So weit wie die See
Roman
Wendy K. Harris(Author)
Blanvalet (Publisher)
Published on 7. September 2009
Book
Paperback/Softback
448 pages
978-3-442-37237-9 (ISBN)
Description
Die Gezeiten der Liebe .
An einem bitterkalten Wintertag erreicht Clare verzweifelt, mit einem Baby an sich gepresst, die Isle of Wight. Fran klammert sich an ihre Farm, wohl wissend, dass ihr die Kraft, Tiere aufzuziehen, bald fehlen wird. Pater Ryan fragt sich, warum er nicht die Liebe Gottes spürt, dem er sein ganzes Leben gewidmet hat. Jeder von ihnen muss erkennen, dass die Liebe heilen und verletzen - und weitreichende Konsequenzen haben kann .
Ein berührender und kluger Roman von einer wunderbaren englischen Erzählerin!
Herz, Dramatik und Romantik vor der atemberaubenden Kulisse der Isle of Wight!
An einem bitterkalten Wintertag erreicht Clare verzweifelt, mit einem Baby an sich gepresst, die Isle of Wight. Fran klammert sich an ihre Farm, wohl wissend, dass ihr die Kraft, Tiere aufzuziehen, bald fehlen wird. Pater Ryan fragt sich, warum er nicht die Liebe Gottes spürt, dem er sein ganzes Leben gewidmet hat. Jeder von ihnen muss erkennen, dass die Liebe heilen und verletzen - und weitreichende Konsequenzen haben kann .
Ein berührender und kluger Roman von einer wunderbaren englischen Erzählerin!
Herz, Dramatik und Romantik vor der atemberaubenden Kulisse der Isle of Wight!
More details
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 18.3 cm
Width: 11.5 cm
ISBN-13
978-3-442-37237-9 (9783442372379)
Schweitzer Classification
Persons
Wendy K. Harris stammt ursprünglich aus Surrey. Nach einer Karriere bei einer Londoner Bank lebte sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Herefordshire, wo sie als ausgebildete Homöopathin praktizierte. Inzwischen aber ist die Isle of Wight zu ihrer
Content
WKH Isle of Wight, 2007
Wo war bloß der Leuchtturm? Er musste doch jeden Moment zu sehen sein und sie mit seinem Licht blenden, sagte sich Clare, als sie um die letzte Biegung der steilen Straße zum Strand hinunterging. Aber hier war kein Leuchtturm. Sie konnte es kaum fassen. Die Vorstellung des massiven weißen Gebäudes mit seinem kreisenden Lichtstrahl war für sie wie ein imaginäres Wegzeichen gewesen, das sie magisch anziehen und ihr den Weg weisen würde. Und sie hatte gehofft, an seinem Fuße Rose vorzufinden, die dort auf sie wartete und ihr schon von weitem zuwinkte, das Lächeln auf ihrem Gesicht vom Leuchtfeuer erhellt.
Clare ging ein Stück die Uferpromenade entlang und hielt dann inne, um einen lustlosen Blick auf das wogende graue Meer zu werfen, das am Horizont mit einem ebenso stahlgrauen Himmel verschmolz. Sie hörte das schurrende Geräusch der Kiesel, die von den brandenden Wellen auf den hellen Sand gespült wurden. Schwarzweiße Austernfischer huschten auf ihren rosa Beinen umher und stießen mit ihren kräftigen, orangefarbenen Schnäbeln zwischen die Steine in dem ablaufenden Wasser. Am Ende des verlassenen Strandes stand zu ihrer Linken ein leerer Musikpavillon, der Clare an eine Pagode erinnerte; zu ihrer Rechten befand sich ein Pub namens The Spyglass. Davor stand die überlebensgroße Figur eines Piraten in einem blauen Mantel und mit einem roten Tuch mit weißen Punkten um den Kopf. Auf seiner Schulter hockte ein grüner Papagei. Das hölzerne Gesicht des Seeräubers wirkte zerfurcht und wettergegerbt, aber auch irgendwie wehmütig, als sehne er sich zurück auf sein Schiff, um damit die Meere unsicher zu machen. Hinter den beiden Gebäuden ragte die zerklüftete Steilküste auf; doch nirgendwo gab es einen Leuchtturm. Dabei war Clare sich ganz sicher gewesen, dass Rose ihr gesagt hatte, sie solle nach Ventnor gehen.
