Heile Welt
Roman
Walter Kempowski(Author)
btb (Publisher)
Published on 1. July 2000
Book
Paperback/Softback
480 pages
978-3-442-72650-9 (ISBN)
Article exhausted; check for reprint
Description
Ein kleines Heidedorf in den 60er Jahren: Matthias Jänicke, Lehrer und nicht mehr ganz jung, tritt seine erste Stelle an. Das gemächliche Landleben behagt ihm durchaus. Idyllische Impressionen lassen ihn, zumindest eine Zeitlang, an eine heile Welt glauben. Doch der schöne Schein trügt. Schon bald muß er erkennen, daß fast jeder Dorfbewohner etwas zu verbergen hat. Mißgunst und kleine Skandale sind an der Tagesordnung, werden jedoch vor dem Fremden sorgfältig verborgen. Der dörfliche Mikrokosmos widersetzt sich allen Versuchen des Lehrers, in dessen Inneres vorzudringen. So bleibt er der geduldete Beobachter, dessen Alltag zwischen zufälligen Liebeleien, Schulstunden und gelegentlichen Jagdausflügen verrinnt. Dabei käme es für ihn jetzt wirklich darauf an: Es ist bereits sein dritter Anlauf, eine bürgerliche Existenz zu gründen...
More details
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 18.7 cm
Width: 11.8 cm
ISBN-13
978-3-442-72650-9 (9783442726509)
Schweitzer Classification
Other editions
New editions

Person
Author
Walter Kempowski wurde am 29. April 1929 als Sohn eines Reeders in Rostock geboren. Er besuchte dort die Oberschule und wurde gegen Ende des Krieges noch eingezogen. 1948 wurde er aus politischen Gründen von einem sowjetischen Militärtribunal zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Nach acht Jahren im Zuchthaus Bautzen wurde Walter Kempowski entlassen. Er studierte in Göttingen Pädagogik und ging als Lehrer aufs Land. Seit Mitte der sechziger Jahre arbeitete Walter Kempowski planmäßig an der auf neun Bände angelegten "Deutschen Chronik", deren Erscheinen er 1971 mit dem Roman "Tadellöser & Wolff" eröffnete und 1984 mit "Herzlich Willkommen" beschloss. Kempowskis "Deutsche Chronik" ist ein in der deutschen Literatur beispielloses Unternehmen, dem der Autor das mit der "Chronik" korrespondierende zehnbändige "Echolot", für das er höchste internationale Anerkennung erntete, folgen ließ.Walter Kempowski verstarb am 5. Oktober 2007 im Kreise seiner Familie. Er gehört zu den bedeutendsten deutschen Autoren der Nachkriegszeit. Seit 30 Jahren erscheint sein umfangreiches Werk im Knaus Verlag.
Content
An einem kalten Apriltag des Jahres 1961 hielt ein Schienenbus der «Kreuzthaler Kreisbahn AG» auf dem Bahnhof Kreuzthal. Der Wind pfiff über den Bahnsteig, auf dem zwischen zwei Reihen schiefgewachsener Rotdorne in Augenhöhe ein schwarz umrandetes Schild angebracht war: «Kreuzthal». Unter diesem Schild, mit Bindfaden festgebunden, hing ein Stück Pappe: «Achtung! Frisch gestrichen!» Ein junger Mann stieg aus dem Schienenbus - linke Hand am linken Griff -, er faßte den sich aufblähenden Staubmantel mit der rechten und guckte sich um, «leicht amüsiert»: was das für ein Nest ist, in dem er hier gelandet ist .«Beim Deibel auf der Rinn bin ich», dachte er und zog seinen Koffer aus dem Bus. Aber das war es ja, was er gewollt hatte: alles hinter sich lassen und ganz neu anfangen. Es mit Kindern zu tun kriegen, auf einem Dorf, das würde ihm guttun nach den Enttäuschungen seines Lebens. Je verrotteter die Schule sein würde, an die man ihn versetzte, um so besser würden sich seine kleinen Talente entfalten können.Matthias Jänicke hieß er, und der Name hatte ihm schon viel Verdruß bereitet. «Jänicke?» fragten die Leute. «Ohne h, aber mit ck.»