Geteilte Träume
Meine Eltern, die Wende und ich
Robert Ide(Author)
Luchterhand (Publisher)
Published on 27. February 2007
Book
Hardback
224 pages
978-3-630-87236-0 (ISBN)
Description
Was ist aus unseren Träumen geworden? - Wie die Wiedervereinigung Eltern und Kinder entzweite.
Mit einer hinreißenden Fülle an Geschichten, Schicksalen und Anekdoten erzählt Robert Ide von den unterschiedlichen Erfahrungen, die Jugendliche und ihre Eltern nach der Wende gemacht haben, und sucht einen Weg zu eröffnen, aus der gegenseitigen Entfremdung wieder zurück zu einer neuen Gemeinsamkeit zu finden.
Robert Ide, heute Journalist beim Berliner "Tagesspiegel", war 14 Jahre alt, als die Mauer fiel. Was sich nach der ersten Euphorie für die Generation seiner Eltern als ein die ganze Existenz und das Selbstbewusstsein erschütternder Umbruch erwies, war für Robert Ide und viele seiner Altersgenossen eine unvergleichliche Chance zum Aufbruch in ein neues Leben.
Sie haben einen Traum geteilt, den Traum von Freiheit und einem selbstbestimmten, besseren Leben: die Bürger der DDR, ob jung oder alt. Doch als dieser Traum mit der Wende wahr zu werden schien, teilten sich die gemeinsamen Erfahrungen. Während viele junge Menschen seitdem ihren Weg gemacht haben, resignierten die Eltern, enttäuscht von den neuen Realitäten, allzu häufig. Robert Ide fragt, wie es kommen konnte, dass der Umbruch die Familien derart entzweite. Was passiert, wenn am Kaffeetisch Hartz IV auf eine kokette Form der Geldverschwendung trifft? Warum fragt niemand: Tante, warst du bei der Stasi? Am Beispiel seiner eigenen Geschichte wie der seiner Freunde und der Menschen, die er auf Reisen durch die Bundesrepublik getroffen hat, erzählt er vom Leben vor der Wende und davon, was nach der Wiedervereinigung aus den Hoffnungen wurde.
Ide entwirft ein buntes Bild vom Damals, von Alfons Zitterbacke bis zum Kleingarten an der Mauer, vom Schallplattenkauf im Intershop bis zur Demütigung durch "Zonen-Gabys erste Banane". Und er hört auf die Erzählungen der Menschen heute, auf ihre Enttäuschungen und kleinen Siege quer durch die Generationen.
Ide beschreibt Städte, in denen Schulhöfe verwaisen. Er erzählt, wie Sehnsucht nach dem Früher als Markenartikel verkauft wird. Und an Ossi- Stammtischen im Westen trifft er auf junge Gesamtdeutsche, die Fernweh nach der Heimat verspüren. So ist sein Buch auch ein Porträt der Gegenwart, das die Träume ergründet, die Jung und Alt noch heute gemeinsam teilen und das zeigt, welche Wege die Vergangenheit gefunden hat, sich in den Biografien der Menschen festzusetzen.
Mit einer hinreißenden Fülle an Geschichten, Schicksalen und Anekdoten erzählt Robert Ide von den unterschiedlichen Erfahrungen, die Jugendliche und ihre Eltern nach der Wende gemacht haben, und sucht einen Weg zu eröffnen, aus der gegenseitigen Entfremdung wieder zurück zu einer neuen Gemeinsamkeit zu finden.
Robert Ide, heute Journalist beim Berliner "Tagesspiegel", war 14 Jahre alt, als die Mauer fiel. Was sich nach der ersten Euphorie für die Generation seiner Eltern als ein die ganze Existenz und das Selbstbewusstsein erschütternder Umbruch erwies, war für Robert Ide und viele seiner Altersgenossen eine unvergleichliche Chance zum Aufbruch in ein neues Leben.
Sie haben einen Traum geteilt, den Traum von Freiheit und einem selbstbestimmten, besseren Leben: die Bürger der DDR, ob jung oder alt. Doch als dieser Traum mit der Wende wahr zu werden schien, teilten sich die gemeinsamen Erfahrungen. Während viele junge Menschen seitdem ihren Weg gemacht haben, resignierten die Eltern, enttäuscht von den neuen Realitäten, allzu häufig. Robert Ide fragt, wie es kommen konnte, dass der Umbruch die Familien derart entzweite. Was passiert, wenn am Kaffeetisch Hartz IV auf eine kokette Form der Geldverschwendung trifft? Warum fragt niemand: Tante, warst du bei der Stasi? Am Beispiel seiner eigenen Geschichte wie der seiner Freunde und der Menschen, die er auf Reisen durch die Bundesrepublik getroffen hat, erzählt er vom Leben vor der Wende und davon, was nach der Wiedervereinigung aus den Hoffnungen wurde.
Ide entwirft ein buntes Bild vom Damals, von Alfons Zitterbacke bis zum Kleingarten an der Mauer, vom Schallplattenkauf im Intershop bis zur Demütigung durch "Zonen-Gabys erste Banane". Und er hört auf die Erzählungen der Menschen heute, auf ihre Enttäuschungen und kleinen Siege quer durch die Generationen.
Ide beschreibt Städte, in denen Schulhöfe verwaisen. Er erzählt, wie Sehnsucht nach dem Früher als Markenartikel verkauft wird. Und an Ossi- Stammtischen im Westen trifft er auf junge Gesamtdeutsche, die Fernweh nach der Heimat verspüren. So ist sein Buch auch ein Porträt der Gegenwart, das die Träume ergründet, die Jung und Alt noch heute gemeinsam teilen und das zeigt, welche Wege die Vergangenheit gefunden hat, sich in den Biografien der Menschen festzusetzen.
More details
Series
Language
German
Product notice
With flaps
Dimensions
Height: 20.6 cm
Width: 13.5 cm
ISBN-13
978-3-630-87236-0 (9783630872360)
Schweitzer Classification
Person
Robert Ide, geboren 1975 im sächsischen Marienberg, ist aufgewachsen in Berlin-Pankow. Seine Biografie ist idealtypisch für die Generation, die um die 14 Jahre alt war, als die Mauer fiel, und die die Wende für sich als Aufbruch nutzen konnte. Nach dem Um
Content
Der Türsteher schenkt mir einen verächtlichen Blick und schüttelt den Kopf. Ich vergrabe die Hände in meinen Manteltaschen, hier am zugigen Alexanderplatz habe ich keine Lust auf Diskussionen. Gerade will ich mit meinem Kumpel Ricardo zu einer anderen Filiale des Berliner Nachtlebens weiterziehen, da hält mich der Türsteher an der Schulter fest: 'Na gut, komm rein. Ich glaube, Du warst schon mal hier.'
Ich zahle den Eintritt, mein Blick streift über den Marmorfußboden und die weißen Kalkwände, an denen viereckige Staubränder von abgehängten Bilderrahmen künden, hinüber zum Fahrstuhl, in dem schon Ricardo steht und mich heranwinkt. Ich springe in die silbern verchromte und am Kopf verspiegelte Zelle, es ist ziemlich eng hier, eine Parfümwolke umschließt mich, als sich die Tür ruckelnd zuzieht. Es ist 'Weekend', und der gleichnamige Klub ist nicht nur heute Nacht einer der angesagtesten in Berlin. Früher, als das alles noch undenkbar war, hieß das 'Weekend' ganz einfach Haus des Reisens. In einer der Etagen, an denen ich gerade vorbeifahre, saß meine Mutter und hat Träume verkauft.