Ihre Knie drohten unter der schweren Last dieser Enttäuschung und dem Gewicht ihres Rucksacks einzuknicken. Es kam ihr vor, als hätte sich das Baby, das sie unter dem hochgezogenen Reißverschluss ihres Daunenparkas an sich gedrückt trug, in einen Sack Kartoffeln verwandelt.
Ein einsamer Windstoß, der nur auf sie gewartet zu haben schien, wirbelte über die Promenade und kroch ihr unter die Kleidung. Clare wandte sich der Reihe Häuser mit den heruntergelassenen Läden zu. Es war ein sonderbares Gefühl, nun so von allem ausgeschlossen zu sein, nachdem sie all die Monate eingesperrt in der alten Abtei verbracht hatte. Sie stellte sich den Bund eiserner Schlüssel vor, der zusammen mit einem Rosenkranz und einem Kruzifix an einem schmutzigen Tau hing, das die Äbtissin um ihren fetten Bauch gebunden trug, und ein Schaudern durchfuhr sie. Rasch sog sie die frische, klare Seeluft ein. Ja, es war schon besser, hier draußen zu sein, obwohl ihre Beine in der dünnen Jogginghose, die Pater Ryan ihr im letzten Sommer geschenkt hatte, vor Kälte zitterten.
Der Trainingsanzug gehörte zu den ausrangierten Klamotten des Hurlingteams der Knaben, und bisweilen konnte Clare noch den Schweiß riechen, der sich darin eingenistet hatte. Diese Trainingsanzüge waren grau mit schwarzen Streifen an den Beinen und Ärmeln und an den Schultern gepolstert. Clare konnte an den Stellen, an denen die Embleme herausgetrennt worden waren, noch die Einstiche sehen, und auf dem Fleecefutter hatten sich kleine, harte Knöllchen gebildet, die sie auf der Haut kratzten. Ich habe dir ein paar neue Sachen besorgt, mit denen du von uns fortgehen kannst, hatte Pater Ryan zu ihr gesagt, als er sie in die Sakristei führte. Clare hatte sich auf Jeans und bunte Baumwollshirts gefreut, aber dann hatte er ihr den Kleiderhaufen in die Hand gedrückt. Die dürften dir passen. wenn es bei dir so weit ist, hatte er gemurmelt, und Clare drang der muffige Geruch aus der Altkleidersammlung der Klosterschule in die Nase. Vor lauter Enttäuschung war ihr die Kehle wie zugeschnürt gewesen, so dass sie nicht einmal ein Danke hervorbrachte, aber auch Pater Ryan war es sichtlich peinlich gewesen; Schweißtröpfchen traten ihm auf die gerötete Stirn, obwohl sein Teint normalerweise so fahl war wie der Unseres Herrn Jesus Christus unter der Dornenkrone. Clare hatte sich so gedemütigt gefühlt, dass sie einen Schritt zurückgewichen war.
Das war im letzten Sommer gewesen. Und nun neigte sich der Januar seinem Ende zu. Sie war sich dessen gar nicht recht bewusst geworden, bis sie das Datum auf ihrem Zugfahrschein gesehen hatte. Sie wünschte sich, es wäre schon wieder Sommer. Sie stand auf der zugigen Promenade und schlotterte am ganzen Leibe, aber sie konnte nicht einmal die Hände in die Jackentaschen stecken, weil sie damit das Baby hielt. Wie kam es, dass etwas so Kleines sich dermaßen schwer anfühlte? Aber zumindest spürte sie die Wärme des Kindes. Mit der einen Hand griff sie sich über die Schulter und befühlte ihr dichtes Haar. Orangerot. Deswegen hatten die anderen Kinder in der Schule sie immer Karottenkopf genannt - sehr zum Unmut ihrer Mutter, die darauf bestand, Clare hätte richtig rotes Haar. Arme Mam. Clare hatte sich stets bemüht, ihr keinen Kummer zu bereiten. Aber der Spitzname Karottenkopf gefiel ihr. Er hatte etwas Knackiges, Lebendiges, erinnerte sie an würzigen Möhrenkuchen, quirlige Kobolde, frischen Möhrensaft. Sie steckte sich ihren langen Zopf in den Kragen und wickelte ihn um ihren Hals wie einen Schal.
