2072.
Vor zwanzig Jahren sind wir aus den Tiefen des Sonnensystems zur Erde zurückgekehrt. Von irgendwo oberhalb der Ekliptik zwischen Mars und Jupiter. Fünf Jahre hatte die Reise gedauert. Fünf Jahre voller Entbehrungen und Unsicherheit, angefüllt mit Wut und Enttäuschung. Unsere Gefühle richteten sich gegen jene, die uns im Stich gelassen hatten. Gegen den Konzern und diejenigen, die nur ihre eigenen Vorteile vor Augen hatten.
Unnötige und überflüssige Empfindungen, denn der Konzern existierte nicht mehr. Wir konnten niemanden für unsere Leiden zur Rechenschaft ziehen. Keiner war bei unserer Ankunft noch verantwortlich für eine Mission, die uns in die Nähe des Unfassbaren geführt hatte.
Auf der Erde war niemand mehr zuständig für dieses Desaster. Alle waren unschuldig, sofern man überhaupt von einer Schuld sprechen konnte. Ganz im Gegenteil, wir waren die Schuldigen. Schuldig am Tod von fünf Besatzungsmitgliedern, schuldig im Sinne der missbräuchlichen Nutzung eines uns anvertrauten Raumschiffes, wegen Befehlsverweigerung, wegen Meuterei und unerlaubten eigenständigen Vorgehens. Wegen bewusster Vorenthaltung von Menschen und Material.
So jedenfalls stand es in der Anklageschrift der rechtmäßigen Übernahmegesellschaften, der Nachfolger von Space Cargo - eines Konzerns, den es nicht mehr gab.
Der Musterprozess zog sich nach unserer Rückkehr über weitere drei Jahre hin. Ausgeklammert waren die bis dahin anstehenden zivilrechtlichen Verfahren. Die Angehörigen der toten Besatzungsmitglieder warteten den Schuldspruch der obersten Raumfahrtbehörde ab und sondierten in der Zwischenzeit die Angebote von hochrangigen und Erfolg versprechenden Anwälten.
Nach endlosen Winkelzügen durch bestehendes internationales Recht und nach massiver Missachtung des Menschenrechts wurde schließlich eine Kommission eingesetzt, ein Gremium aus hoch gestellten Persönlichkeiten, das dem schmählichen Prozess ein Ende setzen sollte. Ehrwürdige Personen der Weltöffentlichkeit, Vertreter aller Religionen, ehemalige und damit unabhängige Konzernchefs und einige wenige einflussreiche Politiker bildeten einen neu geschaffenen Rat. Erstmalig in der Geschichte der Menschheit sollte eine unabhängige Kommission über das Schicksal von einzelnen Menschen entscheiden. Ein so genannter Weltgerichtshof wurde erschaffen.
Der Weltöffentlichkeit wurde über Jahre hinweg ein Scheinprozess vorgeführt, eine Farce, für die es keine Grundlagen gab.
Nach drei Jahren wurden wenigstens meine Gefährten in die Freiheit entlassen, denn als Befehlsempfänger trugen sie keine Mitschuld.
Ich war der einzige Schuldige und damit die Grundlage für das Verfahren.
Ich, im Sinne von meiner Person, die sich im Laufe unserer Mission unfreiwillig in ein Monster verwandelt hatte. In ein Monster, das die Menschheit nicht einschätzen konnte. Noch nicht einmal ich selbst hatte eine Vorstellung davon, was mit mir geschehen war.
Über welche Fähigkeiten ich verfügte.
Sie hatten Angst vor mir. Verständlich, und wenn ich ehrlich war, hatte selbst ich Angst vor mir.
Am 14. August des Jahres 2045 waren wir mit dem Experimentalschiff Nostradamus zu einem Schwarm riesiger weißer Pyramiden aufgebrochen, die zwischen den Umlaufbahnen von Mars und Jupiter in das Sonnensystem eingeflogen waren. Nach einer langen und ereignisreichen Reise gelang es dreien von uns - Appalong, Halbmond und mir -, in eine der Pyramiden einzudringen. Letztendlich konnten wir das Rätsel nicht vollständig lösen, nur insoweit, dass es sich bei den Pyramiden um ein gewaltiges Archiv handelte. Ein Archiv, das die gesamte Geschichte und damit die Entwicklung unseres Sonnensystems beinhaltete. Wir hätten die Aufzeichnungen ohne Schwierigkeiten in unseren Besitz bringen können. Wir haben es nicht getan, weil wir der Meinung waren, dass die Menschheit nicht reif genug für die Wahrheit ist. Dass sie nicht mit den wahrheitsgetreuen Darstellungen der Geschichte unseres Planeten umgehen kann. Rückblickend gesehen haben wir vielleicht einen Fehler begangen, vielleicht aber auch nicht.
Appalong ist in der Pyramide zurückgeblieben, er wollte alle Wahrheiten erfahren. Keiner weiß, was mit ihm geschehen ist. Nachdem Halbmond und mir die Flucht aus der Pyramide gelungen war, verschwanden alle Artefakte aus dem Sonnensystem.
Zuvor hatte eine mir unbekannte Macht einen Chip in meinem Gehirn installiert, der mir Möglichkeiten eröffnete, die weit über jede menschliche Vorstellungskraft hinausgingen.
Mit der Macht des Chips war ich in der Lage, meine Umgebung zu verändern. Ich konnte die Dimensionen kraft meiner Gedanken beeinflussen, konnte die Gedanken und Empfindungen anderer Wesen lesen oder spüren, konnte in die Vergangenheit und in die Zukunft sehen. Der Chip verstärkte meine Wünsche in ungeheurem Maße, wirkte wie eine Steuereinheit auf die Bauteile des Lebens.
