
Geteilte Träume
Meine Eltern, die Wende und ich
Robert Ide(Author)
btb (Publisher)
Published on 5. January 2009
Book
Paperback/Softback
240 pages
978-3-442-73857-1 (ISBN)
Description
2009: 20 Jahre Mauerfall! - Was ist aus den Träumen geworden? - Wie die Wiedervereinigung Eltern und Kinder entzweite.
Robert Ide, heute Journalist beim Berliner "Tagesspiegel", war 14 Jahre alt, als die Mauer fiel. Was sich nach der ersten Euphorie für die Generation seiner Eltern als ein die ganze Existenz erschütternder Umbruch erwies, war für Robert Ide und viele seiner Altersgenossen eine unvergleichliche Chance zum Aufbruch in ein neues Leben. Mit einer hinreißenden Fülle an Geschichten, Schicksalen und Anekdoten erzählt Robert Ide von den unterschiedlichen Erfahrungen, die die Jugendlichen und ihre Eltern nach der Wende gemacht haben und sucht einen Weg zu eröffnen, vielleicht wieder eine neue Gemeinsamkeit zu finden.
Robert Ide, heute Journalist beim Berliner "Tagesspiegel", war 14 Jahre alt, als die Mauer fiel. Was sich nach der ersten Euphorie für die Generation seiner Eltern als ein die ganze Existenz erschütternder Umbruch erwies, war für Robert Ide und viele seiner Altersgenossen eine unvergleichliche Chance zum Aufbruch in ein neues Leben. Mit einer hinreißenden Fülle an Geschichten, Schicksalen und Anekdoten erzählt Robert Ide von den unterschiedlichen Erfahrungen, die die Jugendlichen und ihre Eltern nach der Wende gemacht haben und sucht einen Weg zu eröffnen, vielleicht wieder eine neue Gemeinsamkeit zu finden.
More details
Series
Language
German
Place of publication
Munchen
Germany
Dimensions
Height: 18.7 cm
Width: 11.8 cm
ISBN-13
978-3-442-73857-1 (9783442738571)
Schweitzer Classification
Person
Robert Ide, geboren 1975 im sächsischen Marienberg, ist aufgewachsen in Berlin-Pankow. Seine Biografie ist idealtypisch für die Generation, die um die 14 Jahre alt war, als die Mauer fiel, und die die Wende für sich als Aufbruch nutzen konnte. Nach dem Um
Content
Der Türsteher schenkt mir einen verächtlichen Blick und
schüttelt den Kopf. Ich vergrabe die Hände in meinen Manteltaschen, hier am zugigen Alexanderplatz habe ich keine Lust auf Diskussionen. Gerade will ich mit meinem Kumpel Ricardo zu einer anderen Filiale des Berliner Nachtlebens weiterziehen, da hält mich der Türsteher an der Schulter fest: "Na gut, komm rein. Ich glaube, Du warst schon mal hier."
Ich zahle den Eintritt, mein Blick streift über den Marmorfußboden und die weißen Kalkwände, an denen viereckige Staubränder von abgehängten Bilderrahmen künden, hinüber zum Fahrstuhl, in dem schon Ricardo steht und mich heranwinkt. Ich springe in die silbern verchromte und am Kopf verspiegelte Zelle, es ist ziemlich eng hier, eine Parfümwolke umschließt mich, als sich die Tür ruckelnd zuzieht. Es ist "Weekend", und der gleichnamige Klub ist nicht nur heute Nacht einer der angesagtesten in Berlin. Früher, als das alles noch undenkbar war, hieß das "Weekend" ganz einfach Haus des Reisens. In einer der Etagen, an denen ich gerade vorbeifahre, saß meine Mutter und hat Träume verkauft.
Der Aufzug ist vollgestopft mit kichernden Frauen, der Türsteher hat ganze Arbeit geleistet. "Lesbisch? Das war doch vor zehn Jahren in!", ruft eine, schon ein wenig betrunken, und erntet helles Kreischen. Mein Kumpel Ricardo lacht mit und zwinkert mir zu. Der Laden ist eine gute Wahl, will er mir wohl sagen. Wahrscheinlich ist er froh, dass er mal Ausgang von seiner Freundin bekommen hat, die zu Hause in Frankfurt am Main geblieben ist. Als die viereckigen roten Zahlen die Ankunft über den Dächern der Stadt anzeigen, dröhnt uns schon Musik entgegen. In einem riesigen Raum mit von der Decke blätterndem Putz und einer geschwungenen Bar haut eine Gitarrenband in die Saiten, ein Sänger mit Dreiwochenbart brüllt "Paris loves Berlin!"
und stimmt ein Lied von der Liebe an. Viele tanzen, manche trinken Bier aus Amsterdam und schauen durch die Panoramafenster hinab auf die Lichter der Stadt. Alle, die hier rumhängen, sehen ungefähr so aus wie ich: gefühlte 30, offenes Hemd, Turnschuhe, neugierige Augen.