Sie verlagerte ein wenig das Gewicht des Babys und tastete in ihrer Tasche nach dem wertvollen Zettel mit der Wegbeschreibung. Sie kannte sie auswendig, aber die verblassten Worte verliehen ihr Trost. Sie riefen ein klares, deutliches Bild von Rose hervor, wie sie sie hinkritzelte und sich dabei ihr unordentliches, mit rosa Strähnen und verkletteten Zöpfen durchsetztes Haar, in das sie sich zusätzlich noch bunte Perlenkettchen geflochten hatte, nach hinten strich. Der Trost, den Clare dabei empfand, löste ein leises Pochen tief in ihren Herzen aus, als wäre ein winziger Teil der Clare, die sie einmal gewesen war, irgendwo noch am Leben, irgendwo jenseits des sich windenden und schlängelnden Knotens aus Würmern, der nun in ihr steckte. Pater Ryan hatte ihr gesagt, es wäre ein Schlangennest, das sie wegen ihrer Sünden in sich trüge und das ihr keinen Frieden lassen würde, bis sie dafür gebüßt hätte.
Wo war bloß der Leuchtturm? Er musste doch jeden Moment zu sehen sein und sie mit seinem Licht blenden, sagte sich Clare, als sie um die letzte Biegung der steilen Straße zum Strand hinunterging. Aber hier war kein Leuchtturm. Sie konnte es kaum fassen. Die Vorstellung des massiven weißen Gebäudes mit seinem kreisenden Lichtstrahl war für sie wie ein imaginäres Wegzeichen gewesen, das sie magisch anziehen und ihr den Weg weisen würde. Und sie hatte gehofft, an seinem Fuße Rose vorzufinden, die dort auf sie wartete und ihr schon von weitem zuwinkte, das Lächeln auf ihrem Gesicht vom Leuchtfeuer erhellt.
Clare ging ein Stück die Uferpromenade entlang und hielt dann inne, um einen lustlosen Blick auf das wogende graue Meer zu werfen, das am Horizont mit einem ebenso stahlgrauen Himmel verschmolz. Sie hörte das schurrende Geräusch der Kiesel, die von den brandenden Wellen auf den hellen Sand gespült wurden. Schwarzweiße Austernfischer huschten auf ihren rosa Beinen umher und stießen mit ihren kräftigen, orangefarbenen Schnäbeln zwischen die Steine in dem ablaufenden Wasser. Am Ende des verlassenen Strandes stand zu ihrer Linken ein leerer Musikpavillon, der Clare an eine Pagode erinnerte; zu ihrer Rechten befand sich ein Pub namens The Spyglass. Davor stand die überlebensgroße Figur eines Piraten in einem blauen Mantel und mit einem roten Tuch mit weißen Punkten um den Kopf. Auf seiner Schulter hockte ein grüner Papagei. Das hölzerne Gesicht des Seeräubers wirkte zerfurcht und wettergegerbt, aber auch irgendwie wehmütig, als sehne er sich zurück auf sein Schiff, um damit die Meere unsicher zu machen. Hinter den beiden Gebäuden ragte die zerklüftete Steilküste auf; doch nirgendwo gab es einen Leuchtturm. Dabei war Clare sich ganz sicher gewesen, dass Rose ihr gesagt hatte, sie solle nach Ventnor gehen.
Ihre Knie drohten unter der schweren Last dieser Enttäuschung und dem Gewicht ihres Rucksacks einzuknicken. Es kam ihr vor, als hätte sich das Baby, das sie unter dem hochgezogenen Reißverschluss ihres Daunenparkas an sich gedrückt trug, in einen Sack Kartoffeln verwandelt.
Ein einsamer Windstoß, der nur auf sie gewartet zu haben schien, wirbelte über die Promenade und kroch ihr unter die Kleidung. Clare wandte sich der Reihe Häuser mit den heruntergelassenen Läden zu. Es war ein sonderbares Gefühl, nun so von allem ausgeschlossen zu sein, nachdem sie all die Monate eingesperrt in der alten Abtei verbracht hatte. Sie stellte sich den Bund eiserner Schlüssel vor, der zusammen mit einem Rosenkranz und einem Kruzifix an einem schmutzigen Tau hing, das die Äbtissin um ihren fetten Bauch gebunden trug, und ein Schaudern durchfuhr sie. Rasch sog sie die frische, klare Seeluft ein. Ja, es war schon besser, hier draußen zu sein, obwohl ihre Beine in der dünnen Jogginghose, die Pater Ryan ihr im letzten Sommer geschenkt hatte, vor Kälte zitterten.