Ich war ein Gott geworden.
Oder einem Gott gleich.
Doch dadurch wurde mir eine Last aufgebürdet, mit der ich nichts anzufangen wusste. Mein begrenztes menschliches Bewusstsein hatte sich um einen dunklen Ozean erweitert, an dessen Strand ich im Schein einer Fackel saß und mich nicht traute, auch nur ein Sandkörnchen durch meine Hände rieseln zu lassen. Geschweige denn, mich den Fluten auch nur zu nähern. Ich wusste nicht, welche Gefahren dort draußen auf den Meeren und in den Tiefen lauerten, obwohl ich spürte, dass es ein Leichtes für mich gewesen wäre, die Massen des Wassers zu Bergen zu türmen, Vulkane entstehen zu lassen oder gar Planeten zu bewegen.
Das Universum neu zu gestalten.
Die Verantwortlichen für meine Verurteilung ahnten nicht einmal annähernd, über welche Fähigkeiten ich nun verfügte, aber sie hatten aus den Berichten der Mission entnommen, was mit mir in der riesigen weißen Pyramide geschehen war. Verständlich, dass sie an dem Chip in meinem Gehirn sehr interessiert waren. Viele waren mehr als nur sehr interessiert daran, was der Chip bewirken konnte.
Durch eine geheimnisvolle Kohäsionskraft zusammengehalten, bildete eine Anzahl von Chips biegsame kleine rote Steinchen, die man problemlos auseinander brechen und wieder zusammenfügen konnte.
Den alten Ägyptern mussten diese Steinchen bereits bekannt gewesen sein, denn man hatte sie in Gräbern als Beigabe und Schmuck gefunden. Was man nicht gefunden hatte, war eine Beschreibung für die Möglichkeiten der Anwendung der Chips.
Eine Bedienungsanleitung.
Bis heute, denn ich war das lebende Beispiel dafür.
Und das einzige.
In meinem Gehirn könnte die Antwort liegen, aber ich lasse niemanden an mich heran. Zwingen können sie mich nicht.
Ich habe schließlich mit dem Weltgerichtshof einen Vergleich geschlossen: Meine Freiheit gegen mein Einverständnis, dass nach meinem Tod der Chip in meinem Gehirn untersucht werden durfte.
Sie haben mir eine beschränkte Freiheit gegeben. Seit dem tragischen Unfall von Halbmond vor zwölf Jahren, bei dem auch ihr Bruder und ihr Vater ums Leben gekommen sind, lebte ich alleine in ihrem Anwesen auf der Insel Kauai, umgeben von einem Bataillon Wachhunde des Weltgerichtshofs. Es soll verhindern, dass jemand an mich herankommt; und auch, dass ich ihnen entwische.
Natürlich ist das lächerlich. Mit meinen Fähigkeiten könnte ich durch ihre Reihen laufen, ohne dass sie mich bemerkten. Aber das will ich nicht. Ich will nirgendwohin. Ich will meinen Frieden haben und darüber nachdenken, welchen Sinn mein Leben noch hat.
Vielleicht komme ich irgendwann einmal zu einem anderen Entschluss, welcher Art auch immer.
Bis dahin gilt der Handel, von dem sie glauben, sie hätten sich einen Vorteil verschafft, indem sie nur auf meinen Tod zu warten brauchen.
Ich bin jetzt 72 Jahre alt, doch mein Geist und Körper haben sich seit dem Tag meiner Rückkehr nicht verändert.
Ich habe für mich beschlossen, nicht mehr zu altern. Wenn ich etwas will, dann bekomme ich das auch. So einfach ist das.
Deswegen warten sie seit zwanzig Jahren vergeblich auf meinen Tod.
Mein Name ist John Nurminen, ich bin Astronaut, und ich war Captain des Raumschiffes "Nostradamus".
1
Das Erste, was ich jeden Morgen nach dem Aufwachen wahrnahm, war die donnernde Brandung vom Strand her. Wahrscheinlich herrschte heute auch noch auflandiger Wind, denn der großflächige Bambuswald in der Nähe des Hauses knarrte eintönig im Rhythmus der rauschenden Böen aus Südosten. In den kurzen Pausen des Windes trieb manchmal der Duft von wildem Ingwer durchs Haus, ganz fein und auch nur andeutungsweise.
Das Zimmer lag noch im fahlen Licht des Morgengrauens; richtig hell würde es erst in ein paar Stunden werden, wenn die Sonne die hohen Berge der Na-Pali-Küste überwunden hatte.
Ein Gecko huschte mit einem leisen Schaben am Fensterrand entlang, auf der Jagd nach Fliegen und Moskitos. Viel Erfolg würde er dabei nicht haben, da die elektronischen Abwehrmechanismen des Hauses die Zimmer weitgehend frei von kleinerem Ungeziefer hielten, aber wie überall in der Natur schafften es auch hier besonders hartnäckige Spezies, in einer für sie unwirtlichen Umgebung zu überleben.
Ich setzte mich auf, nahm das Kopfkissen hinter meinen Rücken und lehnte mich an die Wand. Von dieser Position aus blickte ich jeden Morgen durch die großzügige Fensterwand hinaus in den türkisblauen Himmel, der auch heute wieder von kleinen Wolken durchsetzt war. Ein wirklich klarer blauer Himmel kam auf den Inseln von Hawaii nicht vor, dazu war die Luftfeuchtigkeit zu hoch.