Der Aufzug ist vollgestopft mit kichernden Frauen, der Türsteher hat ganze Arbeit geleistet. 'Lesbisch? Das war doch vor zehn Jahren in!', ruft eine, schon ein wenig betrunken, und erntet helles Kreischen. Mein Kumpel Ricardo lacht mit und zwinkert mir zu. Der Laden ist eine gute Wahl, will er mir wohl sagen. Wahrscheinlich ist er froh, dass er mal Ausgang von seiner Freundin bekommen hat, die zu Hause in Frankfurt am Main geblieben ist. Als die viereckigen roten Zahlen die Ankunft über den Dächern der Stadt anzeigen, dröhnt uns schon Musik entgegen. In einem riesigen Raum mit von der Decke blätterndem Putz und einer geschwungenen Bar haut eine Gitarrenband in die Saiten, ein Sänger mit Dreiwochenbart brüllt 'Paris loves Berlin!' und stimmt ein Lied von der Liebe an. Viele tanzen, manche trinken Bier aus Amsterdam und schauen durch die Panoramafenster hinab auf die Lichter der Stadt. Alle, die hier rumhängen, sehen ungefähr so aus wie ich: gefühlte 30, offenes Hemd, Turnschuhe, neugierige Augen.
'Ich geh mal tanzen', sagt Ricardo und bewegt sich in Richtung des Pariser Sängers, sein eigentliches Ziel dürfte indes die Frau aus dem Fahrstuhl sein. Ich schaue ihm nach, wie er im Takt der johlenden Menge verschwindet. Ich sehe den Leuten zu, zu denen ich Wochenende für Wochenende gehöre. Und ich denke an die Worte des Türstehers: Du warst schon mal hier.
Ich schaue auf mein Handy, der neue Tag ist schon ein paar Stunden alt. Ich hätte jetzt auch Lust zu tanzen, doch in mir steigen Erinnerungen auf und ein Gedanke, den ich am liebsten vertreiben möchte: Wenn das meine Mutter wüsste. Hier im Haus des Reisens saß sie mit blau-weiß gestreifter Bluse, roter Weste und grauem Seidentuch vor würfelförmigen Computerbildschirmen und bot Fernreisen ans Schwarze Meer und den Balaton an. An der Wand zeigte ein bronzenes Relief ein Flugzeug mit DDR-Emblem, das über alle Ozeane flog. Einmal pro Jahr durfte auch ich durch die Sicherheitsschleuse, dann ging es in dem silbernen Fahrstuhl hinauf in die Schalterhalle von Interflug. Bei der Betriebsfeier schenkte mir der Weihnachtsmann ein Iljuschin-Flugzeug aus Plaste, das ich mir ins Kinderzimmer übers Bett hängte.
Genug damit! Ich will die alten Bilder jetzt nicht. Wo ist eigentlich Ricardo? Mühsam bahne ich mir einen Weg in Richtung Bühne und hämmere mir im Takt der Musik in den Kopf: Du bist erwachsen geworden, ein partytauglicher tüchtiger Gesamtdeutscher, das wolltest Du doch immer. Ja, so ist es, bestätige ich mir. Aber in meinem Körper pocht ein anderes Gefühl, und es lässt sich nicht betäuben mit Bier aus Amsterdam und Rock 'n' Roll aus Paris: das Gefühl, in einer ganz anderen Welt angekommen zu sein als meine Eltern.
'Zigarette?' Eine Frau - war die vorhin auch im Fahrstuhl? - hält mir eine fast leere Schachtel vor die Nase. Die steht wohl auf nachdenkliche Typen, veralbere ich mich. Ich lass mir Feuer geben, nicke ihr zu und verschwinde wieder. Was soll ich ihr auch erzählen? Dass Interflug nach der Wende abgewickelt wurde, wie nahezu alle DDR-Betriebe? Dass die echten Iljuschin-Maschinen für eine D-Mark verhökert wurden und Zehntausende Eltern, zuvor stets Vorbild in Alltagsorganisation und Familienmanagement, plötzlich hilflos zu Hause saßen? Dass sich die meisten von ihnen bis heute nicht davon erholt haben? Nein, das behalte ich lieber für mich. Mir fallen meine Tanten und Onkels ein, die im Erzgebirge von Hartz IV leben und ihre Töchter und Söhne an den Westen verloren haben, weil die nur dort die Möglichkeit sehen, tüchtige und partytaugliche Gesamtdeutsche zu werden. Ich schaue mich um, Ricardo ist nicht zu sehen. Die Menge ruft nach einer Zugabe. Ich bin angekommen im Haus meiner Kindheitsträume und im Leben meiner Eltern. Und könnte doch kaum weiter weg von ihnen sein.
Warum hat die Wiedervereinigung uns so voneinander entfernt? Das würde ich gerne herausfinden.
Im Träumen waren wir uns in der Familie früher ganz nah: Wir wollten Freiheit und den D-Mark-Wohlstand, den wir aus dem Westfernsehen kannten. Bis zur Erfüllung dieser Sehnsucht harrten wir gehorsam in der kleinen halben Welt aus, die uns die deutsche Teilung zugewiesen hatte. In einer durchorganisierten Gesellschaft suchten wir nach Lücken, in der Woche im Staatsbürgerkunde-Unterricht und in der Schlange vorm Gemüseladen, am Wochenende in unserer Nische, dem Kleingarten, der direkt an der Mauer lag. Die Grenzen, die der Staat gesetzt hatte, auszutesten und zu verschieben, gelang uns als Familie mal ganz gut, mal probierten wir es lieber nicht. Doch als unser Traum mit der Wende endlich wahr zu werden schien, teilten sich die Erfahrungen. Vielen Freunden von mir ist es so ergangen: Während die jungen Menschen unbelastet ihren Weg gemacht haben, resignierten ihre Eltern, enttäuscht von den neuen Realitäten, allzu häufig.
Mit einer Urlaubsreise ins sozialistische Ausland kam man dem Traum von Freiheit am nächsten. Eine Welt voller Geheimnisse tat sich auf, wenn unsere Familie in den Genuss eines Freiflugs nach Leningrad kam, um die Schlösser der russischen Zaren zu besichtigen, oder wenn es ins bulgarische Varna ging, um einen Ölradiator für die Gartenlaube zu besorgen. Einmal, wir waren unterwegs nach Budapest, kotzte ich den gesamten Flug über in meine Spucktüte, allen in der Iljuschin war übel, sogar den Stewardessen. Erst nach unserer Heimkehr einige Tage später erfuhren wir im Westfernsehen, dass wir durch die radioaktiven Wolken geflogen waren, die nach dem Reaktorunglück im sowjetischen Tschernobyl in die Lüfte gestiegen waren. Bei jeder Interflug-Reise bekam man etwas mit, das nicht auf dem Lehrplan meiner Johannes-R.-Becher-Oberschule in Berlin-Pankow stand. Mit jedem Ausflug aus dem kleinen halben Deutschland wurde die Sehnsucht größer nach einem freieren, besseren, selbst bestimmten Leben. Dann fiel die DDR endlich über sich selbst, und mit ihr auch die Mauer. Beim ersten Ausflug in den Westen war ich 14. Genau das richtige Alter, um ein neues Leben zu beginnen.