"Ich geh mal tanzen", sagt Ricardo und bewegt sich in Richtung des Pariser Sängers, sein eigentliches Ziel dürfte indes die Frau aus dem Fahrstuhl sein. Ich schaue ihm nach, wie er im Takt der johlenden Menge verschwindet. Ich sehe
den Leuten zu, zu denen ich Wochenende für Wochenende gehöre. Und ich denke an die Worte des Türstehers: Du warst schon mal hier.
Ich schaue auf mein Handy, der neue Tag ist schon ein paar Stunden alt. Ich hätte jetzt auch Lust zu tanzen, doch in mir steigen Erinnerungen auf und ein Gedanke, den ich am liebsten vertreiben möchte: Wenn das meine Mutter wüsste.
Hier im Haus des Reisens saß sie mit blau-weiß gestreifter Bluse, roter Weste und grauem Seidentuch vor würfelförmigen Computerbildschirmen und bot Fernreisen ans Schwarze Meer und den Balaton an. An der Wand zeigte ein bronzenes Relief ein Flugzeug mit DDR-Emblem, das über alle Ozeane flog. Einmal pro Jahr durfte auch ich durch die Sicherheitsschleuse, dann ging es in dem silbernen Fahrstuhl hinauf in die Schalterhalle von Interflug. Bei der Betriebsfeier schenkte mir der Weihnachtsmann ein Iljuschin-Flugzeug aus Plaste, das ich mir ins Kinderzimmer übers Bett hängte.
Genug damit! Ich will die alten Bilder jetzt nicht. Wo ist eigentlich Ricardo? Mühsam bahne ich mir einen Weg in Richtung Bühne und hämmere mir im Takt der Musik in den Kopf: Du bist erwachsen geworden, ein partytauglicher tüchtiger Gesamtdeutscher, das wolltest Du doch immer. Ja, so ist es, bestätige ich mir. Aber in meinem Körper pocht ein anderes Gefühl, und es lässt sich nicht betäuben mit Bier aus Amsterdam und Rock 'n' Roll aus Paris: das Gefühl, in einer
ganz anderen Welt angekommen zu sein als meine Eltern.
"Zigarette?" Eine Frau - war die vorhin auch im Fahrstuhl? - hält mir eine fast leere Schachtel vor die Nase. Die steht wohl auf nachdenkliche Typen, veralbere ich mich. Ich lass mir Feuer geben, nicke ihr zu und verschwinde wieder. Was soll ich ihr auch erzählen? Dass Interflug nach der Wende abgewickelt wurde, wie nahezu alle DDR-Betriebe?
Dass die echten Iljuschin-Maschinen für eine D-Markverhökert wurden und Zehntausende Eltern, zuvor stets Vorbild in Alltagsorganisation und Familienmanagement, plötzlich hilflos zu Hause saßen? Dass sich die meisten von ihnen bis heute nicht davon erholt haben? Nein, das behalte ich lieber für mich. Mir fallen meine Tanten und Onkels ein, die im Erzgebirge von Hartz IV leben und ihre Töchter und Söhne an den Westen verloren haben, weil die nur dort die Möglichkeit sehen, tüchtige und partytaugliche Gesamtdeutsche zu werden. Ich schaue mich um, Ricardo ist nicht zu sehen.
Die Menge ruft nach einer Zugabe. Ich bin angekommen im Haus meiner Kindheitsträume und im Leben meiner Eltern. Und könnte doch kaum weiter weg von ihnen sein.
Warum hat die Wiedervereinigung uns so voneinander entfernt? Das würde ich gerne herausfinden.
