Verdammte Seele
Gay Dark Mystic Fantasyroman
Patricia Jankowski(Author)
Michaela Nelamischkies(Editor)
Fantasy Welt Zone (Publisher)
1st Edition
Published on 11. February 2012
Book
Paperback/Softback
180 pages
978-3-942539-22-7 (ISBN)
Description
Schmerz, Freude, Einsamkeit, Wut.
Was passiert, wenn man eine Verbindung zur Seele eines Vampirs bekommt, der eigentlich gar keine Seele mehr haben dürfte?
Gabriel erhält Einblicke in die dämonische Vergangenheit Aidans und gerät in einen Strudel der Sucht. Er will mehr und immer mehr von diesen Bildern, diesen Empfindungen, als er in sich selbst wohl das stärkste aller Gefühle wachsen spürt: Liebe.
Schnell geraten Gabriel und seine Freunde zwischen die Fronten eines uralten Krieges, bei dem nicht nur Aidans Seele auf dem Spiel steht, sondern der Fortbestand der gesamten Menschheit.
Was passiert, wenn man eine Verbindung zur Seele eines Vampirs bekommt, der eigentlich gar keine Seele mehr haben dürfte?
Gabriel erhält Einblicke in die dämonische Vergangenheit Aidans und gerät in einen Strudel der Sucht. Er will mehr und immer mehr von diesen Bildern, diesen Empfindungen, als er in sich selbst wohl das stärkste aller Gefühle wachsen spürt: Liebe.
Schnell geraten Gabriel und seine Freunde zwischen die Fronten eines uralten Krieges, bei dem nicht nur Aidans Seele auf dem Spiel steht, sondern der Fortbestand der gesamten Menschheit.
More details
Series
Edition
1., Auflage
Language
German
Dimensions
Height: 22 cm
Width: 17 cm
ISBN-13
978-3-942539-22-7 (9783942539227)
Schweitzer Classification
Persons
Patricia Jankowski wurde 1973 in Kassel geboren.
Sie ist Bilanzbuchhalterin und betreut zur Zeit die Firma ihres Mannes. Mit ihm und ihren beiden Söhnen lebt sie am Südrand der Lüneburger Heide.
Ihren ersten Roman schrieb sie bereits im zarten Alter von elf Jahren. Seit dem haben unzählige Werke ihre Finger verlassen.
Einem bestimmten Genre lassen sich ihre Geschichten bewußt nicht zuordnen. Von historischen Romanen bis hin zu Gesellschaftstudien ist fast alles vertreten, dabei dreht es sich allerdings immer auch um die Liebe.
Zur Zeit feilt sie an Teil zwei und drei ihrer Reihe um Aidan Kavanaugh.
Sie ist Bilanzbuchhalterin und betreut zur Zeit die Firma ihres Mannes. Mit ihm und ihren beiden Söhnen lebt sie am Südrand der Lüneburger Heide.
Ihren ersten Roman schrieb sie bereits im zarten Alter von elf Jahren. Seit dem haben unzählige Werke ihre Finger verlassen.
Einem bestimmten Genre lassen sich ihre Geschichten bewußt nicht zuordnen. Von historischen Romanen bis hin zu Gesellschaftstudien ist fast alles vertreten, dabei dreht es sich allerdings immer auch um die Liebe.
Zur Zeit feilt sie an Teil zwei und drei ihrer Reihe um Aidan Kavanaugh.
Content
Schmerz, Freude, Einsamkeit, Wut.
Was passiert, wenn man eine Verbindung zur Seele eines Vampirs bekommt, der eigentlich gar keine Seele mehr haben dürfte?
Gabriel erhält Einblicke in die dämonische Vergangenheit Aidans und gerät in einen Strudel der Sucht. Er will mehr und immer mehr von diesen Bildern, diesen Empfindungen, als er in sich selbst wohl das stärkste aller Gefühle wachsen spürt: Liebe.
Schnell geraten Gabriel und seine Freunde zwischen die Fronten eines uralten Krieges, bei dem nicht nur Aidans Seele auf dem Spiel steht, sondern der Fortbestand der gesamten Menschheit.
Was passiert, wenn man eine Verbindung zur Seele eines Vampirs bekommt, der eigentlich gar keine Seele mehr haben dürfte?
Gabriel erhält Einblicke in die dämonische Vergangenheit Aidans und gerät in einen Strudel der Sucht. Er will mehr und immer mehr von diesen Bildern, diesen Empfindungen, als er in sich selbst wohl das stärkste aller Gefühle wachsen spürt: Liebe.
Schnell geraten Gabriel und seine Freunde zwischen die Fronten eines uralten Krieges, bei dem nicht nur Aidans Seele auf dem Spiel steht, sondern der Fortbestand der gesamten Menschheit.
"So ein verdammter Mist!" Birthe schlug wütend auf das Lenkrad, obwohl ihr das sicherlich auch nicht weiterhelfen würde.
Nicht genug, daß es wie aus Kübeln goß, nein, ihr verdammter Wagen mußte auch noch eine Panne haben, ausgerechnet, wenn sie zu einem wichtigen Abendessen mußte!
"Das darf doch alles nicht wahr sein!", fluchte sie und betrachtete mißmutig die Regengüsse, die an ihrer Frontscheibe herunter flossen. Sie überlegte ernsthaft, ob es Sinn hatte, überhaupt auszusteigen und nach dem Motor zu sehen. Denn wenn sie das tat, würde sie bis auf die Knochen naß werden, dann konnte sie das Abendessen sowieso in den Wind schießen.
Andererseits. sie konnte auch schlecht hier sitzen bleiben und warten, bis ihr Auto sich von alleine bequemte, wieder anzuspringen!
Sie haderte noch mit ihrem Schicksal, als es neben ihr klopfte. Birthe zuckte erschrocken zusammen und konnte gerade so ein Kreischen unterdrücken. Sie konnte durch die beschlagene Scheibe nicht viel erkennen, aber ein Schemen zeichnete sich gegen die Dunkelheit ab.
"Kann ich Ihnen helfen?", drang eine freundliche Stimme gedämpft zu ihr. "Haben Sie eine Panne?"
"Die verdammte Kiste ist verreckt!", gab Birthe laut zurück und kurbelte das Fenster ein Stückchen herunter. Sofort drang kalter Sprühregen zu ihr herein.
"Es tut mir leid, ich wollte Sie nicht erschrecken", entschuldigte sich der Mann, der neben ihrem Wagen aufgetaucht war. Er tropfte vor Nässe, grinste dabei aber fröhlich. Seine Augen glühten, aber das mußte eine Sinnestäuschung sein, die vom Schrecken herrührte.
"Schon gut", wehrte Birthe ab. "Ich war nur so in Gedanken."
"Kann ich Ihnen helfen?", wiederholte er seine Frage, die Augenbrauen erhoben.
"Wenn Sie etwas von Autos verstehen", lächelte Birthe, obwohl ihr nicht ganz wohl dabei war. Der Herbst war in Norddeutschland weit vorangeschritten, Ende Oktober waren die Abende stockdunkel und unheimlich.
"Ich kann es mir jedenfalls einmal ansehen", bot ihr der Mann an. "Entriegeln Sie mal bitte die Motorhaube."
Er musterte stirnrunzelnd den ölverschmierten Motor, rüttelte hier und drückte da, dann schüttelte er den Kopf und ließ die Motorhaube wieder in ihre Verriegelung einrasten.
"Keine Chance", bedauerte er und trat wieder ans Fenster. "Ich denke, die Kiste braucht eine Generalüberholung."
"So ein verdammter Mist!" Birthe schossen Tränen in die Augen. Sie drehte den Kopf zur Seite, damit der Mann das nicht sehen konnte. "Was mache ich denn jetzt bloß?"
"Wie viel Zeit haben Sie noch bis zu Ihrer Verabredung?" Birthe sah ihn verwundert an, aber er wies nur mit einem Kopfnicken auf ihre Kleidung.
"Oh!", machte sie und zuckte die Schultern. "Knapp eine Stunde."
"In Ordnung. Was halten Sie davon, wenn ich Sie in die Stadt fahre?" Ein freundliches Lächeln huschte über sein Gesicht, aber Birthe verzog unwillig den Mund.
"Ich weiß nicht", setzte sie nachdenklich an, aber der Mann ließ ihr keine Gelegenheit, abzulehnen.
"Kommen Sie, ich beiße schon nicht", grinste er und wies mit einem Kopfnicken auf seinen Geländewagen, der hinter ihrem alten Ford parkte. "Mein Name ist Aidan Kavanagh, ich wohne auf Gut Bonnstedt, bin einseinundneunzig groß und wiege zweiundachtzig Kilo."
Das brachte Birthe befreit zum Lachen und sie zögerte auch nur noch einen Wimpernschlag lang, ehe sie nickte. "In Ordnung", gab sie nach. "Aber wirklich nur, wenn ich Ihnen keine Umstände mache!"
Der Mann grinste flüchtig. "Eine schöne Frau macht nie Umstände", wies er sie zurück. "Haben Sie einen Schirm im Auto?"
Birthe griff danach, während Aidan bereits ihre Tür öffnete und ihr eine Hand reichte.
Er nahm ihr den Schirm ab und hielt ihn auf dem Weg zu seinem Wagen über sie, ehe er die Beifahrertür öffnete und ihr beim Einsteigen half. Wohlige Wärme schlug ihr aus der Lüftung entgegen und sie rieb die Hände aneinander, während Aidan auf den Sitz neben ihr kletterte und die Tür ins Schloß warf.
"Entschuldigung, ich habe mich noch gar nicht vorstellt", fiel Birthe ein. "Mein Name ist Birthe Jelgers."
"Welch ein schöner Name!" Ein flüchtiger Blick, begleitet von einem Lächeln, streifte Birthe. "Sie sind nicht aus der Gegend, nicht wahr? Sie klingen wie eine Städterin. Preußin, würde ich mal vermuten."
"Nein, nicht ganz", schüttelte Birthe den Kopf. "Ich stamme aus der weiteren Gegend, war aber lange weg, zuletzt in Frankfurt."
"Weit weg von zu Hause", kommentierte Aidan wertfrei und Birthe nickte leicht, mehr für sich.
"Was man von Ihnen aber auch sagen kann", griff sie den Faden auf. "Was ist das für ein ungewöhnlicher Name, Aidan Kavanagh?"
Da war sie, die allgegenwärtige Neugier. Ohne die wäre Birthe wahrscheinlich nicht so einfach in den Wagen eines Wildfremden gestiegen, auch wenn ihre Verabredung äußerst wichtig war.
"Ja, das stimmt wohl." Der Mann blickte angestrengt nach vorne, um die Regenwand durchblicken zu können. "Das ist ein irischer Name, ich bin von der Grünen Insel."
"Das hört man aber nicht." Birthe war erstaunt, denn der Mann sprach wirklich ohne jeden Akzent.
"Ich bin schon eine Weile hier", schmunzelte er und sah kurz zu ihr hinüber. "Mögen Sie mir sagen, was für eine Verabredung Sie heute noch haben?"
"Ich habe mich in der hiesigen Bibliothek beworben", erzählte Birthe offen. "Heute Abend soll ich zwei Herren aus dem Verwaltungsrat kennenlernen."
"Oh." Aidan blickte sie kurz an, ehe er wieder auf die Straße sah. "Die Männer haben sich in all den Jahren nicht geändert: sie verstehen es immer noch, die Nöte einer schönen Frau auszunutzen."
Birthe runzelte die Stirn, erwiderte aber nichts darauf, denn eigentlich hatte er Recht: es wäre nicht unbedingt nötig gewesen, sie bei einem Abendessen besser kennen lernen zu wollen.
"Ich weiß mich schon zu wehren", ließ sie sich dennoch zu einem Kommentar hinreißen und Aidan lächelte beschwichtigend.
"Davon bin ich überzeugt", versicherte er ihr und setzte unvermittelt den Blinker. "Es tut mir leid, ich müßte kurz noch bei mir zu Hause vorbei", sagte er mit einem netten Lächeln. "Es ist nur ein kleiner Umweg, wenn Sie gestatten?"
"Oh, natürlich!" Birthe lächelte leicht verkniffen, denn es war für sie nicht wirklich in Ordnung - sie fürchtete sich ein wenig. Sie wäre lieber direkt in die Sicherheit der Kleinstadt gekommen, wo sie auf Hilfe hoffen konnte, sollte sie welche brauchen. Hier draußen war niemand, nur wabernde Nebelschwaden.
"Hier wohnen Sie?" Birthe musterte den Gutshof verblüfft, als Aidan den Wagen stoppte. Vor ihnen ragte die massige Fassade als dunkler Klotz in den Nachthimmel.
"Ja, das ist mein Reich." Aidan drehte sich im Sitz zu ihr um. "Es dauert nur einen Augenblick!"
Damit stieg er aus und ließ sie alleine im Wagen, um durch den Regen zur großen Eingangstür zu rennen. Er verschwand im Inneren und Birthe verfiel in Grübeleien.
Er blieb nicht lange weg und schenkte ihr ein weiteres Lächeln, als er wieder auf den Fahrersitz rutschte. "Dann wollen wir mal!"
Der Wagen rollte die lange Zufahrt wieder hinunter zur Landstraße. Wenig später erreichten sie die Stadt und Aidan schlug, ohne zu fragen, den Weg in die Innenstadt ein. Sie fuhren schweigend durch die mäßig belebten Straßen, bis er schließlich vor einem guten Restaurant stoppte.
