Die Gefährtin des Lichts
Roman
N.K. Jemisin(Author)
Blanvalet (Publisher)
Published on 15. November 2010
Book
Paperback/Softback
448 pages
978-3-442-26670-8 (ISBN)
Description
Spannende All-Age-Fantasy mit einer ebenso mutigen wie sympathischen jungen Heldin
Die junge Straßenkünstlerin Oree ist blind, doch es ist ihr gegeben, Magie zu sehen. Daher ist auch sie es, die in einer Seitenstraße Elysiums die Leiche einer Göttin entdeckt. Dabei sind Götter doch unsterblich! Bevor sie sich versieht, steckt Oree mitten in einer Verschwörung von schrecklichem Ausmaß - einem Komplott mit keinem geringeren Ziel, als die Gemeinschaft der Götter zu stürzen. Und ausgerechnet Oree ist der Schlüssel zum Erfolg der Verschwörer.
Die junge Straßenkünstlerin Oree ist blind, doch es ist ihr gegeben, Magie zu sehen. Daher ist auch sie es, die in einer Seitenstraße Elysiums die Leiche einer Göttin entdeckt. Dabei sind Götter doch unsterblich! Bevor sie sich versieht, steckt Oree mitten in einer Verschwörung von schrecklichem Ausmaß - einem Komplott mit keinem geringeren Ziel, als die Gemeinschaft der Götter zu stürzen. Und ausgerechnet Oree ist der Schlüssel zum Erfolg der Verschwörer.
More details
Language
German
Place of publication
München
Germany
Product notice
With flaps
Dimensions
Height: 18.3 cm
Width: 12.5 cm
ISBN-13
978-3-442-26670-8 (9783442266708)
Schweitzer Classification
Persons
Content
Prolog
Ich kann mich daran erinnern, dass es später Vormittag war.
Gartenarbeit war meine Lieblingsbeschäftigung. Ich hatte darum kämpfen müssen, denn die Terrassen meiner Mutter waren in der ganzen Umgebung berühmt, und sie wollte sie mir nicht anvertrauen. Ich konnte ihr daraus auch keinen Vorwurf machen - mein Vater lachte immer noch über das Ergebnis meines einzigen Versuchs, die Wäsche zu waschen.
'Oree', pflegte sie jedes Mal zu sagen, wenn ich meine Unabhängigkeit unter Beweis stellen wollte, 'es ist keine Schande, Hilfe zu benötigen. Es gibt für jeden von uns Dinge, die wir nicht alleine bewältigen können.'
Gartenarbeit gehörte allerdings nicht zu diesen Dingen. Meine Mutter fürchtete das Unkrautjäten, weil viele der wild wuchernden Pflanzen, die in Nimaro wuchsen, ihren wertvollsten Kräutern sehr ähnlich sahen. Mogelfarn beispielsweise hatte die gleichen fächerartigen Wedel wie Süßzorn; Laufender Weißdorn und Ockerine besaßen Dornen, die in die Finger piksten. Aber die Kräuter und das Unkraut rochen völlig unterschiedlich. Deshalb verstand ich nie, warum sie damit solche Probleme hatte.
Ganz selten ließen Geruch und Tastsinn mich gleichzeitig im Stich. Dann legte ich den Rand eines Blattes an meine Lippen oder strich mit meiner Hand durch die Blätter und lauschte, wie sie wieder in ihre Ausgangsposition zurückschnellten. Danach hatte ich keine Zweifel mehr. Irgendwann musste Mama dann zugeben, dass ich während der gesamten Saison nicht eine einzige gute Pflanze weggeworfen hatte. Für das nächste Jahr wollte ich um meine eigene Terrasse bitten.
Normalerweise ging ich stundenlang in meiner Arbeit in den Gärten auf, aber etwas war anders an diesem Morgen. Ich bemerkte es, sobald ich das Haus verlassen hatte: Die Luft wirkte dünn wie Pergament. Eine aufgestaute Spannung schien darin zu liegen. Als die Stürme losbrachen, vergaß ich das Unkraut und setzte mich auf. Instinktiv orientierte ich mich am Himmel.
Und ich konnte sehen.
In der Ferne - erst später lernte ich, dass es so hieß - sah ich ausgedehnte, unförmige Flecken Dunkelheit, gesäumt von einem Energiefeld. Ich riss erstaunt den Mund auf und sah, wie große, lanzenartige Gebilde - deren Helligkeit in meinen Augen schmerzte, und das war mir noch nie passiert - heranschossen und die Flecken zerstörten. Aber die Überreste der dunklen Flecken veränderten sich. Sie wurden zu flüssigen Tentakeln, die sich um die Lanzen wickelten und sie verschlangen. Das Licht veränderte sich ebenfalls und wurde zu rasiermesserscharfen Scheiben, die sich blitzschnell drehten und die Tentakel zerschnitten. So ging es weiter, hin und her, Finsternis gegen Licht, und beide gewannen nie länger als für einen kurzen Moment die Oberhand. Während der ganzen Zeit hörte ich donnerähnliche Geräusche, aber es roch nicht nach Regen.
Andere sahen es ebenfalls. Ich hörte, wie sie aus ihren Häusern und Läden kamen, wie sie murmelten und Rufe ausstießen. Niemand hatte allerdings wirklich Angst. Das Merkwürdige fand alles am Himmel statt, viel zu weit über unserem irdischen Leben, um eine Rolle zu spielen.
Während ich dort kniete und meine Finger noch tief im Schmutz steckten, bemerkte ich etwas, das sonst niemand wahrnahm: ein Beben tief in der Erde. Nein, es war nicht gerade ein Beben; es war die Spannung, die ich zuvor gespürt hatte, als ob etwas aufgestaut war. Das war gar nicht am Himmel gewesen.
Ich sprang auf die Füße, griff nach meinem Gehstock und eilte zum Haus. Mein Vater war auf dem Markt, aber meine Mutter hielt sich im Haus auf, und wenn tatsächlich ein Erdbeben im Anzug war, musste ich sie warnen. Ich rannte die Stufen zur Veranda hinauf und riss die wacklige alte Tür auf. Dabei rief ich, sie solle herauskommen und sich beeilen.
Dann hörte ich es herankommen. Es war nicht mehr länger nur auf das Innere der Erde beschränkt und rollte aus dem Nordwesten heran - aus der Richtung, in der sich Elysium, die große Stadt, befand. Jemand singt, dachte ich zunächst. Nicht jemand, aber viele. Es waren tausend Stimmen, die gleichzeitig erklangen. Das Lied war kaum hörbar. Sein Text bestand aus einem einzigen mächtigen Wort, das die ganze Welt mit seiner Kraft erschütterte.
Das Wort, aus dem es bestand, lautete: wachse.
Ihr müsst das verstehen. Ich hatte schon immer die Fähigkeit, Magie zu sehen, aber bis dahin war Nimaro für mich überwiegend dunkel gewesen. Es war ein ruhiges Land voller verschlafener, kleiner Städte und Dörfer. Meins machte da keine Ausnahme. Magie gehörte in die Städte. Sie war exotisch, teuer und für arme, einfache Leute wie mich unerreichbar. Ich bekam sie nur ganz selten zu sehen und auch dann nur im Geheimen.
Aber jetzt waren überall Licht und Farbe. Alles ergoss sich über den Boden und die Straße, legte sich über jedes Blatt und jeden Grashalm, über die Kopfsteine und die Holzbalken unseres Vorgartens. So viel! Mir war nie klargeworden, dass zu der Welt, die mich umgab, so viel gehörte. Die Magie verlieh den Wänden Struktur und Linien, so dass ich zum ersten Mal in meinem Leben mein Elternhaus wirklich sah. Sie umsäumte die Bäume um mich herum, den alten Pferdekarren, der neben dem Haus stand - zuerst wusste ich gar nicht, was das war - und die Leute, die mit weit aufgerissenen Mündern draußen auf der Straße standen. Ich sah das alles - ich sah es wirklich, so, wie die anderen auch. Vielleicht sah ich auch mehr als sie, ich weiß es nicht. Aber den Moment werde ich für immer in meinem Herzen bewahren: die Rückkehr von etwas Wunderbarem. Die Wiederzusammensetzung von etwas lange Zerbrochenem. Die Wiedergeburt des Lebens.
An dem Abend erfuhr ich vom Tod meines Vaters.
Einen Monat später machte ich mich auf den Weg in die Stadt Elysium, um dort ein neues Leben zu beginnen.
So vergingen zehn Jahre.
'Weggeworfene Schätze'
Bitte helft mir', sagte die Frau. Ich erkannte sofort ihre Stimme. Sie, ihr Mann und zwei Kinder hatten sich vor ungefähr einer Stunde an meinem Tisch einen Wandteppich angesehen, ihn aber nicht gekauft. Sie war verärgert gewesen. Der Teppich war teuer, ihre Kinder drängten. Jetzt hatte sie Angst. Ihre Stimme klang ruhig, hatte aber unterschwellig einen ängstlichen Unterton.
'Worum geht es?', fragte ich.
'Meine Familie. Ich kann sie nicht finden.'
Ich legte mein freundlichstes Sonntagslächeln auf. 'Vielleicht sind sie nur kurz weggegangen. Es ist leicht, sich hier in der Nähe des Stammes zu verlieren. Wo habt Ihr sie zuletzt gesehen?'