Mein Blickfeld wurde von dem überhängenden Dach begrenzt, das mit einem eleganten Schwung über den breiten Balkon ragte. Rechts und links wippten einige Palmenblätter in der Brise und hauchten dem statischen Rechteck der Fensterfront mit ihrem dunklen Grün etwas Leben ein.
Ein ruhiges und stimmungsvolles Bild. Eigentlich genau die richtige Grundlage für einen neuen Tag. Unglücklicherweise war für mich der Beginn eines neuen Tages seit Jahren immer der gleiche. Ich lebte und bewegte mich in einem Haus und an einem Strand, der zu den schönsten der Welt gehörte. Das war meine Welt. Mehr wurde mir nicht zugestanden, und mehr gestand auch ich mir nicht zu. Ich wusste, keine hundert Meter weiter, hinter dem mit allen technischen Mitteln ausgestatteten Ring meiner Bewacher, würden Gefahren auf mich lauern. Ich spürte ihre Allgegenwärtigkeit, so wie ich alles um mich herum spürte. Die Gedanken meiner Aufpasser, das elektronische Zirpen ihrer Überwachungsgeräte, das Arbeiten von Motoren, das Auftreffen der Photonen von Infrarotbündeln und das Sirren von mikroskopisch kleinen Optiken. So wie ich das Atmen der Pflanzen, die Macht des Meeres und die Trägheit der Atmosphäre wahrnahm. Mein Bewusstsein war um die unvorstellbare Zahl Googol gewachsen.
Es war für mich ein großes Problem, mit dieser unvergleichlichen Fülle von Macht umzugehen. Jeden Tag jedoch vergrößerte sich meine Bereitschaft, einen weiteren Schritt hinaus in das Universum der Möglichkeiten zu wagen. Irgendwann würden meine Fähigkeiten tatsächlich auf einem Stand angekommen sein, den die Menschen in meiner Umgebung jetzt schon fürchteten.
Aber noch war es nicht so weit.
Langsam und mit bedachten Bewegungen stand ich auf und verließ mein Bett. In der zentralen Wachstation drüben am Abhang würde es jetzt lebhaft werden. Winzige Kameras und Sensoren übertrugen meine morgendlichen Aktivitäten auf ihre Überwachungs-Sheets und ließen die Adrenalinspiegel meiner Wächter ansteigen. Dabei wussten sie nicht, dass ich die Nanomaschinen im Haus und in meiner unmittelbaren Nähe ganz bewusst duldete. Es wäre für mich ein Leichtes gewesen, sie unbrauchbar zu machen und die Techniker damit vor ein Rätsel zu stellen, aber ich ließ sie in dem überheblichen Glauben, mich vollständig kontrollieren zu können. Viel konnten sie sowieso nicht von mir erfahren. Sie konnten zusehen, wie ich mich unter die Dusche stellte, wie ich mich ankleidete und mir das Essen bereitete. Das war alles. Sie mussten zufrieden sein mit den Dingen des Alltags. Mir konnte das nur recht sein.
In meinen Kopf konnten sie nicht hineinsehen. Nicht, dass sie es nicht schon probiert hatten. Vor Jahren schon hatten sie versucht, heimlich eine komplette Analysestation von Molekulargröße in meinem Körper zu installieren, aber das war mir dann doch zu weit gegangen. Ich hatte die Station zerstört, bevor sie auch nur in die Nähe irgendeiner meiner Körperöffnungen gekommen war. Seitdem war kein neuer Versuch mehr gestartet worden, denn das Vorhaben war im Grunde genommen eine grobe Verletzung unserer Übereinkunft, mich in Ruhe zu lassen. Trotzdem wusste ich aus den Gedanken der anwesenden Wissenschaftler, wie sehr sie sich mit den Gründen ihres Scheiterns beschäftigten. Ihre neueste Theorie kam der Wahrheit recht nahe. Sie hatten die These aufgestellt, dass ich in der Lage war, eine Art Schutzschild um mich herum zu errichten, der alle Angriffe auf molekularer Basis abwehrte. Bisher war es nur eine These, von der sie sich am liebsten wieder getrennt hätten, denn eine Bestätigung würde der latenten Furcht vor mir eine ganz neue Dimension geben.
Bis heute glauben sie fälschlicherweise, ein breites silbernes Band um meinen Kopf könnte alle meine mentalen Fähigkeiten eindämmen. Es war damals ein Teil unserer Abmachung gewesen, dass ich diesen lächerlichen Kopfschmuck ständig tragen sollte. Schon vor unserer Expedition zu der riesigen Pyramide war den Wissenschaftlern die den Chip neutralisierende Wirkung von Silber bekannt gewesen. Sie hatten aber keine Ahnung, welche ungeheueren Eigenschaften der Chip in Verbindung mit einem menschlichen Gehirn entfaltete. Während des Prozesses am Weltgerichtshof untersuchten sie die Ströme meines Gehirns und stellten dabei fest, dass eine gewisse Menge von Silber meine Fähigkeiten angeblich vollkommen zum Erliegen brachte. Natürlich hatte ich während der Messungen die Ergebnisse beeinflusst und dementsprechend verändert. Das Stirnband war also das, wonach es aussah: eine Lächerlichkeit. Mir machte das Tragen nichts aus, ganz im Gegenteil, es verlieh mir etwas Mystisches. Über Jahre hinweg beherrschten Fotos von mir mit dem silbernen Band die Titelseiten der Gazetten und Nachrichtensendungen der zahlreichen Channels.
Nurminen, das gezähmte Gedankenmonster.