Birthe runzelte die Stirn: hatte sie ihm vorhin gesagt, wo sie ihre Verabredung hatte? Mußte sie wohl, denn Aidan hatte nicht gefragt.
Ehe sie der Sache weiter nachgehen konnte, öffnete ihr der Portier des Restaurants die Tür und hielt ihr einen Schirm hin, unter dessen Schutz sie aussteigen konnte.
"Vielen Dank für Ihre Hilfe", bedankte sie sich ehrlich bei Aidan.
"Gerne geschehen", gab er leise zurück. "Und viel Glück!"
Birthe nickte zum Dank, dann stieg sie aus und Aidan fuhr davon.
****
Birthe war glücklich: Das Gespräch mit den beiden Herren war hervorragend gelaufen, sie hatte den Job in der Tasche und man hatte sogar dafür gesorgt, daß sie einen Ersatzwagen bekam, bis sie wieder mobil war.
Auch der Regen der letzten Nacht hatte sich verzogen, so daß die durch den Sturm fast kahlen Bäume nicht mehr bedrohlich wirkten. Ganz im Gegenteil, mit der schwachen Herbstsonne bildeten sie auf der noch feuchten Straße interessante Muster.
Birthe hatte den Tag mit Vorbereitungen für ihren neuen Job verbracht, einige Einkäufe erledigt und stand jetzt, kurz vor fünf Uhr nachmittags, vor Aidans Gutshof. Sie hatte gestern Abend ihren Regenschirm in seinem Wagen gelassen und wollte ihn nun darum bitten. Außerdem mußte sie zugeben, daß es auch die reine Neugier gewesen war, die sie wieder hierher geführt hatte. Der Gutshof hatte einen bekannten Namen in der Region, aber Birthe hatte ihn bisher nicht gesehen. Das Wohnhaus war legendär, es sollte eines der imposantesten im weiten Umkreis sein, und der Mann gestern Abend hatte mit Sicherheit ihr Interesse geweckt! Alleine sein außergewöhnlicher Name und der Umstand, daß er sich ebenso ungewöhnlich verhalten hatte. Etwas an ihm war so grundlegend anders als bei anderen Männern gewesen, daß Birthe unbewußt den Entschluß gefaßt hatte, ihn wiederzusehen.
Das große Haus wirkte bei Tage noch imposanter, auch wenn das Licht ihm eine Menge des Mystischen nahm. Aber es wirkte nicht bewohnt, sondern schien Birthe seltsam. unfertig.
Aidans Wagen stand nicht in der Auffahrt, aber sie konnte einen Kiesweg sehen, der hinter das Haus führte. Sie vermutete dort eine Garage oder ähnliches. Sie betätigte den schweren Türklopfer, der wie eine Drohung die breite Eingangstür bewachte, und wartete.
Das Klopfen klang unangenehm hohl durch das Haus und Birthe war sich sicher, daß man es überall hören konnte. Aber es erfolgte keinerlei Reaktion - scheinbar war niemand zu Hause.
"Hallo?", rief sie dennoch fragend, betätigte den Klopfer ein zweites Mal und drückte dann prüfend die Klinke nach unten. Die gab nach und die schwere Tür schwang mit einem leisen Quietschen nach innen.
"Ups!" Birthe konnte nicht fassen, was hier gerade geschah. Es schien ein Wink des Schicksals zu sein! Was konnte einer unendlich neugierigen jungen Frau wohl Besseres passieren, als eine einladend geöffnete Tür? Natürlich widersprach es jeglicher Erziehung, jeglichem Anstand und auch geltendem Recht, und ihr Bruder hätte ihr einen bösen Vortrag gehalten, aber. der war schließlich nicht hier! Also konnte sie doch ein bißchen der kleinen Abenteurerin herauslassen, die ihr schon oft im Leben Scherereien bereitet hatte, oder nicht?
Sie dachte im Grunde gar nicht darüber nach, sondern folgte einem Impuls und betrat das Haus.
Die Eingangshalle war sehr groß, ein gigantischer, offener Kamin nahm einen Großteil einer Wand ein und die Reste des letzten Feuers lagen noch darin - er wurde offenkundig genutzt.
Birthe sah sich fasziniert um, sie fühlte sich seltsam in der Zeit zurück versetzt. Alles hier wirkte so. alt!
Überall in der Halle waren Kerzen in großen und kleineren Leuchtern verteilt, die meisten halb heruntergebrannt, die Leuchter mit Wachs überzogen. Eine breite, mit Teppich bezogene Treppe führte zu einer Galerie hinauf, von der mehrere Türen abgingen.
"Jemand zu Hause?" Birthe wollte sich absichern, obwohl sie längst wußte, daß Aidan nicht da war. "Mr. Kavanagh? Sind Sie da?"
Als keine Antwort erfolgte, schloß sie die Tür hinter sich und betrat endgültig die Eingangshalle. Durch hohe Fenster an zwei Wänden fiel das Licht der einsetzenden Dämmerung herein und Staubteilchen tanzten im goldenen Licht, das bereits weniger wurde. Es würde bald dunkel sein und Birthe spürte, wie ihr ein Schauer über den Rücken lief. Irgendetwas an diesem Raum - an diesem Haus - machte sie nervös.
Gegenüber des großen Kamins standen ein hochlehniger Stuhl und eine sehr alte, eisenbeschlagene Truhe. Aidan hatte offenbar eine Vorliebe für Truhen, denn es gab alleine in der Halle vier Stück, und auch auf der Galerie konnte sie zwei sehen.
Schweigend und vorsichtig durchquerte sie den Raum bis zu der Tür, hinter der sie die Küche vermutete.
Die Küche hatte ebensolche Dimensionen wie die Halle, und sie wirkte ebenso unbenutzt. Es war zwar alles da, was man in einer Küche erwartete, aber dennoch. es wirkte alles seltsam leblos.
Mit einem Stirnrunzeln trat Birthe an die Hintertür und warf einen Blick nach draußen. Dort war ein weiterer beeindruckender Bau, der früher einmal eine Stallung gewesen sein mußte: die Garage.
Sie ging durch die Küche hindurch bis zu einer Tür, die sie in die Räume hinter der großen Halle führen würde. Es war kalt im Haus und mit einem Frösteln zog sie die Nase hoch; es roch staubig und alt.
Neugierig, aber immer vorsichtig und mit einem schlechten Gefühl in der Magengegend inspizierte Birthe das Musikzimmer, das sich an die Küche anschloß. Danach folgte das Wohnzimmer.
Unzählige Bücher füllten deckenhohe Regale. Fasziniert blieb Birthe im Raum stehen und musterte diesen Schatz. Es waren größtenteils alte Bücher, viele sogar antik. Diese Samm-lung mußte ein Vermögen wert sein!
Eine große Fensterfront ging auf eine gepflegte Terrasse hinaus und sie konnte sehen, daß es beinahe dunkel geworden war. Sie sah sich nach einem Lichtschalter um, fand aber keinen.
"Seltsam!", murmelte sie leise und ging zurück in die Halle. Hier war es inzwischen vollkommen dunkel geworden und sie überlegte einen Moment, ob sie nicht besser gehen sollte. Dann siegte die Neugier und sie ging zu einer Tür, die sich unter der Treppe befand. Hier würde es wahrscheinlich in den Keller gehen und irgendetwas zog sie magisch in diese Richtung.
"Oh, ich habe Besuch bekommen! Guten Abend, Frau Jelgers!"
Birthe zuckte zusammen, als habe sie ein Peitschenschlag getroffen. Wieder war es Aidan gelungen, sie zu Tode zu erschrecken. Was aber eventuell auch daran liegen mochte, daß sie ein schlechtes Gewissen hatte.
"Oh, mein Gott!", keuchte sie und lehnte sich mit geschlossenen Augen an die Wand. "Müssen Sie mich immer wieder so erschrecken?"
"Haben Sie mich denn nicht erwartet?" Ein spöttisches Lächeln spielte um Aidans Mund, dann wurde er übergangslos ernst. "Was führt Sie her, Frau Jelgers?"
"Ich wollte mich noch einmal bei Ihnen bedanken", erklärte sie, froh, daß er sie nicht fragte, wieso sie überhaupt im Haus war. "Und ich habe gestern Abend meinen Regenschirm bei Ihnen vergessen."
"Es ist nicht besonders höflich, ohne Einladung ein Haus zu betreten", wies er sie zurecht und sie konnte Wut in seinen Augen sehen.
"Es. es tut mir leid!", stotterte Birthe beschämt und spürte, wie sie rot wurde. "Ich hatte geklopft, aber ich dachte, Sie hätten mich vielleicht nicht gehört, denn die Tür war nicht verschlossen, und."
Aidan unterbrach sie mit einer herrischen Handbewegung. "Vergessen Sie es!", fuhr er sie an. "Aber Sie müssen mich jetzt entschuldigen, ich bekomme bald Gäste und habe noch einige Vorbereitungen zu treffen."
Mit der einen Hand griff er nach ihrem Arm, mit der anderen wies er auf die Tür. Die Geste war vollkommen unmißverständlich, dennoch zögerte Birthe, seiner Aufforderung Folge zu leisten. Es war für sie nicht verständlich, weswegen er heute so barsch zu ihr war, wo er doch gestern noch.
"Es tut mir leid", entschuldigte sie sich erneut, aber Aidan verstärkte lediglich den Druck an ihrem Arm, bis es schmerzhaft wurde, also gab sie nach und ließ sich von ihm zur Tür bringen.
Dabei blitzte im Spiegel ein letzter Sonnenstrahl auf und Birthe sah automatisch hin. Geblendet vom hellen Licht konnte sie ihr Spiegelbild sehen, daneben aber nur. ein Schemen.
Sie blinzelte, um ihre Sicht zu klären, aber da hatten sie bereits die Tür erreicht und Aidan hielt sie ihr auf.
"Auf Wiedersehen, Frau Jelgers!", verabschiedete er sie, drehte sich dann aber noch einmal um und griff nach dem Schirm, der aufgespannt hinter der Tür gestanden hatte.
"Auf Wiedersehen, Mr. Kavanagh", erwiderte Birthe, nahm den Schirm entgegen, dann fiel die schwere Tür auch schon hinter ihr ins Schloß und sie stand alleine auf den drei Stufen, die zur Einfahrt führten.
"Seltsam", murmelte sie leise, ehe sie fröstelnd die Jacke enger um sich zog. Mit der Dämmerung waren auch die Schatten zurückgekehrt, und mit ihnen die unheimliche Stimmung, die Birthe Angst machte. Sie beeilte sich, ihren Wagen zu erreichen und machte sich auf den Heimweg.
"So ein verdammter Mist!", fluchte Aidan lauthals, während er begann, ein Feuer im Kamin zu entzünden. "Mußte sie auch ausgerechnet heute erscheinen!"
Es war ein wichtiger Tag für ihn, so kurz vor Halloween würde heute die letzte Versammlung vor dem Feiertag sein, und er hatte die Ehre, Gastgeber zu spielen.
Er mochte diese Veranstaltungen nicht, aber es gehörte nun einmal zu seinem Leben wie. wie eben viele andere Dinge auch. Er hätte seinen Abend lieber mit Birthe verbracht, aber das stand nicht zur Auswahl.
Eigentlich war es ausgeschlossen, daß er sie überhaupt noch einmal wiedersah! Sie hatte diese ganz besondere Aura, die ihn reizte, aber er wußte genau, wohin das in der Regel führte. Nicht umsonst hatte er sie gestern nicht mit hineingebeten.
Mit einem mürrischen Kopfschütteln vertrieb er diese Gedanken und machte sich daran, alles herzurichten. Bald würden die Gäste kommen und er konnte es sich nicht leisten, Fehler zu machen. Er hatte sowieso nicht den besten Ruf in der Gemeinde und das wollte er nicht noch verstärken.
Gegen halb zehn erschienen die ersten Gäste und nach und nach füllte sich die Halle des Hauses mit Leben. Aidan hatte die Türen zu dem Musikzimmer und dem Wohnzimmer weit geöffnet, so daß seine Besucher flanieren konnten, während sie sich unterhielten.
Es herrschte fröhliches Treiben und Aidan konnte für einen Moment vergessen, wie diese Party enden würde. Er wollte nicht darüber nachdenken, genausowenig, wie er an Birthe denken wollte. Sie konnte froh sein, daß er sie so ruppig weggeschickt hatte, denn diese Nacht würde noch sehr gefährlich werden.
Jedenfalls für Leute wie Birthe.
"Aidan, mein Bester!" Eine Frau in Aidans Alter kam auf ihn zu, die Arme weit ausgebreitet, das geschminkte Gesicht zu einem breiten Lächeln verzogen. "Ich muß sagen, du überraschst mich immer wieder!" Ihre Figur war für die heutige Mode vielleicht ein wenig zu üppig, aber das verpackte sie dermaßen sexy, daß es atemberaubend war. Sie hatte pechschwarze Haare, die lang und glatt bis weit auf ihren Rücken hingen. Das einzig störende waren die Augen: sie schienen im Licht der Kerzen rot zu sein.
Aidan erwiderte das Lächeln und beugte sich vor, um die Frau auf beide Wangen zu küssen. "Das ist mein Job, Darling", erklärte er betont fröhlich. "Ich muß mir doch Mühe mit euch geben!"
