Nur mit deiner Liebe
Roman
Wendy K. Harris(Author)
Blanvalet (Publisher)
Published on 9. June 2008
Book
Paperback/Softback
384 pages
978-3-442-36791-7 (ISBN)
Description
Immer wieder stellt sich Sophie nur eine Frage: Hätte sie verhindern können, dass ihr Mann sie verlässt? Verzweifelt bricht die attraktive Mittvierzigerin alle Brücken hinter sich ab und zieht auf die idyllische Isle of Wight. Wird sie hier ihr verwundetes Herz heilen können? In einer einfachen Hütte in der traumhaften Blue Slipper Bay richtet sie den Blick auf eine ungewisse, aber verheißungsvolle Zukunft, denn eines Tages begegnet sie dem eigenbrötlerischen Nick .
More details
Series
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 18.3 cm
Width: 11.5 cm
ISBN-13
978-3-442-36791-7 (9783442367917)
Schweitzer Classification
Persons
Wendy K. Harris stammt ursprünglich aus Surrey. Nach einer Karriere bei einer Londoner Bank lebte sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Herefordshire, wo sie als ausgebildete Homöopathin praktizierte. Inzwischen aber ist die Isle of Wight zu ihrer
Content
'DER FEBRUAR IST immer ein so beschissen feuchter Monat', bemerkte ich und und ließ die Jalousie runter, damit wir nicht auf die nasse, graue Straße hinausblicken
mussten.
'Ist er dir nur zu feucht, oder findest du ihn ganz allgemein beschissen?', fragte Jill.
'Beides.'
Wir saßen vor meinem neuen granitverkleideten Gasofen, in dem spärliche Flämmchen züngelten. Eigentlich war es mehr Peters Ofen. Er hatte ihn ausgesucht.
'Gefällt dir das Ding?' Jill schlürfte ihren Wein.
'Ich hasse es.'
'Aber warum hast du dann.?' Sie zog die Augenbrauen in die Höhe, sah mich an und schüttelte seufzend den Kopf. 'Also ehrlich, Sophie.'
Ich zuckte die Achseln. 'Ich hatte keine Lust, mich mit ihm zu streiten.' Ich wickelte ein Schokobonbon aus und warf es ihr zu. 'Und rede nicht so mit mir - also ehrlich, Sophie. Das erinnert mich an meine Schwester.'
Jill grinste. 'Nein, Audrey hätte Sophia, also wirklich gesagt.'
Ich musste kichern. Sie hatte sie perfekt nachgeahmt. Wir sahen wieder dem Feuer zu.
Jill seufzte noch einmal. 'Glaubst du, dass wir gerade unsere Midlife-Krise durchmachen?'
'Wundern würde es mich nicht.'
'Vielleicht ist es ja so? Dann könnten wir sie gemeinsam überstehen.'
'Meinetwegen. Wir haben bis jetzt alles zusammen gemacht. Abgesehen vom Kinderkriegen.'
'Diese Öfen taugen längst nicht so viel, wie immer behauptet wird.' Jill grinste schon wieder, als sie den Korken aus unserer zweiten Flasche Wein zog. 'Wo, sagtest du, ist Peter noch mal hin?'
'Vermutlich zu einer IT-Konferenz in den Staaten, und zwar mit seiner persönlichen Assistentin, die zufällig so aussieht wie die Elfenkönigin in Herr der Ringe.'
'Du schlüpfst gerne in die Opferrolle, Sophie', sagte Jill und füllte unsere Gläser nach.
'Komm mir nicht mit deinen Psychosprüchen. Du bist meine Freundin und nicht meine Therapeutin', erwiderte ich und brach einen Riegel von der Riesentafel Schokolade ab.
'Ja, und du bist meine Freundin. Freundinnen sollten offen und ehrlich zueinander sein.' Sie streifte ihre Schuhe ab, löste die Spange aus ihrem langen blonden Haar und fläzte sich mit gespreizten Beinen und baumelnden Brüsten auf das Sofa. Mich beschlich das Gefühl, dass uns ein langer Abend bevorstand, an dem ich meine innersten Gefühle hervorkramen sollte.
'Also', begann Jill. 'Wir haben das ganze Wochenende für uns allein. Wie soll es mit deinem Leben nun weitergehen?'
'Ich weiß es nicht', seufzte ich und war mir bewusst, wie erbärmlich sich das anhörte. 'Ich weiß nicht, ob ich Peter direkt darauf ansprechen sollte, ob er eine Affäre mit Arwen Evenstar hat.'
'Mit wem?'
'Na, mit der Elfenkönigen. Liv Tyler oder so. Die aus Herr der Ringe.'
'Ach die. Sonst noch etwas?'
'Und ich bin auch noch zu keinem Entschluss gekommen, ob ich meine Mutter in Vollzeitpflege geben soll. Und ich weiß nicht, ob ich mich geschmeichelt fühlen soll, dass ihr neuer Geriatrist mich dauernd betatscht, oder ob ich ihm eins auf die
Finger geben soll. Und ich weiß auch nicht, ob ich mich auf eine Reihe von Vorträgen über psychische Probleme einlassen soll, die ich.'
'Halt, das genügt.' Jill hielt die Hand in die Höhe. 'Vergiss mal einen Moment lang alles andere. Was willst du für dich?'
'Ich weiß es nicht.'
'Das scheint mir auch so. Deswegen bist du ja so aufgelöst. Dich kümmert immer nur, was du im Leben anderer Menschen bedeutest.' Sie fuchtelte mit den Händen und kleckerte Rotwein auf ihren Jeansrock. 'Du verhedderst dich in den Zweigen, anstatt einen Schritt zurückzutreten und den Baum als Ganzes zu betrachten.'