Lachhaft, aber für mich mehr als nur dienlich. Ich konnte unbehelligt meine Fähigkeiten erforschen und ausbauen.
Und der Rest der Menschheit konnte ruhig schlafen.
Ganz nebenbei hatte ich meinen Spaß damit. Meine Person wurde zum Comic-Helden degradiert. Der zahnlose alte Häuptling der Raumfahrt mit dem silbernen Stirnband und den langen blonden Haaren. Ich war weder zahnlos noch alt, höchstens nach Jahren. Mein Aussehen hatte sich seit zwei Jahrzehnten nicht geändert, aber das mit den Haaren stimmte: Ich ließ sie wild wuchern und trug sie schulterlang.
Mein unverändertes Äußeres wurde hauptsächlich meinem Müßiggang auf der pazifischen Insel zugeschrieben. Und nachdem man von mir in all den Jahren keine Aufsehen erregenden Geschichten mehr gehört hatte, verzichtete man im Laufe der Zeit auch auf Überlegungen, das Band durch eine Transplantation an meinem Kopf so zu befestigen, dass ich es nicht mehr abnehmen konnte.
Manchmal konnte ich es jedoch nicht unterlassen, ein wenig Unruhe zu produzieren. Jedes von mir nur angedeutete Zupfen an dem Band oder ein nebensächliches Geraderücken ließ meine Umgebung den Atem anhalten.
Ich sollte so etwas unterlassen, denn mittlerweile gab es schon ernsthafte Zweifel, ob ich überhaupt über außerordentliche Fähigkeiten verfügte und ob mein luxuriöser Aufenthalt auf Kauai die Kosten rechtfertigte. Ich sollte diesen Status nicht gefährden; allerdings waren manche dieser kleineren Aktionen nötig, um ihn auf jeden Fall aufrechtzuerhalten, denn nur hier hatte ich die nötige Ruhe für die Weiterentwicklung meines Bewusstseins.
Ich nahm ein ausgedehntes Frühstück auf dem Balkon ein. Um mich herum auf der Brüstung saß eine Abordnung von mehreren roten Kardinalvögeln, die wie jeden Morgen auf ihren Anteil warteten. Ab und zu wagte einer von ihnen einen ungeduldigen Vorstoß und holte mit flatternden Flügeln eine kleine Brotkrume vom Tisch.
Übrigens wurde die alltägliche Frühstücksszene mit den Vögeln vor einiger Zeit sogar zum Bild des Jahrzehnts gewählt. Einer meiner Wächter hatte im richtigen Moment auf den Auslöser gedrückt und eine Szene mit vier oder fünf fliegenden Kardinalvögeln eingefangen, während ich mit meiner altmodischen Brille vor den Augen in die Lektüre einer Tageszeitung auf einem Video-Sheet vertieft war.
Nebenbei: Bis heute hatte ich mich einer Korrektur meiner Sehschärfe verweigert. Wozu auch? Außerdem verstärkte die Brille den Eindruck meiner Harmlosigkeit.
Auch heute blätterte ich das Sheet nach den neuesten Nachrichten durch. Vergeblich, wie immer in den letzten Jahren. Es gab keine Nachrichten mehr, jedenfalls nicht in der Form, wie ich sie von früher her gewohnt war. Die unabhängige Berichterstattung war den gesteuerten News der Konzernkomplexe zum Opfer gefallen, und diese konnte man allenfalls als geschönt und verlogen bezeichnen. Wer in der heutigen Zeit nach authentischen Nachrichten suchte, musste sie sich mühsam und zeitaufwendig aus allen möglichen Medien zusammensuchen und anschließend die Wahrheit in detektivischer Kleinarbeit herausfiltern.
Nach dem Zusammenbruch der Ländergrenzen in den frühen fünfziger Jahren hatten die Komplexe die sozialen und administrativen Aufgaben übergangslos und auch erfolgreich in die Hand genommen. Mit der wachsenden Ausbreitung der globalen Multikomplexe traten jedoch die ersten Schwierigkeiten auf. Die Menschen wurden unsicher. Niemand konnte heute mit Sicherheit sagen, ob er morgen noch seiner gewohnten Arbeit nachgehen würde. Die Farben an seinem Overall konnten morgen schon durch das Logo einer anderen Gesellschaft ersetzt werden. Oder übermorgen durch das Wappen einer hierarchischen Gruppe, die mehr Stabilität in Aussicht stellte.
Die Zukunft war abhanden gekommen.
Gleichzeitig herrschte durch den rapiden Bevölkerungsrückgang ein Mangel an gut ausgebildeten Arbeitskräften. Die Komplexe machten sich gegenseitig die Facharbeiter mit übertriebenen Versprechungen abspenstig, lockten mit besten Konditionen und versprachen Paradiese. In den Angeboten verwandelten sich Produktionsausfälle in 'wertvolle Freizeit', unzulängliche Arbeitsbedingungen in 'flexible Anforderungen', Konkurse in 'Neuanfänge'. Erfolg blieb natürlich Erfolg, mutierte jedoch prahlerisch zu 'unvergleichlichen Gewinnen' oder zur 'gigantischen Steigerung des Potenzials'.
Parallel zu den verzerrten Wertigkeiten tauchten Veränderungen in den Bezeichnungen für den Zustand der Welt auf. Katastrophen verniedlichte man zu 'behebbaren und kurzfristigen Störungen', Unfälle zu 'günstig auswertbaren Missgeschicken', Unwetter zu 'willkommenen Abwechslungen im täglichen Ablauf'.