"Das hast du, das hast du sicher. Aber sag, ist alles vorbereitet?" Gier flackerte in ihren Augen und Aidan zuckte innerlich zusammen, zwang sich aber, fröhlich zu nicken.
"Alles bestens", gab er zurück. "Wir haben einen exzellenten Tag erwischt, du wirst sehen." Er hob geheimnisvoll die Augenbrauen und die Frau kicherte albern.
"Jeder Tag mit dir ist etwas Besonderes", gurrte sie und streichelte ihm über den Po. "Ich freue mich darauf, wenn du etwas Zeit für mich hast!"
"Du ungeduldiges kleines Biest", tadelte er sie sanft. "Aber ich fürchte, meine verehrte Marylla, du wirst noch eine Weile auf mich warten müssen."
Er wies mit einem Kopfnicken auf eine weitere Gruppe Gäste, die gerade in der Tür erschienen war. Mittlerweile waren es an die dreißig Personen und das Haus war von schnatternden Stimmen erfüllt.
"Herzlich willkommen, Vincent", begrüßte er den Neuankömmling, der inmitten der Gruppe stand. Die anderen machten ihm respektvoll Platz und Vincent musterte Aidan abschätzend, ehe er schließlich lächelte.
"Nun, mein lieber Aidan, ich hoffe, du erweist dich würdig." Seine ganze Körperhaltung, seine Art zu sprechen und auch sein Blick zeugten vom Hochmut, der ihn beherrschte. Aber das konnte er sich leisten, immerhin war er seit einer endlosen Zeit Führer der Gemeinde hier in Friesland.
"Es wird sich zeigen", gab Aidan unterwürfig zurück, die Schultern gebeugt, um kleiner zu erscheinen.
Vincent war trotz seiner relativ geringen Körpergröße eine imposante Erscheinung: im Gegensatz zu vielen der anderen lehnte er es ab, sich zeitgenössisch zu kleiden, er trug immer noch den eleganten Gehrock eines Lebensabschnittes, der ihm sehr gefallen hatte, perfekt bis hin zum Zylinder, der maßgeschneidert auf seinem Kopf thronte. Seine blonden Haare fielen in sorgsam gelegten Locken auf seine Schultern und ein Monokel gab ihm die nötige Autorität, unterstrichen von einem Spazierstock mit Elfenbeinknauf.
"Wann ist es soweit?" Vincent brachte es fertig, auf den zwanzig Zentimeter größeren Aidan hinabzusehen.
"Gegen Mitternacht", antwortete der gehorsam. "Ich hoffe, Ihr werdet zufrieden sein!" Er wählte bewußt die alte Anrede, denn er kannte Vincents Abneigung gegen alles Moderne, vor allen Dingen, wenn es respektlos war.
Vincent ließ ihn ohne eine weitere Würdigung stehen und Aidan konnte sich wieder Marylla zuwenden.
"Wir haben noch Zeit", lächelte die ihn an und nahm ihn einfach bei der Hand. Aidan ließ sich das gefallen und folgte ihr die Treppe hinauf. Sie kannte sich in seinem Haus aus, schließlich waren sie oft genug nach solchen Veranstaltungen hier gelandet, um den Abend ausklingen zu lassen.
Er hoffte inständig, daß niemand seiner Gäste seinen frühen Besuch roch.
*.*.*
Als die letzten Sonnenstrahlen hinter den Bäumen verschwunden waren, stand Aidan langsam auf. Er war unruhig, morgen war der Tag im Jahr, den er am meisten verabscheute: Die Mitglieder seiner Gemeinde versammelten sich, gingen unter Menschen und sorgten dafür, daß der Abend vor Allerheiligen genügend Schrecken erhielt. Er selbst konnte diesem Brauch nichts abgewinnen, ebenso wenig wie er der gesamten Lebensweise etwas abgewinnen konnte.
Aber was sollte er machen? Er hatte es einfach satt, immer wieder und wieder den Ort zu wechseln, hier fühlte er sich wohl, also mußte er die Gemeinde so akzeptieren, wie sie war. Bisher war es ihm meistens gelungen, den Schein zu wahren, ohne wirklich an ihren Orgien teilnehmen zu müssen.
Nach einem ausgiebigen Bad zog er sich eine Cordhose und ein dickes Hemd an, ehe er das Haus verließ. Er würde sich um sein Abendessen kümmern müssen, ehe er seine Zeit vor dem Kamin verbringen konnte!
Wie die meisten anderen auch haßte er diese Jahreszeit, denn es war kalt wie in einem Grab und widerwärtig naß. Regen, Regen und wieder Regen!
Andererseits hatte der Regen ja auch etwas Positives gehabt: er hatte Birthe getroffen. Und gegen seinen Willen ging diese Frau einfach nicht mehr aus seinem Kopf. Er fand sie amüsant, beinahe ein wenig faszinierend. Sie hatte einen Geruch an sich, der ihn. ja, der ihn die Augen schließen ließ. Zwar war ihr Besuch alles andere als gelegen gewesen, aber unter anderen Umständen hätte er sich sicherlich darüber gefreut.
Zwei Stunden später parkte er seinen Wagen wieder in der Auffahrt und ging zurück ins Haus. Er war satt, für den Moment zumindest, das lenkte ihn ein wenig ab. Seine Gedanken schweiften wieder, und er ließ es zu, schließlich hatte er sonst nichts zu tun! Das Leben war langweilig geworden, seit er erkannt hatte, daß er draußen in Gefahr war. Die anderen Mitglieder seiner Gemeinde neigten immer mehr zu Ausschweifungen und er spürte, wie der Unmut auch in der Bevölkerung der Kleinstadt Norden wuchs. Es würde nicht mehr lange dauern und sie würden anfangen, unangenehme Fragen zu stellen!
Er seufzte leise, durchquerte die Eingangshalle und betrat das Musikzimmer. Zielsicher durchquerte er auch diesen Raum, entzündete den Kerzenleuchter auf dem Flügel, der am Fenster stand, und setzte sich auf die Bank davor.
Einen Moment zögerte er noch, dann ließ er die Fingerknöchel knacken und begann, nur für sich alleine Klavier zu spielen.
*.*.*
"Klopf, klopf!" Famke stand bereits in der Tür, als sie sich akustisch anmeldete. "Hast du Besuch?"
Birthe kam aus dem Nebenzimmer, die Hände schmutzig, denn sie hatte gerade Blumen umgetopft.
"Famke!", freute sie sich und umarmte ihre Freundin, ehe sie den Kopf schüttelte. "Nur ein anderes Auto", erklärte sie und nickte nach nebenan. "Komm rein, dann erzähle ich dir alles."
Famke folgte ihr ins Wohnzimmer, ließ sich auf der Couch nieder und beobachtete ihre Freundin, wie die ihre Arbeit beendete und dann schnell aufräumte.
Famke war zwei Jahre jünger als Birthe - also vierundzwanzig -, ebenso klein und zierlich, nur daß sie rote, schulterlange Haare hatte, während Birthe eine kurzgelockte Brünette war. Ihr freundliches, weiches Gesicht wurde von ihrem sinnlichen Mund und den blauen Augen beherrscht, die immer ein wenig mitleidig guckten. Alles in allem war sie ein Typ, mit dem man Pferde stehlen konnte.
Sie arbeitete in der hiesigen Lokalredaktion, wo sie für die Mitarbeiter Recherchen über das Internet machte, und auch sonst verstand sie eine Menge mehr von Computern als die meisten - vor allem Männer -, ihr zugetraut hätten.
Nachdem Birthe aufgeräumt und einen Tee gekocht hatte, ließ sie sich ihrer Freundin gegenüber nieder, die Beine mit auf den Sessel gezogen.
"Wie war dein Besuch zu Hause?", wollte Birthe als erstes wissen, aber Famke verzog lediglich das Gesicht.
"Du weiß ja, wie meine Eltern sind", winkte sie dann ab. "Aber erzähl lieber, was es hier Neues gegeben hat!" Ihre Augen blitzten vor Neugier und Birthe lachte leise, ehe sie die Schultern zuckte.
"Ich hab den Job in der Bibliothek bekommen", begann sie. "Allerdings war es eine rechte Odyssee, überhaupt zum Vorstellungstermin zu kommen." Sie grinste noch im Nachhinein bei dem Gedanken an ihre Panne.
"Wieso?", wollte Famke wissen, die natürlich keine Gedanken lesen konnte.
"Ich hatte auf dem Weg zu einem wichtigen Abendessen eine Panne", erklärte Birthe lächelnd. "Meine alte Kiste hat mich mitten im strömenden Regen auf der Landstraße stehen lassen."
"Deswegen der andere Wagen vor der Tür", kombinierte Famke und Birthe nickte, ehe sie weitersprach.
"Ich hatte allerdings Glück im Unglück. Ein freundlicher Mann hat angehalten und mich zu meinem Essen gefahren."
"Und du bist einfach so mit ihm mitgefahren?", staunte Famke. "Also, ich wäre da vorsichtiger."
Birthe zuckte die Schultern. "Ich hatte keine andere Wahl", erklärte sie. "Schließlich war meine beste Freundin ja nicht zu Hause, um mir zu helfen!"
Famke grinste über die Spitze. "Und weiter?", wollte sie neugierig wissen. "Kamst du rechtzeitig zum Essen, oder."
"Kein oder!", winkte Birthe ab. "Mr. Kavanagh hat sich wie ein Gentleman verhalten!"
"Wow, was für ein Name!" Famke war beeindruckt. "Irgendwie. so alt! Weißt du noch mehr über ihn? Oder hast du ihn vom Haken gelassen?"
"Haha!", machte Birthe und grinste flach. "Er wohnt auf Gut Bonnstedt. Du weißt doch, dieses Anwesen, von dem wir dachten, es stünde leer", erklärte Birthe, während sie an ihrem Tee nippte. "Noble Hütte, sage ich dir!"
"Und sein Bewohner?" Famke lächelte, lüstern auf Details, aber Birthe zuckte nur die Schultern.
"Ebenso merkwürdig wie das Haus", erklärte sie nachdenklich. "Er ist vielleicht Mitte dreißig, dunkle Haare, dunkle Augen, ziemlich groß, aber dünn. Sehr nett, vielleicht ein bißchen traurig."
"Welch eine detaillierte Beschreibung", spottete Famke. "Ich glaube, ich muß mir den Herrn mal genauer ansehen."
"Tu, was du nicht lassen kannst", gab Birthe zurück, aber sie wußte genau, daß Famke nicht einfach so bei Aidan vor der Tür stehen würde.
Dann wechselten sie das Thema und sprachen lieber über die Halloween-Party, die vor der Tür stand.
*.*.*
"Bist du bereit für die schönste Nacht im Jahr?" Marylla stand in Aidans Schlafzimmer und drehte sich vor ihm, damit er ihr Kostüm bewundern konnte.
Der gönnte ihr allerdings nur einen flüchtigen Blick, ehe er seinen Schoßrock über die lange Weste mit Hemdjabot zog. Ein letzter Blick auf seine Schnallenschuhe, dann nickte er zufrieden.
"In Ordnung", antwortete er. "Laß uns gehen und die Nacht genießen!" Mit einem breiten Grinsen entblößte er seine Fangzähne, die im Licht der Kerzen blitzten und Marylla lachte boshaft. Sie hakte sich bei ihm unter und die beiden verließen Aidans Anwesen, um sich am verabredeten Treffpunkt mit den anderen Mitgliedern der Gemeinde zu treffen.
Der Mond stand voll und rund am klaren Nachthimmel, lediglich ab und zu huschte eine Wolke vorbei. Der Regen hatte sich verzogen - vorerst zumindest - und die Nacht war erstaunlich warm, verglich man sie mit denen der letzten zwei oder drei Wochen.
"Nettes Kostüm." Vincent gönnte Aidan ein breites Grinsen, als der in Maryllas Begleitung beim Führer der Gemeinde eintraf.
"Danke", gab er artig zurück. "Ich hatte es noch im Schrank." Vincent erwiderte nichts darauf, sondern gab vielmehr den Befehl zum Aufbruch und die Meute begann, sich über die Straßen von Norden zu ergießen.
"Ihr seht hinreißend aus, meine Liebe!" Gabriel "Gabe" Jelgers begrüßte seine Schwester herzlich und die strahlte ihn fröhlich an.
Gabe war acht Jahre älter als sie, gute einsneunzig groß und breitschultrig. Seine dunkelbraunen Haare fielen ihm glatt bis eine Handbreit über den Hemdkragen, was ihn verwegen aussehen ließ. Seine moosgrünen Augen blitzten stets fröhlich und er war das männliche Gegenstück zu Famke, sowohl vom Humor als auch von der Begeisterung, mit der er lachte.
Birthe hatte sich ein Rokoko-Kostüm geliehen, perfekt bis zur starren Korsage, die ihren Busen hochschnürte. Ihre Füße steckten in stilechten Stöckelschuhen und sie machte einen Knicks.
"Vielen Dank, Sire", lächelte sie verführerisch. "Es erfreut mich, Euch zu gefallen!" Gabe war weit mehr als ein Bruder für sie, er war ihr Freund. Sie bildeten mit Famke eine Clique, seit die Mädchen zusammen zur Schule gegangen waren. Gabe war Famke vor zwei Jahren nach Norden gefolgt und jetzt war das Dreiergespann wieder komplett.