Den ersten Gang zu den unbekannten Brüdern und Schwestern machten wir noch gemeinsam, meine Eltern, meine Schwester und ich. Wir liefen Hand in Hand über die Bornholmer Brücke, durchquerten jubelnd die Kontrollanlagen, prosteten den verunsicherten Soldaten der Nationalen Volksarmee zu. Als wir drüben anlangten, zeigte meine Mutter auf die grauen Altbauten des West-Berliner Arbeiterbezirks Wedding und rief entsetzt: 'Hier sieht es ja aus wie bei uns.' Wir hielten inne. Zum ersten Mal merkten wir, dass wir uns den glitzernden Westen erst erobern mussten. Und vielleicht beschlich uns da schon die Ahnung, dass dem Wende-Gewinn auch Verluste gegenüberstehen könnten. Verluste an Freiflügen, Verluste an Nischen, Verluste an Gemeinsamkeit.
Meine Eltern waren Anfang 40. Sie hatten mir schon im Sozialismus beigebracht, einen eigenen Weg zu gehen. Nun folgte ich ihrem Rat. Mein Weg nach dem Umbruch führte mich von ihnen weg, führte mich ganz behutsam, aber Schritt für Schritt in eine andere Himmelsrichtung: nach Westen. Ich wechselte die Seiten, und ganz nebenbei wurde ich mit der Einheit erwachsen. Auch meine Eltern mussten neu anfangen. Es galt, sich die neue Freiheit zu nehmen und Entscheidungen zu treffen, die einem früher der Staat abgenommen hatte. Lebenserfahrungen spielten auf einmal keine Rolle mehr, sie waren eher hinderlich. Vielen älteren Ostdeutschen fiel es mit jeder Kombinatsschließung schwerer, sich aufzurappeln und Vertrauen in die neue Zeit zu fassen. Sie blieben auf der Seite, die sie kannten, und richteten sich neue Nischen ein, in denen die Vergangenheit eine Heimstatt fand. Die Träume teilten sich.
Ricardo ist verschwunden, wer weiß, was er treibt. Ich habe keine Lust mehr, ihn zu suchen, und glaube auch nicht, dass er sonderlich viel Wert darauf legt. Der Pariser Sänger mit dem Dreiwochenbart kündigt noch eine Zugabe der Zugabe an, als die silbern verchromte Fahrstuhltür vor meinen Augen zusammenruckelt. Während der Aufzug mich wieder auf den Erdboden bringt, schaue ich in den Spiegel und sehe ein Gesicht in Gedanken: Was wäre eigentlich aus mir geworden, wenn es die DDR weiter gegeben hätte? Draußen winke ich mir ein Taxi heran, das mich über glatt asphaltierte Straßen zu meiner sanierten Altbau-Wohnung im zum Trendbezirk herausgeputzten Stadtteil Prenzlauer Berg bringt. Dort wartet eine rote kleine Badetasche auf mich, in der meine Zahnbürste liegt. Auf der Tasche steht in weißen Druckbuchstaben: 'Um Ihr Wohlbefinden bemüht - Interflug'.
Ich habe mir die Tasche vor kurzem in einem Laden gekauft, in dem es Ampelmännchen, Spreewaldgurken und T-Shirts mit russischen Aufschriften gibt, die ins Deutsche übertragen den Spruch ergeben: 'Wenn Du das nicht lesen kannst, bist Du ein dummer Wessi.' Ich war der einzige junge Mensch dort, und meine Anwesenheit war mir selbst gegenüber ein wenig peinlich. Doch nachdem ich im Schaufenster die Interflug-Tasche entdeckt hatte, die früher bei jedem Urlaubsabenteuer im Haltenetz des Vordersitzes steckte und in der sich Erfrischungstücher und ein kleines Nagelset befanden, überkam mich so etwas wie Heimweh. Die Delfinshows in Bulgarien kamen mir in den Sinn, die Spaziergänge durch die Prager Altstadt, auch die Tschernobyl-Wolke. Ich musste die Tasche haben, selbst wenn dieser lächerliche Plasteartikel mit schwergängigem Reißverschluss nicht weniger als 20 Euro kosten sollte.
Am nächsten Tag rief ich meine Eltern an. Ich hörte, wie mein Vater den Hörer vom kombinierten Fax-Telefon-Gerät nahm, und erzählte ihm sogleich die Geschichte meines neuen Kulturbeutels. Er erwiderte, er habe vergangene Woche einen Film über Interflug im Fernsehen gesehen, doch sei ihm auch diesmal nicht klar geworden, warum der Betrieb geschlossen werden musste. Dann rief er meine Mutter zum Hörer. Ich erzählte ihr alles noch einmal von vorn, und als ich innehielt, um ihre freudige Reaktion zu hören, bemerkte sie mit trauriger Stimme: 'Warum hast Du mich denn nicht gefragt? Ich habe noch fünf solcher Taschen im Schrank.' Nein, nicht mal in der Nostalgie treffen wir uns.
Wie soll man den eigenen Eltern sein neues Leben erklären? Und warum bin ich nicht selbst darauf gekommen, meine Mutter nach der Interflug-Tasche zu fragen? Vielleicht ist es gar nicht so einfach, wie alle immer sagen: Mauer in den Köpfen, Ossis und Wessis. Eine unbeachtete, aber ebenso strenge Trennung verläuft zwischen Ost und Ost. Denn während die einen längst auf der anderen Seite leben, wirken die anderen alt im neuen Deutschland. Meist ist das eine Generationenfrage. Mein Vater geht nicht wählen in der Demokratie, die wir gemeinsam herbeigesehnt haben. Meine Mutter verkauft keine Träume mehr. Die Verluste werden nicht besprochen, wenn wir uns sonntags im Kleingarten beim Kirschkuchen treffen. Wir sind auf unterschiedliche Weise in der neuen Zeit angekommen, auch darüber reden wir nicht. Andernfalls würde unser ostdeutsches Gemeinschaftsgefühl verloren gehen; die Erinnerung an ein Leben, von dem der Westen sowieso keine Ahnung hat.
Wenigstens meine alte Schulfreundin Ilonka, mit der ich immer ins Grüne fahre, sobald der Sommer kommt, hat meine neue Tasche angemessen bewundert. 'Geil, woher hast Du die denn?', rief sie, als ich den Kulturbeutel auf das Waschbecken der kleinen Pension stellte, in die wir uns für ein Wochenende unter guten Freunden eingemietet hatten. Ilonka steigerte sich in einen Lachanfall, während sie immerfort wiederholte: 'Um Ihr Wohlbefinden bemüht, um Ihr Wohlbefinden bemüht.' Dann gingen wir raus, doch in dem Nest, in das es uns verschlagen hatte, gab es nichts außer dem Lausitzring, einer mit Aufbau-Ost-Mitteln errichteten Autorennstrecke, auf die die Formel 1 nicht gewartet hat. An jenem Wochenende hatten die Tribünen im Wald wenigstens einen Sinn, denn Herbert Grönemeyer sollte hier ein Konzert geben, und das war mir aus nostalgischen Gründen die Anreise wert. Grönemeyer ist ein Superstar in Ostdeutschland, obwohl er in der DDR kein Konzert geben durfte und seine Lieder im (Ost-)'Berliner Rundfunk' nie gespielt wurden. Der Barde aus dem tiefen Westen, wo die Sonne verstaubt, sang Lieder, mit denen er die Bundesrepublik meinte, die aber viele Ostdeutsche auf ihre eigene Situation ummünzten. Auf den Demonstrationen im stürmischen Herbst 1989 waren Plakate zu sehen mit Losungen wie 'Kinder an die Macht!' oder 'Stasi zu Gummibärchen!' Mein erstes Grönemeyer-Konzert erlebte ich mitten im Wendetaumel auf einem abgeernteten Kornfeld am Berliner Stadtrand. Hier war genügend Platz für 100 000 Menschen, die jahrelang auf diese Zugabe gewartet hatten.
