Wege der Seele
Franz von Assisi, Niklaus von Flüe, Hildegard von Bingen, Therese von Konnersreuth, Osho
Goldmann (Publisher)
Published on 1. December 2002
Book
Paperback/Softback
288 pages
978-3-442-21625-3 (ISBN)
Article exhausted; check for reprint
Description
Das Medium Varda Hasselmann und ihr Energiepartner Frank Schmolke haben fünf historische Persönlichkeiten ausgewählt, die auf jeweils unterschiedliche Weise das spirituelle Empfinden unserer Kultur prägten: Die medialen Trancebotschaften lassen das Leben und Wirken der Figuren unter einem neuartigen, faszinierenden Blickwinkel erscheinen. Varda Hasselmann und Frank Schmolke sind aufgrund ihrer Seminare und ihrer vier gemeinsamen Bücher auch jenseits der Esoterik-Szene einem breiten Publikum bekannt.
More details
Series
21625
Language
German
Dimensions
Height: 20.6 cm
Width: 14 cm
ISBN-13
978-3-442-21625-3 (9783442216253)
Schweitzer Classification
Other editions
New editions

Varda Hasselmann | Frank Schmolke
Wege der Seele
Franz von Assisi, Niklaus von Flüe, Hildegard von Bingen, Therese von Konnersreuth, Osho
Book
08/2013
Goldmann
€12.00
Available immediately
Additional editions

Varda Hasselmann | Frank Schmolke
Wege der Seele
Franz von Assisi, Niklaus von Flüe, Hildegard von Bingen, Therese von Konnersreuth, Osho
E-Book
12/2010
Goldmann
€8.99
Available for download
Persons
Dr. Varda Hasselmann, Jahrgang 1946, bereitete sich nach dem Studium der Literaturwissenschaft und Mittelalterkunde zunächst auf eine Universitätskarriere vor. Doch sie folgte ihrer Berufung und machte ihre mediale Begabung zum Beruf. Seit 1983 arbeitet sie als Trance-Medium, gibt Seminare und hält Vorträge. Die medial empfangene Seelenlehre legte sie zusammen mit Frank Schmolke in den Büchern "Welten der Seele" und "Archetypen der Seele" dar.
Frank Schmolke, Jahrgang 1944, ging nach dem Studium der Germanistik, Anglistik und Kunstgeschichte zunächst in den Schuldienst. Zugleich beschäftigte er sich mit spirituellen Themen, absolvierte zahlreiche medizinische und psychologische Ausbildungen. Als "Energiepartner" von Varda Hasselmann fungiert er mit seinen strukturierenden Fragen und seinem Wissensdurst als Motor der medialen Zusammenarbeit.
Frank Schmolke, Jahrgang 1944, ging nach dem Studium der Germanistik, Anglistik und Kunstgeschichte zunächst in den Schuldienst. Zugleich beschäftigte er sich mit spirituellen Themen, absolvierte zahlreiche medizinische und psychologische Ausbildungen. Als "Energiepartner" von Varda Hasselmann fungiert er mit seinen strukturierenden Fragen und seinem Wissensdurst als Motor der medialen Zusammenarbeit.
Content
Franz von Assisi
Biografische Information: Francesco Giovanni, 1181-1226, Sohn eines reichen Tuchhändlers, wuchs in Assisi (Umbrien) in frohem Jugendtreiben mit Ritteridealen auf, geriet bei einem Kriegszug gegen die Nachbarstadt Perugia in einjährige Gefangenschaft, kehrte 1205 von neuer Kriegsfahrt nach Süditalien auf halbem Weg zurück und vollzog bald eine innere Wandlung zu Armut, Askese und Hilfe für die Armen und elend Erkrankten (Lepra). Er restaurierte baufällige Kirchlein in der Umgebung von Assisi (San Damiano, Portiuncula), stahl dem Vater Tuch, um dies zu finanzieren, und sagte sich nach folgendem Familienstreit öffentlich und unter Verzicht auf sein Erbe auf dem Marktplatz von Assisi mit Unterstützung des Bischofs vom Vater los. Im baufälligen Kirchlein San Damiano hatte er eine Vision, in der Jesus ihm befahl: 'Baue meine Kirche wieder auf!' Er verstand dies zuerst wörtlich bezogen auf das alte Gebäude, später dann übertragen auf den Zustand der katholischen Kirche. Er folgte Jesu Aussendungsworten an die Jünger wörtlich und mit großer Strenge, wanderte in armseligstem Aufzug Umkehr predigend durch Umbrien und Umgebung und gewann mehr und mehr ihn begleitende Anhänger aus allen sozialen Schichten. (Aussendungsworte bei Matthäus 10,7-10: 'Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe. Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben. Steckt nicht Gold, Silber und Kupfermünzen in euren Gürtel. Nehmt keine Vorratstasche mit auf den Weg, kein zweites Hemd, keine Schuhe, keinen Wanderstab; denn wer arbeitet, hat ein Recht auf Unterhalt.')