«Ja, aber wie denn nu?» wurde dann gesagt.Es war auch schon geschehen, daß man ihn «Jähnisch» genannt hatte. Die Abkunft des Namens von «Jahn» riß vieles wieder heraus.Das kleine freundliche Bahnhofsgebäude mit Rotdornallee hatte ein Bremer Architekt entwerfen und bauen dürfen, ein Vertreter des Jugendstils, obwohl der ortsansässige Maurermeister das genauso gut hingekriegt hätte, wie immer wieder gesagt wurde. Der Schankraum des Bahnhofs war die Oase von Landarbeitern, die sich in den Kreuzthaler Gasthöfen nicht so gern vollaufen ließen. Hier draußen waren sie weit vom Schuß. Er war mit Stirb-und-werde-Möbeln ausgestattet worden und mit einem von Hand gemalten Heidebild an der Wand. Der Lagerschuppen des Bahnhofsgebäudes war mit grünen Schiebetüren versehen. Hier hatte schon mal ein Sarg gestanden, die Leute erinnerten sich noch daran. Und hier war 1944 ein unrasierter Mann aufbewahrt worden, der in das Moorlager Emsthal überstellt werden sollte. Auch das wußten die Leute noch. Das war damals nicht recht gewesen, das hätte nicht sein dürfen, aber man hatte es nicht verhindern können.Unter dem stuckverzierten Giebel des kleinen Bahnhofs war ein Spruch angebracht, von gleicher Hand entworfen wie das M und F der Klos:Wie de Tied, so ändern sick de Lüd!Vor dem kleinen Bahnhof stand ein Dieselölfaß, mit Schlauch und Plastiktrichter. Aus diesem Faß wurde, wenn nötig, der Schienenbus betankt, mit Handpumpe, zick-zack. Ein schwarzglänzender Ölschatten hatte sich auf dem Schotter rundherum gebildet: für Archäologen in fernen Zeiten ein sicheres Indiz dafür, daß hier einmal Menschen gewohnt hatten. Neben der Schlachtviehrampe war ein Lkw-Anhänger abgestellt, beladen mit ineinandergeschobenen grünen Heuwendern, nagelneu, für den örtlichen Landhandel bestimmt, ein Rätsel, wieso sie nicht längst abgeholt worden waren und verkauft. Einmal in Gebrauch genommen, würden sie schnell ihr festliches Aussehen verlieren. Ein einziges Mal den Acker hoch und runter - aus ist es mit der Herrlichkeit. Matthias ging nach vorn zum Schaffner. Der schnallte ihm das Fahrrad ab, das draußen am «Molly» hing, und dann notierte er es auf einem Schreibbrett, daß er das getan hat, das Rad abschnallen und dem Einlieferer aushändigen. Ein neues Rad war das, Marke Herkules, mit Packtaschen am Gepäckträger, die Lederschnallen noch steif. Viergangschaltung und ein Kilometerzähler, den man mit der Hand auf Null drehen konnte.Es war auch eine junge Frau ausgestiegen, in hellem Tuchmantel, das Kleid darunter schwarz. Sie wirkte hier fremd, aber sie kannte sich aus, denn sie ging geradewegs auf ein kleines Auto zu, das neben der Viehrampe abgestellt war, einen FIAT 500, mit Püppchen am Rückspiegel. - Eine randlose Brille trug sie, und sie wirkte etwas unbeholfen wegen dieser Brille, aber doch auch lustig. Das kam wohl von ihrem kurz gekräuselten Haar. Durch den Rückspiegel betrachtete sie den jungen Mann, der zu ihr herüberguckte. Dann bleckte sie die Zähne in den Spiegel hinein, ob die noch einigermaßen in Ordnung sind, und fuhr davon.Nun kam der Stationsvorsteher geschritten, der hatte einen schönen Schnurrbart. Er grüßte den Zugschaffner, den er jeden Tag viermal zu sehen kriegte, zweimal auf der Hintour und zweimal auf der Rücktour, und blickte gemeinsam mit ihm hinter dem jungen Mann her, der da mit seinem Mantel kämpfte; dann legte er die Weiche um. Er spuckte zwischen die Gleise und gab die Ausfahrt frei. Der Molly blies eine blaue Wolke hintenraus und gab ein quietschendes Signal von sich und legte sich in die Kurve. Biöööt! Zwischen einem Wall von Holunderbüschen, Weißdorn und Hundsrose zockelte er dahin, 40 km/h - ein Karnickel sprang hohlkreuzig-turnerisch über die Gleise.Eine kräftige Frau trat aus dem Bahnhofsgebäude und goß einen Eimer Wasser auf die Treppe - die Hühner flatterten zur Seite - und schrubbte die Stufen. Das verursachte ein angenehm resches Geräusch. Als der junge Mann vorüberging, mit Fahrrad und Koffer, hielt sie einen Moment inne.Wie de Tied, so ännern sick de Lüd: Hier war schon so mancher Fremde angekommen und bald wieder abgereist. 