Zeit der Versuchung
Roman
Peter Hedges(Author)
Goldmann (Publisher)
Published on 20. September 2010
Book
Hardback
384 pages
978-3-442-31242-9 (ISBN)
Description
Die Versuchung wohnt nebenan.
Kate und Tim Welch leben mit ihren kleinen Söhnen in den Heights, einem lebendigen Viertel in Brooklyn mit kleinen Läden und blühenden Vorgärten. Sie sind glücklich, dort ihre Heimat gefunden zu haben, und sie lieben sich sehr. Ein neuer Wind geht durch die Heights, als Anna Brody mit ihrer Familie in die Nachbarschaft zieht - denn Anna ist eine äußerst beeindruckende Persönlichkeit: Alles, was sie tut, strahlt Stil und Grazie aus, sie ist sympathisch, und zugleich umweht sie ein faszinierender Hauch von Geheimnis. Als sie die Nähe der Welchs sucht, geraten Kate und Tim schnell in den Bann dieser mysteriösen Frau. Doch sie merken in ihrer Verblendung nicht, dass mit ihrer Freundschaft zu Anna die Büchse der Pandora geöffnet wurde. Schleichend mischt sich Anna immer mehr in ihr Leben und stellt Kates und Tims Liebe, ihre Ehrlichkeit, ihre ethischen und moralischen Grundfesten auf eine radikale Probe.
Kate und Tim Welch leben mit ihren kleinen Söhnen in den Heights, einem lebendigen Viertel in Brooklyn mit kleinen Läden und blühenden Vorgärten. Sie sind glücklich, dort ihre Heimat gefunden zu haben, und sie lieben sich sehr. Ein neuer Wind geht durch die Heights, als Anna Brody mit ihrer Familie in die Nachbarschaft zieht - denn Anna ist eine äußerst beeindruckende Persönlichkeit: Alles, was sie tut, strahlt Stil und Grazie aus, sie ist sympathisch, und zugleich umweht sie ein faszinierender Hauch von Geheimnis. Als sie die Nähe der Welchs sucht, geraten Kate und Tim schnell in den Bann dieser mysteriösen Frau. Doch sie merken in ihrer Verblendung nicht, dass mit ihrer Freundschaft zu Anna die Büchse der Pandora geöffnet wurde. Schleichend mischt sich Anna immer mehr in ihr Leben und stellt Kates und Tims Liebe, ihre Ehrlichkeit, ihre ethischen und moralischen Grundfesten auf eine radikale Probe.
More details
Language
German
Product notice
With flaps
Dimensions
Height: 21.5 cm
Width: 13.5 cm
ISBN-13
978-3-442-31242-9 (9783442312429)
Schweitzer Classification
Persons
Peter Hedges, geboren in Des Moines, Iowa, ist Schriftsteller und Drehbuchautor. Hedges studierte an der North Carolina School of the Arts. Seine Filmkarriere als Drehbuchautor startete mit der Adaptierung seines Romans What's Eating Gilbert Grape für den Film Gilbert Grape - Irgendwo in Iowa. 2003 wurde sein Drehbuch für den Film About a Boy für den Oscar nominiert. Heute lebt und arbeitet Peter Hedges in den Brooklyn Heights.
Content
An jenem Morgen wachten wir auf und fanden unsere Straße unter Schnee begraben. Die kleinen Treppenstufen vorm Haus, der Gehweg, die Reihen geparkter Autos waren unter einer weißen Decke verschwunden. Die Bäume sahen aus wie mit Zuckerguss überzogen, und die gesamte Oak Lane - mit ihren tadellos erhaltenen jahrhundertealten Reihenhäusern aus rötlich braunem Sandstein - wirkte wie ein altes, vergilbtes Foto. Nur das laute Kratzen eines nahenden Schneepfluges passte nicht so recht ins Bild, das Tim, mein Mann, der Geschichtslehrer, gern malen wollte: den Schneepflug wegradieren, die Straßenlaternen und die Telefondrähte entfernen, alles Elektrische weg, und schon wäre es irgendein beliebiger Vormittag in Brooklyn Heights, zirka 1848 oder 1902.
Beim Blick aus unserer Wohnung im dritten Stock konnte ich Tims schwache Stiefelabdrücke ausmachen. Er hatte vor Sonnenaufgang zwischen zwei geparkten Autos die Stra - ße überquert und war mit seinem Rucksack voller zensierter Prüfungspapiere in Richtung Montague Street gegangen, um dort die Stufen zur Montague Academy zu erklimmen. Während der Nacht waren dicke Flocken gefallen, jetzt am Morgen blies der Wind jedoch in heftigen Böen, die die Fenster des Wohnzimmers, das zugleich unser Ess- und Spielzimmer war, klappern ließen. Ich fröstelte.
Sam kam, die windellose Hose in den Kniekehlen, weinend den Korridor entlanggerannt: 'Mommy, Pippi! Pippi!' Teddy, gerade vier geworden, folgte ihm und sagte: 'Sam hat Saue - rei gemacht!' Kurz vorher hatte ich die Küche abrupt verlas - sen, denn zwischen wiederholten Rufen nach 'Noch Milch, Mommy' und 'Hab Hunger, Mommy' und 'Mommy, Sam haut mich' war mir klar geworden: Entweder sie würden wie verlangt aufhören oder ich würde die Beherrschung verlieren.
Viele Verstecke gab es nicht, und so fanden sie mich auch ziemlich schnell.
Teddy hatte schlecht geträumt und war deshalb schon früh auf. Sam hatte kaum etwas gefrühstückt und sich bloß an den grellbunten Minimarshmallows in seinem gezuckerten Lieblingsmüsli gütlich getan. 'Aber nicht hier', schrie ich. Natürlich hier, in unserem Wohn -, Ess- und Spielzimmer.
Als Tim aus der Schule anrief, musste ich schreien, um den kreischenden Sam zu übertönen. Teddy drückte immer wieder die Lautsprechertaste am Telefon. 'Wie läuft's denn?', fragte Tim, aber wohl mehr aus Gewohnheit, denn er musste ja nur einmal kurz hinhören, um zu wissen, wie es lief.
'Gut, gut läuft's', sagte ich und beschloss, ihm nichts von einem rätselhaften Geruch im Badezimmer zu sagen - das Klo war verstopft und die Spülung kaputt -, von dem halb aufgelösten Stück Hafermehlseife in der leeren Wanne, von dem wachsenden Stapel unbezahlter Rechnungen, den überall verstreuten Klamotten, einem Hänsel -und- Gretel -Pfad aus Kinderhosen und -hemden und -unterwäsche. Und davon, dass, als ich mich allmählich zur Sockenschublade vorgearbeitet hatte, um Sam fertig anzuziehen, kein Paar zusammenpasste. Eben so unerwähnt blieb, dass der Winterwind uns bestimmt noch die vorderen Fenster zerschmettern würde, und ich schenkte mir auch meine Voraussage, dass dies wohl der kälteste Tag des Jahres werden würde. Tim musste schließlich hart arbeiten. Da sollte man ihn lieber schonen.
Im Eingangsbereich unseres Hauses gelang es mir dann, den Kinderwagen aufzuklappen und ihn die paar Stufen hinunter zutragen, während ich den Jungs unentwegt zuredete, mir zu folgen. Ich schnallte Sam fest, stellte Teddy richtig hin, damit er hintendrauf mitfahren konnte, und wir setzten uns in Bewegung. Beide Jungs erstickten geradezu unter Pullovern und Mänteln und Schals und Mützen, Handschuhen, Stiefeln - lediglich die Augen waren zu sehen. Unter dem ganzen Zeug konnte ich sie weinen hören, und als ich mich vornüberbeugte, um zu fragen, was los sei, schluchzte Teddy: 'Meine Augen sind kalt.'