'Den Baum?' Ich fragte mich, ob ich irgendwas nicht mitbekommen hatte.
'Genau. Du musst dich mit dem Stamm identifizieren - der ist stark und ruht in sich. Du musst deine Lebenskräfte in neue Bahnen lenken, es darauf anlegen, dein eigenes Potenzial auszuschöpfen.'
'Großer Gott, Jill, ich glaube, du hast deinen Beruf verfehlt.' Ich konnte sie richtig vor mir sehen, wie sie von einem Rednerpult aus die Massen aufpeitscht.
'Es ist an der Zeit, den Spieß umzudrehen, Sophie. Gib deinem Peter Pan den Laufpass, bevor er es tut. Machen wir uns doch nichts vor, der wird nie erwachsen. Deswegen hängt er immer seinen Wunschvorstellungen von ätherischen Elfenwesen nach. Und um deine Mutter kann deine Schwester sich kümmern. Du hast alle Möglichkeiten, die ganze Welt steht dir offen. Und du hast auch keine Kinder, die dich ans Haus fesseln.'
'Ja, aber ich habe mein Haus und auch meinen Beruf', wandte ich ein. 'Und ich möchte nicht allein sein. Es ist alles viel zu spät, Jill. Ich werde bald fünfundvierzig. Ich hätte Peter schon vor Jahren verlassen und mir einen Mann suchen sollen, der Kinder mit mir haben will.'
'Na, dann sieh doch zu, dass du schwanger wirst.'
'Wie soll das denn gehen?'
'Das alte Rein-und-raus-Spiel. Du bist fit und gesund. Ich wette, dass du mindestens ein Kind auf die Reihe kriegst, bevor deine Eierstöcke aufgeben. Aber nicht mit Peter oder diesem durchgeknallten Altenheilkundler. Schnapp dir einen anständigen Kerl - falls du überhaupt einen brauchst. Es gibt heutzutage so etwas wie künstliche Befruchtung.' Sie leerte ihr Glas und griff nach der Flasche. 'Du musst dir einfach mal eine Auszeit gönnen. Wann hast du eigentlich zuletzt richtig Ferien gemacht? Warum kommst du nicht mit auf die Insel und wohnst bei uns? Ash und die Kinder würden sich wahnsinnig freuen, dich zu sehen. Du wirst von Cormorants begeistert sein; es ist ein wunderschönes altes Haus.' Während ich mit offenem Mund dasaß und das alles zu verdauen versuchte, musterte sie mich eingehend. 'Pass auf', fuhr sie fort, 'ich weiß, dass ich schon eine ganze Menge Wein intus habe und dass ich auch Fehler gemacht habe. Aber ich sorge mich wirklich um dich. Wenn du nicht einfach mal einen Schnitt machst und über dein Leben nachdenkst, brennst du aus.' Ihr breites Gesicht, das oft einen so dramatischen Ausdruck annehmen konnte, wirkte mit einem Male ganz ernst. 'Du bist nicht unentbehrlich, Sophie, oder?', sagte sie leise.
Ich hatte das Gefühl, dass mein sorgfältig ausbalanciertes Leben ins Wanken geriet. Und ich vor aller Welt nackt dastand. Eines schaffte Jill immer: Wenn ich das Gefühl hatte, in einer Sackgasse zu stecken, trieb sie mich zu neuen Herausforderungen an und wies mir Wege aus meiner Misere.
'Ich soll mit Peter Schluss machen? Mum allein lassen?', stammelte ich. 'Aber. das kann ich den beiden doch nicht antun.'
Am 1. April starb meine Mutter und Peter verließ mich. Ich hatte das Gefühl, die ganze Welt hätte sich gegen mich verschworen. Mit der einen Hand hielt ich die neue Zahnprothese meiner Mutter umklammert und mit der anderen Peters eilig hingekritzelte Nachricht und starrte durch die Schlitze der Jalousie vor dem Mansardenfenster. Jeden Augenblick musste einfach einer von den beiden voller Reue über den bösen Scherz, den sie mit mir getrieben hatten, im Zimmer erscheinen. Aber um die Mittagszeit war noch niemand aufgetaucht. Zitternd stand ich draußen auf dem feuchten Pflaster und schaute angestrengt die Straße hinauf und hinunter. Aber es war keine einzige Seele unterwegs, weder eine tote noch eine lebende.
Ich ging zurück ins Haus und schaute in den Garderobenspiegel. Das geisterhafte Spiegelbild einer Frau mit zerzausten Haaren und in tiefen Höhlen liegenden Augen starrte mir entgegen. Ich erkannte mich nicht wieder. Ich fasste meine Haare zusammen und bändigte die struppigen Strähnen mit einem Gummiband. Mechanisch schlüpfte ich in meinen Mantel; dann nahm ich meine Handtasche und begab mich zu meiner Arbeitsstelle. Immerhin dachte ich noch daran, die Haustür hinter mir zu verschließen. Ich war schon halb die Straße hinunter, als ich noch einmal innehielt, um mich zu vergewissern, dass ich nicht den mit Winnie-Poo-Bären bedruckten Pyjama und die dazu passenden Hausschuhe trug, die meine Schwester mir zu Weihnachten geschenkt hatte. Ich hatte so viele Nächte im Krankenhaus verbracht und den röchelnden Atemzügen meiner Mutter gelauscht, dass meine innere Uhr ganz durcheinandergeraten war.