2 Matthias radelte durch eine kopfsteingepflasterte Allee von arg beschnittenen Linden in die Kleinstadt hinein, an Villen aus den dreißiger Jahren vorüber, mit Gärten, in denen der Mai sich bereits ankündigte; die Ziersträucher lagen schon auf dem Sprung, endlich wieder voll loszulegen. Das Rad schepperte, obwohl Matthias im Rinnstein fuhr, abgefedert durch braune Knospenkapseln: links und rechts die zum Strunk beschnittenen Linden, jetzt ließen sie das erste junge Grün schlaff heraushängen. Leider mußte Matthias es im Vorüberfahren mit ansehen, daß in dieser stillen Straße eine Katze langgestreckt hinter einer schon beschädigten, quiekenden Maus herlief. Ein Schatten lief über sein Gesicht: Was würde er unternehmen können, wenn er die Kinder nicht «in den Griff» bekäme? Wenn sie weiterredeten, anstatt aufzustehen in den Bänken, wenn er die Klasse betritt, und ihn zu grüßen? Wenn sie also nichts dergleichen täten? Von einem solchen Fall war im Seminar bei Petersen nicht die Rede gewesen. Disziplinarmaßnahmen - gab es die?Menschen ließen sich hier nicht blicken. In dieser Straße wohnten Ärzte, wie an den Approbationsschildern zu sehen war, und die waren zu Ostern nach Oberbayern geeilt, die Skier auf das Dach ihres Mercedes geschnallt. Mit rasselnden Spikesreifen, die den Autobahnen natürlich überhaupt nicht schadeten, fuhren sie durch deutsche Lande, dem sogenannten Ferienziel entgegen.Zu dieser Tageszeit schwebten diese Leute wahrscheinlich zünftig vermummt im Skilift den Hang hinauf und sausten ihn traumhaft wieder hinunter, Stemmbogen links, Stemmbogen rechts, um erneut hinaufzuschweben und wieder hinunterzusausen. Dem Leben lebenswerte Seiten abgewinnen! den Körper auslasten! die Lungen sich weiten lassen in frischer bayerischer Winterluft! Schau, das Lieschen hält auch schon mit! Abends würden sie natürlich essen gehen, in die «Traube», wo 1937 ein Ufa-Film gedreht worden war, «Firnelicht», und wo es Haxen zu essen gab wie sonst nirgendwo.Matthias würde niemals mit rasselnden Spikesreifen zum Skilaufen in den Süden fahren, das war ihm klar. Aber das, was er jetzt vor sich hatte, war auch nicht zu verachten: eine Dorfschulmeisterexistenz auf dem Lande, ein Häuschen und ein Garten?In der Bahnhofsallee hatten die Haubitzen der Engländer gestanden, 1945, fünf Schuß hatten sie abgegeben, und dann war schon der Parlamentär um die Ecke gekommen: Friseur Hacker, ein aufrechter Sozialdemokrat, der keinen Dreck am Stecken hatte, sondern ganz im Gegenteil: fünf Wochen bei der Gestapo gesessen. Ein Händedruck war ihm von den Engländern verweigert worden.Einer der fünf Schüsse hatte die Klosterscheune in Brand gesetzt, aber die Kirche, gleich daneben, war unbeschädigt geblieben, dieses Kleinod mittelalterlichen Bauens! Die Seele war der Stadt erhalten geblieben. Hier wurde weiterhin getauft, konfirmiert und geheiratet. Und der Pfarrer guckt aus dem Fenster und sagt: «Wo bleibt bloß meine Frau?» Die Allee mündete mit einem Knick in die Hauptstraße ein - an dieser Stelle, an der noch im vorigen Jahrhundert ein Stadttor gestanden hatte, war von den Nazis damals aus Baumstämmen eine Panzersperre gebaut worden, 1945, als Kreuzthal zur Festung erklärt worden war. Und hier war beim Einmarsch der Engländer Volkssturmmann Grotheer zu Tode gekommen. Nachdem Friseur Hacker die Stadt bereits übergeben hatte, war er noch mal hin und her gerannt - das hatte sich der Feind nicht bieten lassen können.Matthias fuhr an dem Gymnasium vorüber, wegen der Osterferien war es geschlossen. Die leeren Fenster mit je einem Hartblattgewächs auf den Fensterbrettern: Das Lärmen im Treppenhaus und auf den Gängen ist verboten! - Schule stellte Matthias sich anders vor, er dachte an sein Landschulpraktikum, im Weserbergland, an die Schulstube, an den freundlichen alten Lehrer und an die Fliederlaube im Schulgarten, in der die großen Mädchen mit den Kleinen Fibeltexte buchstabierten - das war eine andere Art Schule gewesen als dieses steinerne Lehrinstitut. Er stellte sich die Schule, in der er nun ein neues Leben beginnen sollte, wie die kleine Dorfschule im Weserbergland vor, ein Birnbaum auf dem Hof, die Sprunggrube von Brennesseln überwuchert . Hier würde er «freischaffendes Lernen in offener Behaustheit» praktizieren können, wie es der alte Petersen auf dem Seminar wieder und wieder ausgedrückt hatte: «Vertrauen Sie in die Kinder hinein!»Mit den Kindern durch die Wälder streifen, im Fluß baden und Heu aufstaken . In einem sonnigen Klassenzimmer sitzen, den Globus zwischen den Händen drehen. Warmer Wind bauscht die Vorhänge, Blumen stehen auf dem Tisch.Neben dem Gymnasium befand sich das Kreisschulamt, eine umfangreiche Gründerzeitvilla mit Fachwerkgiebel und einem von dorischen Säulen eingefaßten Portal.Die Polizei saß im Parterre. Ein Steckbriefaushang und ein Plakat:Deutschland dreigeteilt?Niemals! Matthias stellte sein Rad in eine Betonritze und betrat das Behördenhaus. Fünfzehn Uhr - er war angemeldet. Um diese Zeit saß der Schulrat erwartungsvoll hinter seinem Schreibtisch und drehte die Daumen überm Bauch. Er wartete auf Matthias, den zweiten der beiden Lehramtskandidaten, die man ihm zugeteilt hatte. Der andere war gerade gegangen, ein Mensch mit roten Fingern und unentschiedenem Haarschnitt. Ganze zwei Kandidaten für den gesamten Schulaufsichtskreis! Keine Ahnung, wie das noch werden sollte, die Decke war zu knapp! Sieben Planstellen offen und keine Lehrer zu kriegen! - Er drehte sich um und nahm eine Kinderzeichnung von der Wand, den Sputnik darstellend, wie er durch den Weltraum rast, an Sternen und Monden vorüber . eine Krakelei seiner Tochter, die inzwischen schon dem Abitur entgegenstrebte, neulich erst wieder eine Zwei in Französisch. In das Alter der Pampigkeit noch nicht eingeschwenkt. Sie hatte sich auf seinen Schoß gesetzt, ihm die Arme um den Hals geschlungen und «Papschi» gesagt. Ein warmer Sonnenstrahl fuhr in die Klüfte des Schulratgehirns, wenn er an seine Tochter dachte, es schien ihm, als ob das ein ganz besonderes Wesen sei, das ihm der Herrgott anvertraut hatte, auf ungewöhnliche Weise kostbar. In das Pädagogengehirn des Schulrats war der Geist der neuen Zeit bereits eingezogen. So durfte seine Tochter ihn «Egon» nennen - «Papschi», das war zwar nicht mehr zeitgemäß, hielt sich jedoch. - «Papschi ist gestorben», würde es eines Tages heißen. Und in der Zeitung würden sogar zwei Todesanzeigen stehen. Vielleicht sogar drei! Die Familie, die dankbare Lehrerschaft und die Regierung? Wer konnte es denn wissen?Nun zog er die Uhr aus der Tasche: ob der junge Mensch, der hier nun jetzt vereidigt werden soll, wohl pünktlich ist? - Er war es!, und zwar auf die Minute: Es klopfte, und der Schulrat steckte die Uhr in die Westentasche und rief «Herein!», und als der junge Mann, der sein ganzes Leben noch vor sich hatte, eintrat, stand er sogar auf und ging dem kostbaren Lehramtsanwärter offenherzig entgegen. Hier mußte eine Lebensschaukel angestoßen werden, zu hohem und höchstem Schwung! Ein feierlicher Moment, den man sich als Pädagoge bewußtzumachen hatte, und deshalb reichte er ihm auch beide Hände.«Seien Sie herzlich willkommen!»Der Schulrat bot ihm einen Platz auf einem Korbstuhl der behelfsmäßigen Einrichtung an - «Wir sind die billigste Ein-Mann-Behörde der Bun'srepublik!» -, setzte sich hinter seinen Schreibtisch und fragte den Neuling über das Schreibgeschirr hinweg nach Namen und Herkunft, obwohl er dessen Lebensdaten doch vor sich liegen hatte. Es interessierte ihn, ob dieser junge Mensch wohl wußte, woher sich dessen Name leite? Ohne h, aber mit ck?Matthias reproduzierte seine Familienstory, und die nahm sich vorteilhaft aus, auch wenn darin viel von der Ostzone die Rede war.Ostzone? In der Ostzone kannte sich der