'Ich weiß nicht, wie ich deine Augen warmmachen soll.'
Nie genug. Nie genug. Als Eltern kann man nie, nie genug tun.
Es hörte sich an wie ein Lied.
Ohne Handschuhe und Schal, die Daunenjacke immer noch nicht zugeknöpft - mich selbst hatte ich ganz vergessen.
Schon bald nachdem wir uns auf den Weg gemacht hatten, war klar, dass ich mit unserem Kinderwagen wegen des Schnees nicht vorankommen würde. Während der Wind peitschte und eine schnelle Entscheidung getroffen werden musste, hieß ich also alle Mann kehrtmachen. Zu Hause wie der angekommen ließ ich den Kinderwagen im Eingang stehen und sauste zu unserem Abstellraum im Keller, um Tims Schlitten aus alten Kindertagen zu holen. Draußen wickelte ich die Jungs in eine blaue Decke, setzte sie auf den Schlitten und zog sie hinter mir her.
Wir waren die Hicks Street schon fast hinunter, als ich plötzlich andere Eltern bemerkte, die ihre Kinder an den Handgelenken voranzerrten und dabei rutschten und ausglitten oder sich mit dem Kinderwagen abplagten. Männer und Frauen in Bürokluft steuerten, sich dem Wind entgegenstemmend, auf die U -Bahn -Station in der Clark Street zu, mit behutsamen Schritten, in der Hoffnung, nicht hinzufallen. Und hier kam ich, Teddy und Sam hinter mir herziehend, die einzigen Kinder in Heights, die per Schlitten in die Schule fuhren. Ein kurzer Blick zurück und ich sah sie blinzeln wie sonst nur, wenn sie lächelten. Und auf einmal war diese riesige, unsinnige Entfernung, die wir jeden Morgen zum R Kids Count Learning Center zu rücklegten, ein wahrer Segen. Einige Kinder wurden in Fahrgemeinschaften gebracht, andere kamen mit Privatchauffeur oder per Taxi an. Die Jungs und ich aber wurden beneidet - ein Vater, Chad, das Wall Street Superhirn, überraschte mich, indem er halb amüsiert, halb ehrfurchtsvoll von der Ecke Pierrepont und Hicks Street herüberrief: 'Na, so kommt man voran!'
Endlich war ich mal die clevere Mutter, die einzige Mutter mit dieser ziemlich spitzenmäßigen Idee, und meine Jungs, Teddy und Sam Welch, waren hochzufrieden.
Dies sind die Momente, hätte ich am liebsten gesungen. Dies sind die guten Momente.
'Fällt aus', rief Maria - immer fröhlich - Spence aus ihrem Range Rover an der Ecke Pineapple Street herüber.
'Aber wieso?'
'Boiler. Kaputt. Ruf mich an. Treffen uns zum Spielen.' Sie musste los, ihr Handy klingelte, und sie fuhr davon.
Teddy begriff nicht, weshalb wir umkehrten.
'In der Schule gibt's keine Heizung, Süßer', sagte ich. 'Da frierst du, und das wollen wir doch nicht.'
'Ich will aber hin!'
Nachdem ich heiße Schokolade versprochen hatte, beruhigte Teddy sich wieder. Während ich den Schlitten die Henry Street entlang in Richtung Montague zog, sagte Sam: 'Daddy Arbeit' und deutete dabei auf die neugotische, ehemals deutsch lutherische Kirche, in der der größte Teil der Montague Academy untergebracht war. Bei schönem Wetter ging ich mit den Jungs oft dort in den Hofgarten, wo sie auf dem Klettergerüst der Grundschule herumturnen konnten. So ein Tag war heute aber nicht.
Stattdessen bogen wir rechts in die Montague ein und steuerten auf Muffins and More zu. Auf der anderen Straßenseite bei Starbucks brummte der Laden. Mir war, wie auch den anderen Müttern in meinem Bekanntenkreis, das von Leuten aus dem Viertel geführte Muffins and More lieber, von dem es hieß, dass es demnächst schließen müsse - falls wir es nicht verhindern konnten.
Auf dem Gehweg draußen vor Muffins and More war grob - körniges Salz gestreut worden, und Eis und Schnee hatten an gefangen zu schmelzen. Ich band den Schlitten an eine Parkuhr und hielt Teddy und Sam an den Handschuhen fest, während wir vorsichtig auf die Tür zugingen.
Drinnen an einem Ecktisch - den sie zu dieser Tageszeit immer mit Beschlag belegten - saßen Tess Windsor, Debbie Beebe und Claudia Valentine und tranken ihre Espressos und Cappuccinos und koffeinfreien Lattes.
'Kate wird auch eine Meinung dazu haben', sagte Tess und hob ihren Parka hoch, der über dem einzigen verfügbaren Stuhl gelegen hatte. 'Komm hier rüber, Kate.'
Tess packte normalerweise immer eine Schlechtwetterbeschäftigung für die Kinder ein. Ich war also nicht überrascht zu sehen, wie ihre Tochter Maddie, die ebenfalls in die Vor schule ging, an einem Nachbartisch Origami faltete. Unaufgefordert bot Maddie an, es Teddy beizubringen, der sich lern willig zeigte, und Sam, der sich damit begnügte, einfach bloß zuzuschauen.
Debbie erbot sich, an die Theke zu gehen und den Jungs das Gewünschte zu bringen. Erleichtert kramte ich einen zerknitterten Fünfdollarschein hervor, gab ihn ihr und ließ mich auf den freien Stuhl fallen. Debbie erwartete im September ihr Erstes und half uns oft mit unseren Kindern aus. 'Zur Übung', behauptete sie, obwohl es an dem besagten Vormittag wohl so war, dass sie dem Gesprächsthema entfliehen wollte, zu dem ich angeblich auch eine Meinung hatte. Claudia sagte: 'Wir hatten gehofft, dass du vorbeikommst. Wir wollen hören, was du denkst.' Claudia hat eine kehlige, rauchige Stimme, wie ein sinnlicher Filmstar. 'Tess und ich sind uns uneinig. Und Debbie will sich nicht festlegen.'
'Denn was weiß ich schon?', rief Debbie vom Tresen herüber, bevor sie sich ans Bestellen machte.
Während Tess überlegte, wie sie die Frage am besten formulieren sollte, platzte Claudia heraus, ohne zu flüstern, weil sie nämlich nie flüstert: 'Was ist das bloß mit kleinen Jungs und ihren Arschlöchern?'
Tess zuckte erschrocken zusammen, und Debbie tat so, als hätte sie es nicht gehört.
An dem Tag sollte meinetwegen jede von diesen Frauen sagen, was sie wollte - irgendwelchen Blödsinn verzapfen, den größten Unsinn reden, denn solange mich keine Mommy nannte oder verlangte, ich solle ihr die Schuhe zubinden, wäre ich absolut beschwingt und im Handumdrehen wie neugeboren.