In den Bäumen saßen Vögel, immer paarweise; auf der Straße zankten sich ein paar Krähen um eine plattgefahrene Ratte. Zwei Amseln beäugten missbilligend eine Katze, deren einziges Vorhaben es war, sich in jemandes Blumenbeet zu erleichtern, und die vor Nervosität bereits mit dem Schwanz zuckte. Beschnittene Platanen ließen kalte Tropfen auf meinen Kopf fallen, als ich unter ihnen vorbeiging. Ich spürte, wie sie mir ins struppige Haar liefen und seine Wurzeln benetzten. Mein Körper kam mir vor wie ein Elternteil, der es aufgegeben hat, seinem widerborstigen Sprössling Paroli zu bieten. Aber es steckte auch eine gewisse Entschlossenheit darin; die Frage nach dem Was-ist-wenn? stellte sich nicht mehr.
In der psychiatrischen Klinik warfen mir meine Kollegen hinter ihren Stapeln von Papieren Blicke zu und murmelten die üblichen Worte zur Begrüßung. Ich fragte mich, wieso sie sich so normal verhielten, aber dann fiel mir ein, dass sie ja nicht wissen konnten, dass mein Leben einer großen Leere gewichen war. Ich trug noch meinen Mantel, als ich an die Tür meiner Vorgesetzten klopfte, um ihr meine Kündigung auszusprechen. Meine Worte machten im Büro schneller die Runde als ein Eintrag im Internet. Alles schien sehr betroffen; man riet mir, mir doch erst einmal eine Zeitlang freizunehmen, bis ich mich wieder gesammelt hatte. Als ich zur Tür hinausging, summte mir ihr besorgtes Gemurmel noch um den Kopf wie ein Schwarm Mücken. Wie würden sie ohne mich zurechtkommen? Wer würde die im Dämmerzustand befindlichen Patienten übernehmen, auf die ich spezialisiert war? War ich auch zu einem von ihnen geworden?
Mein Körper betrat die Geschäftsräume des erstbesten Maklers an der Hauptgeschäftsstraße, um unser Haus zum Verkauf aufzugeben. Als ich zu Hause ankam, trat vor der Tür bereits die erste Interessentin mit ihren Stöckelabsätzen neben dem Terrakottatopf voller verblühter Osterglocken ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Sie war eine Karrierefrau von etwa dreißig Jahren, die weder eine Minute Zeit noch ein Gramm Fett zu viel hatte. Sie unternahm einen raschen Rundgang, tippte hektisch auf ihrem Handy herum, und schon hatte ich ein Angebot für mein Haus.
'Du hättest solche Entscheidungen nicht in einem so angeschlagenen Zustand treffen dürfen, Sophia', hielt mir meine Schwester - wieder einmal - ihren Vortrag. Nach dem Tod unserer Eltern war Audrey der einzige Mensch, der mich noch Sophia nannte; für alle anderen war ich Sophie. Wir gingen gerade am Krematorium vorbei zum Garten des Erinnerns. Ich hoffte, dass es Audrey nicht auffallen würde, dass ich nicht mehr so ganz genau wusste, wo die Rose für meinen Vater gepflanzt war, also hielt ich mich einen Schritt hinter ihr, damit ich stehen bleiben konnte, wenn sie es tat. Dann standen wir die eine Gedenkminute lang, die der Anstand gebietet, vor der Messingplatte. Audrey schniefte durch die Nase und holte die Plastikurne aus ihrer Einkaufstasche vom Kaufhaus Liberty. Sie schraubte den Deckel ab, und wir beide verteilten die zarte Asche unserer Mutter über der unseres Vaters. An der Stelle, an der der Rosenstock aus der Erde entsprang, schien die Asche einen Augenblick lang zu verharren, als wolle sie sich vergewissern, dass er es auch wirklich war, um sich dann mit einem Seufzer niederzulassen, als wäre es ihr endlich gelungen, die Glut seiner Leidenschaft zu löschen.
Danach fuhren wir zum Tee in Audreys Wohnung. Sie trommelte mit den Fingern auf ihrer antiseptischen Arbeitsplatte, während sie darauf wartete, dass das Wasser im Kessel kochte. In Audreys Küche habe ich mich schon immer ausgesprochen unwohl gefühlt. Alles war stets so glattpoliert, dass es quietschte. Nirgendwo auch nur die geringste Fettschicht. Ich stellte mir vor, wie sie den Kindern die Fingerspitzen mit Bimsstein abrieb, damit sie keine Abdrücke hinterließen.
'Hast du wirklich gedacht, du könntest vernünftige Entscheidungen treffen, während du seelisch so angeschlagen bist?', wiederholte sie sich. 'Und deprimiert', fügte sie noch hinzu, damit ich es auch richtig begriff. Ich sah zu, wie sie Darjeelingtee in eine weiße Porzellankanne tat. Nicht die geringste Spur von Tanninflecken. Tauchte sie denn alles in Bleichmittel ein, bevor sie zu Bett ging?
'Ich war seelisch angeschlagen', sagte ich, 'aber keineswegs deprimiert.'
'Wie kannst du das behaupten, wo doch unsere Mutter gerade eben gestorben war? Und du dich gerade eben von Peter getrennt hattest?'
'Ich habe mich nicht von Peter getrennt. Er hat mich verlassen - auf seine übliche, sensible Art an eben dem Vormittag nach Mutters Tod, falls du dich erinnerst.'
'Das sage ich ja gerade', erwiderte sie und sah mich verständnislos an. 'Also wirklich, Sophia! Ich habe dich nicht ein einziges Mal weinen sehen.'
'Ich habe jahrelang geweint, solange ich mit ihm zusammen war. Ich habe keine Tränen mehr übrig.'