Vor dem Start am Lausitzring schlenderte ich noch mit Ilonka durch die Gegend und lud sie am neu gepflasterten Marktplatz zum Essen ein. Das beste Haus am Platze war eine Speisegaststätte aus DDR-Zeiten, das sah man schon am mit einem Holzverschlag abgetrennten Empfangsbereich, in dem man früher hätte ausharren müssen, bis man platziert wird. Noch heute stehen hier Soljanka, Toast Hawaii und Letscho auf der Speisekarte - wie in jedem Restaurant zwischen Fichtelberg und Kap Arkona, das seine Stammkundschaft nicht verprellen will. Nur in Gepflogenheiten der DDR-Küche nicht Eingeweihte sind jedes Mal aufs Neue überrascht, wenn sie statt der angekündigten Salatbeilage eine achtel Tomate, drei Gurkenscheiben und 36 Maiskörner aus der Dose auf ihrem Teller finden. Ilonka bestellte sich Ragout fin und verfiel wieder in ihr ansteckendes Lachen, so laut, dass sich die bemützten Männer am Stammtisch zu uns umdrehten. Diese Art von sozialistischer Selbstironie hat mir immer an Ilonka gefallen, so sehr, dass ich mehrere Schulhalbjahre lang annahm, ich sei in sie verliebt. Als Ilonka sich schließlich Worcestersauce aus Dresden auf ihr mit Scheibenkäse überbackenes Würzfleisch träufelte, bekannte sie, dass sie eigentlich nur wegen eines Grönemeyer-Liedes mitgekommen sei. Es sei auf keiner CD veröffentlicht und werde nur bei Konzerten gesungen: 'Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl'.
Heute kann Heimatgefühl ironisch sein und doch wieder nicht. Die jungen Ostdeutschen haben eine Zeitenwende überstanden, Ilonka, Ricardo und viele andere meiner Freunde und Bekannten konnten sie zu ihren Gunsten nutzen. Zugleich haben sich viele ältere Ostdeutsche skeptisch und zum Teil verdrossen zurückgezogen, obwohl doch sie es waren, die die Mauer zum Einstürzen brachten. Was haben die Eltern in ihrem zweiten Leben zu finden gehofft, warum ist ihre Enttäuschung heute oft so groß? Laut Datenreport 2006 des Statistischen Bundesamtes halten nur 38 Prozent der Ostdeutschen die Demokratie für die beste Staatsform. Weshalb ist die Freude derart gering, nicht mehr in einer Diktatur zu leben? (Und warum nennt man sie nicht so?) Wie fühlt es sich an, wenn unterschiedliche Erfahrungen heute bei Familienfesten aufeinanderprallen? Was passiert, wenn erfolgreiche Kinder auf ihre arbeitslosen Eltern treffen, Zufriedenheit auf Unmut und Bitterkeit, die West-Freundin auf die Ost-Oma? Eigene Geschichten will ich hier ebenso erzählen wie Erlebnisse von Freunden und von Menschen, die ich auf Reisen durch das neue Deutschland, das sich weiterhin Bundesrepublik nennt, getroffen habe. Die Motivation für dieses Buch ist ganz einfach: Ich will wieder ein Stück gemeinsam mit meinen Eltern gehen - auf der neuen Seite.
Das Problem des Ostens ist, dass er sich vom Westen unverstanden fühlt und sich gleichzeitig selbst nicht versteht. Unsicher bleiben deshalb viele Menschen auf der alten Seite zurück. Erst wenn der Osten ein neues Selbstbewusstsein entwickelt, kann er verschwinden als halber Teil eines ganzen und doch nicht ganzen Landes. Derzeit aber lebt der alte Osten wieder auf, sogar im durchsanierten Zentrum von Berlin.
Kürzlich war in den 'Schönhauser Allee Arcaden', einem ufoförmigen Einkaufszentrum meiner Gegend, in dem Jung und Alt täglich außer sonntags bis 20 Uhr Freizeit verlebt, eine Ausstellung zu besichtigen: 'Reise durch die Warenwelt der DDR'. Welch ein Anachronismus ist das, wenn ausgerechnet in einem Konsumtempel des vereinten Deutschlands, in dem es hinter stets sauber blitzenden Scheiben all das zu kaufen gibt, wonach sich der DDR-Bürger nicht einmal sehnen durfte, nun Elasan Zartcreme, die Diskosnack-Süßtafel mit Zwiebackbruch sowie die Zigarre Werkfleiß ausgestellt werden? Und welch ein seltsames Gefühl des stillen Einverständnisses befällt auch mich, wenn ich beobachte, wie sich Rentner auf ihre Stöcke stützen, um einmal das Dampfkonserviergerät Acodra in die Hand zu nehmen, wie Schüler, die beim Mauerfall höchstens zwei Jahre alt gewesen sein können, ihre Fotohandys vor den putzigen Tankwart Minol Pirol halten. Der Osten ist nicht verschwunden. Er ist angekommen im Konsumherzen des Westens - als geheimnisvoller Markenartikel.
Warum ist das so? Warum empfinde auch ich diese Identität als schaurig und schön zugleich? Um mir das zu beantworten, bin ich tief in den Osten gefahren und habe mir den Alltag in abgelegenen Orten angeschaut, in denen junge Menschen vor der Alternative stehen, ihre Heimat zu verlassen oder gemeinsam mit ihren Eltern zu verarmen. Überall, wo ich hinkam, ist das Damals ins Heute eingraviert.
Das Gefühl aus Ankommen und einer nicht vergehen wollenden Sehnsucht setzt sich aus zahlreichen kleinen Erlebnissen zusammen. Es sind Puzzleteile mit unterschiedlich geformten Rändern, die aneinandergefügt ein Gesamtbild ergeben, dessen graue Stellen die meisten schon vergessen haben. Um dieses Bild noch einmal zu sehen, habe ich mich mit meinem Kinderbuchhelden Alfons Zitterbacke auf eine Reise in meine DDR-Kindheit begeben, habe Lehrer und Vorbilder von einst getroffen. Ich habe auch alte Jugendfreunde aufgespürt, mit denen ich die rasenden Tage des Umbruchs erlebte, um nachzuforschen, was aus ihren Träumen geworden ist. Und ich habe mich so ausführlich wie lange nicht mit meinen Eltern unterhalten. Dabei ist mir klar geworden, dass es den einen Osten, der immer öffentlich beschworen und mit manch vergammelter Nostalgieware abgezockt wird, gar nicht gibt. Dort, wo der Osten zu Hause ist, wird über die unterschiedlichen Wege ins Hier und Jetzt allerdings selten gesprochen. Die Zwischentöne der deutschen Einheit sind bislang im Verborgenen geblieben - zum Beispiel einige beiläufig ausgesprochene, aber bemerkenswert treffende Worte, die ich am Ossi-Stammtisch in Frankfurt am Main hörte, zu dem mich Ricardo mitnahm.