Claudia fuhr fort: 'Meine beiden Jungs lassen furchtbar gern die Hosen runter, beugen sich vor, ziehen die Pobacken auseinander und sagen: >Guck mal, Mommy! Darf ich vorstellen - Claudia Valentine: redet laut, denkt geradeaus, vereinbart gern Treffen zum Spielen. Anfangs hatte ich sie gar nicht gemocht - zu deftig und eingebildet, fand ich jedenfalls -, aber nachdem letztes Jahr zwei von meinen anderen Lieblingsmüttern weggezogen waren, stellten Claudia und ich nach und nach fest, dass wir als Einzige übrig geblieben waren von dem, was sie als die 'schwindende Party', genannt unser Leben, bezeichnete. Was mir an Claudia schon immer gefallen hatte: Sie war die Art von Mutter, die für ihre Kinder zur Mörderin würde. Was ich an ihr liebte: Sie würde auch für meine töten. Oder überhaupt für jedes Kind. Und wenn ihr Homer - jawohl, Homer - und ihr Olaf - jawohl, Olaf - mal ein anderes Kind quälen sollten, dann würde ihre strenge Strafe auf dem Fuße folgen. Rücksichtslosigkeit oder Grausamkeit duldete sie nicht, und ihre Kinder, wenngleich des Öfteren ihren Anfällen von Flatterhaftigkeit ausgesetzt, hatten eine der wahrhaft großartigen elterlichen Gaben bekommen: Man hatte sie zivilisiert. Und falls nicht, könnten sie jedenfalls nicht ihre Mutter dafür verantwortlich machen, denn niemand war mehr um Gerechtigkeit bemüht als sie. Ihre Neigung zu deftiger Ausdrucksweise und ihre Fähigkeit zur unverblümten Meinungsäußerung mochten dem Establishment von Heights ab schreckend vorkommen, ich fand sie erfrischend.
'Das ist nur eine Phase', sagte Tess. 'Die geht vorüber.'
'Tatsächlich?', entgegnete Claudia.
'Ja', sagte Tess und schaute dabei mich an in der Hoffnung, ich würde meinen Kommentar dazu abgeben.
Wieder Claudia: 'Das glaube ich nicht. Ich glaube, es verändert sich nur etwas. Ihre Faszination mit dem eigenen Arschloch verwandelt sich in ihre Faszination mit unserem.'
Tess kicherte und tat so, als würde sie sich die Ohren zuhalten.
Erneut Claudia: 'Was ist das, dass Männer uns dauernd in den Arsch ficken wollen?'
Eins möge man bitte verstehen: Ich bin nicht prüde. Ich habe durchaus Spaß an gelegentlichen geschmacklosen Gesprächen über Sex. Doch es war Vormittag, und wir waren in einem Café. Ich bemühte mich nach Kräften, die Frage zu ignorieren.
Claudia ließ nicht locker: 'In letzter Zeit bettelt mich Dan deshalb dauernd an, flüstert es mir ins Ohr. Er hat sogar ein Buch gekauft, geschrieben von einer Frau, über den Spaß daran, das angebliche Vergnügen. Überzeugt mich nicht!'
Ich starrte bei Muffins and More aus dem Fenster, als Frida Fabritz von Heights Realty gerade in das Starbucks auf der anderen Straßenseite hastete.
Frida Fabritz war die Maklerin, die uns vor Jahren unsere Wohnung mit zwei Schlafzimmern vermietet hatte. Ein Witz, wenn man bedenkt, dass es sich bei einem der Schlafzimmer um einen winzigen, fensterlosen Raum handelt, eigentlich einen begehbaren Kleiderschrank. Letztens hatten wir einen von den Mathelehrern der Montague Academy zum Abendessen bei uns. Er war voller Bewunderung, wie wir in so 'beengten Verhältnissen' zurechtkamen. Ich bat ihn, uns den Gefallen zu tun und die Quadratmeterzahl unserer Wohnung auszurechnen. Frida hatte sie mit ungefähr hundertzehn Quadratmetern gelistet, doch ich hatte schon immer Zweifel an dieser Zahl gehabt. Er schritt die Wohnung ab und sagte nach grimmigem Schweigen: 'Na ja, ihr habt hier annähernd vierundachtzig Quadratmeter, wenn man das Kinderzimmer dazuzählt.' 'Zimmer?', sagte ich. 'Das nennst du ein Zimmer?'
Während ich also Frida Fabritz bei Starbucks eintreten sah, überkam mich der Drang, ihr nachzulaufen. Nein, ich würde keine Szene machen. Ich würde ihr einfach sagen, was wir herausgefunden hatten, als ein Mathelehrer unsere Wohnung ausgemessen hatte. Ich wollte zu gern sehen, wie Frida sich vor Schuldgefühlen krümmte. Ihr Glück, dass sie zum Kaffeetrinken nach gegenüber gegangen war. Ihr Glück, dass ich die Jungs dabeihatte und im Gespräch mit meinen befreundeten Mitmüttern festsaß.
'Kate?'
Ich musterte Claudia. 'Was?'
'Wo bist du grade?'
'Ich bin hier und höre zu', sagte ich und schaute zur Kontrolle zu Teddy und Sam hinüber. Die saßen wie gebannt da und beobachteten, wie Maddie aus bunten Origamipapierchen ein paar Schwäne faltete. Debbie hielt ein Maismuffin in der Hand, das sie ihnen bröckchenweise fütterte.
'Von dir kommt ja nichts', sagte Claudia.
'Ich weiß', sagte ich. 'Tut mir leid.'
Claudia meinte: 'Schon gut.'
'Wo waren wir stehen geblieben?', fragte Tess.
'Arschlöcher', erwiderte Claudia. Dann beugte sie sich vor und brüllte: 'Ach, um das hier mal festzuhalten, wisst ihr, welche von unseren Nachbarinnen es sich gern von hinten besorgen lässt?'
Ich flüchtete, bevor ich die Antwort erfahren konnte. Draußen wehrte sich Teddy, der Dickkopf, indem er mir mit seinen Winterstiefeln gegen die Fesseln trat. Beide Jungs wären gern noch länger geblieben, doch ich hatte Besorgungen zu erledigen, und Sam, der sanftmütige Sam, brauchte sein Mittagsschläfchen. Wir machten uns auf den Weg zu Key Food, hielten aber unterwegs am M&O-Kiosk an, um eine Schachtel Hustenbonbons mit Kirschgeschmack und ein Päckchen Papiertaschentücher für die Schnupfnasen der Jungs zu erstehen.
'Kate, ah, gut, Sie sind es.'
Ich wandte mich um und sah Frida Fabritz auf mich zusteuern, ein gekünsteltes Lächeln im Gesicht. 'Entschuldigen Sie, dass ich Sie so überfalle, aber Sie müssen mir bitte einen Ge fallen tun.'
Ich versuchte, ihr Ansinnen abzuwehren, aber Frida sagte: 'Ich habe da einen potenziellen Kunden mit einer Menge Fragen über das Viertel hier, und da dachte ich, wer könnte besser
'Besser nicht', sagte ich. 'Bei der Laune, die ich gerade habe.'
Unter dem falschen Lächeln lag Angst in ihrem Blick. Es war vielleicht das erste Mal, dass ich einen Blick auf die wahre Frida Fabritz erhaschte. Im Lauf der letzten Jahre hatten sich einige große Maklerfirmen in Heights angesiedelt, und Frida hatte gespürt, dass der Wind rauer wehte. Doch jetzt wirkte sie nur verzweifelt, und für Verzweifelte habe ich ein Herz. Außerdem, überlegte ich, eine Maklerin in Heights zu haben, die mir etwas schuldete, war vielleicht irgendwann gar nicht so schlecht. Also zerrte ich die Jungs wieder in die Richtung zurück, aus der wir gekommen waren.