'Wenn doch du und er nur miteinander reden würdet.' Sie senkte die Stimme. 'Ich bin mir sicher, dass er es sich dann noch einmal anders überlegen würde, was Kinder betrifft. Heutzutage bekommen Frauen noch mit weit über vierzig Babys. Wenn du dich beeilst, kannst auch du noch eins haben.'
'Audrey, gerade jetzt würde ich bestimmt kein Kind von ihm wollen. Auch nicht, wenn er das letzte funktionierende Paar Hoden auf der Welt besäße.' An ihrem verkniffenen Mund konnte ich ablesen, dass ich zu weit gegangen war.
'Also wirklich, Sophia!' Sie warf einen Blick in Richtung auf das Wohnzimmer, wo William und Joanna still über ihre Hausaufgaben gebeugt saßen. Ich war fünf Jahre älter als Audrey, aber nachdem sie, ganz ihrem Lebenswunsch gemäß, den Status der Ehefrau und Mutter erreicht hatte, behandelte sie mich manchmal, als wäre ich ihre Tochter. 'Ich kann immer noch nicht begreifen, warum du dein schönes Zuhause und deine Stellung aufgeben musst - alles, wofür du so hart gearbeitet hast.' Sie setzte sich an den Küchentisch und schenkte Tee ein. Sie würde es nie begreifen.
'Weil ich, zumindest für eine Weile, für nichts verantwortlich sein möchte und mich um niemanden kümmern will.' Meine Worte verhallten und lösten vollkommenes Unverständnis bei Audrey aus. Sie schüttelte ihren Elfenkopf und sah mich aus großen, dunklen Augen ungläubig an. Es gelang ihr tatsächlich, wie Audrey Hepburn auszusehen, was wenigstens ein kleiner Ausgleich für unseren Vater, den Filmfetischisten, gewesen sein muss, nachdem es mir freundlicherweise gelungen war, Sophia Loren so unähnlich zu sehen, wie dies nur menschlich möglich war.
'Aber du hast doch jetzt gar keinen mehr, um den du dich kümmern müsstest.' Sie biss sich auf die Lippe und sah aus, als würde ihr unser Gespräch nicht recht behagen.
'Audrey, du und ich haben uns immer um jemanden gekümmert. Wir haben nach Mum gesehen, während sie wegen Dads Weibergeschichten todunglücklich war. Ich habe mein ganzes Arbeitsleben darauf verwendet, für die Kranken zu sorgen und gequälten Seelen Ratschläge zu geben. Und ich habe mit einem Ehemann zusammengelebt, der sich gefragt hätte, was er denn nun essen sollte, falls er im Herd meinen Kopf statt seines Abendessens vorgefunden hätte.' Ich sah, wie ihre Augen feucht wurden, und ergriff ihre zarten Hände, die sie unter dicken Gummihandschuhen vor Bleichmitteln schützte. 'Und wie steht es mit dir, Audrey? Jetzt versuchst du, dich außer um John und die Kinder auch noch um mich zu kümmern.'
'Das würde ich ja gerne tun. Darum geht es doch im Leben, oder? Dass man für andere da ist.'
'Aber manchmal ist das eine Einbahnstraße', sagte ich. Ihre Augen wurden ausdruckslos, als versuchte sie, sich auf eine innere Predigt über Geben und Nehmen zu konzentrieren. Ich drückte ihre Hände. 'Ich kann einfach nicht so weiterleben.'
'Aber du kannst doch nicht dein ganzes Leben auf den Kopf stellen.'
'Doch. Symbolisch sozusagen. Und das Haus musste ich sowieso verkaufen. Es hat zur Hälfte Peter gehört.'
'Du könntest dir eine kleine Wohnung kaufen. Behalte deine Stellung oder werde wieder eine ganz normale Krankenschwester. Wir sind doch eine Familie. Du wirst den Kindern fehlen, wenn du fortgehst.' Sie war den Tränen nahe. Ich fragte mich, wie lange es dauern würde, bis sie sie nicht mehr zurückhalten könnte.
'Ich weiß noch nicht, was ich jetzt mache. Bevor ich eine Entscheidung treffe, will ich erst einmal ein paar Tage bei Jill ausspannen.'
Audrey entzog mir ihre Hände. 'Jill! Die wird dich bloß überreden, noch mehr unüberlegte Dinge zu tun.'
'Du tust, als wären wir kleine Kinder.'
'Wenn sie nicht gewesen wäre, wärest du heute noch Stationsschwester, anstatt diesen ganzen Beratungskram am Hals zu haben.'
'Sie ist eine hochqualifizierte Psychotherapeutin. Und ich wollte den Schwesternberuf sowieso an den Nagel hängen. Ich habe immer mehr Zeit damit verbracht, im Schwesternzimmer Krankenblätter auszufüllen. Ich habe kaum noch einen Patienten zu Gesicht bekommen.'
Audrey tupfte ihre kleine Nase mit einem Papiertaschentuch ab. 'Sophia, versprich mir, dass du nichts überstürzt.' Ihre Stimme zitterte vor Pathos. Ich sah sie mit einer silbernen Zigarettenspitze in der Hand vor mir, wie sie Cary Grant um den kleinen Finger wickelte.
Überstürzt, dachte ich. Gab es etwas, das ich überstürzen konnte?
Aber mein früheres Leben war unrettbar dahin. Ich glaubte nicht daran, dass ich im klinischen Sinne ausgebrannt oder dem Zusammenbruch nahe war, obwohl so das offizielle Urteil derjenigen lautete, die mich kannten und meinten, mich in eine Schublade stecken und mit einem Aufkleber versehen zu müssen. Ich wollte einfach die Notbremse ziehen. Also nahm ich tatsächlich zwei Pappkartons, stopfte meine Vergangenheit hinein, lud sie bei Audrey ab und machte mich auf den Weg zur Isle of Wight, um Ferien bei meiner verruchten Freundin Jill und ihrer Familie zu machen.