Ein Sprung in eine alltägliche Parallelwelt: Zwei Dutzend Bankerinnen und Computerspezialisten sitzen nach Feierabend an einem Biertisch und bestellen Pizza. Sie treffen sich alle zwei Wochen, um sich über ihre Rückenbeschwerden und den Wohnungsmarkt zu unterhalten. Sie tauschen sich auch darüber aus, in welchen Supermärkten Dresdner Stollen zu haben ist, Bautz'ner Senf und Oblaten aus der Tschechei. Sie sind alle so jung wie die Leute im 'Weekend', viele haben wegen des Geldes ihre Heimat verlassen, einige wegen der Liebe. 230 eingetragene Mitglieder hat der Ossi-Stammtisch in Frankfurt am Main, es kommen immer neue hinzu. Eine Frau, die mir zur Begrüßung die Hand über den Tisch reicht, sagt: 'Ich bin schon seit fünf Jahren hier drüben.'
Hier drüben. Diese zwei Worte sind das Lebensfundament vieler jüngerer Ostdeutscher, die die Vorteile der Demokratie zu schätzen wissen und doch nicht voll und ganz ankommen. Die junge Frau, die mir diese Worte zugerufen hat, kann an ihnen nichts Seltsames finden. Sie streicht ihre blonden kleinen Locken zurück - eine Frisur, wie sie schon meine Pionierleiterin trug und wie sie von Friseurläden im Osten nach wie vor in Schaufensterbildern angepriesen wird -, und dann erzählt sie voller Selbstverständlichkeit von ihrem langen Dienstweg ins vereinte Land. Die Dresdnerin fand nach ihrer Ausbildung zur Bankkauffrau keine Stelle in ihrer Umgebung; die meisten Jobs würden von zugezogenen Westlern blockiert, beschied man ihr. Nach einem halben Jahr Suche und 30 Bewerbungen bekam sie Arbeit in der Finanzmetropole am Main angeboten - ausgerechnet von der Dresdner Bank.
Allein an diesem Tisch in einem Biergarten 300 Kilometer westlich vom früheren Grenzübergang Helmstedt versammeln sich so viele schaurig-schöne Geschichten. Da verkündet ein Softwarespezialist aus Thüringen nicht ohne Stolz, er habe herausgefunden, dass 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts von gebürtigen Ostdeutschen erwirtschaftet werden, 'denn die Ossis sind flexibel'. Da berichtet eine Frau, die ihrem Freund in den Westen hinterhergezogen ist, wie irritiert sie darüber sei, dass sie mit ihren neuen Kollegen immer alles ausdiskutieren muss, 'denn die Wessis sind so sachlich'. Und da erzählt mein Freund Ricardo, der mit seinen Eltern 1988 aus der DDR in den Westen ausgereist ist, wie er den Mauerfall in einem Durchgangscamp erlebte und neben Erleichterung auch einen Hauch Wut verspürte, 'denn nun fühlte ich mich weder als das eine noch als das andere'. Alle zwei Wochen schildern sie sich gegenseitig ihre Erlebnisse. Sie meinen, dass sie sonst keiner hören will.
Ich zahle den Eintritt, mein Blick streift über den Marmorfußboden und die weißen Kalkwände, an denen viereckige Staubränder von abgehängten Bilderrahmen künden, hinüber zum Fahrstuhl, in dem schon Ricardo steht und mich heranwinkt. Ich springe in die silbern verchromte und am Kopf verspiegelte Zelle, es ist ziemlich eng hier, eine Parfümwolke umschließt mich, als sich die Tür ruckelnd zuzieht. Es ist 'Weekend', und der gleichnamige Klub ist nicht nur heute Nacht einer der angesagtesten in Berlin. Früher, als das alles noch undenkbar war, hieß das 'Weekend' ganz einfach Haus des Reisens. In einer der Etagen, an denen ich gerade vorbeifahre, saß meine Mutter und hat Träume verkauft.
Der Aufzug ist vollgestopft mit kichernden Frauen, der Türsteher hat ganze Arbeit geleistet. 'Lesbisch? Das war doch vor zehn Jahren in!', ruft eine, schon ein wenig betrunken, und erntet helles Kreischen. Mein Kumpel Ricardo lacht mit und zwinkert mir zu. Der Laden ist eine gute Wahl, will er mir wohl sagen. Wahrscheinlich ist er froh, dass er mal Ausgang von seiner Freundin bekommen hat, die zu Hause in Frankfurt am Main geblieben ist. Als die viereckigen roten Zahlen die Ankunft über den Dächern der Stadt anzeigen, dröhnt uns schon Musik entgegen. In einem riesigen Raum mit von der Decke blätterndem Putz und einer geschwungenen Bar haut eine Gitarrenband in die Saiten, ein Sänger mit Dreiwochenbart brüllt 'Paris loves Berlin!' und stimmt ein Lied von der Liebe an. Viele tanzen, manche trinken Bier aus Amsterdam und schauen durch die Panoramafenster hinab auf die Lichter der Stadt. Alle, die hier rumhängen, sehen ungefähr so aus wie ich: gefühlte 30, offenes Hemd, Turnschuhe, neugierige Augen.
'Ich geh mal tanzen', sagt Ricardo und bewegt sich in Richtung des Pariser Sängers, sein eigentliches Ziel dürfte indes die Frau aus dem Fahrstuhl sein. Ich schaue ihm nach, wie er im Takt der johlenden Menge verschwindet. Ich sehe den Leuten zu, zu denen ich Wochenende für Wochenende gehöre. Und ich denke an die Worte des Türstehers: Du warst schon mal hier.
Ich schaue auf mein Handy, der neue Tag ist schon ein paar Stunden alt. Ich hätte jetzt auch Lust zu tanzen, doch in mir steigen Erinnerungen auf und ein Gedanke, den ich am liebsten vertreiben möchte: Wenn das meine Mutter wüsste. Hier im Haus des Reisens saß sie mit blau-weiß gestreifter Bluse, roter Weste und grauem Seidentuch vor würfelförmigen Computerbildschirmen und bot Fernreisen ans Schwarze Meer und den Balaton an. An der Wand zeigte ein bronzenes Relief ein Flugzeug mit DDR-Emblem, das über alle Ozeane flog. Einmal pro Jahr durfte auch ich durch die Sicherheitsschleuse, dann ging es in dem silbernen Fahrstuhl hinauf in die Schalterhalle von Interflug. Bei der Betriebsfeier schenkte mir der Weihnachtsmann ein Iljuschin-Flugzeug aus Plaste, das ich mir ins Kinderzimmer übers Bett hängte.
Genug damit! Ich will die alten Bilder jetzt nicht. Wo ist eigentlich Ricardo? Mühsam bahne ich mir einen Weg in Richtung Bühne und hämmere mir im Takt der Musik in den Kopf: Du bist erwachsen geworden, ein partytauglicher tüchtiger Gesamtdeutscher, das wolltest Du doch immer. Ja, so ist es, bestätige ich mir. Aber in meinem Körper pocht ein anderes Gefühl, und es lässt sich nicht betäuben mit Bier aus Amsterdam und Rock 'n' Roll aus Paris: das Gefühl, in einer ganz anderen Welt angekommen zu sein als meine Eltern.