Während eines Einstellungsgesprächs war ich einmal gefragt worden, ob es in meiner Vergangenheit irgendetwas gäbe, was ich bereute. Damals fiel mir nichts ein, rein gar nichts, was ich hätte anders machen wollen, und so sagte ich bloß: 'Sicher, ich habe schon Fehler gemacht, aber die bereue ich nicht, denn ich habe dabei etwas gelernt und bin dadurch ein besserer Mensch geworden.' Während mein Interviewer unbeeindruckt blieb, wusste ich, dass meine Antwort zwar vage, aber doch aufrichtig war. Komisch, dass mir das jetzt wieder einfiel, während ich Frida hinterherlief - sie lächelte übrigens schon wieder, weshalb ich mich fragte, ob ich vielleicht an der Nase herum geführt worden war -, und ich murmelte leise vor mich hin: 'Das ist womöglich das Erste, was ich wirklich bereue.' Frida drehte sich zu mir um und wollte wissen, was ich gerade gesagt hatte. 'Nichts', erwiderte ich. Sie zögerte kurz, dann meinte sie fröhlich: 'Übrigens, tolle Idee, der Schlitten.' Dann lachte sie nervös, eine Mischung aus Panik und Aufgekratztheit. So merkwürdig hatte ich sie noch nie auftreten sehen, und in dem Moment entdeckte ich auch, wieso.
Die Frau direkt vor dem Eingang zu Heights Realty hatte sich in die andere Richtung gewandt, so dass mir als Erstes ihre Haltung auffiel. Sie hatte den langen Hals einer Tänzerin. Und als sie sich langsam zu mir herumdrehte, lächelte sie, als ob sie mich erwartet hätte. Mir blieb wohl vor Staunen die Luft weg, denn sie war ganz einfach die betörendste Frau, die ich je gesehen hatte.
'Kate, darf ich vorstellen
Die Frau streckte die Hand aus. Das Leder ihres Handschuhs fühlte sich warm und teuer an, meine unbehandschuhte Hand war von der Kälte ganz klamm. 'Ich heiße Anna', flüsterte sie. 'Anna Brody.'
'Anna überlegt hierherzuziehen', sagte Frida. 'Und da dachte ich, wer könnte ihr besser davon erzählen, wie es hier ist in Heights, als Sie?'
Ich kann mich nicht mehr erinnern, was ich sagte, aber als ich schließlich aufhörte zu reden, witzelte Frida, ich würde heimlich für Heights Realty arbeiten. 'Ich arbeite nicht', wollte ich gerade erklären, als Anna Brody lächelte. 'Nein, Sie arbeiten nicht. Sie sind bloß Mutter.' Dies äußerte sie überraschend freundlich und voller Ironie, als wollte sie, ohne es direkt zu sagen, ausdrücken, dass wir uns ähnlich waren.
'Ach', sagte ich. 'Haben Sie
'Ja, eine Tochter', sagte sie. 'Sophie. Sie ist drei.'
'Also, für Kinder', sagte ich, 'ist es eine tolle Gegend.'
'Das sehe ich', sagte sie mit einem Blick zu meinen Jungs auf ihrem Schlitten. Ich glaube, sie war neidisch auf den Schlitten.
Während wir redeten, fing es an zu schneien. Im Flockenwirbel bemerkte ich die Auspuffgase, die dem in zweiter Reihe stehenden schwarzen Town Car entströmten. Ein Chauffeur in Uniform stand in Habachtstellung und wartete auf Anna Brody, die es jedoch nicht eilig hatte. Sie lächelte mich verhalten an und hauchte mit ihrer weichen Stimme: 'Sie wissen gar nicht, wie sehr Sie mir geholfen haben.'
Ich hatte anscheinend leicht gezittert, denn sie löste ihren hellblauen Schal und drapierte ihn mir um den Hals.
'Das kann ich doch nicht annehmen', sagte ich.
'Müssen Sie aber', sagte sie und band ihn mir fest. 'Sonst erkälten Sie sich noch.'
Ich wollte sagen: 'Er passt aber zu Ihren Augen.'
Der Chauffeur öffnete den Wagenschlag. Während Anna sich in den Fond beugte, rief Frida, sie würde sich telefonisch melden. Anna schaute sich nicht um, verschwand hinter der getönten Scheibe. Ich ertappte mich dabei, wie ich albern winkte, während die Limousine davonfuhr.
Auf dem Nachhauseweg hörte ich sie es immer wieder sagen, als wäre es ein Geheimnis - Anna, Anna Brody. Wie eine kaputte Schallplatte spielte es immer wieder in meinem Kopf ab - Anna, Anna Brody, Anna, Anna Brody, Anna, Anna Brody
Erhob sich die Frage: Wie konnte ich es abstellen? Wie konnte ich es übertönen?
Tim.
Ich stellte mir vor, was Tim sagen würde.
Seit sechs Jahren arbeitete mein Mann nun schon an seiner Dissertation. Betitelt und unzählige Male neu betitelt war aus ihr ein großes, breit wucherndes Werk namens Geschichte des Verlusts geworden. An den seltenen guten Tagen nannte er sie Verlust und dessen zahlreiche Freunde, und an den häufigen von Zweifeln erfüllten Tagen lachte er betrübt und bezeichnete sie als Verlorene Sache. In Anbetracht seiner eigenen Geschichte und aus dem Blickwinkel seiner Kindheit gesehen war Tims zentrale These aus der Notwendigkeit geboren, eine lebensrettende Theorie, Rettung für einen verlorenen Jungen, doch - und zu der Überlegung hatte ich ihn gedrängt - was war mit dem Mann? War es nicht Zeit für eine neue Theorie? Glücklicherweise noch nicht. Außerdem müssen alle Theorien überprüft werden. Und hier sah ich für mich die Gelegenheit, die von Tim auszuprobieren. Während viele Leute seinen Ansatz deprimierend fanden, lebte ich nun schon lange genug damit, um allmählich Tröstliches daran zu finden. An jenem Tag, in diesen Nach-Anna-Brody-Stunden, war es Tim und nur Tim, den ich laut und vernehmlich hörte. Oft bettete er es in eine historische Anekdote oder würzte seine Unterhaltung mit passenden Beispielen, doch der Kernpunkt war: Verliere. Verliere früh, verliere oft. Denn was zählt, ist, wie du verlierst. Und verlieren wirst du. Dein Haar, dein Aussehen, deine Zäh - ne, deine Körperflüssigkeiten und -ausscheidungen. Du wirst Freunde verlieren, dein Gedächtnis, und wenn du zu den wenigen Elitären zählst wie Anna Brody, die damit rechnen, dass sie in Erinnerung bleiben, dann warte nur ab: Mit der Zeit wird die Welt auch dich aus dem Gedächtnis verlieren. Anna wer?
Ich fühlte mich schon viel besser.
Trotzdem war ich in recht trauriger Stimmung, während ich Teddy und Sam die State Street entlangzog. Es hatte mit dem Schal angefangen, eine zugegebenermaßen nette Geste, aber genug - und nun gefroren mir die Tränen im Gesicht.
Wieder zu Hause wollte ich mich aus meiner bedrückten Stimmung befreien und versammelte Teddy und Sam in unserem Wohn, Ess- und Spielzimmer, wo wir aus Sofakissen, Plüschtieren und dem Sitzsack aus meiner Collegezeit ein Bett bauten und miteinander kuschelten. Ich sagte ihnen, wie glücklich ich sei und wie doll ihr Daddy und ich sie lieb hätten. Ich küsste sie auf die Stirn und auf ihre weichen, warmen Bäckchen, und weil sie, glaube ich, spürten, wenn sie nicht ganz schnell was machten, würde ich sie überall abküssen, fingen sie an, sich zu winden, schubsten mich weg und wollten fernsehen. Wir verbrachten den Nachmittag damit, Trickfilme und Spielfilme auf Video zu gucken, die sie alle schon x mal gesehen hatten. Wir veranstalteten unser privates kleines Filmfestival, und anstatt ihnen Mittagessen zu machen, fabrizierte ich diverse Snacks, die ich im Lauf mehrerer Stunden servierte. Ich machte überbackene in kleine Quadrate geschnittene Käsesandwiches. Ich machte aus Gemüsestückchen Gesichter - mit Trauben als Augen, einer Mohrrübenstange als Nase, einer mittendurch geteilten Banane als Lächelmund und einer Hand voll Rosinen, genau richtig platziert, um einen Haarschopf anzudeuten. Ich amüsierte die beiden und sogar mich selbst, und ein paar Stunden lang war ich nicht bloß die Mutter, die ich nie selber hatte, ich war die Mutter aller Mütter.