Im Träumen waren wir uns in der Familie früher ganz nah: Wir wollten Freiheit und den D-Mark-Wohlstand, den wir aus dem Westfernsehen kannten. Bis zur Erfüllung dieser Sehnsucht harrten wir gehorsam in der kleinen halben Welt aus, die uns die deutsche Teilung zugewiesen hatte. In einer durchorganisierten Gesellschaft suchten wir nach Lücken, in der Woche im Staatsbürgerkunde-Unterricht und in der Schlange vorm Gemüseladen, am Wochenende in unserer Nische, dem Kleingarten, der direkt an der Mauer lag. Die Grenzen, die der Staat gesetzt hatte, auszutesten und zu verschieben, gelang uns als Familie mal ganz gut, mal probierten wir es lieber nicht. Doch als unser Traum mit der Wende endlich wahr zu werden schien, teilten sich die Erfahrungen. Vielen Freunden von mir ist es so ergangen: Während die jungen Menschen unbelastet ihren Weg gemacht haben, resignierten ihre Eltern, enttäuscht von den neuen Realitäten, allzu häufig.
Mit einer Urlaubsreise ins sozialistische Ausland kam man dem Traum von Freiheit am nächsten. Eine Welt voller
Geheimnisse tat sich auf, wenn unsere Familie in den Genuss eines Freiflugs nach Leningrad kam, um die Schlösser der russischen Zaren zu besichtigen, oder wenn es ins bulgarische Varna ging, um einen Ölradiator für die Gartenlaube
zu besorgen.
schüttelt den Kopf. Ich vergrabe die Hände in meinen Manteltaschen, hier am zugigen Alexanderplatz habe ich keine Lust auf Diskussionen. Gerade will ich mit meinem Kumpel Ricardo zu einer anderen Filiale des Berliner Nachtlebens weiterziehen, da hält mich der Türsteher an der Schulter fest: "Na gut, komm rein. Ich glaube, Du warst schon mal hier."
Ich zahle den Eintritt, mein Blick streift über den Marmorfußboden und die weißen Kalkwände, an denen viereckige Staubränder von abgehängten Bilderrahmen künden, hinüber zum Fahrstuhl, in dem schon Ricardo steht und mich heranwinkt. Ich springe in die silbern verchromte und am Kopf verspiegelte Zelle, es ist ziemlich eng hier, eine Parfümwolke umschließt mich, als sich die Tür ruckelnd zuzieht. Es ist "Weekend", und der gleichnamige Klub ist nicht nur heute Nacht einer der angesagtesten in Berlin. Früher, als das alles noch undenkbar war, hieß das "Weekend" ganz einfach Haus des Reisens. In einer der Etagen, an denen ich gerade vorbeifahre, saß meine Mutter und hat Träume verkauft.
Der Aufzug ist vollgestopft mit kichernden Frauen, der Türsteher hat ganze Arbeit geleistet. "Lesbisch? Das war doch vor zehn Jahren in!", ruft eine, schon ein wenig betrunken, und erntet helles Kreischen. Mein Kumpel Ricardo lacht mit und zwinkert mir zu. Der Laden ist eine gute Wahl, will er mir wohl sagen. Wahrscheinlich ist er froh, dass er mal Ausgang von seiner Freundin bekommen hat, die zu Hause in Frankfurt am Main geblieben ist. Als die viereckigen roten Zahlen die Ankunft über den Dächern der Stadt anzeigen, dröhnt uns schon Musik entgegen. In einem riesigen Raum mit von der Decke blätterndem Putz und einer geschwungenen Bar haut eine Gitarrenband in die Saiten, ein Sänger mit Dreiwochenbart brüllt "Paris loves Berlin!"
und stimmt ein Lied von der Liebe an. Viele tanzen, manche trinken Bier aus Amsterdam und schauen durch die Panoramafenster hinab auf die Lichter der Stadt. Alle, die hier rumhängen, sehen ungefähr so aus wie ich: gefühlte 30, offenes Hemd, Turnschuhe, neugierige Augen.
"Ich geh mal tanzen", sagt Ricardo und bewegt sich in Richtung des Pariser Sängers, sein eigentliches Ziel dürfte indes die Frau aus dem Fahrstuhl sein. Ich schaue ihm nach, wie er im Takt der johlenden Menge verschwindet. Ich sehe
den Leuten zu, zu denen ich Wochenende für Wochenende gehöre. Und ich denke an die Worte des Türstehers: Du warst schon mal hier.
Ich schaue auf mein Handy, der neue Tag ist schon ein paar Stunden alt. Ich hätte jetzt auch Lust zu tanzen, doch in mir steigen Erinnerungen auf und ein Gedanke, den ich am liebsten vertreiben möchte: Wenn das meine Mutter wüsste.