'Zigarette?' Eine Frau - war die vorhin auch im Fahrstuhl? - hält mir eine fast leere Schachtel vor die Nase. Die steht wohl auf nachdenkliche Typen, veralbere ich mich. Ich lass mir Feuer geben, nicke ihr zu und verschwinde wieder. Was soll ich ihr auch erzählen? Dass Interflug nach der Wende abgewickelt wurde, wie nahezu alle DDR-Betriebe? Dass die echten Iljuschin-Maschinen für eine D-Mark verhökert wurden und Zehntausende Eltern, zuvor stets Vorbild in Alltagsorganisation und Familienmanagement, plötzlich hilflos zu Hause saßen? Dass sich die meisten von ihnen bis heute nicht davon erholt haben? Nein, das behalte ich lieber für mich. Mir fallen meine Tanten und Onkels ein, die im Erzgebirge von Hartz IV leben und ihre Töchter und Söhne an den Westen verloren haben, weil die nur dort die Möglichkeit sehen, tüchtige und partytaugliche Gesamtdeutsche zu werden. Ich schaue mich um, Ricardo ist nicht zu sehen. Die Menge ruft nach einer Zugabe. Ich bin angekommen im Haus meiner Kindheitsträume und im Leben meiner Eltern. Und könnte doch kaum weiter weg von ihnen sein.
Warum hat die Wiedervereinigung uns so voneinander entfernt? Das würde ich gerne herausfinden.
Im Träumen waren wir uns in der Familie früher ganz nah: Wir wollten Freiheit und den D-Mark-Wohlstand, den wir aus dem Westfernsehen kannten. Bis zur Erfüllung dieser Sehnsucht harrten wir gehorsam in der kleinen halben Welt aus, die uns die deutsche Teilung zugewiesen hatte. In einer durchorganisierten Gesellschaft suchten wir nach Lücken, in der Woche im Staatsbürgerkunde-Unterricht und in der Schlange vorm Gemüseladen, am Wochenende in unserer Nische, dem Kleingarten, der direkt an der Mauer lag. Die Grenzen, die der Staat gesetzt hatte, auszutesten und zu verschieben, gelang uns als Familie mal ganz gut, mal probierten wir es lieber nicht. Doch als unser Traum mit der Wende endlich wahr zu werden schien, teilten sich die Erfahrungen. Vielen Freunden von mir ist es so ergangen: Während die jungen Menschen unbelastet ihren Weg gemacht haben, resignierten ihre Eltern, enttäuscht von den neuen Realitäten, allzu häufig.
Mit einer Urlaubsreise ins sozialistische Ausland kam man dem Traum von Freiheit am nächsten. Eine Welt voller Geheimnisse tat sich auf, wenn unsere Familie in den Genuss eines Freiflugs nach Leningrad kam, um die Schlösser der russischen Zaren zu besichtigen, oder wenn es ins bulgarische Varna ging, um einen Ölradiator für die Gartenlaube zu besorgen. Einmal, wir waren unterwegs nach Budapest, kotzte ich den gesamten Flug über in meine Spucktüte, allen in der Iljuschin war übel, sogar den Stewardessen. Erst nach unserer Heimkehr einige Tage später erfuhren wir im Westfernsehen, dass wir durch die radioaktiven Wolken geflogen waren, die nach dem Reaktorunglück im sowjetischen Tschernobyl in die Lüfte gestiegen waren. Bei jeder Interflug-Reise bekam man etwas mit, das nicht auf dem Lehrplan meiner Johannes-R.-Becher-Oberschule in Berlin-Pankow stand. Mit jedem Ausflug aus dem kleinen halben Deutschland wurde die Sehnsucht größer nach einem freieren, besseren, selbst bestimmten Leben. Dann fiel die DDR endlich über sich selbst, und mit ihr auch die Mauer. Beim ersten Ausflug in den Westen war ich 14. Genau das richtige Alter, um ein neues Leben zu beginnen.
Den ersten Gang zu den unbekannten Brüdern und Schwestern machten wir noch gemeinsam, meine Eltern, meine Schwester und ich. Wir liefen Hand in Hand über die Bornholmer Brücke, durchquerten jubelnd die Kontrollanlagen, prosteten den verunsicherten Soldaten der Nationalen Volksarmee zu. Als wir drüben anlangten, zeigte meine Mutter auf die grauen Altbauten des West-Berliner Arbeiterbezirks Wedding und rief entsetzt: 'Hier sieht es ja aus wie bei uns.' Wir hielten inne. Zum ersten Mal merkten wir, dass wir uns den glitzernden Westen erst erobern mussten. Und vielleicht beschlich uns da schon die Ahnung, dass dem Wende-Gewinn auch Verluste gegenüberstehen könnten. Verluste an Freiflügen, Verluste an Nischen, Verluste an Gemeinsamkeit.
Meine Eltern waren Anfang 40. Sie hatten mir schon im Sozialismus beigebracht, einen eigenen Weg zu gehen. Nun folgte ich ihrem Rat. Mein Weg nach dem Umbruch führte mich von ihnen weg, führte mich ganz behutsam, aber Schritt für Schritt in eine andere Himmelsrichtung: nach Westen. Ich wechselte die Seiten, und ganz nebenbei wurde ich mit der Einheit erwachsen. Auch meine Eltern mussten neu anfangen. Es galt, sich die neue Freiheit zu nehmen und Entscheidungen zu treffen, die einem früher der Staat abgenommen hatte. Lebenserfahrungen spielten auf einmal keine Rolle mehr, sie waren eher hinderlich. Vielen älteren Ostdeutschen fiel es mit jeder Kombinatsschließung schwerer, sich aufzurappeln und Vertrauen in die neue Zeit zu fassen. Sie blieben auf der Seite, die sie kannten, und richteten sich neue Nischen ein, in denen die Vergangenheit eine Heimstatt fand. Die Träume teilten sich.
Ricardo ist verschwunden, wer weiß, was er treibt. Ich habe keine Lust mehr, ihn zu suchen, und glaube auch nicht, dass er sonderlich viel Wert darauf legt. Der Pariser Sänger mit dem Dreiwochenbart kündigt noch eine Zugabe der Zugabe an, als die silbern verchromte Fahrstuhltür vor meinen Augen zusammenruckelt. Während der Aufzug mich wieder auf den Erdboden bringt, schaue ich in den Spiegel und sehe ein Gesicht in Gedanken: Was wäre eigentlich aus mir geworden, wenn es die DDR weiter gegeben hätte? Draußen winke ich mir ein Taxi heran, das mich über glatt asphaltierte Straßen zu meiner sanierten Altbau-Wohnung im zum Trendbezirk herausgeputzten Stadtteil Prenzlauer Berg bringt. Dort wartet eine rote kleine Badetasche auf mich, in der meine Zahnbürste liegt. Auf der Tasche steht in weißen Druckbuchstaben: 'Um Ihr Wohlbefinden bemüht - Interflug'.