TIM
Jedes Mal, wenn ich, sagen wir, meinen alljährlichen Vortrag über die Ansprache von Gettysburg halte und mich als Lincoln verkleide oder die Kubakrise aus Sicht von Fidel Castro wiedergebe und meine Studenten klatschen und jubeln, während ich den Unterrichtsraum verlasse und die Schultreppe hoch steige zu meinem im Kork ausgeschlagenen Lehrerzimmer, das eigentlich ein Kabuff ist, wo ich mich auf meinen kaputten Eichenholzdrehstuhl setze, mit heftig klopfendem Herzen, aber in Hochstimmung nach meiner kurzen Glanzleistung, und gerade wenn ich drauf und dran bin, mir selbst zu verkünden Ich bin der Gott aller Lehrer, dann bin ich normalerweise so vernünftig, Folgendes zu tun: Ich ziehe meine Schreibtischschublade auf und wühle zwischen den diversen zerkauten Bleistiften herum, den Päckchen mit Haftetiketten, der Linkshänderschere mit den grünen Griffen, dem Kleingeld und den aus einem der orangegelben Plastikkürbisse der Jungs geklauten, übrig gebliebenen Halloween-Süßigkeiten, bis der gealterte Umschlag gefunden ist - 'Ah', seufze ich -, während ich das zerknitterte, inzwischen vergilbte Blatt Papier herausnehme und wieder einmal durchlese, was ein ehemaliger Schüler, einer meiner ersten, vor ein paar Jahren schrieb:
Mr. Welch, sie sind mein Lieblingslehrer von allen.
Beim Blick aus unserer Wohnung im dritten Stock konnte ich Tims schwache Stiefelabdrücke ausmachen. Er hatte vor Sonnenaufgang zwischen zwei geparkten Autos die Stra - ße überquert und war mit seinem Rucksack voller zensierter Prüfungspapiere in Richtung Montague Street gegangen, um dort die Stufen zur Montague Academy zu erklimmen. Während der Nacht waren dicke Flocken gefallen, jetzt am Morgen blies der Wind jedoch in heftigen Böen, die die Fenster des Wohnzimmers, das zugleich unser Ess- und Spielzimmer war, klappern ließen. Ich fröstelte.
Sam kam, die windellose Hose in den Kniekehlen, weinend den Korridor entlanggerannt: 'Mommy, Pippi! Pippi!' Teddy, gerade vier geworden, folgte ihm und sagte: 'Sam hat Saue - rei gemacht!' Kurz vorher hatte ich die Küche abrupt verlas - sen, denn zwischen wiederholten Rufen nach 'Noch Milch, Mommy' und 'Hab Hunger, Mommy' und 'Mommy, Sam haut mich' war mir klar geworden: Entweder sie würden wie verlangt aufhören oder ich würde die Beherrschung verlieren.
Viele Verstecke gab es nicht, und so fanden sie mich auch ziemlich schnell.
Teddy hatte schlecht geträumt und war deshalb schon früh auf. Sam hatte kaum etwas gefrühstückt und sich bloß an den grellbunten Minimarshmallows in seinem gezuckerten Lieblingsmüsli gütlich getan. 'Aber nicht hier', schrie ich. Natürlich hier, in unserem Wohn -, Ess- und Spielzimmer.
Als Tim aus der Schule anrief, musste ich schreien, um den kreischenden Sam zu übertönen. Teddy drückte immer wieder die Lautsprechertaste am Telefon. 'Wie läuft's denn?', fragte Tim, aber wohl mehr aus Gewohnheit, denn er musste ja nur einmal kurz hinhören, um zu wissen, wie es lief.
'Gut, gut läuft's', sagte ich und beschloss, ihm nichts von einem rätselhaften Geruch im Badezimmer zu sagen - das Klo war verstopft und die Spülung kaputt -, von dem halb aufgelösten Stück Hafermehlseife in der leeren Wanne, von dem wachsenden Stapel unbezahlter Rechnungen, den überall verstreuten Klamotten, einem Hänsel -und- Gretel -Pfad aus Kinderhosen und -hemden und -unterwäsche. Und davon, dass, als ich mich allmählich zur Sockenschublade vorgearbeitet hatte, um Sam fertig anzuziehen, kein Paar zusammenpasste. Eben so unerwähnt blieb, dass der Winterwind uns bestimmt noch die vorderen Fenster zerschmettern würde, und ich schenkte mir auch meine Voraussage, dass dies wohl der kälteste Tag des Jahres werden würde. Tim musste schließlich hart arbeiten. Da sollte man ihn lieber schonen.
Im Eingangsbereich unseres Hauses gelang es mir dann, den Kinderwagen aufzuklappen und ihn die paar Stufen hinunter zutragen, während ich den Jungs unentwegt zuredete, mir zu folgen. Ich schnallte Sam fest, stellte Teddy richtig hin, damit er hintendrauf mitfahren konnte, und wir setzten uns in Bewegung. Beide Jungs erstickten geradezu unter Pullovern und Mänteln und Schals und Mützen, Handschuhen, Stiefeln - lediglich die Augen waren zu sehen. Unter dem ganzen Zeug konnte ich sie weinen hören, und als ich mich vornüberbeugte, um zu fragen, was los sei, schluchzte Teddy: 'Meine Augen sind kalt.'
'Ich weiß nicht, wie ich deine Augen warmmachen soll.'
Nie genug. Nie genug. Als Eltern kann man nie, nie genug tun.
Es hörte sich an wie ein Lied.
Ohne Handschuhe und Schal, die Daunenjacke immer noch nicht zugeknöpft - mich selbst hatte ich ganz vergessen.
Schon bald nachdem wir uns auf den Weg gemacht hatten, war klar, dass ich mit unserem Kinderwagen wegen des Schnees nicht vorankommen würde. Während der Wind peitschte und eine schnelle Entscheidung getroffen werden musste, hieß ich also alle Mann kehrtmachen. Zu Hause wie der angekommen ließ ich den Kinderwagen im Eingang stehen und sauste zu unserem Abstellraum im Keller, um Tims Schlitten aus alten Kindertagen zu holen. Draußen wickelte ich die Jungs in eine blaue Decke, setzte sie auf den Schlitten und zog sie hinter mir her.
Wir waren die Hicks Street schon fast hinunter, als ich plötzlich andere Eltern bemerkte, die ihre Kinder an den Handgelenken voranzerrten und dabei rutschten und ausglitten oder sich mit dem Kinderwagen abplagten. Männer und Frauen in Bürokluft steuerten, sich dem Wind entgegenstemmend, auf die U -Bahn -Station in der Clark Street zu, mit behutsamen Schritten, in der Hoffnung, nicht hinzufallen. Und hier kam ich, Teddy und Sam hinter mir herziehend, die einzigen Kinder in Heights, die per Schlitten in die Schule fuhren. Ein kurzer Blick zurück und ich sah sie blinzeln wie sonst nur, wenn sie lächelten. Und auf einmal war diese riesige, unsinnige Entfernung, die wir jeden Morgen zum R Kids Count Learning Center zu rücklegten, ein wahrer Segen. Einige Kinder wurden in Fahrgemeinschaften gebracht, andere kamen mit Privatchauffeur oder per Taxi an. Die Jungs und ich aber wurden beneidet - ein Vater, Chad, das Wall Street Superhirn, überraschte mich, indem er halb amüsiert, halb ehrfurchtsvoll von der Ecke Pierrepont und Hicks Street herüberrief: 'Na, so kommt man voran!'