'Da.' Ich hörte, wie sie sich bewegte. Wahrscheinlich zeigte sie mit dem Finger. Sie bemerkte ihren Fehler nach einem Moment. Wie üblich war auch sie plötzlich peinlich berührt. 'Äh _ tut mir leid, ich frage jemand anderen
'Wie Ihr wünscht', sagte ich leichthin, 'aber wenn Ihr von der hübschen, sauberen Gasse dort drüben in der Nähe der
Weißen Halle sprecht, dann weiß ich wahrscheinlich, was passiert ist.'
Sie schnappte hörbar nach Luft, und ich wusste, dass ich richtig geraten hatte. 'Woher wisst Ihr
Ich hörte, wie Ohn - einer der anderen Kunsthändler in meiner Nähe auf dieser Seite des Parks - leise schnaubte. Daraufhin musste ich lächeln, und ich hoffte, dass die Frau dies als Freundlichkeit und nicht als Belustigung auf ihre Kosten auslegte.
'Sind sie in die Gasse hineingegangen?', fragte ich.
'Ja ^ also Die Frau zappelte unruhig; ich hörte, wie sie ihre Hände aneinanderrieb. Ich kannte das Problem bereits, aber ich überließ es ihr, damit klarzukommen. Niemand mag es, wenn man ihm sein Fehlverhalten unter die Nase reibt. 'Es ist nur _ mein Sohn musste mal, aber keins der Geschäfte hier wollte ihm erlauben, die Toilette zu benutzen, wenn wir nichts kaufen. Wir haben nicht viel Geld
Diese Ausrede hatte sie bei mir schon benutzt, um meinen Wandteppich nicht zu kaufen. Mir machte das nichts aus - ich war die Erste, die bereitwillig eingestand, dass niemand etwas von dem, was ich verkaufte, tatsächlich brauchte -, aber es ärgerte mich, dass sie es so auf die Spitze getrieben hatte. Zu geizig zu sein, um einen Wandteppich zu kaufen, war eine Sache, aber zu geizig für einen Imbiss oder eine Kleinigkeit? Das war alles, was wir Geschäftsleute von den Auswärtigen als Gegenleistung dafür verlangten, dass sie uns anstarrten, unsere Stammkunden verdrängten und sich dann noch darüber beschwerten, wie unfreundlich die Stadtbewohner doch seien.
Ich beschloss, sie nicht darauf hinzuweisen, dass ihre Familie die _ Örtlichkeiten in der Weißen Halle umsonst hätte benutzen können.
'In dieser Gasse gibt es eine einzigartige Einrichtung', erklärte ich stattdessen. 'Jeder, der die Gasse betritt und sich entkleidet - und sei es nur teilweise -, wird in die Mitte des Sonnenmarkts versetzt.'
Die Marktleute hatten an dem Ankunftsort eine Bühne errichtet, damit man die unglückseligen Leute, die dort mit blankem Hintern auftauchten, besser auslachen konnte. 'Wenn Ihr zum Markt geht, werdet Ihre Eure Familie wahrscheinlich finden.'
'Oh, der Lady sei Dank', sagte die Frau. Dieser Satz hatte in meinen Ohren schon immer seltsam geklungen. 'Ich danke Euch. Ich habe Sachen über diese Stadt gehört _ Ich wollte nicht herkommen, aber mein Mann - er ist aus Hochnord - wollte den Baum der Lady sehen.' Sie stieß einen langen Atemzug aus. 'Wie komme ich zu dem Markt?'
Endlich. 'Nun, er ist in Westschatten. Das hier ist Ostschatten. Wescha, Oscha.'
'Wie bitte?'
'Das sind die Namen, die hier gebräuchlich sind, falls Ihr nach dem Weg fragen müsst.'
'Oh. Aber _ Schatten? Ich hörte, dass die Leute dieses Wort benutzen, aber der Name der Stadt ist
Ich schüttelte den Kopf. 'Wie gesagt, die Menschen, die hier leben, benutzen diesen Namen nicht.' Ich zeigte nach oben, wo ich undeutlich die geisterhaften grünen Wellen des ständig rauschenden Blätterdachs des Weltenbaums ausmachen konnte. Die Wurzeln und der Stamm waren dunkel für mich, und die lebendige Magie des Baums blieb verborgen unter der äußeren Rinde, die einige Fuß dick war. Seine zarten Blätter aber tanzten und glitzerten an der Grenze meiner Sehkraft. Manchmal beobachtete ich sie stundenlang.
'Wir haben hier nicht viel von Elysium', sagte ich. 'Seht Ihr?'
'Oh. Ich _ ich verstehe.'
Ich nickte. 'Ihr müsst die Kutsche bis zur Wurzelwand an der Sechsten Straße nehmen. Von dort nehmt entweder die Fähre oder lauft über den aufgeschütteten Pfad im Tunnel. Um diese Tageszeit dürften sie die Laternen für die Auswärtigen voll aufgedreht haben, also sollte das kein Problem sein. Es gibt nichts Schlimmeres, als in der Dunkelheit durch die Wurzel zu laufen - nicht, dass mir das etwas ausmacht.' Ich grinste sie an, damit sie sich nicht unbehaglich fühlte. 'Man glaubt gar nicht, wie viele Leute sich über ein wenig Dunkelheit aufregen können. Also, wenn Ihr auf der anderen Seite angekommen seid, befindet Ihr Euch in Wescha. Ihr könnt entweder eine der Mietkutschen nehmen, die man dort überall findet, oder zum Sonnenmarkt laufen. Es ist nicht weit. Lasst den Baum zu Eurer Rechten liegen.'
Da war wieder dieses Entsetzen in ihrer Stimme, als sie mich unterbrach. 'Diese Stadt _ Wie soll ich denn _ Ich werde mich verlaufen. O Dämonen - und mein Mann ist da noch schlimmer. Er verläuft sich ständig. Er wird versuchen, hierher zurückzufinden, und ich habe den Geldbeutel, und
'Kein Problem', sagte ich mit vielgeübtem Mitleid. Ich beugte mich über den Tisch, achtete sorgfältig darauf, nicht die geschnitzten Holzskulpturen zu verschieben, und zeigte auf das andere Ende der Künstlerzeile. 'Wenn Ihr möchtet, kann ich Euch einen guten Führer empfehlen. Er wird Euch schnell dorthin geleiten.'
Ich nahm an, dass sie dafür zu geizig war. Ihre Familie hätte in der Gasse verprügelt, beraubt und in Felsen verwandelt werden können. War dieses Risiko wirklich das bisschen Geld wert, das sie gespart hatten? Ich hatte Pilger noch nie verstanden.
'Wie viel?', fragte sie und klang bereits unsicher.
'Das müsst Ihr den Führer fragen. Soll ich ihn herbeirufen?'
'Ich Sie trat von einem Fuß auf den anderen, und man roch förmlich ihren Widerwillen.
'Oder Ihr könntet das hier kaufen', schlug ich vor. Ich drehte mich geschmeidig in meinem Stuhl um und hob eine kleine Schriftrolle auf. 'Das ist eine Karte. Darauf sind auch alle Götterpunkte verzeichnet, also jene Orte, die von Gottkindern mit Magie versehen wurden, wie zum Beispiel jene Gasse.'
'Mit Magie _ Ihr meint, das hat ein Gottkind getan?'
'Wahrscheinlich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Schreiber sich damit abgeben, Ihr etwa?'
Sie seufzte. 'Wird diese Karte mir helfen, diesen Markt zu erreichen?'
'Oh, natürlich.' Ich entrollte die Karte, damit sie einen Blick darauf werfen konnte. Sie starrte eine ganze Weile darauf und hoffte wahrscheinlich, dass sie sich den Weg zum Markt merken konnte, ohne die Karte kaufen zu müssen. Das konnte sie gerne versuchen. Wenn sie in der Lage war, sich die gewundenen Straßen Schattens, die auf der Karte noch zusätzlich von Baumwurzeln und gelegentlichen Notizen über diesen oder jenen Götterpunkt unterbrochen wurden, so leicht zu merken, dann verdiente sie einen kostenlosen Blick.
'Wie viel?', fragte sie schließlich und suchte nach ihrer Geldbörse.
Nachdem die Frau gegangen war und sich ihre unruhigen Schritte in den Geräuschen, die permanent auf der Promenade herrschten, verloren hatten, schlenderte Ohn herüber. 'Du bist so nett, Oree', sagte er.
Ich grinste. 'Ja, nicht wahr? Ich hätte ihr zwar sagen können, dass sie nur in die Gasse gehen und ihre Röcke ein wenig anheben muss, damit sie einen Herzschlag später bei ihrer Familie ist, aber ich musste doch ihre Würde bewahren, oder nicht?'
Ohn zuckte mit den Schultern. 'Wenn sie nicht von selbst darauf kommen, ist es ihre Schuld, nicht deine.' Er seufzte hinter der Frau her. 'Es ist doch zu schade, wenn man eine Pilgerreise hierher unternimmt und dann die halbe Zeit verloren umherirrt.'
'Eines Tages wird sie in der Erinnerung daran schwelgen.' Ich stand auf und reckte mich. Mein Rücken schmerzte, da ich den ganzen Vormittag gesessen hatte. 'Behalte meinen Tisch bitte mal für mich im Auge, ja? Ich mache einen kleinen Spaziergang.'
'Lügnerin.' Ich grinste, als ich die heiser grummelnde Stimme von Vuroy, einem weiteren Verkäufer der Zeile, hörte, der nun ebenfalls hinzukam. Er blieb bei Ohn stehen. Ich stellte mir vor, wie er liebevoll den Arm um Ohns Schultern legte. Die beiden und Ru - auch sie Verkäuferin an der Zeile - waren ein Trio, und Vuroy war sehr besitzergreifend. 'Du willst doch nur in der Gasse nachsehen, ob ihr Dämlich-wie-Dämonen-Mann und die Bälger etwas verloren haben, bevor die Magie sie erwischte.'