Gabe grinste breit als Antwort, drückte ihr ein Glas Sekt in die Hand. "Komm, ich stell dir die anderen vor!" Er nahm sie am Arm und führte sie durch den überfüllten Raum. Offenbar waren hier alle Einwohner aus Norden versammelt, die zwischen zwanzig und dreißig Jahren alt waren!
Er steuerte einen kleinen Kürbis an, der ihnen den Rücken zudrehte und Gabe mußte auf das, was wohl die Schulter sein mußte, ticken, ehe sich das unförmige Kostüm umdrehte.
"Hi!", strahlte Famke, als sie die beiden hinter sich entdeckte. "Du siehst phantastisch aus!" Birthe lächelte und wies mit einem Kopfnicken auf Famkes Kostüm. "Du aber auch", gab sie zurück. "Ich hätte dich beinahe nicht erkannt."
"Cordula, Birthe ist da!", winkte Gabe währenddessen seine Freundin heran und die verzog kurz das hübsche Gesicht, ehe sie ein Lächeln hervorzerrte und näher kam.
Sie war gute fünfzehn Zentimeter größer als Birthe und Famke, extrem schlank und in einen aufregenden Fetzen gehüllt, der mehr zeigte als daß er verbarg. Ihre langen, braunen Haare hingen sorgsam frisiert über ihre Schultern und sie verzog hochmütig den knallrot geschminkten Mund, als sie Birthe begrüßte.
"Schön, daß du den Weg gefunden hast!" Aber es stand keine Freude in ihrem Gesicht, ganz im Gegenteil. Dennoch erwiderte Birthe die Begrüßung freundlich und versuchte, mit Cordula zu plaudern, aber die verzog sich sofort wieder.
Wenig später war auch Birthe in das fröhliche Treiben der verschiedensten Kostüme eingetaucht und hatte ihre Freunde aus den Augen verloren.
"Eine herrliche Nacht für die Untoten!" Marylla tauchte wie ein Schatten neben Aidan auf, die Fangzähne blutverschmiert. "Sie ist wirklich für uns geschaffen."
"Genieße sie", gab er ruhig zurück, obwohl in seinen Augen Abscheu flackerte. Für ihn hatte die Jagd auf Menschen vor langer Zeit den Reiz verloren, aber das durften die anderen nicht wissen.
"Das werde ich, mein Geliebter!" Ihre Augen funkelten böse, dann tauchte sie wieder in die Nacht ein.
Die Halloweennacht schritt schnell voran und Aidan konnte das Lachen, die Freude der anderen in seinem Kopf spüren, während er durch die dunklen Straßen der Stadt schlenderte. Er hatte längst kein Vergnügen mehr an diesen Veranstaltungen und er hatte auch keine Lust, am Ende dieser Nacht mit Marylla in seinem Bett zu landen. Vielmehr zog er die Einsamkeit vor, die ihm schon lange zu einem Freund geworden war.
"Schnell, hier entlang!" Eine fröhliche Frauenstimme riß ihn aus seinen Gedanken und er konnte eine Gruppe Menschen sehen, die kichernd um eine Ecke gerannt kam. Offenbar hatten sie andere erschreckt, denn sie sahen sich immer wieder um, ob sie auch nicht verfolgt wurden. Angeführt wurde die Horde von einem Kürbis, wie Aidan grinsend feststellte.
"Geht meinen Freunden aus dem Weg", murmelte er, dann ging er weiter in die Richtung, aus der die Menschen gekommen waren.
"Wartet auf m." Eine Rokoko-Schönheit kam um die Ecke geschossen und Aidan konnte sie gerade noch auffangen, ehe sie ihn umrannte.
"He, he!", machte er und stellte sie wieder sicher auf die Beine. "Vorsicht, vor allen Dingen in der Nacht der Untoten!"
"Oh, Sie schon wieder!" Birthe hatte sich von ihrem Schreck über den Beinahe Zusammenstoß erholt und musterte Aidan aufmerksam. "Sie sehen klasse aus", kommentierte sie seinen Aufzug. "So, als hätten Sie diese Kleidung schon immer getragen." "Und Sie passen perfekt zu mir", gab Aidan lässig zurück. "Kommen Sie, schöne Frau, lassen Sie uns ein wenig den Mond genießen."
Aidans elegante Gelassenheit war nur Schau: er konnte spüren, daß sich Mitglieder seiner Gemeinde hinter ihnen befanden und er wollte nicht, daß Birthe weiter in deren Richtung lief.
"Och, ich weiß nicht", zog Birthe einen Flunsch. "Vorgestern waren Sie noch so unfreundlich zu mir."
"Wenn ich Eure Durchlaucht erinnern dürfte", hob Aidan gespielt eine Augenbraue,
"habe ich Euch schließlich ohne Anmeldung in meinem werten Heim angetroffen."
Birthe schnappte nach Luft und preßte ihre Hand auf ihr Dekolleté. "Wie könnt Ihr es wagen!", tadelte sie ihn streng. "Was wollt Ihr mir damit unterstellen?"
"Nichts weiter", grinste er flüchtig. "Aber kommen Sie, ich möchte hier weg." Er legte ihr einen Arm um die Taille und führte sie zurück in die besser beleuchteten Gegenden der Stadt. Hier fühlte er sich sicherer - oder er hoffte zumindest, daß sie hier sicherer war.
"Waren Sie auf einer Party?" Aidan wies auf ihr Kostüm und Birthe nickte begeistert.
"Meine Freunde haben ein Fest organisiert, und es war einfach berauschend!" Lächelnd breitete sie die Arme aus und drehte eine Pirouette, bei der Aidan sie allerdings auffangen mußte, denn die ungewohnten Schuhe nahmen ihr den Halt.
"Vorsicht", murmelte er und hielt sie einen Moment länger fest, als es nötig gewesen wäre. "Sie werden sich noch verletzen."
Birthe zuckte leicht die Schultern. "Nicht in Ihrer Gegenwart", gab sie zurück und zog die Schultern hoch. Solange sie durch die Straßen gerannt war, hatte sie die niedrigen Temperaturen nicht gespürt, aber jetzt.
"Hier, ziehen Sie meine Jacke an." Aidan schlüpfte aus seinem Schoßrock und half Birthe galant, ihn anzuziehen. "Was halten Sie davon, wenn wir irgendwo noch etwas trinken gehen?"
Birthe warf einen Blick auf ihr Handgelenk, aber sie trug zu dem Kostüm natürlich keine Armbanduhr. Also zuckte sie nur leicht die Schultern und zog die Jacke enger um sich. "Wissen Sie, wie spät es ist?", wollte sie wissen und Aidan zog eine Taschenuhr aus seiner Westentasche.
"Kurz nach halb drei", teilte er ihr mit.
"Ich weiß nicht, ob wir noch irgendwo etwas zu trinken bekommen", gab sie zu bedenken, aber Aidan lächelte kurz.
"Lassen Sie das meine Sorge sein", winkte er ab. "Ich kenne ein Plätzchen, wo es sehr guten alten Whiskey gibt."
Birthe hob fragend eine Augenbraue, aber Aidan bot ihr nur seinen Arm und führte sie zu seinem Wagen, den er in der Innenstadt geparkt hatte.
Birthe wollte erst fragen, wohin sie fahren würden, aber die Antwort lag auf der Hand: Aidan würde sie mit in sein Haus nehmen. Einen Moment dachte sie an Famke und die anderen, dann schob sie die Zweifel beiseite, denn die hatten sie ja schließlich abgehängt!
Die Eingangshalle wurde vom Mond in silbernes Licht getaucht, aber Aidan führte sie weiter bis ins Musikzimmer, wo er ihr vor den großen Fenstern einen Sessel zurecht rückte."Dieses Haus hat in der Dunkelheit seinen ganz eigenen Charme", stellte Birthe fest, während sie versuchte, sich mit dem Reifrock auf dem Sessel niederzulassen.
"Deswegen liebe ich es auch so sehr", stimmte ihr Aidan zu und reichte ihr ein schweres Kristallglas, in dem eine honigfarbene Flüssigkeit über Eiswürfel schwappte.
"Sie haben wirklich Strom?" Birthe betrachtete das Eis versonnen. "Hätte mich hier draußen nicht gewundert, wenn's nicht so gewesen wäre. Man sieht nirgends Kabel, Schalter oder Steckdosen."
Aidan grinste. "Ich wollte nicht den Charme des Hauses zerstören", erklärte er. "Alle nachträglichen Installationen sind so gelegt worden, daß sie nicht auffallen."
"Sie sind ein merkwürdiger Mann, Aidan." Es war Birthe anzuhören, daß sie bereits einiges in dieser Nacht getrunken hatte, aber das störte nicht ihren Scharfsinn. "Sie hüten mehr Geheimnisse, als man ahnen mag."
"Tun wir das nicht alle?", wich ihr Aidan geschickt aus. "Wollen Sie mir erzählen, was Sie zurück in den Norden verschlagen hat?" Aidan nippte an seinem Drink und fixierte sie.
"Private Probleme", gab Birthe zögernd zurück und trank ebenfalls von ihrem Whiskey. "Ich hatte in Frankfurt einen Freund, der aber leider verheiratet war." Sie zuckte nichtssagend die Schultern.
"Das tut mir leid." Aidan starrte in den Garten hinaus. "Aber es ist oftmals nicht leicht, sich in den richtigen Partner zu verlieben."
"Nein, wahrlich nicht", stimmte Birthe ihm zu. "Vor allen Dingen, da man es sich nicht aussuchen kann. Man sieht jemanden, und - peng - hat man sich verliebt."
"Ja, ohne Ansehen des Standes, der Abstammung, der Lebensweise", erklärte Aidan nachdenklich. "Da frage ich mich, welchen Sinn die Liebe überhaupt noch hat."
"Welch eine düstere Einstellung", tadelte Birthe sanft. "Die Liebe ist das, was das Leben sinnvoll macht! Ich meine, stellen Sie sich vor, Sie müßten Jahrhunderte lang leben, ohne zu lieben!"
"Selbst mit der Liebe ist das keine besonders schöne Vorstellung", gab er bedrückt zurück. "Glauben Sie mir, ewiges Leben, ewige Jugend ist nicht unbedingt erstrebenswert."
"Was können Sie davon wissen?" Birthes Augen ruhten auf ihm, aber Aidan zuckte nur die Schultern.
"Nichts", gab er schließlich zurück. "Vielleicht ist es lediglich die Nacht der Untoten, die mich so melancholisch werden läßt."
"Vielleicht", stimmte ihm Birthe zu. "Vielleicht ist es aber auch Ihre Einsamkeit."
"Sieht man sie mir an?" Aidan versuchte gar nicht erst, zu leugnen, vielmehr sah er ihr direkt in die Augen.
"Ja, ich denke schon." Von Birthes angeheiterter Stimmung war nichts mehr geblieben, vielmehr spürte sie den bedrückenden Ernst, der von Aidan ausging. "Sie, dieses Haus. Alles wirkt sehr einsam, sehr bedrückend auf mich."
"Sie sind noch zu jung, um das zu verstehen!" Eine ungewollte Schroffheit hatte sich in seine Stimme gestohlen und Aidan stand abrupt auf.
Darauf wußte Birthe nichts zu antworten, sie starrte schweigend in den Garten, wo das Mondlicht langsam verblaßte. Es würde bald hell werden, stellte sie erstaunt fest. War sie bereits so lange in Aidans Haus?
"Ich befürchte, ich werde Sie jetzt nach Hause bringen müssen." Aidan war ihrem Blick gefolgt und seine Uhr hatte ihm verraten, daß es bereits sechs Uhr war.
Bald würde die Sonne aufgehen.
"Ja, es ist bereits sehr spät", stimmte sie zu. "Oder schon sehr früh!" Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, während sie ihre Schuhe anzog. "Aber Sie brauchen mich nicht nach Hause zu bringen, ich wollte bei einer Freundin in der Stadt übernachten. Wenn Sie mich vielleicht."
"Selbstverständlich werde ich Sie sicher vor der Wohnung Ihrer Freundin abliefern", versicherte Aidan.
Wenig später saß sie wieder neben ihm in seinem Wagen und ließ sich zu dem Haus bringen, in dem Famkes Wohnung lag.
"Vielen Dank für Ihre Gesellschaft", bedankte sich Aidan bei ihr, als er angehalten hatte. "Sie machen sich keinen Begriff davon, wie sehr ich es genossen habe."
"Das kann ich Ihnen gerne zurückgeben." Birthe legte ihre Hand auf seine und beugte sich dann rüber, um ihm einen zarten Kuß auf die Wange zu hauchen.
"Besuchen Sie mich bitte bald wieder", bat Aidan eindringlich. "Ich bin immer abends für Sie da."
Birthe musterte ihn lange, dann nickte sie schließlich. "Gerne", stimmte sie zu, dann stieg sie aus und ging zur Haustür. Aidan wartete noch, bis die Tür hinter ihr ins Schloß gefallen war, dann fuhr er wieder nach Hause.
"Wo zum Teufel hast du gesteckt? Wir sind fast vor Sorge gestorben!" Famke funkelte sie wütend an, die Hände in die Hüften gestützt, aber offenbar war sie auch noch nicht besonders lange zu Hause: sie trug immer noch ihr Kürbis-Kostüm.
"Es tut mir leid", tat Birthe reumütig. "Aber ihr wart auf einmal verschwunden! Und als ich dann Aidan getroffen habe."
"Wer ist Aidan?" Famke begann, sich aus dem Kostüm zu schälen und auch Birthe knöpfte ihr Mieder auf.