Hier im Haus des Reisens saß sie mit blau-weiß gestreifter Bluse, roter Weste und grauem Seidentuch vor würfelförmigen Computerbildschirmen und bot Fernreisen ans Schwarze Meer und den Balaton an. An der Wand zeigte ein bronzenes Relief ein Flugzeug mit DDR-Emblem, das über alle Ozeane flog. Einmal pro Jahr durfte auch ich durch die Sicherheitsschleuse, dann ging es in dem silbernen Fahrstuhl hinauf in die Schalterhalle von Interflug. Bei der Betriebsfeier schenkte mir der Weihnachtsmann ein Iljuschin-Flugzeug aus Plaste, das ich mir ins Kinderzimmer übers Bett hängte.
Genug damit! Ich will die alten Bilder jetzt nicht. Wo ist eigentlich Ricardo? Mühsam bahne ich mir einen Weg in Richtung Bühne und hämmere mir im Takt der Musik in den Kopf: Du bist erwachsen geworden, ein partytauglicher tüchtiger Gesamtdeutscher, das wolltest Du doch immer. Ja, so ist es, bestätige ich mir. Aber in meinem Körper pocht ein anderes Gefühl, und es lässt sich nicht betäuben mit Bier aus Amsterdam und Rock 'n' Roll aus Paris: das Gefühl, in einer
ganz anderen Welt angekommen zu sein als meine Eltern.
"Zigarette?" Eine Frau - war die vorhin auch im Fahrstuhl? - hält mir eine fast leere Schachtel vor die Nase. Die steht wohl auf nachdenkliche Typen, veralbere ich mich. Ich lass mir Feuer geben, nicke ihr zu und verschwinde wieder. Was soll ich ihr auch erzählen? Dass Interflug nach der Wende abgewickelt wurde, wie nahezu alle DDR-Betriebe?
Dass die echten Iljuschin-Maschinen für eine D-Markverhökert wurden und Zehntausende Eltern, zuvor stets Vorbild in Alltagsorganisation und Familienmanagement, plötzlich hilflos zu Hause saßen? Dass sich die meisten von ihnen bis heute nicht davon erholt haben? Nein, das behalte ich lieber für mich. Mir fallen meine Tanten und Onkels ein, die im Erzgebirge von Hartz IV leben und ihre Töchter und Söhne an den Westen verloren haben, weil die nur dort die Möglichkeit sehen, tüchtige und partytaugliche Gesamtdeutsche zu werden. Ich schaue mich um, Ricardo ist nicht zu sehen.
Die Menge ruft nach einer Zugabe. Ich bin angekommen im Haus meiner Kindheitsträume und im Leben meiner Eltern. Und könnte doch kaum weiter weg von ihnen sein.
Warum hat die Wiedervereinigung uns so voneinander entfernt? Das würde ich gerne herausfinden.
Im Träumen waren wir uns in der Familie früher ganz nah: Wir wollten Freiheit und den D-Mark-Wohlstand, den wir aus dem Westfernsehen kannten. Bis zur Erfüllung dieser Sehnsucht harrten wir gehorsam in der kleinen halben Welt aus, die uns die deutsche Teilung zugewiesen hatte. In einer durchorganisierten Gesellschaft suchten wir nach Lücken, in der Woche im Staatsbürgerkunde-Unterricht und in der Schlange vorm Gemüseladen, am Wochenende in unserer Nische, dem Kleingarten, der direkt an der Mauer lag. Die Grenzen, die der Staat gesetzt hatte, auszutesten und zu verschieben, gelang uns als Familie mal ganz gut, mal probierten wir es lieber nicht. Doch als unser Traum mit der Wende endlich wahr zu werden schien, teilten sich die Erfahrungen. Vielen Freunden von mir ist es so ergangen: Während die jungen Menschen unbelastet ihren Weg gemacht haben, resignierten ihre Eltern, enttäuscht von den neuen Realitäten, allzu häufig.
Mit einer Urlaubsreise ins sozialistische Ausland kam man dem Traum von Freiheit am nächsten. Eine Welt voller
Geheimnisse tat sich auf, wenn unsere Familie in den Genuss eines Freiflugs nach Leningrad kam, um die Schlösser der russischen Zaren zu besichtigen, oder wenn es ins bulgarische Varna ging, um einen Ölradiator für die Gartenlaube
zu besorgen.