'Warum sollte ich das wohl tun wollen?', fragte ich in meinem zuckersüßesten Tonfall, obwohl ich mir das Lachen kaum verkneifen konnte. Sogar Ohn hatte Mühe, ein Kichern zu unterdrücken.
'Wenn du etwas findest, dann teile es gefälligst', forderte er.
Ich warf ihm eine Kusshand zu. 'Wer's findet, darf's behalten. Es sei denn, du möchtest Vuroy als Gegenleistung teilen?'
'Wer's findet, darf's behalten', konterte er. Dann hörte ich, wie Vuroy lachte und ihn in seine Arme zog. Ich ging los und konzentrierte mich auf das tapp-tapp meines Stocks, damit ich nicht hörte, wie sie sich küssten. Natürlich hatte ich das mit dem Teilen als Witz gemeint, aber es gab immer noch Dinge, denen ein alleinstehendes Mädchen lieber aus dem Weg ging, wenn sie selbst nicht auch ein wenig davon bekommen konnte.
Die Gasse, die sich jenseits des breiten Gehsteigs der Künstlerzeile befand, war leicht zu finden, weil ihre Wände und der Boden sich von dem grünen Schein, den der Weltenbaum überall verbreitete, blass abhoben. Sie waren nicht sehr hell; für die Gottkinder war das nur unbedeutende Magie. Sogar ein Sterblicher hätte das fertiggebracht. Er brauchte nur ein paar ziselierte Siegel und musste ein Vermögen in die Auslösertinte investieren. Gewöhnlich sah ich höchstens ein Gitter aus Licht, das sich um den Mörtel zwischen den Ziegeln rankte, aber dieser Götterpunkt war vor Kurzem aktiviert worden und brauchte einige Zeit, bis er wieder zur Ruhe kam und verblasste.
Ich blieb am Eingang der Gasse stehen und lauschte angestrengt. Die Promenade war ein großer Kreis im Herzen der Stadt, wo Fußgängerverkehr auf Kutschenstraßen traf. Zusammen bildeten sie einen Kreis um einen breiten Platz mit Blumenbeeten, schattigen Bäumen und Spazierwegen. Die Pilger versammelten sich gerne dort, weil der Platz die beste Aussicht der Stadt auf den Weltenbaum bot; aus demselben Grund liebten wir Künstler ihn auch. Die Pilger waren immer in der Stimmung, unsere Waren zu kaufen, nachdem sie Gelegenheit gehabt hatten, ihren merkwürdigen neuen Gott anzubeten. Dennoch waren wir uns immer der Weißen Halle bewusst, die nebenan stand. Ihre glänzenden Wände und die Statue von Bright Itempas schienen missbilligend über dem ketzerischen Treiben des Platzes aufzuragen. Die Ordensbewahrer waren heutzutage nicht mehr so streng wie früher, denn es gab jetzt zu viele Götter, die eine Verfolgung ihrer Anhänger übelnehmen konnten. Insgesamt gab es zu viel freie Magie in dieser Stadt, und sie waren nicht mehr in der Lage, alles zu überwachen. Dennoch schien es nicht besonders klug, gewisse Dinge direkt vor ihrer Nase zu tun.
Also betrat ich die Gasse erst, nachdem ich sichergestellt hatte, dass sich keine Priester in der Nähe befanden. Es war immer noch ein Risiko, denn auf der Straße war so viel Lärm, dass ich nicht alles hören konnte. Doch für den Fall der Fälle würde ich einfach behaupten, dass ich mich verlaufen hatte.
Ich betrat die relative Stille der Gasse und tastete dabei mit meinem Stock umher, falls ich einer Brieftasche oder sonstigen Wertsachen begegnen sollte. Das Erste, was ich bemerkte, war Blutgeruch. Ich verwarf den Gedanken sofort wieder, weil er unsinnig war. Die Magie war so ausgelegt, dass die Gasse sich von Abfällen reinigte, um unachtsame Pilger leichter anlocken zu können. Ich fand, dass das Gottkind, das sich diese Falle ausgedacht hatte, einen besonders perfiden Sinn fürs Detail hatte. Je weiter ich in die Gasse hineinging, desto deutlicher wurde der Geruch - und desto unbehaglicher fühlte ich mich, weil ich ihn erkannte: Metall und Salz, so widerlich süßlich, wie Blut riecht, wenn es gerinnt und abkühlt. Dennoch war dies nicht der schwere, eisenhaltige Geruch, den das Blut Sterblicher verströmt - dieser war einen Hauch leichter und schärfer. Metalle, die in keiner Sprache der Sterblichen einen Namen besaßen, Salze völlig anderer Seen.
Gottesblut. Hatte hier jemand ein Fläschchen davon fallenlassen? Das wäre allerdings ein sehr teures Versehen. Aber das Gottesblut roch irgendwie _ schal. Falsch. Und da war noch viel, viel mehr davon.
Dann traf mein Stock auf etwas Schweres, Weiches. Ich blieb stehen, und mein Mund war trocken vor Angst.
Ich hockte mich hin, um meinen Fund zu untersuchen. Stoff, sehr weich und fein. Fleisch unter dem Stoff - ein Bein. Kälter, als es sein sollte, aber nicht kalt. Ich tastete mich mit zitternder Hand aufwärts und fand eine kurvige Hüfte, den leicht gewölbten Bauch einer Frau - und dann hielten meine Finger an, als der Stoff plötzlich durchnässt und klebrig war.
Erschrocken riss ich meine Hand zurück und fragte: 'G_ geht es Euch gut?' Das war natürlich eine dumme Frage, weil genau das offensichtlich nicht der Fall war.
Ich konnte sie jetzt sehen. Da war der sehr schwache Umriss einer Person, der den Schimmer des Bodens verdeckte, aber das war alles. Sie hätte eigentlich durch ihre eigene Magie hell leuchten müssen. In dem Moment, als ich die Gasse betrat, hätte ich sie deshalb schon bemerken müssen. Sie hätte nicht bewegungslos sein dürfen, da Gottkinder keinen Schlaf benötigten.
Ich wusste, was das bedeutete. All meine Instinkte riefen es mir zu, aber ich wollte es nicht wahrhaben.
Dann spürte ich eine vertraute Präsenz in meiner Nähe. Ich hörte keine Schritte, die mich warnten, aber das war in Ordnung. Dieses Mal war ich froh, dass er gekommen war.
'Das verstehe ich nicht', flüsterte Madding. In dem Moment musste ich es glauben, denn die Überraschung und das Entsetzen in Maddings Stimme waren nicht zu leugnen.
Ich hatte ein Gottkind gefunden. Ein totes Gottkind.
Viel zu schnell stand ich auf und stolperte, als ich zurückwich. 'Ich auch nicht', sagte ich. Ich umklammerte meinen Stock mit beiden Händen. 'Ich habe sie so gefunden. Aber
Und ich schüttelte den Kopf, weil mir die Worte fehlten.
Ein leiser Glockenklang ertönte. Niemand außer mir schien ihn je zu hören, wie ich vor langer Zeit schon bemerkt hatte. Dann materialisierte Madding im Schein der Gasse: ein stämmiger, kräftig gebauter Mann, der entfernt senmitische Züge trug. Sein Gesicht war dunkelhäutig und faltig, das wirre dunkle Haar im Nacken zu einem Pferdeschwanz gebunden. Er selbst leuchtete nicht - jedenfalls nicht in dieser Gestalt -, aber ich konnte ihn sehen, da er einen kräftigen Kontrast zu dem Schein der Wand bildete. Noch nie hatte ich einen so gepeinigten Ausdruck auf seinem Gesicht gesehen, wie in dem Moment, als er auf die Leiche hinunterstarrte.
'Rolie', sagte er. Zwei Silben. Auf der ersten lag eine schwache Betonung. 'Oh, Schwester. Wer hat dir das angetan?'
Und wie?, hätte ich beinahe gefragt, aber Maddings offensichtliche Trauer ließ mich schweigen.
Er ging zu ihr, diesem Gottkind, das eigentlich nicht tot sein konnte, und streckte die Hand aus, um einen Körperteil zu berühren. Ich konnte nicht sehen, welchen. Seine Finger schienen sich aufzulösen, als er sie gegen die Haut drückte. 'Das ergibt keinen Sinn', sagte er sehr leise. Das allein bewies, wie verstört er war - normalerweise benahm er sich immer wie der zähe, ungehobelte Sterbliche, als der er auftrat. Bisher hatte er nur mir gegenüber Sanftmut gezeigt, wenn wir unter uns waren.
'Was könnte ein Gottkind töten?', fragte ich. Diesmal stotterte ich nicht.
'Nichts. Ein anderes Gottkind vielleicht, aber dafür wäre mehr reine Magie notwendig, als du dir vorstellen kannst. Jeder von uns hätte es gespürt. Wir wären gekommen, um nachzusehen. Aber Rolie hatte keine Feinde, warum sollte jemand ihr etwas antun wollen? Es sei denn Er runzelte die Stirn. Seine Konzentration ließ nach, und gleichzeitig verblasste sein Bild. Seine menschliche Form verschwamm zu etwas Schimmerndem, das flüssig-grün war und wie die frischen Blätter eines Baumes roch. 'Nein, warum sollte einer der beiden das getan haben? Das ergibt keinen Sinn.'