"Mr. Kavanagh", erklärte sie, ehe sie ein Gähnen hinter der Hand versteckte. "Er hat mich noch auf ein Glas Whiskey eingeladen und wir waren bis eben in seinem Haus."
"Birthe!", entrüstete sich Famke. "Du hast doch nicht etwa."
"Famke, was denkst du von mir?", tadelte Birthe sanft. "Wir haben uns lediglich unterhalten und einen sehr guten Whiskey getrunken."
"Seltsam, seltsam", machte Famke noch, aber dann gingen die beiden schließlich doch ins Bett, als es bereits dämmerte.
*.*.*
In der Abenddämmerung wachte Aidan langsam wieder auf und streckte sich genüßlich, während die letzten Lichtstrahlen verschwanden. Sein Kopf war schwer, aber das war nach der letzten Nacht auch nicht anders zu erwarten gewesen.
Mit einem Seufzen setzte er sich auf und überlegte einen Moment, was er jetzt machen sollte. Wahrscheinlich würde ihn Marylla heute noch besuchen, denn er hatte eigentlich bereits in der vergangenen Nacht mit ihr gerechnet.
"Naja", murmelte er. "Schauen wir mal!"
Hunger plagte ihn, aber Aidan konnte sich nicht aufraffen, sich etwas zu Essen zu besorgen. Nach der letzten Nacht war ihm eigentlich der Appetit vergangen, vor allen Dingen, da er ahnte, was seine, Freunde' getrieben hatten.
Nervös begann er, ein Feuer im Kamin der Eingangshalle zu entzünden, dann lief er unruhig im Haus umher, durch das Erdgeschoß, durch die oberen Räume, bis er schließlich im Keller landete.
Hier betrat er andächtig die kleine Kapelle, die er eingerichtet hatte. Mit einem Seufzen ließ er sich auf die Knie nieder und faltete die Hände, die Ellenbogen auf die Bank vor sich gestützt.
"Warum tust du mir das alles an?" Seine Stimme war tonlos. "Habe ich denn noch nicht genug gelitten? Hast du denn in all den Jahren keine Genugtuung für meinen Frevel bekommen?"
Aber er bekam keine Antwort, hatte auch keine erwartet.
Dennoch blieb er eine lange, sehr lange Zeit vor dem Altar knien, in ein inbrünstiges Gebet vertieft, in der Hoffnung, doch irgendwann einmal Rettung für seine Seele zu finden.
Nicht genug, daß es wie aus Kübeln goß, nein, ihr verdammter Wagen mußte auch noch eine Panne haben, ausgerechnet, wenn sie zu einem wichtigen Abendessen mußte!
"Das darf doch alles nicht wahr sein!", fluchte sie und betrachtete mißmutig die Regengüsse, die an ihrer Frontscheibe herunter flossen. Sie überlegte ernsthaft, ob es Sinn hatte, überhaupt auszusteigen und nach dem Motor zu sehen. Denn wenn sie das tat, würde sie bis auf die Knochen naß werden, dann konnte sie das Abendessen sowieso in den Wind schießen.
Andererseits. sie konnte auch schlecht hier sitzen bleiben und warten, bis ihr Auto sich von alleine bequemte, wieder anzuspringen!
Sie haderte noch mit ihrem Schicksal, als es neben ihr klopfte. Birthe zuckte erschrocken zusammen und konnte gerade so ein Kreischen unterdrücken. Sie konnte durch die beschlagene Scheibe nicht viel erkennen, aber ein Schemen zeichnete sich gegen die Dunkelheit ab.
"Kann ich Ihnen helfen?", drang eine freundliche Stimme gedämpft zu ihr. "Haben Sie eine Panne?"
"Die verdammte Kiste ist verreckt!", gab Birthe laut zurück und kurbelte das Fenster ein Stückchen herunter. Sofort drang kalter Sprühregen zu ihr herein.
"Es tut mir leid, ich wollte Sie nicht erschrecken", entschuldigte sich der Mann, der neben ihrem Wagen aufgetaucht war. Er tropfte vor Nässe, grinste dabei aber fröhlich. Seine Augen glühten, aber das mußte eine Sinnestäuschung sein, die vom Schrecken herrührte.
"Schon gut", wehrte Birthe ab. "Ich war nur so in Gedanken."
"Kann ich Ihnen helfen?", wiederholte er seine Frage, die Augenbrauen erhoben.
"Wenn Sie etwas von Autos verstehen", lächelte Birthe, obwohl ihr nicht ganz wohl dabei war. Der Herbst war in Norddeutschland weit vorangeschritten, Ende Oktober waren die Abende stockdunkel und unheimlich.
"Ich kann es mir jedenfalls einmal ansehen", bot ihr der Mann an. "Entriegeln Sie mal bitte die Motorhaube."
Er musterte stirnrunzelnd den ölverschmierten Motor, rüttelte hier und drückte da, dann schüttelte er den Kopf und ließ die Motorhaube wieder in ihre Verriegelung einrasten.
"Keine Chance", bedauerte er und trat wieder ans Fenster. "Ich denke, die Kiste braucht eine Generalüberholung."
"So ein verdammter Mist!" Birthe schossen Tränen in die Augen. Sie drehte den Kopf zur Seite, damit der Mann das nicht sehen konnte. "Was mache ich denn jetzt bloß?"
"Wie viel Zeit haben Sie noch bis zu Ihrer Verabredung?" Birthe sah ihn verwundert an, aber er wies nur mit einem Kopfnicken auf ihre Kleidung.
"Oh!", machte sie und zuckte die Schultern. "Knapp eine Stunde."
"In Ordnung. Was halten Sie davon, wenn ich Sie in die Stadt fahre?" Ein freundliches Lächeln huschte über sein Gesicht, aber Birthe verzog unwillig den Mund.
"Ich weiß nicht", setzte sie nachdenklich an, aber der Mann ließ ihr keine Gelegenheit, abzulehnen.
"Kommen Sie, ich beiße schon nicht", grinste er und wies mit einem Kopfnicken auf seinen Geländewagen, der hinter ihrem alten Ford parkte. "Mein Name ist Aidan Kavanagh, ich wohne auf Gut Bonnstedt, bin einseinundneunzig groß und wiege zweiundachtzig Kilo."
Das brachte Birthe befreit zum Lachen und sie zögerte auch nur noch einen Wimpernschlag lang, ehe sie nickte. "In Ordnung", gab sie nach. "Aber wirklich nur, wenn ich Ihnen keine Umstände mache!"
Der Mann grinste flüchtig. "Eine schöne Frau macht nie Umstände", wies er sie zurück. "Haben Sie einen Schirm im Auto?"
Birthe griff danach, während Aidan bereits ihre Tür öffnete und ihr eine Hand reichte.
Er nahm ihr den Schirm ab und hielt ihn auf dem Weg zu seinem Wagen über sie, ehe er die Beifahrertür öffnete und ihr beim Einsteigen half. Wohlige Wärme schlug ihr aus der Lüftung entgegen und sie rieb die Hände aneinander, während Aidan auf den Sitz neben ihr kletterte und die Tür ins Schloß warf.
"Entschuldigung, ich habe mich noch gar nicht vorstellt", fiel Birthe ein. "Mein Name ist Birthe Jelgers."
"Welch ein schöner Name!" Ein flüchtiger Blick, begleitet von einem Lächeln, streifte Birthe. "Sie sind nicht aus der Gegend, nicht wahr? Sie klingen wie eine Städterin. Preußin, würde ich mal vermuten."
"Nein, nicht ganz", schüttelte Birthe den Kopf. "Ich stamme aus der weiteren Gegend, war aber lange weg, zuletzt in Frankfurt."
"Weit weg von zu Hause", kommentierte Aidan wertfrei und Birthe nickte leicht, mehr für sich.
"Was man von Ihnen aber auch sagen kann", griff sie den Faden auf. "Was ist das für ein ungewöhnlicher Name, Aidan Kavanagh?"
Da war sie, die allgegenwärtige Neugier. Ohne die wäre Birthe wahrscheinlich nicht so einfach in den Wagen eines Wildfremden gestiegen, auch wenn ihre Verabredung äußerst wichtig war.
"Ja, das stimmt wohl." Der Mann blickte angestrengt nach vorne, um die Regenwand durchblicken zu können. "Das ist ein irischer Name, ich bin von der Grünen Insel."
"Das hört man aber nicht." Birthe war erstaunt, denn der Mann sprach wirklich ohne jeden Akzent.
"Ich bin schon eine Weile hier", schmunzelte er und sah kurz zu ihr hinüber. "Mögen Sie mir sagen, was für eine Verabredung Sie heute noch haben?"
"Ich habe mich in der hiesigen Bibliothek beworben", erzählte Birthe offen. "Heute Abend soll ich zwei Herren aus dem Verwaltungsrat kennenlernen."
"Oh." Aidan blickte sie kurz an, ehe er wieder auf die Straße sah. "Die Männer haben sich in all den Jahren nicht geändert: sie verstehen es immer noch, die Nöte einer schönen Frau auszunutzen."
Birthe runzelte die Stirn, erwiderte aber nichts darauf, denn eigentlich hatte er Recht: es wäre nicht unbedingt nötig gewesen, sie bei einem Abendessen besser kennen lernen zu wollen.
"Ich weiß mich schon zu wehren", ließ sie sich dennoch zu einem Kommentar hinreißen und Aidan lächelte beschwichtigend.
"Davon bin ich überzeugt", versicherte er ihr und setzte unvermittelt den Blinker. "Es tut mir leid, ich müßte kurz noch bei mir zu Hause vorbei", sagte er mit einem netten Lächeln. "Es ist nur ein kleiner Umweg, wenn Sie gestatten?"
"Oh, natürlich!" Birthe lächelte leicht verkniffen, denn es war für sie nicht wirklich in Ordnung - sie fürchtete sich ein wenig. Sie wäre lieber direkt in die Sicherheit der Kleinstadt gekommen, wo sie auf Hilfe hoffen konnte, sollte sie welche brauchen. Hier draußen war niemand, nur wabernde Nebelschwaden.
"Hier wohnen Sie?" Birthe musterte den Gutshof verblüfft, als Aidan den Wagen stoppte. Vor ihnen ragte die massige Fassade als dunkler Klotz in den Nachthimmel.
"Ja, das ist mein Reich." Aidan drehte sich im Sitz zu ihr um. "Es dauert nur einen Augenblick!"
Damit stieg er aus und ließ sie alleine im Wagen, um durch den Regen zur großen Eingangstür zu rennen. Er verschwand im Inneren und Birthe verfiel in Grübeleien.
Er blieb nicht lange weg und schenkte ihr ein weiteres Lächeln, als er wieder auf den Fahrersitz rutschte. "Dann wollen wir mal!"
Der Wagen rollte die lange Zufahrt wieder hinunter zur Landstraße. Wenig später erreichten sie die Stadt und Aidan schlug, ohne zu fragen, den Weg in die Innenstadt ein. Sie fuhren schweigend durch die mäßig belebten Straßen, bis er schließlich vor einem guten Restaurant stoppte.
Birthe runzelte die Stirn: hatte sie ihm vorhin gesagt, wo sie ihre Verabredung hatte? Mußte sie wohl, denn Aidan hatte nicht gefragt.
Ehe sie der Sache weiter nachgehen konnte, öffnete ihr der Portier des Restaurants die Tür und hielt ihr einen Schirm hin, unter dessen Schutz sie aussteigen konnte.
"Vielen Dank für Ihre Hilfe", bedankte sie sich ehrlich bei Aidan.
"Gerne geschehen", gab er leise zurück. "Und viel Glück!"
Birthe nickte zum Dank, dann stieg sie aus und Aidan fuhr davon.
****
Birthe war glücklich: Das Gespräch mit den beiden Herren war hervorragend gelaufen, sie hatte den Job in der Tasche und man hatte sogar dafür gesorgt, daß sie einen Ersatzwagen bekam, bis sie wieder mobil war.
Auch der Regen der letzten Nacht hatte sich verzogen, so daß die durch den Sturm fast kahlen Bäume nicht mehr bedrohlich wirkten. Ganz im Gegenteil, mit der schwachen Herbstsonne bildeten sie auf der noch feuchten Straße interessante Muster.
Birthe hatte den Tag mit Vorbereitungen für ihren neuen Job verbracht, einige Einkäufe erledigt und stand jetzt, kurz vor fünf Uhr nachmittags, vor Aidans Gutshof. Sie hatte gestern Abend ihren Regenschirm in seinem Wagen gelassen und wollte ihn nun darum bitten. Außerdem mußte sie zugeben, daß es auch die reine Neugier gewesen war, die sie wieder hierher geführt hatte. Der Gutshof hatte einen bekannten Namen in der Region, aber Birthe hatte ihn bisher nicht gesehen. Das Wohnhaus war legendär, es sollte eines der imposantesten im weiten Umkreis sein, und der Mann gestern Abend hatte mit Sicherheit ihr Interesse geweckt! Alleine sein außergewöhnlicher Name und der Umstand, daß er sich ebenso ungewöhnlich verhalten hatte. Etwas an ihm war so grundlegend anders als bei anderen Männern gewesen, daß Birthe unbewußt den Entschluß gefaßt hatte, ihn wiederzusehen.
Das große Haus wirkte bei Tage noch imposanter, auch wenn das Licht ihm eine Menge des Mystischen nahm. Aber es wirkte nicht bewohnt, sondern schien Birthe seltsam. unfertig.
