
Facetten 2020
Literarisches Jahrbuch der Stadt Linz
Erich Klein(Editor)
Bibliothek der Provinz (Publisher)
1st Edition
Published on 7. December 2020
Book
Hardback
280 pages
978-3-99028-974-7 (ISBN)
Description
Dass Corona-Tagebücher zu einem bedeutenden Genre der Literatur würden, durfte schon im Moment ihres Entstehens bezweifelt werden. Der Klon aus Reaktionsgeschwindigkeit sozialer Medien und überstürzter Verbalisierung der persönlichen Isolation führte nur den prekären Zustand der literarischen Öffentlichkeit, der ohnedies kein neuer ist, drastisch vor Augen: Neo-Biedermeier, in dem Autorenlesungen bestenfalls durch Live-Stream ersetzt werden, und die Produktionen aus dem Elfenbeinturm ins heillose Hintertreffen geraten. Der Buchmarkt, den keiner mehr überschaut, läuft ungerührt weiter. Das "Literarische Jahrbuch der Stadt Linz" begnügt sich stattdessen und ohne falsche Bescheidenheit mit jenem Koeffizienten, den einst Hans Magnus Enzensberger festlegte: in keinem Land und in keiner Sprache betrage die Anzahl der Leser von Dichtung seit jeher mehr als zweihundertfünfzig.
Vielleicht war es aber kein Zufall, dass dieses solitär-private Verständnis von Literatur seinen Ursprung in der existenziellen Reaktion auf eine Katastrophe hatte, die seinerzeit alle traditionellen Vorstellungen von Natur, Mensch und Welt erschütterte. Bekanntlich war es das Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755, auf das Voltaire mit seinem "Candide oder der Optimismus" in Form einer Satire auf die beste aller Welten reagierte, an deren Ende eine leidige Empfehlung stand: "Es geht darum, sich um den eigenen Garten zu kümmern!" Die Moderne war erfunden! Ob es tatsächlich das Scheitern der klassischen Fragen nach dem Bösen und dem Unheil in der Welt war, was uns noch immer zu Lesern von Anthologien macht, sei dahingestellt, doch wie anders wäre das Vergnügen bei der Lektüre des "sanften Unmenschen" Stifter, oder die Lust an tragischen Gegenständen angesichts der "fröhlichen Apokalypsen" aller Modernen zu erklären? Heute ließe sich dementsprechend fragen: wer wäre jenseits aller Katastrophendiagnostik mehr berufen, die intime Chronik ihrer Zeit zu verfassen als Autorinnen und Autoren?
Corona fand in die FACETTEN 2020 nur in einigen Fällen und auf rudimentäre Weise Eingang. Schließlich handelt es sich bei der Pandemie nicht nur um einen Unfall, sondern vor allem um einen Zufall unserer Lebenswelt mit nicht vorgesehenen drastischen Folgen. Als Motto über den vierunddreißig Beiträgen der diesjährigen FACETTEN könnte denn auch eines der lakonischen Fragmente von Eva Fischer stehen: "Der Zufall hat immer einen Einfall." Dass die Zeit für substanzielle literarische Reflexion des viralen Ausnahmezustandes noch nicht reif ist, macht der Beitrag der Autorengruppe "Original Linzer Worte" schon im Titel deutlich: "Als wir etwas für die Facetten schreiben wollten, aber dadurch leider Linz und das System zerstört haben." Soweit sollte es noch kommen! Wer sich den Umständen vorsichtiger nähert, gerät wie Karin Peschkas erzählerischer Essay ins Zögern: "Und eine Reise nach Linz. Von wo? Wohin?" Es sind vor allem Fragen, die auch in der großen Prosa-Tirade des Lyrikers Christian Steinbacher überdeutlich werden, der allerdings - allen widrigen Zuständen zum Trotz - jenes ästhetische Grundprinzip auf den Punkt bringt, dem jeder literarische Text, der diesen Namen verdient, zu folgen hat: "Daumenlutschen ist sicher eine Schwachstelle, aber Bohren in der Nase nicht minder." Was sonst noch bleibt ist bis auf Weiteres "Werktag", von dem es in Richard Walls Gedicht heißt: "Apfel rot / Und Morgen blau / Der Tag lüftet seinen Hut. // Pendler stehn im Stau / Gieße mir Tee und Milch / In die Tasse. // Und warte / Bis des Nachbars Hofhund bellt / Und mir das erste Wort einfällt."
(Erich Klein im Vorwort)
Vielleicht war es aber kein Zufall, dass dieses solitär-private Verständnis von Literatur seinen Ursprung in der existenziellen Reaktion auf eine Katastrophe hatte, die seinerzeit alle traditionellen Vorstellungen von Natur, Mensch und Welt erschütterte. Bekanntlich war es das Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755, auf das Voltaire mit seinem "Candide oder der Optimismus" in Form einer Satire auf die beste aller Welten reagierte, an deren Ende eine leidige Empfehlung stand: "Es geht darum, sich um den eigenen Garten zu kümmern!" Die Moderne war erfunden! Ob es tatsächlich das Scheitern der klassischen Fragen nach dem Bösen und dem Unheil in der Welt war, was uns noch immer zu Lesern von Anthologien macht, sei dahingestellt, doch wie anders wäre das Vergnügen bei der Lektüre des "sanften Unmenschen" Stifter, oder die Lust an tragischen Gegenständen angesichts der "fröhlichen Apokalypsen" aller Modernen zu erklären? Heute ließe sich dementsprechend fragen: wer wäre jenseits aller Katastrophendiagnostik mehr berufen, die intime Chronik ihrer Zeit zu verfassen als Autorinnen und Autoren?