Endlich war ich mal die clevere Mutter, die einzige Mutter mit dieser ziemlich spitzenmäßigen Idee, und meine Jungs, Teddy und Sam Welch, waren hochzufrieden.
Dies sind die Momente, hätte ich am liebsten gesungen. Dies sind die guten Momente.
'Fällt aus', rief Maria - immer fröhlich - Spence aus ihrem Range Rover an der Ecke Pineapple Street herüber.
'Aber wieso?'
'Boiler. Kaputt. Ruf mich an. Treffen uns zum Spielen.' Sie musste los, ihr Handy klingelte, und sie fuhr davon.
Teddy begriff nicht, weshalb wir umkehrten.
'In der Schule gibt's keine Heizung, Süßer', sagte ich. 'Da frierst du, und das wollen wir doch nicht.'
'Ich will aber hin!'
Nachdem ich heiße Schokolade versprochen hatte, beruhigte Teddy sich wieder. Während ich den Schlitten die Henry Street entlang in Richtung Montague zog, sagte Sam: 'Daddy Arbeit' und deutete dabei auf die neugotische, ehemals deutsch lutherische Kirche, in der der größte Teil der Montague Academy untergebracht war. Bei schönem Wetter ging ich mit den Jungs oft dort in den Hofgarten, wo sie auf dem Klettergerüst der Grundschule herumturnen konnten. So ein Tag war heute aber nicht.
Stattdessen bogen wir rechts in die Montague ein und steuerten auf Muffins and More zu. Auf der anderen Straßenseite bei Starbucks brummte der Laden. Mir war, wie auch den anderen Müttern in meinem Bekanntenkreis, das von Leuten aus dem Viertel geführte Muffins and More lieber, von dem es hieß, dass es demnächst schließen müsse - falls wir es nicht verhindern konnten.
Auf dem Gehweg draußen vor Muffins and More war grob - körniges Salz gestreut worden, und Eis und Schnee hatten an gefangen zu schmelzen. Ich band den Schlitten an eine Parkuhr und hielt Teddy und Sam an den Handschuhen fest, während wir vorsichtig auf die Tür zugingen.
Drinnen an einem Ecktisch - den sie zu dieser Tageszeit immer mit Beschlag belegten - saßen Tess Windsor, Debbie Beebe und Claudia Valentine und tranken ihre Espressos und Cappuccinos und koffeinfreien Lattes.
'Kate wird auch eine Meinung dazu haben', sagte Tess und hob ihren Parka hoch, der über dem einzigen verfügbaren Stuhl gelegen hatte. 'Komm hier rüber, Kate.'
Tess packte normalerweise immer eine Schlechtwetterbeschäftigung für die Kinder ein. Ich war also nicht überrascht zu sehen, wie ihre Tochter Maddie, die ebenfalls in die Vor schule ging, an einem Nachbartisch Origami faltete. Unaufgefordert bot Maddie an, es Teddy beizubringen, der sich lern willig zeigte, und Sam, der sich damit begnügte, einfach bloß zuzuschauen.
Debbie erbot sich, an die Theke zu gehen und den Jungs das Gewünschte zu bringen. Erleichtert kramte ich einen zerknitterten Fünfdollarschein hervor, gab ihn ihr und ließ mich auf den freien Stuhl fallen. Debbie erwartete im September ihr Erstes und half uns oft mit unseren Kindern aus. 'Zur Übung', behauptete sie, obwohl es an dem besagten Vormittag wohl so war, dass sie dem Gesprächsthema entfliehen wollte, zu dem ich angeblich auch eine Meinung hatte. Claudia sagte: 'Wir hatten gehofft, dass du vorbeikommst. Wir wollen hören, was du denkst.' Claudia hat eine kehlige, rauchige Stimme, wie ein sinnlicher Filmstar. 'Tess und ich sind uns uneinig. Und Debbie will sich nicht festlegen.'
'Denn was weiß ich schon?', rief Debbie vom Tresen herüber, bevor sie sich ans Bestellen machte.
Während Tess überlegte, wie sie die Frage am besten formulieren sollte, platzte Claudia heraus, ohne zu flüstern, weil sie nämlich nie flüstert: 'Was ist das bloß mit kleinen Jungs und ihren Arschlöchern?'
Tess zuckte erschrocken zusammen, und Debbie tat so, als hätte sie es nicht gehört.
An dem Tag sollte meinetwegen jede von diesen Frauen sagen, was sie wollte - irgendwelchen Blödsinn verzapfen, den größten Unsinn reden, denn solange mich keine Mommy nannte oder verlangte, ich solle ihr die Schuhe zubinden, wäre ich absolut beschwingt und im Handumdrehen wie neugeboren.
Claudia fuhr fort: 'Meine beiden Jungs lassen furchtbar gern die Hosen runter, beugen sich vor, ziehen die Pobacken auseinander und sagen: >Guck mal, Mommy! Darf ich vorstellen - Claudia Valentine: redet laut, denkt geradeaus, vereinbart gern Treffen zum Spielen. Anfangs hatte ich sie gar nicht gemocht - zu deftig und eingebildet, fand ich jedenfalls -, aber nachdem letztes Jahr zwei von meinen anderen Lieblingsmüttern weggezogen waren, stellten Claudia und ich nach und nach fest, dass wir als Einzige übrig geblieben waren von dem, was sie als die 'schwindende Party', genannt unser Leben, bezeichnete. Was mir an Claudia schon immer gefallen hatte: Sie war die Art von Mutter, die für ihre Kinder zur Mörderin würde. Was ich an ihr liebte: Sie würde auch für meine töten. Oder überhaupt für jedes Kind. Und wenn ihr Homer - jawohl, Homer - und ihr Olaf - jawohl, Olaf - mal ein anderes Kind quälen sollten, dann würde ihre strenge Strafe auf dem Fuße folgen. Rücksichtslosigkeit oder Grausamkeit duldete sie nicht, und ihre Kinder, wenngleich des Öfteren ihren Anfällen von Flatterhaftigkeit ausgesetzt, hatten eine der wahrhaft großartigen elterlichen Gaben bekommen: Man hatte sie zivilisiert. Und falls nicht, könnten sie jedenfalls nicht ihre Mutter dafür verantwortlich machen, denn niemand war mehr um Gerechtigkeit bemüht als sie. Ihre Neigung zu deftiger Ausdrucksweise und ihre Fähigkeit zur unverblümten Meinungsäußerung mochten dem Establishment von Heights ab schreckend vorkommen, ich fand sie erfrischend.
'Das ist nur eine Phase', sagte Tess. 'Die geht vorüber.'
'Tatsächlich?', entgegnete Claudia.
'Ja', sagte Tess und schaute dabei mich an in der Hoffnung, ich würde meinen Kommentar dazu abgeben.
Wieder Claudia: 'Das glaube ich nicht. Ich glaube, es verändert sich nur etwas. Ihre Faszination mit dem eigenen Arschloch verwandelt sich in ihre Faszination mit unserem.'
Tess kicherte und tat so, als würde sie sich die Ohren zuhalten.
Erneut Claudia: 'Was ist das, dass Männer uns dauernd in den Arsch ficken wollen?'
Eins möge man bitte verstehen: Ich bin nicht prüde. Ich habe durchaus Spaß an gelegentlichen geschmacklosen Gesprächen über Sex. Doch es war Vormittag, und wir waren in einem Café. Ich bemühte mich nach Kräften, die Frage zu ignorieren.