Heute ist der 10. September 2072.
Vor zwanzig Jahren sind wir aus den Tiefen des Sonnensystems zur Erde zurückgekehrt. Von irgendwo oberhalb der Ekliptik zwischen Mars und Jupiter. Fünf Jahre hatte die Reise gedauert. Fünf Jahre voller Entbehrungen und Unsicherheit, angefüllt mit Wut und Enttäuschung. Unsere Gefühle richteten sich gegen jene, die uns im Stich gelassen hatten. Gegen den Konzern und diejenigen, die nur ihre eigenen Vorteile vor Augen hatten.
Unnötige und überflüssige Empfindungen, denn der Konzern existierte nicht mehr. Wir konnten niemanden für unsere Leiden zur Rechenschaft ziehen. Keiner war bei unserer Ankunft noch verantwortlich für eine Mission, die uns in die Nähe des Unfassbaren geführt hatte.
Auf der Erde war niemand mehr zuständig für dieses Desaster. Alle waren unschuldig, sofern man überhaupt von einer Schuld sprechen konnte. Ganz im Gegenteil, wir waren die Schuldigen. Schuldig am Tod von fünf Besatzungsmitgliedern, schuldig im Sinne der missbräuchlichen Nutzung eines uns anvertrauten Raumschiffes, wegen Befehlsverweigerung, wegen Meuterei und unerlaubten eigenständigen Vorgehens. Wegen bewusster Vorenthaltung von Menschen und Material.
So jedenfalls stand es in der Anklageschrift der rechtmäßigen Übernahmegesellschaften, der Nachfolger von Space Cargo - eines Konzerns, den es nicht mehr gab.
Der Musterprozess zog sich nach unserer Rückkehr über weitere drei Jahre hin. Ausgeklammert waren die bis dahin anstehenden zivilrechtlichen Verfahren. Die Angehörigen der toten Besatzungsmitglieder warteten den Schuldspruch der obersten Raumfahrtbehörde ab und sondierten in der Zwischenzeit die Angebote von hochrangigen und Erfolg versprechenden Anwälten.
Nach endlosen Winkelzügen durch bestehendes internationales Recht und nach massiver Missachtung des Menschenrechts wurde schließlich eine Kommission eingesetzt, ein Gremium aus hoch gestellten Persönlichkeiten, das dem schmählichen Prozess ein Ende setzen sollte. Ehrwürdige Personen der Weltöffentlichkeit, Vertreter aller Religionen, ehemalige und damit unabhängige Konzernchefs und einige wenige einflussreiche Politiker bildeten einen neu geschaffenen Rat. Erstmalig in der Geschichte der Menschheit sollte eine unabhängige Kommission über das Schicksal von einzelnen Menschen entscheiden. Ein so genannter Weltgerichtshof wurde erschaffen.
Der Weltöffentlichkeit wurde über Jahre hinweg ein Scheinprozess vorgeführt, eine Farce, für die es keine Grundlagen gab.
Nach drei Jahren wurden wenigstens meine Gefährten in die Freiheit entlassen, denn als Befehlsempfänger trugen sie keine Mitschuld.
Ich war der einzige Schuldige und damit die Grundlage für das Verfahren.
Ich, im Sinne von meiner Person, die sich im Laufe unserer Mission unfreiwillig in ein Monster verwandelt hatte. In ein Monster, das die Menschheit nicht einschätzen konnte. Noch nicht einmal ich selbst hatte eine Vorstellung davon, was mit mir geschehen war.
Über welche Fähigkeiten ich verfügte.
Sie hatten Angst vor mir. Verständlich, und wenn ich ehrlich war, hatte selbst ich Angst vor mir.
Am 14. August des Jahres 2045 waren wir mit dem Experimentalschiff Nostradamus zu einem Schwarm riesiger weißer Pyramiden aufgebrochen, die zwischen den Umlaufbahnen von Mars und Jupiter in das Sonnensystem eingeflogen waren. Nach einer langen und ereignisreichen Reise gelang es dreien von uns - Appalong, Halbmond und mir -, in eine der Pyramiden einzudringen. Letztendlich konnten wir das Rätsel nicht vollständig lösen, nur insoweit, dass es sich bei den Pyramiden um ein gewaltiges Archiv handelte. Ein Archiv, das die gesamte Geschichte und damit die Entwicklung unseres Sonnensystems beinhaltete. Wir hätten die Aufzeichnungen ohne Schwierigkeiten in unseren Besitz bringen können. Wir haben es nicht getan, weil wir der Meinung waren, dass die Menschheit nicht reif genug für die Wahrheit ist. Dass sie nicht mit den wahrheitsgetreuen Darstellungen der Geschichte unseres Planeten umgehen kann. Rückblickend gesehen haben wir vielleicht einen Fehler begangen, vielleicht aber auch nicht.
Appalong ist in der Pyramide zurückgeblieben, er wollte alle Wahrheiten erfahren. Keiner weiß, was mit ihm geschehen ist. Nachdem Halbmond und mir die Flucht aus der Pyramide gelungen war, verschwanden alle Artefakte aus dem Sonnensystem.
Zuvor hatte eine mir unbekannte Macht einen Chip in meinem Gehirn installiert, der mir Möglichkeiten eröffnete, die weit über jede menschliche Vorstellungskraft hinausgingen.
Mit der Macht des Chips war ich in der Lage, meine Umgebung zu verändern. Ich konnte die Dimensionen kraft meiner Gedanken beeinflussen, konnte die Gedanken und Empfindungen anderer Wesen lesen oder spüren, konnte in die Vergangenheit und in die Zukunft sehen. Der Chip verstärkte meine Wünsche in ungeheurem Maße, wirkte wie eine Steuereinheit auf die Bauteile des Lebens.