1209 gab Papst Innozenz III. ihm auf seine Bitten überraschenderweise und entgegen der bis dahin üblichen Kirchenpolitik eine von Franz selbst aus Bibelworten zusammengefügte erste unklösterliche Ordensregel für die 'Minderbrüder' (fratres minores). Der neue Orden hatte bald ungeheuren Zulauf und breitete sich ab 1217 auch außerhalb Italiens mit großer Geschwindigkeit aus. 1219 kam Franz ins Kreuzfahrerlager in Damiette, überschritt die Kampflinie zu den Moslems und versuchte erfolglos, den ägyptischen Sultan für das Christentum zu gewinnen. 1220 zog er sich krank und fast erblindet von der Leitung des Ordens zurück. 1221 entstand eine zweite, viel umfangreichere und weniger rigorose Regel, die vom Papst später gebilligt wurde. Franz zog sich in die Einsiedelei La Verna nördlich von Assisi zurück und empfing dort die Wundmale Jesu. Der Todkranke wurde unter weiträumiger Umgehung der eifersüchtigen Stadtväter von Perugia nach Assisi gebracht, um dort zu sterben.
Wir sind gern und freudig bereit, euch Auskunft zu geben über eine wichtige historische Persönlichkeit, um anhand dieses Beispiels die Möglichkeit zu schaffen, die Bedeutung der seelischen Archetypen und der mit ihnen verbundenen Strukturen besser begreiflich zu machen.
Das Seelenmuster des Menschen, der Franziskus genannt wird, war folgendermaßen zusammengesetzt:
Seelenrolle Krieger (Energie 3), Hauptmerkmal der Angst Selbstsabotage (Energie 2), Nebenmerkmal Märtyrertum (Energie 3), Entwicklungsziel Ablehnen (Energie 2), Modus Leidenschaftlichkeit (Energie 6), Mentalität Spiritualist (Energie 6), Reaktionsmuster motorisch-emotional (Energien 7 und 1), Seelenalter Alt 6 (Energien 5 und 6).
Er beschritt den Weg 1: Weg der Berührung.
Die Seelenchiffre für dieses Leben lautet:
3 2/3 2 6 6 7/1 5/6 W 1.
Zusammensetzung der Seelenfamilie: Priester (6), Weiser (5), Krieger (3).
Zum Verständnis des Seelenmusters von Franziskus:
Ein 'Krieger' (Energie 3) ist vital, durchsetzungsfähig, überzeugend. Er sucht Herausforderungen für seine aktive, handlungsorientierte Struktur, braucht fest definierte Ziele und strebt sie mit großer Ausdauer an. Er liebt Siege, gibt nicht gern auf und kann Niederlagen schwer verkraften. Er kämpft für die Mitmenschen und schützt die Schwachen. Er ist ein guter Kamerad und schätzt Treue über alles.
'Selbstsabotage' (Energie 2) ist das Hauptmerkmal für eine tief verankerte Angst vor Lebendigkeit und Lebensfreude. Ein Mensch mit dieser Angststruktur kann das Leben nur selten aus vollen Zügen genießen. Stets fürchtet er, vom Schicksal bestraft zu werden, wenn er unbekümmert fröhlich ist. Er wirkt dadurch oft übermäßig ernst und hat eine trauervolle Ausstrahlung, die ihm 'sicherer' und ethisch höherwertig vorkommt als das, was er bei leichtlebigeren Menschen als Albernheit und Frivolität empfindet. Eine andere Variante des Hauptmerkmals 'Selbstsabotage' ist Vergnügungssucht. - 'Märtyrertum' (Energie 3) setzt ein tief empfundenes Gefühl von Wertlosigkeit voraus. Um dieses mit Schuldgefühlen beladene Unwert-Empfinden zu bekämpfen, gibt sich der Märtyrer besonders selbstlos, opferbereit und edel. Er trägt das Leid der Welt auf seinen Schultern und erhofft sich so einen Platz unter den Engeln.
Das Entwicklungsziel 'Ablehnen' (Energie 2) prägt Menschen von großer Klarheit, Direktheit und innerer Konsequenz. Diese Menschen haben Abstand und brauchen Distanz, um zu klarer Urteilskraft zu gelangen. Sie können besser Nein sagen als die meisten anderen, wenn sie es auch nicht immer tun. Ihr Ja ist dann umso strahlender. Da sie ehrlich und geradeheraus wirken, machen sie sich nicht immer nur Freunde und gelten als kritisch. Sie befürchten, abgelehnt zu werden, und verleugnen deshalb nicht selten ihre aufrichtige Meinung.
Der Modus 'Leidenschaftlichkeit' (Energie 6) kennzeichnet Menschen mit starker, mitreißender Ausstrahlung. Dieser Modus entzündet die Flammen der Leidenschaftlichkeit auch in den Mitmenschen. Der Leidenschaftliche leidet unter starken Stimmungsschwankungen. Er begeistert sich und andere, erkaltet jedoch oft ebenso schnell. Trotz brillanter Rednerkraft stößt er oft durch Fanatismus ab und macht so sein Anliegen zunichte.
Die Mentalität des 'Spiritualisten' (Energie 6) bewirkt, dass ein Mensch sich verbunden, geleitet, geführt fühlt und er einen Sinnzusammenhang zwischen allen Erscheinungen des Weltlichen und des Göttlichen erkennt. Er ist oft leichtgläubig, man kann ihm alles Mögliche glauben machen, wenn man behauptet, es komme 'von oben'. Aber ein 'Spiritualist' hat auch bisweilen Visionen und Eingebungen, die sein Leben unwiderruflich prägen. Er verlässt sich ganz auf seine innere Stimme.