NICK ERWACHTE MIT einem heftigen Lustgefühl. Er hatte von Keri geträumt. Er glaubte, ihre weiche Haut unter seinen Händen zu spüren, wovon seine Handflächen kribbelten. Er sehnte sich danach, zu ihr zurückkehren zu können, sich mit Leib und Seele in das vollkommene Bild versenken zu können, das er in seinem Geiste erschaffen hatte.
mussten.
'Ist er dir nur zu feucht, oder findest du ihn ganz allgemein beschissen?', fragte Jill.
'Beides.'
Wir saßen vor meinem neuen granitverkleideten Gasofen, in dem spärliche Flämmchen züngelten. Eigentlich war es mehr Peters Ofen. Er hatte ihn ausgesucht.
'Gefällt dir das Ding?' Jill schlürfte ihren Wein.
'Ich hasse es.'
'Aber warum hast du dann.?' Sie zog die Augenbrauen in die Höhe, sah mich an und schüttelte seufzend den Kopf. 'Also ehrlich, Sophie.'
Ich zuckte die Achseln. 'Ich hatte keine Lust, mich mit ihm zu streiten.' Ich wickelte ein Schokobonbon aus und warf es ihr zu. 'Und rede nicht so mit mir - also ehrlich, Sophie. Das erinnert mich an meine Schwester.'
Jill grinste. 'Nein, Audrey hätte Sophia, also wirklich gesagt.'
Ich musste kichern. Sie hatte sie perfekt nachgeahmt. Wir sahen wieder dem Feuer zu.
Jill seufzte noch einmal. 'Glaubst du, dass wir gerade unsere Midlife-Krise durchmachen?'
'Wundern würde es mich nicht.'
'Vielleicht ist es ja so? Dann könnten wir sie gemeinsam überstehen.'
'Meinetwegen. Wir haben bis jetzt alles zusammen gemacht. Abgesehen vom Kinderkriegen.'
'Diese Öfen taugen längst nicht so viel, wie immer behauptet wird.' Jill grinste schon wieder, als sie den Korken aus unserer zweiten Flasche Wein zog. 'Wo, sagtest du, ist Peter noch mal hin?'
'Vermutlich zu einer IT-Konferenz in den Staaten, und zwar mit seiner persönlichen Assistentin, die zufällig so aussieht wie die Elfenkönigin in Herr der Ringe.'
'Du schlüpfst gerne in die Opferrolle, Sophie', sagte Jill und füllte unsere Gläser nach.
'Komm mir nicht mit deinen Psychosprüchen. Du bist meine Freundin und nicht meine Therapeutin', erwiderte ich und brach einen Riegel von der Riesentafel Schokolade ab.
'Ja, und du bist meine Freundin. Freundinnen sollten offen und ehrlich zueinander sein.' Sie streifte ihre Schuhe ab, löste die Spange aus ihrem langen blonden Haar und fläzte sich mit gespreizten Beinen und baumelnden Brüsten auf das Sofa. Mich beschlich das Gefühl, dass uns ein langer Abend bevorstand, an dem ich meine innersten Gefühle hervorkramen sollte.
'Also', begann Jill. 'Wir haben das ganze Wochenende für uns allein. Wie soll es mit deinem Leben nun weitergehen?'
'Ich weiß es nicht', seufzte ich und war mir bewusst, wie erbärmlich sich das anhörte. 'Ich weiß nicht, ob ich Peter direkt darauf ansprechen sollte, ob er eine Affäre mit Arwen Evenstar hat.'
'Mit wem?'
'Na, mit der Elfenkönigen. Liv Tyler oder so. Die aus Herr der Ringe.'
'Ach die. Sonst noch etwas?'
'Und ich bin auch noch zu keinem Entschluss gekommen, ob ich meine Mutter in Vollzeitpflege geben soll. Und ich weiß nicht, ob ich mich geschmeichelt fühlen soll, dass ihr neuer Geriatrist mich dauernd betatscht, oder ob ich ihm eins auf die
Finger geben soll. Und ich weiß auch nicht, ob ich mich auf eine Reihe von Vorträgen über psychische Probleme einlassen soll, die ich.'
'Halt, das genügt.' Jill hielt die Hand in die Höhe. 'Vergiss mal einen Moment lang alles andere. Was willst du für dich?'
'Ich weiß es nicht.'
'Das scheint mir auch so. Deswegen bist du ja so aufgelöst. Dich kümmert immer nur, was du im Leben anderer Menschen bedeutest.' Sie fuchtelte mit den Händen und kleckerte Rotwein auf ihren Jeansrock. 'Du verhedderst dich in den Zweigen, anstatt einen Schritt zurückzutreten und den Baum als Ganzes zu betrachten.'
'Den Baum?' Ich fragte mich, ob ich irgendwas nicht mitbekommen hatte.
'Genau. Du musst dich mit dem Stamm identifizieren - der ist stark und ruht in sich. Du musst deine Lebenskräfte in neue Bahnen lenken, es darauf anlegen, dein eigenes Potenzial auszuschöpfen.'
'Großer Gott, Jill, ich glaube, du hast deinen Beruf verfehlt.' Ich konnte sie richtig vor mir sehen, wie sie von einem Rednerpult aus die Massen aufpeitscht.