Ich war ein Gott geworden.
Oder einem Gott gleich.
Doch dadurch wurde mir eine Last aufgebürdet, mit der ich nichts anzufangen wusste. Mein begrenztes menschliches Bewusstsein hatte sich um einen dunklen Ozean erweitert, an dessen Strand ich im Schein einer Fackel saß und mich nicht traute, auch nur ein Sandkörnchen durch meine Hände rieseln zu lassen. Geschweige denn, mich den Fluten auch nur zu nähern. Ich wusste nicht, welche Gefahren dort draußen auf den Meeren und in den Tiefen lauerten, obwohl ich spürte, dass es ein Leichtes für mich gewesen wäre, die Massen des Wassers zu Bergen zu türmen, Vulkane entstehen zu lassen oder gar Planeten zu bewegen.
Das Universum neu zu gestalten.
Die Verantwortlichen für meine Verurteilung ahnten nicht einmal annähernd, über welche Fähigkeiten ich nun verfügte, aber sie hatten aus den Berichten der Mission entnommen, was mit mir in der riesigen weißen Pyramide geschehen war. Verständlich, dass sie an dem Chip in meinem Gehirn sehr interessiert waren. Viele waren mehr als nur sehr interessiert daran, was der Chip bewirken konnte.
Durch eine geheimnisvolle Kohäsionskraft zusammengehalten, bildete eine Anzahl von Chips biegsame kleine rote Steinchen, die man problemlos auseinander brechen und wieder zusammenfügen konnte.
Den alten Ägyptern mussten diese Steinchen bereits bekannt gewesen sein, denn man hatte sie in Gräbern als Beigabe und Schmuck gefunden. Was man nicht gefunden hatte, war eine Beschreibung für die Möglichkeiten der Anwendung der Chips.
Eine Bedienungsanleitung.
Bis heute, denn ich war das lebende Beispiel dafür.
Und das einzige.
In meinem Gehirn könnte die Antwort liegen, aber ich lasse niemanden an mich heran. Zwingen können sie mich nicht.
Ich habe schließlich mit dem Weltgerichtshof einen Vergleich geschlossen: Meine Freiheit gegen mein Einverständnis, dass nach meinem Tod der Chip in meinem Gehirn untersucht werden durfte.
Sie haben mir eine beschränkte Freiheit gegeben. Seit dem tragischen Unfall von Halbmond vor zwölf Jahren, bei dem auch ihr Bruder und ihr Vater ums Leben gekommen sind, lebte ich alleine in ihrem Anwesen auf der Insel Kauai, umgeben von einem Bataillon Wachhunde des Weltgerichtshofs. Es soll verhindern, dass jemand an mich herankommt; und auch, dass ich ihnen entwische.
Natürlich ist das lächerlich. Mit meinen Fähigkeiten könnte ich durch ihre Reihen laufen, ohne dass sie mich bemerkten. Aber das will ich nicht. Ich will nirgendwohin. Ich will meinen Frieden haben und darüber nachdenken, welchen Sinn mein Leben noch hat.
Vielleicht komme ich irgendwann einmal zu einem anderen Entschluss, welcher Art auch immer.
Bis dahin gilt der Handel, von dem sie glauben, sie hätten sich einen Vorteil verschafft, indem sie nur auf meinen Tod zu warten brauchen.
Ich bin jetzt 72 Jahre alt, doch mein Geist und Körper haben sich seit dem Tag meiner Rückkehr nicht verändert.
Ich habe für mich beschlossen, nicht mehr zu altern. Wenn ich etwas will, dann bekomme ich das auch. So einfach ist das.
Deswegen warten sie seit zwanzig Jahren vergeblich auf meinen Tod.
Mein Name ist John Nurminen, ich bin Astronaut, und ich war Captain des Raumschiffes "Nostradamus".
1
Das Erste, was ich jeden Morgen nach dem Aufwachen wahrnahm, war die donnernde Brandung vom Strand her. Wahrscheinlich herrschte heute auch noch auflandiger Wind, denn der großflächige Bambuswald in der Nähe des Hauses knarrte eintönig im Rhythmus der rauschenden Böen aus Südosten. In den kurzen Pausen des Windes trieb manchmal der Duft von wildem Ingwer durchs Haus, ganz fein und auch nur andeutungsweise.
Das Zimmer lag noch im fahlen Licht des Morgengrauens; richtig hell würde es erst in ein paar Stunden werden, wenn die Sonne die hohen Berge der Na-Pali-Küste überwunden hatte.
Ein Gecko huschte mit einem leisen Schaben am Fensterrand entlang, auf der Jagd nach Fliegen und Moskitos. Viel Erfolg würde er dabei nicht haben, da die elektronischen Abwehrmechanismen des Hauses die Zimmer weitgehend frei von kleinerem Ungeziefer hielten, aber wie überall in der Natur schafften es auch hier besonders hartnäckige Spezies, in einer für sie unwirtlichen Umgebung zu überleben.
Ich setzte mich auf, nahm das Kopfkissen hinter meinen Rücken und lehnte mich an die Wand. Von dieser Position aus blickte ich jeden Morgen durch die großzügige Fensterwand hinaus in den türkisblauen Himmel, der auch heute wieder von kleinen Wolken durchsetzt war. Ein wirklich klarer blauer Himmel kam auf den Inseln von Hawaii nicht vor, dazu war die Luftfeuchtigkeit zu hoch.