Das 'motorisch-emotionale' Reaktionsmuster (Energien 7 und 1) verbindet das Sonnengeflecht mit dem Herz-Chakra. Es führt zu heftigen Bewegtheiten und vermag auch andere Menschen stark anzurühren und aufzuwühlen.
Das Seelenalter Alt 6 (Energien 5 und 6) verbindet die Kraft des 'Weisen' mit der Durchlässigkeit des 'Priesters'. Es handelt sich um die vorletzte Entfaltungsstufe im Verlauf eines acht- bis zehntausend Jahre währenden Inkarnationszyklus.
Der 'Weg der Berührung' (Energie 1) bringt zärtliche, anschmiegsame Menschen hervor, die mit einem Lächeln, einer zarten Berührung eine heilsame Wirkung erzielen können.
Wir stellen fest, dass zur Seelenrolle des Kriegers noch mancherlei Missverständnisse vorliegen, und möchten diese Gelegenheit zum Anlass nehmen, über einen Alten 'Krieger', eine Alte 'Krieger'-Seele etwas zu sagen.
'Krieger' sind grundsätzlich Seelen, denen in jedem einzelnen Leben ein Ziel oder mehrere Ziele am Herzen liegen. Selten geschieht es, dass eine 'Krieger'-Seele nicht schon vor dem Erreichen des dreißigsten Lebensjahres bewusste Ziele entwickelt und genauso beharrlich unbewussten Zielen folgt.
Diese innere Zielsetzung erzeugt eine seelische Dynamik, die unwillkürlich nach Hindernissen sucht, um sie aus dem Weg zu räumen. Je älter nun die Seele eines 'Kriegers' wird und je öfter sie in inkarniertem Zustand auf der Erde geweilt hat, umso erfahrener ist sie in der Bereitschaft, sich Ziele zu setzen, ihnen zu folgen und sich auch den Zielsetzungen, die ihr vom Leben angeboten werden, hinzugeben.
Die 'Krieger'-Rolle vereinigt in sich die Befähigung, gleichermaßen aktiv wie passiv ein Anliegen zu verfolgen. Sie handelt, strebt und kämpft und gibt sich gleichzeitig vollkommen der Notwendigkeit hin, alles zu tun, was diesem Ziel dienlich sein kann. Je bewusster sich die inkarnierte Seele mit ihren sonst meist subkognitiven seelischen Zielen identifizieren kann, umso größer werden ihre Wirkung und ihre Durchschlagskraft. Die Kräfte wirken gebündelt wie Laserstrahlen und können deshalb größere, wichtigere und höhere Ziele in Angriff nehmen. Und so kann auch eine sehr Alte 'Krieger'-Seele wie diejenige, von der jetzt die Rede sein soll, trotz einer von vielen Leben bereits fadenscheinig gewordenen Körperlichkeit noch eine Potenz entwickeln, die dem Erreichen großer Wirkungen angemessen ist, und ihre ganze kämpferische Erfahrung auf eine Veränderung richten, die, weil sie mit individuellen seelischen Bedürfnissen vollkommen konform geht, von eindrucksvoller Beispielhaftigkeit ist und dementsprechend auf die Umwelt wirkt. Es geht also um die Bündelung von Veränderungen im Weltlichen und von individuellen seelischen Bedürfnissen.
Nur eine 'Krieger'-Seele ist in diesem hohen Seelenalter noch in der Lage, sich all den Härten und Widrigkeiten körperlicher Art auszusetzen, wie Franziskus es unentwegt getan hat, und daran noch eine lustvolle Befriedigung zu finden. Und nur eine 'Krieger'-Seele, die über viele Jahrtausende hinweg gelernt hat, zu verzichten, sich zu beugen, zu hungern, zu dürsten und auf der nackten Erde zu schlafen, um einen Sieg zu erringen - der in den allerseltensten Fällen ein persönlicher ist, einen Sieg also, der fast immer übergeordneten Interessen dient, die nur ausnahmsweise auch die privaten Interessen des Kämpfenden berühren -, ist in der Lage, sich für eine ihr wertvoll erscheinende Angelegenheit so hingebungsvoll zu verausgaben, wie Franziskus es getan hat und wie diejenigen, die ihm nacheifern, es immer noch anstreben.
Franziskus war klein, zäh, willensstark, unerschütterlich und bot aufgrund seiner Erfahrung als Kämpfer der Welt gerade so viel Angriffsfläche wie nötig, aber so wenig wie möglich. Er wählte seine Waffen - wie es sich für eine uralte Seele geziemt - so, dass sie weder zu verletzen, noch zu töten vermochten, denn es ging ihm nicht um einen Sieg auf der Ebene der Materie. Seine ungeheure Überzeugungskraft schöpfte er ebenfalls aus den Qualitäten seiner 'Krieger'-Rolle.
Welches innere Ziel strebte Franz von Assisi als 'Krieger' an? Welchen Sieg wollte er erringen?
Franziskus wollte einer Vision zum Sieg verhelfen, der Vision von einem gottgefälligen und Christi Leiden ebenbürtigen Leben. Seine als göttliche Aufträge interpretierten Visionen verliehen ihm die Kraft, aus sich selbst eine vorbildhafte Gestalt zu bilden, die aller Welt zeigen sollte: Ein solches Leben, wie ich es mir zum Ideal erkoren hatte, ist möglich. Es ist nicht nur dem menschengestaltigen Heiland gegeben, so zu sein, sondern auch all jenen, die diesen Heiland mehr lieben als sich selbst.