'Es ist an der Zeit, den Spieß umzudrehen, Sophie. Gib deinem Peter Pan den Laufpass, bevor er es tut. Machen wir uns doch nichts vor, der wird nie erwachsen. Deswegen hängt er immer seinen Wunschvorstellungen von ätherischen Elfenwesen nach. Und um deine Mutter kann deine Schwester sich kümmern. Du hast alle Möglichkeiten, die ganze Welt steht dir offen. Und du hast auch keine Kinder, die dich ans Haus fesseln.'
'Ja, aber ich habe mein Haus und auch meinen Beruf', wandte ich ein. 'Und ich möchte nicht allein sein. Es ist alles viel zu spät, Jill. Ich werde bald fünfundvierzig. Ich hätte Peter schon vor Jahren verlassen und mir einen Mann suchen sollen, der Kinder mit mir haben will.'
'Na, dann sieh doch zu, dass du schwanger wirst.'
'Wie soll das denn gehen?'
'Das alte Rein-und-raus-Spiel. Du bist fit und gesund. Ich wette, dass du mindestens ein Kind auf die Reihe kriegst, bevor deine Eierstöcke aufgeben. Aber nicht mit Peter oder diesem durchgeknallten Altenheilkundler. Schnapp dir einen anständigen Kerl - falls du überhaupt einen brauchst. Es gibt heutzutage so etwas wie künstliche Befruchtung.' Sie leerte ihr Glas und griff nach der Flasche. 'Du musst dir einfach mal eine Auszeit gönnen. Wann hast du eigentlich zuletzt richtig Ferien gemacht? Warum kommst du nicht mit auf die Insel und wohnst bei uns? Ash und die Kinder würden sich wahnsinnig freuen, dich zu sehen. Du wirst von Cormorants begeistert sein; es ist ein wunderschönes altes Haus.' Während ich mit offenem Mund dasaß und das alles zu verdauen versuchte, musterte sie mich eingehend. 'Pass auf', fuhr sie fort, 'ich weiß, dass ich schon eine ganze Menge Wein intus habe und dass ich auch Fehler gemacht habe. Aber ich sorge mich wirklich um dich. Wenn du nicht einfach mal einen Schnitt machst und über dein Leben nachdenkst, brennst du aus.' Ihr breites Gesicht, das oft einen so dramatischen Ausdruck annehmen konnte, wirkte mit einem Male ganz ernst. 'Du bist nicht unentbehrlich, Sophie, oder?', sagte sie leise.
Ich hatte das Gefühl, dass mein sorgfältig ausbalanciertes Leben ins Wanken geriet. Und ich vor aller Welt nackt dastand. Eines schaffte Jill immer: Wenn ich das Gefühl hatte, in einer Sackgasse zu stecken, trieb sie mich zu neuen Herausforderungen an und wies mir Wege aus meiner Misere.
'Ich soll mit Peter Schluss machen? Mum allein lassen?', stammelte ich. 'Aber. das kann ich den beiden doch nicht antun.'
Am 1. April starb meine Mutter und Peter verließ mich. Ich hatte das Gefühl, die ganze Welt hätte sich gegen mich verschworen. Mit der einen Hand hielt ich die neue Zahnprothese meiner Mutter umklammert und mit der anderen Peters eilig hingekritzelte Nachricht und starrte durch die Schlitze der Jalousie vor dem Mansardenfenster. Jeden Augenblick musste einfach einer von den beiden voller Reue über den bösen Scherz, den sie mit mir getrieben hatten, im Zimmer erscheinen. Aber um die Mittagszeit war noch niemand aufgetaucht. Zitternd stand ich draußen auf dem feuchten Pflaster und schaute angestrengt die Straße hinauf und hinunter. Aber es war keine einzige Seele unterwegs, weder eine tote noch eine lebende.
Ich ging zurück ins Haus und schaute in den Garderobenspiegel. Das geisterhafte Spiegelbild einer Frau mit zerzausten Haaren und in tiefen Höhlen liegenden Augen starrte mir entgegen. Ich erkannte mich nicht wieder. Ich fasste meine Haare zusammen und bändigte die struppigen Strähnen mit einem Gummiband. Mechanisch schlüpfte ich in meinen Mantel; dann nahm ich meine Handtasche und begab mich zu meiner Arbeitsstelle. Immerhin dachte ich noch daran, die Haustür hinter mir zu verschließen. Ich war schon halb die Straße hinunter, als ich noch einmal innehielt, um mich zu vergewissern, dass ich nicht den mit Winnie-Poo-Bären bedruckten Pyjama und die dazu passenden Hausschuhe trug, die meine Schwester mir zu Weihnachten geschenkt hatte. Ich hatte so viele Nächte im Krankenhaus verbracht und den röchelnden Atemzügen meiner Mutter gelauscht, dass meine innere Uhr ganz durcheinandergeraten war.
In den Bäumen saßen Vögel, immer paarweise; auf der Straße zankten sich ein paar Krähen um eine plattgefahrene Ratte. Zwei Amseln beäugten missbilligend eine Katze, deren einziges Vorhaben es war, sich in jemandes Blumenbeet zu erleichtern, und die vor Nervosität bereits mit dem Schwanz zuckte. Beschnittene Platanen ließen kalte Tropfen auf meinen Kopf fallen, als ich unter ihnen vorbeiging. Ich spürte, wie sie mir ins struppige Haar liefen und seine Wurzeln benetzten. Mein Körper kam mir vor wie ein Elternteil, der es aufgegeben hat, seinem widerborstigen Sprössling Paroli zu bieten. Aber es steckte auch eine gewisse Entschlossenheit darin; die Frage nach dem Was-ist-wenn? stellte sich nicht mehr.