Mein Blickfeld wurde von dem überhängenden Dach begrenzt, das mit einem eleganten Schwung über den breiten Balkon ragte. Rechts und links wippten einige Palmenblätter in der Brise und hauchten dem statischen Rechteck der Fensterfront mit ihrem dunklen Grün etwas Leben ein.
Ein ruhiges und stimmungsvolles Bild. Eigentlich genau die richtige Grundlage für einen neuen Tag. Unglücklicherweise war für mich der Beginn eines neuen Tages seit Jahren immer der gleiche. Ich lebte und bewegte mich in einem Haus und an einem Strand, der zu den schönsten der Welt gehörte. Das war meine Welt. Mehr wurde mir nicht zugestanden, und mehr gestand auch ich mir nicht zu. Ich wusste, keine hundert Meter weiter, hinter dem mit allen technischen Mitteln ausgestatteten Ring meiner Bewacher, würden Gefahren auf mich lauern. Ich spürte ihre Allgegenwärtigkeit, so wie ich alles um mich herum spürte. Die Gedanken meiner Aufpasser, das elektronische Zirpen ihrer Überwachungsgeräte, das Arbeiten von Motoren, das Auftreffen der Photonen von Infrarotbündeln und das Sirren von mikroskopisch kleinen Optiken. So wie ich das Atmen der Pflanzen, die Macht des Meeres und die Trägheit der Atmosphäre wahrnahm. Mein Bewusstsein war um die unvorstellbare Zahl Googol gewachsen.
Es war für mich ein großes Problem, mit dieser unvergleichlichen Fülle von Macht umzugehen. Jeden Tag jedoch vergrößerte sich meine Bereitschaft, einen weiteren Schritt hinaus in das Universum der Möglichkeiten zu wagen. Irgendwann würden meine Fähigkeiten tatsächlich auf einem Stand angekommen sein, den die Menschen in meiner Umgebung jetzt schon fürchteten.
Aber noch war es nicht so weit.
Langsam und mit bedachten Bewegungen stand ich auf und verließ mein Bett. In der zentralen Wachstation drüben am Abhang würde es jetzt lebhaft werden. Winzige Kameras und Sensoren übertrugen meine morgendlichen Aktivitäten auf ihre Überwachungs-Sheets und ließen die Adrenalinspiegel meiner Wächter ansteigen. Dabei wussten sie nicht, dass ich die Nanomaschinen im Haus und in meiner unmittelbaren Nähe ganz bewusst duldete. Es wäre für mich ein Leichtes gewesen, sie unbrauchbar zu machen und die Techniker damit vor ein Rätsel zu stellen, aber ich ließ sie in dem überheblichen Glauben, mich vollständig kontrollieren zu können. Viel konnten sie sowieso nicht von mir erfahren. Sie konnten zusehen, wie ich mich unter die Dusche stellte, wie ich mich ankleidete und mir das Essen bereitete. Das war alles. Sie mussten zufrieden sein mit den Dingen des Alltags. Mir konnte das nur recht sein.
In meinen Kopf konnten sie nicht hineinsehen. Nicht, dass sie es nicht schon probiert hatten. Vor Jahren schon hatten sie versucht, heimlich eine komplette Analysestation von Molekulargröße in meinem Körper zu installieren, aber das war mir dann doch zu weit gegangen. Ich hatte die Station zerstört, bevor sie auch nur in die Nähe irgendeiner meiner Körperöffnungen gekommen war. Seitdem war kein neuer Versuch mehr gestartet worden, denn das Vorhaben war im Grunde genommen eine grobe Verletzung unserer Übereinkunft, mich in Ruhe zu lassen. Trotzdem wusste ich aus den Gedanken der anwesenden Wissenschaftler, wie sehr sie sich mit den Gründen ihres Scheiterns beschäftigten. Ihre neueste Theorie kam der Wahrheit recht nahe. Sie hatten die These aufgestellt, dass ich in der Lage war, eine Art Schutzschild um mich herum zu errichten, der alle Angriffe auf molekularer Basis abwehrte. Bisher war es nur eine These, von der sie sich am liebsten wieder getrennt hätten, denn eine Bestätigung würde der latenten Furcht vor mir eine ganz neue Dimension geben.
Bis heute glauben sie fälschlicherweise, ein breites silbernes Band um meinen Kopf könnte alle meine mentalen Fähigkeiten eindämmen. Es war damals ein Teil unserer Abmachung gewesen, dass ich diesen lächerlichen Kopfschmuck ständig tragen sollte. Schon vor unserer Expedition zu der riesigen Pyramide war den Wissenschaftlern die den Chip neutralisierende Wirkung von Silber bekannt gewesen. Sie hatten aber keine Ahnung, welche ungeheueren Eigenschaften der Chip in Verbindung mit einem menschlichen Gehirn entfaltete. Während des Prozesses am Weltgerichtshof untersuchten sie die Ströme meines Gehirns und stellten dabei fest, dass eine gewisse Menge von Silber meine Fähigkeiten angeblich vollkommen zum Erliegen brachte. Natürlich hatte ich während der Messungen die Ergebnisse beeinflusst und dementsprechend verändert. Das Stirnband war also das, wonach es aussah: eine Lächerlichkeit. Mir machte das Tragen nichts aus, ganz im Gegenteil, es verlieh mir etwas Mystisches. Über Jahre hinweg beherrschten Fotos von mir mit dem silbernen Band die Titelseiten der Gazetten und Nachrichtensendungen der zahlreichen Channels.