Ich ging zu ihm und legte ihm eine Hand auf die schimmernde Schulter. Nach einer Weile berührte er in schweigender Dankbarkeit meine Hand, aber mir war klar, dass die Geste ihn nicht getröstet hatte.
'Es tut mir leid, Mad. Es tut mir so leid.'
Er nickte langsam. Dann bekam er sich in den Griff und wurde wieder zum Menschen. 'Ich muss los. Unsere Eltern _ jemand muss es ihnen sagen. Wenn sie es nicht bereits wissen.' Er seufzte, schüttelte den Kopf und stand auf.
'Brauchst du etwas?'
Er zögerte, und das war erfreulich. Es gibt gewisse Reaktionen, die ein Mädchen gern bei ihrem Geliebten sieht - und sei es auch nur ein verflossener Geliebter. Dieser Verflossene strich mit einem Finger über meine Wange, und meine Haut prickelte. 'Nein. Aber danke.'
Ich hatte nicht darauf geachtet, während wir uns unterhielten, aber inzwischen hatte sich eine Menge am Eingang der Gasse versammelt. Jemand hatte uns und die Leiche gesehen, und - wie in jeder Stadt - so hatte auch hier ein Gaffer weitere angezogen. Als Madding die Leiche aufhob, schnappten die Sterblichen, die zusahen, vernehmlich nach Luft, und ein entsetzter Aufschrei ertönte, als jemand seine Last erkannte. Rolie war also bekannt. Möglicherweise war sie eins der Gottkinder, die eine kleine Anhängerschar um sich versammelt hatten. Das bedeutete, dass die Nachricht sich bis zum Abend in der ganzen Stadt verbreitet haben würde.
Madding nickte mir zu und verschwand. Zwei Schatten in der Gasse näherten sich und verweilten nahe der Stelle, an der Rolie gelegen hatte, aber ich sah nicht zu ihnen hin. Ich konnte Gottkinder immer sehen, es sei denn, sie gaben sich viel Mühe, unerkannt zu bleiben. Nicht alle mochten das. Es handelte sich wahrscheinlich um Maddings Leute. Er hatte einige Geschwister, die für ihn als Wachen und Helfer arbeiteten. Es würden bestimmt noch andere kommen, um ihren Respekt zu erweisen. Auch unter ihnen würde sich die Nachricht schnell verbreiten.
Seufzend verließ ich die Gasse und drängte mich durch die Menge. Ich beantwortete ihre Fragen nur mit einem knappen: 'Ja, das war Rolie', und 'Ja, sie ist tot', bis ich endlich wieder meinen Tisch erreichte. Ru hatte sich zu Vuroy und Ohn gesellt. Sie nahm meine Hand, sorgte dafür, dass ich mich hinsetzte und fragte, ob ich ein Glas Wasser wollte - oder lieber einen kräftigen Drink. Fürsorglich wischte sie meine Hand mit einem Stofftuch ab. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass sich auf meinen Fingern Gottesblut befunden haben musste.
'Mir geht es gut', sagte ich, obwohl ich davon nicht unbedingt überzeugt war. 'Aber ich könnte ein wenig Hilfe beim Einpacken gebrauchen. Werde wohl früher nach Hause gehen.' Ich hörte, dass andere Künstler entlang der Zeile dasselbe taten. Ein totes Gotteskind machte den Weltenbaum zur zweitinteressantesten Attraktion der Stadt. Für den Rest der Woche konnte ich mich schon auf schlechte Verkäufe einstellen.
Also ging ich heim.
Ich bin, müsst Ihr wissen, eine Frau, die von Göttern geplagt wird.
Früher einmal war es schlimmer. Manchmal schien es, als ob sie überall seien: unter den Füßen, über dem Kopf, um Ecken herumspähend und unter Büschen lauernd. Sie hinterließen leuchtende Fußabdrücke auf den Gehsteigen. Ich konnte sehen, dass sie ihre eigenen Lieblingswege für Erkundungen hatten. Sie urinierten gegen die weißen Wände. Sie mussten das nicht tun, also urinieren meine ich, sie fanden es nur lustig, uns nachzuahmen. Ich fand ihre in Lichtspritzern geschriebenen Namen normalerweise an heiligen Orten. Auf diese Weise lernte ich lesen.
Manchmal folgten sie mir nach Hause und machten mir Frühstück. Manchmal versuchten sie, mich zu töten. Gelegentlich kauften sie mir Kleinigkeiten und Statuen - zu welchem Zweck, konnte ich nie ergründen. Und ja, manchmal liebte ich sie.
Ich habe sogar einmal einen in einem Abfalleimer gefunden. Das hört sich verrückt an, nicht wahr? Aber es ist wahr. Wenn ich, als ich mein Zuhause für diese schöne, lächerliche Stadt verließ, gewusst hätte, dass mein Leben so verlaufen würde, hätte ich es mir noch einmal überlegt. Aber ich hätte es wohl trotzdem getan.
Also der im Abfalleimer. Ich sollte Euch mehr über ihn erzählen.
Eines Abends war ich bis spät auf - oder bis früh -, weil ich an einem Gemälde gearbeitet hatte. Ich war hinter mein Haus gegangen, um die übriggebliebene Farbe loszuwerden, bevor sie eintrocknete und mir die Tiegel ruinierte. Das heißt, ich wollte die Unratsammler, die üblicherweise mit ihren stinkenden Karren im Morgengrauen kamen, nicht verpassen. Sie schafften den Inhalt der Abfalleimer weg und durchsuchten sie nach Faulschlamm und allem, was irgendwie von Wert sein konnte. Ich bemerkte nicht einmal, dass sich dort ein Mann befand, weil er wie der restliche Abfall roch. Er lag wie tot da. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, war er das wahrscheinlich auch.
Ich kippte die Farbe aus und wäre wieder hineingegangen, wenn ich nicht aus einem Augenwinkel heraus ein seltsames Leuchten bemerkt hätte. Eigentlich war ich so müde, dass ich es gar nicht hätte beachten sollen. Nach zehn Jahren in Schatten hatte ich mich an die Hinterlassenschaften von Gottkindern gewöhnt. Höchstwahrscheinlich hatte sich dort eins nach durch- zechter Nacht erbrochen, oder sich inmitten dieser Ausdünstungen bei einem Stelldichein verausgabt. Die neuen machten das gerne: Für ungefähr eine Woche spielten sie Sterbliche, bevor sie das Leben aufnahmen, das sie unter uns zu leben gedachten. Die Einführung war grundsätzlich mit Chaos verbunden.
Deshalb weiß ich auch nicht, warum ich an diesem kalten Wintermorgen zögerte. Ein Instinkt sagte mir, ich solle meinen Kopf drehen. Ich weiß nicht, warum ich darauf hörte, aber ich tat es. Das war der Zeitpunkt, an dem ich sah, wie Herrlichkeit in einem Haufen Unrat erwachte.
Zunächst sah ich nur zarte goldene Linien, die die Gestalt eines Mannes zeichneten. Tautropfen schimmernden Silbers perlten über sein Fleisch, liefen als kleine Rinnsale an ihm herab und erhellten die weichen Konturen der Hautstruktur. Ich sah, wie einige dieser Rinnsale das Unmögliche taten und aufwärtsliefen. Dort entzündeten sie Fäden seines Haars und die eingemeißelten Linien seines Gesichts.
Ich stand da, meine Hände waren feucht von der Farbe, die offene Haustür hinter mir war vergessen, und ich sah, wie dieser leuchtende Mann einmal tief einatmete. Dadurch schimmerte er noch schöner. Dann öffnete er seine Augen, deren Farbe ich niemals wirklich werde beschreiben können; auch nicht, wenn ich eines Tages die Worte dafür lernen sollte. Ich kann sie bestenfalls mit Dingen, die ich kenne, vergleichen: der schweren Dichte roten Goldes, dem Geruch von Bronze an einem heißen Tag, Begehren und Stolz.
Ich war völlig fasziniert von diesen Augen, aber ich bemerkte auch etwas anderes: Schmerz. Da war so viel Traurigkeit, so viel Trauer, Wut, Schuldgefühl und andere Emotionen. Ich war nicht in der Lage, sie näher zu bezeichnen, denn letzten Endes hatte ich bisher ein relativ glückliches Leben geführt. Es gibt gewisse Dinge, die man nur durch Erfahrung verstehen lernt, und es gibt einige Erfahrungen, die niemand teilen möchte.
Hmm. Vielleicht sollte ich Euch etwas über mich erzählen, bevor ich fortfahre.
Wie ich bereits sagte, bin ich eine Art Künstlerin. Ich verdiene, oder besser verdiente meinen Lebensunterhalt damit, kleine Kunstwerke und Andenken an Auswärtige zu verkaufen. Außerdem male ich, obwohl meine Gemälde nicht für die Augen anderer bestimmt sind. Darüber hinaus bin ich nichts Besonderes. Ich sehe Magie und Götter, aber das kann jeder; ich sagte ja, dass sie überall sind. Wahrscheinlich nehme ich sie nur häufiger wahr, weil ich nichts anderes sehen kann.
Meine Eltern nannten mich Oree. Wie den Ruf des südöstlichen Tränenvogels - habt Ihr ihn schon einmal gehört? Er scheint zu schluchzen, wenn er ruft: orte-, Luftschnappen, orte, Luftschnappen. Die meisten Mädchen in Maroneh werden nach solch traurigen Dingen benannt. Es könnte schlimmer sein - die Jungs bekommen ihre Namen aus Rache. Deprimierend, nicht wahr? Das sind die Gründe, warum ich fortgegangen bin.