In der psychiatrischen Klinik warfen mir meine Kollegen hinter ihren Stapeln von Papieren Blicke zu und murmelten die üblichen Worte zur Begrüßung. Ich fragte mich, wieso sie sich so normal verhielten, aber dann fiel mir ein, dass sie ja nicht wissen konnten, dass mein Leben einer großen Leere gewichen war. Ich trug noch meinen Mantel, als ich an die Tür meiner Vorgesetzten klopfte, um ihr meine Kündigung auszusprechen. Meine Worte machten im Büro schneller die Runde als ein Eintrag im Internet. Alles schien sehr betroffen; man riet mir, mir doch erst einmal eine Zeitlang freizunehmen, bis ich mich wieder gesammelt hatte. Als ich zur Tür hinausging, summte mir ihr besorgtes Gemurmel noch um den Kopf wie ein Schwarm Mücken. Wie würden sie ohne mich zurechtkommen? Wer würde die im Dämmerzustand befindlichen Patienten übernehmen, auf die ich spezialisiert war? War ich auch zu einem von ihnen geworden?
Mein Körper betrat die Geschäftsräume des erstbesten Maklers an der Hauptgeschäftsstraße, um unser Haus zum Verkauf aufzugeben. Als ich zu Hause ankam, trat vor der Tür bereits die erste Interessentin mit ihren Stöckelabsätzen neben dem Terrakottatopf voller verblühter Osterglocken ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Sie war eine Karrierefrau von etwa dreißig Jahren, die weder eine Minute Zeit noch ein Gramm Fett zu viel hatte. Sie unternahm einen raschen Rundgang, tippte hektisch auf ihrem Handy herum, und schon hatte ich ein Angebot für mein Haus.
'Du hättest solche Entscheidungen nicht in einem so angeschlagenen Zustand treffen dürfen, Sophia', hielt mir meine Schwester - wieder einmal - ihren Vortrag. Nach dem Tod unserer Eltern war Audrey der einzige Mensch, der mich noch Sophia nannte; für alle anderen war ich Sophie. Wir gingen gerade am Krematorium vorbei zum Garten des Erinnerns. Ich hoffte, dass es Audrey nicht auffallen würde, dass ich nicht mehr so ganz genau wusste, wo die Rose für meinen Vater gepflanzt war, also hielt ich mich einen Schritt hinter ihr, damit ich stehen bleiben konnte, wenn sie es tat. Dann standen wir die eine Gedenkminute lang, die der Anstand gebietet, vor der Messingplatte. Audrey schniefte durch die Nase und holte die Plastikurne aus ihrer Einkaufstasche vom Kaufhaus Liberty. Sie schraubte den Deckel ab, und wir beide verteilten die zarte Asche unserer Mutter über der unseres Vaters. An der Stelle, an der der Rosenstock aus der Erde entsprang, schien die Asche einen Augenblick lang zu verharren, als wolle sie sich vergewissern, dass er es auch wirklich war, um sich dann mit einem Seufzer niederzulassen, als wäre es ihr endlich gelungen, die Glut seiner Leidenschaft zu löschen.
Danach fuhren wir zum Tee in Audreys Wohnung. Sie trommelte mit den Fingern auf ihrer antiseptischen Arbeitsplatte, während sie darauf wartete, dass das Wasser im Kessel kochte. In Audreys Küche habe ich mich schon immer ausgesprochen unwohl gefühlt. Alles war stets so glattpoliert, dass es quietschte. Nirgendwo auch nur die geringste Fettschicht. Ich stellte mir vor, wie sie den Kindern die Fingerspitzen mit Bimsstein abrieb, damit sie keine Abdrücke hinterließen.
'Hast du wirklich gedacht, du könntest vernünftige Entscheidungen treffen, während du seelisch so angeschlagen bist?', wiederholte sie sich. 'Und deprimiert', fügte sie noch hinzu, damit ich es auch richtig begriff. Ich sah zu, wie sie Darjeelingtee in eine weiße Porzellankanne tat. Nicht die geringste Spur von Tanninflecken. Tauchte sie denn alles in Bleichmittel ein, bevor sie zu Bett ging?
'Ich war seelisch angeschlagen', sagte ich, 'aber keineswegs deprimiert.'
'Wie kannst du das behaupten, wo doch unsere Mutter gerade eben gestorben war? Und du dich gerade eben von Peter getrennt hattest?'
'Ich habe mich nicht von Peter getrennt. Er hat mich verlassen - auf seine übliche, sensible Art an eben dem Vormittag nach Mutters Tod, falls du dich erinnerst.'
'Das sage ich ja gerade', erwiderte sie und sah mich verständnislos an. 'Also wirklich, Sophia! Ich habe dich nicht ein einziges Mal weinen sehen.'
'Ich habe jahrelang geweint, solange ich mit ihm zusammen war. Ich habe keine Tränen mehr übrig.'
'Wenn doch du und er nur miteinander reden würdet.' Sie senkte die Stimme. 'Ich bin mir sicher, dass er es sich dann noch einmal anders überlegen würde, was Kinder betrifft. Heutzutage bekommen Frauen noch mit weit über vierzig Babys. Wenn du dich beeilst, kannst auch du noch eins haben.'
'Audrey, gerade jetzt würde ich bestimmt kein Kind von ihm wollen. Auch nicht, wenn er das letzte funktionierende Paar Hoden auf der Welt besäße.' An ihrem verkniffenen Mund konnte ich ablesen, dass ich zu weit gegangen war.