Als 'Krieger' wusste Franziskus, dass nur ein authentisches Beispiel wirklich überzeugend wirkt. Doch auch seine Lebensspanne vor der schrittweisen inneren Bekehrung ist durchaus aus der Perspektive der kriegerischen Seelenrolle zu begreifen.
Der glühende Wunsch, ein Ritter zu werden und ein kriegerisches Leben zu führen, sich zu schlagen, zu kämpfen, zu siegen und sich in einer ebenso wilden wie ehrenvollen Männergesellschaft aufzuhalten, die Lust am Kampfgetümmel, die Sehnsucht nach den körperlichen Herausforderungen, die seit Menschengedenken jedem 'Krieger' bereitet sind, bewogen ihn dazu, so bald als möglich auszufahren und die Gelegenheit zur körperlichen Auseinandersetzung mit dem Feind zu suchen. Dies geschah jedoch mehr aus einer starken und positiven Erinnerung an frühere Verkörperungen heraus als aus einem wirklichen seelischen Impuls, denn immer dann, wenn er sich aufmachte, um an einer Schlacht oder einem Scharmützel teilzunehmen, rief ihn seine Seele zurück oder brachte ihn in eine Situation, in der er innehalten und umkehren musste.
Franziskus suchte also bei seinen ersten Ausfahrten Anschluss an die Charakteristika seiner Seelenrolle. Um sich überhaupt fühlen zu können, musste er seiner kriegerischen Essenz wenigstens einigermaßen entsprechen. Lebensform und inneres Bild waren genötigt, sich zu berühren, damit Franziskus zu sich selbst finden konnte.
Wie alle 'Krieger', neigte auch Franziskus zu direkten Konfrontationen und offenen radikalen Lösungen. Er scheute nicht den Streit, sofern er ihn für notwendig erachtete. Doch je älter er wurde und je mehr er sich seiner Bestimmung fügte, umso seltener führte er seine Kämpfe mit den Mitteln der Radikalität aus. Seine Energie richtete sich mehr und mehr auf den Kampf gegen alles, was er an sich selbst für schädlich hielt, für unzuträglich, wenn es um das Erreichen seines Zieles ging. Er bekämpfte in sich jegliche Versuchung, jegliche Entmutigung, jegliche Schwäche.
Mich interessiert noch dieses Ziel. Ich nehme an, es war eine Art historischer Aufgabe? Es ist mir aber unklar. Es wurde auch gesagt, es ginge um das Ziel - ich sage es mal in meinen Worten - zu beweisen, dass ein Mensch genauso wie Jesus leben könnte. Jetzt hat Jesus aber, soweit wir wissen, völlig anders gelebt: Er war überhaupt nicht besonders entsagungsvoll. Jene Ideale, die Franziskus vertritt, sind doch gar nicht im Leben von Jesus sichtbar. Wie kommt das?
Wenn gesagt wurde 'wie Jesus', so ist im eigentlichen Sinne gemeint: so wie Franziskus gemeint hatte, dass Jesus den Menschen durch den Wortlaut im Neuen Testament befiehlt zu leben.
Franziskus hatte nichts anderes und wollte auch nichts anderes haben als diese Bibelstellen, diese für ihn lebendigen Worte aus dem Neuen Testament. Sie waren seine Richtschnur, seine Wahrheit, seine Inspiration. Es ging ihm nicht darum, zu fragen oder gar zu hinterfragen, ob Jesus selbst diese Auflagen erfüllt hatte. Deine Frage, Frank, kann erst aus deinem geistigen Hintergrund und im Anschluss an die historische Bibelforschung und die Errungenschaften der Bibelkritik gestellt werden. Niemand hätte so fragen können in der Zeit, als Franziskus lebte.
Ja, das leuchtet ein. Dann war die Rede von überpersönlichen Zielen, die mit seinen persönlichen zusammenfallen. Wenn er also dieses Ideal der Jesusnachfolge hatte, was ist dann das überpersönliche Ziel, das er erfüllt hat? Wie hat er individuelle und überpersönliche Ziele vereinbart?
Für den jungen Francesco kam es darauf an, einen Weg zu finden, wie er auf seine Mitmenschen durch das Sein wirken konnte, ohne sich im Tun zu verlieren. Sein Seelenalter mit der entsprechenden Entfaltungsaufgabe gebot ihm, auf die eine oder andere Weise seine Umwelt zu beeindrucken, ihr ein Vorbild zu sein und sie durch seine Wirkung zu einer Nachahmung aufzurufen. In seiner Jugend erreichte Francesco dieses, indem er sich zum fröhlichen Anführer einer größeren Gemeinschaft von Gleichaltrigen machte. Sein Unternehmungsgeist und seine Großzügigkeit boten reichlich Anlass, seine Gesellschaft zu suchen.
Und obgleich die Vergnügungen, oberflächlich betrachtet, keinerlei spirituellen Wert besaßen, sondern - wie es auch traditionellerweise geschieht - dem Weltlichen, Materiellen und Unchristlichen zugeordnet werden, so unterlagen doch schon damals viele der jungen Genossen, die sich dem Übermut des Francesco anschlossen, einem anderen Charme als nur dem des lustigen und waghalsigen Zechkumpanen. Sie fühlten sich von einer Komponente seiner Persönlichkeit angezogen, die erst später unter anderen Vorzeichen zur Blüte gelangen sollte.