Allerdings habe ich auch nie die Worte meiner Mutter vergessen: Es ist keine Schande, Hilfe zu benötigen. Es gibt für jeden von uns Dinge, die wir nicht alleine bewältigen können.
Also, der Mann im Abfall? Ich nahm ihn mit zu mir, säuberte ihn und setzte ihm ein gutes Mahl vor. Und weil ich genug Platz hatte, erlaubte ich ihm, bei mir zu bleiben. Es war das Richtige. Das Menschliche. Ich denke, ich fühlte mich auch einsam nach der ganzen Angelegenheit mit Madding. Außerdem, so redete ich mir ein, schadete es niemandem.
Ich kann mich daran erinnern, dass es später Vormittag war.
Gartenarbeit war meine Lieblingsbeschäftigung. Ich hatte darum kämpfen müssen, denn die Terrassen meiner Mutter waren in der ganzen Umgebung berühmt, und sie wollte sie mir nicht anvertrauen. Ich konnte ihr daraus auch keinen Vorwurf machen - mein Vater lachte immer noch über das Ergebnis meines einzigen Versuchs, die Wäsche zu waschen.
'Oree', pflegte sie jedes Mal zu sagen, wenn ich meine Unabhängigkeit unter Beweis stellen wollte, 'es ist keine Schande, Hilfe zu benötigen. Es gibt für jeden von uns Dinge, die wir nicht alleine bewältigen können.'
Gartenarbeit gehörte allerdings nicht zu diesen Dingen. Meine Mutter fürchtete das Unkrautjäten, weil viele der wild wuchernden Pflanzen, die in Nimaro wuchsen, ihren wertvollsten Kräutern sehr ähnlich sahen. Mogelfarn beispielsweise hatte die gleichen fächerartigen Wedel wie Süßzorn; Laufender Weißdorn und Ockerine besaßen Dornen, die in die Finger piksten. Aber die Kräuter und das Unkraut rochen völlig unterschiedlich. Deshalb verstand ich nie, warum sie damit solche Probleme hatte.
Ganz selten ließen Geruch und Tastsinn mich gleichzeitig im Stich. Dann legte ich den Rand eines Blattes an meine Lippen oder strich mit meiner Hand durch die Blätter und lauschte, wie sie wieder in ihre Ausgangsposition zurückschnellten. Danach hatte ich keine Zweifel mehr. Irgendwann musste Mama dann zugeben, dass ich während der gesamten Saison nicht eine einzige gute Pflanze weggeworfen hatte. Für das nächste Jahr wollte ich um meine eigene Terrasse bitten.
Normalerweise ging ich stundenlang in meiner Arbeit in den Gärten auf, aber etwas war anders an diesem Morgen. Ich bemerkte es, sobald ich das Haus verlassen hatte: Die Luft wirkte dünn wie Pergament. Eine aufgestaute Spannung schien darin zu liegen. Als die Stürme losbrachen, vergaß ich das Unkraut und setzte mich auf. Instinktiv orientierte ich mich am Himmel.
Und ich konnte sehen.
In der Ferne - erst später lernte ich, dass es so hieß - sah ich ausgedehnte, unförmige Flecken Dunkelheit, gesäumt von einem Energiefeld. Ich riss erstaunt den Mund auf und sah, wie große, lanzenartige Gebilde - deren Helligkeit in meinen Augen schmerzte, und das war mir noch nie passiert - heranschossen und die Flecken zerstörten. Aber die Überreste der dunklen Flecken veränderten sich. Sie wurden zu flüssigen Tentakeln, die sich um die Lanzen wickelten und sie verschlangen. Das Licht veränderte sich ebenfalls und wurde zu rasiermesserscharfen Scheiben, die sich blitzschnell drehten und die Tentakel zerschnitten. So ging es weiter, hin und her, Finsternis gegen Licht, und beide gewannen nie länger als für einen kurzen Moment die Oberhand. Während der ganzen Zeit hörte ich donnerähnliche Geräusche, aber es roch nicht nach Regen.
Andere sahen es ebenfalls. Ich hörte, wie sie aus ihren Häusern und Läden kamen, wie sie murmelten und Rufe ausstießen. Niemand hatte allerdings wirklich Angst. Das Merkwürdige fand alles am Himmel statt, viel zu weit über unserem irdischen Leben, um eine Rolle zu spielen.
Während ich dort kniete und meine Finger noch tief im Schmutz steckten, bemerkte ich etwas, das sonst niemand wahrnahm: ein Beben tief in der Erde. Nein, es war nicht gerade ein Beben; es war die Spannung, die ich zuvor gespürt hatte, als ob etwas aufgestaut war. Das war gar nicht am Himmel gewesen.
Ich sprang auf die Füße, griff nach meinem Gehstock und eilte zum Haus. Mein Vater war auf dem Markt, aber meine Mutter hielt sich im Haus auf, und wenn tatsächlich ein Erdbeben im Anzug war, musste ich sie warnen. Ich rannte die Stufen zur Veranda hinauf und riss die wacklige alte Tür auf. Dabei rief ich, sie solle herauskommen und sich beeilen.
Dann hörte ich es herankommen. Es war nicht mehr länger nur auf das Innere der Erde beschränkt und rollte aus dem Nordwesten heran - aus der Richtung, in der sich Elysium, die große Stadt, befand. Jemand singt, dachte ich zunächst. Nicht jemand, aber viele. Es waren tausend Stimmen, die gleichzeitig erklangen. Das Lied war kaum hörbar. Sein Text bestand aus einem einzigen mächtigen Wort, das die ganze Welt mit seiner Kraft erschütterte.
Das Wort, aus dem es bestand, lautete: wachse.
Ihr müsst das verstehen. Ich hatte schon immer die Fähigkeit, Magie zu sehen, aber bis dahin war Nimaro für mich überwiegend dunkel gewesen. Es war ein ruhiges Land voller verschlafener, kleiner Städte und Dörfer. Meins machte da keine Ausnahme. Magie gehörte in die Städte. Sie war exotisch, teuer und für arme, einfache Leute wie mich unerreichbar. Ich bekam sie nur ganz selten zu sehen und auch dann nur im Geheimen.
Aber jetzt waren überall Licht und Farbe. Alles ergoss sich über den Boden und die Straße, legte sich über jedes Blatt und jeden Grashalm, über die Kopfsteine und die Holzbalken unseres Vorgartens. So viel! Mir war nie klargeworden, dass zu der Welt, die mich umgab, so viel gehörte. Die Magie verlieh den Wänden Struktur und Linien, so dass ich zum ersten Mal in meinem Leben mein Elternhaus wirklich sah. Sie umsäumte die Bäume um mich herum, den alten Pferdekarren, der neben dem Haus stand - zuerst wusste ich gar nicht, was das war - und die Leute, die mit weit aufgerissenen Mündern draußen auf der Straße standen. Ich sah das alles - ich sah es wirklich, so, wie die anderen auch. Vielleicht sah ich auch mehr als sie, ich weiß es nicht. Aber den Moment werde ich für immer in meinem Herzen bewahren: die Rückkehr von etwas Wunderbarem. Die Wiederzusammensetzung von etwas lange Zerbrochenem. Die Wiedergeburt des Lebens.
An dem Abend erfuhr ich vom Tod meines Vaters.
Einen Monat später machte ich mich auf den Weg in die Stadt Elysium, um dort ein neues Leben zu beginnen.
So vergingen zehn Jahre.
'Weggeworfene Schätze'
Bitte helft mir', sagte die Frau. Ich erkannte sofort ihre Stimme. Sie, ihr Mann und zwei Kinder hatten sich vor ungefähr einer Stunde an meinem Tisch einen Wandteppich angesehen, ihn aber nicht gekauft. Sie war verärgert gewesen. Der Teppich war teuer, ihre Kinder drängten. Jetzt hatte sie Angst. Ihre Stimme klang ruhig, hatte aber unterschwellig einen ängstlichen Unterton.
'Worum geht es?', fragte ich.
'Meine Familie. Ich kann sie nicht finden.'
Ich legte mein freundlichstes Sonntagslächeln auf. 'Vielleicht sind sie nur kurz weggegangen. Es ist leicht, sich hier in der Nähe des Stammes zu verlieren. Wo habt Ihr sie zuletzt gesehen?'
'Da.' Ich hörte, wie sie sich bewegte. Wahrscheinlich zeigte sie mit dem Finger. Sie bemerkte ihren Fehler nach einem Moment. Wie üblich war auch sie plötzlich peinlich berührt. 'Äh _ tut mir leid, ich frage jemand anderen
'Wie Ihr wünscht', sagte ich leichthin, 'aber wenn Ihr von der hübschen, sauberen Gasse dort drüben in der Nähe der
Weißen Halle sprecht, dann weiß ich wahrscheinlich, was passiert ist.'
Sie schnappte hörbar nach Luft, und ich wusste, dass ich richtig geraten hatte. 'Woher wisst Ihr
Ich hörte, wie Ohn - einer der anderen Kunsthändler in meiner Nähe auf dieser Seite des Parks - leise schnaubte. Daraufhin musste ich lächeln, und ich hoffte, dass die Frau dies als Freundlichkeit und nicht als Belustigung auf ihre Kosten auslegte.
'Sind sie in die Gasse hineingegangen?', fragte ich.