Corona fand in die FACETTEN 2020 nur in einigen Fällen und auf rudimentäre Weise Eingang. Schließlich handelt es sich bei der Pandemie nicht nur um einen Unfall, sondern vor allem um einen Zufall unserer Lebenswelt mit nicht vorgesehenen drastischen Folgen. Als Motto über den vierunddreißig Beiträgen der diesjährigen FACETTEN könnte denn auch eines der lakonischen Fragmente von Eva Fischer stehen: "Der Zufall hat immer einen Einfall." Dass die Zeit für substanzielle literarische Reflexion des viralen Ausnahmezustandes noch nicht reif ist, macht der Beitrag der Autorengruppe "Original Linzer Worte" schon im Titel deutlich: "Als wir etwas für die Facetten schreiben wollten, aber dadurch leider Linz und das System zerstört haben." Soweit sollte es noch kommen! Wer sich den Umständen vorsichtiger nähert, gerät wie Karin Peschkas erzählerischer Essay ins Zögern: "Und eine Reise nach Linz. Von wo? Wohin?" Es sind vor allem Fragen, die auch in der großen Prosa-Tirade des Lyrikers Christian Steinbacher überdeutlich werden, der allerdings - allen widrigen Zuständen zum Trotz - jenes ästhetische Grundprinzip auf den Punkt bringt, dem jeder literarische Text, der diesen Namen verdient, zu folgen hat: "Daumenlutschen ist sicher eine Schwachstelle, aber Bohren in der Nase nicht minder." Was sonst noch bleibt ist bis auf Weiteres "Werktag", von dem es in Richard Walls Gedicht heißt: "Apfel rot / Und Morgen blau / Der Tag lüftet seinen Hut. // Pendler stehn im Stau / Gieße mir Tee und Milch / In die Tasse. // Und warte / Bis des Nachbars Hofhund bellt / Und mir das erste Wort einfällt."
(Erich Klein im Vorwort)
More details
Series
2020
Edition
1. Aufl.
Language
German
Place of publication
Weitra
Austria
Edition type
New edition
Illustrations
m. Abb.
Dimensions
Height: 22.5 cm
Width: 14 cm
ISBN-13
978-3-99028-974-7 (9783990289747)
Schweitzer Classification
Persons
Editor
Erich Klein: geboren 1961 in Altenburg/N.Ö., Publizist und Übersetzer, lebt in Wien.
Regelmäßige Beiträge in ORF - Ö1 "Ex libris" und "Diagonal".
Publikationen: "Graue Donau, Schwarzes Meer" (2008, mit C. Reder), "Die Russen in Wien - die Befreiung Österreichs" (1995/2015), "F. Kurrent - Drei Deka Germ" (2020, Hrsg., mit A. Kurz und O. Veichtlbauer).
Übersetzungen aus dem Russischen (Auswahl) von A. Pjatigorskij, D. Prigow, O. Sedakowa, Z. Prilepin und B. Chersonskij.
Auszeichnungen: Staatspreis für Literaturkritik (2013), Preis der Stadt Wien für Publizistik (2013), Würdigungspreis des Landes Niederösterreich (2015).
ISNI: 0000 0001 0902 7101
ISNI: 0000 0001 0902 7101
Contributions
ISNI: 0000 0000 7679 862X
ISNI: 0000 0004 5491 4668
ISNI: 0000 0001 1681 2992
ISNI: 0000 0005 1564 3719
ISNI: 0000 0000 3746 5638
ISNI: 0000 0000 2523 4613
ISNI: 0000 0005 1493 0310
ISNI: 0000 0000 3310 3250
ISNI: 0000 0004 0324 5222
ISNI: 0000 0000 5004 6171
ISNI: 0000 0000 2058 207X
ISNI: 0000 0001 0979 6373
Editorial coordination
Peter Leisch wurde 1957 in Linz geboren und ist promovierter Philosoph. Seine Tätigkeit im städtischen Kulturbereich begann er 1985 als Bibliothekar im Stadtarchiv, seit 1991 betreute er den Fachbereich "Kulturwissenschaften" an der Linzer Volkshochschule. Des weiteren als Koordinator und Redakteur tätig.
ISNI: 0000 0000 4110 2215
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Illustrated by
Robert Oltay: 1961 geboren in Aachen; 1979 Studium an der Hochschule für künstlerische und industrielle Gestaltung, der heutigen Kunstuniversität Linz, Meisterklasse Malerei und Graphik; 1986 Diplom, seitdem freischaffender Maler und Graphiker. 00-12 Präsident der Berufsvereinigung Bildender Künstler Oberösterreich, BVOÖ, (heute Vereinigung Kunstschaffender OÖ). 2020 Auftrag für zwei Wandgemälde in der Lösehalle der Tabakfabrik Linz. Lebt und arbeitet in Linz.
ISNI: 0000 0003 7411 293X
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