Die Notwendigkeit, einen Wirkungsbereich zu finden, in dem seine Entfaltungsaufgabe zur Geltung gelangen konnte, war also Francescos individuelles seelisches Ziel. Es gelang ihm nach einigen teils sinnvollen, teils vergeblichen Versuchen, diese persönliche Zielsetzung mit einem dringenden Bedürfnis seines zeitgenössischen menschlichen Umfeldes zu verbinden, nämlich die weit verbreitete Sehnsucht nach einem Leben, das der Mitmenschlichkeit, der Caritas, der Gemeinschaftlichkeit und der Askese geweiht war. Überall in Europa entstanden zu dieser Zeit Keimzellen spirituellen Lebens, die von dieser Idee getragen wurden.
Die Unzufriedenheit mit einer Kirche, die sich in ihrer materiellen Gestaltung ebenso wie in ihrer Grundhaltung weit von den Forderungen der Evangelien entfernt hatte, war so verbreitet wie die Unkenntnis dieser Evangelien selbst. Da es nicht allen gegeben oder erlaubt war, die Heilige Schrift zu lesen und in ihr nachzuforschen, was Jesus denn eigentlich gewollt und vom Menschen gefordert hatte, geriet es denjenigen, die sich informieren konnten, jedes Mal zum Schock, wenn die dort vorgefundene Wahrheit sie mit der mangelhaften Verwirklichung der Botschaft durch die Kirche konfrontierte.
Biografische Information: Francesco Giovanni, 1181-1226, Sohn eines reichen Tuchhändlers, wuchs in Assisi (Umbrien) in frohem Jugendtreiben mit Ritteridealen auf, geriet bei einem Kriegszug gegen die Nachbarstadt Perugia in einjährige Gefangenschaft, kehrte 1205 von neuer Kriegsfahrt nach Süditalien auf halbem Weg zurück und vollzog bald eine innere Wandlung zu Armut, Askese und Hilfe für die Armen und elend Erkrankten (Lepra). Er restaurierte baufällige Kirchlein in der Umgebung von Assisi (San Damiano, Portiuncula), stahl dem Vater Tuch, um dies zu finanzieren, und sagte sich nach folgendem Familienstreit öffentlich und unter Verzicht auf sein Erbe auf dem Marktplatz von Assisi mit Unterstützung des Bischofs vom Vater los. Im baufälligen Kirchlein San Damiano hatte er eine Vision, in der Jesus ihm befahl: 'Baue meine Kirche wieder auf!' Er verstand dies zuerst wörtlich bezogen auf das alte Gebäude, später dann übertragen auf den Zustand der katholischen Kirche. Er folgte Jesu Aussendungsworten an die Jünger wörtlich und mit großer Strenge, wanderte in armseligstem Aufzug Umkehr predigend durch Umbrien und Umgebung und gewann mehr und mehr ihn begleitende Anhänger aus allen sozialen Schichten. (Aussendungsworte bei Matthäus 10,7-10: 'Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe. Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben. Steckt nicht Gold, Silber und Kupfermünzen in euren Gürtel. Nehmt keine Vorratstasche mit auf den Weg, kein zweites Hemd, keine Schuhe, keinen Wanderstab; denn wer arbeitet, hat ein Recht auf Unterhalt.')
1209 gab Papst Innozenz III. ihm auf seine Bitten überraschenderweise und entgegen der bis dahin üblichen Kirchenpolitik eine von Franz selbst aus Bibelworten zusammengefügte erste unklösterliche Ordensregel für die 'Minderbrüder' (fratres minores). Der neue Orden hatte bald ungeheuren Zulauf und breitete sich ab 1217 auch außerhalb Italiens mit großer Geschwindigkeit aus. 1219 kam Franz ins Kreuzfahrerlager in Damiette, überschritt die Kampflinie zu den Moslems und versuchte erfolglos, den ägyptischen Sultan für das Christentum zu gewinnen. 1220 zog er sich krank und fast erblindet von der Leitung des Ordens zurück. 1221 entstand eine zweite, viel umfangreichere und weniger rigorose Regel, die vom Papst später gebilligt wurde. Franz zog sich in die Einsiedelei La Verna nördlich von Assisi zurück und empfing dort die Wundmale Jesu. Der Todkranke wurde unter weiträumiger Umgehung der eifersüchtigen Stadtväter von Perugia nach Assisi gebracht, um dort zu sterben.
Wir sind gern und freudig bereit, euch Auskunft zu geben über eine wichtige historische Persönlichkeit, um anhand dieses Beispiels die Möglichkeit zu schaffen, die Bedeutung der seelischen Archetypen und der mit ihnen verbundenen Strukturen besser begreiflich zu machen.
Das Seelenmuster des Menschen, der Franziskus genannt wird, war folgendermaßen zusammengesetzt:
Seelenrolle Krieger (Energie 3), Hauptmerkmal der Angst Selbstsabotage (Energie 2), Nebenmerkmal Märtyrertum (Energie 3), Entwicklungsziel Ablehnen (Energie 2), Modus Leidenschaftlichkeit (Energie 6), Mentalität Spiritualist (Energie 6), Reaktionsmuster motorisch-emotional (Energien 7 und 1), Seelenalter Alt 6 (Energien 5 und 6).