'Also wirklich, Sophia!' Sie warf einen Blick in Richtung auf das Wohnzimmer, wo William und Joanna still über ihre Hausaufgaben gebeugt saßen. Ich war fünf Jahre älter als Audrey, aber nachdem sie, ganz ihrem Lebenswunsch gemäß, den Status der Ehefrau und Mutter erreicht hatte, behandelte sie mich manchmal, als wäre ich ihre Tochter. 'Ich kann immer noch nicht begreifen, warum du dein schönes Zuhause und deine Stellung aufgeben musst - alles, wofür du so hart gearbeitet hast.' Sie setzte sich an den Küchentisch und schenkte Tee ein. Sie würde es nie begreifen.
'Weil ich, zumindest für eine Weile, für nichts verantwortlich sein möchte und mich um niemanden kümmern will.' Meine Worte verhallten und lösten vollkommenes Unverständnis bei Audrey aus. Sie schüttelte ihren Elfenkopf und sah mich aus großen, dunklen Augen ungläubig an. Es gelang ihr tatsächlich, wie Audrey Hepburn auszusehen, was wenigstens ein kleiner Ausgleich für unseren Vater, den Filmfetischisten, gewesen sein muss, nachdem es mir freundlicherweise gelungen war, Sophia Loren so unähnlich zu sehen, wie dies nur menschlich möglich war.
'Aber du hast doch jetzt gar keinen mehr, um den du dich kümmern müsstest.' Sie biss sich auf die Lippe und sah aus, als würde ihr unser Gespräch nicht recht behagen.
'Audrey, du und ich haben uns immer um jemanden gekümmert. Wir haben nach Mum gesehen, während sie wegen Dads Weibergeschichten todunglücklich war. Ich habe mein ganzes Arbeitsleben darauf verwendet, für die Kranken zu sorgen und gequälten Seelen Ratschläge zu geben. Und ich habe mit einem Ehemann zusammengelebt, der sich gefragt hätte, was er denn nun essen sollte, falls er im Herd meinen Kopf statt seines Abendessens vorgefunden hätte.' Ich sah, wie ihre Augen feucht wurden, und ergriff ihre zarten Hände, die sie unter dicken Gummihandschuhen vor Bleichmitteln schützte. 'Und wie steht es mit dir, Audrey? Jetzt versuchst du, dich außer um John und die Kinder auch noch um mich zu kümmern.'
'Das würde ich ja gerne tun. Darum geht es doch im Leben, oder? Dass man für andere da ist.'
'Aber manchmal ist das eine Einbahnstraße', sagte ich. Ihre Augen wurden ausdruckslos, als versuchte sie, sich auf eine innere Predigt über Geben und Nehmen zu konzentrieren. Ich drückte ihre Hände. 'Ich kann einfach nicht so weiterleben.'
'Aber du kannst doch nicht dein ganzes Leben auf den Kopf stellen.'
'Doch. Symbolisch sozusagen. Und das Haus musste ich sowieso verkaufen. Es hat zur Hälfte Peter gehört.'
'Du könntest dir eine kleine Wohnung kaufen. Behalte deine Stellung oder werde wieder eine ganz normale Krankenschwester. Wir sind doch eine Familie. Du wirst den Kindern fehlen, wenn du fortgehst.' Sie war den Tränen nahe. Ich fragte mich, wie lange es dauern würde, bis sie sie nicht mehr zurückhalten könnte.
'Ich weiß noch nicht, was ich jetzt mache. Bevor ich eine Entscheidung treffe, will ich erst einmal ein paar Tage bei Jill ausspannen.'
Audrey entzog mir ihre Hände. 'Jill! Die wird dich bloß überreden, noch mehr unüberlegte Dinge zu tun.'
'Du tust, als wären wir kleine Kinder.'
'Wenn sie nicht gewesen wäre, wärest du heute noch Stationsschwester, anstatt diesen ganzen Beratungskram am Hals zu haben.'
'Sie ist eine hochqualifizierte Psychotherapeutin. Und ich wollte den Schwesternberuf sowieso an den Nagel hängen. Ich habe immer mehr Zeit damit verbracht, im Schwesternzimmer Krankenblätter auszufüllen. Ich habe kaum noch einen Patienten zu Gesicht bekommen.'
Audrey tupfte ihre kleine Nase mit einem Papiertaschentuch ab. 'Sophia, versprich mir, dass du nichts überstürzt.' Ihre Stimme zitterte vor Pathos. Ich sah sie mit einer silbernen Zigarettenspitze in der Hand vor mir, wie sie Cary Grant um den kleinen Finger wickelte.
Überstürzt, dachte ich. Gab es etwas, das ich überstürzen konnte?
Aber mein früheres Leben war unrettbar dahin. Ich glaubte nicht daran, dass ich im klinischen Sinne ausgebrannt oder dem Zusammenbruch nahe war, obwohl so das offizielle Urteil derjenigen lautete, die mich kannten und meinten, mich in eine Schublade stecken und mit einem Aufkleber versehen zu müssen. Ich wollte einfach die Notbremse ziehen. Also nahm ich tatsächlich zwei Pappkartons, stopfte meine Vergangenheit hinein, lud sie bei Audrey ab und machte mich auf den Weg zur Isle of Wight, um Ferien bei meiner verruchten Freundin Jill und ihrer Familie zu machen.
NICK ERWACHTE MIT einem heftigen Lustgefühl. Er hatte von Keri geträumt. Er glaubte, ihre weiche Haut unter seinen Händen zu spüren, wovon seine Handflächen kribbelten. Er sehnte sich danach, zu ihr zurückkehren zu können, sich mit Leib und Seele in das vollkommene Bild versenken zu können, das er in seinem Geiste erschaffen hatte.