Ich habe mir die Tasche vor kurzem in einem Laden gekauft, in dem es Ampelmännchen, Spreewaldgurken und T-Shirts mit russischen Aufschriften gibt, die ins Deutsche übertragen den Spruch ergeben: 'Wenn Du das nicht lesen kannst, bist Du ein dummer Wessi.' Ich war der einzige junge Mensch dort, und meine Anwesenheit war mir selbst gegenüber ein wenig peinlich. Doch nachdem ich im Schaufenster die Interflug-Tasche entdeckt hatte, die früher bei jedem Urlaubsabenteuer im Haltenetz des Vordersitzes steckte und in der sich Erfrischungstücher und ein kleines Nagelset befanden, überkam mich so etwas wie Heimweh. Die Delfinshows in Bulgarien kamen mir in den Sinn, die Spaziergänge durch die Prager Altstadt, auch die Tschernobyl-Wolke. Ich musste die Tasche haben, selbst wenn dieser lächerliche Plasteartikel mit schwergängigem Reißverschluss nicht weniger als 20 Euro kosten sollte.
Am nächsten Tag rief ich meine Eltern an. Ich hörte, wie mein Vater den Hörer vom kombinierten Fax-Telefon-Gerät nahm, und erzählte ihm sogleich die Geschichte meines neuen Kulturbeutels. Er erwiderte, er habe vergangene Woche einen Film über Interflug im Fernsehen gesehen, doch sei ihm auch diesmal nicht klar geworden, warum der Betrieb geschlossen werden musste. Dann rief er meine Mutter zum Hörer. Ich erzählte ihr alles noch einmal von vorn, und als ich innehielt, um ihre freudige Reaktion zu hören, bemerkte sie mit trauriger Stimme: 'Warum hast Du mich denn nicht gefragt? Ich habe noch fünf solcher Taschen im Schrank.' Nein, nicht mal in der Nostalgie treffen wir uns.
Wie soll man den eigenen Eltern sein neues Leben erklären? Und warum bin ich nicht selbst darauf gekommen, meine Mutter nach der Interflug-Tasche zu fragen? Vielleicht ist es gar nicht so einfach, wie alle immer sagen: Mauer in den Köpfen, Ossis und Wessis. Eine unbeachtete, aber ebenso strenge Trennung verläuft zwischen Ost und Ost. Denn während die einen längst auf der anderen Seite leben, wirken die anderen alt im neuen Deutschland. Meist ist das eine Generationenfrage. Mein Vater geht nicht wählen in der Demokratie, die wir gemeinsam herbeigesehnt haben. Meine Mutter verkauft keine Träume mehr. Die Verluste werden nicht besprochen, wenn wir uns sonntags im Kleingarten beim Kirschkuchen treffen. Wir sind auf unterschiedliche Weise in der neuen Zeit angekommen, auch darüber reden wir nicht. Andernfalls würde unser ostdeutsches Gemeinschaftsgefühl verloren gehen; die Erinnerung an ein Leben, von dem der Westen sowieso keine Ahnung hat.
Wenigstens meine alte Schulfreundin Ilonka, mit der ich immer ins Grüne fahre, sobald der Sommer kommt, hat meine neue Tasche angemessen bewundert. 'Geil, woher hast Du die denn?', rief sie, als ich den Kulturbeutel auf das Waschbecken der kleinen Pension stellte, in die wir uns für ein Wochenende unter guten Freunden eingemietet hatten. Ilonka steigerte sich in einen Lachanfall, während sie immerfort wiederholte: 'Um Ihr Wohlbefinden bemüht, um Ihr Wohlbefinden bemüht.' Dann gingen wir raus, doch in dem Nest, in das es uns verschlagen hatte, gab es nichts außer dem Lausitzring, einer mit Aufbau-Ost-Mitteln errichteten Autorennstrecke, auf die die Formel 1 nicht gewartet hat. An jenem Wochenende hatten die Tribünen im Wald wenigstens einen Sinn, denn Herbert Grönemeyer sollte hier ein Konzert geben, und das war mir aus nostalgischen Gründen die Anreise wert. Grönemeyer ist ein Superstar in Ostdeutschland, obwohl er in der DDR kein Konzert geben durfte und seine Lieder im (Ost-)'Berliner Rundfunk' nie gespielt wurden. Der Barde aus dem tiefen Westen, wo die Sonne verstaubt, sang Lieder, mit denen er die Bundesrepublik meinte, die aber viele Ostdeutsche auf ihre eigene Situation ummünzten. Auf den Demonstrationen im stürmischen Herbst 1989 waren Plakate zu sehen mit Losungen wie 'Kinder an die Macht!' oder 'Stasi zu Gummibärchen!' Mein erstes Grönemeyer-Konzert erlebte ich mitten im Wendetaumel auf einem abgeernteten Kornfeld am Berliner Stadtrand. Hier war genügend Platz für 100 000 Menschen, die jahrelang auf diese Zugabe gewartet hatten.
Vor dem Start am Lausitzring schlenderte ich noch mit Ilonka durch die Gegend und lud sie am neu gepflasterten Marktplatz zum Essen ein. Das beste Haus am Platze war eine Speisegaststätte aus DDR-Zeiten, das sah man schon am mit einem Holzverschlag abgetrennten Empfangsbereich, in dem man früher hätte ausharren müssen, bis man platziert wird. Noch heute stehen hier Soljanka, Toast Hawaii und Letscho auf der Speisekarte - wie in jedem Restaurant zwischen Fichtelberg und Kap Arkona, das seine Stammkundschaft nicht verprellen will. Nur in Gepflogenheiten der DDR-Küche nicht Eingeweihte sind jedes Mal aufs Neue überrascht, wenn sie statt der angekündigten Salatbeilage eine achtel Tomate, drei Gurkenscheiben und 36 Maiskörner aus der Dose auf ihrem Teller finden. Ilonka bestellte sich Ragout fin und verfiel wieder in ihr ansteckendes Lachen, so laut, dass sich die bemützten Männer am Stammtisch zu uns umdrehten. Diese Art von sozialistischer Selbstironie hat mir immer an Ilonka gefallen, so sehr, dass ich mehrere Schulhalbjahre lang annahm, ich sei in sie verliebt. Als Ilonka sich schließlich Worcestersauce aus Dresden auf ihr mit Scheibenkäse überbackenes Würzfleisch träufelte, bekannte sie, dass sie eigentlich nur wegen eines Grönemeyer-Liedes mitgekommen sei. Es sei auf keiner CD veröffentlicht und werde nur bei Konzerten gesungen: 'Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl'.
Heute kann Heimatgefühl ironisch sein und doch wieder nicht. Die jungen Ostdeutschen haben eine Zeitenwende überstanden, Ilonka, Ricardo und viele andere meiner Freunde und Bekannten konnten sie zu ihren Gunsten nutzen. Zugleich haben sich viele ältere Ostdeutsche skeptisch und zum Teil verdrossen zurückgezogen, obwohl doch sie es waren, die die Mauer zum Einstürzen brachten. Was haben die Eltern in ihrem zweiten Leben zu finden gehofft, warum ist ihre Enttäuschung heute oft so groß? Laut Datenreport 2006 des Statistischen Bundesamtes halten nur 38 Prozent der Ostdeutschen die Demokratie für die beste Staatsform. Weshalb ist die Freude derart gering, nicht mehr in einer Diktatur zu leben? (Und warum nennt man sie nicht so?) Wie fühlt es sich an, wenn unterschiedliche Erfahrungen heute bei Familienfesten aufeinanderprallen? Was passiert, wenn erfolgreiche Kinder auf ihre arbeitslosen Eltern treffen, Zufriedenheit auf Unmut und Bitterkeit, die West-Freundin auf die Ost-Oma? Eigene Geschichten will ich hier ebenso erzählen wie Erlebnisse von Freunden und von Menschen, die ich auf Reisen durch das neue Deutschland, das sich weiterhin Bundesrepublik nennt, getroffen habe. Die Motivation für dieses Buch ist ganz einfach: Ich will wieder ein Stück gemeinsam mit meinen Eltern gehen - auf der neuen Seite.