Er beschritt den Weg 1: Weg der Berührung.
Die Seelenchiffre für dieses Leben lautet:
3 2/3 2 6 6 7/1 5/6 W 1.
Zusammensetzung der Seelenfamilie: Priester (6), Weiser (5), Krieger (3).
Zum Verständnis des Seelenmusters von Franziskus:
Ein 'Krieger' (Energie 3) ist vital, durchsetzungsfähig, überzeugend. Er sucht Herausforderungen für seine aktive, handlungsorientierte Struktur, braucht fest definierte Ziele und strebt sie mit großer Ausdauer an. Er liebt Siege, gibt nicht gern auf und kann Niederlagen schwer verkraften. Er kämpft für die Mitmenschen und schützt die Schwachen. Er ist ein guter Kamerad und schätzt Treue über alles.
'Selbstsabotage' (Energie 2) ist das Hauptmerkmal für eine tief verankerte Angst vor Lebendigkeit und Lebensfreude. Ein Mensch mit dieser Angststruktur kann das Leben nur selten aus vollen Zügen genießen. Stets fürchtet er, vom Schicksal bestraft zu werden, wenn er unbekümmert fröhlich ist. Er wirkt dadurch oft übermäßig ernst und hat eine trauervolle Ausstrahlung, die ihm 'sicherer' und ethisch höherwertig vorkommt als das, was er bei leichtlebigeren Menschen als Albernheit und Frivolität empfindet. Eine andere Variante des Hauptmerkmals 'Selbstsabotage' ist Vergnügungssucht. - 'Märtyrertum' (Energie 3) setzt ein tief empfundenes Gefühl von Wertlosigkeit voraus. Um dieses mit Schuldgefühlen beladene Unwert-Empfinden zu bekämpfen, gibt sich der Märtyrer besonders selbstlos, opferbereit und edel. Er trägt das Leid der Welt auf seinen Schultern und erhofft sich so einen Platz unter den Engeln.
Das Entwicklungsziel 'Ablehnen' (Energie 2) prägt Menschen von großer Klarheit, Direktheit und innerer Konsequenz. Diese Menschen haben Abstand und brauchen Distanz, um zu klarer Urteilskraft zu gelangen. Sie können besser Nein sagen als die meisten anderen, wenn sie es auch nicht immer tun. Ihr Ja ist dann umso strahlender. Da sie ehrlich und geradeheraus wirken, machen sie sich nicht immer nur Freunde und gelten als kritisch. Sie befürchten, abgelehnt zu werden, und verleugnen deshalb nicht selten ihre aufrichtige Meinung.
Der Modus 'Leidenschaftlichkeit' (Energie 6) kennzeichnet Menschen mit starker, mitreißender Ausstrahlung. Dieser Modus entzündet die Flammen der Leidenschaftlichkeit auch in den Mitmenschen. Der Leidenschaftliche leidet unter starken Stimmungsschwankungen. Er begeistert sich und andere, erkaltet jedoch oft ebenso schnell. Trotz brillanter Rednerkraft stößt er oft durch Fanatismus ab und macht so sein Anliegen zunichte.
Die Mentalität des 'Spiritualisten' (Energie 6) bewirkt, dass ein Mensch sich verbunden, geleitet, geführt fühlt und er einen Sinnzusammenhang zwischen allen Erscheinungen des Weltlichen und des Göttlichen erkennt. Er ist oft leichtgläubig, man kann ihm alles Mögliche glauben machen, wenn man behauptet, es komme 'von oben'. Aber ein 'Spiritualist' hat auch bisweilen Visionen und Eingebungen, die sein Leben unwiderruflich prägen. Er verlässt sich ganz auf seine innere Stimme.
Das 'motorisch-emotionale' Reaktionsmuster (Energien 7 und 1) verbindet das Sonnengeflecht mit dem Herz-Chakra. Es führt zu heftigen Bewegtheiten und vermag auch andere Menschen stark anzurühren und aufzuwühlen.
Das Seelenalter Alt 6 (Energien 5 und 6) verbindet die Kraft des 'Weisen' mit der Durchlässigkeit des 'Priesters'. Es handelt sich um die vorletzte Entfaltungsstufe im Verlauf eines acht- bis zehntausend Jahre währenden Inkarnationszyklus.
Der 'Weg der Berührung' (Energie 1) bringt zärtliche, anschmiegsame Menschen hervor, die mit einem Lächeln, einer zarten Berührung eine heilsame Wirkung erzielen können.
Wir stellen fest, dass zur Seelenrolle des Kriegers noch mancherlei Missverständnisse vorliegen, und möchten diese Gelegenheit zum Anlass nehmen, über einen Alten 'Krieger', eine Alte 'Krieger'-Seele etwas zu sagen.
'Krieger' sind grundsätzlich Seelen, denen in jedem einzelnen Leben ein Ziel oder mehrere Ziele am Herzen liegen. Selten geschieht es, dass eine 'Krieger'-Seele nicht schon vor dem Erreichen des dreißigsten Lebensjahres bewusste Ziele entwickelt und genauso beharrlich unbewussten Zielen folgt.