'Ja ^ also Die Frau zappelte unruhig; ich hörte, wie sie ihre Hände aneinanderrieb. Ich kannte das Problem bereits, aber ich überließ es ihr, damit klarzukommen. Niemand mag es, wenn man ihm sein Fehlverhalten unter die Nase reibt. 'Es ist nur _ mein Sohn musste mal, aber keins der Geschäfte hier wollte ihm erlauben, die Toilette zu benutzen, wenn wir nichts kaufen. Wir haben nicht viel Geld
Diese Ausrede hatte sie bei mir schon benutzt, um meinen Wandteppich nicht zu kaufen. Mir machte das nichts aus - ich war die Erste, die bereitwillig eingestand, dass niemand etwas von dem, was ich verkaufte, tatsächlich brauchte -, aber es ärgerte mich, dass sie es so auf die Spitze getrieben hatte. Zu geizig zu sein, um einen Wandteppich zu kaufen, war eine Sache, aber zu geizig für einen Imbiss oder eine Kleinigkeit? Das war alles, was wir Geschäftsleute von den Auswärtigen als Gegenleistung dafür verlangten, dass sie uns anstarrten, unsere Stammkunden verdrängten und sich dann noch darüber beschwerten, wie unfreundlich die Stadtbewohner doch seien.
Ich beschloss, sie nicht darauf hinzuweisen, dass ihre Familie die _ Örtlichkeiten in der Weißen Halle umsonst hätte benutzen können.
'In dieser Gasse gibt es eine einzigartige Einrichtung', erklärte ich stattdessen. 'Jeder, der die Gasse betritt und sich entkleidet - und sei es nur teilweise -, wird in die Mitte des Sonnenmarkts versetzt.'
Die Marktleute hatten an dem Ankunftsort eine Bühne errichtet, damit man die unglückseligen Leute, die dort mit blankem Hintern auftauchten, besser auslachen konnte. 'Wenn Ihr zum Markt geht, werdet Ihre Eure Familie wahrscheinlich finden.'
'Oh, der Lady sei Dank', sagte die Frau. Dieser Satz hatte in meinen Ohren schon immer seltsam geklungen. 'Ich danke Euch. Ich habe Sachen über diese Stadt gehört _ Ich wollte nicht herkommen, aber mein Mann - er ist aus Hochnord - wollte den Baum der Lady sehen.' Sie stieß einen langen Atemzug aus. 'Wie komme ich zu dem Markt?'
Endlich. 'Nun, er ist in Westschatten. Das hier ist Ostschatten. Wescha, Oscha.'
'Wie bitte?'
'Das sind die Namen, die hier gebräuchlich sind, falls Ihr nach dem Weg fragen müsst.'
'Oh. Aber _ Schatten? Ich hörte, dass die Leute dieses Wort benutzen, aber der Name der Stadt ist
Ich schüttelte den Kopf. 'Wie gesagt, die Menschen, die hier leben, benutzen diesen Namen nicht.' Ich zeigte nach oben, wo ich undeutlich die geisterhaften grünen Wellen des ständig rauschenden Blätterdachs des Weltenbaums ausmachen konnte. Die Wurzeln und der Stamm waren dunkel für mich, und die lebendige Magie des Baums blieb verborgen unter der äußeren Rinde, die einige Fuß dick war. Seine zarten Blätter aber tanzten und glitzerten an der Grenze meiner Sehkraft. Manchmal beobachtete ich sie stundenlang.
'Wir haben hier nicht viel von Elysium', sagte ich. 'Seht Ihr?'
'Oh. Ich _ ich verstehe.'
Ich nickte. 'Ihr müsst die Kutsche bis zur Wurzelwand an der Sechsten Straße nehmen. Von dort nehmt entweder die Fähre oder lauft über den aufgeschütteten Pfad im Tunnel. Um diese Tageszeit dürften sie die Laternen für die Auswärtigen voll aufgedreht haben, also sollte das kein Problem sein. Es gibt nichts Schlimmeres, als in der Dunkelheit durch die Wurzel zu laufen - nicht, dass mir das etwas ausmacht.' Ich grinste sie an, damit sie sich nicht unbehaglich fühlte. 'Man glaubt gar nicht, wie viele Leute sich über ein wenig Dunkelheit aufregen können. Also, wenn Ihr auf der anderen Seite angekommen seid, befindet Ihr Euch in Wescha. Ihr könnt entweder eine der Mietkutschen nehmen, die man dort überall findet, oder zum Sonnenmarkt laufen. Es ist nicht weit. Lasst den Baum zu Eurer Rechten liegen.'
Da war wieder dieses Entsetzen in ihrer Stimme, als sie mich unterbrach. 'Diese Stadt _ Wie soll ich denn _ Ich werde mich verlaufen. O Dämonen - und mein Mann ist da noch schlimmer. Er verläuft sich ständig. Er wird versuchen, hierher zurückzufinden, und ich habe den Geldbeutel, und
'Kein Problem', sagte ich mit vielgeübtem Mitleid. Ich beugte mich über den Tisch, achtete sorgfältig darauf, nicht die geschnitzten Holzskulpturen zu verschieben, und zeigte auf das andere Ende der Künstlerzeile. 'Wenn Ihr möchtet, kann ich Euch einen guten Führer empfehlen. Er wird Euch schnell dorthin geleiten.'
Ich nahm an, dass sie dafür zu geizig war. Ihre Familie hätte in der Gasse verprügelt, beraubt und in Felsen verwandelt werden können. War dieses Risiko wirklich das bisschen Geld wert, das sie gespart hatten? Ich hatte Pilger noch nie verstanden.
'Wie viel?', fragte sie und klang bereits unsicher.
'Das müsst Ihr den Führer fragen. Soll ich ihn herbeirufen?'
'Ich Sie trat von einem Fuß auf den anderen, und man roch förmlich ihren Widerwillen.
'Oder Ihr könntet das hier kaufen', schlug ich vor. Ich drehte mich geschmeidig in meinem Stuhl um und hob eine kleine Schriftrolle auf. 'Das ist eine Karte. Darauf sind auch alle Götterpunkte verzeichnet, also jene Orte, die von Gottkindern mit Magie versehen wurden, wie zum Beispiel jene Gasse.'
'Mit Magie _ Ihr meint, das hat ein Gottkind getan?'
'Wahrscheinlich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Schreiber sich damit abgeben, Ihr etwa?'
Sie seufzte. 'Wird diese Karte mir helfen, diesen Markt zu erreichen?'
'Oh, natürlich.' Ich entrollte die Karte, damit sie einen Blick darauf werfen konnte. Sie starrte eine ganze Weile darauf und hoffte wahrscheinlich, dass sie sich den Weg zum Markt merken konnte, ohne die Karte kaufen zu müssen. Das konnte sie gerne versuchen. Wenn sie in der Lage war, sich die gewundenen Straßen Schattens, die auf der Karte noch zusätzlich von Baumwurzeln und gelegentlichen Notizen über diesen oder jenen Götterpunkt unterbrochen wurden, so leicht zu merken, dann verdiente sie einen kostenlosen Blick.
'Wie viel?', fragte sie schließlich und suchte nach ihrer Geldbörse.
Nachdem die Frau gegangen war und sich ihre unruhigen Schritte in den Geräuschen, die permanent auf der Promenade herrschten, verloren hatten, schlenderte Ohn herüber. 'Du bist so nett, Oree', sagte er.
Ich grinste. 'Ja, nicht wahr? Ich hätte ihr zwar sagen können, dass sie nur in die Gasse gehen und ihre Röcke ein wenig anheben muss, damit sie einen Herzschlag später bei ihrer Familie ist, aber ich musste doch ihre Würde bewahren, oder nicht?'
Ohn zuckte mit den Schultern. 'Wenn sie nicht von selbst darauf kommen, ist es ihre Schuld, nicht deine.' Er seufzte hinter der Frau her. 'Es ist doch zu schade, wenn man eine Pilgerreise hierher unternimmt und dann die halbe Zeit verloren umherirrt.'
'Eines Tages wird sie in der Erinnerung daran schwelgen.' Ich stand auf und reckte mich. Mein Rücken schmerzte, da ich den ganzen Vormittag gesessen hatte. 'Behalte meinen Tisch bitte mal für mich im Auge, ja? Ich mache einen kleinen Spaziergang.'
'Lügnerin.' Ich grinste, als ich die heiser grummelnde Stimme von Vuroy, einem weiteren Verkäufer der Zeile, hörte, der nun ebenfalls hinzukam. Er blieb bei Ohn stehen. Ich stellte mir vor, wie er liebevoll den Arm um Ohns Schultern legte. Die beiden und Ru - auch sie Verkäuferin an der Zeile - waren ein Trio, und Vuroy war sehr besitzergreifend. 'Du willst doch nur in der Gasse nachsehen, ob ihr Dämlich-wie-Dämonen-Mann und die Bälger etwas verloren haben, bevor die Magie sie erwischte.'
'Warum sollte ich das wohl tun wollen?', fragte ich in meinem zuckersüßesten Tonfall, obwohl ich mir das Lachen kaum verkneifen konnte. Sogar Ohn hatte Mühe, ein Kichern zu unterdrücken.
'Wenn du etwas findest, dann teile es gefälligst', forderte er.
Ich warf ihm eine Kusshand zu. 'Wer's findet, darf's behalten. Es sei denn, du möchtest Vuroy als Gegenleistung teilen?'