Aidans Wagen stand nicht in der Auffahrt, aber sie konnte einen Kiesweg sehen, der hinter das Haus führte. Sie vermutete dort eine Garage oder ähnliches. Sie betätigte den schweren Türklopfer, der wie eine Drohung die breite Eingangstür bewachte, und wartete.
Das Klopfen klang unangenehm hohl durch das Haus und Birthe war sich sicher, daß man es überall hören konnte. Aber es erfolgte keinerlei Reaktion - scheinbar war niemand zu Hause.
"Hallo?", rief sie dennoch fragend, betätigte den Klopfer ein zweites Mal und drückte dann prüfend die Klinke nach unten. Die gab nach und die schwere Tür schwang mit einem leisen Quietschen nach innen.
"Ups!" Birthe konnte nicht fassen, was hier gerade geschah. Es schien ein Wink des Schicksals zu sein! Was konnte einer unendlich neugierigen jungen Frau wohl Besseres passieren, als eine einladend geöffnete Tür? Natürlich widersprach es jeglicher Erziehung, jeglichem Anstand und auch geltendem Recht, und ihr Bruder hätte ihr einen bösen Vortrag gehalten, aber. der war schließlich nicht hier! Also konnte sie doch ein bißchen der kleinen Abenteurerin herauslassen, die ihr schon oft im Leben Scherereien bereitet hatte, oder nicht?
Sie dachte im Grunde gar nicht darüber nach, sondern folgte einem Impuls und betrat das Haus.
Die Eingangshalle war sehr groß, ein gigantischer, offener Kamin nahm einen Großteil einer Wand ein und die Reste des letzten Feuers lagen noch darin - er wurde offenkundig genutzt.
Birthe sah sich fasziniert um, sie fühlte sich seltsam in der Zeit zurück versetzt. Alles hier wirkte so. alt!
Überall in der Halle waren Kerzen in großen und kleineren Leuchtern verteilt, die meisten halb heruntergebrannt, die Leuchter mit Wachs überzogen. Eine breite, mit Teppich bezogene Treppe führte zu einer Galerie hinauf, von der mehrere Türen abgingen.
"Jemand zu Hause?" Birthe wollte sich absichern, obwohl sie längst wußte, daß Aidan nicht da war. "Mr. Kavanagh? Sind Sie da?"
Als keine Antwort erfolgte, schloß sie die Tür hinter sich und betrat endgültig die Eingangshalle. Durch hohe Fenster an zwei Wänden fiel das Licht der einsetzenden Dämmerung herein und Staubteilchen tanzten im goldenen Licht, das bereits weniger wurde. Es würde bald dunkel sein und Birthe spürte, wie ihr ein Schauer über den Rücken lief. Irgendetwas an diesem Raum - an diesem Haus - machte sie nervös.
Gegenüber des großen Kamins standen ein hochlehniger Stuhl und eine sehr alte, eisenbeschlagene Truhe. Aidan hatte offenbar eine Vorliebe für Truhen, denn es gab alleine in der Halle vier Stück, und auch auf der Galerie konnte sie zwei sehen.
Schweigend und vorsichtig durchquerte sie den Raum bis zu der Tür, hinter der sie die Küche vermutete.
Die Küche hatte ebensolche Dimensionen wie die Halle, und sie wirkte ebenso unbenutzt. Es war zwar alles da, was man in einer Küche erwartete, aber dennoch. es wirkte alles seltsam leblos.
Mit einem Stirnrunzeln trat Birthe an die Hintertür und warf einen Blick nach draußen. Dort war ein weiterer beeindruckender Bau, der früher einmal eine Stallung gewesen sein mußte: die Garage.
Sie ging durch die Küche hindurch bis zu einer Tür, die sie in die Räume hinter der großen Halle führen würde. Es war kalt im Haus und mit einem Frösteln zog sie die Nase hoch; es roch staubig und alt.
Neugierig, aber immer vorsichtig und mit einem schlechten Gefühl in der Magengegend inspizierte Birthe das Musikzimmer, das sich an die Küche anschloß. Danach folgte das Wohnzimmer.
Unzählige Bücher füllten deckenhohe Regale. Fasziniert blieb Birthe im Raum stehen und musterte diesen Schatz. Es waren größtenteils alte Bücher, viele sogar antik. Diese Samm-lung mußte ein Vermögen wert sein!
Eine große Fensterfront ging auf eine gepflegte Terrasse hinaus und sie konnte sehen, daß es beinahe dunkel geworden war. Sie sah sich nach einem Lichtschalter um, fand aber keinen.
"Seltsam!", murmelte sie leise und ging zurück in die Halle. Hier war es inzwischen vollkommen dunkel geworden und sie überlegte einen Moment, ob sie nicht besser gehen sollte. Dann siegte die Neugier und sie ging zu einer Tür, die sich unter der Treppe befand. Hier würde es wahrscheinlich in den Keller gehen und irgendetwas zog sie magisch in diese Richtung.
"Oh, ich habe Besuch bekommen! Guten Abend, Frau Jelgers!"
Birthe zuckte zusammen, als habe sie ein Peitschenschlag getroffen. Wieder war es Aidan gelungen, sie zu Tode zu erschrecken. Was aber eventuell auch daran liegen mochte, daß sie ein schlechtes Gewissen hatte.
"Oh, mein Gott!", keuchte sie und lehnte sich mit geschlossenen Augen an die Wand. "Müssen Sie mich immer wieder so erschrecken?"
"Haben Sie mich denn nicht erwartet?" Ein spöttisches Lächeln spielte um Aidans Mund, dann wurde er übergangslos ernst. "Was führt Sie her, Frau Jelgers?"
"Ich wollte mich noch einmal bei Ihnen bedanken", erklärte sie, froh, daß er sie nicht fragte, wieso sie überhaupt im Haus war. "Und ich habe gestern Abend meinen Regenschirm bei Ihnen vergessen."
"Es ist nicht besonders höflich, ohne Einladung ein Haus zu betreten", wies er sie zurecht und sie konnte Wut in seinen Augen sehen.
"Es. es tut mir leid!", stotterte Birthe beschämt und spürte, wie sie rot wurde. "Ich hatte geklopft, aber ich dachte, Sie hätten mich vielleicht nicht gehört, denn die Tür war nicht verschlossen, und."
Aidan unterbrach sie mit einer herrischen Handbewegung. "Vergessen Sie es!", fuhr er sie an. "Aber Sie müssen mich jetzt entschuldigen, ich bekomme bald Gäste und habe noch einige Vorbereitungen zu treffen."
Mit der einen Hand griff er nach ihrem Arm, mit der anderen wies er auf die Tür. Die Geste war vollkommen unmißverständlich, dennoch zögerte Birthe, seiner Aufforderung Folge zu leisten. Es war für sie nicht verständlich, weswegen er heute so barsch zu ihr war, wo er doch gestern noch.
"Es tut mir leid", entschuldigte sie sich erneut, aber Aidan verstärkte lediglich den Druck an ihrem Arm, bis es schmerzhaft wurde, also gab sie nach und ließ sich von ihm zur Tür bringen.
Dabei blitzte im Spiegel ein letzter Sonnenstrahl auf und Birthe sah automatisch hin. Geblendet vom hellen Licht konnte sie ihr Spiegelbild sehen, daneben aber nur. ein Schemen.
Sie blinzelte, um ihre Sicht zu klären, aber da hatten sie bereits die Tür erreicht und Aidan hielt sie ihr auf.
"Auf Wiedersehen, Frau Jelgers!", verabschiedete er sie, drehte sich dann aber noch einmal um und griff nach dem Schirm, der aufgespannt hinter der Tür gestanden hatte.
"Auf Wiedersehen, Mr. Kavanagh", erwiderte Birthe, nahm den Schirm entgegen, dann fiel die schwere Tür auch schon hinter ihr ins Schloß und sie stand alleine auf den drei Stufen, die zur Einfahrt führten.
"Seltsam", murmelte sie leise, ehe sie fröstelnd die Jacke enger um sich zog. Mit der Dämmerung waren auch die Schatten zurückgekehrt, und mit ihnen die unheimliche Stimmung, die Birthe Angst machte. Sie beeilte sich, ihren Wagen zu erreichen und machte sich auf den Heimweg.
"So ein verdammter Mist!", fluchte Aidan lauthals, während er begann, ein Feuer im Kamin zu entzünden. "Mußte sie auch ausgerechnet heute erscheinen!"
Es war ein wichtiger Tag für ihn, so kurz vor Halloween würde heute die letzte Versammlung vor dem Feiertag sein, und er hatte die Ehre, Gastgeber zu spielen.
Er mochte diese Veranstaltungen nicht, aber es gehörte nun einmal zu seinem Leben wie. wie eben viele andere Dinge auch. Er hätte seinen Abend lieber mit Birthe verbracht, aber das stand nicht zur Auswahl.
Eigentlich war es ausgeschlossen, daß er sie überhaupt noch einmal wiedersah! Sie hatte diese ganz besondere Aura, die ihn reizte, aber er wußte genau, wohin das in der Regel führte. Nicht umsonst hatte er sie gestern nicht mit hineingebeten.
Mit einem mürrischen Kopfschütteln vertrieb er diese Gedanken und machte sich daran, alles herzurichten. Bald würden die Gäste kommen und er konnte es sich nicht leisten, Fehler zu machen. Er hatte sowieso nicht den besten Ruf in der Gemeinde und das wollte er nicht noch verstärken.
Gegen halb zehn erschienen die ersten Gäste und nach und nach füllte sich die Halle des Hauses mit Leben. Aidan hatte die Türen zu dem Musikzimmer und dem Wohnzimmer weit geöffnet, so daß seine Besucher flanieren konnten, während sie sich unterhielten.
Es herrschte fröhliches Treiben und Aidan konnte für einen Moment vergessen, wie diese Party enden würde. Er wollte nicht darüber nachdenken, genausowenig, wie er an Birthe denken wollte. Sie konnte froh sein, daß er sie so ruppig weggeschickt hatte, denn diese Nacht würde noch sehr gefährlich werden.
Jedenfalls für Leute wie Birthe.
"Aidan, mein Bester!" Eine Frau in Aidans Alter kam auf ihn zu, die Arme weit ausgebreitet, das geschminkte Gesicht zu einem breiten Lächeln verzogen. "Ich muß sagen, du überraschst mich immer wieder!" Ihre Figur war für die heutige Mode vielleicht ein wenig zu üppig, aber das verpackte sie dermaßen sexy, daß es atemberaubend war. Sie hatte pechschwarze Haare, die lang und glatt bis weit auf ihren Rücken hingen. Das einzig störende waren die Augen: sie schienen im Licht der Kerzen rot zu sein.
Aidan erwiderte das Lächeln und beugte sich vor, um die Frau auf beide Wangen zu küssen. "Das ist mein Job, Darling", erklärte er betont fröhlich. "Ich muß mir doch Mühe mit euch geben!"
"Das hast du, das hast du sicher. Aber sag, ist alles vorbereitet?" Gier flackerte in ihren Augen und Aidan zuckte innerlich zusammen, zwang sich aber, fröhlich zu nicken.
"Alles bestens", gab er zurück. "Wir haben einen exzellenten Tag erwischt, du wirst sehen." Er hob geheimnisvoll die Augenbrauen und die Frau kicherte albern.
"Jeder Tag mit dir ist etwas Besonderes", gurrte sie und streichelte ihm über den Po. "Ich freue mich darauf, wenn du etwas Zeit für mich hast!"
"Du ungeduldiges kleines Biest", tadelte er sie sanft. "Aber ich fürchte, meine verehrte Marylla, du wirst noch eine Weile auf mich warten müssen."
Er wies mit einem Kopfnicken auf eine weitere Gruppe Gäste, die gerade in der Tür erschienen war. Mittlerweile waren es an die dreißig Personen und das Haus war von schnatternden Stimmen erfüllt.
"Herzlich willkommen, Vincent", begrüßte er den Neuankömmling, der inmitten der Gruppe stand. Die anderen machten ihm respektvoll Platz und Vincent musterte Aidan abschätzend, ehe er schließlich lächelte.
"Nun, mein lieber Aidan, ich hoffe, du erweist dich würdig." Seine ganze Körperhaltung, seine Art zu sprechen und auch sein Blick zeugten vom Hochmut, der ihn beherrschte. Aber das konnte er sich leisten, immerhin war er seit einer endlosen Zeit Führer der Gemeinde hier in Friesland.
"Es wird sich zeigen", gab Aidan unterwürfig zurück, die Schultern gebeugt, um kleiner zu erscheinen.
Vincent war trotz seiner relativ geringen Körpergröße eine imposante Erscheinung: im Gegensatz zu vielen der anderen lehnte er es ab, sich zeitgenössisch zu kleiden, er trug immer noch den eleganten Gehrock eines Lebensabschnittes, der ihm sehr gefallen hatte, perfekt bis hin zum Zylinder, der maßgeschneidert auf seinem Kopf thronte. Seine blonden Haare fielen in sorgsam gelegten Locken auf seine Schultern und ein Monokel gab ihm die nötige Autorität, unterstrichen von einem Spazierstock mit Elfenbeinknauf.
"Wann ist es soweit?" Vincent brachte es fertig, auf den zwanzig Zentimeter größeren Aidan hinabzusehen.