Diese innere Zielsetzung erzeugt eine seelische Dynamik, die unwillkürlich nach Hindernissen sucht, um sie aus dem Weg zu räumen. Je älter nun die Seele eines 'Kriegers' wird und je öfter sie in inkarniertem Zustand auf der Erde geweilt hat, umso erfahrener ist sie in der Bereitschaft, sich Ziele zu setzen, ihnen zu folgen und sich auch den Zielsetzungen, die ihr vom Leben angeboten werden, hinzugeben.
Die 'Krieger'-Rolle vereinigt in sich die Befähigung, gleichermaßen aktiv wie passiv ein Anliegen zu verfolgen. Sie handelt, strebt und kämpft und gibt sich gleichzeitig vollkommen der Notwendigkeit hin, alles zu tun, was diesem Ziel dienlich sein kann. Je bewusster sich die inkarnierte Seele mit ihren sonst meist subkognitiven seelischen Zielen identifizieren kann, umso größer werden ihre Wirkung und ihre Durchschlagskraft. Die Kräfte wirken gebündelt wie Laserstrahlen und können deshalb größere, wichtigere und höhere Ziele in Angriff nehmen. Und so kann auch eine sehr Alte 'Krieger'-Seele wie diejenige, von der jetzt die Rede sein soll, trotz einer von vielen Leben bereits fadenscheinig gewordenen Körperlichkeit noch eine Potenz entwickeln, die dem Erreichen großer Wirkungen angemessen ist, und ihre ganze kämpferische Erfahrung auf eine Veränderung richten, die, weil sie mit individuellen seelischen Bedürfnissen vollkommen konform geht, von eindrucksvoller Beispielhaftigkeit ist und dementsprechend auf die Umwelt wirkt. Es geht also um die Bündelung von Veränderungen im Weltlichen und von individuellen seelischen Bedürfnissen.
Nur eine 'Krieger'-Seele ist in diesem hohen Seelenalter noch in der Lage, sich all den Härten und Widrigkeiten körperlicher Art auszusetzen, wie Franziskus es unentwegt getan hat, und daran noch eine lustvolle Befriedigung zu finden. Und nur eine 'Krieger'-Seele, die über viele Jahrtausende hinweg gelernt hat, zu verzichten, sich zu beugen, zu hungern, zu dürsten und auf der nackten Erde zu schlafen, um einen Sieg zu erringen - der in den allerseltensten Fällen ein persönlicher ist, einen Sieg also, der fast immer übergeordneten Interessen dient, die nur ausnahmsweise auch die privaten Interessen des Kämpfenden berühren -, ist in der Lage, sich für eine ihr wertvoll erscheinende Angelegenheit so hingebungsvoll zu verausgaben, wie Franziskus es getan hat und wie diejenigen, die ihm nacheifern, es immer noch anstreben.
Franziskus war klein, zäh, willensstark, unerschütterlich und bot aufgrund seiner Erfahrung als Kämpfer der Welt gerade so viel Angriffsfläche wie nötig, aber so wenig wie möglich. Er wählte seine Waffen - wie es sich für eine uralte Seele geziemt - so, dass sie weder zu verletzen, noch zu töten vermochten, denn es ging ihm nicht um einen Sieg auf der Ebene der Materie. Seine ungeheure Überzeugungskraft schöpfte er ebenfalls aus den Qualitäten seiner 'Krieger'-Rolle.
Welches innere Ziel strebte Franz von Assisi als 'Krieger' an? Welchen Sieg wollte er erringen?
Franziskus wollte einer Vision zum Sieg verhelfen, der Vision von einem gottgefälligen und Christi Leiden ebenbürtigen Leben. Seine als göttliche Aufträge interpretierten Visionen verliehen ihm die Kraft, aus sich selbst eine vorbildhafte Gestalt zu bilden, die aller Welt zeigen sollte: Ein solches Leben, wie ich es mir zum Ideal erkoren hatte, ist möglich. Es ist nicht nur dem menschengestaltigen Heiland gegeben, so zu sein, sondern auch all jenen, die diesen Heiland mehr lieben als sich selbst.
Als 'Krieger' wusste Franziskus, dass nur ein authentisches Beispiel wirklich überzeugend wirkt. Doch auch seine Lebensspanne vor der schrittweisen inneren Bekehrung ist durchaus aus der Perspektive der kriegerischen Seelenrolle zu begreifen.
Der glühende Wunsch, ein Ritter zu werden und ein kriegerisches Leben zu führen, sich zu schlagen, zu kämpfen, zu siegen und sich in einer ebenso wilden wie ehrenvollen Männergesellschaft aufzuhalten, die Lust am Kampfgetümmel, die Sehnsucht nach den körperlichen Herausforderungen, die seit Menschengedenken jedem 'Krieger' bereitet sind, bewogen ihn dazu, so bald als möglich auszufahren und die Gelegenheit zur körperlichen Auseinandersetzung mit dem Feind zu suchen. Dies geschah jedoch mehr aus einer starken und positiven Erinnerung an frühere Verkörperungen heraus als aus einem wirklichen seelischen Impuls, denn immer dann, wenn er sich aufmachte, um an einer Schlacht oder einem Scharmützel teilzunehmen, rief ihn seine Seele zurück oder brachte ihn in eine Situation, in der er innehalten und umkehren musste.
Franziskus suchte also bei seinen ersten Ausfahrten Anschluss an die Charakteristika seiner Seelenrolle. Um sich überhaupt fühlen zu können, musste er seiner kriegerischen Essenz wenigstens einigermaßen entsprechen. Lebensform und inneres Bild waren genötigt, sich zu berühren, damit Franziskus zu sich selbst finden konnte.