Nurminen, das gezähmte Gedankenmonster.
Lachhaft, aber für mich mehr als nur dienlich. Ich konnte unbehelligt meine Fähigkeiten erforschen und ausbauen.
Und der Rest der Menschheit konnte ruhig schlafen.
Ganz nebenbei hatte ich meinen Spaß damit. Meine Person wurde zum Comic-Helden degradiert. Der zahnlose alte Häuptling der Raumfahrt mit dem silbernen Stirnband und den langen blonden Haaren. Ich war weder zahnlos noch alt, höchstens nach Jahren. Mein Aussehen hatte sich seit zwei Jahrzehnten nicht geändert, aber das mit den Haaren stimmte: Ich ließ sie wild wuchern und trug sie schulterlang.
Mein unverändertes Äußeres wurde hauptsächlich meinem Müßiggang auf der pazifischen Insel zugeschrieben. Und nachdem man von mir in all den Jahren keine Aufsehen erregenden Geschichten mehr gehört hatte, verzichtete man im Laufe der Zeit auch auf Überlegungen, das Band durch eine Transplantation an meinem Kopf so zu befestigen, dass ich es nicht mehr abnehmen konnte.
Manchmal konnte ich es jedoch nicht unterlassen, ein wenig Unruhe zu produzieren. Jedes von mir nur angedeutete Zupfen an dem Band oder ein nebensächliches Geraderücken ließ meine Umgebung den Atem anhalten.
Ich sollte so etwas unterlassen, denn mittlerweile gab es schon ernsthafte Zweifel, ob ich überhaupt über außerordentliche Fähigkeiten verfügte und ob mein luxuriöser Aufenthalt auf Kauai die Kosten rechtfertigte. Ich sollte diesen Status nicht gefährden; allerdings waren manche dieser kleineren Aktionen nötig, um ihn auf jeden Fall aufrechtzuerhalten, denn nur hier hatte ich die nötige Ruhe für die Weiterentwicklung meines Bewusstseins.
Ich nahm ein ausgedehntes Frühstück auf dem Balkon ein. Um mich herum auf der Brüstung saß eine Abordnung von mehreren roten Kardinalvögeln, die wie jeden Morgen auf ihren Anteil warteten. Ab und zu wagte einer von ihnen einen ungeduldigen Vorstoß und holte mit flatternden Flügeln eine kleine Brotkrume vom Tisch.
Übrigens wurde die alltägliche Frühstücksszene mit den Vögeln vor einiger Zeit sogar zum Bild des Jahrzehnts gewählt. Einer meiner Wächter hatte im richtigen Moment auf den Auslöser gedrückt und eine Szene mit vier oder fünf fliegenden Kardinalvögeln eingefangen, während ich mit meiner altmodischen Brille vor den Augen in die Lektüre einer Tageszeitung auf einem Video-Sheet vertieft war.
Nebenbei: Bis heute hatte ich mich einer Korrektur meiner Sehschärfe verweigert. Wozu auch? Außerdem verstärkte die Brille den Eindruck meiner Harmlosigkeit.
Auch heute blätterte ich das Sheet nach den neuesten Nachrichten durch. Vergeblich, wie immer in den letzten Jahren. Es gab keine Nachrichten mehr, jedenfalls nicht in der Form, wie ich sie von früher her gewohnt war. Die unabhängige Berichterstattung war den gesteuerten News der Konzernkomplexe zum Opfer gefallen, und diese konnte man allenfalls als geschönt und verlogen bezeichnen. Wer in der heutigen Zeit nach authentischen Nachrichten suchte, musste sie sich mühsam und zeitaufwendig aus allen möglichen Medien zusammensuchen und anschließend die Wahrheit in detektivischer Kleinarbeit herausfiltern.
Nach dem Zusammenbruch der Ländergrenzen in den frühen fünfziger Jahren hatten die Komplexe die sozialen und administrativen Aufgaben übergangslos und auch erfolgreich in die Hand genommen. Mit der wachsenden Ausbreitung der globalen Multikomplexe traten jedoch die ersten Schwierigkeiten auf. Die Menschen wurden unsicher. Niemand konnte heute mit Sicherheit sagen, ob er morgen noch seiner gewohnten Arbeit nachgehen würde. Die Farben an seinem Overall konnten morgen schon durch das Logo einer anderen Gesellschaft ersetzt werden. Oder übermorgen durch das Wappen einer hierarchischen Gruppe, die mehr Stabilität in Aussicht stellte.
Die Zukunft war abhanden gekommen.
Gleichzeitig herrschte durch den rapiden Bevölkerungsrückgang ein Mangel an gut ausgebildeten Arbeitskräften. Die Komplexe machten sich gegenseitig die Facharbeiter mit übertriebenen Versprechungen abspenstig, lockten mit besten Konditionen und versprachen Paradiese. In den Angeboten verwandelten sich Produktionsausfälle in 'wertvolle Freizeit', unzulängliche Arbeitsbedingungen in 'flexible Anforderungen', Konkurse in 'Neuanfänge'. Erfolg blieb natürlich Erfolg, mutierte jedoch prahlerisch zu 'unvergleichlichen Gewinnen' oder zur 'gigantischen Steigerung des Potenzials'.
Parallel zu den verzerrten Wertigkeiten tauchten Veränderungen in den Bezeichnungen für den Zustand der Welt auf. Katastrophen verniedlichte man zu 'behebbaren und kurzfristigen Störungen', Unfälle zu 'günstig auswertbaren Missgeschicken', Unwetter zu 'willkommenen Abwechslungen im täglichen Ablauf'.