'Wer's findet, darf's behalten', konterte er. Dann hörte ich, wie Vuroy lachte und ihn in seine Arme zog. Ich ging los und konzentrierte mich auf das tapp-tapp meines Stocks, damit ich nicht hörte, wie sie sich küssten. Natürlich hatte ich das mit dem Teilen als Witz gemeint, aber es gab immer noch Dinge, denen ein alleinstehendes Mädchen lieber aus dem Weg ging, wenn sie selbst nicht auch ein wenig davon bekommen konnte.
Die Gasse, die sich jenseits des breiten Gehsteigs der Künstlerzeile befand, war leicht zu finden, weil ihre Wände und der Boden sich von dem grünen Schein, den der Weltenbaum überall verbreitete, blass abhoben. Sie waren nicht sehr hell; für die Gottkinder war das nur unbedeutende Magie. Sogar ein Sterblicher hätte das fertiggebracht. Er brauchte nur ein paar ziselierte Siegel und musste ein Vermögen in die Auslösertinte investieren. Gewöhnlich sah ich höchstens ein Gitter aus Licht, das sich um den Mörtel zwischen den Ziegeln rankte, aber dieser Götterpunkt war vor Kurzem aktiviert worden und brauchte einige Zeit, bis er wieder zur Ruhe kam und verblasste.
Ich blieb am Eingang der Gasse stehen und lauschte angestrengt. Die Promenade war ein großer Kreis im Herzen der Stadt, wo Fußgängerverkehr auf Kutschenstraßen traf. Zusammen bildeten sie einen Kreis um einen breiten Platz mit Blumenbeeten, schattigen Bäumen und Spazierwegen. Die Pilger versammelten sich gerne dort, weil der Platz die beste Aussicht der Stadt auf den Weltenbaum bot; aus demselben Grund liebten wir Künstler ihn auch. Die Pilger waren immer in der Stimmung, unsere Waren zu kaufen, nachdem sie Gelegenheit gehabt hatten, ihren merkwürdigen neuen Gott anzubeten. Dennoch waren wir uns immer der Weißen Halle bewusst, die nebenan stand. Ihre glänzenden Wände und die Statue von Bright Itempas schienen missbilligend über dem ketzerischen Treiben des Platzes aufzuragen. Die Ordensbewahrer waren heutzutage nicht mehr so streng wie früher, denn es gab jetzt zu viele Götter, die eine Verfolgung ihrer Anhänger übelnehmen konnten. Insgesamt gab es zu viel freie Magie in dieser Stadt, und sie waren nicht mehr in der Lage, alles zu überwachen. Dennoch schien es nicht besonders klug, gewisse Dinge direkt vor ihrer Nase zu tun.
Also betrat ich die Gasse erst, nachdem ich sichergestellt hatte, dass sich keine Priester in der Nähe befanden. Es war immer noch ein Risiko, denn auf der Straße war so viel Lärm, dass ich nicht alles hören konnte. Doch für den Fall der Fälle würde ich einfach behaupten, dass ich mich verlaufen hatte.
Ich betrat die relative Stille der Gasse und tastete dabei mit meinem Stock umher, falls ich einer Brieftasche oder sonstigen Wertsachen begegnen sollte. Das Erste, was ich bemerkte, war Blutgeruch. Ich verwarf den Gedanken sofort wieder, weil er unsinnig war. Die Magie war so ausgelegt, dass die Gasse sich von Abfällen reinigte, um unachtsame Pilger leichter anlocken zu können. Ich fand, dass das Gottkind, das sich diese Falle ausgedacht hatte, einen besonders perfiden Sinn fürs Detail hatte. Je weiter ich in die Gasse hineinging, desto deutlicher wurde der Geruch - und desto unbehaglicher fühlte ich mich, weil ich ihn erkannte: Metall und Salz, so widerlich süßlich, wie Blut riecht, wenn es gerinnt und abkühlt. Dennoch war dies nicht der schwere, eisenhaltige Geruch, den das Blut Sterblicher verströmt - dieser war einen Hauch leichter und schärfer. Metalle, die in keiner Sprache der Sterblichen einen Namen besaßen, Salze völlig anderer Seen.
Gottesblut. Hatte hier jemand ein Fläschchen davon fallenlassen? Das wäre allerdings ein sehr teures Versehen. Aber das Gottesblut roch irgendwie _ schal. Falsch. Und da war noch viel, viel mehr davon.
Dann traf mein Stock auf etwas Schweres, Weiches. Ich blieb stehen, und mein Mund war trocken vor Angst.
Ich hockte mich hin, um meinen Fund zu untersuchen. Stoff, sehr weich und fein. Fleisch unter dem Stoff - ein Bein. Kälter, als es sein sollte, aber nicht kalt. Ich tastete mich mit zitternder Hand aufwärts und fand eine kurvige Hüfte, den leicht gewölbten Bauch einer Frau - und dann hielten meine Finger an, als der Stoff plötzlich durchnässt und klebrig war.
Erschrocken riss ich meine Hand zurück und fragte: 'G_ geht es Euch gut?' Das war natürlich eine dumme Frage, weil genau das offensichtlich nicht der Fall war.
Ich konnte sie jetzt sehen. Da war der sehr schwache Umriss einer Person, der den Schimmer des Bodens verdeckte, aber das war alles. Sie hätte eigentlich durch ihre eigene Magie hell leuchten müssen. In dem Moment, als ich die Gasse betrat, hätte ich sie deshalb schon bemerken müssen. Sie hätte nicht bewegungslos sein dürfen, da Gottkinder keinen Schlaf benötigten.
Ich wusste, was das bedeutete. All meine Instinkte riefen es mir zu, aber ich wollte es nicht wahrhaben.
Dann spürte ich eine vertraute Präsenz in meiner Nähe. Ich hörte keine Schritte, die mich warnten, aber das war in Ordnung. Dieses Mal war ich froh, dass er gekommen war.
'Das verstehe ich nicht', flüsterte Madding. In dem Moment musste ich es glauben, denn die Überraschung und das Entsetzen in Maddings Stimme waren nicht zu leugnen.
Ich hatte ein Gottkind gefunden. Ein totes Gottkind.
Viel zu schnell stand ich auf und stolperte, als ich zurückwich. 'Ich auch nicht', sagte ich. Ich umklammerte meinen Stock mit beiden Händen. 'Ich habe sie so gefunden. Aber
Und ich schüttelte den Kopf, weil mir die Worte fehlten.
Ein leiser Glockenklang ertönte. Niemand außer mir schien ihn je zu hören, wie ich vor langer Zeit schon bemerkt hatte. Dann materialisierte Madding im Schein der Gasse: ein stämmiger, kräftig gebauter Mann, der entfernt senmitische Züge trug. Sein Gesicht war dunkelhäutig und faltig, das wirre dunkle Haar im Nacken zu einem Pferdeschwanz gebunden. Er selbst leuchtete nicht - jedenfalls nicht in dieser Gestalt -, aber ich konnte ihn sehen, da er einen kräftigen Kontrast zu dem Schein der Wand bildete. Noch nie hatte ich einen so gepeinigten Ausdruck auf seinem Gesicht gesehen, wie in dem Moment, als er auf die Leiche hinunterstarrte.
'Rolie', sagte er. Zwei Silben. Auf der ersten lag eine schwache Betonung. 'Oh, Schwester. Wer hat dir das angetan?'
Und wie?, hätte ich beinahe gefragt, aber Maddings offensichtliche Trauer ließ mich schweigen.
Er ging zu ihr, diesem Gottkind, das eigentlich nicht tot sein konnte, und streckte die Hand aus, um einen Körperteil zu berühren. Ich konnte nicht sehen, welchen. Seine Finger schienen sich aufzulösen, als er sie gegen die Haut drückte. 'Das ergibt keinen Sinn', sagte er sehr leise. Das allein bewies, wie verstört er war - normalerweise benahm er sich immer wie der zähe, ungehobelte Sterbliche, als der er auftrat. Bisher hatte er nur mir gegenüber Sanftmut gezeigt, wenn wir unter uns waren.
'Was könnte ein Gottkind töten?', fragte ich. Diesmal stotterte ich nicht.
'Nichts. Ein anderes Gottkind vielleicht, aber dafür wäre mehr reine Magie notwendig, als du dir vorstellen kannst. Jeder von uns hätte es gespürt. Wir wären gekommen, um nachzusehen. Aber Rolie hatte keine Feinde, warum sollte jemand ihr etwas antun wollen? Es sei denn Er runzelte die Stirn. Seine Konzentration ließ nach, und gleichzeitig verblasste sein Bild. Seine menschliche Form verschwamm zu etwas Schimmerndem, das flüssig-grün war und wie die frischen Blätter eines Baumes roch. 'Nein, warum sollte einer der beiden das getan haben? Das ergibt keinen Sinn.'
Ich ging zu ihm und legte ihm eine Hand auf die schimmernde Schulter. Nach einer Weile berührte er in schweigender Dankbarkeit meine Hand, aber mir war klar, dass die Geste ihn nicht getröstet hatte.
'Es tut mir leid, Mad. Es tut mir so leid.'
Er nickte langsam. Dann bekam er sich in den Griff und wurde wieder zum Menschen. 'Ich muss los. Unsere Eltern _ jemand muss es ihnen sagen. Wenn sie es nicht bereits wissen.' Er seufzte, schüttelte den Kopf und stand auf.
'Brauchst du etwas?'