Wie alle 'Krieger', neigte auch Franziskus zu direkten Konfrontationen und offenen radikalen Lösungen. Er scheute nicht den Streit, sofern er ihn für notwendig erachtete. Doch je älter er wurde und je mehr er sich seiner Bestimmung fügte, umso seltener führte er seine Kämpfe mit den Mitteln der Radikalität aus. Seine Energie richtete sich mehr und mehr auf den Kampf gegen alles, was er an sich selbst für schädlich hielt, für unzuträglich, wenn es um das Erreichen seines Zieles ging. Er bekämpfte in sich jegliche Versuchung, jegliche Entmutigung, jegliche Schwäche.
Mich interessiert noch dieses Ziel. Ich nehme an, es war eine Art historischer Aufgabe? Es ist mir aber unklar. Es wurde auch gesagt, es ginge um das Ziel - ich sage es mal in meinen Worten - zu beweisen, dass ein Mensch genauso wie Jesus leben könnte. Jetzt hat Jesus aber, soweit wir wissen, völlig anders gelebt: Er war überhaupt nicht besonders entsagungsvoll. Jene Ideale, die Franziskus vertritt, sind doch gar nicht im Leben von Jesus sichtbar. Wie kommt das?
Wenn gesagt wurde 'wie Jesus', so ist im eigentlichen Sinne gemeint: so wie Franziskus gemeint hatte, dass Jesus den Menschen durch den Wortlaut im Neuen Testament befiehlt zu leben.
Franziskus hatte nichts anderes und wollte auch nichts anderes haben als diese Bibelstellen, diese für ihn lebendigen Worte aus dem Neuen Testament. Sie waren seine Richtschnur, seine Wahrheit, seine Inspiration. Es ging ihm nicht darum, zu fragen oder gar zu hinterfragen, ob Jesus selbst diese Auflagen erfüllt hatte. Deine Frage, Frank, kann erst aus deinem geistigen Hintergrund und im Anschluss an die historische Bibelforschung und die Errungenschaften der Bibelkritik gestellt werden. Niemand hätte so fragen können in der Zeit, als Franziskus lebte.
Ja, das leuchtet ein. Dann war die Rede von überpersönlichen Zielen, die mit seinen persönlichen zusammenfallen. Wenn er also dieses Ideal der Jesusnachfolge hatte, was ist dann das überpersönliche Ziel, das er erfüllt hat? Wie hat er individuelle und überpersönliche Ziele vereinbart?
Für den jungen Francesco kam es darauf an, einen Weg zu finden, wie er auf seine Mitmenschen durch das Sein wirken konnte, ohne sich im Tun zu verlieren. Sein Seelenalter mit der entsprechenden Entfaltungsaufgabe gebot ihm, auf die eine oder andere Weise seine Umwelt zu beeindrucken, ihr ein Vorbild zu sein und sie durch seine Wirkung zu einer Nachahmung aufzurufen. In seiner Jugend erreichte Francesco dieses, indem er sich zum fröhlichen Anführer einer größeren Gemeinschaft von Gleichaltrigen machte. Sein Unternehmungsgeist und seine Großzügigkeit boten reichlich Anlass, seine Gesellschaft zu suchen.
Und obgleich die Vergnügungen, oberflächlich betrachtet, keinerlei spirituellen Wert besaßen, sondern - wie es auch traditionellerweise geschieht - dem Weltlichen, Materiellen und Unchristlichen zugeordnet werden, so unterlagen doch schon damals viele der jungen Genossen, die sich dem Übermut des Francesco anschlossen, einem anderen Charme als nur dem des lustigen und waghalsigen Zechkumpanen. Sie fühlten sich von einer Komponente seiner Persönlichkeit angezogen, die erst später unter anderen Vorzeichen zur Blüte gelangen sollte.
Die Notwendigkeit, einen Wirkungsbereich zu finden, in dem seine Entfaltungsaufgabe zur Geltung gelangen konnte, war also Francescos individuelles seelisches Ziel. Es gelang ihm nach einigen teils sinnvollen, teils vergeblichen Versuchen, diese persönliche Zielsetzung mit einem dringenden Bedürfnis seines zeitgenössischen menschlichen Umfeldes zu verbinden, nämlich die weit verbreitete Sehnsucht nach einem Leben, das der Mitmenschlichkeit, der Caritas, der Gemeinschaftlichkeit und der Askese geweiht war. Überall in Europa entstanden zu dieser Zeit Keimzellen spirituellen Lebens, die von dieser Idee getragen wurden.
Die Unzufriedenheit mit einer Kirche, die sich in ihrer materiellen Gestaltung ebenso wie in ihrer Grundhaltung weit von den Forderungen der Evangelien entfernt hatte, war so verbreitet wie die Unkenntnis dieser Evangelien selbst. Da es nicht allen gegeben oder erlaubt war, die Heilige Schrift zu lesen und in ihr nachzuforschen, was Jesus denn eigentlich gewollt und vom Menschen gefordert hatte, geriet es denjenigen, die sich informieren konnten, jedes Mal zum Schock, wenn die dort vorgefundene Wahrheit sie mit der mangelhaften Verwirklichung der Botschaft durch die Kirche konfrontierte.