"Gegen Mitternacht", antwortete der gehorsam. "Ich hoffe, Ihr werdet zufrieden sein!" Er wählte bewußt die alte Anrede, denn er kannte Vincents Abneigung gegen alles Moderne, vor allen Dingen, wenn es respektlos war.
Vincent ließ ihn ohne eine weitere Würdigung stehen und Aidan konnte sich wieder Marylla zuwenden.
"Wir haben noch Zeit", lächelte die ihn an und nahm ihn einfach bei der Hand. Aidan ließ sich das gefallen und folgte ihr die Treppe hinauf. Sie kannte sich in seinem Haus aus, schließlich waren sie oft genug nach solchen Veranstaltungen hier gelandet, um den Abend ausklingen zu lassen.
Er hoffte inständig, daß niemand seiner Gäste seinen frühen Besuch roch.
*.*.*
Als die letzten Sonnenstrahlen hinter den Bäumen verschwunden waren, stand Aidan langsam auf. Er war unruhig, morgen war der Tag im Jahr, den er am meisten verabscheute: Die Mitglieder seiner Gemeinde versammelten sich, gingen unter Menschen und sorgten dafür, daß der Abend vor Allerheiligen genügend Schrecken erhielt. Er selbst konnte diesem Brauch nichts abgewinnen, ebenso wenig wie er der gesamten Lebensweise etwas abgewinnen konnte.
Aber was sollte er machen? Er hatte es einfach satt, immer wieder und wieder den Ort zu wechseln, hier fühlte er sich wohl, also mußte er die Gemeinde so akzeptieren, wie sie war. Bisher war es ihm meistens gelungen, den Schein zu wahren, ohne wirklich an ihren Orgien teilnehmen zu müssen.
Nach einem ausgiebigen Bad zog er sich eine Cordhose und ein dickes Hemd an, ehe er das Haus verließ. Er würde sich um sein Abendessen kümmern müssen, ehe er seine Zeit vor dem Kamin verbringen konnte!
Wie die meisten anderen auch haßte er diese Jahreszeit, denn es war kalt wie in einem Grab und widerwärtig naß. Regen, Regen und wieder Regen!
Andererseits hatte der Regen ja auch etwas Positives gehabt: er hatte Birthe getroffen. Und gegen seinen Willen ging diese Frau einfach nicht mehr aus seinem Kopf. Er fand sie amüsant, beinahe ein wenig faszinierend. Sie hatte einen Geruch an sich, der ihn. ja, der ihn die Augen schließen ließ. Zwar war ihr Besuch alles andere als gelegen gewesen, aber unter anderen Umständen hätte er sich sicherlich darüber gefreut.
Zwei Stunden später parkte er seinen Wagen wieder in der Auffahrt und ging zurück ins Haus. Er war satt, für den Moment zumindest, das lenkte ihn ein wenig ab. Seine Gedanken schweiften wieder, und er ließ es zu, schließlich hatte er sonst nichts zu tun! Das Leben war langweilig geworden, seit er erkannt hatte, daß er draußen in Gefahr war. Die anderen Mitglieder seiner Gemeinde neigten immer mehr zu Ausschweifungen und er spürte, wie der Unmut auch in der Bevölkerung der Kleinstadt Norden wuchs. Es würde nicht mehr lange dauern und sie würden anfangen, unangenehme Fragen zu stellen!
Er seufzte leise, durchquerte die Eingangshalle und betrat das Musikzimmer. Zielsicher durchquerte er auch diesen Raum, entzündete den Kerzenleuchter auf dem Flügel, der am Fenster stand, und setzte sich auf die Bank davor.
Einen Moment zögerte er noch, dann ließ er die Fingerknöchel knacken und begann, nur für sich alleine Klavier zu spielen.
*.*.*
"Klopf, klopf!" Famke stand bereits in der Tür, als sie sich akustisch anmeldete. "Hast du Besuch?"
Birthe kam aus dem Nebenzimmer, die Hände schmutzig, denn sie hatte gerade Blumen umgetopft.
"Famke!", freute sie sich und umarmte ihre Freundin, ehe sie den Kopf schüttelte. "Nur ein anderes Auto", erklärte sie und nickte nach nebenan. "Komm rein, dann erzähle ich dir alles."
Famke folgte ihr ins Wohnzimmer, ließ sich auf der Couch nieder und beobachtete ihre Freundin, wie die ihre Arbeit beendete und dann schnell aufräumte.
Famke war zwei Jahre jünger als Birthe - also vierundzwanzig -, ebenso klein und zierlich, nur daß sie rote, schulterlange Haare hatte, während Birthe eine kurzgelockte Brünette war. Ihr freundliches, weiches Gesicht wurde von ihrem sinnlichen Mund und den blauen Augen beherrscht, die immer ein wenig mitleidig guckten. Alles in allem war sie ein Typ, mit dem man Pferde stehlen konnte.
Sie arbeitete in der hiesigen Lokalredaktion, wo sie für die Mitarbeiter Recherchen über das Internet machte, und auch sonst verstand sie eine Menge mehr von Computern als die meisten - vor allem Männer -, ihr zugetraut hätten.
Nachdem Birthe aufgeräumt und einen Tee gekocht hatte, ließ sie sich ihrer Freundin gegenüber nieder, die Beine mit auf den Sessel gezogen.
"Wie war dein Besuch zu Hause?", wollte Birthe als erstes wissen, aber Famke verzog lediglich das Gesicht.
"Du weiß ja, wie meine Eltern sind", winkte sie dann ab. "Aber erzähl lieber, was es hier Neues gegeben hat!" Ihre Augen blitzten vor Neugier und Birthe lachte leise, ehe sie die Schultern zuckte.
"Ich hab den Job in der Bibliothek bekommen", begann sie. "Allerdings war es eine rechte Odyssee, überhaupt zum Vorstellungstermin zu kommen." Sie grinste noch im Nachhinein bei dem Gedanken an ihre Panne.
"Wieso?", wollte Famke wissen, die natürlich keine Gedanken lesen konnte.
"Ich hatte auf dem Weg zu einem wichtigen Abendessen eine Panne", erklärte Birthe lächelnd. "Meine alte Kiste hat mich mitten im strömenden Regen auf der Landstraße stehen lassen."
"Deswegen der andere Wagen vor der Tür", kombinierte Famke und Birthe nickte, ehe sie weitersprach.
"Ich hatte allerdings Glück im Unglück. Ein freundlicher Mann hat angehalten und mich zu meinem Essen gefahren."
"Und du bist einfach so mit ihm mitgefahren?", staunte Famke. "Also, ich wäre da vorsichtiger."
Birthe zuckte die Schultern. "Ich hatte keine andere Wahl", erklärte sie. "Schließlich war meine beste Freundin ja nicht zu Hause, um mir zu helfen!"
Famke grinste über die Spitze. "Und weiter?", wollte sie neugierig wissen. "Kamst du rechtzeitig zum Essen, oder."
"Kein oder!", winkte Birthe ab. "Mr. Kavanagh hat sich wie ein Gentleman verhalten!"
"Wow, was für ein Name!" Famke war beeindruckt. "Irgendwie. so alt! Weißt du noch mehr über ihn? Oder hast du ihn vom Haken gelassen?"
"Haha!", machte Birthe und grinste flach. "Er wohnt auf Gut Bonnstedt. Du weißt doch, dieses Anwesen, von dem wir dachten, es stünde leer", erklärte Birthe, während sie an ihrem Tee nippte. "Noble Hütte, sage ich dir!"
"Und sein Bewohner?" Famke lächelte, lüstern auf Details, aber Birthe zuckte nur die Schultern.
"Ebenso merkwürdig wie das Haus", erklärte sie nachdenklich. "Er ist vielleicht Mitte dreißig, dunkle Haare, dunkle Augen, ziemlich groß, aber dünn. Sehr nett, vielleicht ein bißchen traurig."
"Welch eine detaillierte Beschreibung", spottete Famke. "Ich glaube, ich muß mir den Herrn mal genauer ansehen."
"Tu, was du nicht lassen kannst", gab Birthe zurück, aber sie wußte genau, daß Famke nicht einfach so bei Aidan vor der Tür stehen würde.
Dann wechselten sie das Thema und sprachen lieber über die Halloween-Party, die vor der Tür stand.
*.*.*
"Bist du bereit für die schönste Nacht im Jahr?" Marylla stand in Aidans Schlafzimmer und drehte sich vor ihm, damit er ihr Kostüm bewundern konnte.
Der gönnte ihr allerdings nur einen flüchtigen Blick, ehe er seinen Schoßrock über die lange Weste mit Hemdjabot zog. Ein letzter Blick auf seine Schnallenschuhe, dann nickte er zufrieden.
"In Ordnung", antwortete er. "Laß uns gehen und die Nacht genießen!" Mit einem breiten Grinsen entblößte er seine Fangzähne, die im Licht der Kerzen blitzten und Marylla lachte boshaft. Sie hakte sich bei ihm unter und die beiden verließen Aidans Anwesen, um sich am verabredeten Treffpunkt mit den anderen Mitgliedern der Gemeinde zu treffen.
Der Mond stand voll und rund am klaren Nachthimmel, lediglich ab und zu huschte eine Wolke vorbei. Der Regen hatte sich verzogen - vorerst zumindest - und die Nacht war erstaunlich warm, verglich man sie mit denen der letzten zwei oder drei Wochen.
"Nettes Kostüm." Vincent gönnte Aidan ein breites Grinsen, als der in Maryllas Begleitung beim Führer der Gemeinde eintraf.
"Danke", gab er artig zurück. "Ich hatte es noch im Schrank." Vincent erwiderte nichts darauf, sondern gab vielmehr den Befehl zum Aufbruch und die Meute begann, sich über die Straßen von Norden zu ergießen.
"Ihr seht hinreißend aus, meine Liebe!" Gabriel "Gabe" Jelgers begrüßte seine Schwester herzlich und die strahlte ihn fröhlich an.
Gabe war acht Jahre älter als sie, gute einsneunzig groß und breitschultrig. Seine dunkelbraunen Haare fielen ihm glatt bis eine Handbreit über den Hemdkragen, was ihn verwegen aussehen ließ. Seine moosgrünen Augen blitzten stets fröhlich und er war das männliche Gegenstück zu Famke, sowohl vom Humor als auch von der Begeisterung, mit der er lachte.
Birthe hatte sich ein Rokoko-Kostüm geliehen, perfekt bis zur starren Korsage, die ihren Busen hochschnürte. Ihre Füße steckten in stilechten Stöckelschuhen und sie machte einen Knicks.
"Vielen Dank, Sire", lächelte sie verführerisch. "Es erfreut mich, Euch zu gefallen!" Gabe war weit mehr als ein Bruder für sie, er war ihr Freund. Sie bildeten mit Famke eine Clique, seit die Mädchen zusammen zur Schule gegangen waren. Gabe war Famke vor zwei Jahren nach Norden gefolgt und jetzt war das Dreiergespann wieder komplett.
Gabe grinste breit als Antwort, drückte ihr ein Glas Sekt in die Hand. "Komm, ich stell dir die anderen vor!" Er nahm sie am Arm und führte sie durch den überfüllten Raum. Offenbar waren hier alle Einwohner aus Norden versammelt, die zwischen zwanzig und dreißig Jahren alt waren!
Er steuerte einen kleinen Kürbis an, der ihnen den Rücken zudrehte und Gabe mußte auf das, was wohl die Schulter sein mußte, ticken, ehe sich das unförmige Kostüm umdrehte.
"Hi!", strahlte Famke, als sie die beiden hinter sich entdeckte. "Du siehst phantastisch aus!" Birthe lächelte und wies mit einem Kopfnicken auf Famkes Kostüm. "Du aber auch", gab sie zurück. "Ich hätte dich beinahe nicht erkannt."
"Cordula, Birthe ist da!", winkte Gabe währenddessen seine Freundin heran und die verzog kurz das hübsche Gesicht, ehe sie ein Lächeln hervorzerrte und näher kam.
Sie war gute fünfzehn Zentimeter größer als Birthe und Famke, extrem schlank und in einen aufregenden Fetzen gehüllt, der mehr zeigte als daß er verbarg. Ihre langen, braunen Haare hingen sorgsam frisiert über ihre Schultern und sie verzog hochmütig den knallrot geschminkten Mund, als sie Birthe begrüßte.
"Schön, daß du den Weg gefunden hast!" Aber es stand keine Freude in ihrem Gesicht, ganz im Gegenteil. Dennoch erwiderte Birthe die Begrüßung freundlich und versuchte, mit Cordula zu plaudern, aber die verzog sich sofort wieder.
Wenig später war auch Birthe in das fröhliche Treiben der verschiedensten Kostüme eingetaucht und hatte ihre Freunde aus den Augen verloren.
"Eine herrliche Nacht für die Untoten!" Marylla tauchte wie ein Schatten neben Aidan auf, die Fangzähne blutverschmiert. "Sie ist wirklich für uns geschaffen."
"Genieße sie", gab er ruhig zurück, obwohl in seinen Augen Abscheu flackerte. Für ihn hatte die Jagd auf Menschen vor langer Zeit den Reiz verloren, aber das durften die anderen nicht wissen.
"Das werde ich, mein Geliebter!" Ihre Augen funkelten böse, dann tauchte sie wieder in die Nacht ein.