Claudia ließ nicht locker: 'In letzter Zeit bettelt mich Dan deshalb dauernd an, flüstert es mir ins Ohr. Er hat sogar ein Buch gekauft, geschrieben von einer Frau, über den Spaß daran, das angebliche Vergnügen. Überzeugt mich nicht!'
Ich starrte bei Muffins and More aus dem Fenster, als Frida Fabritz von Heights Realty gerade in das Starbucks auf der anderen Straßenseite hastete.
Frida Fabritz war die Maklerin, die uns vor Jahren unsere Wohnung mit zwei Schlafzimmern vermietet hatte. Ein Witz, wenn man bedenkt, dass es sich bei einem der Schlafzimmer um einen winzigen, fensterlosen Raum handelt, eigentlich einen begehbaren Kleiderschrank. Letztens hatten wir einen von den Mathelehrern der Montague Academy zum Abendessen bei uns. Er war voller Bewunderung, wie wir in so 'beengten Verhältnissen' zurechtkamen. Ich bat ihn, uns den Gefallen zu tun und die Quadratmeterzahl unserer Wohnung auszurechnen. Frida hatte sie mit ungefähr hundertzehn Quadratmetern gelistet, doch ich hatte schon immer Zweifel an dieser Zahl gehabt. Er schritt die Wohnung ab und sagte nach grimmigem Schweigen: 'Na ja, ihr habt hier annähernd vierundachtzig Quadratmeter, wenn man das Kinderzimmer dazuzählt.' 'Zimmer?', sagte ich. 'Das nennst du ein Zimmer?'
Während ich also Frida Fabritz bei Starbucks eintreten sah, überkam mich der Drang, ihr nachzulaufen. Nein, ich würde keine Szene machen. Ich würde ihr einfach sagen, was wir herausgefunden hatten, als ein Mathelehrer unsere Wohnung ausgemessen hatte. Ich wollte zu gern sehen, wie Frida sich vor Schuldgefühlen krümmte. Ihr Glück, dass sie zum Kaffeetrinken nach gegenüber gegangen war. Ihr Glück, dass ich die Jungs dabeihatte und im Gespräch mit meinen befreundeten Mitmüttern festsaß.
'Kate?'
Ich musterte Claudia. 'Was?'
'Wo bist du grade?'
'Ich bin hier und höre zu', sagte ich und schaute zur Kontrolle zu Teddy und Sam hinüber. Die saßen wie gebannt da und beobachteten, wie Maddie aus bunten Origamipapierchen ein paar Schwäne faltete. Debbie hielt ein Maismuffin in der Hand, das sie ihnen bröckchenweise fütterte.
'Von dir kommt ja nichts', sagte Claudia.
'Ich weiß', sagte ich. 'Tut mir leid.'
Claudia meinte: 'Schon gut.'
'Wo waren wir stehen geblieben?', fragte Tess.
'Arschlöcher', erwiderte Claudia. Dann beugte sie sich vor und brüllte: 'Ach, um das hier mal festzuhalten, wisst ihr, welche von unseren Nachbarinnen es sich gern von hinten besorgen lässt?'
Ich flüchtete, bevor ich die Antwort erfahren konnte. Draußen wehrte sich Teddy, der Dickkopf, indem er mir mit seinen Winterstiefeln gegen die Fesseln trat. Beide Jungs wären gern noch länger geblieben, doch ich hatte Besorgungen zu erledigen, und Sam, der sanftmütige Sam, brauchte sein Mittagsschläfchen. Wir machten uns auf den Weg zu Key Food, hielten aber unterwegs am M&O-Kiosk an, um eine Schachtel Hustenbonbons mit Kirschgeschmack und ein Päckchen Papiertaschentücher für die Schnupfnasen der Jungs zu erstehen.
'Kate, ah, gut, Sie sind es.'
Ich wandte mich um und sah Frida Fabritz auf mich zusteuern, ein gekünsteltes Lächeln im Gesicht. 'Entschuldigen Sie, dass ich Sie so überfalle, aber Sie müssen mir bitte einen Ge fallen tun.'
Ich versuchte, ihr Ansinnen abzuwehren, aber Frida sagte: 'Ich habe da einen potenziellen Kunden mit einer Menge Fragen über das Viertel hier, und da dachte ich, wer könnte besser
'Besser nicht', sagte ich. 'Bei der Laune, die ich gerade habe.'
Unter dem falschen Lächeln lag Angst in ihrem Blick. Es war vielleicht das erste Mal, dass ich einen Blick auf die wahre Frida Fabritz erhaschte. Im Lauf der letzten Jahre hatten sich einige große Maklerfirmen in Heights angesiedelt, und Frida hatte gespürt, dass der Wind rauer wehte. Doch jetzt wirkte sie nur verzweifelt, und für Verzweifelte habe ich ein Herz. Außerdem, überlegte ich, eine Maklerin in Heights zu haben, die mir etwas schuldete, war vielleicht irgendwann gar nicht so schlecht. Also zerrte ich die Jungs wieder in die Richtung zurück, aus der wir gekommen waren.
Während eines Einstellungsgesprächs war ich einmal gefragt worden, ob es in meiner Vergangenheit irgendetwas gäbe, was ich bereute. Damals fiel mir nichts ein, rein gar nichts, was ich hätte anders machen wollen, und so sagte ich bloß: 'Sicher, ich habe schon Fehler gemacht, aber die bereue ich nicht, denn ich habe dabei etwas gelernt und bin dadurch ein besserer Mensch geworden.' Während mein Interviewer unbeeindruckt blieb, wusste ich, dass meine Antwort zwar vage, aber doch aufrichtig war. Komisch, dass mir das jetzt wieder einfiel, während ich Frida hinterherlief - sie lächelte übrigens schon wieder, weshalb ich mich fragte, ob ich vielleicht an der Nase herum geführt worden war -, und ich murmelte leise vor mich hin: 'Das ist womöglich das Erste, was ich wirklich bereue.' Frida drehte sich zu mir um und wollte wissen, was ich gerade gesagt hatte. 'Nichts', erwiderte ich. Sie zögerte kurz, dann meinte sie fröhlich: 'Übrigens, tolle Idee, der Schlitten.' Dann lachte sie nervös, eine Mischung aus Panik und Aufgekratztheit. So merkwürdig hatte ich sie noch nie auftreten sehen, und in dem Moment entdeckte ich auch, wieso.
Die Frau direkt vor dem Eingang zu Heights Realty hatte sich in die andere Richtung gewandt, so dass mir als Erstes ihre Haltung auffiel. Sie hatte den langen Hals einer Tänzerin. Und als sie sich langsam zu mir herumdrehte, lächelte sie, als ob sie mich erwartet hätte. Mir blieb wohl vor Staunen die Luft weg, denn sie war ganz einfach die betörendste Frau, die ich je gesehen hatte.
'Kate, darf ich vorstellen
Die Frau streckte die Hand aus. Das Leder ihres Handschuhs fühlte sich warm und teuer an, meine unbehandschuhte Hand war von der Kälte ganz klamm. 'Ich heiße Anna', flüsterte sie. 'Anna Brody.'
'Anna überlegt hierherzuziehen', sagte Frida. 'Und da dachte ich, wer könnte ihr besser davon erzählen, wie es hier ist in Heights, als Sie?'
Ich kann mich nicht mehr erinnern, was ich sagte, aber als ich schließlich aufhörte zu reden, witzelte Frida, ich würde heimlich für Heights Realty arbeiten. 'Ich arbeite nicht', wollte ich gerade erklären, als Anna Brody lächelte. 'Nein, Sie arbeiten nicht. Sie sind bloß Mutter.' Dies äußerte sie überraschend freundlich und voller Ironie, als wollte sie, ohne es direkt zu sagen, ausdrücken, dass wir uns ähnlich waren.