Er zögerte, und das war erfreulich. Es gibt gewisse Reaktionen, die ein Mädchen gern bei ihrem Geliebten sieht - und sei es auch nur ein verflossener Geliebter. Dieser Verflossene strich mit einem Finger über meine Wange, und meine Haut prickelte. 'Nein. Aber danke.'
Ich hatte nicht darauf geachtet, während wir uns unterhielten, aber inzwischen hatte sich eine Menge am Eingang der Gasse versammelt. Jemand hatte uns und die Leiche gesehen, und - wie in jeder Stadt - so hatte auch hier ein Gaffer weitere angezogen. Als Madding die Leiche aufhob, schnappten die Sterblichen, die zusahen, vernehmlich nach Luft, und ein entsetzter Aufschrei ertönte, als jemand seine Last erkannte. Rolie war also bekannt. Möglicherweise war sie eins der Gottkinder, die eine kleine Anhängerschar um sich versammelt hatten. Das bedeutete, dass die Nachricht sich bis zum Abend in der ganzen Stadt verbreitet haben würde.
Madding nickte mir zu und verschwand. Zwei Schatten in der Gasse näherten sich und verweilten nahe der Stelle, an der Rolie gelegen hatte, aber ich sah nicht zu ihnen hin. Ich konnte Gottkinder immer sehen, es sei denn, sie gaben sich viel Mühe, unerkannt zu bleiben. Nicht alle mochten das. Es handelte sich wahrscheinlich um Maddings Leute. Er hatte einige Geschwister, die für ihn als Wachen und Helfer arbeiteten. Es würden bestimmt noch andere kommen, um ihren Respekt zu erweisen. Auch unter ihnen würde sich die Nachricht schnell verbreiten.
Seufzend verließ ich die Gasse und drängte mich durch die Menge. Ich beantwortete ihre Fragen nur mit einem knappen: 'Ja, das war Rolie', und 'Ja, sie ist tot', bis ich endlich wieder meinen Tisch erreichte. Ru hatte sich zu Vuroy und Ohn gesellt. Sie nahm meine Hand, sorgte dafür, dass ich mich hinsetzte und fragte, ob ich ein Glas Wasser wollte - oder lieber einen kräftigen Drink. Fürsorglich wischte sie meine Hand mit einem Stofftuch ab. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass sich auf meinen Fingern Gottesblut befunden haben musste.
'Mir geht es gut', sagte ich, obwohl ich davon nicht unbedingt überzeugt war. 'Aber ich könnte ein wenig Hilfe beim Einpacken gebrauchen. Werde wohl früher nach Hause gehen.' Ich hörte, dass andere Künstler entlang der Zeile dasselbe taten. Ein totes Gotteskind machte den Weltenbaum zur zweitinteressantesten Attraktion der Stadt. Für den Rest der Woche konnte ich mich schon auf schlechte Verkäufe einstellen.
Also ging ich heim.
Ich bin, müsst Ihr wissen, eine Frau, die von Göttern geplagt wird.
Früher einmal war es schlimmer. Manchmal schien es, als ob sie überall seien: unter den Füßen, über dem Kopf, um Ecken herumspähend und unter Büschen lauernd. Sie hinterließen leuchtende Fußabdrücke auf den Gehsteigen. Ich konnte sehen, dass sie ihre eigenen Lieblingswege für Erkundungen hatten. Sie urinierten gegen die weißen Wände. Sie mussten das nicht tun, also urinieren meine ich, sie fanden es nur lustig, uns nachzuahmen. Ich fand ihre in Lichtspritzern geschriebenen Namen normalerweise an heiligen Orten. Auf diese Weise lernte ich lesen.
Manchmal folgten sie mir nach Hause und machten mir Frühstück. Manchmal versuchten sie, mich zu töten. Gelegentlich kauften sie mir Kleinigkeiten und Statuen - zu welchem Zweck, konnte ich nie ergründen. Und ja, manchmal liebte ich sie.
Ich habe sogar einmal einen in einem Abfalleimer gefunden. Das hört sich verrückt an, nicht wahr? Aber es ist wahr. Wenn ich, als ich mein Zuhause für diese schöne, lächerliche Stadt verließ, gewusst hätte, dass mein Leben so verlaufen würde, hätte ich es mir noch einmal überlegt. Aber ich hätte es wohl trotzdem getan.
Also der im Abfalleimer. Ich sollte Euch mehr über ihn erzählen.
Eines Abends war ich bis spät auf - oder bis früh -, weil ich an einem Gemälde gearbeitet hatte. Ich war hinter mein Haus gegangen, um die übriggebliebene Farbe loszuwerden, bevor sie eintrocknete und mir die Tiegel ruinierte. Das heißt, ich wollte die Unratsammler, die üblicherweise mit ihren stinkenden Karren im Morgengrauen kamen, nicht verpassen. Sie schafften den Inhalt der Abfalleimer weg und durchsuchten sie nach Faulschlamm und allem, was irgendwie von Wert sein konnte. Ich bemerkte nicht einmal, dass sich dort ein Mann befand, weil er wie der restliche Abfall roch. Er lag wie tot da. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, war er das wahrscheinlich auch.
Ich kippte die Farbe aus und wäre wieder hineingegangen, wenn ich nicht aus einem Augenwinkel heraus ein seltsames Leuchten bemerkt hätte. Eigentlich war ich so müde, dass ich es gar nicht hätte beachten sollen. Nach zehn Jahren in Schatten hatte ich mich an die Hinterlassenschaften von Gottkindern gewöhnt. Höchstwahrscheinlich hatte sich dort eins nach durch- zechter Nacht erbrochen, oder sich inmitten dieser Ausdünstungen bei einem Stelldichein verausgabt. Die neuen machten das gerne: Für ungefähr eine Woche spielten sie Sterbliche, bevor sie das Leben aufnahmen, das sie unter uns zu leben gedachten. Die Einführung war grundsätzlich mit Chaos verbunden.
Deshalb weiß ich auch nicht, warum ich an diesem kalten Wintermorgen zögerte. Ein Instinkt sagte mir, ich solle meinen Kopf drehen. Ich weiß nicht, warum ich darauf hörte, aber ich tat es. Das war der Zeitpunkt, an dem ich sah, wie Herrlichkeit in einem Haufen Unrat erwachte.
Zunächst sah ich nur zarte goldene Linien, die die Gestalt eines Mannes zeichneten. Tautropfen schimmernden Silbers perlten über sein Fleisch, liefen als kleine Rinnsale an ihm herab und erhellten die weichen Konturen der Hautstruktur. Ich sah, wie einige dieser Rinnsale das Unmögliche taten und aufwärtsliefen. Dort entzündeten sie Fäden seines Haars und die eingemeißelten Linien seines Gesichts.
Ich stand da, meine Hände waren feucht von der Farbe, die offene Haustür hinter mir war vergessen, und ich sah, wie dieser leuchtende Mann einmal tief einatmete. Dadurch schimmerte er noch schöner. Dann öffnete er seine Augen, deren Farbe ich niemals wirklich werde beschreiben können; auch nicht, wenn ich eines Tages die Worte dafür lernen sollte. Ich kann sie bestenfalls mit Dingen, die ich kenne, vergleichen: der schweren Dichte roten Goldes, dem Geruch von Bronze an einem heißen Tag, Begehren und Stolz.
Ich war völlig fasziniert von diesen Augen, aber ich bemerkte auch etwas anderes: Schmerz. Da war so viel Traurigkeit, so viel Trauer, Wut, Schuldgefühl und andere Emotionen. Ich war nicht in der Lage, sie näher zu bezeichnen, denn letzten Endes hatte ich bisher ein relativ glückliches Leben geführt. Es gibt gewisse Dinge, die man nur durch Erfahrung verstehen lernt, und es gibt einige Erfahrungen, die niemand teilen möchte.
Hmm. Vielleicht sollte ich Euch etwas über mich erzählen, bevor ich fortfahre.
Wie ich bereits sagte, bin ich eine Art Künstlerin. Ich verdiene, oder besser verdiente meinen Lebensunterhalt damit, kleine Kunstwerke und Andenken an Auswärtige zu verkaufen. Außerdem male ich, obwohl meine Gemälde nicht für die Augen anderer bestimmt sind. Darüber hinaus bin ich nichts Besonderes. Ich sehe Magie und Götter, aber das kann jeder; ich sagte ja, dass sie überall sind. Wahrscheinlich nehme ich sie nur häufiger wahr, weil ich nichts anderes sehen kann.
Meine Eltern nannten mich Oree. Wie den Ruf des südöstlichen Tränenvogels - habt Ihr ihn schon einmal gehört? Er scheint zu schluchzen, wenn er ruft: orte-, Luftschnappen, orte, Luftschnappen. Die meisten Mädchen in Maroneh werden nach solch traurigen Dingen benannt. Es könnte schlimmer sein - die Jungs bekommen ihre Namen aus Rache. Deprimierend, nicht wahr? Das sind die Gründe, warum ich fortgegangen bin.
Allerdings habe ich auch nie die Worte meiner Mutter vergessen: Es ist keine Schande, Hilfe zu benötigen. Es gibt für jeden von uns Dinge, die wir nicht alleine bewältigen können.
Also, der Mann im Abfall? Ich nahm ihn mit zu mir, säuberte ihn und setzte ihm ein gutes Mahl vor. Und weil ich genug Platz hatte, erlaubte ich ihm, bei mir zu bleiben. Es war das Richtige. Das Menschliche. Ich denke, ich fühlte mich auch einsam nach der ganzen Angelegenheit mit Madding. Außerdem, so redete ich mir ein, schadete es niemandem.