Der Trainingsanzug gehörte zu den ausrangierten Klamotten des Hurlingteams der Knaben, und bisweilen konnte Clare noch den Schweiß riechen, der sich darin eingenistet hatte. Diese Trainingsanzüge waren grau mit schwarzen Streifen an den Beinen und Ärmeln und an den Schultern gepolstert. Clare konnte an den Stellen, an denen die Embleme herausgetrennt worden waren, noch die Einstiche sehen, und auf dem Fleecefutter hatten sich kleine, harte Knöllchen gebildet, die sie auf der Haut kratzten. Ich habe dir ein paar neue Sachen besorgt, mit denen du von uns fortgehen kannst, hatte Pater Ryan zu ihr gesagt, als er sie in die Sakristei führte. Clare hatte sich auf Jeans und bunte Baumwollshirts gefreut, aber dann hatte er ihr den Kleiderhaufen in die Hand gedrückt. Die dürften dir passen. wenn es bei dir so weit ist, hatte er gemurmelt, und Clare drang der muffige Geruch aus der Altkleidersammlung der Klosterschule in die Nase. Vor lauter Enttäuschung war ihr die Kehle wie zugeschnürt gewesen, so dass sie nicht einmal ein Danke hervorbrachte, aber auch Pater Ryan war es sichtlich peinlich gewesen; Schweißtröpfchen traten ihm auf die gerötete Stirn, obwohl sein Teint normalerweise so fahl war wie der Unseres Herrn Jesus Christus unter der Dornenkrone. Clare hatte sich so gedemütigt gefühlt, dass sie einen Schritt zurückgewichen war.
Das war im letzten Sommer gewesen. Und nun neigte sich der Januar seinem Ende zu. Sie war sich dessen gar nicht recht bewusst geworden, bis sie das Datum auf ihrem Zugfahrschein gesehen hatte. Sie wünschte sich, es wäre schon wieder Sommer. Sie stand auf der zugigen Promenade und schlotterte am ganzen Leibe, aber sie konnte nicht einmal die Hände in die Jackentaschen stecken, weil sie damit das Baby hielt. Wie kam es, dass etwas so Kleines sich dermaßen schwer anfühlte? Aber zumindest spürte sie die Wärme des Kindes. Mit der einen Hand griff sie sich über die Schulter und befühlte ihr dichtes Haar. Orangerot. Deswegen hatten die anderen Kinder in der Schule sie immer Karottenkopf genannt - sehr zum Unmut ihrer Mutter, die darauf bestand, Clare hätte richtig rotes Haar. Arme Mam. Clare hatte sich stets bemüht, ihr keinen Kummer zu bereiten. Aber der Spitzname Karottenkopf gefiel ihr. Er hatte etwas Knackiges, Lebendiges, erinnerte sie an würzigen Möhrenkuchen, quirlige Kobolde, frischen Möhrensaft. Sie steckte sich ihren langen Zopf in den Kragen und wickelte ihn um ihren Hals wie einen Schal.
Sie verlagerte ein wenig das Gewicht des Babys und tastete in ihrer Tasche nach dem wertvollen Zettel mit der Wegbeschreibung. Sie kannte sie auswendig, aber die verblassten Worte verliehen ihr Trost. Sie riefen ein klares, deutliches Bild von Rose hervor, wie sie sie hinkritzelte und sich dabei ihr unordentliches, mit rosa Strähnen und verkletteten Zöpfen durchsetztes Haar, in das sie sich zusätzlich noch bunte Perlenkettchen geflochten hatte, nach hinten strich. Der Trost, den Clare dabei empfand, löste ein leises Pochen tief in ihren Herzen aus, als wäre ein winziger Teil der Clare, die sie einmal gewesen war, irgendwo noch am Leben, irgendwo jenseits des sich windenden und schlängelnden Knotens aus Würmern, der nun in ihr steckte. Pater Ryan hatte ihr gesagt, es wäre ein Schlangennest, das sie wegen ihrer Sünden in sich trüge und das ihr keinen Frieden lassen würde, bis sie dafür gebüßt hätte.