'Ach', sagte ich. 'Haben Sie
'Ja, eine Tochter', sagte sie. 'Sophie. Sie ist drei.'
'Also, für Kinder', sagte ich, 'ist es eine tolle Gegend.'
'Das sehe ich', sagte sie mit einem Blick zu meinen Jungs auf ihrem Schlitten. Ich glaube, sie war neidisch auf den Schlitten.
Während wir redeten, fing es an zu schneien. Im Flockenwirbel bemerkte ich die Auspuffgase, die dem in zweiter Reihe stehenden schwarzen Town Car entströmten. Ein Chauffeur in Uniform stand in Habachtstellung und wartete auf Anna Brody, die es jedoch nicht eilig hatte. Sie lächelte mich verhalten an und hauchte mit ihrer weichen Stimme: 'Sie wissen gar nicht, wie sehr Sie mir geholfen haben.'
Ich hatte anscheinend leicht gezittert, denn sie löste ihren hellblauen Schal und drapierte ihn mir um den Hals.
'Das kann ich doch nicht annehmen', sagte ich.
'Müssen Sie aber', sagte sie und band ihn mir fest. 'Sonst erkälten Sie sich noch.'
Ich wollte sagen: 'Er passt aber zu Ihren Augen.'
Der Chauffeur öffnete den Wagenschlag. Während Anna sich in den Fond beugte, rief Frida, sie würde sich telefonisch melden. Anna schaute sich nicht um, verschwand hinter der getönten Scheibe. Ich ertappte mich dabei, wie ich albern winkte, während die Limousine davonfuhr.
Auf dem Nachhauseweg hörte ich sie es immer wieder sagen, als wäre es ein Geheimnis - Anna, Anna Brody. Wie eine kaputte Schallplatte spielte es immer wieder in meinem Kopf ab - Anna, Anna Brody, Anna, Anna Brody, Anna, Anna Brody
Erhob sich die Frage: Wie konnte ich es abstellen? Wie konnte ich es übertönen?
Tim.
Ich stellte mir vor, was Tim sagen würde.
Seit sechs Jahren arbeitete mein Mann nun schon an seiner Dissertation. Betitelt und unzählige Male neu betitelt war aus ihr ein großes, breit wucherndes Werk namens Geschichte des Verlusts geworden. An den seltenen guten Tagen nannte er sie Verlust und dessen zahlreiche Freunde, und an den häufigen von Zweifeln erfüllten Tagen lachte er betrübt und bezeichnete sie als Verlorene Sache. In Anbetracht seiner eigenen Geschichte und aus dem Blickwinkel seiner Kindheit gesehen war Tims zentrale These aus der Notwendigkeit geboren, eine lebensrettende Theorie, Rettung für einen verlorenen Jungen, doch - und zu der Überlegung hatte ich ihn gedrängt - was war mit dem Mann? War es nicht Zeit für eine neue Theorie? Glücklicherweise noch nicht. Außerdem müssen alle Theorien überprüft werden. Und hier sah ich für mich die Gelegenheit, die von Tim auszuprobieren. Während viele Leute seinen Ansatz deprimierend fanden, lebte ich nun schon lange genug damit, um allmählich Tröstliches daran zu finden. An jenem Tag, in diesen Nach-Anna-Brody-Stunden, war es Tim und nur Tim, den ich laut und vernehmlich hörte. Oft bettete er es in eine historische Anekdote oder würzte seine Unterhaltung mit passenden Beispielen, doch der Kernpunkt war: Verliere. Verliere früh, verliere oft. Denn was zählt, ist, wie du verlierst. Und verlieren wirst du. Dein Haar, dein Aussehen, deine Zäh - ne, deine Körperflüssigkeiten und -ausscheidungen. Du wirst Freunde verlieren, dein Gedächtnis, und wenn du zu den wenigen Elitären zählst wie Anna Brody, die damit rechnen, dass sie in Erinnerung bleiben, dann warte nur ab: Mit der Zeit wird die Welt auch dich aus dem Gedächtnis verlieren. Anna wer?
Ich fühlte mich schon viel besser.
Trotzdem war ich in recht trauriger Stimmung, während ich Teddy und Sam die State Street entlangzog. Es hatte mit dem Schal angefangen, eine zugegebenermaßen nette Geste, aber genug - und nun gefroren mir die Tränen im Gesicht.
Wieder zu Hause wollte ich mich aus meiner bedrückten Stimmung befreien und versammelte Teddy und Sam in unserem Wohn, Ess- und Spielzimmer, wo wir aus Sofakissen, Plüschtieren und dem Sitzsack aus meiner Collegezeit ein Bett bauten und miteinander kuschelten. Ich sagte ihnen, wie glücklich ich sei und wie doll ihr Daddy und ich sie lieb hätten. Ich küsste sie auf die Stirn und auf ihre weichen, warmen Bäckchen, und weil sie, glaube ich, spürten, wenn sie nicht ganz schnell was machten, würde ich sie überall abküssen, fingen sie an, sich zu winden, schubsten mich weg und wollten fernsehen. Wir verbrachten den Nachmittag damit, Trickfilme und Spielfilme auf Video zu gucken, die sie alle schon x mal gesehen hatten. Wir veranstalteten unser privates kleines Filmfestival, und anstatt ihnen Mittagessen zu machen, fabrizierte ich diverse Snacks, die ich im Lauf mehrerer Stunden servierte. Ich machte überbackene in kleine Quadrate geschnittene Käsesandwiches. Ich machte aus Gemüsestückchen Gesichter - mit Trauben als Augen, einer Mohrrübenstange als Nase, einer mittendurch geteilten Banane als Lächelmund und einer Hand voll Rosinen, genau richtig platziert, um einen Haarschopf anzudeuten. Ich amüsierte die beiden und sogar mich selbst, und ein paar Stunden lang war ich nicht bloß die Mutter, die ich nie selber hatte, ich war die Mutter aller Mütter.
TIM
Jedes Mal, wenn ich, sagen wir, meinen alljährlichen Vortrag über die Ansprache von Gettysburg halte und mich als Lincoln verkleide oder die Kubakrise aus Sicht von Fidel Castro wiedergebe und meine Studenten klatschen und jubeln, während ich den Unterrichtsraum verlasse und die Schultreppe hoch steige zu meinem im Kork ausgeschlagenen Lehrerzimmer, das eigentlich ein Kabuff ist, wo ich mich auf meinen kaputten Eichenholzdrehstuhl setze, mit heftig klopfendem Herzen, aber in Hochstimmung nach meiner kurzen Glanzleistung, und gerade wenn ich drauf und dran bin, mir selbst zu verkünden Ich bin der Gott aller Lehrer, dann bin ich normalerweise so vernünftig, Folgendes zu tun: Ich ziehe meine Schreibtischschublade auf und wühle zwischen den diversen zerkauten Bleistiften herum, den Päckchen mit Haftetiketten, der Linkshänderschere mit den grünen Griffen, dem Kleingeld und den aus einem der orangegelben Plastikkürbisse der Jungs geklauten, übrig gebliebenen Halloween-Süßigkeiten, bis der gealterte Umschlag gefunden ist - 'Ah', seufze ich -, während ich das zerknitterte, inzwischen vergilbte Blatt Papier herausnehme und wieder einmal durchlese, was ein ehemaliger Schüler, einer meiner ersten, vor ein paar Jahren schrieb:
Mr. Welch, sie sind mein Lieblingslehrer von allen.