Schulrat aus, als Primaner hatte er eine Klassenfahrt auf die Insel Hiddensee gemacht: Vor Gerhart Hauptmanns Haus hatten sie ein Ständchen gebracht, aber der Dichter war nicht dagewesen. Später hatte er drüben im Lazarett gelegen, in Thüringen, dort war ihm von Schwester Gertrud mit gefälschten Blutwerten das Leben gerettet worden, zu Fuß dann, als die Russen kamen, allein nach Hause getippelt. «Ich hol' dich nach .», hatte er zu ihr gesagt. Ja, er hatte sie nachholen wollen, die Krankenschwester mit dem leichten Silberblick, aber das hatte sich dann irgendwie zerschlagen.Der Schulrat zog einen gebrauchten Schnellhefter aus dem Schreibtisch, strich den Namen des soeben pensionierten Kollegen durch und schrieb den neuen drauf: ein neuer Akt, ein neues Leben. Kollege Schmauch, den Matthias jetzt ablöse, sei lange in russischer Gefangenschaft gewesen, deshalb wohl dessen fatale Neigung zum Alkohol.Ein guter Lehrer, aber ein Trinker, leider.Ihm selbst sei Gefangenschaft ja glücklicherweise erspart geblieben, sagte er und dachte noch ein wenig an Schwester Gertrud, die seine Blutwerte gefälscht hatte, obwohl der Oberarzt von Tag zu Tag aufmerksamer auf die Krankenkarte geguckt hatte, das tapfere Mädel. Kopf und Kragen für ihn riskiert, nur damit er nicht wieder an die Front mußte! Und dann hatte er rechtzeitig die Kurve gekratzt, als die Amerikaner abrückten und die Russen kamen, allein, ohne sie. Einen siebten Sinn und eine achte Nase hatte er gehabt, und es hatte schließlich alles noch ein gutes Ende genommen. Er stellte einen Tischwecker hinter Matthias auf das Bücherbord, damit er jederzeit im Bilde ist, wie lange er sich mit diesem jungen Mann hier befaßt, einem Menschen, der sich offenbar im Leben noch nichts versucht hatte, abgesehen von einem unfreiwilligen Aufenthalt in einem Gefängnis des Unrechtsstaats da drüben, über den jedoch eine ehrenrettende Bescheinigung vorlag, auch die Erste-Hilfe-Prüfung beim Roten Kreuz und das Vorhandensein eines Befähigungsausweises zum Vorführen von Filmen machten einen guten Eindruck.«Unsere jungen Damen haben ein gestörtes Verhältnis zur Technik .», sagte er. Es sei schon vorgekommen, daß sie den gerissenen Film mit Büroklammern zusammengesteckt hätten. In der Kreisbildstelle gäb's eine ganze Sammlung solcher Untaten.Die Religionsfakultas, auf allerletzten Drücker noch erworben, vervollständigte den positiven Eindruck, den man nach und nach von diesem Menschen hier gewann, ohne Gott gehe es nun einmal nicht, und wie sollte wohl der Rahmen aussehen, in dem Erziehung sich verwirkliche, wenn nicht im Christentum?«Pädagogik ist ein schwieriges Geschäft!»«War Ihr Herr Vater Pastor?» fragte der Schulrat und durchraschelte mit der kriegsversehrten Hand die Papiere, die er nun der Reihe nach in den Schnellhefter einordnete. Geburtsurkunde, Abitur und Examenszeugnis, Gesundheitsattest und polizeiliches Führungszeugnis, er lochte die Bescheinigungen und heftete sie ein. Ein Mann gleichen Namens sei Fähnrich in seiner Kompanie gewesen, ein guter Kamerad, Theologiestudent, natürlich sofort gefallen, wie all die jungen Studenten, idealistisch bis dort hinaus. Obwohl Matthias mit diesem Mann nicht verwandt war, sicherten ihm Namensgleichheit mit einem prachtvollen Menschen und die Religionsfakultas eine erste Portion Wohlwollen seines Vorgesetzten, der jetzt damit begann, Kleingeld aus der Jackentasche zu sammeln, es zu sortieren und zu einem Turm zu fügen. Er mochte dabei an einen heißen Sommertag denken, an dem er in Frankreich aus dem Fenster der Dienstbaracke gesprungen war, hintenraus, weil Résistanceleute auf der Straße mit einer Maschinenpistole herumschossen. Er fragte Matthias, ob er eigentlich wisse, wieviel Theologiestudenten im letzten Krieg gefallen sind. Er meine, rein numerisch. «Blutzoll» und «zur Ader lassen», diese Worte fielen.