Die Halloweennacht schritt schnell voran und Aidan konnte das Lachen, die Freude der anderen in seinem Kopf spüren, während er durch die dunklen Straßen der Stadt schlenderte. Er hatte längst kein Vergnügen mehr an diesen Veranstaltungen und er hatte auch keine Lust, am Ende dieser Nacht mit Marylla in seinem Bett zu landen. Vielmehr zog er die Einsamkeit vor, die ihm schon lange zu einem Freund geworden war.
"Schnell, hier entlang!" Eine fröhliche Frauenstimme riß ihn aus seinen Gedanken und er konnte eine Gruppe Menschen sehen, die kichernd um eine Ecke gerannt kam. Offenbar hatten sie andere erschreckt, denn sie sahen sich immer wieder um, ob sie auch nicht verfolgt wurden. Angeführt wurde die Horde von einem Kürbis, wie Aidan grinsend feststellte.
"Geht meinen Freunden aus dem Weg", murmelte er, dann ging er weiter in die Richtung, aus der die Menschen gekommen waren.
"Wartet auf m." Eine Rokoko-Schönheit kam um die Ecke geschossen und Aidan konnte sie gerade noch auffangen, ehe sie ihn umrannte.
"He, he!", machte er und stellte sie wieder sicher auf die Beine. "Vorsicht, vor allen Dingen in der Nacht der Untoten!"
"Oh, Sie schon wieder!" Birthe hatte sich von ihrem Schreck über den Beinahe Zusammenstoß erholt und musterte Aidan aufmerksam. "Sie sehen klasse aus", kommentierte sie seinen Aufzug. "So, als hätten Sie diese Kleidung schon immer getragen." "Und Sie passen perfekt zu mir", gab Aidan lässig zurück. "Kommen Sie, schöne Frau, lassen Sie uns ein wenig den Mond genießen."
Aidans elegante Gelassenheit war nur Schau: er konnte spüren, daß sich Mitglieder seiner Gemeinde hinter ihnen befanden und er wollte nicht, daß Birthe weiter in deren Richtung lief.
"Och, ich weiß nicht", zog Birthe einen Flunsch. "Vorgestern waren Sie noch so unfreundlich zu mir."
"Wenn ich Eure Durchlaucht erinnern dürfte", hob Aidan gespielt eine Augenbraue,
"habe ich Euch schließlich ohne Anmeldung in meinem werten Heim angetroffen."
Birthe schnappte nach Luft und preßte ihre Hand auf ihr Dekolleté. "Wie könnt Ihr es wagen!", tadelte sie ihn streng. "Was wollt Ihr mir damit unterstellen?"
"Nichts weiter", grinste er flüchtig. "Aber kommen Sie, ich möchte hier weg." Er legte ihr einen Arm um die Taille und führte sie zurück in die besser beleuchteten Gegenden der Stadt. Hier fühlte er sich sicherer - oder er hoffte zumindest, daß sie hier sicherer war.
"Waren Sie auf einer Party?" Aidan wies auf ihr Kostüm und Birthe nickte begeistert.
"Meine Freunde haben ein Fest organisiert, und es war einfach berauschend!" Lächelnd breitete sie die Arme aus und drehte eine Pirouette, bei der Aidan sie allerdings auffangen mußte, denn die ungewohnten Schuhe nahmen ihr den Halt.
"Vorsicht", murmelte er und hielt sie einen Moment länger fest, als es nötig gewesen wäre. "Sie werden sich noch verletzen."
Birthe zuckte leicht die Schultern. "Nicht in Ihrer Gegenwart", gab sie zurück und zog die Schultern hoch. Solange sie durch die Straßen gerannt war, hatte sie die niedrigen Temperaturen nicht gespürt, aber jetzt.
"Hier, ziehen Sie meine Jacke an." Aidan schlüpfte aus seinem Schoßrock und half Birthe galant, ihn anzuziehen. "Was halten Sie davon, wenn wir irgendwo noch etwas trinken gehen?"
Birthe warf einen Blick auf ihr Handgelenk, aber sie trug zu dem Kostüm natürlich keine Armbanduhr. Also zuckte sie nur leicht die Schultern und zog die Jacke enger um sich. "Wissen Sie, wie spät es ist?", wollte sie wissen und Aidan zog eine Taschenuhr aus seiner Westentasche.
"Kurz nach halb drei", teilte er ihr mit.
"Ich weiß nicht, ob wir noch irgendwo etwas zu trinken bekommen", gab sie zu bedenken, aber Aidan lächelte kurz.
"Lassen Sie das meine Sorge sein", winkte er ab. "Ich kenne ein Plätzchen, wo es sehr guten alten Whiskey gibt."
Birthe hob fragend eine Augenbraue, aber Aidan bot ihr nur seinen Arm und führte sie zu seinem Wagen, den er in der Innenstadt geparkt hatte.
Birthe wollte erst fragen, wohin sie fahren würden, aber die Antwort lag auf der Hand: Aidan würde sie mit in sein Haus nehmen. Einen Moment dachte sie an Famke und die anderen, dann schob sie die Zweifel beiseite, denn die hatten sie ja schließlich abgehängt!
Die Eingangshalle wurde vom Mond in silbernes Licht getaucht, aber Aidan führte sie weiter bis ins Musikzimmer, wo er ihr vor den großen Fenstern einen Sessel zurecht rückte."Dieses Haus hat in der Dunkelheit seinen ganz eigenen Charme", stellte Birthe fest, während sie versuchte, sich mit dem Reifrock auf dem Sessel niederzulassen.
"Deswegen liebe ich es auch so sehr", stimmte ihr Aidan zu und reichte ihr ein schweres Kristallglas, in dem eine honigfarbene Flüssigkeit über Eiswürfel schwappte.
"Sie haben wirklich Strom?" Birthe betrachtete das Eis versonnen. "Hätte mich hier draußen nicht gewundert, wenn's nicht so gewesen wäre. Man sieht nirgends Kabel, Schalter oder Steckdosen."
Aidan grinste. "Ich wollte nicht den Charme des Hauses zerstören", erklärte er. "Alle nachträglichen Installationen sind so gelegt worden, daß sie nicht auffallen."
"Sie sind ein merkwürdiger Mann, Aidan." Es war Birthe anzuhören, daß sie bereits einiges in dieser Nacht getrunken hatte, aber das störte nicht ihren Scharfsinn. "Sie hüten mehr Geheimnisse, als man ahnen mag."
"Tun wir das nicht alle?", wich ihr Aidan geschickt aus. "Wollen Sie mir erzählen, was Sie zurück in den Norden verschlagen hat?" Aidan nippte an seinem Drink und fixierte sie.
"Private Probleme", gab Birthe zögernd zurück und trank ebenfalls von ihrem Whiskey. "Ich hatte in Frankfurt einen Freund, der aber leider verheiratet war." Sie zuckte nichtssagend die Schultern.
"Das tut mir leid." Aidan starrte in den Garten hinaus. "Aber es ist oftmals nicht leicht, sich in den richtigen Partner zu verlieben."
"Nein, wahrlich nicht", stimmte Birthe ihm zu. "Vor allen Dingen, da man es sich nicht aussuchen kann. Man sieht jemanden, und - peng - hat man sich verliebt."
"Ja, ohne Ansehen des Standes, der Abstammung, der Lebensweise", erklärte Aidan nachdenklich. "Da frage ich mich, welchen Sinn die Liebe überhaupt noch hat."
"Welch eine düstere Einstellung", tadelte Birthe sanft. "Die Liebe ist das, was das Leben sinnvoll macht! Ich meine, stellen Sie sich vor, Sie müßten Jahrhunderte lang leben, ohne zu lieben!"
"Selbst mit der Liebe ist das keine besonders schöne Vorstellung", gab er bedrückt zurück. "Glauben Sie mir, ewiges Leben, ewige Jugend ist nicht unbedingt erstrebenswert."
"Was können Sie davon wissen?" Birthes Augen ruhten auf ihm, aber Aidan zuckte nur die Schultern.
"Nichts", gab er schließlich zurück. "Vielleicht ist es lediglich die Nacht der Untoten, die mich so melancholisch werden läßt."
"Vielleicht", stimmte ihm Birthe zu. "Vielleicht ist es aber auch Ihre Einsamkeit."
"Sieht man sie mir an?" Aidan versuchte gar nicht erst, zu leugnen, vielmehr sah er ihr direkt in die Augen.
"Ja, ich denke schon." Von Birthes angeheiterter Stimmung war nichts mehr geblieben, vielmehr spürte sie den bedrückenden Ernst, der von Aidan ausging. "Sie, dieses Haus. Alles wirkt sehr einsam, sehr bedrückend auf mich."
"Sie sind noch zu jung, um das zu verstehen!" Eine ungewollte Schroffheit hatte sich in seine Stimme gestohlen und Aidan stand abrupt auf.
Darauf wußte Birthe nichts zu antworten, sie starrte schweigend in den Garten, wo das Mondlicht langsam verblaßte. Es würde bald hell werden, stellte sie erstaunt fest. War sie bereits so lange in Aidans Haus?
"Ich befürchte, ich werde Sie jetzt nach Hause bringen müssen." Aidan war ihrem Blick gefolgt und seine Uhr hatte ihm verraten, daß es bereits sechs Uhr war.
Bald würde die Sonne aufgehen.
"Ja, es ist bereits sehr spät", stimmte sie zu. "Oder schon sehr früh!" Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, während sie ihre Schuhe anzog. "Aber Sie brauchen mich nicht nach Hause zu bringen, ich wollte bei einer Freundin in der Stadt übernachten. Wenn Sie mich vielleicht."
"Selbstverständlich werde ich Sie sicher vor der Wohnung Ihrer Freundin abliefern", versicherte Aidan.
Wenig später saß sie wieder neben ihm in seinem Wagen und ließ sich zu dem Haus bringen, in dem Famkes Wohnung lag.
"Vielen Dank für Ihre Gesellschaft", bedankte sich Aidan bei ihr, als er angehalten hatte. "Sie machen sich keinen Begriff davon, wie sehr ich es genossen habe."
"Das kann ich Ihnen gerne zurückgeben." Birthe legte ihre Hand auf seine und beugte sich dann rüber, um ihm einen zarten Kuß auf die Wange zu hauchen.
"Besuchen Sie mich bitte bald wieder", bat Aidan eindringlich. "Ich bin immer abends für Sie da."
Birthe musterte ihn lange, dann nickte sie schließlich. "Gerne", stimmte sie zu, dann stieg sie aus und ging zur Haustür. Aidan wartete noch, bis die Tür hinter ihr ins Schloß gefallen war, dann fuhr er wieder nach Hause.
"Wo zum Teufel hast du gesteckt? Wir sind fast vor Sorge gestorben!" Famke funkelte sie wütend an, die Hände in die Hüften gestützt, aber offenbar war sie auch noch nicht besonders lange zu Hause: sie trug immer noch ihr Kürbis-Kostüm.
"Es tut mir leid", tat Birthe reumütig. "Aber ihr wart auf einmal verschwunden! Und als ich dann Aidan getroffen habe."
"Wer ist Aidan?" Famke begann, sich aus dem Kostüm zu schälen und auch Birthe knöpfte ihr Mieder auf.
"Mr. Kavanagh", erklärte sie, ehe sie ein Gähnen hinter der Hand versteckte. "Er hat mich noch auf ein Glas Whiskey eingeladen und wir waren bis eben in seinem Haus."
"Birthe!", entrüstete sich Famke. "Du hast doch nicht etwa."
"Famke, was denkst du von mir?", tadelte Birthe sanft. "Wir haben uns lediglich unterhalten und einen sehr guten Whiskey getrunken."
"Seltsam, seltsam", machte Famke noch, aber dann gingen die beiden schließlich doch ins Bett, als es bereits dämmerte.
*.*.*
In der Abenddämmerung wachte Aidan langsam wieder auf und streckte sich genüßlich, während die letzten Lichtstrahlen verschwanden. Sein Kopf war schwer, aber das war nach der letzten Nacht auch nicht anders zu erwarten gewesen.
Mit einem Seufzen setzte er sich auf und überlegte einen Moment, was er jetzt machen sollte. Wahrscheinlich würde ihn Marylla heute noch besuchen, denn er hatte eigentlich bereits in der vergangenen Nacht mit ihr gerechnet.
"Naja", murmelte er. "Schauen wir mal!"
Hunger plagte ihn, aber Aidan konnte sich nicht aufraffen, sich etwas zu Essen zu besorgen. Nach der letzten Nacht war ihm eigentlich der Appetit vergangen, vor allen Dingen, da er ahnte, was seine, Freunde' getrieben hatten.
Nervös begann er, ein Feuer im Kamin der Eingangshalle zu entzünden, dann lief er unruhig im Haus umher, durch das Erdgeschoß, durch die oberen Räume, bis er schließlich im Keller landete.
Hier betrat er andächtig die kleine Kapelle, die er eingerichtet hatte. Mit einem Seufzen ließ er sich auf die Knie nieder und faltete die Hände, die Ellenbogen auf die Bank vor sich gestützt.
"Warum tust du mir das alles an?" Seine Stimme war tonlos. "Habe ich denn noch nicht genug gelitten? Hast du denn in all den Jahren keine Genugtuung für meinen Frevel bekommen?"
Aber er bekam keine Antwort, hatte auch keine erwartet.
Dennoch blieb er eine lange, sehr lange Zeit vor dem Altar knien, in ein inbrünstiges Gebet vertieft, in der Hoffnung, doch irgendwann einmal Rettung für seine Seele zu finden.