Das Problem des Ostens ist, dass er sich vom Westen unverstanden fühlt und sich gleichzeitig selbst nicht versteht. Unsicher bleiben deshalb viele Menschen auf der alten Seite zurück. Erst wenn der Osten ein neues Selbstbewusstsein entwickelt, kann er verschwinden als halber Teil eines ganzen und doch nicht ganzen Landes. Derzeit aber lebt der alte Osten wieder auf, sogar im durchsanierten Zentrum von Berlin.
Kürzlich war in den 'Schönhauser Allee Arcaden', einem ufoförmigen Einkaufszentrum meiner Gegend, in dem Jung und Alt täglich außer sonntags bis 20 Uhr Freizeit verlebt, eine Ausstellung zu besichtigen: 'Reise durch die Warenwelt der DDR'. Welch ein Anachronismus ist das, wenn ausgerechnet in einem Konsumtempel des vereinten Deutschlands, in dem es hinter stets sauber blitzenden Scheiben all das zu kaufen gibt, wonach sich der DDR-Bürger nicht einmal sehnen durfte, nun Elasan Zartcreme, die Diskosnack-Süßtafel mit Zwiebackbruch sowie die Zigarre Werkfleiß ausgestellt werden? Und welch ein seltsames Gefühl des stillen Einverständnisses befällt auch mich, wenn ich beobachte, wie sich Rentner auf ihre Stöcke stützen, um einmal das Dampfkonserviergerät Acodra in die Hand zu nehmen, wie Schüler, die beim Mauerfall höchstens zwei Jahre alt gewesen sein können, ihre Fotohandys vor den putzigen Tankwart Minol Pirol halten. Der Osten ist nicht verschwunden. Er ist angekommen im Konsumherzen des Westens - als geheimnisvoller Markenartikel.
Warum ist das so? Warum empfinde auch ich diese Identität als schaurig und schön zugleich? Um mir das zu beantworten, bin ich tief in den Osten gefahren und habe mir den Alltag in abgelegenen Orten angeschaut, in denen junge Menschen vor der Alternative stehen, ihre Heimat zu verlassen oder gemeinsam mit ihren Eltern zu verarmen. Überall, wo ich hinkam, ist das Damals ins Heute eingraviert.
Das Gefühl aus Ankommen und einer nicht vergehen wollenden Sehnsucht setzt sich aus zahlreichen kleinen Erlebnissen zusammen. Es sind Puzzleteile mit unterschiedlich geformten Rändern, die aneinandergefügt ein Gesamtbild ergeben, dessen graue Stellen die meisten schon vergessen haben. Um dieses Bild noch einmal zu sehen, habe ich mich mit meinem Kinderbuchhelden Alfons Zitterbacke auf eine Reise in meine DDR-Kindheit begeben, habe Lehrer und Vorbilder von einst getroffen. Ich habe auch alte Jugendfreunde aufgespürt, mit denen ich die rasenden Tage des Umbruchs erlebte, um nachzuforschen, was aus ihren Träumen geworden ist. Und ich habe mich so ausführlich wie lange nicht mit meinen Eltern unterhalten. Dabei ist mir klar geworden, dass es den einen Osten, der immer öffentlich beschworen und mit manch vergammelter Nostalgieware abgezockt wird, gar nicht gibt. Dort, wo der Osten zu Hause ist, wird über die unterschiedlichen Wege ins Hier und Jetzt allerdings selten gesprochen. Die Zwischentöne der deutschen Einheit sind bislang im Verborgenen geblieben - zum Beispiel einige beiläufig ausgesprochene, aber bemerkenswert treffende Worte, die ich am Ossi-Stammtisch in Frankfurt am Main hörte, zu dem mich Ricardo mitnahm.
Ein Sprung in eine alltägliche Parallelwelt: Zwei Dutzend Bankerinnen und Computerspezialisten sitzen nach Feierabend an einem Biertisch und bestellen Pizza. Sie treffen sich alle zwei Wochen, um sich über ihre Rückenbeschwerden und den Wohnungsmarkt zu unterhalten. Sie tauschen sich auch darüber aus, in welchen Supermärkten Dresdner Stollen zu haben ist, Bautz'ner Senf und Oblaten aus der Tschechei. Sie sind alle so jung wie die Leute im 'Weekend', viele haben wegen des Geldes ihre Heimat verlassen, einige wegen der Liebe. 230 eingetragene Mitglieder hat der Ossi-Stammtisch in Frankfurt am Main, es kommen immer neue hinzu. Eine Frau, die mir zur Begrüßung die Hand über den Tisch reicht, sagt: 'Ich bin schon seit fünf Jahren hier drüben.'
Hier drüben. Diese zwei Worte sind das Lebensfundament vieler jüngerer Ostdeutscher, die die Vorteile der Demokratie zu schätzen wissen und doch nicht voll und ganz ankommen. Die junge Frau, die mir diese Worte zugerufen hat, kann an ihnen nichts Seltsames finden. Sie streicht ihre blonden kleinen Locken zurück - eine Frisur, wie sie schon meine Pionierleiterin trug und wie sie von Friseurläden im Osten nach wie vor in Schaufensterbildern angepriesen wird -, und dann erzählt sie voller Selbstverständlichkeit von ihrem langen Dienstweg ins vereinte Land. Die Dresdnerin fand nach ihrer Ausbildung zur Bankkauffrau keine Stelle in ihrer Umgebung; die meisten Jobs würden von zugezogenen Westlern blockiert, beschied man ihr. Nach einem halben Jahr Suche und 30 Bewerbungen bekam sie Arbeit in der Finanzmetropole am Main angeboten - ausgerechnet von der Dresdner Bank.
Allein an diesem Tisch in einem Biergarten 300 Kilometer westlich vom früheren Grenzübergang Helmstedt versammeln sich so viele schaurig-schöne Geschichten. Da verkündet ein Softwarespezialist aus Thüringen nicht ohne Stolz, er habe herausgefunden, dass 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts von gebürtigen Ostdeutschen erwirtschaftet werden, 'denn die Ossis sind flexibel'. Da berichtet eine Frau, die ihrem Freund in den Westen hinterhergezogen ist, wie irritiert sie darüber sei, dass sie mit ihren neuen Kollegen immer alles ausdiskutieren muss, 'denn die Wessis sind so sachlich'. Und da erzählt mein Freund Ricardo, der mit seinen Eltern 1988 aus der DDR in den Westen ausgereist ist, wie er den Mauerfall in einem Durchgangscamp erlebte und neben Erleichterung auch einen Hauch Wut verspürte, 'denn nun fühlte ich mich weder als das eine noch als das andere'. Alle zwei Wochen schildern sie sich gegenseitig ihre Erlebnisse. Sie meinen, dass sie sonst keiner hören will.